Kirchen-Gespräch mit Sarrazin nach Protesten abgesagt

25. Februar 2011 von redaktionguh  
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Mitteldeutsche Bischöfin Ilse Junkermann begrüßt Absage. Initiatoren weisen Vorwürfe einer Wahlkampfhilfe für die rechtsextreme NPD zurück.
 

sarrazin-buchNach massiver Kritik ist eine kirchliche Diskussionsrunde mit Ex-Bundesbankvorstand und Buchautor Thilo Sarrazin in Halberstadt einen Tag vor der Veranstaltung abgesagt worden. Der Druck sei vor allem von kirchlicher Seite und von einstigen Weggefährten unerträglich geworden, erklärten die Initiatoren am 23. Februar zur Begründung in Halberstadt.

Der Geschäftsführende Pfarrer des Evangelischen Kirchspiels Halberstadt, Harald Kunze, und der früher für den Ort zuständige Pfarrer Hartmut Bartmuß von der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche kündigten zugleich das Aus ihrer Anfang 2005 gestarteten Diskussionsreihe “Halberstädter Abend” in der Winterkirche des Doms für April an.

Die Einladung von Sarrazin im Rahmen der Veranstaltungsreihe hatte bereits vor Tagen eine Welle der Empörung ausgelöst. So warf der bildungspolitische Verein “Miteinander” den Organisatoren vor, der NPD eine Wahlkampf-Plattform zu bieten. Kritik äußerte auch der Beauftragte der Evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung, Albrecht Steinhäuser.

Die Magdeburger Bischöfin Ilse Junkermann äußerte sich “erleichtert” über die Absage und “dass die Verantwortlichen die dringende Bitte aus der Landeskirche gehört” hätten. Die NPD habe den geplanten Diskurs “für ihre Zwecke in solch einem Maß instrumentalisiert, das er für die mitteldeutsche Kirche “nicht mehr tolerierbar” gewesen sei, betonte Junkermann.

Die NPD hatte angekündigt, “Wahlkampfhelfer Thilo Sarrazin” mit einer Kundgebung zu “begrüßen”. Zudem plante die rechtsextreme Partei einen “ganztägigen Infotisch” in der Innenstadt. Mitglieder aus der Kirchengemeinde hatten zu einer Protestaktion dagegen aufgerufen. Unterstützt wurde sie von der “Arbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus” der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

In ihrer Erklärung weisen die beiden Pfarrer Bartmuß und Kunze den Vorwurf von Wahlkampfhilfe als “völlig abwegig” zurück. Sie hätten bislang “an vielen Stellen” ihres Dienstes “dem braunen Ungeist” Widerstand entgegengesetzt. Nun müssten sie erleiden, dass sie in “infamer Weise” beschuldigt würden, “unseren erklärten politischen Gegnern “Wahlkampfhilfe” zu leisten.

Wie die Mitorganisatorin der Protestaktionen gegen den Sarrazin-Abend, Angela Kunze-Beiküfner, dem epd sagte, werden die seit Sonntag andauernden täglichen Friedensgebete in der Liebfrauenkirche trotz der Absage am Donnerstag fortgesetzt. Ebenso bleibe es bei einer geplanten “Prozession”, die sich nunmehr gegen die NPD sowie Rechtsextremismus und Rassismus richte, betonte Kunze-Beiküfner, die Gemeindemitglied und Dozentin am Pädagogisch-Theologischen Institut in Drübeck bei Wernigerode ist.

Sarrazin steht vor allem wegen seiner umstrittenen Thesen zur Integration von Ausländern in seinem Buch “Deutschland schafft sich ab” in der Kritik. In Sachsen-Anhalt wird am 20. März ein neuer Landtag gewählt. Dabei strebt die NPD den Einzug in den dritten ostdeutschen Landtag an.

Bartmuß und Kunze wollten Sarrazin laut Einladung “zu seinen Ansichten befragen” sowie Themen wie etwa Toleranz und Streitkultur zur Sprache bringen. Auch hätten Bücher von Sarrazin “erworben und signiert werden” können.

Bei den letzten Veranstaltungen des “Halberstädter Abends” sollen am 10. März der Chefredakteur der “Bild”-Zeitung, Kai Dieckmann, und am 14. April der Historiker und Politologe Michael Wolffsohn von der Universität der Bundeswehr in München zu Gast sein. Damit ende dann eine “über sechsjährige Erfolgsgeschichte”, erklärten die Pfarrer.

(epd)

Brückenbau zu den Menschen

25. Februar 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Pastorin Monika Kunt (rechts) mit den Mitarbeiterinnen der Jugendscheune Könitz und des Pfarrgeländes, Annette Heinze und Nicole Hasse (von links nach rechts). Foto: Andreas Abendroth

Pastorin Monika Kunt (rechts) mit den Mitarbeiterinnen der Jugendscheune Könitz und des Pfarrgeländes, Annette Heinze und Nicole Hasse (von links nach rechts). Foto: Andreas Abendroth


 Seit fünf Jahren gibt es in Könitz die Jugendscheune.
 

