Baumkreuz als Erinnerungsort

12. November 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

Entlang des ehemaligen Grenzzaunes pflanzen viele Helfer am Baumkreuz mit. Der Frankfurter Künstler Enno Schmidt, der jetzt in Basel lebt, bringt einen Baum zum Einsetzen. Studenten aus Frankfurt am Main graben die Setzlöcher. Das schlechte Wetter am Sonnabend hat die Baumkreuzgemeinde nicht von ihrer jährlichen Aktion an der thüringisch-hessischen Grenze abgehalten. (Foto: Norman Meißner)

Entlang des ehemaligen Grenzzaunes pflanzen viele Helfer am Baumkreuz mit. Der Frankfurter Künstler Enno Schmidt, der jetzt in Basel lebt, bringt einen Baum zum Einsetzen. Studenten aus Frankfurt am Main graben die Setzlöcher. Das schlechte Wetter am Sonnabend hat die Baumkreuzgemeinde nicht von ihrer jährlichen Aktion an der thüringisch-hessischen Grenze abgehalten. (Foto: Norman Meißner)


Am 6. November wurden zwischen Kassel und Eisenach 50 Bäume gepflanzt.

Die Bundesstraße 7 führt von Ost nach West und quert zwischen Ifta und Netra die thüringisch-hessische Grenze. 1989 endete für die Iftaer die Straße kurz hinter dem Dorf, für andere Ostdeutsche bereits in Creuzburg. Nach dem Mauerfall fuhren Trabis über einen holprigen Schlängelweg an einem aufgestellten Container vorbei – einem eilig eingerichteten, provisorischen Grenzübergang. Ein Jahr später wurden hier die ersten 140 Bäume gepflanzt: das Baumkreuz als Erinnerungsskulptur an die deutsche Teilung.

20 Jahre später trifft sich die gewachsene Baumkreuzgemeinde wie jedes Jahr am ersten Sonnabend im November und lässt sich auch nicht vom regnerischen und kalten Wetter abhalten. Auf dem Parkplatz am Grenzstreifen ist ein Zelt aufgebaut. Der Tag beginnt mit einer Andacht, die Ralf-Uwe Beck hält. Der Theologe wohnte Ende der 1980er Jahre in Creuzburg und gehört zu den Gründungsvätern.
Kurz nach der Grenzöffnung seien Künstler und Landschaftsgestalter auf ihn zugekommen, die mit dem Künstler Joseph Beuys zur Dokumenta 1982 in Kassel das Kunst-Stadt-Projekt »7000 Eichen« begonnen und nach seinem Tod abgeschlossen hatten.

Aus der ursprünglichen Idee der Künstler, eine Baumallee zwischen Kassel und Eisenach zu pflanzen, wurde das Baumkreuz, das auch den etwa 300 Kilometer langen Grenzzaun einbezieht. Beck erwirkte, dass dieser stehen bleiben konnte. Die Startskulptur, zwei sich kreuzende Alleen, wurde direkt am Grenzübergang angelegt und jedes Jahr erweitert. Zum Kunstwerk »Baumkreuz«, so Beck, gehörten im Sinne von Beuys auch alle Schwierigkeiten, die mit der Pflanzung verbunden seien: Genehmigungen zum Anlegen einer Allee, Sicherheitsmaßnahmen, Geldbeschaffung. Es sei mitunter ein wirkliches Ringen.

Gepflanzt wurden in der Vergangenheit Linden und Eschen, Bäume, die in dieser Gegend heimisch sind. Diesmal kamen auch Apfelbäume hinzu, da zwischen Dörfern früher oft Obstalleen zu finden waren. »Die Bäume bestimmen unsere Arbeit«, sagt Ralf-Uwe Beck, Umweltaktivist und Leiter des Pressereferats der EKM. »Im Herbst, wenn die Blätter gefallen sind, ist Pflanzzeit. Deshalb ist der erste Novembersonnabend ein ganz fester Termin.«

Die Baumkreuzgemeinde, bundesweit auf 80 bis 100 Menschen angewachsen, versteht sich als Gemeinschaft, die hier eine Zeichen setzen will, um Grenzen zu überwinden und Schöpfung zu bewahren. »Der Todesstreifen wird zum grünen Band, und wir achten darauf, dass die Bäume alt werden können«, so Beck. Vor Jahren habe man ein Mädchen, deren Familie in Köln lebt, getauft. Sie sei all die Jahre mit ihren Eltern zum Bäumepflanzen gekommen. In diesem Jahr war sie verhindert.

Bevor es am Sonnabend nach der Andacht raus ging zum Pflanzen, wurde eines jungen Mannes gedacht, der im Februar verstorben war. Von Anbeginn hatte er in dieser besonderen Gemeinschaft mitgearbeitet. »Für ihn pflanzten wir eine kleine Baumgruppe«, sagt Ralf-Uwe Beck.

»Wer gemeinsam Bäume pflanzt, ist verantwortlich, dass diese Bäume groß werden können«, betont er. Dafür stehen die Menschen aus Ost und West und überwinden damit auch die Grenzen des Denkens. Über 1.500 Bäume symbolisieren diese Einheit von Kunst, Schöpfung und sozialer Beziehung.

Dietlind Steinhöfel

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