»Der Wind wird für uns rauer«

14. Januar 2011 von redaktionguh  
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Auch eine Frage des Stils: Auffällig viele FDP-Politiker haben in letzter Zeit die evangelische Kirche kritisiert. (Foto: picture-alliance/dpa)

Auch eine Frage des Stils: Auffällig viele FDP-Politiker haben in letzter Zeit die evangelische Kirche kritisiert. (Foto: picture-alliance/dpa)

 
Parteien: 
Angesichts der jüngsten Streitfälle mit den Liberalen stellt sich die Frage, wie politisch die Kirche sein darf.
 
Derzeit mehren sich gerade in der FDP die kirchenkritischen Stimmen. Vor allem in Sachsen ist der Streit mit der Landeskirche eskaliert.
 

Auf die evangelische Kirche ist der sächsische FDP-Chef Holger Zastrow derzeit nicht gut zu sprechen. Zuletzt hat er ihr in einem Zeitungsinterview sogar vorgeworfen, mit dem Thema Ladenöffnung »Klassenkampf« zu betreiben. Hintergrund für den Ärger des Liberalen ist der Streit um den Sonntagsschutz. Besonders aufgebracht hat den Politiker, dass die sächsische Landeskirche aus seiner Sicht wie eine Partei agiere. Inzwischen bemüht sich sogar die CDU, den Koalitionspartner zu mäßigen und den Frieden wiederherzustellen.

Doch auch in Thüringen und Sachsen-Anhalt hat es zuletzt mehrfach kritische Anmerkungen von liberaler Seite gegeben. So hat der Thüringer FDP-Generalsekretär Patrick Kurth jüngst die mitteldeutsche Kirche wegen des Vorstoßes von Landesbischöfin Ilse Junkermann zur Versöhnung mit Stasi-Tätern attackiert. Der Aufruf der Kirche sei missverständlich und schwierig, monierte der Bundestagsabgeordnete. Im Herbst hatte zudem ein FDP-Abgeordneter aus Sachsen-Anhalt die Bereitschaft der Bischöfin kritisiert, für die SPD in die Bundesversammlung einzuziehen.

Angesichts solcher Kritik fragen Beobachter nun, ob sich die FDP auf Kosten der Kirche profilieren wolle. »Nein«, widerspricht der sachsen-anhaltische FDP-Fraktionschef Veit Wolpert entschieden, »dahinter steckt keine Strategie.« Allenfalls in Sachfragen gebe es mitunter verschiedene Ansichten. »Natürlich« habe die Kirche das Recht, sich in gesellschaftliche Diskussionen einzubringen. Auch der Thüringer Parteikollege Kurth sieht das so. »Es gibt keine gezielte Kirchenkritik.«

Doch ganz so harmonisch ist das Verhältnis mitunter nicht. Nach Ansicht des Hallenser Politikwissenschaftlers Everhard Holtmann hat eine »antiklerikale Grundströmung« in der FDP schon eine gewisse Tradition, wenn auch vor allem in den alten Bundesländern. Die jüngsten Auseinandersetzungen will er jedoch nicht überbewerten. Hinter der Kritik vermutet Holtmannn eher pragmatische Gründe. So werfe in Sachsen-Anhalt der Landtagswahlkampf seine Schatten voraus und in Sachsen versuche sich die FDP als Partei des Mittelstandes zu profilieren.

Auch der Beauftragte der Evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung in Sachsen-Anhalt, Albrecht Steinhäuser, will von einem besonders gespannten Verhältnis zur FDP nichts wissen. Es habe im vergangenen Jahr zwar Diskussionen um die Staatsleistungen gegeben. »Aber das ging quer durch alle Parteien.« Grundsätzlich sei zu beobachten, dass die Kirchen in politischen Diskussionen nicht mehr geschont werden. Einen Rückzug aus den gesellschaftlichen Debatten dürfe es trotzdem nicht geben. »Wir müssen uns auch weiterhin zu Wort melden, aber unsere Stellungnahmen stärker aus dem Glauben heraus begründen«, empfiehlt der Beauftragte.

Ähnlich sieht es auch Wolpert. Wenn sich die Kirche in politischen Fragen zu Wort melde, müsse sie sich nicht wundern, wenn sie wie jeder andere politische Akteur behandelt werde, sagt er. Für seinen Thüringer Parteikollegen gehen die Vorwürfe ohnehin ins Leere. Die Kirche müsse auch Widerspruch in gesellschaftlichen Fragen ertragen, findet Patrick Kurth. Zudem stehe die Mehrheit der FDP-Mitglieder deutlich für die Verwurzelung in der christlich-abendländischen Tradition.

Das freilich dürfte parteiintern nicht ganz unumstritten sein. So ist Ende vergangenen Jahres bekannt geworden, dass sich mehrere führende FDP-Politiker, darunter auch Generalsekretär Christian Lindner, in einem Thesenpapier gegen eine Fixierung auf das Christentum und Judentum als Integrationsleitbild gewandt hatten. »Die Formel vom christlich-jüdischen Abendland kann als Ausgrenzungsformel missverstanden werden«, heißt es darin.  Schon deshalb dürften die jüngsten Auseinandersetzungen nicht folgenlos bleiben. »Die Kirche«, ist Steinhäuser überzeugt, »wird sich darauf einstellen müssen, dass der Wind rauer wird.«

Martin Hanusch

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