Kein Verständnis

28. Januar 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Proteste gegen den Bundesparteitages der NPD gab es im vergangenen Jahr in Hohenmölsen. Foto: Alexander Bley

Proteste gegen den Bundesparteitages der NPD gab es im vergangenen Jahr in Hohenmölsen. Foto: Alexander Bley

Gemeindekirchenratsvorsitzender wegen Kandidatur für die NPD ausgeschlossen

Er war stets engagiert in der Kirchengemeinde, hat sich lebhaft mit Leib und Seele für die Menschen und die Kirchen eingesetzt, sagt geradezu, was er denkt. Das sei nicht immer einfach gewesen, aber doch fruchtbar. So beschreibt ihn Pfarrer Thomas Wisch aus Teuchern im Kirchenkreis Naumburg-Zeitz: Hans Püschel, noch Bürgermeister in Krauschwitz und bis vor kurzem Vorsitzender im Gemeindekirchenrat des Kirchspiels Teuchern, hat jetzt Schlagzeilen gemacht. Er will für die NPD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 20. März kandidieren.

»Unvereinbar mit dem Ehrenamt eines Kirchenältesten«

Der Kirchenkreis hat deshalb die Notbremse gezogen und ihn aus dem Gemeindekirchenrat ausgeschlossen, wie am 20. Januar bekannt wurde. »Wir bedauern, dass diese Entscheidung notwendig geworden ist«, sagt Superintendent Reinhard Voitzsch. Mit seiner Entscheidung habe er dem Kirchenkreis jedoch »keine andere Möglichkeit gelassen«. Püschels Kandidatur sei »unvereinbar mit dem Ehrenamt eines Kirchenältesten« ist die Begründung. Die Landessynode hatte 2009 votiert, dass die Mitgliedschaft in Parteien und Gruppierungen, die die Verfassung beschädigen oder abschaffen wollen, als unvereinbar mit einem Haupt- oder Ehrenamt in der EKM ist.

Die Gemeindeglieder und Kirchenältesten aus Teuchern verstehen Hans Püschel nicht. Man habe es sich auch nicht leicht gemacht, so Pfarrer Wisch, und lange mit ihm gesprochen. Natürlich kennen sie sein Engagement für eine Sache und für Gerechtigkeit in der Gesellschaft, aber dass er das mit der NPD koppelt, kann niemand nachvollziehen. Püschel jedoch ist der Überzeugung, damit etwas bewegen zu können. Das Parteiprogramm lese er nicht, hatte er gegenüber dem Pfarrer geäußert, das sei ja bloß Papier.

Schon im November hatte Hans Püschel für Schlagzeilen gesorgt, als er den NPD-Bundesparteitag im nahe gelegenen Höhenmölsen besuchte und die Partei öffentlich gelobt hatte. Seinem Ausschluss aus der SPD kam er damals zuvor und quittierte von sich aus die Mitgliedschaft dort.

(mkz/epd)

Kreuzzug gegen das Kirchspiel?

28. Januar 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Das im Jahr 936 in Quedlinburg gegründete Damenstift statteten die Herrscher der Ottonen-Familie und andere mit wertvollen Gegenständen aus. Zu dem rund 50 Teile zählenden Stiftsschatz gehört dieses Katharinenreliquiar aus der Zeit um 1230/1240, welches vollständig mit Goldblech überzogen ist. Kaiser Otto I. selbst übergab den so genannten Kana-Krug aus Alabaster (Foto unten) dem Stift. Er stammt aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert und ist das älteste Stück der Sammlung.  1945 entwendete ein amerikanischer Soldat zwölf Teile des Schatzes. Erst seit den 1990er Jahren ist er wieder vollständig. Foto: Jürgen Meusel

Das im Jahr 936 in Quedlinburg gegründete Damenstift statteten die Herrscher der Ottonen-Familie und andere mit wertvollen Gegenständen aus. Zu dem rund 50 Teile zählenden Stiftsschatz gehört dieses Katharinenreliquiar aus der Zeit um 1230/1240, welches vollständig mit Goldblech überzogen ist. Kaiser Otto I. selbst übergab den so genannten Kana-Krug aus Alabaster (Foto unten) dem Stift. Er stammt aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert und ist das älteste Stück der Sammlung. 1945 entwendete ein amerikanischer Soldat zwölf Teile des Schatzes. Erst seit den 1990er Jahren ist er wieder vollständig. Foto: Jürgen Meusel


Um den Quedlinburger Stiftsschatz ist ein Streit entbrannt.

Das Bild der Welterbe-Stadt Quedlinburg bekommt gerade einen dicken Kratzer. Niemand von außen verpasst ihr den, sondern er ist hausgemacht. Stadtrat Wolfgang Döcke (FDP) stellte kürzlich wieder einmal die Frage: »Wem gehört der Quedlinburger Domschatz?« Ist es die Stadt als Eigentümer der Gebäude auf dem Stiftsberg? Oder ist es die Kirchengemeinde?

Der Stadtrat der stark überschuldeten Kommune beschloss, bis zum März in zwei Kirchenarchiven nach weiteren Unterlagen zu einem Vertrag von 1854 zu forschen. Nicht vom Tisch ist außerdem ein 40.000 Euro teures Rechtsgutachten dazu. Man wolle schließlich »Rechtssicherheit«. Mit ihrem Vorgehen setze die Kommunalpolitik ein fatales Signal und tue der Stadt nichts Gutes, meint Pfarrer Ekkehard Steinhäuser, der theologische Vorstand des Domschatzes Halberstadt und des Stiftschatzes Quedlinburg. Professor Gottfried Kiesow, Vorsitzender der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, bittet händeringend darum, diese unsägliche Diskussion, die der Stadt sehr schadet, schnellstmöglich zu beenden. Die CDU-Fraktion im Stadtrat spricht von einer »kleinkarierten Diskussion« und kritisiert, dass sich ihr FDP-Kollege seit längerem »auf einem persönlichen Kreuzzug gegen das evangelische Kirchspiel befindet«. Höchst kontraproduktiv seien kolportierte Forderungen des FDP-Politikers wie »einfach hingehen und unsere Kirchentür abschließen«, um die Kirchengemeinde zum Einlenken zu bewegen.

