Fehlender Rückhalt

29. März 2011 von redaktionguh  
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Wahl eines Regionalbischofs für den Sprengel Gera-Weimar gescheitert.

Illustration: Gary Mcinnes, sxc.hu

Illustration: Gary Mcinnes, sxc.hu

Am Ende gab es vor allem betretene Gesichter. »Was haben wir hier getan?«, fragte Reinhard Hotop aus dem thüringischen Schleusingen sichtlich erregt. Zwei Kandidaten seien »verschlissen« worden, und künftig werde es noch schwieriger, jemanden zu finden. Bei der Wahl eines neuen Regionalbischofs für den Propstsprengel Gera-Weimar hatte zuvor keiner der beiden Bewerber die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit erreicht. Weder die Bad Harzburger Pröpstin Katharina Meyer noch der Karlsruher Pfarrer Dieter Splinter erhielten am 18. März in Wittenberg die notwendige Stimmenzahl.

So zog die Theologin aus Bad Harzburg nach dem dritten Wahlgang ihre Kandidatur zurück, weil sie lediglich 40 von 82 gültigen Stimmen erhalten hatte. Sie sei gern gekommen und habe sich der Wahl gestellt, sagte sie. »Doch ich habe den Eindruck gewonnen, dass ich nicht den nötigen Rückhalt ­haben würde, und daran würde auch ein vierter Wahlgang nichts ändern«, begründete sie ihren Verzicht. Ihr Gegenkandidat aus Karlsruhe war bereits nach dem zweiten Wahlgang ausgeschieden.

In einer Eingabe war die Synode zuvor aufgefordert worden, einen dritten Bewerber zu suchen oder die Wahl zu verschieben, weil beide Kandidaten aus westdeutschen Kirchen stammten. Diesen Vorwurf wies Präses Wolf von Marschall für den Wahlausschuss jedoch entschieden zurück. In vier Runden seien insgesamt 67 Personen für das Amt angesprochen worden, davon 50 aus den neuen Bundesländern, erklärte der Präses. Außer Meyer und Splinter hätten jedoch alle abgesagt und seien nicht zur Kandidatur bereit gewesen.

Nun muss das Verfahren erneut gestartet werden. Nach Möglichkeit soll im November auf der Herbsttagung ein Nachfolger für den bisherigen Propst Hans Mikosch gewählt werden. Ob sich bis dahin geeignete Kandidaten finden lassen, sei nach der gescheiterten Wahl mehr als fraglich, hieß es in Wittenberg.

Martin Hanusch

Ein Elsässer Klangwunder

28. März 2011 von redaktionguh  
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Zum 100. Geburtstag der Walcker-Orgel starten die Ilmenauer ein Festjahr.

Als eine Klangpersönlichkeit mit vielen Facetten und schier unendlichen Möglichkeiten gilt die ­Walcker-Orgel in der Ilmenauer St. Jakobuskirche. Die Kirchengemeinde widmet diesem besonderen Instrument anlässlich des 100. Geburtstages ein ganzjähriges Festival mit Konzerten, Vorträgen und musikalischen Gottesdiensten.

Die am 25. Juni 1911 in einem Festgottesdienst feierlich geweihte Orgel gehört zu den bedeutendsten Instrumenten im mitteldeutschen Raum. Mit der 1858 eingeweihten Vorgängerorgel des in Oberpörlitz geborenen Orgelbauers Nicolaus Schrickel hatten die Ilmenauer nicht viel Freude. Nachdem sie sich rund 50 Jahre lang mit einem billig gebauten, aber mangelhaften Instrument geplagt hatten, vergaben sie den Auftrag an die renommierte schwäbische Firma E. F. Walcker & Cie. Sie bekamen eine nach damaligem Maßstab innovative Orgel, deren Klang durch den Einfluss der ­elsässisch-neudeutschen Orgelreform geprägt ist. Für die Kompositionen Max Regers und einen Großteil der Musik des späten 19. und des 20. Jahrhunderts gilt die Ilmenauer Walcker-Orgel als ein ideales Klangmedium. Auf drei Manuale und Pedal verteilen sich 65 Register. Die elektropneumatische Traktur war zum Bauzeitpunkt eine brandneue, moderne Technik. Dabei überträgt ein Luftstrom, der elektrisch verstärkt wird, den Impuls zwischen Taste und Pfeife.

