Betrachten, stöbern und verzaubern lassen

29. April 2011 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

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Dieter Schröpfer betreibt in Ichtershausen sein kleines Privatmuseum.

Das Heimatmuseum von Ichtershausen hat keine festen Öffnungszeiten, weil Dieter Schröpfer ­eigentlich immer da ist. Wer sicher gehen will, kann sich aber zuvor bei ihm anmelden: Telefon (03628 )48520.  Foto: Thomas Schäfer

Das Heimatmuseum von Ichtershausen hat keine festen Öffnungszeiten, weil Dieter Schröpfer ­eigentlich immer da ist. Wer sicher gehen will, kann sich aber zuvor bei ihm anmelden: Telefon (03628 )48520. Foto: Thomas Schäfer

Blitzblank liegen die großen alten Bartschlüssel in der Hand von Dieter Schröpfer. Liebevoll ­betrachtet er sie, bevor er einen auswählt, denn die Tür, dessen Schloss nun geöffnet wird, führt in ein Schatzhaus: das Lebenswerk eines engagierten Sammlers von Dingen, die andere Zeitgenossen verachteten.

Im barocken Pfarrhof von Ichtershausen (Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau) stellte ihm die Kirchengemeinde vor einigen Jahren die Pfarrscheune zur Verfügung, nachdem sie wie das ganze Areal ­saniert und restauriert worden war.

Im Pfarrhaus wohnte 22 Jahre lang der Dichter Wilhelm Hey (1789–1854), nachdem er hier die Stelle als Superintendent und Schulinspektor übernommen hatte. Ein Gedenkstein gleich neben der romanischen Klosterkirche und natürlich einige Exponate im kleinen Museum erinnern an den Verfasser von Liedtexten wie »Weißt du, wie viel Sternlein stehen« oder »Alle Jahre wieder«.

Heute nutzt die Kirchengemeinde nur noch das Erdgeschoss des Pfarrhauses. Darüber wohnen ­Familien, darunter auch die Schröpfers – eine ­Symbiose zum beiderseitigen Vorteil.

»Wir sind sehr froh, Dieter Schröpfer in Ichtershausen zu haben. Er kümmert sich um Pfarrhof und Kirche und führt ­Besucher auch in den mittelalterlichen Sakralbau gleich gegenüber«, sagt die zuständige Pfarrerin Carmen Ehrlichmann.

Dieter Schröpfer kommt hier aus der Region. Seit etwa 50 Jahren lebt er in Ichtershausen. Die Freude am Sammeln und an der Heimatgeschichte habe er von seinem Großvater geerbt. Gern hätte er daraus einen Beruf gemacht, doch es sei halt etwas mit ­Metall geworden, blickt er zurück. Inzwischen hat er sich als Autodidakt ein umfangreiches Wissen über die gesammelten Dinge, ihr oft beträchtliches Alter und ihren Gebrauch angeeignet.

Spürt er Interesse, lässt er bescheiden und unaufdringlich den Besucher an seiner Begeisterung teilhaben. Zudem machte sein handwerkliches Geschick die Restaurierung der Exponate erst möglich. Denn »Müll« waren die unzählbaren Dinge allesamt einst gewesen, bevor sie aufpoliert, komplettiert und zusammengesetzt wurden, um sie im entsprechenden Umfeld zu präsentieren.

Da berichtet ein Raum aus der Regionalgeschichte, ein anderer erzählt über die bäuerliche Lebensweise, der nächste stellt das Handwerk in den Mittelpunkt, ein Krämerladen lädt zum Stöbern ein und schließlich weckt ein historischer Schulraum Erinnerungen. In Dieter Schröpfers Privat­museum dürfen die Exponate in die Hand genommen und – soweit möglich – auch ihre Funktion getestet werden. Einmal sei ein Herr gekommen und habe ihn arrogant gefragt, was er für den »Krempel« haben wolle.

Noch immer schwingt Empörung in seiner Stimme mit. Er verkauft nichts, denn mit Geld ist hier nichts aufzuwiegen. »Sammeln ist eine unheilbare Krankheit«, meint der agile 74-Jährige verschmitzt über seine Leidenschaft, die ein Segen für die Nachwelt ist.

Uta Schäfer

Heraus aus den Kirchenmauern

29. April 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Ulrike Greim ist die neue Rundfunkbeauftragte der mitteldeutschen Landeskirche.

