Liebe im Pfarrhaus

21. Januar 2011 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Pfarrer Holger Lübs (rechts) und sein Partner Rainer Wiesmaier gehen offen mit ihrer Homosexualität um. Die Gemeinde akzeptiert das engagierte Paar, das seit vielen Jahren als eingetragene Lebenspartnerschaft im Pfarrhaus wohnt. (Foto: Marcus Scheidel)

Pfarrer Holger Lübs (rechts) und sein Partner Rainer Wiesmaier gehen offen mit ihrer Homosexualität um. Die Gemeinde akzeptiert das engagierte Paar, das seit vielen Jahren als eingetragene Lebenspartnerschaft im Pfarrhaus wohnt. (Foto: Marcus Scheidel)

 
Neue Richtlinie der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland soll größere Sicherheit für homosexuelle Pfarrer schaffen.
 

Eigentlich passiert im Bischlebener Pfarrhaus bei Erfurt das Gleiche wie in anderen Pfarrhäusern auch: Herr Pfarrer betreut nicht weniger als zehn Kirchen in drei Kirchspielen. Seine »bessere Hälfte« richtet den ­Gemeinderaum her, pflegt das Umfeld und berät ihn. Nur verheiratet sind Holger Lübs und Rainer Wiesmaier nicht, sondern leben seit Jahren in ­einer eingetragenen Lebenspartnerschaft. Gleichgeschlechtliche Partner?! Die Reaktionen darauf reichen von einem beiläufigen »Na und?« bis zu empörten Schimpfreden.

Eine gerade verabschiedete Richtlinie der EKM spricht nun endlich Klartext: Nein, eine gleichgeschlechtliche Orientierung ist kein Unvereinbarkeitskriterium für die Ausübung des Pfarrdienstes. Empfohlen werden die vorherige Unterrichtung von Gemeindekirchenrat und Verwaltung und ein offener Umgang mit dem Thema.

»Ich fand das ja immer schlimm«, schildert Holger Lübs manch vergangene Verfahrensweise. »Da musste man hingehen zu seinem ›Fürsten‹, und der entschied dann nach Nase. Oder vielleicht nach der Strähne im Haar, wenn sie zu blond war …« Erlebt hat er das noch Anfang der 1990er Jahre. »Aufgrund Ihrer Lebensführung werden Sie nicht in den Dienst übernommen«, war ihm eröffnet worden, als er sich um eine Vikariatsstelle ­bewarb. »Jeder wusste, dass ich mit ­einem Mann zusammenlebte. Ich wollte das auch gar nicht verheimlichen«, beschreibt er seine offensive Haltung. Geholfen hat ihm damals der Erfurter Propst Heino Falcke.

Als Holger Lübs 2001 in Bischleben begann, schenkte er den Gemeinden im Pfarrblatt gleich reinen Wein ein: »Damit war der Wind raus!« Offenen Anfeindungen, erzählt er, sei er nie begegnet. Mit denen ­seitens konservativer Kollegen könne er gut leben. Seine engagierte Arbeit wird sehr geschätzt: in den Kirchen­gemeinden, im Kirchenkreis oder als Vorsitzender und kompetenter Sachverständiger des Evangelischen Kunstdienstes Erfurt. Zudem gehört Lübs dem Vorstand der ökumenischen ­Telefonseelsorge und dem ökumenischen Martinsausschuss an.

Ronny Hillebrand und seinem Partner Thoralf Thiel hingegen wurde auf ihrer ersten Pfarrstelle das Leben schwer gemacht. Mit 20, erzählt Pfarrer Hillebrand, wurde ihm klar: Ein Leben mit Frau und Kind, das gehe für ihn nicht. »Da werde ich nicht glücklich.« Für diese Erkenntnis wurde ihm glatt die Steinigung angetragen. Jetzt in Magdeburg ist seine Partnerschaft kein Thema mehr. »In den letzten Jahren wurde ein ermutigender Prozess angestoßen«, sagt er mit Blick auf Künstler und Politiker, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekennen.

Heike (Name geändert) will ihre Lebenspartnerschaft mit einer anderen Pfarrerin trotzdem nicht an die große Glocke hängen: »Wir leben einfach zusammen und wollen da gar nichts präsentieren.« Das anfängliche Bestreben einer Gemeinde, sich ausgemeinden zu lassen, war nach Verständnis schaffenden Worten schnell vom Tisch. »›Meine Tochter findet das ja cool‹, hörten wir zum Beispiel in einem Gemeindkirchenrat«, beschreibt sie die Stimmung. Befürchtungen würden dort eher hinsichtlich der ­älteren Gemeindeglieder laut. »Aber gerade so eine Frau um die 80«, ist die Pfarrerin begeistert, »gibt mir immer mit auf den Weg: Und grüßen Sie Ihre Frau!«

Kathrin Schanze

 

Gleichgeschlechtliche Paare im Pfarrdienst

Am 4. Dezember 2010 verabschiedete der Landeskirchenrat der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) eine Richtline, mit der für Gemeinden ein einheitliches Vorgehen in Bezug auf homosexuelle Partnerschaften im Pfarrhaus erreicht werden soll.

Im Prinzip, so Landesbischöfin Ilse Junkermann, habe man festgeschrieben, was bereits gängige Praxis ist.

Das Papier betont, dass eine gleichgeschlechtliche Orientierung kein Unvereinbarkeitskriterium für die Ausübung des Pfarrdienstes sei. Es wird ein offener Umgang erwartet sowie eine Information des Gemeindekirchenrats.

Wie bei Ehepaaren wird die Zugehörigkeit des Partners, der Partnerin in einer christlichen Kirche vorausgesetzt. Für die Segnung einer eingetragenen Lebenspartnerschaft wird der Bischofskonvent der EKM eine Regelung erarbeiten, betonte die ­Bischöfin. 

Die Worte der Trauangende zu übernehmen, lehne sie ab, um Verwechslungen mit der Trauung zu vermeiden.

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