Begeistert von einer  100-Jährigen – der  Ilmenauer Kantor Hans-Jürgen Freitag an der Walcker-Orgel in der St. Jakobuskirche. Foto: Ines Rein-Brandenburg

Begeistert von einer 100-Jährigen – der Ilmenauer Kantor Hans-Jürgen Freitag an der Walcker-Orgel in der St. Jakobuskirche. Foto: Ines Rein-Brandenburg

Veränderungen aus den 1930er Jahren wurden durch die Orgelwerkstatt Christian Scheffler aus Sieversdorf bei Frankfurt/Oder rückgängig gemacht. 1993 konnten diese Arbeiten abgeschlossen werden. Somit ist die Ilmenauer Orgel im Vergleich der ­bundesweit etwa 25 existierenden Walcker-Orgeln eine der ursprünglichsten, ­betont Hans-Jürgen Freitag. »Ich entdecke immer wieder neue Klangfarben und Möglichkeiten,« begeistert sich der Kirchenmusiker, der seit elf Jahren in Ilmenau wirkt.

Den Auftakt der Veranstaltungen zum Jubiläum macht eine Passionsmusik für »Orgel + Laute« bei Kerzenschein am 27. März um 17 Uhr. Ende Mai richtet sich ein Meisterkurs mit dem Stuttgarter Musikprofessor Ludger Lohmann an Kantorinnen und Kantoren sowie andere professionelle und semiprofessionelle Organisten der gesamten Bundesrepublik. Mit seiner Dissertation wurde Lohmann wegweisend für viele junge Organisten, die in den 1970er Jahren die »historische Aufführungspraxis« wiederentdeckten. Die Konzerte präsentieren die Orgel von Kammermusik über Soloinstrument mit Orchester bis hin zur Orgelsinfonie. Zu den Höhepunkten gehört das »Geburtstagswochenende« am 25. und 26. Juni, zu dem der Organist Henri Ormières aus Carcassonne (Frankreich) gastiert, einer Region, zu der Ilmenau über die letzten Jahre eine rege Partnerschaft entwickelt hat.

Ines Rein-Brandenburg

Der Aufstand blieb aus

28. März 2011 von redaktionguh  
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Synode 2011

Synode der mitteldeutschen Kirche verabschiedete umstrittenes Finanzgesetz mit großer Mehrheit.

Finanzdezernent Stefan Große warb noch einmal nachdrücklich für das neue Finanzsystem. »Die Verfassung betont eine größere Eigenverantwortung der Kirchenkreise. Mit dem nun vorliegenden Finanzgesetz setzen wir das um«, erklärte er am 18. März vor der in Wittenberg tagenden Synode. Jetzt gelte es, ein gerechtes Zusammenspiel zwischen allen kirchlichen Ebenen zu ermöglichen. Der Einsatz für das gemeinsame Finanzgesetz kam nicht von ungefähr. Bis ­zuletzt blieb das Vorhaben heftig ­umstritten. Vor allem in den südlichen Kirchenkreisen der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gab es ­Unmut über das neue System, das die Verteilung der Mittel auf Ebene der Kirchenkreise und Gemeinden vereinheitlichen soll.

So waren im Rahmen des Stellungnahmeverfahrens insgesamt 120 Voten eingegangen, 73 davon aus Thüringen. Diese größere Zahl sei ein Indiz für das Maß der zu schulternden Veränderungen, sagte der Finanzdezernent. Nach dem früheren Thüringer System ging das Geld direkt an die Kirchengemeinden. Das neue Finanzsystem setzt dagegen nach Vorbild der ehemaligen Kirchenprovinz Sachsen auf eine größere Eigenverantwortung der Kirchenkreise.

Vor allem im Vorfeld der Synode war noch einmal massive Kritik laut geworden (siehe Nr. 12). Doch wer auf der Synode eine grundsätzliche Auseinandersetzung erwartet hatte, wurde enttäuscht. Es gab kaum eine öffent­liche Debatte. Am Ende stimmte die Synode mit 47 zu zwölf Stimmen bei zehn Enthaltungen dem Gesetzeswerk zu, während die meisten der insgesamt 19 Änderungsanträge keine Mehrheit fanden. Eingefügt wurde jedoch eine Klausel, die Praxis nach spätestens vier Jahren zu überprüfen.

Refinanzierung von Sonderseelsorge schwierig

Lediglich beim Stellenüberleitungsgesetz ging es noch einmal kontrovers zur Sache. Das regelt den Übergang von Sonderseelsorge- und Schulpfarrerstellen in die Verantwortung der Kirchenkreise. Die Verlagerung der Verantwortlichkeit bedeute nicht ­automatisch eine Stärkung, meinte Pfarrer Michael Wendel aus Braunsdorf/Saalfelder Höhe. So bestehe die Gefahr, dass der Kirchenkreis bei den übergemeindlichen Aufgaben sparen könnte, pflichtete ihm Kerstin Rösel aus Neuhaus/Rennweg bei. Dass es Schwierigkeiten bei der Refinanzierung der Sonderseelsorgestellen geben kann, musste die zuständige Referatsleiterin Barbara Killat einräumen.