Auf den Dörfern sieht es für Jugendliche oft mau aus. Angebote für die Freizeitgestaltung gibt es vorrangig in den Städten. In der Region zwischen Saalfeld und Pößneck gibt es ab sofort einen Treffpunkt für Jugendliche mit viel Programm. Jetzt werden wir die Jugendscheune mit Leben füllen.« Mit diesen Worten hatte Pfarrerin Monika Kunt am 25. Februar 2006 in Könitz die Jugendscheune eröffnet.

Nun sind fünf Jahre vergangenen. Die richtige Zeit, um nachzufragen, was aus dem »Projekt Jugendscheune« in der Evangelischen Kirchengemeinde Könitz geworden ist.

jugendscheune-2Pfarrerin Kunt sollte mit ihrem ­Vorausblick recht behalten. Die »Jugendscheune« hat sich zu einem multikulturellen Zentrum des Ortes und weit darüber hinaus entwickelt. »Mit der ›Jugendscheune‹ ist uns ein Brückenbau gelungen«, resümiert die Pastorin voller Freude. Das Haus ist eine Stätte der Ökumene, ein konfessionsübergreifender Treffpunkt. Spricht man von der »Jugendscheune«, spricht man von Inhalten mit Nachhaltigkeit, für alle Altersklassen.

Hier wird Kirchen- und Glaubensarbeit geleistet. Die Kinder treffen sich zur Christenlehre, jeden Montag probt hier der Kirchenchor und in den kälteren Monaten wird die Scheune zur Winterkirche, ein Gebets- und Andachtsort.

Darüber hinaus versammelt sich hier der örtliche Gemeinderat, ist das Haus eine Kulturstätte im ländlichen Raum. »Damit finden hier auch Menschen Zugang, die der Kirche und dem christlichen Glauben nicht nahestehen«, erzählt die Pastorin. Sie erinnert sich an die Arbeit mit den Clownskindern, Theaterauftritte, Puppenspiele, Bauchtanzkurse und Konzerte. Der musikalische Höhepunkt war der Besuch der Popgruppe »Die Prinzen«.

In den vergangenen Jahren wurden zudem praktische Projekte wie »Natur rund um den Kirchturm« oder das derzeitige Projekt »Biblische Kräuter und Düfte« veranstaltet. »Auch beim alljährlichen Weltgebetstag platzen wir mittlerweile sprichwörtlich aus allen Nähten«, fügt Monika Kunt hinzu.

Doch das diesjährige fünfte Jahr der Jugendscheune ist auch ein Jahr mit großen Veränderungen. Im September wird Pfarrerin Monika Kunt in den Ruhestand gehen, Pfarrhaus und Könitz verlassen. Zudem werden die Kirchbereiche Könitz und Kamsdorf zusammengelegt. »Ich wünsche mir, dass sich jemand findet, der Mut dazu hat, die vielschichtige Arbeit im Bereich ›Jugendscheune‹ fortzuführen«, betont die Pfarrerin.

Zudem hofft sie, »dass die Kirchengemeinde die Verantwortung für ihr Aushängeschild ›Jugendscheune‹ auch weiterhin übernimmt, sich weltoffen zeigt«. Auch appelliert sie bereits jetzt an alle Unterstützer und Gemeindeglieder, daran zu denken, dass auf der Kirche und der »Jugendscheune« noch Restkredite lasten. »Diese müssen dann auch getilgt werden«, so Kunt.

Doch bis zum Ruhestand ist der Terminplan noch prall gefüllt. Als Nächstes steht am 25. Februar das ­Jubiläum »Fünf Jahre Jugendscheune Könitz« auf dem Programm. Um 19.30 Uhr startet keine riesige Feier. Es wird eher eine Dankeschönveranstaltung mit vielen Überraschungen sein. Zunächst eine kleine Andacht, danach ein buntes Programm für alle. Eben ein Abend der Begegnung von vielen Menschen.

Andreas Abendroth

Einst eine exotische Insel

25. Februar 2011 von redaktionguh  
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MDR-Fernsehen beleuchtet das Leben der Landkommune im Pfarrhof von Hartroda.

Eine Mischung aus Kommune und christlicher Bruderschaft: die Wohngemeinschaft in Hartroda. (Foto: Archiv Matthias Vernaldi)

Eine Mischung aus Kommune und christlicher Bruderschaft: die Wohngemeinschaft in Hartroda. (Foto: Archiv Matthias Vernaldi)


 

Wir wollten weder von Mutti betuttelt werden noch den Rest unserer Zeit sehnsüchtig den Stationsflur hinuntersehen«, erinnert sich der seit seiner Geburt an Muskelschwund erkrankte und auf den Rollstuhl angewiesene Matthias Vernaldi, der 1978 im zehn Kilometer westlich von Schmölln gelegenen Hartroda mit Freunden eine Wohngemeinschaft von Behinderten und Gesunden gründete. Der in der DDR einzigartigen Initiative ist ein halbstündiger Beitrag im MDR-Fernsehen gewidmet.