Bürgermeister Eberhard Brecht (SPD) fürchtet, dass die sachten Annäherungen von Stadt und Kirchspiel – es gibt sogar einen Kooperationsvertrag – nun einen Rückschlag erleiden. Das Verhältnis zwischen beiden Partnern galt über die Jahre nicht eben als glücklich. Wie überall dreht es sich auf dem Stiftsberg mit Kirche und Stadtmuseum ums Geld. Es habe ein Missverhältnis zwischen städtischen Bauherrenpflichten und den gefüllten Kirchenkassen beim Verkauf von Eintrittskarten für die Stiftskirche gege-
ben. Immerhin gab es im vergangenen Jahr rund 81000 Besucher des Schatzes. Damit wurde der Halberstädter Domschatz, den rund 50.000 Besucher sehen wollten, deutlich übertrumpft. Mit kleinen Schritten sei man in der letzten Zeit auf dem Berg aufeinander zugegangen: Es gibt ein Verbundticket für Schatz und Museum, die Kirche bezahlte die Krypta-Sanierung. Tourismus-Experten sehen deutliche Vermarktungsreserven und Synergieeffekte: ein Einheitsticket, ein Museumsladen und ein besseres äußeres Erscheinungsbild könnten ein Anfang werden.

Steinhäuser missfällt die Formulierung, man wolle Rechtssicherheit. »Was impliziert, wir leben in einem rechtsunsicheren Zustand«, so der promovierte Theologe. Dem sei keineswegs so. »Über Jahrhunderte gibt es einen Konsens. Daran wurde nicht unter Königen, in der Nazi-Diktatur oder in der DDR-Geschichte gerührt.« Er frage sich, worauf die erneuten Begehrlichkeiten fußen. Augenscheinlich werde vergessen, dass der Schatz kein Museum sei, sondern liturgisches Gerät umfasst, Stolen, Bibeln, Gewänder, Reliquiare und Reliquien, die in der Gemeinde im Einsatz sind oder waren. »Sie sind zweifellos wertvoll, aber Gebrauchsgegenstände. Gottesdienste kann kein weltliches Gremium feiern.« Da der FDP-Fraktionsvorsitzende und Jurist Bezug auf einen Vertrag von 1854 nehme, stelle sich die Frage, so Ekkehard Steinhäuser, »warum nicht auf das Jahr 800 oder gar auf die Zeit Jesu Christus zurück?«

FDP-Kreisschatzmeister Wolfgang Döcke habe auf der Stadtratssitzung eine Milchmädchen-Rechnung aufgemacht, wenn er behaupte, die arg gebeutelte Stadt könne mit dem Kirchenschatz Geld verdienen, meinen Gemeindeglieder. Steinhäuser nennt es »einen Irrglauben« und weiß von keinem Museum im Land, das Überschüsse einfahre. Jedenfalls keins, das wissenschaftlich arbeitet, restauriert und Kunst zeitgemäß präsentiert.

Uwe Kraus

Visitenkarte der Gemeinde

28. Januar 2011 von redaktionguh  
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230845_1894Evangelischer Presseverband und die mitteldeutsche Kirche loben Gemeindebriefpreis aus.

Sie sind die Visitenkarten der Kirchengemeinden und die heimlichen Riesen in der evangelischen Medienlandschaft: die Gemeindebriefe. In den meisten Gemeinden der mitteldeutschen Kirche und Anhalts gibt es inzwischen Publikationen, die regelmäßig über das gemeindliche Leben informieren. Nach jüngsten Untersuchungen erreicht das Medium Gemeindebrief mehr als zwei Drittel aller evangelischen Haushalte. Die Machart ist dabei sehr verschieden und reicht von einfachen Informa­tionsblättern bis zu aufwendig gestalteten Heften. Doch unabhängig von der gegenwärtigen Gestaltung gibt es zumeist noch »Luft nach oben«.

Der Evangelische Presseverband in Mitteldeutschland, Herausgeber der Kirchenzeitung »Glaube+Heimat«, und die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) haben deshalb ­einen Gemeindebriefpreis ausgelobt. Anders als bei herkömmlichen Wettbewerben soll nicht einfach der schönste oder beste Gemeindebrief prämiert werden. Ausgezeichnet werden vielmehr Veränderung und Weiterentwicklung des Gemeindebriefkonzeptes. Es ist also ein echter Innovationspreis. Dem entsprechen auch die Kriterien: Neben der Gestaltung (Layout und Bilder), Übersichtlichkeit (Struktur und Orientierung) sowie Themenauswahl und Darstellungsformen sollen auch andere Aspekte ­zugrundegelegt werden: Wie werden die unterschiedlichen Generationen angesprochen? Wie wird gemeindliches Leben nach außen vermittelt? Welche Anstrengungen hat die Gemeindebriefredaktion unternommen, zu ökologischen Lösungen zu kommen (Papier und Verbreitung)? Mit welcher Sorgfalt geht die Redaktion an die Arbeit?

