Kletterausflug und Theaterspiel

27. Juni 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Stiftung Evangelisches Anhalt fördert erste soziale Initiativen.

Ein Ausflug in den Klettergarten nach Thale und ein Theaterprojekt, bei dem Kinder von Einwanderern im wahren Sinn des Wortes spielerisch Deutsch lernen – das sind die beiden ersten Projekte, die von der im Oktober vergangenen Jahres gegründeten Stiftung Evangelisches Anhalt gefördert werden.

2.000 Euro gehen an das Köthener Theaterprojekt unter der Leitung von Steffi Grohmann und Julya Hasanova, die selbst vor acht Jahren aus Aserbaidschan nach Deutschland gekommen ist. Das Theaterspiel soll die Sprachkompetenz der zumeist russischen Kinder stärken. Seit März wird regelmäßig geprobt, im Oktober soll das Stück aufgeführt werden.

Kreisoberpfarrer Jürgen Dittrich (2. Reihe, li.) und der ehemalige Landtagspräsident von Sachsen-Anhalt, Adolf Spotka (2. Reihe, 2. v. li.), vom Stiftungsvorstand übergaben am 10. Juni in Köthen eine Spende der Stiftung Evangelisches Anhalt. Empfänger ist die Kinder-Migrationsberatung. Das Geld ist für das Theaterprojekt »Planet der Vögel« bestimmt. Das Stück soll im Rahmen der Interkulturellen Woche im Oktober aufgeführt werden. (Foto: Heiko Rebsch)

Kreisoberpfarrer Jürgen Dittrich (2. Reihe, li.) und der ehemalige Landtagspräsident von Sachsen-Anhalt, Adolf Spotka (2. Reihe, 2. v. li.), vom Stiftungsvorstand übergaben am 10. Juni in Köthen eine Spende der Stiftung Evangelisches Anhalt. Empfänger ist die Kinder-Migrationsberatung. Das Geld ist für das Theaterprojekt »Planet der Vögel« bestimmt. Das Stück soll im Rahmen der Interkulturellen Woche im Oktober aufgeführt werden. (Foto: Heiko Rebsch)


Mit 452 Euro hat die Stiftung 14 Kindern zwischen acht und 15 Jahren aus dem Jugendzentrum (JZ) »Popcorn« in Köthen einen abenteuerlichen Nachmittag im Klettergarten beschert. »Klasse«, findet das Betreuerin Ines Gerth, denn Klettern vermittelt soziale Kompetenzen. »Es geht darum, sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen.«

Ein richtiges Teambuilding, ganz nach dem Motto des JZ »Spielend leben lernen!« und ein Grund, warum die Stiftung den Kletternachmittag unterstützt, sagt Stiftungsvorstand Professor Adolf Spotka: »Das Klettern fördert Eigenschaften wie Kameradschaft und Verlässlichkeit, aber es gehören auch Mut und Hilfsbereitschaft dazu.«

Kirchliche und soziale Aufgaben zu unterstützen, vor allem aber die Solidarität zwischen Reich und Arm leben: Das sind die Ziele der Stiftung Evangelisches Anhalt. Eduard Prinz von Anhalt als Vorstand der Stiftung sagt, es gehe darum »den Menschen nahe zu kommen und in guter alter Tradition zu zeigen, dass man mit christlichem Herzen sehr viel erreichen kann«. Die gute alte Tradition – das bedeutet für Prinz Eduard, dass der Starke dem Schwachen hilft.

Das Stiftungskapital beträgt derzeit 130.000 Euro. Als Zustifter wünscht sich der Stiftungsvorstand aus Anhalt stammende Menschen auf der ganzen Welt, die sich ihrer Heimat verbunden fühlen.

Unternehmer, aber auch Menschen in Deutschland, die mehr gesellschaftliche Verantwortung übernehmen sollten. »Man muss sie nur anstupsen und zeigen, wo geholfen werden kann«, appelliert der Prinz.

Die Stiftung plant ein Patenkinderprojekt, um künftig sozial schwächeren Kindern das Essen in der Kindertagesstätte zu finanzieren. Im Januar können sich Initiativen aus der Landeskirche Anhalts erneut als Förderprojekte bewerben.

Thorsten Keßler

Mit den Aufgaben gewachsen

25. Juni 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Johannesgemeinde in Halle feiert den Abschluss der Kirchensanierung.

Wohl niemand in der Johanneskirchengemeinde in Halle wagte 1991 zu träumen, was heute Wirklichkeit ist: Die zu DDR-Zeiten als Lagerhalle benutzte Kirche, die durch Plünderungen, Vandalismus und Verfall damals total heruntergekommen war, ist jetzt komplett saniert.

Die Außenhülle des 1893 geweihten Gotteshauses ist in den letzten 20 Jahren mit rund 2,1 Millionen Euro erneuert worden. Das feiert die Gemeinde mit einem großen Festgottesdienst am Sonntag, 26. Juni, ab 14 Uhr in der Kirche im Süden Halles. Anschließend können sich Interessierte bei einem Empfang im Gemeindehaus über das Baugeschehen informieren.