»Wir – das waren außer mir: Affe, Hugo, Kartoffel und Maikel. Ein paar Jahre zuvor waren wir Schüler des ­Marienstiftes in Arnstadt gewesen. Außerdem gehörte unser Pfleger Peter dazu. Es gab unter den Mitarbeitern des Stiftes eine Menge Leute wie Peter – Leute, die ein Leben jenseits der üblichen Vorgaben und Normen führen wollten, Leute mit langen Haaren, Jeans und Jesuslatschen. Mit ihnen kamen die Gedanken der 68er und Vorstellungen von neuen Formen des Zusammenlebens in unsere unreifen Hirne«, berichtet Matthias Vernaldi über die Anfänge. »Wir stellten uns irgend so eine ­Mischung aus Kommune und ­christ­licher Bruderschaft vor. Die Nichtbehinderten sollten den Behinderten die Hilfen geben, die diese brauchten.«

Mit Hilfe der Thüringer Landeskirche konnten im Juni 1978 zunächst fünf behinderte und zwei gesunde junge Männer im leerstehenden Pfarrhof einziehen. Im Laufe der Zeit wuchs die Gruppe.

»Zu den meisten Leuten im Dorf haben wir gute Beziehungen. Natürlich wird über uns geredet, weil unser Lebensstil fremd und ungewöhnlich ist«, schreibt Vernaldi 1988 in »Glaube+Heimat«.

Als Absolvent des Kirchlichen Fernunterrichts hielt er in der vakanten Pfarrstelle Gottesdienste und Unterrichtsstunden. Aber auch Theateraufführungen, Lesungen und Ausstellungen gehörten dazu. So entwickelte sich Hartroda zu einer »exotischen Insel im grauen Meer der sozialistischen Realität«. Darüber berichtet minutiös die Stasi-Akte »Parasit«.

Vernaldi, der 16 Jahre zur Kommune von Hartroda gehörte, lebt seit 1994 in Berlin. Obwohl er rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen ist, ­engagiert er sich im »Bündnis für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen« und für die Arbeit »persönlicher Assistenten«, deren Dienstpläne nach den Bedürfnissen Behinderter erstellt werden. Außerdem ist er journalistisch für die Zeitschrift »Mondkalb« tätig.

Michael von Hintzenstern

»Die Kommunarden von Hartroda«, 3. März, 22.35 Uhr, MDR Fernsehen

Ein Leuchter als Gastgeschenk

25. Februar 2011 von redaktionguh  
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Pfarrer Thomas Meinhof hielt die Andacht im Rohbau der Kapelle. (Foto: H.-Dietrich Kunze)

Pfarrer Thomas Meinhof hielt die Andacht im Rohbau der Kapelle. (Foto: H.-Dietrich Kunze)

 
In der Kapelle Mark Zwuschen wurde jetzt erstmals Gottesdienst gefeiert.
 

Das Bauwerk ist zwar noch nicht ganz fertig und der Wind zieht durch die zahlreichen Ritzen. Doch das tat der feierlichen Stimmung keinen Abbruch. Erstmals feierte Pfarrer Thomas Meinhof aus Seyda am 13. Februar in der kleinen Kapelle in Mark Zwuschen (Kirchenkreis Wittenberg) einen Gottesdienst, zu dem rund 40 Besucher gekommen waren. Für etwas Wärme sorgte ein Gasstrahler. Vorbereitet hatten den Gottesdienst Mitglieder der Vereine Kapelle Mark Zwuschen und von »Landimpuls« sowie Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Mark Zwuschen.

Besonders herzlich begrüßte der Pfarrer katholische Gäste aus Heiligenstadt im Eichsfeld. Es waren neun Sänger, die sich als Männerschola formiert haben. Als Gastgeschenk brachten sie einen schmiedeeisernen Standleuchter mit, den sie selbst angefertigt hatten. Er besteht aus einer quadratischen Achse, die einmal an einem Wagen die Räder trug.

Die Leuchterschale, die für eine Kerze bestimmt ist, wurde ebenfalls in Handarbeit geformt. »Diese schwierige Arbeit haben wir einem katholischen Priester aus Sonneberg übertragen«, berichtete Chormitglied Peter Anhalt. Der Priester Andreas Anhalt ist sein Bruder und eigentlich gelernter Schmied, bevor er das Theologiestudium aufnahm. Gelernt hatte er den Beruf in der Schmiede seines Vaters in Heiligenstadt.

Peter Anhalt erklärte auch, wie die Kontakte zur evangelischen Gemeinde entstanden sind. Pfarrer Thomas Meinhof stammt nämlich aus Heiligenstadt. Sein Vater war dort Pfarrer. Bereits vor fünf Jahren waren Heiligenstädter Katholiken erstmals zu Besuch in Seyda. Damals erfuhren sie von den Plänen zum Neubau der Kapelle.

