»Am Ende sind alle beschädigt«

4. Juli 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt plus

Giselher Quast. Foto: Klaus-Peter Voigt

Giselher Quast. Foto: Klaus-Peter Voigt

 
Streit um die drohende Abberufung des Magdeburger Dompredigers Giselher Quast geht weiter.

 

Die Fronten sind verhärtet, ein neuer Kompromiss scheint nicht in Sicht. Nachdem in der letzten Woche bekannt geworden ist, dass das Landeskirchenamt das Abberufungsverfahren gegen den Magdeburger Domprediger Giselher Quast wieder aufgenommen hat (vgl. Nr. 26), schlagen die Wellen erneut hoch. Am Montag stand das Thema auch auf der Tagesordnung im Gemeindekirchenrat. Das Gremium wolle sich jedoch in einem laufenden Verfahren vorab nicht dazu äußern, erklärte die Vorsitzende Bettina Büttner auf Anfrage.

Bereits im vergangenen Jahr hatte die drohende Abberufung für großes Aufsehen gesorgt – es gab eine Demonstration für den Domprediger, der seit über 30 Jahren die Stelle innehat und als eine führende Figur der friedlichen Revolution in der Elbestadt gilt. Auch eine Gemeindeversammlung, bei der die Ergebnisse der Gemeindevisitation vorgestellt wurden, brachte keine Entspannung. Dahinter steckt letztlich ein lange schwelender Konflikt zwischen dem Gemeindekirchenrat und dem Domprediger über Fragen der Geschäftsführung und der künftigen Ausrichtung der Gemeinde.

Im September 2010 schien dann ein Kompromiss gefunden zu sein. Der Vorschlag sah vor, für Quast eine zusätzliche Predigerstelle zu schaffen. Dafür sollte seine mit der Geschäftsführung verbundene Pfarrstelle neu ausgeschrieben werden, was auch ­geschah. Die Entscheidung erfolgte den Angaben der EKM zufolge damals im Einvernehmen. Doch im Februar klagte Quast vor dem kirchlichen Verwaltungsgericht dagegen. Den drei Bewerbern musste abgesagt werden.

Für seinen Rückzieher führt der Domprediger zwei Gründe an. Zum einen sei die Vereinbarung unter großem zeitlichen Druck zustande gekommen, der eine Prüfung durch Pfarrvertretung und Juristen nicht ermöglicht hat. »Ich hatte nur 48 Stunden Zeit, mich zu entscheiden.« Vor allem aber sei damit der aufgezeigte Weg und das Ergebnis der Visitationskommission verlassen worden, die ­allen Seiten »etwas ins Stammbuch geschrieben« habe. Der 59-Jährige räumt durchaus eigene Fehler ein. »Aber wenn man meine Verdienste um die Gemeinde und die Fehler abwägt, ist die Wegnahme der Pfarrstelle nicht angemessen.« Auf die Frage, warum er so spät dagegen vorgegangen ist, antwortet Quast mit dem Hinweis, dass das Bewerbungsverfahren zu frühzeitig gestartet worden sei. Vor ­allem aber stößt sich Quast an seiner öffentlichen »Degradierung« und dem drohenden Verlust der Dienstwohnung. »Das habe ich sechs Jahre vor dem Ruhestand als ehrenrührig empfunden«, sagt er.

Diese Vorwürfe weist Personaldezernent Christian Frühwald entschieden zurück. So habe das Kollegium keineswegs Druck auf den Domprediger ausgeübt. Auch wäre ihm eine einvernehmliche Lösung lieber gewesen, sagt der Personaldezernent. Doch nun gebe es kein Zurück, weil der Kompromiss durch die Klage hinfällig sei. Jetzt könne nur das bereits eingeleitete ­Abberufungsverfahren weitergeführt werden. Durch die anstehende Sommerpause dürfte sich das freilich schwierig gestalten. So rechnet Frühwald mit drei bis vier Monaten für
die anstehenden Gespräche mit dem Gemeindekirchenrat und Quast sowie mit Kreiskirchenrat und Propst.

Dass das Verfahren nicht spurlos an der Gemeinde vorbeigeht, dürfte allen Beteiligten klar sein. Der Schaden ist immens. So hat der Ruf der ­Kirche in Magdeburg massiv gelitten. Auch Giselher Quast weiß um die Folgen: »Schon jetzt sind alle beschädigt, mein Ruf hat genauso gelitten wie der des Gemeindekirchenrates, des Kollegiums oder der Kirche insgesamt.«

Martin Hanusch

Bookmark and Share
Möchten Sie ein Exemplar der gedruckten Zeitung in den Händen halten? Gern senden wir Ihnen ein kostenloses Probeheft. Einfach und unverbindlich hier bestellen. (Link)

Reaktionen unserer Leser

5 Lesermeinungen zu “»Am Ende sind alle beschädigt«”
  1. Christian Fleischhack sagt:

    Für Domprediger Quast kann ich, wenn ich Ihre neue Schreckensmeldung aus dem ehemaligen Konsistorium (jetzt Landeskirchenamt) lese, folgendes nur als Zuspruch deuten:

    “Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen. Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden.”
    (Matthäus 5,11-12 / Lehrtext aus den Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine für den 6. Juli 2011)

    Matthäus schreibt im Konjunktiv – “wenn” – leider findet das reale Leben nicht im Konjunktiv statt, sondern äußert sich immer häufiger im kategorischen Imperativ: Schluß! Aus! Ende! Wenn erst einmal die Schublade geöffnet und man(n) darin untergebracht ist, scheint es keinen Ausweg mehr zu geben. Diese Ausweglosigkeit ist verheerend und widerspricht dem Anliegen der Kirche, offen und einladend zu sein.
    Ich habe Giselher Quast als immer offenen, geradlinigen Christenmenschen erlebt. Das auch zu einer Zeit, als “Mitteldeutschland” noch als “Ostzone” oder “SBZ” bezeichnet wurde. Dass er auch im geeinten Deutschland und der neu “geordneten” Kirche eine Meinung hat und diese auch erkennen läßt, ist nach meinem Dafürhalten kein Grund, ihn zu verurteilen (wenn ich die Sache richtig verstehe, ist eine “Abberufung” – oder sollte man sagen Amtsenthebung? – ein kirchenrechtlicher Akt, quasi ein Urteil, ganz früher sprach man wohl auch von Inquisition…). Wenn in unserer Kirche ein Konflikt nicht mehr ohne “amtliche Entscheidung” gelöst werden kann, dann habe ich Angst um die Zukunft unserer Kirche!
    Ich hoffe, dass es für den Konflikt doch noch eine konstruktive Lösung geben kann!

  2. Wilfried Blümner sagt:

    Nach meiner Kenntnis hat die Visitation im vergangenen Jahr keine Abberufung des Dompfarrers Quast empfohlen und der Gemeindekirchenrat der Domgemeinde hat keinen Abberufungsbeschluss gefasst. Wir sind eine Kirche mit synodal – demokratischen Strukturen. Mit welchem “Recht” wird dennoch die Abberufung von Giselher Quast als Dompfarrer betrieben? Sind die Argumente gegen eine “gedeihliche Zusammenarbeit” in der Zukunft wirklich so schwerwiegend? Dem steht die große Sympathie von Pfarrer Quast in der Domgemeinde und darüber hinaus entgegen Man lese nur einmal die Würdigung seiner Person und seiner Arbeit im Domgemeindeblatt anlässlich seines 60.Geburtstages! Danach ist eine eventuelle Abberufung völlig unverständlich. