Freude über die »geheilte« Kirche

30. Dezember 2010 von redaktionguh  
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Nach zwölf Jahren haben die Rhodener ihre Vituskirche zurück.

Nach zwölfjähriger Sperrung ihres Gotteshauses haben die Bewohner von Rhoden im Kirchenkreis Halberstadt am 18. Dezember zum ersten Mal wieder einen Gottesdienst in ihrer Kirche gefeiert. Endlich konnte die Bekämpfung des Hausschwammes in der Dachkonstruktion und dem Tonnengewölbe des Gotteshauses abgeschlossen werden, der damals durch ständigen Wassereintritt wegen einer fehlerhaften Abdichtung zwischen Turmmauerwerk und Kirchendach entstanden war. Die Holzteile wurden durch den Schwamm so sehr geschädigt, dass sich das Dach immer weiter absenkte. 2001 musste es mit einer aufwändigen Stützkonstruktion vor dem endgültigen Einsturz bewahrt werden.

Die Sankt-Vitus-Kirche wurde daraufhin von der Bauaufsicht gesperrt. Leider wies auch der romanische Turm dramatische Schäden an Mauerwerk und Dachstuhl auf, sodass trotz drängender Schwammsanierung erst einmal der 35 Meter hohe Kirchturm gesichert werden musste. Nachdem als Notsicherung die bis zu 1,30 Meter starken Turmmauern ausgebessert worden waren, wurden der Dachstuhl saniert, die Turmhaube mit Naturschieferplatten verkleidet, die Turmbekrönung restauriert, Knopf und Fahne sogar vergoldet. Von weitem glänzte der Turmknopf nun in der Sonne und erzeugte Zuversicht, dass das Werk gemeinsam zu schaffen ist.

Riesige Freude über die »geheilte« Kirche, Dankbarkeit zu Gott, Dank an die zahlreichen Helfer, Planer, Sponsoren, Bauleute und Hoffnung, dass die weiteren, notwendigen Arbeiten auch noch geschafft werden können, erfüllte die Menschen am 18. Dezember.

Die Kirchengemeinde hatte bis zum Jahr 2000 schon 10.000 Euro für notwendige Reparaturen angespart. Der vor vier Jahren gegründete Kirchbauverein sammelte gar 60.000 Euro. Es gab Fördermittel von Land, Kreis und Kommune. Auch der Kirchenkreis, Toto-Lotto, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und die Stiftung KiBa stellten Geld zur Verfügung. 472.000 Euro wurden bislang investiert.

Hervorragend war die Zusammenarbeit aller Beteiligten. Pfarrer Stephan Eichner als »Bauherr«, Planer Ulrich Rütjerodt, Bauamt, Denkmalschutz, Handwerker, »Aktivisten« aus dem Ort wie Carsten Meyer, Gero Haarnagel, Karl-Otto Schattenberg, die Ortswehr, Kirchengemeinde und Kirchbauverein zogen stets »am gleichen Strang«. Zwar ist nur jeder vierte der 450 Bewohner im kleinen Fallsteinort noch Kirchenmitglied. Hilfe kam aber stets von allen. Ortsrat, Vereine und auch die nicht zur Kirche gehörenden Bürger waren sich einig: »Wir wollen, dass die Kirche im Dorf bleibt!« Viele Freiwillige fassten auch mit an, um das Gotteshaus von Bauschutt und Schmutz zu befreien.

Der Ursprung der Rhodener Kirche liegt in spätromanischer Zeit. An ihrem quadratischen Westturm und einem rundbogigen Stufenportal an der Südseite des Kirchenschiffes ist dies noch deutlich zu erkennen. Das gotische Kirchenschiff wurde im 18. Jahrhuundert verändert. Aus dieser Zeit stammt auch die Ausstattung: die Holztonne mit dem aufgemalten Wolkenhimmel, die zweigeschossige Hufeisenempore, die Herrschaftsloge und der reich geschmückte Kanzelalter.

Zur Wiedereinweihung waren nicht nur die Rhodener erschienen, sondern auch Handwerker, Sponsoren, Politiker und Bürger aus der Region. Den Gottesdienst mit Landesbischöfin Ilse Junkermann gestalteten die Kantorei Osterwieck und der Posaunenchor aus Thale musikalisch aus. Heiligabend wurde nach zwölfjähriger Zwangspause endlich wieder ein Weihnachtsgottesdienst in der festlich geschmückten Sankt-Vitus-Kirche gefeiert.

Klaus Baier

Jedes Schicksal eines für sich

30. Dezember 2010 von redaktionguh  
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Vielen Frauen fällt es schwer, Gewalt in der Familie einzugestehen. (Foto: Karsten Schaarschmidt)

Vielen Frauen fällt es schwer, Gewalt in der Familie einzugestehen. (Foto: Karsten Schaarschmidt)

 
Greizer Frauenhaus bietet Schutz und Hilfe in Fällen häuslicher Gewalt.
 