Nach Gründung des Vereins unter Leitung von Heiko Meißner ging es ziemlich rasch voran. Im September 2009 war Baubeginn, zahlreiche Sponsoren unterstützten das Vorhaben seitdem. Auch viele Gemeindeglieder halfen ehrenamtlich mit.

Doch der Bau des kleinen Gotteshauses ist nicht ganz unumstritten. Kritisch sieht den Neubau etwa der Wittenberger Superintendent Christian Beuchel. »Wir haben mit 162 Gotteshäusern genug Kirchen im Kirchenkreis.« Der Bau sei deshalb nicht erforderlich gewesen, meint der Superintendent. Außerdem läge der Standort ziemlich abseits. Für ihn sei und bleibe es eine »Privatkapelle«.

Die Vereinsmitglieder sowie Pfarrer Thomas Meinhof sind trotz solcher Vorbehalte mit Leib und Seele dabei. Einen Termin für die endgültige Fertigstellung gibt es zwar noch nicht. Aber sie hoffen, dass sie »den Rest« auch noch stemmen werden.

H.-Dieter Kunze

Von der Kirche in den Kuhstall

25. Februar 2011 von redaktionguh  
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Geschäftsführer Andreas Zerneke führte die Landesbischöfin durch den ökologischen Landwirtschaftsbetrieb in Kusey. (Foto: Martin Hanusch)

Geschäftsführer Andreas Zerneke führte die Landesbischöfin durch den ökologischen Landwirtschaftsbetrieb in Kusey. (Foto: Martin Hanusch)


Landesbischöfin Ilse Junkermann besuchte Landwirtschaftsbetriebe in der Altmark.
 

Der 11.000-Liter-Tank blitzt im Licht. Eigens für den hohen Besuch ist die Melkstation im altmärkischen Dannefeld noch einmal poliert worden. »Unsere Milch«, sagt Landwirtin Urte Rötz nicht ohne Stolz, »wird in der Gläsernen Meierei Upahl verarbeitet.« 1998 hat die Wiedereinrichterin mit Hofstellen in Mieste und Dannefeld (Kirchenkreis Salzwedel) auf ökologischen Landbau umgestellt. Im Stall stehen derzeit 120 Milchkühe, dazu bearbeitet das Familienunternehmen mit vier Mitarbeitern insgesamt 465 Hektar Nutzfläche. Zwar könnten sie mit dem Milchpreis nicht ganz zufrieden sein, erklärt die ­Seniorchefin. Doch im Vergleich zur konventionellen Milcherzeugung sei­en sie in der Krise vor zwei Jahren nicht so stark abgesackt.

Aufmerksam hört Ilse Junkermann zu, was ihr die Landwirte erzählen. ­Einen Tag lang hat sich die Bischöfin Zeit genommen, um etwas über die ländliche Situation im Norden der mitteldeutschen Kirche (EKM) zu ­erfahren. Gemeinsam mit dem Stendaler Propst Christoph Hackbeil hat Siegrun Höh­ne, EKM-Beauftragte für den kirchlichen Dienst auf dem Lande, die Tour vorbereitet. Es gehe darum, die Bischöfin für die Fragen des ländlichen Raumes zu sensibilisieren und ihr zu zeigen, welche Rolle die Landwirtschaft in der Region spiele, erläutert Siegrun Höhne.

In den Dörfern stößt der Besuch auf ein großes Echo. »Es passiert ja nicht alle Tage, dass uns eine Bischöfin besucht«, sagt Ortsteilbürgermeister Wilfried Kuhrs in Dannefeld.

Im Landwirtschaftsbetrieb Könnig-Zerneke GmbH in Kusey berichtet ­Geschäftsführer Andreas Zerneke von den schwierigen Anfangsjahren nach der Neugründung 1999. Die Landwirtschaft im Osten sei nach der Wende nicht immer unproblematisch gewesen, erzählt er. Heute arbeite das Unternehmen nach Umstellung auf den Ökolandbau wieder gewinnbringend. Der Betrieb umfasst 400 Hektar Grünland mit Mutterkuhhaltung und 480 Hektar Ackerland. »Aber«, räumt der Geschäftsführer ein, »wir müssen immer wieder auf neue Entwicklungen reagieren.«

Zum Abschluss stattet die Bischöfin der Agrargenossenschaft im benachbarten Immekath einen Besuch ab. Das Unternehmen mit 12 Mitarbeitern ist 1991 aus einer LPG entstanden und bearbeitet heute 1400 Hektar Ackerland. Auch hier dreht sich beim Gespräch vieles um die Veränderungen in der Landwirtschaft. »Mir ist deutlich geworden, welch große Rolle die Enteignung und die Folgen der Wende immer noch spielen«, erklärt die Bischöfin später.