Schließlich ist der Gemeindebrief auch eine Art »Liebesbrief an die Gemeinde«. Alle diese Kriterien sollen bei der Auswahl und Prämierung eine Rolle spielen. Als Preisgelder winken 1.500 Euro für den Sieger, 1.000 Euro für den Zweit- und 500 Euro für den Drittplatzierten. Die Schirmherrschaft des Gemeindebriefpreises hat der EKM-Gemeindedezernent, Oberkirchenrat Christoph Hartmann, übernommen.
Einsendeschluss für teilnehmende Redaktionen ist der 31. Oktober 2011. Eine namhaft besetzte Jury, zu der ­unter anderem die Erlanger Publizistikprofesssorin Johanna Haberer gehört, wird die Gemeindebriefe und die vorgelegten Gemeindebriefkonzepte analysieren, vergleichen und die überzeugendste Weiterentwicklung auszeichnen.

Eingereicht werden soll je ein Exemplar des Gemeindebriefes vor der Überarbeitung und ein Heft nach der Umstellung, sodass die Veränderung deutlich wird. Auch Gemeindebriefredaktionen, die bereits im vergangenen Jahr 2010 mit einer Weiterentwicklung begonnen haben, können sich mit ihrem Konzept am Gemeindebriefpreis beteiligen. Es geht vor allem darum zu zeigen, dass und wie sich die Hefte entwickelt ­haben.

»Glaube+Heimat« wird in den nächsten Monaten regelmäßig Beiträge zu Fragen von Struktur, Layout, Bild- und Textsprache sowie weiteren Aspekten rund um den Gemeindebrief veröffentlichen. Außerdem soll ein Seminartag für Gemeindebriefredaktionen in Erfurt und Magdeburg angeboten werden. Auch hier ist das Ziel, den Redakteuren bzw. Redaktionsteams das nötige Handwerkszeug zu vermitteln, damit die Gemeindebriefe informativer und übersichtlicher werden, eben eine Visitenkarte der Gemeinde.

Martin Hanusch

Einsendungen richten Sie bitte an den: Wartburg Verlag, Redaktion Glaube+Heimat, Lisztstraße 2a, 99423 Weimar.230845_1894

Anlaufstelle für arbeitslose Frauen

28. Januar 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Die Erfurter »Klosterrunde« beging ihren 20. Jahrestag.

Mit einem großen Jubiläumskuchen feierten die Frauen der »Klosterrunde«. Foto: Markus Wetterauer

Mit einem großen Jubiläumskuchen feierten die Frauen der »Klosterrunde«. Foto: Markus Wetterauer

Begonnen hatte alles am 19. Januar 1991 im Erfurter Augustinerkloster. Ilse Neumeister wollte, dass die evangelische Kirche etwas tut angesichts der ganz neuen Erfahrung im Osten: arbeitslos zu werden. Besonders Frauen waren betroffen. Und sie kamen: weinende Frauen, die sagten, sie gehörten zwar keiner Kirche an, würden aber sich selbst nicht mehr aushalten in ihrer Situation zu Hause. Ihnen half die Runde aus Frauen, denen es ähnlich ging.

Dörthe Großkopf kann sich noch genau an die Anfänge erinnern. Dabei ist es jetzt schon zwanzig Jahre her, dass sich die Erfurterin zum ersten Mal auf den Weg zur »Klosterrunde« machte. »Viele waren damals voller Angst«, sagt sie. Auch an ihrem Arbeitsplatz im Gesundheitsamt drohten kurz nach der deutschen Einheit Umstrukturierungen und Stellenabbau. »Ich habe deshalb einen Anlaufpunkt gebraucht.«

Die »Klosterrunde« war dieser Anlaufpunkt: ein Angebot der evangelischen Kirche, sich einmal in der Woche im Augustinerkloster zu treffen, sich auszutauschen, auch auszuweinen, aber auch gegenseitig Mut zuzusprechen und einander zu helfen.  Auch Dörthe Großkopf wurde arbeitslos. Da war es gut, mit den anderen Frauen reden zu können, die ein ähnliches Schicksal zu verarbeiten hatten: Arbeitslosigkeit und das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Großkopf hatte Glück und bekam schließlich eine Stelle als ABM-Kraft im Frauenhaus. Als die auslief, ist sie wieder zur »Klosterrunde« gekommen und geblieben – wie viele andere auch, von denen heute, nach zwanzig Jahren, die meisten im Ruhestand sind.

Pfarrerin Sigrun Pabel hatte Anfang der neunziger Jahre als Kuratorin die Türen im Evangelischen Augustinerkloster für die Frauen geöffnet. Sie ist heute noch beeindruckt, wie sehr »die Schwellenangst vor der Kirche gesunken ist, als viele die Härten des Lebens getroffen haben«. So seien in der Anfangszeit die meisten der Frauen keine Kirchenmitglieder gewesen.

Josefa Kendzia als Mitinitiatorin von der katholischen Kirche in Erfurt erinnerte daran, dass zu Beginn der Klosterrunde sogar Kinder betreut wurden – eine Tatsache, die sich bald erübrigte, weil viele der jüngeren Teilnehmerinnen nach einiger Zeit wieder Arbeit gefunden haben.

Initiatorin Ilse Neumeister organisiert für »ihre« Runde regelmäßig ein anspruchsvolles Programm. Mal berichtet ein Pfarrer über den Islam, mal ein Minister über die aktuelle Landespolitik, mal ein Theaterregisseur über den neuen Spielplan. Das interessierte nicht nur die Erfurterinnen, sondern auch viele Frauen aus dem Westen, die zusammen mit ihren Männern nach der Wende nach Thüringen kamen und Kontakt suchten.