Glück gehörte nicht zum Leben von Sabine R. (Name geändert). Ihr Vater misshandelte und missbrauchte sie. Ihr erster Mann verging sich an ihr und an den gemeinsamen Kindern. Ihr zweiter Mann prügelte sie ebenfalls. Gewalt gehörte zum ­Leben von Sabine R. Fünf Sätze, die ­lediglich im Ansatz ein qualvolles Schicksal umreißen, inmitten einer aufgeklärten Industrienation namens Deutschland. Lebensläufe wie dieser sind bittere Realität für Heidrun Linke, Leiterin des Frauenhauses im ostthüringischen Greiz, und Gudrun Dreßel, Geschäftsführerin des Greizer Diakonievereins Carolinenfeld, zu dem die im April 1994 ins Leben gerufene Einrichtung gehört.

»Eigentlich«, sagt Frau Dreßel, »ist unser Ziel erreicht, wenn es keine Frauenschutzhäuser mehr geben muss, aber so lang auch nur ein Fall häuslicher Gewalt existiert, sind wir notwendig.« Das Ziel scheint weit entfernt – selbst in einer Kleinstadt wie Greiz mit ihren rund 23.500 Bewohnern. »In diesem Jahr haben wir bis November 20 Frauen mit 19 Kindern im Frauenhaus aufgenommen«, öffnet Heidrun Linke die Statistik. 73 Notrufe gingen in dem Zeitraum bei den drei Mitarbeiterinnen des Schutzdienstes ein.

Zudem waren und sind 89 Frauen in ambulanter Beratung. In 283 Gesprächen erhielten sie Hilfe, Unterstützung und nicht zuletzt Mut, den von ihnen oft seit Jahren ertragenen Teufelskreis häuslicher Gewalt zu durchbrechen, um Perspektiven für ein neues Leben zu finden. Wichtig sei, so Frau Linke, die Vernetzung mit anderen sozialen Einrichtungen, vom sozialpsychiatrischen Dienst über Kindernotdienst bis hin zur Polizei. In Greiz arbeiten die Institutionen seit 1995 eng am »Runden Tisch gegen häusliche Gewalt« zusammen und können so den Betroffenen behördenübergreifende Hilfe vermitteln.

Für Betroffene ist das Frauenhaus oft der letzte Ausweg in akuten Notsituationen. Das Alter der Frauen reicht von 18 bis 74 Jahren, manche bleiben nur ein oder zwei Nächte, andere ein ganzes Jahr. Häusliche Gewalt, ob physisch, sexualisiert oder psychisch geartet, ist als Gewalt in Partnerschaften definiert und wird mittlerweile nicht mehr lapidar als Familienstreitigkeit abgetan. Trotzdem spuken nach wie vor alte Rollenklischees in vielen Köpfen. Dabei sei es ein Trugschluss, derartige Schicksale einzig in sozial schwachen Gruppen suchen zu wollen. Das Problem durchdringe alle gesellschaftlichen Schichten. »Hinter verschlossenen Türen passiert viel«, ergänzt Gudrun Dreßel und weist auf die große Dunkelziffer hin.

Täglich rund um die Uhr sind die Mitarbeiterinnen des Greizer Frauenhauses erreichbar. »Wenn Frauen ­anrufen, fragen wir zunächst nach der konkreten Situation, entscheiden dann gemeinsam mit der Frau, wie geholfen werden kann. Kommen die Betroffenen ins Frauenhaus, führen wir ein Kriseninterventionsgespräch, geben ihnen ein Zimmer, lassen sie zur Ruhe kommen, kümmern uns um die Kinder«, umreißt Heidrun Linke die ersten Schritte.

Die Frauen leben in der Einrichtung weitgehend selbstständig, wohl aber steht ihnen jede Hilfe bis hin zur Begleitung auf Ämter zur Verfügung. »Ja, wir ergreifen eindeutig Partei für die Frau als Opfer«, erklärt Heidrun Linke, wissend, dass von häuslicher Gewalt, wenngleich wesentlich seltener, auch Männer ­betroffen sein können. Besonders schlimm jedoch seien derartige Situationen für Kinder, selbst wenn sie nur indirekt berührt sind. Allein das Miterleben gewalttätiger Konflikte sei schädigend, sagt Frau Linke.

Zuständig für den Schutz von Menschen in Notsituationen sind in Thüringen die Landkreise. Sie erfüllen entweder selbst diese Aufgabe oder übertragen sie an gesellschaftliche oder kirchliche Träger wie im Landkreis Greiz dem Diakonieverein. Folglich setzt sich die Finanzierung des Greizer Frauenhauses aus verschiedenen Töpfen zusammen. Zum Anteil des Landkreises kommen Gelder des Freistaats sowie Eigenmittel des Diakonievereins und Spenden. Allerdings ist der Haushalt immer auf Kante genäht. »Dass finanziell nichts verlässlich ist, erschwert die Arbeit extrem«, sagt Heidrun Linke.

Für Sabine R. begann nach der Zeit im Greizer Frauenhaus ein neues Leben. Von solchen positiven Wendungen erfahren Heidrun Linke und ihre Mitarbeiterinnen bisweilen bei den Treffen, zu denen ehemalige Bewohnerinnen des Greizer Frauenhauses regelmäßig eingeladen werden. Es sind kleine Lichtblicke.

Karsten Schaarschmidt

Sternsinger bringen Gebet und Segen fürs Haus

30. Dezember 2010 von redaktionguh  
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Im evangelischen Kloster Volkenroda wird der alte Brauch von der Jesus-Bruderschaft gepflegt.
 