Bei einer abschließenden Runde mit den Landwirten und Verbandsvertretern kommen zudem die aktuellen Probleme auf den Tisch. So machen die Unsicherheiten im Blick auf die Preisentwicklung und bürokratische Vorschriften den Landwirten zu schaffen. Zwar sei die Zahl der Mitarbeiter auf dem Land seit Jahren konstant, berichtet Professor Fritz Schumann, Hauptgeschäftsführer des Landesbauernverbandes Sachsen-Anhalt. Doch schon heute zeichne sich ein Nachwuchsproblem ab. Derzeit liege das Durchschnittalter der Landwirte in Sachsen-Anhalt bei 48 Jahren.

Sein Kollege Tilmann Schwartzkopff vom Deutschen Bauernbund sieht zudem neue Probleme durch Großinvestoren auf die bäuerlichen Betriebe zukommen. Derzeit kauften Fonds große Flächen auf und spekulierten auf die Wertsteigerung. Und selbst die Kirche bekommt ihr Fett weg. Bei der Verpachtung von Kirchenland müsse sie darauf achten, nicht nur nach dem »schnöden Mammon« zu schielen, sagen die Verbandsvertreter übereinstimmend.

Um dieses Konfliktfeld weiß die Bischöfin durchaus. Seit einiger Zeit sei ein Synodalausschuss dabei, hier Kriterien festzulegen, sagt sie. »Schließlich ist es auch eine Frage der Nachhaltigkeit, dass die Verbindung der Bauern zum Boden wachsen kann.«

Martin Hanusch

Damit die Beziehung zu Gott nicht abbricht

25. Februar 2011 von redaktionguh  
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Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.
Hebräer 3, Vers 15

Thomas Perlick, Pfarrer in Römhild

Thomas Perlick, Pfarrer in Römhild

Als Kind spielte ich gern am Wasser. Hinter unserem Haus floss ein kleiner Bach. Mit wenigen Stöcken konnte man dort für eine kleine Überschwemmung sorgen. Man musste die Hölzer nur an der richtigen Stelle verkeilen. Das Wasser »stockte« dann. Aus einem fließenden wurde ein stehendes Gewässer, und auf dem Acker bildete sich ein kleiner See.

Dem betroffenen Bauern gefiel das gar nicht. Mit festen Handgriffen zog er die Stöcke heraus. Der Bach kehrte in sein Bett zurück. Immer wieder ­haben wir damals für diese »Verstockung« gesorgt. Alles Fließende kam zum Erliegen. Blockade. Stillstand.

Manchmal ist es in uns genauso. Irgendetwas liegt quer: ein schlimmes Wort, verkeilt in unserem Herzen. Vielleicht hat es jemand zu uns gesagt oder wir zum ihm. Der Fluss der Freude ist ins Stocken gekommen. Die Wasser der Verbindung zum anderen fließen nicht mehr. Wir sind »zu«, wie man umgangssprachlich so treffend sagt. Wenn das mit unseren Arterien passiert, merken wir, wie gefährlich es ist. Aber in der Flusslandschaft der Seele kann es auch großen Schaden anrichten.

Die Bibel spricht häufig von »Verstockung«, besonders im Alten Testament. Da begegnet uns manchmal ein richtiges »Trotzkopfvolk«. Oft genug kann man es ja auch verstehen.

Wer so lange durch die Wüste des Lebens irrt, der kann schon mal »zu« sein.

Verstockten Herzens.

Wer kennt das nicht aus den Wüstenerfahrungen seiner eigenen Biografie?

Nur, was passiert, wenn die Verstockung sich nicht löst? Wenn wir darin verkeilt bleiben? Davon spricht unser Bibelvers: Dann nämlich hören wir die Stimme Gottes nicht mehr. Damit ist der Gebetsfaden zu ihm zerrissen. Und das Gespräch mit Gott ist immer heilsam für unser kleines Leben. Es hat mit dem »Heute« zu tun.

Deshalb: »Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet!« Ja, dann bleibt offen dafür! Oder: »Verstockt eure Herzen nicht!«

Thomas Perlick

Eine besondere Verbindung

25. Februar 2011 von redaktionguh  
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Mehr als 4,7 Millionen Handwerker in Deutschland fragen sich, was die Welt ohne sie wäre. Und es kommt die Frage auf: Was wäre das Handwerk ohne die Kirche?

 

Engagiert: Tischlermeister Jörg Ritschel begleitet als Kirchenältester mit Sachverstand das Baugeschehen an der Kirche in Tiefurt bei Weimar.	 (Foto: Maik Schuck)

Engagiert: Tischlermeister Jörg Ritschel begleitet als Kirchenältester mit Sachverstand das Baugeschehen an der Kirche in Tiefurt bei Weimar. (Foto: Maik Schuck)

Handwerk und Kirche sind seit ihren Anfängen fest miteinander verbunden. »Wenn das Handwerk gefragt ist, dann bei uns«, betont Kirchenoberbaurat Bernd Rüttinger. Vor allem für mittelständische Handwerksbetriebe ist die Kirche ein wichtiger Auftraggeber. Im Vordergrund steht die Individualität, denn Reparaturen, Restaurationen und Neuanfertigungen verlangen oft nach filigraner und gekonnter Handwerkskunst. Beauftragt werden Experten, von denen es meist nur noch wenige gibt. Sie sind Goldschmied, Gürtler, Tischler oder Glaser, meist gebunden an die Familientradition und geübt in alten Techniken.