Dagegen verteidigte der Naumburger Superintendent Reinhard Voitzsch das Gesetz. Er erlebe die Synode im Moment als Versammlung der Bedenkenträger. Die Kirchenkreise im Norden der EKM praktizierten das System schon länger und weder die Sonderseelsorge noch der Religionsunterricht hätten dabei Schaden genommen. »Wir wollen die Kirche gestalten und nach vorne bringen, doch wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen, sagen wir Nein«, beklagte Voitzsch.

Zweifel, ob das neue System in Thüringen funktioniert, ­äußerte jedoch die Superintendentin des Kirchenkreises Arnstadt-Ilmenau, Angelika Greim-Harland. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Andreas Görbert aus Greiz hatte sie insgesamt sechs Änderungsanträge eingebracht. Es sei richtig und notwendig gewesen, das Gesetz jetzt zu beschließen, sagte sie im Nachgang der Synode. Dennoch gebe es aus ihrer Sicht weiteren Gesprächsbedarf.

Ihre Kritik richtete sich vor allem gegen die Berechnung des Kirchenkreisanteils und gegen die Regelung beim Religionsunterricht. Hier hätte sie sich schon eine andere Lösung gewünscht. »Wir können nicht mit dem Staat über die Refinanzierung verhandeln, aber wir müssen nun das Defizit tragen, das vorher bei der Landeskirche lag«, sagte sie. Gleichwohl gehe es jetzt darum, die Veränderungen umzusetzen und auch seelsorgerlich damit umzugehen, blickte die Superintendentin nach vorn. »Das ist noch ein Berg Arbeit, der vor uns liegt.«

Martin Hanusch

Mit der Musik und Thüringen eng verbunden

27. März 2011 von redaktionguh  
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Jörg Brena, Foto: Maik Schuck

Jörg Brena, Foto: Maik Schuck


Jörg Brena, vormals Prinz Georg von Sachsen-Weimar-Eisenach, ist am 11. März in Bad Krozingen gestorben.


Er war Sänger, Hochschuldozent und Rezitator. Seit der Wieder­vereinigung galt sein besonderes Engagement dem Weimarer Sophienhaus, dem er in den beiden letzten Jahrzehnten eng verbunden war: Jörg Brena (Bad Krozingen), vormals Prinz Georg von Sachsen-Weimar-Eisenach, der am 11. März im Alter von fast 90 Jahren verstarb und dessen Trauerfeier am 23. März von Rektor Axel Kramme (Stiftung Sophienhaus) in Freiburg (Breisgau) gehalten wurde.

In seinem sozialen Verantwortungsbewusstsein stand der Verstorbene ganz in der Traditionslinie seiner Urgroßmutter, der Großherzogin Sophie, deren Stiftungen alle politischen Systeme überlebt haben und bis in die Gegenwart hinein wirken. 1921 als jüngster Sohn des bis 1918 amtierenden Großherzogs Wilhelm Ernst auf Schloss Heinrichau (Schlesien) geboren, zeigte er früh musische Neigungen. Seine »künstlerische Mitgift« verdankte er seiner Mutter, der Prinzessin Feodora von Meiningen. Nach ersten Studien, die ihn unter ­anderem zu dem weithin bekannten Pianisten Max Martin Stein (Breslau) führten, gab er 1944 seinen ersten Klavierabend und nahm an einem Meisterkurs von Elly Ney in Salzburg teil.

Die Flucht vor den sowjetischen Truppen führte ihn 1945 ins Meininger Land, wo seinem Vater in Zillbach und Wasungen nach der Revolution von 1918 Ländereien belassen wurden. Von hier gelangte er zu Fuß über die grüne Grenze nach Nordbayern, nachdem ihn die Sowjets dreimal ­inhaftiert und wieder freigelassen hatten. In verschiedenen Etappen führte der weitere Weg über Kettwig bei Essen im Herbst 1946 an die neu gegründete Musikhochschule in Freiburg (Breisgau), wo er in die Meisterklasse von Carl Seemann aufgenommen wurde. Nach Abschluss seiner pianistischen Ausbildung absolvierte der Künstler von 1949 bis 1953 ein Gesangsstudium in der Meisterklasse von Margarethe von Winterfeldt.