Für die kleinsten Sternsinger gibt es kräftige Hilfe. (Foto: Albrecht Schödl)

Für die kleinsten Sternsinger gibt es kräftige Hilfe. (Foto: Albrecht Schödl)

Meistens muss ein Erwachsener die Kinder hochheben, damit sie den Segen an die Haustüren schreiben können. C+M+B – das steht im Volksmund für die Namen der drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar. In der biblischen Erzählung sucht man diese Namen allerdings vergeblich.

»Das C+M+B bedeutet ›Christus mansionem benedicat‹ – Christus segne dieses Haus«, informiert Albrecht Schödl, Pfarrer im Kloster Volkenroda, nahe Mühlhausen gelegen. Am Epiphanias- oder Drei-Königs-Tag, dem 6. Januar, werden er und die Mitglieder der Jesus-Bruderschaft wieder mit den Sternsingerkindern durchs Dorf gehen, beten, singen und segnen. Im Sternsingerlied wird das Anliegen der Häusersegnung gut beschrieben: »Wir bitten dich: Segne nun dieses Haus / und alle, die gehen da ein und aus! / Verleihe ihnen zu dieser Zeit / Frohsinn, Frieden und ­Einigkeit.«
Seit die Geschwister der Jesus-Bruderschaft im Kloster Volkenroda leben und arbeiten – das ist seit 1994 –, wird die Epiphanias-Andacht, das Sternsingen und die Häusersegnung gepflegt, sagt Schödl. Es sei ein vorreformatorischer Brauch, der wie viele ­andere im Laufe der Zeit in der evangelischen Kirche in Vergessenheit geraten sei. Auch andernorts sind nun nicht mehr ausschließlich katholische Sternsinger unterwegs. Es gibt ökumenische Aktionen oder eben rein evangelische wie in Volkenroda.

Die Kinder mit ihren Eltern und Mitglieder der Kommunität teilen sich nach der Epiphanias-Andacht in drei Gruppen. Nach einem Plan gehen sie zu den Häusern, klingeln und fragen, ob sie den Segen an das Haus schreiben dürfen. Gesang und Gebet gehören natürlich dazu. Zudem wird für ­einen diakonischen Zweck gesammelt. In diesem Jahr für den Verein »Stoffwechsel« in Dresden, der sich um sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche kümmert.

Nicht alle Bewohner von Volkenroda heißen die Sternsinger willkommen. An ihren Türen wird nicht geklingelt, aber vor dem Haus für die Menschen darin gebetet. Andere freuen sich schon auf den Epiphaniasbrauch, halten für die Kinder Süßigkeiten bereit oder sogar einen kleinen Imbiss. Insgesamt sei mit den Jahren die Akzeptanz gewachsen.

»Für mich ist es besonders schön, wenn wir zuvor in der Kirche zusammen sind«, sagt Albrecht Schödl. An der Krippe mit biblischen Erzählfiguren bringe er den Kindern die Geschichte von den Königen nahe. Die Kinder stehen mit ihren dicken Jacken, Handschuhen und Mützen um die Krippe, denn die Runde durchs Dorf dauere recht lange, und hören gespannt zu.

Nicht immer sei es möglich, Segen und Jahreszahl mit Kreide an die Türen zu schreiben, erläutert der Theologe. An Plastiktüren hält die Kreide nicht. Aber die katholischen Kollegen haben eine Lösung gefunden: Segen und Jahreszahl gibt es auf vorgefer­tigten Aufklebern. Und ökumenische Hilfe sei da selbstverständlich.

Dietlind Steinhöfel

6. Januar, 17 Uhr: Andacht mit anschließender Häusersegnung

Fröhliche Urlaubstage als Geschenk

30. Dezember 2010 von redaktionguh  
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Seit 2006 schenkt die Diakonie Mitteldeutschland mithilfe vieler Spenderinnen und Spender Kindern unbeschwerte Ferientage. (Foto: FrankU/Fotolia.com)

Seit 2006 schenkt die Diakonie Mitteldeutschland mithilfe vieler Spenderinnen und Spender Kindern unbeschwerte Ferientage. (Foto: FrankU/Fotolia.com)


Bilanz: 147 Projekte für 2.000 Kinder konnte die Diakonie Mitteldeutschland im abgelaufenen Jahr verwirklichen.
 

Sie heißen Denis, Pascal und Jessy. Und sie kennen es gut, wenn fast alle Wünsche mit Blick auf den Geldbeutel verneint werden. Reisen? Schwimmbad? Kino? Fehlanzeige.

Doch es gibt Lichtblicke: Nicht ­weniger als 2.000 Kinder aus einkommensschwachen Familien verbrachten in diesem Jahr dank der Spendenaktion der Diakonie Mitteldeutschland »Kindern Urlaub schenken« unbeschwerte Ferientage. Oft seien das schon erholsame Wochenenden am Rande ihrer jeweiligen Wohnorte, erläutert der Sprecher des Spendenrats Roland Merten. »Da gibt es Zehnjährige, die fahren zum ersten Mal in ihrem Leben mit dem Zug.« Auch das gemeinsame Kochen, gemeinsame Mahlzeiten oder Spiele mit den Eltern – von Sozialpädagogen auf Familienfreizeiten organisiert – gehörten für viele Kinder keineswegs zum Alltag. »Und manches Kind lernt bei derlei Ausflügen sogar schwimmen«, verweist Diakoniechef Eberhard Grüneberg auf nachhaltige Effekte der Aktion.