In einem Gottesdienst in der Reglerkirche und mit einem anschließenden Fest feierten die Frauen mit vielen Gästen den 20. Geburtstag. Senior Andreas Eras sprach in seiner Predigt von »gelungener Zeit«, die die Frauen miteinander verbracht haben. Sie hätten Freude über die oft mühsam erkämpften Erfolge miteinander teilen können. Es habe aber auch Platz gegeben für Niedergeschlagenheit und Krankheit und Versagen. Für alle gelte Gottes Zusage, dass er nicht nach menschlichen Erfolgsmaßstäben misst, sondern Menschen auch mit ihren Schwächen gelten lässt. Für Dörthe Großkopf und viele andere gilt jedenfalls: »Wir hoffen und beten, dass es noch lange weitergeht.«

Markus Wetterauer

Wahrzeichen oder Last?

28. Januar 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Der Turm der Oberkirche in Bad Frankenhausen ist der schiefste Turm Deutschlands und akut einsturzgefährdet.

Zurzeit misst die Neigung 4,45 Meter. Foto: Dietlind Steinhöfel

Zurzeit misst die Neigung 4,45 Meter. Foto: Dietlind Steinhöfel

»Wir sperren uns nicht gegen die Rettung, aber wir sperren uns dagegen, für andere Interessen Geld auszugeben.« Propst Reinhard Werneburg findet klare Worte, wenn es um den Turm der Oberkirche von Bad Frankenhausen geht.

Der Turm der altgotischen Kirche »Unsere lieben Frauen am Ber­ge«, der Oberkirche, sei mit seinem 56 Meter hohen Turm der schiefste Turm Deutschlands und ein Magnet für Besucher, äußern sich die Gemeindeglieder Bärbel und Michael Keller aus Oldisleben gegenüber »Glaube+Heimat«. »Wir sehen die Bundesrepublik Deutschland, das Land Thüringen, die Landeskirche und die Kirchengemeinde in der Verantwortung und Pflicht, dieses Gotteshaus für die nachfolgenden Generationen zu erhalten.«

Doch die Sache ist so einfach nicht. Der Turm ist akut einsturzgefährdet. Die Verkehrssicherheit zu gewährleisten kostet jährlich große Beträge. Das geht zu Lasten der eigentlichen Gemeindekirche – der Unterkirche mit ihrer langen Musiktradition. Im Dezember hatte Werneburg eine Beratung einberufen, zu der Architekten, Kirchenvertreter, Denkmalamt und Landratsamt eingeladen waren. »In dieser Runde wurde deutlich, dass wir mit der Unterkirche nicht vorankommen, wenn wir jeden Euro mit der Oberkirche teilen müssen«, sagt Werneburg der Kirchenzeitung. Pfarrer Andreas Barth und der Gemeindekirchenrat sehen das Dilemma. Sie wollen die Rettung des Oberkirchturms nicht blockieren, aber für die 750-Seelen-Ge­meinde sei vor allem die Unterkirche wichtig. Und die ist in einem denkbar schlechten Zustand.

Bernd Rüttinger, Kirchenoberbaurat der EKM, erläutert die Situation des Turms: Gipsauswaschungen haben Hohlräume entstehen lassen. Der größte misst 90 Kubikmeter. Allein die Baugrundsicherung würde 900.000 Euro verschlingen. Zudem müsse der Turm ein Stück gerichtet werden. Das Fachwerk sei zu sichern und der Schiefer neu zu decken … zwei Millionen sind da schnell zusammen.
Für das gemeindliche Leben wird die Oberkirche, deren Schiff nach dem Abriss des Daches 1962 nur noch eine Ruine ist, nicht gebraucht, auch wenn hin und wieder Open-air-Gottesdienste und Konzerte hier veranstaltet wurden. Doch wenn die Stadt den Turm als Wahrzeichen erhalten wolle, kann sie diesen gern abkaufen – für einen Euro Kaufpreis, so Rüttinger und Werneburg unisono. Der Förderverein hat inzwischen eine bundesweite Spendenaktion angestoßen.

Dietlind Steinhöfel

Von der Diskussion am 26. Januar berichte Glaube+Heimat in der nächsten Ausgabe.

Besser essen

28. Januar 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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besser_essen
Gutes Essen hat seinen Preis. Das mussten die deutschen Verbraucher zuletzt einmal mehr leidvoll erfahren. Nun mühen sich Politik und Landwirtschaft nach dem Dioxin-Skandal, verlorengegangenes Vertrauen wiederzugewinnen. Aber nicht nur das: Inzwischen regt sich Widerstand gegen einen allzu sorglosen Umgang mit Lebensmitteln. In Berlin demonstrierten Zehntausende unter dem Motto »Wir haben es satt« gegen Massentierhaltung und für besseren Verbraucherschutz. Zudem setzen sich derzeit 400 Professoren für mehr Ethik in der Landwirtschaft ein. Der Dioxin-Skandal zeige, wie teuer uns »billige« Tierprodukte zu stehen kommen, begründet ein Mitunterzeichner sein Engagement.

Auch die Kirchen haben die Brisanz des Themas erkannt. Auf der Internationalen Grünen Woche hat der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider jetzt für eine größere Achtung vor Lebensmitteln als Teil der Schöpfung geworben. Durch den Überfluss an billigen Lebensmitteln sei das Bewusstsein verloren gegangen, dass dies »nicht selbstverständlich« sei. Wer immer alles günstig beim Discounter bekommt, verliert schnell den Bezug zu den wirklichen Kosten.