Eine erfahrene Journalistin: Ulrike Greim

Eine erfahrene Journalistin: Ulrike Greim

Es ist ein spannendes Feld, das ­Ulrike Greim seit dem 1. April bestellt: die Rundfunk- und Fernseh­arbeit der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Das Metier ist der zierlichen Frau nicht fremd, ­arbeitete sie doch seit 1996 bei MDR Radio Thüringen, dann bei Figaro, Deutschlandradio und Deutschlandfunk.

Zuletzt war sie freie Thüringenkorrespondentin.

»Mich regen schlechte Andachten auf«, sagt sie im Blick auf ihr neues ­Arbeitsfeld. Die Kirche, so die Journalistin, komme oft zu depressiv rüber. Ihrer Vorgängerin, Pfarrerin Mechthild Werner, bescheinigt sie hervor­ragende Arbeit. »Sie hat richtige Weichen gestellt und den richtigen Ton vorgegeben.« Hier wolle sie weiterarbeiten.

Ulrike Greim ist familiär vorbelastet, war doch ihr Vater Horst Greim der Pionier der kirchlichen Rundfunk- und Fernseharbeit in der DDR. So wurden Medienthemen schon in ihrer Teenagerzeit am Abendbrottisch diskutiert. Doch zunächst absolvierte sie eine Katechetenausbildung. Bis heute arbeitet die Mutter einer Tochter gern mit Kindern, engagierte sich zum Beispiel in der Kindergottesdienstarbeit der Jakobskirche Weimar, ihrer Heimat­gemeinde. »Predigttexte für Kindergartenkinder ist die größte Herausforderung – theologisch und handwerklich«, ist sie sich sicher.

1994 begann sie mit einem Volontariat bei der »Thüringer Allgemeinen« und konnte über die Tageszeitung an einer zweijährigen Journalistenausbildung teilnehmen. Sie habe hier eine sehr solide Grundlage bekommen. Erfüllte journalistische Jahre liegen nun hinter der 40-Jährigen. An der neuen Aufgabe reizt sie vor allem, dass sie Themen spirituell beleuchten und Aktuelles in einen größeren Zusammenhang stellen und theologisch reflektieren kann.

Rundfunkandachten seien harte theologische Arbeit, die auch sprachlich aus den Kirchenmauern herauskommen müssten. Aber die Journalistin kann sich auf ein gut geschultes Andachtsteam verlassen. Der Glauben ist für sie Neugier, eine Suchbewegung. Es gelte deshalb, die richtigen Fragen zu stellen, nicht fertige Antworten parat zu haben. Neben den Radioandachten wird sie Gottesdienstübertragungen vorbereiten und Kontakte zu den Medienvertretern pflegen.

Ehrenamtlich ist Ulrike Greim zudem beim Deutschen Evangelischen Kirchentag engagiert. Und es gibt noch eine andere Liebe: das Singen. Das praktiziert sie in einem »hinreißenden Frauenchor«. Wichtig ist ihr natürlich die Zeit für die Tochter. Das Abholen vom Kindergarten stehe gleichberechtigt neben dem Interview mit der Ministerpräsidentin in ihrem Terminkalender.

Dietlind Steinhöfel

Einführungsgottesdienst, 8. Mai, 10 Uhr, Jakobskirche Weimar

Einkehr am Elberadweg

29. April 2011 von redaktionguh  
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Radfahrerkirche Steckby startete Ostermontag in die vierte Saison.
 
Nach dem Gottesdienst startete Pfarrer Reinhard Hilling (2. v. r.) mit Kirchenbesuchern zur Radtout. (Foto: Daniela Apel)

Nach dem Gottesdienst startete Pfarrer Reinhard Hilling (2. v. r.) mit Kirchenbesuchern zur Radtout. (Foto: Daniela Apel)

 
Mit einem Gottesdienst wurde in der Radfahrerkirche Sankt Nicolai zu Steckby (Kirchenkreis Zerbst) am Ostermontag in die diesjährige Saison am Elberadweg gestartet.

In seiner Predigt blickte Pfarrer Reinhard Hillig auf eine Erfolgsgeschichte zurück. »In den vergangenen drei Jahren sind hier fast 7500 Menschen eingekehrt.« Nur allzu gern nahmen sie das Angebot an, an diesem Ort der Stille zu verweilen. Mancher trat ein, um bei einer Rast neue Kraft zu schöpfen.

Nicht wenige nutzten die Pause zur Besinnung. Das belegten einige der Eintragungen aus dem Anliegenbuch, die Pfarrer Hillig vorlas. »Danke für die Gelegenheit zum Beten und zum Singen«, lautete eines der Zitate.