Entspannte Tage jenseits aller häufig schon übergroßen Alltagsverantwortung, in der diese Kinder stehen, ganz neue Übungsfelder für das eigene Ich – das sei für manche dieser Biografien »nicht mit Gold« aufzuwiegen, so Grüneberg. Und nicht selten werde er gerade von älteren Menschen angesprochen, die ihm freudig mitteilen, auch im fünften Jahr der ­Aktion »Kindern Urlaub schenken« wieder gespendet zu haben. »Fast die Hälfte all derer, die Geld gegeben ­haben, spenden mehr als einmal«, verweist Grüneberg auf die erfreulich starke Spender-Bindung .

Eingegangen sind auf diese Weise bis kurz vor Jahresende fast 97.000 Euro, aufgestockt bereits um 30.000 durch die Share Value Stiftung. Und erstmals kamen auch Kinder aus Sachsen in den Genuss gespendeter Urlaubstage. »Alle Spenden kommen ohne jegliche Abzüge direkt den ­Kindern zugute«, versichert Roland Merten. Bezahlt würden davon Verpflegung, Unterkunft und Fahrt. Mit 15 Euro wird ein Urlaubstag veranschlagt. Viele der erstmals über 1.000 Spenderinnen und Spender in diesem Jahr rechneten gewissermaßen auch gleich in Urlaubstagen. Und so kamen nicht weniger als 73 Kinderprojekte in Sachsen-Anhalt, 56 in Thüringen und 18 in Sachsen zustande.

Angesichts wachsender Armut dennoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein? Keineswegs, ist sich der Erziehungswissenschaftler Merten sicher und verweist auf insgesamt über 5.000 Kinder, die von dieser Aktion in den vergangenen fünf Jahren bereits profitieren konnten. Dabei sei es das eine, Not zu lindern. Mindestens genauso wichtig aber sei es, mittels politischer und struktureller Veränderungen zu verhindern, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklaffe.

Kathrin Schanze

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Weniger Geld für die Ortskirche?

30. Dezember 2010 von redaktionguh  
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In diesen Tagen erhalten die Kirchenkreise der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) den Kollektenplan 2011. G+H befragte Oberkirchenrat Christoph Hartmann vom Dezernat Gemeinde dazu:

Oberkirchenrat Christoph Hartmann

Oberkirchenrat Christoph Hartmann

Herr Hartmann, es gibt 2011 wieder unterschiedliche Kollektenzwecke für die ehemaligen Landeskirchen. Warum?

Hartmann: Das hängt mit den ­unterschiedlichen Traditionen der beiden Gebiete zusammen. Gegenwärtig kümmert sich eine Arbeitsgruppe um einheitliche Kriterien für die Vergabe von landeskirchlichen Kollekten. Diese Kriterien sollen im Rahmen des neuen Finanzgesetzes in Landeskirchenrat und Landessynode beraten und beschlossen werden. Die Angleichung wird jedoch einige Zeit dauern.
Als theologischer Dezernent bin ich der Meinung, dass landeskirchliche Kollekten in Zukunft möglichst nicht für den Ausgleich regulärer Haushalte eingesetzt werden sollten.
Die Sammlung von Kollekten im Gottesdienst geschieht ja an einem liturgisch wichtigen Ort. Sie werden beim Lied nach der Predigt und vor dem Fürbittengebet gesammelt. Die Kollekte ist ein Teil Konkretion dieser Fürbitte. Dankend geben wir von dem, was wir haben, und denken dabei an die Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Es ist klar, dass wir an dieser Stelle nicht überwiegend für uns selbst sammeln können.

Für 2011 sind in der ehemaligen Thüringer Landeskirche 24 ortskirchliche Kollekten vorgesehen, im Gebiet der früheren Kirchenprovinz Sachsen 13. Woher kommt der Unterschied?
Hartmann: Auch hier ist auf die unterschiedlichen Traditionen zu verweisen, die durch das neue ­Finanzgesetz angeglichen werden sollen. Die meisten Gemeinden sammeln zudem am Ausgang die zweite Kollekte für die eigene Arbeit. Bei klarer Trennung der Kollektenzwecke im Gottesdienst und am Ausgang und konkreter Erläuterung des Kollektenzwecks müssen sich die Gemeindekirchenräte um die eigenen Haushalte keine Sorgen machen.
Außerdem wird in Zukunft der Gemeindebeitrag bzw. das Kirchgeld eine wachsende Rolle spielen. Ich weiß, dass es dazu vor allem in der ehemaligen Thüringer Landeskirche heftige Kritik gibt. Diese Debatte müssen wir weiter führen.

Zur Herbstsynode wurde beklagt, dass die ortskirchlichen Sammlungen in den letzten Jahren immer weniger geworden seien.
Hartmann: Ich verstehe diese Sorge sehr gut. Skepsis begleitet nun mal den gegenwärtigen Prozess der Neuorientierung unseres kirchlichen Lebens und Arbeitens. Da werden oft die guten Möglichkeiten, die sich eröffnen, gar nicht gesehen. Ich gehe davon aus, dass wir im Zuge des neuen Finanzgesetzes zu einer auskömmlichen Ausstattung der Haushalte der Kirchengemeinden kommen. Allerdings sind die Mittel, die insgesamt zur Verfügung stehen, rückläufig.

