Beistand in der größten Not
3. Februar 2011 von redaktionguh
Abgelegt unter Titelseite

Große Anteilnahme: ein Kreuz, Blumen und Kerzen erinnern in Horsdorf an den schrecklichen Unfall vom vergangenen Wochenende. (Foto: Martin Hanusch)
Trauer: Nach dem Bahnunglück in Hordorf bei Oschersleben wurden die Einsatzkräfte auch von Seelsorgern unterstützt.
Es war eine Zugfahrt in den Tod. Zehn Menschen starben am vergangenen Sonnabend beim Zusammenstoß eines Güterzuges mit einem Regionalexpress.
Die durchwachte Nacht und der aufreibende Dienst ist dem Pfarrerehepaar noch immer anzusehen. 36 Stunden nach dem verheerenden Zugunglück von Hordorf, bei dem am vergangenen Sonnabend zehn Menschen ums Leben gekommen und 23 zum Teil schwer verletzt worden sind, sitzen Annette und Friedrich von Biela in ihrem Büro und versuchen, das Unfassbare zu fassen. »Wir dachten zuerst, es ist nur eine Übung«, erzählt der Pfarrer. Gegen 23.30 Uhr hätten sie als Mitglieder des Notfallbegleitungsteams im Landkreis Börde einen Anruf aus der Leitstelle erhalten, dass es ein schweres Zugunglück in Hordorf gegeben habe.
Umgehend machen sich die beiden Theologen auf den Weg zur Unglücksstelle. Während Friedrich von Biela in den folgenden sieben Stunden den Einsatz der Seelsorger in der Einsatzzentrale koordiniert, kümmert sich seine Frau um die Verletzten, die in einem Gemeindezentrum der Zeugen Jehovas gleich neben dem Unfallort betreut werden. »Hier ging es vor allem darum, erste Hilfe für die Seele zu leisten«, erzählt Annette von Biela. So steht sie für Gespräche mit Betroffenen bereit und für die Einsatzkräfte, damit diese das Gesehene und Erlebte besser verarbeiten können. Erst viel später nehmen die beiden Pfarrer das ganze Ausmaß des Unglücks wahr, bei dem ein Güterzug in einen Regionalexpress gerast ist. »Das dient sicher auch dem Selbstschutz, damit man in solchen Extremsituationen überhaupt arbeiten kann«, schätzt Friedrich von Biela.
Schockiert über das schwere Zugunglück zeigt sich auch Egelns Superintendent Michael Wegner. Zugleich lobt er den unermüdlichen und professionellen Einsatz der Notfall- und Polizeiseelsorger. Die hätten in Hordorf ganze Arbeit geleistet und gezeigt, dass die Struktur funktioniere. Insgesamt sind vor Ort sieben Seelsorger im Einsatz gewesen. »Bei Bedarf hätten wir jedoch sofort Verstärkung anfordern können«, erklärt der Pfarrer aus Oschersleben.
Aber auch sonst hat die Kirche schnell reagiert. Der Gottesdienst, der am Sonntag für 14 Uhr in Hordorf angesetzt war, wird für ein erstes Gedenken genutzt. Landesbischöfin Ilse Junkermann kommt von einem Termin in Nordrhein-Westfalen dazu. Sie spricht den Angehörigen in einer gemeinsamen Erklärung mit dem anhaltischen Kirchenpräsidenten Joachim Liebig ihr Mitgefühl aus. Im Anschluss an den Gottesdienst besucht sie die Unfallstelle und betet dort für die Opfer, die Angehörigen und Einsatzkräfte.
Von den Helfern vor Ort wird diese geistliche Unterstützung gut angenommen. Gerade für die Einsatzkräfte sei die Präsenz der Notfallseelsorger ausgesprochen wichtig, weiß die sachsen-anhaltische Landespolizeiseelsorgerin Thea Ilse aus langjähriger Erfahrung. Das gebe den Polizisten und Feuerwehrleuten ein Stück Sicherheit, weil im Notfall jemand zum Gespräch da sei.
Inzwischen sind die Trümmer des zerfetzten Regionalzuges zwar weggeräumt. Doch in dem 700-Seelen-Dorf können die Anwohner das Unglück noch immer kaum fassen. »Dass es ausgerechnet uns treffen musste«, klagt Margarete Fuhrmann und schüttelt den Kopf. »Die Gemeinde«, sagt Hans-Martin Tittelmeier, »steht immer noch unter Schock.« Es werde geraume Zeit brauchen, um das zu verarbeiten. Besonders nahe geht den Hordorfern, dass so viele junge Leute unter den Opfern waren.
Auch die Oschersleber Pfarrer müssen nach dem Unglück Abstand gewinnen und neue Kraft schöpfen. »Beim Einsatz«, sagt Annette von Biela, »funktioniert man einfach und macht, was notwendig ist.« Erst jetzt werde ihr vieles bewusst. Auch deshalb ist für die Notfallseelsorger, die vor Ort im Einsatz waren, der Dienst vorbei. Die Nachsorgegespräche und das Überbringen der Todesnachrichten würden jetzt andere übernehmen, erklärt Thea Ilse. Zudem soll es am Sonnabend einen Gedenkgottesdienst in Halberstadt geben. »Das«, findet die Polizeipfarrerin, »ist ganz wichtig, um auch der Trauer einen geistlichen Rahmen zu geben.«
Martin Hanusch







Reaktionen unserer Leser
1 Lesermeinung zu “Beistand in der größten Not”Trackbacks
Das sagen andere über diesen Artikel[...] begleitet, den Angehörigen und Einsatzkräften einen Halt geben. Im Gedenken an die Opfer des Unglücks vom 29. Januar stellen Mitglieder des Notfallbegleitungsteams und Polizeiseelsorger Kerzen auf dem Kreuz [...]