1946 nahm Prinz Georg den Namen Jörg Brena zunächst als Künstlernamen an, sieben Jahre später ließ er den Schritt anlässlich seiner Eheschließung amtlich nachvollziehen. Als Gesangsdozent unterrichtete der Künstler seit 1953 an der Freiburger ­Musikhochschule. 1959 ereilte ihn ein Ruf als Leiter einer Ausbildungs- und Konzertklasse an die Musik­akademie Basel (Schweiz). Seinen Auftritten als Lied- und Oratoriensänger folgte ab 1969 eine intensive Beschäftigung mit dem gesprochenen Wort.

Anlässlich einer Einladung in die Ettersburger Schlosskirche kehrte Jörg Brena 1991 erstmals nach Thüringen zurück, wo er in den Stiftungsrat der Stiftung Sophienhaus eintrat. Seither engagierte er sich mit zahlreichen Benefizveranstaltungen für die Arbeit der diakonischen Einrichtung, ab 1997 als »Sonderbeauftragter des Sophienhauses« mit den Schwerpunkten Kontaktherstellung, Sponsoring und Veranstaltungen.

Nachdem er am 24. Juni 2001, dem Geburtstag Carl Alexanders, in der Ettersburger Kirche zu erleben war, gastierte der 80-jährige Rezitator 2002 in der Kapelle der Wartburg und rezitierte in höchst eindrucksvoller Weise Gedichte von Marie Luise Kaschnitz. Mit besonderer Freude erfüllte ihn 2006 im Weimarer Sophienhaus die Präsentation eines umfangreichen Buches über seinen Vater: »Herrscher in der Zeitenwende. Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar-Eisenach (1876 bis 1923)« von Bernhard Post und Dietrich Werner (Glaux Verlag Jena). Sein letzter Besuch führte Jörg Brena 2008 in die Klassikerstadt, als im Sophienhaus ein Glockenturm eingeweiht wurde.

Michael von Hintzenstern

Auf die Zukunft ausgerichtet

27. März 2011 von redaktionguh  
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Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
Lukas 9, Vers 62

Jetzt mal Hand aufs Herz: Irgendwie passt dieser Spruch nicht so richtig in unsere Kirche. Hätte ­Jesus nichts anderes sagen können? So etwas wie: »Wer zurückschaut, analysiert Vergangenes, beachtet die gegenwärtige Situation und wertet Statistiken für die Zukunft aus, der ist genau richtig für das Reich Gottes.«

Dann hätten wir es heute viel einfacher in einer Kirche, wo derjenige, der seine Hand an die ­Kirchentür legt, 500 Jahre Baugeschichte vor der Nase hat. Wo der, der seine Hand ins Gesangbuch legt, mit großer Wahrscheinlichkeit den Musikgeschmack des 30-jährigen Krieges antrifft. Und wo der, der seine Hand an die Strukturen legt, alte Traditionen berührt.

Michel Debus, Pfarrer in Triebes

Michel Debus, Pfarrer in Triebes

Hätte er nicht etwas anderes sagen können, damit wir in Ruhe in Erinnerung schwelgen können, wie schön es mal war? Damit wir in aller Beharrlichkeit Besitzstände verteidigen können. Damit wir uns an längst überholten Fragestellungen abarbeiten können. Hätte er doch ein wenig umsichtiger ­formuliert. Aber nein, er musste es ja auf die Spitze treiben.

Seine Kirche soll nach vorne schauen, ins anbrechende neue Zeitalter seiner Herrschaft. Seine Kirche soll die Zukunft im Auge haben, die eben keine Verlängerung der Vergangenheit ist. Seine Kirche soll eine Avantgarde-Kirche sein, aber nicht in medienwirksamen Diskussionen auf den Plüschsofas der Fernseh-Talkshows, in denen sowieso nur die üblichen Themen bearbeitet werden, eben keine Trendsetter-Kirche. Nein, seine Kirche ist Avantgarde-Kirche im eigentlichen Sinn. Denn die Avantgarde bezeichnet die Vorhut im Militär, die als erstes dort ist, wo alle anderen noch hin sollen.

Der Glaube an diesen Herrn ist auf Zukunft und Hoffnung ausgerichtet, auf seine Herrschaft, die im Leben dessen beginnt, der seine Hand an den Pflug legt. Daher: Gott sei Dank, dass er nichts anderes gesagt hat.

Michel Debus, Pfarrer in Triebes

Ein deutliches Votum

26. März 2011 von redaktionguh  
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Kuratoriumsvorsitzender Tobias Köppe stellte am 16. März sein Buch über die Ulrichskirche vor. Foto: Klaus-Peter Voigt

Kuratoriumsvorsitzender Tobias Köppe stellte am 16. März sein Buch über die Ulrichskirche vor. Foto: Klaus-Peter Voigt

Beim ersten Bürgerentscheid Magdeburgs wurde der Wiederaufbau der  Ulrichskirche abgelehnt.