»Wenn es in den 4031 Kirchen und Kapellen der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) etwas zu tun gibt, sind keine Serienanfertigungen gefragt«, sagt Rüttinger, der das Baureferat im Landeskirchenamt in Eisenach leitet. Die meisten kirchlichen Bauwerke stehen unter Denkmalschutz. »Ich sage immer: Wenn wir einen Euro von der Denkmalschutz­behörde bekommen, dann wird für sechs Euro gebaut«, erklärt Rüttinger.

Für Bettina Seyderhelm ist die Symbiose von Kirche und Handwerk eine Frage der Abwägung. »Wir haben es mit wertvollem Kunst- und Kulturgut zu tun und müssen genau festlegen, wo der Handwerker gefragt ist und wo der Fachrestaurator«, sagt die Fachreferentin für kirchliches Kunstgut, die für Sachsen-Anhalt sowie Teile Brandenburgs und Sachsens zuständig ist.

Rund 150.000 Ausstattungsgegenstände aus zehn Jahrhunderten befinden sich im Besitz der Kirchengemeinden der EKM, darunter wertvolle Altäre, Taufsteine, Skulpturen, Kruzifixe und Gemälde. »Sie haben einen künstlerischen, geschichtlichen und materiellen Wert«, weiß Seyderhelm. »Die alten Kunstformen verlangen einfach nach alten Handwerkstechniken.«

Arbeiten an einem mehrere Hundert Jahre alten Altar oder einem kunstvoll verglasten Kirchenfenster können nur von erfahrenen Experten fachgerecht ausgeführt werden.

Erfahrungen, die auch Klaus Wellmann von der gleichnamigen Tischlerei und Restauratorenwerkstatt aus Salzwedel die Zugehörigkeit zu diesem elitären Handwerkerkreis erlauben. Der Tischlermeister aus der Altmark hat vor fast 15 Jahren die Spezialisierung zum »Restaurator im Tischlerhandwerk« gemacht und ist seitdem ein gefragter Dienstleister. Kirchentüren, Chorgestühle, Orgelprospekte oder Füße von Taufbecken – jeder Auftrag ist eine ganz besondere Herausforderung für den 43-Jährigen.

»Die Arbeit ist sehr reizvoll und man hat manchmal das Gefühl, schöpferisch tätig zu sein«, sagt er. Die Zusammenarbeit mit Fachrestauratoren aus ganz Deutschland schätzt der Handwerker sehr. »80 bis 90 Prozent der Aufträge unseres kleinen Familienbetriebs liegen in der Restaurierung«, sagt Wellmann. Viele davon realisiert er in pittoresk ausgestatteten Dorfkirchen.

Auch Malermeister Dieter Volkland aus Eisenberg in Thüringen hat fast sein ganzes Handwerker-Leben der denkmalbezogenen Bauwirtschaft und der Kirchenrenovierung gewidmet. Der gelernte Kirchenmaler hat in mehr als 50 Kirchen gearbeitet.

»Es sind ganz besondere, spezielle Aufgaben«, sagt der 73-Jährige. »Die eine Kirche ist reich geschmückt, die andere wieder ganz nüchtern.« Sein handwerkliches Können hat er vielfach unter Beweis gestellt: Aufwendige Putzarbeiten, Vergoldungen, Stuckreparaturen oder die Freilegung überstrichener Wand- und Deckenmalereien gehörten zum Repertoire des Handwerksmeisters. »Allein über das Malerhandwerk in Kirchen kann man ein ganzes Buch schreiben«, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Den Familienbetrieb hat er ganz traditionell an seine Tochter übergeben. »Wir waren schon immer Kirchenmaler und Denkmalpfleger aus Passion«, sagt er. »Und werden es auch bleiben.«

Sabrina Gorges

Beigeschmack

25. Februar 2011 von redaktionguh  
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606809_39186252Manchmal zählt nur die Tatsache, dass es überhaupt ein Ergebnis gibt. So ist es wohl auch im Falle der Einigung bei den Hartz-IV-Gesprächen vom vergangenen Wochenende.

Nach achtwöchigen, zum Teil quälenden ­Verhandlungen haben sich Regierungskoalition, SPD und die Bundesländer endlich auf eine Reform verständigt. Demnach werden die Leistungen für Hartz-IV-Bezieher um fünf auf 364 Euro und mit Beginn des Jahres 2012 noch einmal um drei Euro angehoben.

Außerdem wird das Bildungspaket für rund 2,5 Millionen bedürftige Kinder aufgestockt. Die Neuregelung soll so dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes folgen, das vor einem Jahr eine transparentere Berechnung angemahnt hatte.