Tatsächlich ist es höchste Zeit für ein Umdenken in der Agrarpolitik. So wirkt sich die Massentierhaltung nicht nur negativ auf Klima, Artenvielfalt, Arbeitsplätze und die Existenzgrundlagen von Bauern in der Dritten Welt aus. Hier wird mit Tieren auf eine Weise verfahren, die uns Menschen eigentlich die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste. Aber auch als Verbraucher haben wir eine Mitverantwortung. Wer hochwertige Nahrungsmittel für immer weniger Geld kaufen will, muss sich im Klaren sein, dass das nicht funktionieren kann. Gerade bei Nahrungsmitteln erweist sich der Slogan »Geiz ist geil« als falsch und sogar schädlich. Um hier kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Niemand muss deshalb gleich zum Vegetarier werden. Aber ein sorgsamerer Umgang mit dem Essen, insbesondere mit Fleisch, tut uns und den Tieren gut.

Martin Hanusch

Eine Welt ist genug

28. Januar 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Kommt her und sehet an die Werke ­Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.
Psalm 66, Vers 5

Friederike_SpenglerAus einem Astronautenanzug grinsend, schwebt mir allmorgendlich von dem Plakat an der ­Bushaltestelle Dieter Bohlen entgegen. Das akkurat frisierte Haar und das fein geschminkte Gesicht möchten wohl dem Mann Ausdruck verleihen, für den es keine wichtigere Aufgabe gibt, als wieder ­einen deutschen Superstar zu finden.

Beim Casting ist alles erlaubt, was gefällt, ob dabei die Grenzen des guten Geschmacks übertreten werden oder nicht, spielt keine Rolle. Hauptsache, sich abheben von der Masse, etwas Besonderes sein. »Die Welt ist nicht genug!« ruft der Showmaster den Vorübereilenden von der Plakatwand aus zu.

O doch! Diese Welt ist genug – genug an Schönheit und Hässlichkeit, an Armut und Reichtum, an Klage und Lob, erfahrener Gottesnähe und -ferne … Man muss nur sehen können. Hinsehen. Nicht nur im Vorbeigehen mit den Augen streifen. Nein, hinsehen, ansehen. Der Psalm gebraucht bewusst den Imperativ. Ansehen ist nichts, was alltäglich oder nebenbei passiert. Ansehen hat mit Nähe zu tun. Da muss man an jemanden, an etwas herantreten. Ansehen hat auch mit Augenhöhe zu tun. Von oben herab gewinne ich keine Ansicht, der andere kein Ansehen in meinen Augen. Gerade darauf aber kommt es an beim Ansehen.

Der Psalmist lässt nach seiner Aufforderung zu kommen und zu sehen, auch keinen Zweifel aufkommen: Gottes Tun ist wunderbar. Sein Handeln an den Menschen sehenswert. Seine Werke zu bestaunen lohnt sich.

Manchmal fällt es mir schwer, das Schöne in der Hässlichkeit, das Lobenswerte in der Klage, das Tröstende im Schrecken zu entdecken. Vielleicht, weil ich nicht nah genug herantrete, nicht wirklich auf Augenhöhe bin, nicht ansehe? »Herr, nimm mich doch immer wieder in die Lehre. Öffne mir die Augen!«
P. S. Und wenn es sein darf, Herr, die von Dieter Bohlen auch.

Friederike F. Spengler, Bad Berka, Pfarrerin im Kirchenkreis Weimar

»Wie viele Brote habt ihr?«

28. Januar 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Chile ist ein Land mit ganz unterschiedlichen Traditionen – hier eine Ureinwohnerin vom Stamm der Mapuche. epd-bild/Oliver Gerhard

Chile ist ein Land mit ganz unterschiedlichen Traditionen – hier eine Ureinwohnerin vom Stamm der Mapuche. epd-bild/Oliver Gerhard



Frauen:
Die Vorbereitungen für den diesjährigen Weltgebetstag haben begonnen.

Der Weltgebetstag gilt als die größte ökumenische Basisbewegung von Frauen.  In diesem Jahr kommt  die Liturgie aus Chile.

»Als Gott die Welt erschuf, habe er von allem etwas übrig behalten: von Seen, Wüsten, Bergen und Vulkanen sowie einer unglaublichen Vielfalt an Tieren und Pflanzen. Gott habe all das genommen und in die hinterste Ecke der Welt gelegt. Auf diese Weise sei Chile entstanden, so besagt es eine alte chilenische Legende.« Cordula Haase, Pfarrerin der Evangelischen Hoffnungsgemeinde in Magdeburg, kann bei den Werkstatt-Tagen im Hedwig-Pfeiffer-Haus in Weimar eine Menge von ihrer sechsmonatigen Sabbatzeit erzählen, die sie 2008 nach Chile führte.

Mit dem neuen Jahr haben auch die Vorbereitungen für den Weltgebetstag der Frauen, der jährlich am ersten Freitag im März gefeiert wird, begonnen. Neben zahlreichen regionalen Studientagen bieten die Werkstätten haupt- wie ehrenamtlichen Gemeindemitarbeiterinnen die Möglichkeit, in Gesprächen und bei der Bibelarbeit die diesjährige Gottesdienstordnung kennenzulernen und beim gemeinsamen Kochen und Tanzen hautnah etwas über Chile, das Weltgebetstagsland 2011, zu erfahren. Organisiert werden die Vorbereitungstreffen von den Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland (EFiM).