Von einer Kirche, die kurz davor stand, gesperrt zu werden, habe sich Sankt Nicolai zu einem offenen, einladenden Gotteshaus entwickelt, erklärte Reinhard Hillig. Er erinnerte an die dringend notwendige Sanierung des Fachwerkturms. Die Schäden im Gebälk waren so stark, dass den Steckbyern der Verlust des Wahrzeichens drohte. Um finanzielle Unterstützung bemühte sich die Kirchengemeinde zunächst jedoch vergeblich.

Da reifte im Gemeindekirchenrat die Idee von einer Radfahrerkirche – eine Idee, für die gleich zwei Argumente sprachen. Zum einen führt der Internationale Elberadweg unmittelbar durchs Dorf. Zum anderen ist der Heilige Nikolaus nicht nur Schutzpatron der Kirche, sondern ebenfalls der Reisenden. Das Konzept überzeugte die Geldgeber, Fördermittel flossen und die Wiederherstellung des Turms erfolgte.

Im Mai 2008 wurde der mittelalterliche Feldsteinbau als erste Radfahrerkirche Anhalts eröffnet. Inzwischen sei sie zu einer »guten, festen Institution am Elberadweg« geworden, stellte Boris Krmela erfreut fest. Neben der Möglichkeit der selbstständigen Erkundung des Sakralbaus zeichnen diese ebenfalls die wechselnden Ausstellungen aus. So wies der Vorsitzende des Gemeindekirchenrats auf die eindrucksvollen Grafiken von Ludwig Krause hin, die ab sofort das Vestibül zieren.

Mit leichter Feder hat der Berliner Stadtplaner Sehenswürdigkeiten entlang des Elberadweges zu Papier gebracht. Noch ganz frisch ist die Zeichnung von Sankt Nicolai, die sich da in die 35 Werke einreiht. Länger als eine Viertelstunde brauche er nicht für eine seiner »beschreibenden Skizzen«, verriet Ludwig Krause lächelnd, als er nach dem Gottesdienst einiges zu seinen Bildern erzählte.

Den passenden Abschluss des Saisonstarts bildete schließlich eine gesellige Radtour durch Steckby. Bis zum Reformationstag ist die Radfahrerkirche täglich von 8 bis 20 Uhr geöffnet, in den Sommermonaten sogar bis 22 Uhr.

Daniela Apel

»Wir taufen einfach!«

29. April 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Anhalt beteiligt sich am »Jahr der Taufe« 2011.

Taufgottesdienst in Aschersleben

Taufgottesdienst in Aschersleben

Die Evangelische Kirche im Rheinland macht mit und die in Baden auch. Die sächsische Landeskirche ist dabei, die Kirche der Pfalz und ihre Partnerin, die anhaltische Kirche, ebenfalls. Insgesamt neun Landeskirchen beteiligen sich an dem von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) initiierten »Jahr der Taufe«. Die damalige Föderation Evangelischer Kirchen in Mitteldeutschland hatte bereits 2006 ein »Jahr der Taufe« ausgerufen.

Mit diesem Themenjahr soll ein Sakrament wieder stärker in das Bewusstsein der Menschen gerückt werden, über das schon Martin Luther schrieb, es sei »das Wasser in Gottes Gebot gefasst und mit Gottes Wort verbunden«.

Die Landeskirche Anhalts eröffnete im Rahmen der Missionsdekade am Ostermontag mit einem Gottesdienst in der Georgenkirche in Dessau-Roßlau ihr »Jahr der Taufe«.

Über 120 Besucher erlebten darin eine Tauferinnerung ebenso mit wie die Taufe eines kleinen Jungen. Besondere Aktionen sind in dem Jahr zwar nicht geplant, aber die Menschen sollen auf unterschiedliche Weise und bei verschiedenen Anlässen immer wieder auf das Sakrament hingewiesen werden. Dazu hat die Landeskirche eine »Handreichung Taufe« herausgegeben.

»Wir wollen«, so Kirchenpräsident Joachim Liebig gegenüber der Kirchenzeitung, »die evangelischen Familien ansprechen, dass sie ihre Kinder schon als Kinder taufen lassen.« Zweite Zielgruppe seien in der stark säkularisierten Region die erwachsenen Menschen, die bislang noch nicht der Kirchen angehörten, aber Interesse am kirchlichen Leben bekundeten. So werde sich die an diesem Wochenende in Dessau-Roßlau tagende Landessynode mit einer neuen Form des Hinweinwachsens in die Kirche, »gestufte Verantwortlichkeit« genannt, befassen.