Doch ein schaler Beigeschmack bleibt nach dem jetzigen Kompromiss.

Vor allem die willkürliche Festlegung bei der Erhöhung der Regelsätze sorgt für Kritik. Die Diakonie ist bei ihren Berechnungen zu ganz anderen Zahlen gekommen. Ohnehin gehen viele Beobachter davon aus, dass die Entscheidung erneut in Karlsruhe landen wird.

Was aber weit schwerer wiegt als das parteipolitische Hickhack um fünf oder acht Euro, ist die Frage, wie es um die Teilhabegerechtigkeit steht. Solange Menschen keine Chance erhalten, aus ihrer Notlage herauszukommen bzw. selbst genug zu verdienen, bleibt Hartz IV ein Stigma. Die Menschen benötigen jedoch nicht nur mehr Geld, sondern das Gefühl, gebraucht zu werden. Das freilich kann keine Sozialreform leisten.

Einziger Lichtblick der jetzigen Kompromisslösung ist deshalb die Erhöhung des Bildungspaketes für die Kinder.

Wenn künftig mehr Geld für die Schulsozialarbeit, Bildungsangebote und Mittagessen zur Verfügung stehen, kommt das den wirklich Bedürftigen zugute. Damit wird auch etwas für die Bildungsgerechtigkeit getan, um die es sonst nicht zum Besten bestellt ist. Zudem scheint sich endlich die Erkenntnis durchzusetzen, dass nach der Bankenrettung und den Konjunkturpaketen auch etwas für die Familien getan werden muss.

Martin Hanusch

Die Hausaufgaben macht Yvonne im Kloster

18. Februar 2011 von redaktionguh  
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Die Begegnungsstätte »Liora« im Gothaer Augustinerkloster bietet mehr als Freizeitbeschäftigung.



Pfarrer Uwe Tinius hilft Yvonne ­geduldig bei ihren Aufgaben. (Foto: Agentur Simmen)

Pfarrer Uwe Tinius hilft Yvonne ­geduldig bei ihren Aufgaben. (Foto: Agentur Simmen)


»Wenn wir die Kinder nicht fördern, sind sie unsere Problemfälle von morgen«, ist sich Wieland Hartmann sicher. Der Pfarrer leitet die Begegnungsstätte »Liora« im Gothaer Augustinerkloster. Und die bietet mit Hausaufgabenbetreuung eine nicht alltägliche Dienstleistung an.

Sechs Kinder nutzen die Möglichkeit. Unter ihnen die achtjährige Yvonne, die im September eingeschult wurde.

Im Gegensatz zu ihren Geschwistern, die auf eine Förderschule gehen, besucht Yvonne die »normale« Grundschule. Sie hat Spaß am Lernen. Und sie hat die Chance, sich mit einer guten Schulausbildung im Leben behaupten zu können.

Doch ohne Förderung schwinden ihre Möglichkeiten rasch dahin. Hilfe von zu Hause kann das Mädchen nicht erwarten. Nicht, weil ihr die Eltern sie verweigern. Sie sind nicht in der Lage, ihrer Tochter bei den Hausaufgaben zur Seite zu stehen. Deshalb drängen sie ihr Kind förmlich in die Begegnungsstätte.

Eine Beobachtung, die Wieland Hartmann immer öfter macht: »Die Eltern spüren, dass ihren Sprösslingen bei uns in einer Form geholfen wird, die sie nicht bieten können oder auch ­teilweise nicht wollen.«

Die Hausaufgabenbetreuung ist eingebettet in das gesamte Angebot von »Liora«. Monat für Monat wird ein Programm für die Kinder zusammengestellt, bei dem sie natürlich mitreden können. Wer mag, bekommt ein warmes Mittagessen. Ehrenamtliche Betreuer nehmen sich der Kinder an. Sie spielen mit ihnen, es gibt täglich gemeinsames Kaffeetrinken – und eben die Betreuung bei den Hausaufgaben. »Das darf man nicht mit Nachhilfe verwechseln«, betont Wieland Hartmann, »denn das können wir nicht leisten.«

Die Begegnungsstätte – initiiert von Diakonie, Stadtkirchengemeinde und Kirchenkreis Gotha – funktioniert allein durchs Ehrenamt. Wer sich hier um die Kinder kümmert und mit ihnen Hausaufgaben macht, tut es aus Überzeugung.

Wie etwa Marcel. Der junge Mann hat Bäcker gelernt, eine Anstellung in seinem Beruf fand er bislang nicht. »Zu Hause rumsitzen ist nicht mein Ding«, sagt er. »Ich will etwas tun, und wenn ich dabei helfen kann, um so besser.« So kommt er Tag für Tag in die Begegnungsstätte.