Volles Haus beim Gottesdienst: Mit der Sanierung wuchs auch die Zahl der Gemeindemitglieder (Foto: Silvia Zöller)

Volles Haus beim Gottesdienst: Mit der Sanierung wuchs auch die Zahl der Gemeindemitglieder (Foto: Silvia Zöller)


»Es waren harte Zeiten«, blickt Pfarrer Gery Wöhlmann auf die Sanierung zurück, die er als Wunder bezeichnet. Hatte Feuchtigkeit das baufällige Kirchenschiff mit kaum einem intakten Fenster und kaputtem Dach zusätzlich geschädigt, so wurde nach und nach in sechs Bauabschnitten alles wieder so hergestellt, wie es der hallesche Architekt Friedrich Fahro vor rund 120 Jahren entworfen hatte.

Fahro war als Baumeister an der Entstehung von mehr als zwei Dutzend Kirchen beteiligt, darunter auch die Anstaltskirche des Diakonie-Krankenhauses Halle oder die Kirche Altenbeichlingen bei Sömmerda in Thüringen.

Für den Denkmalschutz war besonders die Restaurierung der nur noch in Bruchstücken erhaltenen farbigen Chorfenster mit Darstellungen des Pfingstwunders und der Apostel von Bedeutung, da durch die Bombardierungen 1945 der größte Teil der Fenster dieser Art in den Kirchen der Altstadt zerstört wurden. Die Fenster stammen aus der Hannoveraner Werkstatt Freystadtl, von der in Sachsen-Anhalt sonst nur noch ein Ornamentfenster in Bad Kösen erhalten ist.

»Einen großen Schub brachte der Titel ›Kirche des Jahres 2006/2007‹«

»Bemerkenswerter ist jedoch auch, dass mit dem Bau der Kirche und den damit verbundenen Aufgaben die Gemeinde immens von 900 auf 1.600 Mitglieder gewachsen ist«, sagt Wöhlmann. Einen großen Schub für die Wiederherstellung des Baus brachte auch die Nominierung zur »Kirche des Jahres 2006/07«. Sogar der Schirmherr der Aktion, der damalige Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD), besuchte zur Turmbekrönung die Johanneskirche.

Für die Kirche konnten durch die Auszeichnung eine halbe Million Euro Förder- und Spendengelder zusätzlich eingesetzt werden, unter anderem aus der Deutschen Bundesstiftung Umweltschutz, vom Land, der Kirchenprovinz Sachsen und der Lotto-Toto-Gesellschaft. 10.000 Euro steuerte die Kirchengemeinde 2006 und 2007 selbst bei.

Fast von Anfang an war Martin Gottschalk als ehrenamtlicher Baubeauftragter für die Gemeinde dabei – seit 1992 wacht er über das Sanierungsgeschehen. »Es war die wichtigste Entscheidung, das Sanierungsgeschehen auf ehrenamtliche Schultern zu legen, damit der Pfarrer frei bleibt für die Gemeindearbeit«, resümiert er. Freilich wurden die Bauabschnitte in enger Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege und einem Planungsbüro umgesetzt.

Was nun nach der Instandsetzung des Mauerwerks, der Fenster, des Dachs und der Türen fehlt, ist die Innensanierung. »Dafür sind zurzeit keine Finanzen in Sicht«, bedauert Gottschalk. Doch vielleicht gibt es auch da noch ein Wunder, wer weiß?

Silvia Zöller

www.johanneskirche-halle.de

Geschichte hautnah empfunden

24. Juni 2011 von redaktionguh  
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Altenburger Schüler lebten zwei Tage wie Anne Frank.

»Als ich davon gehört habe, wollte ich unbedingt mehr darüber erfahren«, sagte Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen) am vergangenen Freitag in Altenburg. Zehn Mädchen und Jungen der Erich-Mäder-Schule hatten sich beim Projekt »Zwei Tage leben wie Anne Frank« vom 25. bis 27. Mai im Paul-Gustavus-Haus, einem leer stehenden Wohn- und Geschäftsgebäude, versteckt, um möglichst authentisch nachzuempfinden, wie das jüdische Mädchen gelebt und was sie dabei empfunden hat.

Im ­Gespräch mit den Schülern und Projektleiterin Dagmar Schach zeigte sich die Politikerin beeindruckt.

Stattgefunden hatte das Experiment in vier Räumen des Dachgeschosses. Um dorthin zu gelangen, musste Katrin Göring-Eckardt wie alle anderen durch einen Schrank schlüpfen. Dies war der einzige Weg zum Versteck, in dem die Schüler 48 Stunden nahezu auf sich allein gestellt waren. Für die 13- bis 15-Jährigen stellte dies eine große Herausforderung dar, der nicht alle gewachsen waren. Zwei Jungen und ein Mädchen brachen das Vorhaben vorzeitig ab.

Katrin Göring-Eckardt wirft einen Blick in die Tagebücher der beteiligten Schüler. (Foto: Ilka Jost)

Katrin Göring-Eckardt wirft einen Blick in die Tagebücher der beteiligten Schüler. (Foto: Ilka Jost)


Während ihres Aufenthalts verbrachten die Schüler ihren Tagesablauf mit Lesen, Spielen, Schlafen und Tagebuchschreiben. »Zwar haben wir gelernt, wie Anne Frank gelebt haben muss, doch richtig nachfühlen können wir es nicht. Denn für uns war es nur ein Experiment, für sie ging es um Leben und Tod«, sagte die 15-jährige Sophie-Marie Bock.