Die Mitgliederzahlen in unserer Kirche sinken. Wirkt sich das auf Kollekten aus?
Hartmann: Bisher ist kein Rückgang zu spüren, da machen wir uns keine Sorgen. Aber wir merken: Je klarer und konkreter der Kollektenzweck ist, umso höher sind die Sammelergebnisse.

Link zum Kollektenplan 2011 (PDF)

Ein Lichtblick in der Menschheitsgeschichte

30. Dezember 2010 von redaktionguh  
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neugeborenes

Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.
Johannes 1, Vers 14b

Christine Lässig, Weimar

Christine Lässig, Weimar

Neugeborene bringen den Alltag durcheinander. Angewiesen auf Zuwendung und Fürsorge mobilisieren sie die guten Seiten ihrer Mitmenschen. Ihre Hilflosigkeit ruft Hilfsbereitschaft ab und fordert dazu heraus, eigene Interessen zurückzustellen, vor allem anderen das Wohl des neuen Erdenbürgers im Blick zu haben und die Welt in einem neuen Licht zu sehen.

Der Anblick eines kleinen Kindes rührt selbst hartgesottene Egoisten.

Was jedes Neugeborene in seiner Umwelt bewirkt, bekommt mit dem Kind aus Bethlehem weltweite Bedeutung. Er liefert sich auch als Erwachsener aus und setzt auf Menschlichkeit und Mitgefühl statt Gewalt und Stärke.

Sein Machtverzicht provoziert Nächstenliebe. Gerade so gewinnt er die Herzen und öffnet den Menschen die Augen. Sie sehen die Welt nun  in einem anderen Licht. Sich mit den Schwachen und Hilflosen zu verbünden, sich von Macht und Besitz nicht korrumpieren zu lassen und mit Gottvertrauen seinen Weg zu gehen, sind Folgen dieser neuen Sichtweise.

Ein Lichtblick in der Menschheitsgeschichte, der uns noch heute helle Momente beschert.

»Wir sahen seine Herrlichkeit voller Gnade und Wahrheit«, schreibt Johannes im Vorwort zu seinem Evangelium und verwendet dabei die Worte eines urchristlichen Hymnus. Er ist sich sicher, dass Jesus mehr ist als ein bemerkenswerter Mensch mit heilenden Kräften und wegweisender Rede.

Aus ihm redet Gott selbst. Sein Erdenleben ist der einzigartige Versuch, das Gute im Menschen zu wecken, die Verhältnisse zu bessern, Friede auf Erden zu schaffen. Was erfahrungsgemäß mit Schwert und Schild nicht zu erreichen ist, bekommt in der Nachfolge Christi eine Chance.

Die Macht der Liebe gewinnt die Oberhand.

Manchmal wenigstens.

Dann ist das ein Stück Himmel auf Erden.

Dann sehen auch wir seine Herrlichkeit voller Gnade und Wahrheit.

Christine Lässig

Umsteuern

30. Dezember 2010 von redaktionguh  
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Alle reden übers Wetter. Und das liegt nicht nur daran, dass der Winter uns derzeit fest im Griff hält. Beim Weltklimagipfel im mexikanischen Cancún hat sich die Staatengemeinschaft jüngst auf Eckpunkte für einen künftigen Klimavertrag geeinigt. Die globale Erderwärmung soll demnach auf zwei Grad Celsius beschränkt und den ärmeren Ländern Geld zur Bekämpfung der Folgen des Klimawandels bereitgestellt werden. Das war mehr, als die meisten Beobachter vorab erwartet hatten. Es ist sicher kein Durchbruch, weil verbindliche Zusagen fehlen. Doch eine Alternative dazu gibt es nicht.

Nach einer Prognose der britischen Royal Society könnte die Erderwärmung ansonsten bis zum Jahr 2100 sogar bei vier Grad liegen – mit dramatischen Folgen: Im Süden Afrikas fiele jede zweite Ernte aus, und in Asien müssten mindestes 50 Millionen Menschen die Küstenregionen verlassen.

Zwar wird der Norden am wenigsten unter den Folgen des Klimawandels zu leiden haben. Trotzdem muss es in Zukunft darum gehen, den westlichen Lebensstil quasi neu zu erfinden. So wird Klimaschutz auf Dauer nur Wirkung zeigen, wenn die Industrienationen bereit sind, sich nachhaltig zu ändern. Das setzt ein Umdenken voraus und eine »Ethik des Genug«. Derzeit leben wir global gesehen auf Kosten der armen Länder.

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland will hier in diesem Jahr mit gutem Beispiel vorangehen, gemäß dem biblischen Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung. Sie startet jetzt ihre neue Kampagne unter dem Motto »Klimawandel – Lebenswandel«.

Ziel ist es, bis Anfang Oktober eine Million Kilogramm Kohlendioxid einzusparen.