An deren Ende soll die Taufe des jeweiligen Erwachsenen stehen. »Damit wird auch Rücksicht auf die Biografien genommen«, sagt Liebig, »und wir hoffen, dass sich Menschen bereit fühlen, diesen Weg zu gehen.«

Die Statistik der Landeskirche der vergangenen Jahre zeigt, dass mit leichten Schwankungen etwas weniger als ein Drittel der jährlichen ­Taufen in Anhalt auf Mädchen und Jungen bis zum vollendeten ersten ­Lebensjahr entfällt. Zudem sind nur 15,5 Prozent der Einwohner Sachsen-Anhalts evangelisch (rund vier Prozent katholisch).

In Bernburg ist nicht nur das »Jahr der Taufe« und das 1050-jährige Bestehen des Saalestadt im Blick, sondern auch das Jubiläum »Anhalt 800« im nächsten Jahr. Im September werde im Schloss eine Ausstellung eröffnet, die über kirchliches Leben »Von der Wiege bis zu Bahre« informiert, so Kreisoberpfarrer Karl-Heinz Schmidt. Exponate aus Privatbesitz sind für die Schau schon in den Gemeinden gesammelt worden. Ein ganzer Raum soll der Taufe gewidmet sein.

Ansonsten aber gilt für Bernburg wie für andere Kirchengemeinden in Anhalt und nicht nur in diesem Jahr: »Wir taufen einfach!«, so der Kreisoberpfarrer.

Angela Stoye

Spatz und Taube – Leben und Ewigkeit

29. April 2011 von redaktionguh  
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Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.
1. Petrus 1, Vers 3

Albrecht Henning, Pfarrer in Krina

Albrecht Henning, Pfarrer in Krina

So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein«, betitelt der an Lungenkrebs erkrankte Christoph Schlingensief sein Buch. Darin finden sich Tagebucheintragungen vom Zeitpunkt der Diagnose bis einige Monate vor seinem Tod. Er lotet die Möglichkeiten des Himmels aus und landet am Ende doch immer wieder bei seiner unbändigen Liebe zum Leben.

Und ein Kollege im Ruhestand sagte mal mit Blick auf die 70 und angesichts einer diagnostizierten Erkrankung: »Nein, ich will noch nicht sterben, das Leben ist doch so schön!« Er durfte genesen und freut sich des Lebens.

Ist der Himmel vielleicht doch erst etwas für die allerletzte Stunde? Darf ich all den schönen Sätzen vom Seher Johannes trauen, der das himmlische ­Jerusalem so überwältigend beschreibt? Kann ich zur Trauerfeier wirklich singen: »Lasst mich gehn?« Ist es nicht besser, den Spatz festzuhalten – also das Leben? Da weiß ich, was ich habe. Die Taube der Ewigkeit flattert immer wieder davon, Gott sei Dank, und setzt sich erst auf meine Schulter, wenn ich gehen muss.

Oder doch besser: gehen darf?!

Denn ich habe es auch schon oft genug erlebt, dass Menschen im Tod den sehnsüchtig erwarteten Schlafes Bruder sehen, durch den alle Anstrengung, alle Mühsal, alle Qual ein Ende findet. Der Tod als Erlösung. Wie sehr sie in diesem Moment dann von der (Vor-)Freude auf die Ewigkeit getragen sind, ­vermag ich nicht (immer) zu sagen.

Spatz und Taube – Leben und Ewigkeit – sind für mich am Ende doch zwei Teile derselben Geschichte, nämlich meiner Geschichte mit Gott. So darf ich mitten im Leben aus der Gewissheit der Auferstehung leben.

Weil Gott ist, lebe ich.

Weil Christus ist, werde ich leben, auch wenn ich sterbe.

Daran glaube ich als eine lebendige Hoffnung.

Albrecht Henning

Ein gerechter Krieg?

29. April 2011 von redaktionguh  
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Muammar_al-GaddafiSelten schien ein Militäreinsatz so gerechtfertigt wie im Falle Libyens. In einem ungleichen Kampf drohte der Diktator Muammar al-Gaddafi seine Widersacher zu massakrieren. Um den Schutz der Zivilbevölkerung sicherzustellen, waren viele im Westen bereit, einen schnellen Militäreinsatz zu akzeptieren.