Das Tagebuch der Anne Frank (1929–1945) gehört zur Weltliteratur. Das jüdische deutsche Mädchen, das 1934 mit ihren Eltern in die Niederlande ausgewandert war, um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen, fiel kurz vor Kriegsende dem Völkermord des Hitler-Regimes zum Opfer. Zuvor hatte es sich mit ­ihrer Familie in einem Hinterhaus in Amsterdam versteckt. Hier schrieb sie vom 12. Juni 1942 bis zum 1. August 1944 ihre Empfindungen und Gedanken in einem Tagebuch nieder, das nach dem Krieg von ihrem Vater Otto Frank veröffentlicht wurde. Es gilt als historisches Dokument des Holocaust.

Gespannt lauschte Katrin Göring-Eckardt den Schilderungen der Beteiligten. »Hier wurde nichts nachgespielt, sondern etwas ganz bewusst nachempfunden. Das ist das Besondere an diesem Experiment, in dem die Schüler alles gegeben haben. Es ist etwas Großartiges, auf diese Weise die Geschichte lebendig zu erhalten. Denn bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben«, führte die Politikerin und Präses der EKD-Synode aus.

Ilka Jost

Kirche ist mehr als ein Haus

24. Juni 2011 von redaktionguh  
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Spannung und Vorfreude auf den Kreiskirchentag am 1. und 2. Juli in Sondershausen

Mit einem Blick auf das Faltblatt des Kirchentages vom Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen sagt Jutta Pfeiffer: »Ich freue mich schon richtig darauf.«

Das hochkarätige Programm lässt vermuten, dass sich Sondershausen am 1. und 2. Juli im »Ausnahmezustand« befinden wird. Wie es mit der Kirche vor Ort und überhaupt weitergeht, darüber macht sie sich schon Gedanken.

Seit 2002 ist sie Mitglied des Gemeindekirchenrates in Einzingen. Der Ort gehört mit zirka 40 Gemeindegliedern zu den kleinen Gemeinden, die zukünftig von Veränderungen betroffen sein werden.

»Wir wollen mal mit Wolferstedt, Einsdorf und Mittel­hausen zu einem Kirchengemeindeverband zusammengehen«, sagt sie. »Aber das muss wachsen, von unten kommen. Im Sommerhalbjahr ist bei uns in jeder Gemeinde einmal ein ­Gesamtgottesdienst. So lernt man sich kennen.«

Pfarrer Rainer Hoffmann, Wolferstedt, arbeitet federführend im Organisationskomitee des Kreiskirchentages Bad Frankenhausen-Sondershausen mit. ­Hochkarätiges verrät das Kirchentagsplakat: Von Margot Käßmann bis Gerhard Schöne reichen die bekannten Namen. (Foto: Steffi Rohland)

Pfarrer Rainer Hoffmann, Wolferstedt, arbeitet federführend im Organisationskomitee des Kreiskirchentages Bad Frankenhausen-Sondershausen mit. ­Hochkarätiges verrät das Kirchentagsplakat: Von Margot Käßmann bis Gerhard Schöne reichen die bekannten Namen. (Foto: Steffi Rohland)


Aber sie kann auch die Leute verstehen, die damit ein Problem haben, wenn der Gottesdienst nicht in der ­eigenen Kirche gefeiert wird. Auch deshalb ist sie sehr gespannt auf die Aktivitäten in anderen Gemeinden des Kirchenkreises. Wie Pfarrer Rainer Hoffmann weiß sie: »Wir brauchen Nutzungskonzepte für Dorfkirchen, weil die Erhaltung immer schwieriger wird.«

In seinem Pfarrbereich sind alle Kirchen gut saniert. Auch mithilfe von Einwohnern, die sonst keine kirchliche Bindung haben. Es gründet sich mit auf Hoffmanns Engagement als Kommunalpolitiker, als Aktivist gegen die Schweinemastanlagen, aber auch im Sport- und Heimatverein.

Doch die Gebäude, Kirchen und Pfarrhäuser sind nur die eine Seite. Die andere Seite ist die Arbeit mit den Menschen. Der Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen hat rund 17.500 Gemeindeglieder bei 21 Pfarrstellen.

»Es herrscht eine angespannte Situation«, sagt Hoffmann. »Ein Viertel der Pfarrstellen sind vakant oder müssen wegen Krankheit von den verbliebenen Pfarrern mit versorgt werden.«

Er selbst hat seit sechs Monaten eine Vakanzvertretung in der Kirchengemeinde Allstedt. Trotzdem versucht er, den Besuchsdienst selbst durchzuführen, ohne Besuchsdienstkreis. »Die Leute wollen den Pfarrer sehen«, hat er erfahren.

Schon vor Jahren verjüngte er in seinem Pfarrbereich die Gemeindekirchenräte. Sie nehmen ihre Aufgaben aktiv und durchaus positiv kritisch wahr. In der Pfarrerschaft und den Gemeindekirchenräten besteht jedoch die Angst, dass Pfarrer nur noch als Verwalter gebraucht werden.

»Unser Ziel ist es, ein Zeichen zu setzen«, sagt Hoffmann. »Kirche ist mehr als das Gemeindeleben vor Ort. Es soll in der Region sichtbar gemacht werden, die Vielfalt, wie Glaube gelebt werden kann.«

Dazu soll der ­Kreis­kirchentag neue geistliche Impulse geben. Als federführendes Mitglied im zehnköpfigen Organisationskomitee hofft er, dass die Besucher Antworten auf die vielfältigen Fragen bekommen werden.