»Wir sind enttäuscht«, sagte Tobias Köppe, der Vorsitzende des Kuratoriums Ulrichskirche. Mehr als 84.000 Magdeburger stimmten im ersten Bürgerentscheid der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt am vergangenen Sonntag gegen den Wiederaufbau des historischen Gotteshauses. Es war 1956 auf Beschluss von DDR-Staats- und Parteifunktionären gesprengt worden. Rund 26.500 Einwohner sprachen sich für den Wiederaufbau aus. Die Zeit habe nicht gereicht, um die Bürger für das Vorhaben zu sensibilisieren und zu informieren, suchte Köppe nach Erklärungen.

Das 2007 gegründete Kuratorium erlitt damit eine deutliche Niederlage. Das Votum der »interessierten Bürgerschaft« werde akzeptiert und das Vereinsziel Wiederaufbau  von seiner aktuellen Tagesordung gestrichen, hieß es in einer Stellungnahme. Ursprünglich wollte das Kuratorium die Rekonstruktion der zweitältesten Pfarrkirche Magdeburgs aus privaten Mitteln erreichen.

Trotzdem werde man aber nicht aufgeben, erklärte Köppe. In der nächsten Zeit wolle der 250 Mitglieder zählende Verein unter anderem wissenschaftliche Grabungen anregen, um die baulichen Überreste des im Zweiten Weltkriegs bei Bombenangriffen schwer beschädigten Gotteshauses zu untersuchen.  Hauptanliegen des Bürgervereins seien ab sofort die Beförderung der archäologischen Erschließung der vorhandenen Unterkirche  sowie die wissenschaftliche Aufarbeitung.

Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD), von Anfang an gegen das Vorhaben, sieht in der Beteiligung am Bürgerentscheid ein deutliches Zeichen für das Demokratiebewusstsein der Magdeburger. Das Ergebnis ist für ihn eindeutig. »Für mich hat dieses Votum eine mittelfristige Wirkung, weit über die einjährige rechtliche Bindung hinaus.«  Es sei für ihn nicht nachvollziehbar, wenn Befürworter das Ergebnis des Bürgerentscheides akzeptieren, im gleichen Atemzug jedoch eine Fortsetzung ihrer Aktivitäten ankündigten. Dies entspreche nicht seinem Verständnis von Basisdemokratie, sagte er.

Kurz vor dem Bürgerentscheid hatte Tobias Köppe ein erstes Buch über die Ulrichskirche vorgelegt. Das 208 Seiten umfassende Werk informiert umfassend über Baugeschichte, wichtige Persönlichkeiten und Ereignisse rund um St. Ulrich und Levin. Der Band ist sehens- und lesenswert. Zahlreiche Abbildungen zu unterschiedlichen Bauetappen machen den besonderen Wert der Arbeit aus.

Klaus-Peter Voigt

Kehrtwende

26. März 2011 von redaktionguh  
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Grafik: Flavio Takemoto, sxc.hu

Grafik: Flavio Takemoto, sxc.hu

Atomkraft? Nein danke! Die Forderung der bundesdeutschen Anti-Atomkraftbewegung aus den 1980er Jahren feiert derzeit kräftig Urständ. Angesichts der Nuklearkatastrophe im japanischen Fuku­shima ist die Angst der Menschen nur zu verständlich. Einmal mehr zeigt sich, dass es sich bei der Kernkraft um eine Technik handelt, die mit den gegenwärtigen Möglichkeiten kaum beherrschbar ist. Nicht zuletzt deshalb steht gerade die deutsche Politik derzeit vor ­einer einmaligen Kehrtwende. Jetzt können selbst einstige Befürworter gar nicht schnell genug aus dieser Art der Energieerzeugung aussteigen.

Auch die Kirchen, die schon gegen die Laufzeitverlängerung waren, haben ihre Forderung nach einem Ende der Kernkraft bekräftigt. »Eine Technologie, die Fehler nicht verzeiht, tut uns nicht gut«, so der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider. Zuletzt hat sich die Synode der mitteldeutschen Kirche der Forderung angeschlossen und eine Rückkehr zum Atomkonsens angemahnt. Denn das ist das eigentlich Erschreckende an den jüngsten Entscheidungen, dass veraltete Kernkraftwerke, die bis vor kurzem als sicher dargestellt wurden, plötzlich »Schrottreaktoren« sein sollen. Offensichtlich braucht es erst eine Katastrophe, um den Verantwortlichen die Augen zu öffnen, dass mit Sicherheitsbedenken nicht zu spaßen ist.