Von 14.30 Uhr bis 17 Uhr finden die Kinder bei »Liora« eine Heimstatt. Manche Eltern bringen ihre Kinder her und »vergessen« dann, sie wieder abzuholen. »Natürlich wissen wir, dass diese Eltern uns bewusst austricksen wollen«, sagt Pfarrer Hartmann. Doch das nehmen er und sein Team in Kauf.

»Wenn wir im Gegenzug erleben, wie beispielsweise Yvonne oder auch Lisa dank unserer Gemeinschaft den schulischen Anforderungen standhalten, wenn wir erleben, wie die Kinder hier lernen, sich sozialer Verantwortung zu stellen, wissen wir uns auf einem guten Weg.«

Lernen beschränkt sich nicht allein auf Hausaufgabenhilfe. Marcel zum Beispiel ist ganz begeistert, wie rasch Lisa die Regeln fürs Rommé-Spiel erlernt hat. Die »Liora«-Kinder haben alle ihre Fähigkeiten. »Man muss sie entdecken«, ist Wieland Hartmann überzeugt. »Und man muss sie fördern.« Dazu sucht er auch den Kontakt zu den Eltern.

Klaus-Dieter Simmen

Schicksale hinter Mauern

18. Februar 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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proasyl

Eine Gruppe Ehrenamtlicher besucht Inhaftierte im Abschiebegefängnis Suhl-Goldlauter.



Ein knappes Dutzend junge Männer aus aller Herren Länder fristen derzeit ihr Dasein im Gefängnis Suhl-Goldlauter. Ihr Vergehen: Nach einem abgelehnten Asylantrag haben sie Deutschland nicht verlassen.

Tage, Wochen, teils mehrere Monate warten sie hier auf die Abschiebung in ihre Herkunftsländer. In dieser Zeit sind sie nahezu isoliert von der Außenwelt.

»Das muss so nicht bleiben«, dachte sich der in Suhl tätige Diakon Adelino Massuvira, als das Abschiebegefängnis im Jahre 2003 von Untermaßfeld nach Suhl-Goldlauter umzog. Schon zuvor hatte der aus Mosambik Stammende als Gefängnisseelsorger erfahren, wie wichtig für Inhaftierte das persönliche Gespräch ist. »Als wir die staatlichen Stellen damals fragten, wer sich um die Abschiebehäftlinge kümmert, waren sie sehr verlegen«, erinnert sich Massuvira. Man habe dann der Kirche die Betreuung angeboten, und der Diakon nahm die Aufgabe als »ehrenamtlicher Vollzugshelfer«, wie es im Amtsdeutsch heißt, gerne an.

Inzwischen sind es vier Leute, die die von Abschiebung Bedrohten alle 14 Tage besuchen. »Wir bekommen dabei traurige Geschichten zu hören«, meint Hanne Adams, eine ehemalige Lehrerin, die schon seit Jahren unermüdlich die Gefangenen besucht. Und wer sich Zeit für diese Schicksale nimmt, dessen Bild vom »Wohlstandsflüchtling« bekommt schnell Risse, so Adelino Massuvira.

»Einmal gab es ­einen ehemaligen Kindersoldaten aus Guinea, der nach versuchter Flucht festgenommen und gefoltert wurde. Er entkam, versteckte sich wochenlang unter dem Deck eines Schiffes und kam so nach Deutschland. Hier glaubte man ihm sein Schicksal nicht und steckte ihn in Abschiebehaft.«

Es sind Schicksale wie diese, die dem Diakon die Tränen in die Augen treiben. Und auch wenn es der kleinen Gruppe immer wieder einmal gelingt, dass ein Asylverfahren wieder neu aufgenommen wird oder der Betroffene gar ein dauerhaftes Bleiberecht erhält: Sie wissen genau, dass das große Ausnahmen sind und sie in den meisten Fällen allenfalls die Not lindern können.

»Aber ich bin fasziniert, dass sich immer wieder Menschen finden, denen das Schicksal ­anderer nicht egal ist«, betont Martin Herzfeld, Superintendent des Kirchenkreises Henneberger Land.

Dieses jahrelange Engagement blieb auch dem Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrum der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) nicht verborgen: Am 10. Dezember 2010, dem Tag der Menschenrechte, erhielt die Flüchtlingshilfe-Gruppe ­einen Preis. »In ungerecht erlebten und beängstigenden Situationen ist es wichtig, Menschen menschlich zu ­begegnen und dadurch mit dazu beizutragen, dass sie sich dem Staat nicht völlig ausgeliefert fühlen«, betonte ­Petra Albert, die Ausländerbeauftragte der EKM, in ihrer Laudatio.

Das Preisgeld in Höhe von 750 Euro wird die Gruppe nach eigenen ­An­gaben vor allem dazu verwenden, Fahrtkosten für die Betreuer und Anwaltskosten für die Abschiebehäftlinge zu bezahlen. Über weitere Mitstreiter, vor allem aus Suhl und ­Um­gebung, würde sich die Gruppe sehr freuen.

Rainer Borsdorf

Kontakt: Diakon Adelino Massuvira, Telefon (03681) 30 81 93.

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