Eva Lange, zuständige Referentin der EFiM, weiß, warum jedes Jahr viele Frauen mit Interesse und Begeisterung dabei sind. »Was den Weltgebetstag neben seiner ökumenischen Ausrichtung ausmacht, ist das spiri­tuelle Netz, durch das Christinnen auf der ganzen Welt miteinander verbunden sind.«

In der medial vernetzten Welt mag man kaum glauben, dass es vor Facebook und Twitter schon Bewegungen gab, die Menschen in der ganzen Welt miteinander zu verbinden suchten. Der Weltgebetstag aber hat Wurzeln, die bis ins 19. Jahrhundert reichen und gilt als größte ökumenische Basisbewegung von Frauen. Initiiert wurden die ersten Gebetstage 1887 von Frauenmissionswerken in den USA und in Kanada. Ein weltweiter Gebetstag wurde erstmals 1927 gefeiert. In Deutschland waren es die Methodistinnen, die den Geist des Weltgebetstages in die Gemeinden trugen. Heute ist die Bewegung in über 170 Ländern der Erde beheimatet – jedes Jahr wird ein anderes Land mit der Aufgabe betraut, die Gottesdienstordnung zu verfassen. Getreu dem Motto »Informiertes Beten – Betendes Handeln« wolle die Weltgebetstagsbewegung dazu beitragen, die Lebenssituation von Frauen anderer Länder kennenzulernen, erklärt Eva Lange. Durch die Kollekten werden zudem Projekte ­zugunsten von Frauen und Kindern unterstützt.

Der erste Teil des Leitspruchs steht an diesem Wochenende auf dem Plan der etwa 25 Werkstatt-Teilnehmerinnen in Weimar, die aufmerksam den Ausführungen der Magdeburger Pfarrerin folgen. In ihrem Vortrag vermittelt Cordula Haase neben Daten zur Geografie und Geschichte auch einen Eindruck vom Alltagsleben der Chilenen. Interessiert hört auch Melanie Schön zu. Die junge Frau aus Suhl ­arbeitet in einem Seniorenheim und nimmt schon zum dritten Mal an den Werkstatt-Tagen teil. »Ich nehme jedes Mal viele Anregungen mit, die sich auch gut in unseren Gottesdienst integrieren lassen«, erzählt sie.

Vielleicht übernimmt sie auch den Vorschlag der chilenischen Frauen, die Gaben und Fähigkeiten aller Teilnehmenden im Gottesdienst aufzuschreiben, in Körben zu sammeln und am Altar zu verlesen. Im Zentrum der von ihnen erarbeiteten Liturgie steht nämlich die Frage »Wie viele Brote habt ihr?« (Mk 6,38). Sie will Impulse geben, um über gerechtere Güterverteilung nachzudenken und die Bereitschaft des Einzelnen, seine Zeit, sein Geld oder seine Talente mit anderen zu teilen. »Das Besondere an den Weltgebetstagsgottesdiensten ist die Lebendigkeit, mit der sie gestaltet sind«, meint Eva Lange. Dies und die Vielfalt der kulturellen Einflüsse seien es, die den Weltgebetstag zu einem kleinen Highlight im Kirchenjahr machten.

Beatrix Heinrichs

(siehe auch unter der Rubrik Eine Welt)

Luther hätte es gefallen

27. Januar 2011 von redaktionguh  
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Sechs Tage lang war eine Gruppe von Lesern auf den Spuren Martin Luthers unterwegs von Erfurt nach Rom. Jetzt geht es zurück nach Deutschland.

Rovereto, 25.1.11

Zwischenstation auf der Rückfahrt, 600 Kilometer heute von Rom an einem sonnig-kalten Wintertag, morgen noch einmal rund 750 Kilometer bis Erfurt.

Am Frühstückstisch erzählt mir ein Ehepaar von ihrem gestrigen Begegnung mit Günter Beckstein. Der ehemalige bayrische Ministerpräsident gehört zur Delegation der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD). Sie hatten sich mit Beckstein schon nach dem sonntäglichen Gottesdienst in Rom unterhalten, gestern nun lief er ihnen in oder vor der Peterskirche über den Weg, er kam gerade von der Papstaudienz. Unsere beiden Mitreisenden fragten ihn natürlich, wie es „gelaufen“ sei. Die VELKD-Leitenden waren so wie wir in diesen Tagen in Sachen Luther in Rom, allerdings auf diplomatischer Ebene. Was ich höre, was meine Gesprächspartner von Beckstein gehört haben, ist, dass es vorerst keine gemeinsame Abendmahlsfeiern geben wird (wer hätte auch anderes erwartet?), und: Über die Haltung zum Reformationsjubiläum denkt der Vatikan nach. Naja.

Nach drei Tagen Rom bilanziert jeder in den Gesprächen seine persönlichen Eindrücke. Das Ehepaar am Frühstückstisch fand vieles interessant und sehenswert, aber so schnell wollen sie doch nicht wiederkommen, dazu sei die Welt zu groß, und es gäbe in ihr noch viel zu sehen. Für die Erfurter Lateinlehrerin ist die Rückkehr nach Rom keine Frage, sie weiß schon genau, wann sie das nächste mal mit einer Schulklasse in Rom sein wird.

Für ihre Kollegin Dorothea Wirthwein war es dagegen die erste, aber keineswegs letzte Begegnung mit Kultur und Geschichte der Ewigen Stadt, die für die Lehrerin aus Henneberg umso interessanter und bewegender gewesen ist, da sie die Fächer Religion und Geschichte unterrichtet. Und eine besondere Freude war es für Frau Wirthwein, dass sie die Reise als Gewinnerin des Weihnachtsrätsel von „Glaube+Heimat“ antreten konnte.