Jetzt, vier Wochen später, hat sich nicht grundsätzlich etwas geändert. Noch immer tobt ein blutiger Bürgerkrieg, dem auch die Luftangriffe der Nato keinen Einhalt gebieten konnten.

Trotz gezielter Militärschläge sitzt der selbsternannte Revolutionsführer weiter fest im Sattel. Und ein rasches Ende des Krieges ist nicht in Sicht.

Aus gutem Grund haben die Kirchen zu Ostern deshalb zu einer friedlichen Lösung des Konfliktes aufgerufen. Vordringlich sei die ­humanitäre Hilfe, so Papst Benedikt XVI. Tatsächlich bringt der Einsatz die erhoffte Verbesserung der Lage nicht. Einmal mehr zeigt sich, dass militärische Gewalt nur das ­allerletzte Mittel sein kann. Denn ein Krieg bleibt ein Krieg, auch wenn er aus moralischen Gründen geführt wird.

Die Unschuldigen ­leiden am stärksten darunter. Darüber hinaus bewegt sich das Militärbündnis in einer rechtlichen Grauzone. Denn die UN-Resolution sieht mit der Flugverbotszone allein den Schutz der Zivilbevölkerung vor. Der Sturz des Diktators wird davon nicht gedeckt.

Zudem ist der Westen bis heute die Antwort schuldig geblieben, wie dieser Krieg beendet werden soll. Wie lange will die Nato die Einsätze fortsetzen? Bis Gaddafi das Land verlassen hat? Ist allein damit ein friedlicher Übergang sichergestellt? Denn es scheint keineswegs klar, dass die Guten gewinnen.

Erneut hat sich der Westen aus durchaus ehrenwerten Motiven in einen Konflikt hineinziehen lassen, aus dem er jetzt kaum wieder herauskommt, wie die Beispie­le im Irak, in Somalia oder Afghanistan belegen. Demokratie und Gerechtigkeit lassen sich aber nicht herbeibomben, die müssen von unten wachsen.

Martin Hanusch

Taufbesuch für Marek

29. April 2011 von redaktionguh  
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Tauferinnerung:Frauen der Erfurter Andreasgemeinde pflegen einen besonderen Besuchsdienst für Kinder.

Für seinen Gast hat Marek (l.) ein Bild gemalt. Er freut sich auf Liane Lange von der Kirchengemeinde. (Foto: Markus Wetterauer)

Für seinen Gast hat Marek (l.) ein Bild gemalt. Er freut sich auf Liane Lange von der Kirchengemeinde. (Foto: Markus Wetterauer)


Der Sonntag Quasimodogeniti, auch Weißer Sonntag genannt, erinnert an die neue Geburt, wie sie Christen durch die Taufe erfahren.

Eine Erfurter Gemeinde hat sich das Tauferinnern zur Aufgabe gemacht.

Marek tobt mit seinem kleinen Bruder Janko hinter dem Gründerzeithaus im Erfurter Norden herum. Die beiden Jungen lassen sich durch nichts stören. Bis ein ganz besonderer Gast kommt: Liane Lange von der evangelischen Andreasgemeinde will zu Marek. Sie und drei weitere Frauen besuchen die Kinder der Gemeinde, die als Kleinkinder getauft wurden, jedes Jahr zum Tauftag, bis sie in die Schule kommen. Klar, dass sich der Siebenjährige Zeit nimmt für Liane Lange. Mal spielt er mit ihr Memory, mal zeigt er ihr Fotos von sich und seiner Familie, einmal feierten sie sogar den Geburtstag seiner Puppe zusammen. Diesmal hat Marek ein großes Bild gemalt von dem Haus, in dem er wohnt. Das bekommt Liane Lange geschenkt.

Auch sie hat immer etwas dabei bei ihren Besuchen: ein Heft mit Kindergebeten für die kleinen Kinder, eines mit Luthergeschichten für die größeren. Dazu gibt es einen kleinen Brief als Erinnerung und eine weiße Kerze. Mareks Mama findet die Idee mit
den jährlichen Besuchen gut. »Sonst würde der Tauftag doch im Alltag etwas untergehen«, sagt sie. »Außerdem hilft das beim Zusammenhalt in der Kirchengemeinde.«

Das bestätigt auch Senior Andreas Eras, der Leiter des Kirchenkreises Erfurt, der die Besuche organisiert: »Tauf­erinnerungs-Gottesdienste sind eine Sache. Das andere aber ist der persönliche Kontakt, der gehalten werden soll in einer weit verstreuten Gemeinde.« Dieser Gedanke war auch der Auslöser, als vor etwas mehr als zehn Jahren der Besuchsdienst zum Tauftag in der Andreasgemeinde eingerichtet wurde.

