Beliebte »Hochzeitskirche«

10. Juni 2011 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

Die Dorfkirche von Prößdorf wird für standesamtliche Trauungen genutzt.

Auf den ersten Blick wirkt die Kirche in Prößdorf (Kirchspiel Lucka im Altenburger Land) wie ein ganz normales Gotteshaus: Hell und freundlich erstrahlt die Fassade, die Turmuhr zeigt die genaue Zeit an. Beim Betreten des Portals merkt der aufmerksame Betrachter jedoch schnell, dass innen einiges anders ist.

Statt Bänken laden rote Polsterstühle zum Verweilen ein, der Boden ist ­terrakottafarben gefliest. Kanzel und Altar sucht man vergeblich. Dafür gibt es einen großen Tisch und einen Blüthner-Flügel.

Der Innenraum der Prößdorfer Kirche ist völlig neutral gehalten. (Foto: Ilka Jost)

Der Innenraum der Prößdorfer Kirche ist völlig neutral gehalten. (Foto: Ilka Jost)


Man könnte fast glauben, man befände sich nicht in einer Kirche, sondern in einem außergewöhnlichen Festsaal mit drei Emporen und schmucker Kassettendecke. Denn der Innenraum ist völlig neutral und frei von kirchlichem Inventar und Schmuckelementen gehalten.

Das hat seine Gründe. Die Prößdorfer Kirche, 1885 erbaut, befand sich zu DDR-Zeiten in einem sehr schlechten baulichen Zustand und wurde schon mehrfach zur Ruine erklärt.

Mitte bis Ende der 1990er Jahre erfolgte, größtenteils mit staatlichen Mitteln, die Sanierung. Bauherr war die Stadt Lucka.

Ein Vertrag zwischen Stadtverwaltung und Kirchengemeinde ermöglicht seither eine Nutzung für sowohl weltliche als auch kirchliche Veranstaltungen, z. B. Konzerte und Ausstellungen. Das ehemalige Gotteshaus steht damit auch Nicht-Christen offen. Insbesondere als »Hochzeitskirche« hat das Bauwerk einen Namen erlangt.

»Allein im Jahr 2010 fanden 39 ­standesamtliche Eheschließungen in der Prößdorfer Kirche statt. Viele wollen bei einer Hochzeit gern die Kulisse einer Kirche haben, gehören aber keiner Konfession an«, berichtet Margret Ziegenbein, Standesbeamtin der Stadt Lucka. Hans Nitzsche, Pfarrer der ­Kirchengemeinde Lucka-Wintersdorf, steht der Sache offen gegenüber. »Für unsere Kirche war dieser Nutzungsvertrag die einzige Lösung«, betont der Pfarrer, der schon seit 1984 die Kirchengemeinde betreut.

Dabei wurde das Gotteshaus jedoch nicht wie anderenorts entwidmet. Es finden nach wie vor Festgottesdienste, kirchliche Trauungen und Taufen statt. Dann wird der große Tisch, an dem sonst das Brautpaar und die Standesbeamtin sitzen, zum Altar umfunktioniert. Auch über einen Taufstein verfügt die Kirche, der zu entsprechenden Anlässen aufgestellt wird. Im Turm befindet sich noch eine kleine Glocke, die Mitte der 1930er Jahre vom Lehrer Ernst Katzsch gestiftet wurde.

Auf die vertrauten Orgelklänge müssen die Gottesdienstbesucher ebenfalls nicht verzichten. Zwar dient das Prospekt der ehemaligenUrban-Kreutzbach-Orgel nur noch als Schmuckelement. Die Musik kommt von einer elektronischen Orgel und über Lautsprecher. »Eine Restaurierung ist für uns nicht finanzierbar«, so der Pfarrer.

Ilka Jost

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