Während der Busfahrt studiere ich weiter meinen Reiseführer „Luther in Rom“. Es gibt wenig Belege für seine Reise und viele Vermutungen über sie. Die Sette chiese, die sieben Pilgerkirchen, wird er abgepilgert haben, die Stufen der Scala santa, der heiligen Treppe, an der Lateranskirche ist er auf den Knien betend hinauf gerutscht, um durch sein Gebet die Seele eines nahen Angehörigen aus dem Fegefeuer zu erlösen. Später erzählt er, er habe sich gefragt: „Wer weiß, ob das wahr ist.“ Die Katakomben des Heiligen Calixstus an der Via Appia hat er auch besucht.

Beeindruckt hat ihn, dass die Toten dort „schrenkicht“ liegen, er gibt sogar eine Zahl an, die offenbar seinerzeit verbreitetes Wissen war: 76 000 Märtyrer und 40 Päpste. Und schließlich sind Luther die protzigen Renaissance-Paläste der Kardinäle und Päpste aufgefallen. Auf dem Höhepunkt seiner Polemik gegen das Papsttum, erinnert er sich empört: „Welche Pracht, welcher Glanz, welche Eleganz kann in der ganzen Welt mit ihnen verglichen werden? Sie bauen nämlich so, als dächten sie, sie könnten sich das ewige Paradies in dieser Welt bereiten. … Man schämt sich selbst königliche Paläste mit ihnen zu vergleichen.“

Selbst für die wenigen mehr oder weniger nachgewiesenen römischen Lutherorte reichen aber drei Besuchstage nicht aus. Und dann gibt es die unübersehbaren, vielen indirekten Lutherspuren. Zunächst, auch die katholische Kirche wäre heute eine andere, wenn sie nicht gezwungen gewesen wäre, sich mit dem reformatorischen Gedankengut auseinanderzusetzen. Doch das ist eine andere lange Geschichte; morgen früh fahren wir Trient vorbei, der Stadt des Reformkonzils.

Ein Tischgespräch im Sinn des Reformators

Wenigstens ein sichtbares Zeugnis, wie Luthers Ideen das heutige Rom geformt haben, will ich doch nennen, es ist zugleich ein Zeugnis der Schönheit und des Ebenmaßes: die Piazza del Popolo und seine Porta, das Stadttor an der Via flaminia, dort wo Luther die Stadt betrat, dort wo der Konvent der Augustiner stand, heute einer schönsten Plätze Roms, ein elegantes Oval, mit symmetrisch angeordneten Kirchen und Gebäuden.

Der barocke Neubau des Stadttores geschah, damit das katholische Rom einen der größten Triumphe über die Luthersche Häresie im 17. Jahrhundert gebührend feiern konnte, den Einzug von Christine von Schweden. Die Ex-Königin und Tochter Gustav Adolfs, der im Dreißigjährigen für die Sache der Protestanten gefallen war, war zum katholischen Glauben konvertiert, ein propagandistischer Erfolg des Vatikans, und ein unerhörtes Ereignis, das in ganz Europa diskutiert wurde.

Bei Abendessen erzählt jemand, im italienischen Fernsehen einen Bericht über einen ökumenischen Gottesdienst am heutigen Bekehrungstag des Apostel Paulus in dessen Titelkirche in Rom gesehen zu haben, in San Paolo furi del Mura, (dort wo vor zwei Tagen der Luther-Olivenbaum gepflanzt worden war.) Der Papst war anwesend, und man sah Pfarrer Kruse einen Text aus dem Evangelium lesend.

Darauf entspinnt sich an unserem Tisch – an ihm sitzen unter anderem zwei Theologen – ein lebhaftes und leidenschaftliches Gespräch über beide Konfessionen, die Eucharistie, die katholische Lehre von der apostolischen Sukzession, die Bedeutung der Taufe usw. Als zum Nachtisch Eis mit Schokoladencreme serviert wird, sind wir allerdings bei Marxens Religionskritik und ein paar Minuten später bei der Vieldeutigkeit der Geschichte vom Sündenfall. Ein Tischgespräch im Geiste Luthers. Es hätte ihm gefallen.

Jörg Sobiella

Mein römischer Besucherfehler

25. Januar 2011 von redaktionguh  
Abgelegt unter Reisetagebuch

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Seit 19. Januar sind 45 Leser und Leserinnen von Glaube+Heimat für eine Woche unterwegs aufs Luthers Spuren nach Rom.

Rom, 24.1.2011

Die Weihnachtskrippe vor dem Petersdom steht noch bis Mariä Lichtmess.

Die Weihnachtskrippe vor dem Petersdom steht noch bis Mariä Lichtmess.

Mit der Metro zurück ins Hotel: Ich sehne mich nach einem heißen Bad. In der U-Bahn bin ich ein Müder unter Müden. Rom fährt mit gesenktem Kopf nach Hause, es riecht nach Arbeit und Erschöpfung. Touristen mit Reiseführern oder Stadtplänen haben sich nicht in diese Vorortbahn verirrt.

Nach drei Tagen Pflastertreten in Rom schleppe ich Blei in meinen Waden mit. Ich hatte es geahnt und mich wohlweislich gegen das Abendessen mit geschmettertem Belcanto zwischen den Gängen entschieden, zu dem sich alle anderen Mitreisenden entschlossen haben. Während ich hier schreibe, frage ich mich, was sie zwischen „Primi piatti“ und „Secondo piatti“ zu hören bekommen, ich tippe auf Rossini, die Figaro-Arie aus dem „Barbier von Sevilla“; Verdi, „Rigoletto“, die Stretta des Herzogs und Puccini, „La Boheme“, „Wie eiskalt ist Dein Händchen…“.

