Die Welt Thilo Sarrazins

28. April 2011 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

oparazzi

Beim Halberstädter Abend wird kaum Kritik an dem umstrittenen Buchautor laut.

Wir müssen die Sorgen und Nöte der Menschen aufnehmen, sonst machen es andere.« Frieder Liebrich, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates in Halberstadt, ist schon vor Beginn des Gesprächsabends mit Thilo Sarrazin ein gefragter Mann. Nach der Absage des ersten Termins Ende Februar wegen der anstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und der Ankündigung der NPD, die Veranstaltung für ihre Zwecke zu missbrauchen, gehen die Wellen auch bei der Neuauflage an diesem 14. April hoch.

Denn am ehemaligen Berliner Finanzsenator, Bundesbankvorstand und Buchautor, scheiden sich die Geister. Seit er sein Buch »Deutschland schafft sich ab« mit den umstrittenen Thesen zu Bevölkerungsentwicklung und der mangelhaften Integration vieler Migranten vorgelegt hat, ist er für die einen ein fremdenfeindlicher Buhmann, für die anderen ein Held, der endlich ausspricht, was alle denken. In der Halberstädter Moritzkirche, die mit mehr als 400 Besuchern bis auf den letzten Platz besetzt ist, sind an diesem Abend letztere deutlich in der Mehrheit.

Schon als der umstrittene Autor die Bühne betritt, brandet Beifall auf. Pfarrer Hartmut Bartmuß von der Selbständig Evangelisch-Lutherischen Kirche, der früher für Halberstadt zuständig war, und sein Kollege Harald Kunze vom Kirchspiel, begrüßen den prominenten Gast, den sie in die Kleinstadt am Harz gelotst haben. Doch wer nun eine kontroverse Debatte erwartet hat, wird enttäuscht. Die Pfarrer geben sich zwar redlich Mühe, kritische Fragen zu stellen. An Sarrazin jedoch prallt alles ab. Routiniert spult der sein Programm herunter und sinniert über Migranten, Hartz-IV-Empfänger oder die Vererbbarkeit von Intelligenz.

Auf den Einwand, warum er als SPD-Mann für seine Thesen Beifall von der NPD erhält und wieso sein Buch eine derartige »Kälte« ausstrahle, geht er allenfalls am Rande ein. Das Wohlwollen gegenüber dem Einzelnen dürfe nicht den Blick verstellen vor dem unterschiedlichen ­Potenzial, doziert der Autor.

»Wir müssen darüber reden, welche Art der Einwanderung uns nützt und welche nicht.« Diese Frage zu stellen, sei auch kein Verstoß gegen die Menschenwürde. Zudem müsse die deutsche Gesellschaft erwarten können, dass sich diejenigen, die zu uns kommen, auch integrieren.

Seinen Kritikern wirft er vor, sich vor diesen »unangenehmen Wahrheiten« zu drücken. Dazu teilt er gleich noch kräftig aus. Die politisch korrekte Empörung zeuge nur von der »Unbildung der Kritiker«. Das Publikum quittiert die Angriffe Sarrazins mit ­Gelächter und Applaus.

Selbstzweifel oder die leisen Töne sind seine Sache nicht. Munter verteidigt der Autor seine Thesen mit dem Hinweis darauf, dass er ja nur Tatsachen schildere.

Schon deshalb sieht sich Friedrich Kramer in seiner Kritik bestätigt. Der Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt gehört zu den Unterzeichnern eines offenen Briefes, die im Vorfeld des Abends Kritik an der Art des Gespräches geübt haben. Die Pfarrer hätten zwar kritische Fragen gestellt, seien aber letztlich nur Stichwortgeber gewesen. Für ein wirkliches Streitgespräch findet Kramer das Format der Veranstaltung nicht geeignet.

Tatsächlich werden während des gut anderthalbstündigen Monologs nur wenige gegenteilige Meinungen laut. Die Ausländerbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Petra Albert, widerspricht am Ende Sarrazin, dass es keine Kritik von Fachleuten gegeben habe. Zudem sei die Zustimmung zu fremdenfeindlichen Äußerungen »messbar« hochgegangen, seit über das Buch diskutiert werde. Die von Sarrazin geschilderten Fakten sagten allein relativ wenig aus, merkt Akademie-Direktor Kramer an. Aus dem Buch wehe ihm sehr stark der Geist der Nützlichkeit entgegen, moniert er. »Der Geist Jesu ist das nicht.«

Martin Hanusch

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