Sechs Frauen waren damals am Start, inzwischen sind es noch vier, die sich die Aufgabe teilen. Acht, neun Besuche im Jahr sind es für jede. Neben Liane Lange gehört seit 2004 auch Karin Neumann dazu, selbst Mutter von drei Kindern. Bevor sie sich zu einer Familie aufmacht, ruft sie auf jeden Fall vorher an, um sich anzumelden. Denn viele sind berufstätig und nicht immer zu Hause, einige lehnen den Besuch aber auch ab, resümiert sie.

Wieder andere ziehen weg, neue Familien kommen dazu. Andreas Eras spricht von einer »erstaunlichen ­Fluktuation« in der Stadt, gerade bei jungen Familien. Kommt Nachwuchs, suchen sie sich oft eine größere Wohnung oder ziehen gleich ins eigene Haus im Umland. Zwar übermitteln die Meldebehörden die neuen Adressen. Dabei vergehen aber oft Monate, zumal die Grenzen der Kirchengemeinden meist nicht identisch sind mit denen der politischen Gemeinden. Unterm Strich ist die Zahl der Taufen in der Andreasgemeinde in den vergangenen drei Jahren mit ­jeweils etwa 25 ziemlich konstant. Die meisten Täuflinge sind Babys und Kleinkinder, nämlich etwa 20 im Jahr. Eine Handvoll sind Jugendliche, einige wenige Erwachsene.

Zwei Kindergärten unterhält die Andreasgemeinde. Gehen ihre Kinder dorthin, bekommen junge Eltern oft zum ersten Mal Kontakt zur evange­lischen Kirchengemeinde. So entsteht mitunter auch der Wunsch, die Kinder taufen zu lassen – einmal geschah das sogar auf ausdrücklichen Wunsch ­eines kleinen Mädchens selbst, wie Pfarrer Eras berichtet. Die Tauferin­nerungs-Besuche helfen dabei, den ­entstandenen Kontakt zu halten. Viele Familien brennen dann die mitgebrachte weiße Kerze gleich an – zur Feier des Tages, erzählt Liane Lange. »Und einmal hat ein Kind sogar reingebissen …«

Markus Wetterauer

Freude an Kontakt ist Motor

28. April 2011 von redaktionguh  
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Zu einem »Dankeschön-Tag« trafen sich am 16. April rund 50 Ehrenamtliche in Neudietendorf.

dankeSie kommen einzeln oder im Kleinbus – aus Gera, Nordhausen und Eisenach, aus Möhra, Friedrichroda oder Plaue. Sie organisieren Gruppenerlebnisse für Kinder, Frauen, Männer, Senioren, Musikbegeisterte, sie besuchen Jubilare, gestalten den Gemeindebrief und pflegen die Internetseite, überwachen die Finanzen, kümmern sich um die Sanierung und Erhaltung von Gebäuden, vermitteln in den Leitungsgremien der Kirchengemeinden die Anliegen der verschiedenen Zielgruppen. Einige tun dies seit vier oder fünf, andere seit fast 40 Jahren.

Gut 50 Frauen und Männer folgten der Einladung zu einem »Dankeschön-Tag für Ehrenamtliche«. Elisabeth Müller und Claudia Neumann vom Gemeindedienst der mitteldeutschen Kirche (EKM) hatten in diesem Jahr erstmals solche überregionalen Treffen mit Austausch, Ortsführung und Musikdarbietung organisiert, im März in Magdeburg, am 16. April nun in Neudietendorf. Sie regten die Gemeinden an, Gutscheine an engagierte Personen weiterzugeben. Die Resonanz war »erstaunlich groß«, so Elisabeth Müller.

Die Umfrage ergab, dass die meisten Ehrenamtlichen entweder durch die direkte persönliche Aufforderung oder durch Eigeninitiative zu ihrer Aufgabe fanden. Ein öffentlicher Aufruf führt selten zum Erfolg. Wer eine Aufgabe übernimmt, tut dies nicht ­allein aus Missions- oder Verantwortungsbewusstsein. Sie erfreuen sich an Kontakten und Gesprächen, erleben Freundschaft, Dankbarkeit und geistige Anregung. Sie genießen es, dazuzugehören, informiert zu sein, gebraucht zu werden.