Dass das funktionieren kann, beweisen jüngste Erhebungen. Schon jetzt haben die Bundesbürger dank effizienterer Heizungen, sparsamerer Autos sowie Strom aus Wind und Sonne ihren privaten CO2-Ausstoß seit dem Jahr 2000 um sechs Prozent gesenkt. Natürlich lassen sich damit nicht alle Probleme lösen.

Aber es ist ein Signal: Klimaschutz fängt im Kleinen an, jeder kann hier seinen Beitrag leisten.

Martin Hanusch

Brückenbauer zum Guten

30. Dezember 2010 von redaktionguh  
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Auch Christen können – im übertragenen Sinn – zu Brückenbauern werden, wenn sie sich für die Überwindung von Trennendem und für eine gute Gemeinschaft einsetzen. (Foto: BilderBox.com)

Auch Christen können – im übertragenen Sinn – zu Brückenbauern werden, wenn sie sich für die Überwindung von Trennendem und für eine gute Gemeinschaft einsetzen. (Foto: BilderBox.com)


 

Lass dich nicht vom Bösen überwinden,
sondern überwinde das Böse mit Gutem.
(Römer 12, Vers 21)

 

Die Jahreslosung für 2011 ist auch eine Aufforderung zum aktiven Mittun.

 

Es gibt viele Einwände gegen diese Aufforderung aus der Jahreslosung. Sie lassen sich in einer Frage zusammenfassen:
Kann das Gute das Böse wirklich überwinden?
Ist das Böse nicht doch oft stärker als das Gute?

Nehmen Sie nur als Beispiel einen Streit: Wer da nachgibt – ist der nicht immer der Dumme?

Ich versuche die Worte des Paulus zu umschreiben: Wenn dir Böses widerfährt, dann lass dich davon nicht beeinflussen, schon gar nicht beherrschen. ­Resigniere nicht vor dem Bösen. Lass dich nicht davon bestimmen, wie ein anderer dir begegnet. Bleibe beim ­Guten, setz das Gute ein, das kann es mit dem Bösen aufnehmen!

Was ist das, das »Böse«, das einen bestimmen könnte? Und was ist das »Gute«? Nach der Bibel ist das Böse immer das, was die Gemeinschaft stört und zu Trennung führt. Die Urgeschichte dazu ist die Erzählung vom Sündenfall: Die Menschen vertrauen nicht mehr darauf, dass sie in der Beziehung zu Gott und seinem Gebot gut aufgehoben sind. Konsequenterweise führt diese Trennung von seinem Gebot zur Vertreibung aus dem gemeinsamen Lebensraum mit Gott, dem Paradies.

Dieses Böse ist uns wohlbekannt. Es gibt so viel Trennendes!

Denken wir nur an die Kluft zwischen Arm und Reich weltweit und in unserem Land. Viele haben mehr, als sie in einem ­Leben ausgeben können, für andere reicht es nicht über den Tag. Das schreit zum Himmel und spaltet Gesellschaften. Aber es ist auch die ausgeschlagene Hand, das überheblich hingesagte Wort.

Dort, wo sich Menschen über andere erheben und sie gering achten, hat das Böse das Sagen. Ein Land über das andere, eine Religion über die andere, ein Kontinent über den anderen, der Chef über den Angestellten und auch über den Gartenzaun. Wir erheben uns und lassen andere ohnmächtig zurück.

Was ist dann das »Gute«, mit dem wir das Böse überwinden können? Es ist alles, was einer verlässlichen Gemeinschaft dient. Gott selbst legt den Grund dazu: Mit Jesus schließt er das Paradies wieder auf und ebnet uns den Weg zur vertrauensvollen Gemeinschaft mit ihm. Wer sich im Leben und Sterben darauf verlässt, dass Gott es gut mit ihm meint, der kann dieses Vertrauen auf Gutes, das Trennung und Streit überwindet, auch mit sich und seinen Mitmenschen leben. Der kann den ersten Schritt tun und die Hand zu Versöhnung reichen; die kann mit ihrem Lebenswandel die Krise des Klimawandels überwinden helfen; der kann eine Tafel unterstützen und so die tiefen Risse unserer Gemeinschaft überbrücken helfen. Wir alle sind fähig zur Hilfe unter Nachbarn, zum Einsatz, der dem Nächsten, ob nah oder fern, unter die Arme greift.

Christen haben den Auftrag zu solchem Brückenbauen.

Ja, Brückenbauer braucht unsere Gesellschaft und die Welt. Denn: »das Böse mit Gutem zu überwinden«, das ist mehr, als nur bei Bösem nicht mitzutun. »Überwinden«, damit meint Paulus ein aktives Handeln. Fantasie für Gutes, das Trennung überwindet, das ist gefragt. Sei es die Bank, die mit der Aktion »Brot für die Welt« nur noch gerechte, nachhaltige und ökologisch verträgliche Fonds auflegt. Sei es der gewaltfreie Widerstand, der bei Atommülltransporten die Schienen versperrt und so deutlich macht, dass wir mit unserem Energieverbrauch und Lebensstil nicht einfach immer weitermachen können.

Sei es die Nachbarschaftshilfe in einem Dorf oder Stadtteil, die denen, die eh am Rand stehen, unter die Arme greift. Die Jahreslosung weist uns für 2011 den Platz dort an, wo Gemeinschaft gestört, ja zerstört ist. Dort sind wir gefragt, uns mit Liebe und Fantasie einzusetzen für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung.