Das Unglück in Fukushima bietet zugleich aber auch die Chance zu einem grundsätzlichen Umdenken. Zwar wird es kaum zu einem globalen Ausstieg aus der Atomenergie führen, dafür wollen zu viele Länder an der Technologie festhalten. Zudem braucht eine nachhaltige und ökologische Ausrichtung der Energielandschaft Zeit. Kurzfristig besteht aber zumindest die Hoffnung auf eine weltweite Überprüfung der Sicherheitskriterien. Und im besten Fall führt das Unglück dazu, den Energiehunger der Industrienationen überhaupt zu hinterfragen. Denn letztlich sind wir es, die mit unserem Lebensstil Atomkraftwerke billigend in Kauf nehmen.

Martin Hanusch

Der lange Weg zu Luther

25. März 2011 von redaktionguh  
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Auch die Wartburg soll eine besondere Rolle im Rahmen der Lutherdekade spielen.	Foto: Jürgen Weidner/Fotolia.com

Auch die Wartburg soll eine besondere Rolle im Rahmen der Lutherdekade spielen. Foto: Jürgen Weidner/Fotolia.com


Reformationsdekade: Luther-Forum stellte Thüringens Vorbereitungen auf das 500-jährige Jubiläum des Thesenanschlags vor.


Wird 2017 lediglich ein Event oder gewinnt die Vorbereitungsphase auf das Jubiläum geistliche Tiefe? Mitte
März kamen Kirchenleute, Touristiker, Vereine und Politiker zu einem Luther-Forum in Erfurt zusammen.

Pilgerer zum Erfurter Augustinerkloster? Zunehmender Bedarf an Übernachtungsstätten? Lothar Schmelz war vor Jahren noch skeptisch: »Da kommt doch keiner!« Der Kurator sollte sich irren, und er tat es gern. Menschen zwischen 20 und 80 Jahren seien es, immer mehr, hat er erfahren, die sich auf den Weg ins Kloster, zu Luther, letztlich zu sich selbst machten. Ab Mai nun stehen ihnen in der Georgenburse – Luthers Studenten-Domizil – elf neue Pilgerschlafplätze entlang des Lutherweges zur Verfügung.

Es ist dies nur ein kleiner von inzwischen Dutzenden Bau- bzw. Pflastersteinen auf Thüringens Weg zum großen Reformationsjubiläum 2017. Von einem Weltereignis, anlässlich dessen viele auf Deutschland schauen würden, sprach Christoph Matschie, Thüringens Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur, in der vergangenen Woche beim Luther-Forum im Erfurter Augustinerkloster. Einberufen worden war es als »Schaufenster für die Aktivitäten rund um die Reformationsdekade«, so Thomas A. Seidel. Bei ihm als Beauftragtem der Thüringer Landesregierung für »Luther 2017« laufen seit einem halben Jahr diverse Fäden zusammen, und so war das »Schaufenster« schon recht gut bestückt:

Von dem Vorhaben, Spalatin als »Steuermann der Reformation« in seiner Stadt per Ausstellung und mittels eines Spalatin-Weges stärker ins Bewusstsein zu rücken, berichtete der Altenburger Pfarrer Reinhard Kwaschik. Ein Lutherspiritual mit virtuellen Kulissen schwebt den Apoldaern in ihrer Lutherkirche vor. In Eisenach stehen besonders zwei Stätten im Mittelpunkt der Bemühungen um Luthers Erbe: Zum einen erhält das 1526 entstandene Lutherhaus einen neuen Anbau und wird sich 2015 mit der Ausstellung »Bibel und Bibelübersetzng« neu präsentieren. Zum anderen, so Superintendentin Martina Berlich, habe die Georgenkirche eine Innensanierung »bitter nötig«.

Eigentlich sei man zwischen Eisenach und Erfurt mit seinen vielen Lutherstätten ja nur ein »B-Standort«, bedauerte augenzwinkernd Superintendent Michael Lehmann für seine Stadt Gotha. Und doch haben die Gothaer einen Schatz gehoben: eine herzogliche Gesangbuchsammlung mit über 3.000 Büchern, anhand derer die Traditions­geschichte reformatorischen Liedguts nachgezeichnet werden könne. Die Themen der denkwürdigen Dekade in die Gemeinden zu bringen – bei Reformationsgeschichte vor Ort weiß Gott nicht nur deren strahlende Seite zu beleuchten – dies war Christiane Schulz vom Landeskirchenamt eminent wichtig.