Vielen geht es wie Ursula Schönfisch, der einzigen Teilnehmerin aus Sachsen-Anhalt. In ihrer Gemeinde Laucha ist sie im Gemeindekirchenrat, engagiert sich in der Arbeit mit Kindern, macht Besuche und Kirchenputz.

Gertrud Schier aus Gotha empfindet ihre regelmäßigen Besuche bei betagten Menschen in Seniorenheimen nicht als Pflicht. Sie lächelt: »Das hat mir mein Herz gesagt.« Als sie in eine Straße zog, in der drei ­Seniorenheime zu finden sind, lag ihr die Aufgabe quasi vor den Füßen. »Da fühle ich mich wie zu Hause, schließlich könnte ich ja auch schon im ­Altenheim wohnen.«

Aber sie nennt auch die Hürden: Manche, die schon mal Interesse am Besuchsdienst zeigten, nehmen doch wieder Abstand vom konkreten Einstieg. Sie wollen sich nicht festlegen, und »es macht vielen Angst, sich mit dem Älterwerden und der Hilfsbedürftigkeit ausein­anderzusetzen«, glaubt sie.

Nach einer bundesweiten Statistik ist etwa ein Drittel der Bevölkerung ehrenamtlich tätig, die meisten in Sportvereinen. An zweiter Stelle steht Verbandsarbeit für Kinder und Jugendliche, gefolgt von kirchlichem Engagement. In der kirchlichen Arbeit sind rund zwei Drittel Frauen und ein Drittel Männer aktiv. »Im Sport ist das Geschlechterverhältnis genau umgekehrt«, erklärt Brigitte Manke, die die Thüringer Ehrenamtsstiftung vorstellte. Diese vom Thüringer Landtag 2002 ins Leben gerufene Stiftung fördert die Beratung, Qualifizierung und den Erfahrungsaustausch.

Auch die Dankeskultur sei wichtig. Denn obwohl die meisten, werden sie gefragt, nicht öffentlich bedankt werden wollen, freuen sie sich am Ende doch über eine Würdigung. Bei einer feier­lichen Veranstaltung bietet sich auch Gelegenheit, anregende Gespräche zu führen, aus denen neue Impulse, Ermutigung und hilfreiche Vernetzung erwachsen.

Ines Rein-Brandenburg

Rettung zum Leben

28. April 2011 von redaktionguh  
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limaoscarjulietSind wir noch zu retten? Angesichts der täglichen Nachrichten entsteht mitunter ein apokalyptisches Bild. Aber wir kriegen das schon in den Griff, mögen die meisten denken: die Atomkrise, die Zuwanderung, die Gewalt, die Finanzen – und das Leben überhaupt. Ach, ja, das Leben sowieso: Die Menschheit verfügt über hochtechnisierte Medizin, kann Leben verlängern und verkürzen oder gar nicht erst wachsen lassen.

Die Diskussion gerade um die Präimplantationsdiagnostik (PID) zeigt aber auch: Es gibt Zweifel an der Machbarkeit. Und das Erschrecken, wenn Mütter und Väter von Kindern mit Behinderung offen oder hinter vorgehaltener Hand hören »So etwas muss doch heute nicht mehr sein«, ist noch da!

Wer darf über das Recht auf ­Leben urteilen? Sind wir dazu in der Lage?

Aus gutem Grund wurde in unserer Kultur die Todesstrafe abgeschafft. Weil der Mensch eben nicht unfehlbar in seinem Urteil ist. Das sollte auch für ungeborene Kinder gelten. Vorgeburtliche Untersuchungen können Krankheiten aufdecken. Das ist gut so, weil dem Kind nach der Geburt mitunter schnell geholfen werden kann. Das ist fragwürdig, wenn es zu einer Spätabtreibung führt. Hat ein behindertes Kind kein Lebensrecht?

Genauso könnte man fragen: Haben wir »Normale« ein Lebensrecht?

Der Mensch vermag nicht Herr über Leben und Tod zu sein. Er muss seine Grenzen erkennen, denn die Besinnung auf das Leben ist seine Aufgabe: Leben annehmen, Mutmachen zum Leben, weil Gott uns Hoffnung gegeben hat für alle, auch für schwierige Situationen. Hoffnung kommt von Ostern her, von der Auferstehung, die den Tod überwindet. Christen können und sollen diese Hoffnung in die Welt tragen. Verbunden mit der Demut vor dem, der allein das Leben gibt.

Sind wir noch zu retten? Ja, Gott rettet uns zum Leben.