Ich habe mir eine Flasche Rotwein gekauft, Wasser, etwas Käse, Salami, Oliven und Äpfel; damit bin ich allemal zufriedener als mit den lieblosen Gerichten und pappigen Pizzen, mit der der massentouristische Durchschnitt in der Ewigen Stadt abgespeist wird. Die Herablassung der Kellner (übrigens auch die in unseren Hotel, das ansonsten gute Mittelklassezimmer in ruhiger Lage bietet), die barsche Art, wie sie uns bedienen, die Rechnungszettel auf die Tische knallen und das Wechselgeld hinschmeißen, spricht Bände. Und das alles bei sehr gehobenen Preisen.

Im Café am Nachmittag an den Bernini-Kollonaden des Petersplatzes zahle ich für ein Americano (ein Kaffee von der Größe unserer Normaltassen) und ein Stück Torta (Kuchen) zehn Euro. Fürs gleiche Geld bekommt man an der nächsten Ecke zwei Krawatten, die in Deutschland zusammen mindestens 60 Euro kosten würden. Nur Schlipse kann man nicht essen. Die römische Innenstadt lebt vom Tourismus, auch jetzt schon im Januar, doch den Römern scheint der Massentourist im Allwetter-Anorak, in Jeans, Goretex-Wanderschuhen, mit Wasserflaschen bestückten Rucksack und Digitalkamera ausgesprochen lästig zu sein.

Ich sehe auch so aus, und ich habe den Eindruck, in ihren Augen sind wir Barbaren, die zwar Umsatz bringen, aber eigentlich stören. In einem kleinen Geschäft – Roms Handel lebt von kleinen, bisweilen winzigen Geschäften, Kaufhäuser sind nicht beliebt – lasse ich mir einige Pullover zeigen, entschließe mich dann aber doch, nichts zu kaufen, die Verkäuferin wendet sich wortlos mit einer hochgezogenen Augenbraue ab. Schade, dass meine paar Brocken  Italienisch nicht ausreichen, sie zu bitten, dieses Mienenspiel zu wiederholen; ich hätte es gern fotografiert, es war der mit minimalster Bewegung perfekt erreichte Ausdruck vollständiger Verachtung.

Heute standen die Vatikanischen Museen auf dem Tagesprogramm. Ich bin erleichtert, sie an diesem Januartag bloß voll zu finden. Bei meinen zwei vorherigen Besuchen, jeweils in der Hauptsaison, schob sich jeder gegen jeden durch die stickigen Räume, vor lauter Köpfen und Körpern war mitunter nichts zu sehen. Ich nehme mir vor, falls noch einmal Rom, dann nur noch im Januar. Und wieder mache ich in den Vatikanischen Museen den Fehler, den ich meinen römischen Besucherfehler nenne möchte.

Rom nimmt einen auf jeden Schritt gefangen. Die Stadt ist an jeder Ecke, mit beinahe jedem Haus und jeder Kirche, Säule, Treppe, Brücke, Mauer, Inschrift, mit jedem Tor, Bogen, Park, Ruinenstumpf, Turm, Brunnen, mit jedem Denkmal und seinen sieben Hügeln eine geschichtliche und kunstgeschichtliche Versuchung zum Verweilen und Betrachten. Die Stadt fordert eine Selbstprüfung in Zielstrebigkeit und Konzentration. Wer nicht genau weiß, was er sich in der zur Verfügung stehenden Zeit anschauen will, hat schon gegen die ablenkende Überfülle der Zeugnisse, den einladenden Fassadenterror des Barocks verloren. Vom verführerischen Liebesblick der Waren, die aus den kleinen Lädchen hinaus auf die Gasse drängen, gar nicht zu reden.

Der frechste Witz der Malerei

In den Vatikanischen Museen will ich mir wieder alles (gleich ALLES, ich muss doch wahnsinnig sein!) ganz genau anschauen, nichts auslassen, statt mich auf einige ausgewählte Abteilungen zu konzentrieren, wie zum Beispiel die große, abgelegene und deshalb stille etruskische Sammlung. Ich wäre vermutlich noch jetzt zwölf Stunden später mit den Hunderten antiken Büsten im Museo Chiaramonti beschäftigt, wenn ich mich selbst beim Wort genommen hätte. Und so kommt wie es so oft beim Besuch großer Museen kommt, irgendwann laufe ich wie ein Fliehender vor den Kunstwerken durch die endlosen Galerien, weil ja trotz alledem einige bestimmte Sehenswürdigkeiten unverzichtbar sind: die Stanzen des Raffael, die Räume des Borgia-Papstes Alexander VI. und natürlich die Sixtinische Kapelle mit der anrührendsten Geste der Malerei, der Erschaffung des Menschen vermittels einer leichten Berührung – nein, stimmt nicht, es ist nicht einmal eine Berührung, es bleibt bei einem schwebenden Fingerzeig, einer grazilen Geste, deren Gott in all seiner massigen Körperlichkeit fähig ist. Der Mensch ein Fingerzeig des Schöpfers, ein unerwartet schöner Gedanke. Und im Fresko der Scheidung von Tag und Nacht hat Michelangelo den frechsten Witz der Malerei gleich mitgeliefert, dort zeigt uns Gott seinen nackten Hintern.

Während mir der Hals vom Hinaufschauen zu schmerzen beginnt, höre ich neben mir zwei deutsche Stimmen: „Guck mal, das ist auch schön.“- „Super.“- „Und das, wie findste das?“ –“Nö, da find ich das andere besser.“ Ich blinzele zur Seite, die beiden stehen unter Michelangelos Himmel mitten in der „Sistina“ und betrachten sich Fotos auf einem iPhone.

Jörg Sobiella

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