Wir wissen nicht, was im neuen Jahr auf uns zukommt, was an Gutem, was an Schwerem, was an Bösem. Auch wenn wir das nicht wissen, dürfen wir in das neue Jahr mit der Gewissheit gehen: Der gute Gott geht mit, seine Güte umfängt uns. Wir werden auch 2011 zwischen »gut« und »böse« oft hin und hergerissen sein.

Möge uns dann die Jahreslosung in den Ohren und im Herz klingen, dass wir dem Guten trauen und auf das Gute setzen.

Ich wünsche Ihnen allen ein mit viel Gutem gesegnetes neues Jahr!

Ilse Junkermann

Die Autorin ist Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Getrost von den Wundern in unserem Leben erzählen

24. Dezember 2010 von redaktionguh  
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Erzählet unter den Heiden von seiner Herrlichkeit, unter allen Völkern von seinen Wundern!
Psalm 96, Vers 3

Christiane Kellner, Superintendentin in Merseburg

Christiane Kellner, Superintendentin in Merseburg

Uups … ich soll erzählen!

Wann habe ich denn zum letzten Mal so richtig erzählt? Wann habe ich mir dafür Zeit genommen? Wann hat mir jemand so viel Zeit geschenkt, dass ich fröhlich erzählen konnte? Und was soll ich erzählen? Von meinem letzten Urlaub, von meiner neuen Kaffeemaschine?

Der Psalmbeter fordert mich auf, von der Herrlichkeit Gottes und seinen Wundern zu erzählen, also von dem, was er in meinem Leben getan hat. Das setzt voraus: Ich weiß, wem ich mein Leben verdanke und dass ich nicht alles alleine geschafft habe. Das soll ich den Heiden, den Völkern erzählen. Doch wollen diese Menschen mir zuhören?

Vielleicht denken Sie, liebe Leserin, lieber Leser, dass wir da wenig Hoffnung haben.

Meine Erfahrungen sind andere.

Wenn ich meine Geschichte mit Gott erzähle, dann hören mir Menschen zu, weil sie ahnen: Wenn Gott etwas mit Frau Kellner zu tun hat, dann vielleicht auch mit mir? Wenn ich erzähle, dann sehen Wunder am Anfang vielleicht gar nicht nach Wundern aus, sondern eher wie Untergänge.

Da erzähle ich von Gottes Wunder in meinem Leben und andere gewinnen Hoffnung. Ich erzähle von meiner Trauer über den Tod unserer 80-jährigen Mutter und erzähle, dass ich mich nur deshalb als Superintendentin bewerben konnte … und dass in mir bei aller Trauer eine große Dankbarkeit über dieses Wunder ist.

Die Geburt des Kindes in der Krippe fordert uns heraus, kindlich und getrost von den Wundern ­Gottes in unserem Leben zu erzählen. Doch wir Menschen übersehen sie leicht.

Deshalb möchte ich Ihnen folgenden Segen in die weihnachtliche Zeit zusprechen: Gott behüte alles, was wachsen will, er begleite Sie mit seiner Liebe, die trägt und fordert. Er schenke ­Ihnen Tapferkeit nach versagten Träumen und aufmerksame ­Augen für gewährtes Glück. Er lasse aus unserer Gemeinschaft sich neue eigene Kräfte entfalten.

Gottes Liebe segne und ­behüte Sie.

Amen

Christiane Kellner

Alle Jahre wieder

22. Dezember 2010 von redaktionguh  
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Die Georgenkirche in Eisenach erwartet am Heiligen Abend wieder zahlreiche Besucher. (Foto: Norman Meißner)

Die Georgenkirche in Eisenach erwartet am Heiligen Abend wieder zahlreiche Besucher. (Foto: Norman Meißner)


 

Weihnachtserinnerungen von Klaus-Peter Hertzsch

Eigentlich ist Weihnachten das Fest, das alle Jahre wieder das gleiche Gesicht zeigt. »Um sechs«, berichtet man sich, »gehen wir in die Christvesper. Und dann zündet mein großer Bruder die Kerzen an.« – Jahr um Jahr. Und im Altersheim erzählt man dasselbe nur im Imperfekt: »Dann gab es bei uns zuerst die Bratäpfel.« – Jahr um Jahr. Umso deutlicher heben sich in unsrer Erinnerung die Christfeste ab, an denen wir nicht zu Hause waren und alles war anders.

Woran erinnern Sie sich?

Mir fällt ein Jahr ein, in dem ich Gaststudent aus der DDR in Zürich war. Wir Ausländer waren von der Schweizer Kirche über die Jahreswende nach Locarno eingeladen in ein Gästehaus hoch über der Stadt, mit der Seilbahn erreichbar. Durch den Bernhardtunnel waren wir aus den eisstarrenden Felsen der deutschsprachigen Schweiz in den Tessiner Frühling gefahren; in den Dörfern ­übten jetzt die Kantoren die Glockenspiele, die in der Heiligen Nacht von den Kirchtürmen singen sollten. In dieser Nacht gingen wir – die lichterhelle Stadt tief unter uns – zur Madonna del Sasso in die Klosterkirche der Benediktinermönche zur Hirtenmesse. Im Kerzenglanz sangen die Frauen die Weihnachtschoräle, während die Männer immer wieder hinüber ins Klostergebäude wechselten. Wir erfuhren, dass die Benediktiner einen berühmten Kräuterlikör herstellen – die Männer sagten uns, das sei ein Prosit für die Mutter Maria.