»Auf die Podiumsdiskussion mit Margot Käßmann, Friedrich Schorlemmer, unserer Bischöfin und dem Vizepräsidenten der EKD, Thies Gundlach, sind wir schon stolz«, sagt er.

»Auch wenn es ungeahnte Probleme mit sich brachte, weil eigentlich alle daran teilnehmen wollten. Trotzdem ist es gelungen, die geplanten Vorhaben wie den Markt der Möglichkeiten personell abzudecken.«

Schon jetzt kann er sagen: »Wir haben eine unwahrscheinlich tolle Unterstützung durch den Bürgermeister und die Stadtverwaltung Sondershausen bekommen. Man hat sich offensichtlich sehr gefreut, dass der Kirchentag in die Stadt kommt.«

Steffi Rohland

Eröffnungsveranstaltung am 1. Juli, 19.30 Uhr, Trinitatiskirche: Jazz-Oratorium »Die Schöpfung« von Georg Corman

http://bf-s.ekmd-online.de/portal/aktuelles/

»Inmitten der guten Stube von Erfurt«

24. Juni 2011 von redaktionguh  
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Im neuen Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland sind Anspruch und Auftrag in Stein gemeißelt.

Die Symbolik könnte größer kaum sein: Wer immer das neue Erfurter Kirchenamt durch den Haupteingang betritt, wird auf dem Weg in den Verwaltungssitz der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) von Frömmigkeit und Gerechtigkeit begrüßt. Die beiden allegorischen ­Figuren zieren das opulente Renaissanceportal der einstigen Boineburg-Bibliothek, das 1847 mit dem Bibliotheksneubau am Collegium maius einen neuen Aufstellungsort fand. Mit der Einbeziehung in den Umbau und der Erweiterung des historischen Areals zur Kirchenverwaltung kommt das Portal nun zu symbolischen Ehren.

Seit Ende 2009 wurden für das Amt »inmitten der guten Stube von Erfurt«, wie Finanzdezernent Stefan Große es nennt, rund zwölf Millionen Euro verbaut. Zu den Eigenmitteln von 4,45 Millionen Euro kamen 7,25 Millionen Euro von der Städtebauförderung des Bundes und des Landes sowie von der Thüringer Landeshauptstadt. Ohne die öffentlichen Gelder, so Große, hätte die EKM das Projekt nicht realisieren können.

Altehrwürdige Bausubstanz und moderne Glasarchitektur, in dem eine Kirchenbehörde gut funktionieren kann – so präsentiert sich das Collegium maius in ­Erfurt, in dem seit Ende Mai 142 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig sind. Noch arbeiten hier und da Handwerker, bis das letzte Detail am Bau perfekt ist.  Das neue ­Landes­kirchenamt der mitteldeutschen Kirche wird mit einem Gottesdienst mit Landesbischöfin Ilse Junkermann am Freitag feierlich eröffnet. (Foto: Jens-Ulrich Koch)

Altehrwürdige Bausubstanz und moderne Glasarchitektur, in dem eine Kirchenbehörde gut funktionieren kann – so präsentiert sich das Collegium maius in ­Erfurt, in dem seit Ende Mai 142 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig sind. Noch arbeiten hier und da Handwerker, bis das letzte Detail am Bau perfekt ist. Das neue ­Landes­kirchenamt der mitteldeutschen Kirche wird mit einem Gottesdienst mit Landesbischöfin Ilse Junkermann am Freitag feierlich eröffnet. (Foto: Jens-Ulrich Koch)


Die 142 Mitarbeiter zogen schon Wochen vor der offiziellen Eröffnung an diesem Freitag (24. Juni) in ihre ­Büros in der Michaelisstraße 39 – und damit auf eine Baustelle mit nahezu allen Unzulänglichkeiten eines Neubaus. Kirchenamtspräsidentin Brigitte Andrae indes erkennt in dem Unfertigen durchaus auch Positives: In der gemeinsamen Bewältigung der Anfangsschwierigkeiten kämen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – 80 aus dem bisherigen Landeskirchenamt in Eisenach, 28 aus Magdeburg und 34 neue – zwangsläufig näher.

Sie haben ihre Arbeitsplätze zweifellos in einer der Top-Lagen der Thüringer Landeshauptstadt. Das alte »Lateinische Viertel« als historisches Zentrum des geistlichen und des universitären Lebens hat in den vergangenen Jahren eine deutliche Aufwertung erfahren – städtebaulich, gastronomisch, touristisch. Zudem sind markante Orte der Stadt-, Kirchen- und Reformationsgeschichte – von der Michaeliskirche über Dom, Nikolaiturm, Georgenburse und Augustinerkloster bis hin zur Alten Synagoge – nur wenige Schritte entfernt.

In diesem Umfeld muss das sanierte Collegium maius der Alten ­Universität künftig seinem Anspruch als eines der herausragenden Kulturdenkmale und Lutherstätten von Erfurt gerecht werden. Dazu will sich das Kirchenamt neben seinen eigentlichen Verwaltungsaufgaben auch dem kulturellen und geistigen Diskurs in der Stadt öffnen.