Vor »Superstar-Veranstaltungen« warnte der Wittenberger Propst Siegfried Kasparick: »Wir dürfen mit den Dampfwalzen der Großevents nicht die kleinen Pflänzchen vor Ort kaputt machen.« Tatsächlich ginge es nicht nur um Museales für Gäste und Einheimische auf dem langen Weg zu Luther, sondern auch um geistige Tiefe. Genannt seien als Beispiel dafür die »Denkwege zu Luther«, die die Evangelische Akademie Thüringen jungen Leuten anbietet, aber auch die derzeitigen Augustinergespräche im Erfurter Kloster rund um »Reformation und Freiheit«. Vieles, so wurde deutlich, wird zu verknüpfen sein bis zum Jahr 2017: Impulse aus Gemeinden und Kommunen, länderübergreifen­de Projekte, Finanzierungsfragen. Immerhin sagte Matschie beim Forum schon 3,4 Millionen Euro seitens seiner Landesregierung zu.

Ganz im Sinne Luthers gab Kasparick den Thüringer Akteuren mit auf den Weg, einen Erfolg der Dekade auf keinen Fall erzwingen zu wollen. Bei aller Dynamik sei die Reformation vor 500 Jahren auch eine Bewegung gegen die »Beherrschbarkeit und Machbarkeit der Dinge« gewesen. Ihre geistliche Dimension münde in eine schlichte Erkenntnis: Wir vermögen nichts allein aus eigener Kraft.

Kathrin Schanze

Enorme Mehrbelastungen

18. März 2011 von redaktionguh  
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ausgaben

Religionsunterricht und Krankenhausseelsorge sollen nach dem neuen Finanzsystem von den Kirchenkreisen getragen werden.

Am Wochenende will die mitteldeutsche Landessynode ein neu­es Finanzssystem beschließen. Daraus ergeben sich vor allem für die Kirchenkreise der ehemaligen Thüringer Kirche gravierende Veränderungen.

Im Gegensatz zur alten Thüringer Regelung, die den Personalschlüssel ausschließlich nach Gemeindegliederzahlen errechnete, kommen nun drei weitere Faktoren hinzu: Fläche, Einwohnerzahl und ein sogenannter volkskirchlicher Faktor. Dieser berücksichtigt die Gebiete, die vor allem im Westen und Süden Thüringens liegen, da es dort nur wenige Einwohner, aber einen hohen Prozentsatz an Gemeindegliedern gibt. »Diese Formel«, so Superintendent Andreas Berger aus Waltershausen, »bewirkt positiv, dass es zu einem langsameren Absinken der Mitarbeiter im Verkündigungsdienst kommt und damit der Abbau von Stellen gerade im Thüringer Bereich langsamer vonstatten geht.« Während einige von dieser Berechnungsgrundlage sofort profitieren, gibt es andere, die nach den Thüringer Planzahlen für 2012 über eine größere Stellenzahl verfügt hätten, die nun noch verringert werden muss. Bei der Sonderseelsorge kommt es zu besonderen Einschnitten. So beklagt der Weimarer Superintendent Henrich Herbst, »dass die EKM die Verantwortung für den Religionsunterricht und die Krankenhausseelsorge vollkommen an die Kirchenkreise abgibt«.

Während in Thüringen bisher Schulpfarrer als landeskirchlich Bedienstete in den Schulen tätig waren und Klinikseelsorger zum größten Teil von der Landeskirche bezahlt wurden, soll dies nun von den Kirchenkreisen getragen werden. Wo eine hohe Anzahl von Krankenhäusern zu betreuen ist oder wo aufgrund einer hohen Schuldichte viele Schulpfarrer tätig sind, dort sehen die Verantwortlichen erhebliche finanzielle Probleme auf sich zukommen. Für den Religionsunterricht spielt es eine nicht unwesentliche Rolle, dass Sachsen-Anhalt und Thüringen unterschied­liche Erstattungssätze haben. In Thüringen ist der Religionsunterricht seit jeher unterfinanziert, weil nur die ­tatsächlich gehaltenen Stunden vom Kultusministerium erstattet werden.

Da die Kirchenkreise noch nicht in der Lage sind, ab 2012 die Defizite zu tragen, fordern sie Neuverhandlungen zur Finanzierung des kirchlich verantworteten Religionsunterrichts. »Die Kirchenkreise können ja nicht einzeln mit dem Kultusministerium verhandeln«, betont Superintendent Andreas Görbert (Greiz).