Dietlind Steinhöfel

Die Welt Thilo Sarrazins

28. April 2011 von redaktionguh  
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oparazzi

Beim Halberstädter Abend wird kaum Kritik an dem umstrittenen Buchautor laut.

Wir müssen die Sorgen und Nöte der Menschen aufnehmen, sonst machen es andere.« Frieder Liebrich, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates in Halberstadt, ist schon vor Beginn des Gesprächsabends mit Thilo Sarrazin ein gefragter Mann. Nach der Absage des ersten Termins Ende Februar wegen der anstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und der Ankündigung der NPD, die Veranstaltung für ihre Zwecke zu missbrauchen, gehen die Wellen auch bei der Neuauflage an diesem 14. April hoch.

Denn am ehemaligen Berliner Finanzsenator, Bundesbankvorstand und Buchautor, scheiden sich die Geister. Seit er sein Buch »Deutschland schafft sich ab« mit den umstrittenen Thesen zu Bevölkerungsentwicklung und der mangelhaften Integration vieler Migranten vorgelegt hat, ist er für die einen ein fremdenfeindlicher Buhmann, für die anderen ein Held, der endlich ausspricht, was alle denken. In der Halberstädter Moritzkirche, die mit mehr als 400 Besuchern bis auf den letzten Platz besetzt ist, sind an diesem Abend letztere deutlich in der Mehrheit.

Schon als der umstrittene Autor die Bühne betritt, brandet Beifall auf. Pfarrer Hartmut Bartmuß von der Selbständig Evangelisch-Lutherischen Kirche, der früher für Halberstadt zuständig war, und sein Kollege Harald Kunze vom Kirchspiel, begrüßen den prominenten Gast, den sie in die Kleinstadt am Harz gelotst haben. Doch wer nun eine kontroverse Debatte erwartet hat, wird enttäuscht. Die Pfarrer geben sich zwar redlich Mühe, kritische Fragen zu stellen. An Sarrazin jedoch prallt alles ab. Routiniert spult der sein Programm herunter und sinniert über Migranten, Hartz-IV-Empfänger oder die Vererbbarkeit von Intelligenz.

Auf den Einwand, warum er als SPD-Mann für seine Thesen Beifall von der NPD erhält und wieso sein Buch eine derartige »Kälte« ausstrahle, geht er allenfalls am Rande ein. Das Wohlwollen gegenüber dem Einzelnen dürfe nicht den Blick verstellen vor dem unterschiedlichen ­Potenzial, doziert der Autor.

»Wir müssen darüber reden, welche Art der Einwanderung uns nützt und welche nicht.« Diese Frage zu stellen, sei auch kein Verstoß gegen die Menschenwürde. Zudem müsse die deutsche Gesellschaft erwarten können, dass sich diejenigen, die zu uns kommen, auch integrieren.

Seinen Kritikern wirft er vor, sich vor diesen »unangenehmen Wahrheiten« zu drücken. Dazu teilt er gleich noch kräftig aus. Die politisch korrekte Empörung zeuge nur von der »Unbildung der Kritiker«. Das Publikum quittiert die Angriffe Sarrazins mit ­Gelächter und Applaus.

Selbstzweifel oder die leisen Töne sind seine Sache nicht. Munter verteidigt der Autor seine Thesen mit dem Hinweis darauf, dass er ja nur Tatsachen schildere.

Schon deshalb sieht sich Friedrich Kramer in seiner Kritik bestätigt. Der Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt gehört zu den Unterzeichnern eines offenen Briefes, die im Vorfeld des Abends Kritik an der Art des Gespräches geübt haben. Die Pfarrer hätten zwar kritische Fragen gestellt, seien aber letztlich nur Stichwortgeber gewesen. Für ein wirkliches Streitgespräch findet Kramer das Format der Veranstaltung nicht geeignet.

Tatsächlich werden während des gut anderthalbstündigen Monologs nur wenige gegenteilige Meinungen laut. Die Ausländerbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Petra Albert, widerspricht am Ende Sarrazin, dass es keine Kritik von Fachleuten gegeben habe. Zudem sei die Zustimmung zu fremdenfeindlichen Äußerungen »messbar« hochgegangen, seit über das Buch diskutiert werde. Die von Sarrazin geschilderten Fakten sagten allein relativ wenig aus, merkt Akademie-Direktor Kramer an. Aus dem Buch wehe ihm sehr stark der Geist der Nützlichkeit entgegen, moniert er. »Der Geist Jesu ist das nicht.«

Martin Hanusch

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