Der moderne Saal im Oberschoss mit bis zu 260 Plätzen, nach Einschätzung von Oberkirchenrat Große »absolut synodentauglich«, dürfte dabei ohne Zweifel Begehrlichkeiten auch über den kirchlichen Rahmen hinaus wecken. Das Alltagsgeschäft im Kirchenamt freilich bedeutet für die Mitarbeiter zunächst eine Gewöhnung.

Die durchweg in Weiß gehaltenen Räume nehmen den historischen Gebäudeteilen ihre Schwere und geben auch dem U-förmigen Neubau eine gewisse Leichtigkeit. Einzig die Türen zu den insgesamt 104 Büros setzen mit zarten Pastelltönen dezente Farbtupfer auf den Fluren. Viel Glas und große Fenster sorgen zudem für angenehme Transparenz. Sie kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass einzelne Räume mitunter etwas knapp zugeschnitten sind.

Insgesamt jedoch sei das neue Kirchenamt »ein guter funktionaler Bau«, gibt sich Oberkirchenrat Große überzeugt – »die denkbar beste und bezahlbare Möglichkeit«. Und alles, was fortan jemals an diesem Ort verwaltet und  entschieden wird, geschieht unter den steinernen Zeichen von Frömmigkeit und Gerechtigkeit. Besser lassen sich Anspruch und Auftrag einer auf die Zukunft gerichteten Kirchenbehörde wohl kaum formulieren.

Thomas Bickelhaupt

Botschafter, nicht Verteidigungsminister

24. Juni 2011 von redaktionguh  
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Christus spricht zu seinen Jüngern: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich.
Lukas 10, Vers 16

1159730_25218546Wie hat sie sich gewünscht, Klassensprecherin zu werden! Sie hat es geschafft. Mit überragendem Wahlergebnis. Sie ist stolz und glücklich. Die Mitschüler vertrauen ihr. Ein gutes Gefühl.

Nicht lange danach kippt das gute Gefühl. Ausgerechnet in ihrer Klasse gibt es Probleme mit einem Lehrer. Er ist ungerecht. Er zieht manche Schüler vor, andere werden sichtbar benachteiligt. Seine Lieblinge bekommen gute Zensuren fast geschenkt. Andere werden knifflig gefragt und bekommen spöttische Bemerkungen ab.

Die Klassensprecherin ist gefordert, die Beschwerde vorzubringen. Eine für alle. Ihr Auftrag ist klar. Sie hat den Termin bei der Schuldirektorin. Ihr klopft das Herz bis zum Hals.

Kann sie überzeugend und ehrlich erklären, was die Klasse bewegt? Was ist eigentlich, wenn sie die Konsequenzen tragen muss? Was ist, wenn sie dann von diesem Lehrer benachteiligt wird? Er sitzt am längeren Hebel.

Blödes Wahlergebnis! Hätte sie doch nicht so viel Vertrauen erworben und hätte nun keine Verantwortung. Am liebsten würde sie alles hinschmeißen – jetzt auf dem Weg ins Direktorenzimmer. Zu spät.

Christine Reizig, Landespfarrerin für Gemeindeaufbau, Dessau-Roßlau

Christine Reizig, Landespfarrerin für Gemeindeaufbau, Dessau-Roßlau

Jesus sagt seinen Jüngern, dass auch sie so etwas sind wie Klassensprecher, Botschafter, ständige Vertreter in dieser Welt.

»Wer euch hört, der hört mich.«

Das ist Auftrag, aber auch Zuspruch.

Natürlich wissen die Menschen in unserem Umfeld, dass wir Christen sind. Und sie sollen es auch wissen. Sie sollen aus unserem Reden und Tun spüren und erfahren, was uns unser Glaube bedeutet. Hoffentlich ist er einladend, macht neugierig.

Die Menschen werden nicht immer positiv reagieren. Manche werden spotten, andere werden deutlich machen, dass ihnen unser Glaube ziemlich egal ist, wieder andere werden uns angreifen – und Gott damit meinen. Wir sind gerufen, Christus durch unser Leben ins Gespräch zu bringen. Das reicht. Wir sind Botschafter, nicht Verteidigungsminister.

Christine Reizig

Ein Erfolg und seine Kehrseite

24. Juni 2011 von redaktionguh  
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© Bundesverband Deutsche Tafel e.V.

© Bundesverband Deutsche Tafel e.V.

Die Idee ist ebenso einfach wie genial: Abgelaufene, aber qualitativ einwandfreie Lebensmittel werden nicht mehr sang- und klanglos entsorgt, sondern landen bei den wirklich Bedürftigen, bei Langzeitarbeitlosen und Alleinerziehenden, Geringverdienern und Rentnern, die das Essen für einen symbolischen Preis erwerben können.

Seitdem 1993 die erste »Tafel« in Berlin an den Start gegangen ist, hat sich eine ganze Bewegung daraus entwickelt. Heute versorgen bundesweit 880 Tafeln – darunter 73 im Bereich der EKM und Anhalts – mit 55.000 Helfern mehr als 1,3 Million Menschen mit Essen. Das ist tatsächlich ein beachtlicher Erfolg.

Das lobenswerte Engagement von diakonischen Trägern, Kirchen, Vereinen und gemeinnützigen Organisationen hat freilich auch eine Kehrseite. Die fast flächendeckende Versorgungsstruktur kann dazu führen, dass sich Armut zementiert und der Eindruck entsteht, der Staat dürfe hier aus der Pflicht entlassen werden.