Bei der Krankenhausseelsorge, die grundsätzlich in der Verantwortung der Kirchenkreise liegen soll, ergeben sich mithin enorme Mehrbelastungen. So existieren zum Beispiel im Kirchenkreis Weimar neben den regionalen Krankenhäusern in Blankenhain und Weimar zwei überregionale Spezialkliniken in Bad Berka. Da die Krankenhausseelsorge im wesentlichen (noch?) nicht durch die Kliniken refinanziert ist, regen die Synodalen Angelika Greim-Harland (Arnstadt) und Andreas Görbert in einem Antrag an die Landessynode an, dass die ­Kirchenkreise die Grundversorgung in den regionalen Kliniken tragen und die Landeskirche die Verantwortung für die überregionalen übernimmt.

Ein weiteres Problem stellt die Telefonseelsorge in Erfurt, Gera und Jena dar, die zukünftig auch über die Kirchenkreise finanziert werden muss. Wie von Pfarrer Martin Krautwurst (Magdala) zu erfahren war, sind allein für die Jenaer Geschäftsstelle jährlich 30.000 Euro erforderlich.

Michael von Hintzenstern

Plakat kommt aus Dessau

18. März 2011 von redaktionguh  
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt (Archiv)

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Den Siegerentwurf zeigen (von links) der anhaltische Landesjugendpfarrer Martin Bahlmann, der Friedensbeauftragte der Landeskirche, Carsten Damm, Ursula Philipps von der Unicef-Ortsgruppe Dessau-Roßlau, Ralf Zaizek vom Avendi-Seniorenheim aus Dessau-Roßlau, sowie die Schöpferin des Entwurfs, die Grafikerin Sandra Heinze. Foto: Lutz Sebastian

Den Siegerentwurf zeigen (von links) der anhaltische Landesjugendpfarrer Martin Bahlmann, der Friedensbeauftragte der Landeskirche, Carsten Damm, Ursula Philipps von der Unicef-Ortsgruppe Dessau-Roßlau, Ralf Zaizek vom Avendi-Seniorenheim aus Dessau-Roßlau, sowie die Schöpferin des Entwurfs, die Grafikerin Sandra Heinze. Foto: Lutz Sebastian


Grafikerin Sandra Heinze gewann Wettbewerb der bundesweiten Friedensdekade.

In der Auferstehungskirche Dessau wurde am 9. März das Plakat zur bundesweiten ökumenischen Friedensdekade 2011 vorgestellt. Gestaltet hat es die Dessauer Grafikerin Sandra Heinze, die sich in dem Plakatwettbewerb zur Friedensdekade mit ihrem Entwurf durchsetzen konnte. Insgesamt hatten sich rund 25 Designer mit über 50 Entwürfen beteiligt. Der erste Preis ist mit 1000 Euro dotiert. Den Rahmen für die Präsentation bildete das ökumenische Friedensfrühstück zur Vorbereitung der Friedensdekade 2011 in Dessau. Die freiberufliche Grafikerin Sandra Heinze gestaltete bereits zahlreiche Plakate und Broschüren für die Landeskirche Anhalts, unter anderem für den Bibelturm Wörlitz und den Anhaltischen Kirchentag im vergangenen Jahr.

Ihr Plakat zeigt in einer Fotomontage eine Hand, die einen Geldschein ergreift und von der zugleich ein Finger auf den Abzug einer Pistole drückt. Diese Darstellung bezieht sich auf das Motto der 31. Friedensdekade »Gier Macht Krieg« vom 6. bis 16. November. »Ich wollte mit meinem Plakat zeigen, dass die Gier nach Geld und Macht auch Gewalt und Krieg zur Folge haben können«, sagte Sandra Heinze.

»Wenn man die aktuelle weltpolitische Situation betrachtet, dann ist das Anliegen der Friedensdekade aktueller denn je«, betonte der anhaltische Landesjugendpfarrer Martin Bahlmann. In Dessau wird es auch in diesem Jahr zahlreiche Veranstaltungen in der Friedensdekade geben. »Die Fülle der Aktionen und die Zusammenarbeit ganz unterschiedlicher Partner ist in Dessau bemerkenswert«, sagte Ralf Zaizek, Mitorganisator und Geschäftsführer des Avendi-Seniorenheimes in Dessau. So ist zum Auftakt am 6. November der 7. Dessauer Friedenslauf geplant. »Besonders wichtig ist uns auch, die Friedenserziehung zu fördern«, sagte Ursula Philipps von der Unicef-Ortsgruppe Dessau. Die Tradition der Friedensdekaden – jeweils die zehn Tagen vor dem Buß- und Bettag – wurde 1980 in den Niederlanden begründet und gleichzeitig von den Kirchen in West- und Ostdeutschland übernommen.

(mkz)

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