Oder im Januar 1988 in Moskau.

Zwei von uns waren von der Orthodoxen Kirche zu einer Konferenz von Kirchenjournalisten eingeladen. Michail Gorbatschows Perestroika hatte die Atmosphäre schon deutlich verändert. Aus ganz Europa nahmen kirchliche Zeitungsleute an der Konferenz teil, und die russischen Brüder zeigten uns stolz ihr eben neu gegründetes Pressehaus. Hinter uns lag Weihnachten und die Silvesternacht; der tägliche Werktag hatte uns wieder. Und nun eine Überraschung: Am ersten Nachmittag wurden wir in einen Festsaal gebeten. Ein großer Weihnachtsbaum strahlte mit vielen Lichtern. Kinder in Sonntagskleidern sangen mit Inbrunst alte Weihnachtslieder. Ihre Mütter fielen mit großen russischen Stimmen ein. Ein Mädchen sagte andächtig ein Gedicht von dem Kind in der Höhle von Wiphliem – der Übersetzer erklärte uns: auf Deutsch der Stall von Bethlehem –; jeder von uns bekam ein kleines Geschenk.

Erst jetzt fiel uns ein, dass der russisch-orthodoxe Kalender die Kalender­reform in Europa nicht mitgemacht hatte. Als Schüler hatten wir uns immer schon gewundert, dass die Oktoberrevolution erst im November stattfand und gefeiert wurde. Wir kehrten jetzt also mit unsrer Tagung wieder ins Weihnachtsland zurück. An einem langen Abend standen wir mit ungezählten Frauen und Männern in der überfüllten Kirche: Der Pope sang mit allmählich aufsteigender Bass-Stim­me das Weihnachtsevangelium, der Chor sang jubelnd das Willkommen für den zur Erde gekommenen Herrn, für uns alle war aufs Neue Christnacht. »Euch ist heute der Heiland ­geboren«; dies Heute gilt offenbar alle Tage.

Am tiefsten aber hat sich bei mir die Erinnerung an ein Christfest eingeprägt nicht im Ausland, sondern in meinem Elternhaus in Eisenach:

Weihnachten 1945 – nach mehr als fünf Jahren die erste Friedensweihnacht. Im Jahr vorher raste der immer mörderischer werdende Krieg seinem Ende zu. Der letzte Versuch einer deutschen Offensive scheiterte gerade in den Ardennen. Joseph Goebbels hatte Tage vorher noch versprochen: »Lüttich schenken wir dem Führer zu Weihnachten.« Der hielt in der Silvesternacht über das Radio seine letzte Ansprache. Mit gebrochener Stimme versprach da ein zum Greis gewordener Mann die große Wende und den Endsieg.

Dass sich riesige Ströme von Flüchtlingen durch den klirrenden Winter schleppten, wussten wir nicht; denn die uns zugänglichen Nachrichten sprachen nur von heldenhaftem Widerstand tapferer Armeen. Aber in den Nächten saßen wir immer häufiger in unserm Luftschutzkeller. Weit entfernt am Horizont ein Feuerschein, und die Nachbarin sagte: »Kassel brennt.« Ostern feierten wir noch im Keller: Eisenach unter Beschuss; dann zogen die Amerikaner ein. Ein unvergessliches Jahr gleichsam zwischen den Zeiten. Nun ein unvergessliches Christfest.

Die Schule hatte im Oktober wieder begonnen und war ganz und gar anders als in der ­Hitlerzeit. Die Russen waren als Besatzungsmacht nachgerückt, und man sah: Das waren Männer, die in ihrem Land vier Jahre systematische Ausrottung von Juden und russischen Frauen erlebt hatten und jetzt so arm und so hungrig wie wir waren. Unsre Häuser waren bis zur letzten Kammer überfüllt von Flücht­lingen, von niemandem willkommen geheißen.

Und doch war es ein unvergesslich schönes Fest: Endlich Frieden.

Wer sich zunehmend im immer totaleren Krieg geängstet hat, weiß, was Frieden für ein Geschenk ist. Die Mahlzeiten waren natürlich auch an den Feier­tagen sehr karg; aber wer den Hunger kennt, weiß, was eine Scheibe Brot für eine Freude ist. Wohin der Weg unseres schuldbeladenen und besiegten Volkes gehen sollte, wussten wir nicht; aber wer es erlebt hat, weiß, was Hoffnung gegen alle Ungewissheit bedeutet.

Im Dezember 1944 hatte der Monatsspruch unsrer Kirche geheißen: »Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind.« Jetzt sangen wir in der Georgenkirche, die stark ­geschädigt und unheizbar war, Bachs Weihnachtsoratorium. Nie hat mich das Duett so tief berührt wie damals: »Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen tröstet uns und macht uns frei!« Und als Monatslied für den Dezember 1945 lernten wir ein neues Lied kennen: »Jesus, nimm dich deiner Glieder ­ferner noch in Gnaden an« und vor ­einem großen Halleluja: »Gib der ­ganzen Christenschar Frieden und ein seligs Jahr!«

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