Nicht nur nach Ansicht des Mainzer Sozialmediziners Gerhard Trabert muss aber jeder Mensch das Recht auf eine Unterstützung haben, die eine wirkliche Partizipation am gesellschaftlichen Leben erlaubt. Das beinhaltet natürlich auch die Möglichkeit, Nahrungsmittel ganz normal in einem Geschäft einzukaufen.

Deshalb kann es eigentlich nicht das Ziel der Tafelbewegung sein, immer neue Ausgabestellen einzurichten. Denn der eigentlich Skandal liegt ja darin, dass in einem reichen Land immer mehr Menschen auf solche Unterstützung angewiesen sind.

Natürlich bleibt der Ansatz der Tafeln richtig, der Vernichtung von Lebensmitteln Einhalt zu gebieten. Aber damit sollten es die Einrichtungen nicht bewenden lassen.

Ansonsten besteht die Gefahr, dass sich die Strukturen der Bedürftigkeit verfestigen. Das aber darf weder im Interesse der Tafeln noch der Gesellschaft liegen.

Darum gehört beides zusammen: Gutes zu tun, sich aber zugleich auch für eine Änderung ungerechter Strukturen einzusetzen.

Martin Hanusch

Einkehr nicht nur für Radler

24. Juni 2011 von redaktionguh  
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Das Netz der Radwegekirchen wächst weiter. Inzwischen beteiligen sich fast 40 Gemeinden in der mitteldeutschen Kirche daran. Zuletzt ist die St.-Wigbert-Kirche in Häselrieth, einem Ortsteil von Hildburghausen, dazugekommen.


Ein Schild kennzeichnet eine Radwegekirche als solche. Sie steht damit besonders für Fahrradtouristen offen.	Foto: David Ebener/picture alliance/dpa

Ein Schild kennzeichnet eine Radwegekirche als solche. Sie steht damit besonders für Fahrradtouristen offen. Foto: David Ebener/picture alliance/dpa

Autobahnkirchen kennt fast jedermann, aber Radwegekirchen? Zwei Jahre Vorbereitung und einige Fördermittel hat das Projekt »St. Wigbert« im südthüringischen Häselrieth gefordert, bevor vergangenen Sonntag mit einem stimmungsvollen Gottesdienst die Einkehrstätte für Radler, Pilger und Wanderer eingeweiht werden konnte. Gemeindekirchenrat Ingo Kronacher und seine Mitstreiter haben viel bewegt.

Denn das Siegel als Radwegekirche in Deutschland zu erhalten bedarf einiger Voraussetzungen. So wird die schmucke, anheimelnde Dorfkirche, deren gotischer Ursprung noch sichtbar ist, fortan ab Mai bis Oktober täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet sein. Der stille, gepflegte Kirchenraum ist wunderbarer Ort, Besinnung bei Gott zu suchen, für innere Einkehr, so wie es Pfarrer Dietmar Schwesig in seiner Predigt hervorhob.

»Es ist gut, dass die Radwegekirchen die Menschen zu seelischer Rast einladen und viele diese nutzen, sich selbst zu finden«, fügte Thüringens Bundes- und Europa-Ministerin Marion Walsmann (CDU) in ihrem Grußwort hinzu. Sie freue sich über jede Station, die hinzukomme, und sie sehe in diesen Orten nicht nur Möglichkeit für spirituelle Einkehr.

Die ehrenamtliche Mühe der Kirchengemeinde könne nicht hoch genug bewertet werden, weil sich diese damit auf besondere Weise für den Tourismus und die Begegnung der Menschen Europas engagiere, sagte die Ministerin. So trugen in Häselrieth zum Gelingen des Gottesdienstes auch der Kirchenchor und die Singegruppe »Laudate« sowie der Posaunenchor aus Marisfeld bei.

Viele Menschen steigen aufs Rad, um Natur und Architektur zu entdecken. Die Häselriether wollen ihnen verlässliche Gastgeber sein. Neben der offenen Kirche gehören Fahrradständer und Informationskasten dazu. Ein Holzpavillon wird aufgebaut und zum Verweilen einladen. Trinkwasser wird es geben, auch Toilettennutzung. Am Werratalradweg, der in 350 Meter Entfernung an »St. Wigbert« vorbeiführt, weisen Schilder den Weg.

Für Christfried Boelter vom Referat Offene Kirchen beim Gemeindedienst der EKM hat dieser Sonntag, an dem gleichzeitig der 1. Tag der Radwegekirchen gefeiert wird, Symbolik. Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland sei Wegbereiter dieses Netzes »geistlicher Raststätten für die Seelen«.

Vor zehn Jahren sei im thüringischen Reinhardsbrunn mit der Johanniskirche die erste offene Kirche am Radweg in Dienst genommen worden, so Boelter. Zwei Jahre später folgte im sächsischen Weßnig (Kirchenkreis Torgau-Delitzsch) am Elberadweg die erste ofizielle Radfahrerkirche. An die 40 Kirchen beteiligen sich inzwischen in Mitteldeutschland am Netzwerk.

