Eine Kirche spaltet die Stadt
18. März 2011 von redaktionguh
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So würde die Innenstadt mit der wiedererrichteten Ulrichskirche aussehen. Montage: Kuratorium Ulrichskirche
Am Sonntag entscheidet Magdeburg über den Wiederaufbau der Ulrichskirche.
»Die Ulrichskirche wird gebaut, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.« Tobias Köppe, Vorsitzender des Kuratoriums Ulrichskirche, gibt sich zuversichtlich. Seit 2007 kämpft der Mediziner für den Wiederaufbau der Kirche in Magdeburg. Die Stadt brauche eine Mitte und eine solche Bürgerkirche, ist er überzeugt. Auch auf die Frage, warum ausgerechnet diese Kirche wiedererrichtet werden soll, weiß der engagierte Vorsitzende des Kuratoriums eine Antwort. Die Ulrichskirche sei die einzige von acht zerstörten Kirchen Magdeburgs, die an ihrem einstigen Standort wiederaufgebaut werden kann.
Doch das stößt keineswegs nur auf Zustimmung. Seit Monaten tobt in Magdeburg ein erbitterter Streit über den möglichen Wiederaufbau. Im Lokalanzeiger der »Magdeburger Volksstimme« vergeht kaum ein Tag, an dem sich die Gegner oder Befürworter des Vorhabens nicht zu Wort melden. Der Grund dafür ist leicht verständlich. An diesem Sonntag (20. März) können die Magdeburger beim ersten Bürgerentscheid in der Geschichte der Stadt darüber befinden, ob die Wiederaufbaupläne ad acta gelegt werden müssen oder ob das Kuratorium sein Vorhaben umsetzen kann, die aus dem 11. Jahrhundert stammende und 1956 auf Geheiß von Walter Ulbricht gesprengte Ulrichskirche wieder zu errichten.
Notwenig geworden ist der Bürgerentscheid, weil die Initiative »Mehr Demokratie wagen – Bürgen fragen« mehr als 13000 Unterschriften dafür gesammelt hat. Wie erbittert die Auseinandersetzung seit Wochen geführt wird, zeigt schon das Logo der Bürgerinitiative. Dort ist die Silhouette der Ulrichskirche hinter einem Verbotsschild zu sehen. Nicht nur dem Vorsitzenden des Kuratoriums geht das zu weit. »Das sind schon deutlich antikirchliche Züge«, findet auch Magdeburgs Superintendent Michael Seils.
Mahnmal für über 60 in der DDR zerstörte Kirchen
Tatsächlich mischen sich in die Aus-einandersetzung stadtplanerische Argumente und ideologische. So wird die rekonstruierte Ulrichskirche in einem Flugblatt als »sinnfreier-funktionsloser Neubau« und als »Disneyland-Replik« beschrieben. Im Stadtgebiet stünden für Gottesdienste und andere kirchliche Veranstaltungen »Kirchen in ausreichender Zahl« zur Verfügung, heißt es bei den Wiederaufbaugegnern. Auch architektonisch passe die Ulrichskirche nicht mehr in das heutige Stadtbild. Zudem führen die Gegner den Verlust der letzten grünen Oase in der Innenstadt ins Feld. Durch den Bau würden etwa 25 Prozent der Grünfläche am Ulrichsplatz »dauerhaft« wegfallen.
Dagegen stellt das Kuratorium das breit angelegte Nutzungskonzept heraus. Die Befürworten sehen im Wiederaufbau eine Chance für die Weiterentwicklung der Innenstadt. Möglichst bis zum Reformationsjubiläum 2017 soll die Kirche, die einst ein Zentrum der Reformation war, wieder errichtet werden. »Mitte. Museum. Mahnmal« umreißt Tobias Köppe das Konzept. Neben einer musikgeschichtlichen Ausstellung über Georg Philipp Telemann könnte St. Ulrich und Levin so auch ein Mahnmal für die zerstörten Kirchen in der DDR werden. Mehr als 60 Kirchen mussten in der 40-jährigen DDR-Geschichte aus ideologischen Gründen weichen, allein acht in Magdeburg. Zudem gibt es Überlegungen, wie das Gebäude in die kirchliche Landschaft integriert werden könnte. So hat der Kirchenkreis Magdeburg das Vorhaben begrüßt und sich dafür ausgesprochen, die Ulrichskirche nach Möglichkeit als Citykirche zu nutzen. »Von der Kirche bekommen wir die Unterstützung, die wir hier brauchen«, sagt Tobias Köppe.
Ansonsten hält sich der Kirchenkreis allerdings sehr zurück und lässt die beiden Lager die Diskussion austragen. Dennoch ist der Vorsitzende überzeugt, dass es das Kuratorium schafft, die notwendigen 25 bis 30 Millionen Euro aus Spenden zusammenzubekommen. »Und wenn wir es nicht bis 2017 packen, dann eben ein bisschen später.«
Martin Hanusch
www.ulrichskirche.de
www.buergerentscheid-ulrichskirche.de







Reaktionen unserer Leser
1 Lesermeinung zu “Eine Kirche spaltet die Stadt”Trackbacks
Das sagen andere über diesen Artikel[...] im ersten Bürgerentscheid der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt am vergangenen Sonntag gegen den Wiederaufbau des historischen Gotteshauses. Es war 1956 auf Beschluss von DDR-Staats- und Parteifunktionären gesprengt worden. Rund 26.500 [...]