Wenn nur die Kirche bleibt
1. April 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
Abgelegt unter Titelseite
Prognose: Der demografische Wandel schlägt in Thüringen und Sachsen-Anhalt voll durch.
In Mitteldeutschland werden nach jüngsten Untersuchungen ganze Dörfer aussterben. Doch wo es engagierte Kirchengemeinden gibt, besteht noch Hoffnung.
Der Dorfladen hat schon lange geschlossen. Auch der Bus kommt nicht mehr, seit die letzte Familie mit schulpflichtigen Kindern weggezogen ist. Einsam fegt eine Rentnerin den Weg vor der Dorfkirche. Morgen ist der dritte Sonnabend im Monat, dann kommt der Pfarrer aus der Kreisstadt für einen Gottesdienst vorbei. An diesem Tag werden sie sich treffen, die fünf noch verbliebenen Gemeindeglieder aus dem Dorf. Gemeinsam werden sie die alten Choräle singen, die Predigt hören und das Vaterunser beten – und sich anschließend bei einer Tasse Kaffee an die guten Zeiten erinnern, als noch Kinder die Kirche und das Dorf bevölkerten.
Ist das nur ein düsteres Zerrbild? Mitnichten. In weiten Teilen Ostdeutschlands, auch in Thüringen und Sachsen-Anhalt, dürften solche Szenen in den nächsten Jahren sehr real werden. Das legt zumindest eine kürzlich veröffentlichte Studie des »Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung« nahe: Schon heute leben in Sachsen-Anhalt neun Prozent weniger Menschen als im Jahr 2000. Bis 2025 wird das Bundesland durch Abwanderung und Sterbeüberschuss einen Bevölkerungsrückgang um insgesamt 16 Prozent verzeichnen. Und trotz seiner Investitionen in Bildungs- und Familienpolitik wird auch Thüringen im selben Zeitraum 14 Prozent seiner Einwohner verlieren. »Ich gehe davon aus, dass der Bevölkerungsrückgang in Ostdeutschland im ländlichen Raum nicht aufzuhalten ist«, sagt Steffen Kröhnert, einer der Autoren der Studie.
In Teilen Mitteldeutschlands, wo manche Ortschaften schon heute weniger als 500 Einwohner haben, werden ganze Dörfer verschwinden. Städte wie Jena, Weimar oder Magdeburg dagegen können ihre Bevölkerung einigermaßen halten.
Die Kirchen werden unter den Bevölkerungsverlusten überproportional leiden: Das legt auch die neueste EKD-Prognose zur Kirchenmitgliedschaft nahe, die davon ausgeht, dass die Landeskirchen bis 2040 rund ein Drittel ihrer Mitglieder verlieren. Aber sie können auch den Unterschied machen, der ein Dorf am Leben hält: »Eine aktive Bürgerschaft, die sich etwa um eine lebendige Kirchengemeinde schart, kann ein Faktor sein, der dazu führt, dass Menschen im Dorf bleiben oder sogar neu hinzuziehen«, sagt Kröhnert. »Wo es hingegen kein Gemeinschaftsleben und kein Engagement mehr gibt, sterben Dörfer aus.«
Aus diesem Grund betont der anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig, dass seine Landeskirche »mit allen Kräften, so lange es geht, auch in kleinen und kleinsten Gemeinden präsent« sein wolle. »Für uns ist das existentiell wichtig«, sagt Liebig. Ähnlich sieht es Christian Fuhrmann vom Gemeindedezernat der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). »Wir müssen begreifen, dass unsere Kirchengebäude Anknüpfungspunkte sind«, sagt Fuhrmann. Wenn alles andere weg ist, bleibe nur noch die Kirche für den Seniorentreff oder das Netzwerk der Nachbarschaftshilfe.
Aber auch für städtische Gemeinden werde der demografische Wandel eine Herausforderung: »Wir müssen stärker wahrnehmen, dass die Zahl der alten Menschen wächst«, unterstreicht Fuhrmann. Einerseits bedeute das, dass sich immer mehr qualifizierte Ruheständler als Ehrenamtliche gewinnen ließen, andererseits werde auch die Zahl der Pflegeheime steigen. »Wir werden uns fragen müssen, was das für unser Gemeindeleben bedeutet.« In Anhalt dagegen sieht man die Dinge anders: »Wir sind derzeit unter 50.000 Gemeindeglieder in einer Region, in der 230.000 Menschen leben«, sagt Liebig. »Da gibt es durchaus Potenzial dafür, dass unsere Gemeinden wachsen – trotz des Schwunds der Wohnbevölkerung.«
Benjamin Lassiwe