Auch in der anhaltischen Landeskirche gibt es mit Steckby eine Radfahrerkirche. Insgesamt sind es über 50 in Deutschland. Das Netzwerk der mitteldeutschen Radwegekirchen stehe zudem in einem Zusammenhang mit der Kampagne 2011 »Klimawandel – Lebenswandel«. Dazu gehöre, das Auto hin und wieder stehen zu lassen und in die Pedale zu treten.

Christfried Boelter war unlängst auf dem Unstrut-Radweg unterwegs. In der Kirche in Herbsleben habe er im Gästebuch viel Lobendes von Einkehrern gelesen. Für ihn sei es eine wichtige Erfahrung, dass Christen mit diesen Gesten der Gastfreundschaft und offenen Türen allen Menschen zeigen: »Wir freuen uns, dass ihr da seid. Kommt herein!«

Ingrid Ehrhardt

www.radwegekirchen.de

Marienkirche als das geistliche Zentrum

17. Juni 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt (Archiv)

Die gotische Marienkirche ist beim Sachsen-Anhalt-Tag in Gardelegen der Mittelpunkt der Angebote der Kirchengemeinden und Einrichtungen. (Foto: Ilka Marten)

Die gotische Marienkirche ist beim Sachsen-Anhalt-Tag in Gardelegen der Mittelpunkt der Angebote der Kirchengemeinden und Einrichtungen. (Foto: Ilka Marten)

Beim Sachsen-Anhalt-Tag in Gardelegen setzen die Gemeinden auf Andachten und Musik.

Wenn vom 24. bis 26. Juni in Gardelegen der 15. Sachsen-Anhalt-Tag gefeiert wird, sind auch die Kirchen mit dabei. Bei dem großen Landesfest unter dem Motto »Auf allen Wegen – ab nach Gardelegen« sind ihre Angebote in der und rund um die gotische Marienkirche zu finden.

Die Christen der Region laden dazu ein, fröhlich zu feiern, etwas zu erleben oder still zu beten. »Alles konzentriert sich auf die sehr schöne und akustisch hervorragende Kirche«, sagt Berthold Salow, der als Mitarbeiter des Gemeindekollegs der mitteldeutschen Kirche für Großveranstaltungen wie Kirchentage, Gartenschauen oder eben die Landesfeste zuständig ist. Er verweist auf das hochwertige Programm mit vielen Mitwirkenden in der Kirche sowie das Kirchendorf mit 15 Informations- und Mitmachständen, den Bibelbus und die kreativen Aktionen für Kinder und Jugendliche.

»Die Nachricht, dass der Sachsen-Anhalt Tag nach Gardelegen kommt, hat uns überrascht«, sagt der Salzwedeler Superintendent Matthias Heirich. Steckten doch die Gemeinden da schon in den Vorbereitungen für den nächsten Altmärkischen Ökumenischen Kirchentag im Jahr 2012 – ebenfalls im Kirchenkreis Salzwedel. Mit Blick auf dieses Ereignis und auf die Mitarbeitersituation habe man sich zu Veränderungen entschlossen. So wird es keine Kirchenbühne geben. Dafür werden Pfarrerinnen und Pfarrer, Chöre und Musikgruppen in der Kirche ein Programm gestalten mit Andachten zu jeder vollen Stunde.

»Wir wollen – unseren Möglichkeiten entsprechend – unsere Aufgaben fröhlich tun«, so der Superintendent.

Die Türme des Rathauses sowie der Marien- und der Nikolaikirche prägen die Altstadt. Gardelegen entwickelte sich vor über 800 Jahren aus drei Siedlungskernen. Die 1945 zerstörte Nikolaikirche war jahrhundertelang Hauptkirche der Stadt. An der Marienkirche wirkte ab 1539 der aus Mieste stammende Reformator der Altmark, Bartholomäus Rieseberg (1492 bis 1566). Der Hansestadt Gardelegen verhalf das Mälzrecht zu Wohlstand, und von hier stammt die älteste Biermarke der Welt – das Garley-Bier. Im 19. Jahrhundert florierte hier die Knopfherstellung.

Heute ist Gardelegen mit seinen 48 Ortsteilen die von der Fläche her größte Stadt in Deutschland.

Angela Stoye

Aus dem Festprogramm der Kirchen

Der ökumenische Eröffnungsgottesdienst am 24. Juni beginnt um 14 Uhr. Es predigt der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige. Weitere Mitwirkende sind Propst Christoph Hackbeil, der anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig, Superintendent Matthias Heinrich, die Pfarrer Horst Dietmann und Andreas Lorenz sowie Lektoren aus der Gemeinde. Die musikalische Leitung hat Natalja Gvozdkova.

Während der Festtage gibt es zu jeder vollen Stunde in der Marienkirche eine 15-minütige musikalische Andacht, am Freitag eine Taizé-Andacht zum Tagesschluss (21 Uhr) und am Sonntag einen Gottesdienst (10 Uhr).

Am Sonnabend gastiert von 10 bis 17 Uhr der »Circus Knopf«.

Ebenfalls am 25. Juni steht hier ein Cembalokonzert »alla maniera italiana« mit Natalja Gvozdkova auf dem Programm (12 Uhr).

Mehr im Internet unter www.sachsen-anhalt-tag.org

»Das jüngste Kind ist zwei«

17. Juni 2011 von redaktionguh  
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Das Bauwagen-Projekt der Wernigeröder Johannisgemeinde geht ins elfte Jahr.

»Ich bin hier ein Urgestein«, sagt Babara Cöster. Im Wernigeröder Stadtfeld steht bereits der zweite Bauwagen, den sie betreut. Der erste war 2000 ein Einachser, der »gemeinsam innen gestrichen und draußen bemalt« wurde. Unterdessen steht auf der Wiese der Nachfolger. Das Teutloff-Bildungswerk hat ihn für rund 10.000 Euro gestaltet.

»Nach vier Jahren ist er noch gut in Schuss, weil er pfleglich behandelt wird.« Nicht einmal die Reifen haben Schaden genommen, freut sie sich. »Manchmal habe ich das Gefühl, das Wohngebiet passt auf den Bauwagen auf.«

Von Mai bis Oktober ist an drei Tagen der Woche der »Bauwagen« im Wernigeröder Stadtfeld für »betreutes Spielen« geöffnet. (Foto: Matthias Bein)

Von Mai bis Oktober ist an drei Tagen der Woche der »Bauwagen« im Wernigeröder Stadtfeld für »betreutes Spielen« geöffnet. (Foto: Matthias Bein)


Vor elf Jahren hatten Hans-Jürgen Kant, damals Pfarrer der Johannisgemeinde, und seine Mitstreiter die Idee, etwas für die Kinder zu tun. Der heutige Hallenser Superintendent fragte Babara Cöster, ob sie nicht als Streetworkerin anheuern wolle.

»Wenn die Kinder nicht zu uns kommen können, dann gehen wir eben zu ihnen, hat er damals gesagt«, erinnert sie sich. So rollte der Bauwagen ins Plattenbaugebiet, und er steht von Mai bis Oktober hier, bunt, außergewöhnlich, mit Fensterläden und offenen Türen für jene, die hierher kommen.

Sie heißen Jennifer, Maik oder Sedscha, aber eigentlich spielen Namen keine Rolle. Barbara Cöster und ihr FSJler Tim Eichmann bieten hier einen Treffpunkt für Kinder bis zu zwölf Jahren und deren Familienmitglieder an. Dienstag bis Donnerstag von 15 bis 18 Uhr sind die Bauwagentüren geöffnet.

»Die ersten beiden Wochentage wirkt das recht unstrukturiert, Donnerstag ist der Strukturtag. Da bekommen Kinder, die sich gern treiben lassen, ihr Programm.« Da fallen Worte, die die Kinder zu Hause selten hören. »Wer sich für uns entscheidet, der soll auch dabei bleiben. Wenn wir donnerstags im Center der Stadtjugendpflege kochen, dann muss der, der essen will, das Programm absolvieren. Geschenkt gibt es nichts.«

Mitmachen heißt, das Essen mit zuzubereiten oder wenigstens den Tisch zu decken. Plötzlich kamen Hartz-IV-Mütter mit ihren Kindern, halfen beim Kochen und kamen so unter Leute.

Das Projekt lebt von Spenden und Förderung

Was Barbara Cöster freut, auch Zuwanderer finden den Weg zum Bauwagen und lernen im Umgang miteinander besser Deutsch. Elf Muslime gehören zu den Gästen, obwohl die Eltern wissen, es ist ein Projekt der evangelischen Kirche. Für die Leiterin des Projektes ein Schritt zur gegenseitigen Akzeptanz.

»Es ist ein großes Wort, dass sich bei den Kindern das Wertesystem ändert und sie toleranter werden. Aber ›Neger‹ oder ›Schokojunge‹, solche Bezeichnungen sind fast vergessen.«

Barbara Cöster kommt aus Bonn, lebte in Bayern, um dann vor 15 Jahren in Wernigerode sesshaft zu werden. Sie hat kirchliche Kinder- und Jugendarbeit gemacht, Mädchenarbeit beim CVJM, gründete eine Familie, arbeitete ehrenamtlich in Kirchengemeinden. Sie weiß um all die alltäglichen Probleme zwischen Ämtern, Gemeinde und Projekt.

Den Bauwagen sieht sie als Anlaufpunkt für die Kinder. »Das jüngste Bauwagen-Kind ist zwei. Ein Geschwisterkind bringt es mit; es muss zu früh Verantwortung übernehmen«, sagt die Streetworkerin nachdenklich. Unterdessen hat sich der Bauwagen mit Internationalem Bund und der Stadtjugendpflege vernetzt. Es sei ein Geben und Nehmen, nicht nur wenn es bei der Eröffnung der 11. Bauwagensaison in Strömen gießt und Zelte her müssen. Es gibt das Kochprojekt und Ferienfreizeiten, Fahrten nach Aschersleben in den Tierpark und ins »Phaeno« nach Wolfsburg.

Ziele, die die Kinder aus der Geldbörse ihrer Eltern selten finanziert bekommen. Da wird der symbolische Euro eingezahlt. Sonst lebt das Projekt von Spenden, Fördergeldern und dem Eigenanteil der Johannisgemeinde.

Die junge Pfarrerin Heide Liebold teilt den Optimismus ihres Vorgängers Hans-Jürgen Kant. Dank des Engagements von Menschen wie Barbara Cöster und der Hilfsbereitschaft aus Gemeinde und Stadt wird es nach der elften weitere Bauwagen-Sommer geben.

Uwe Kraus

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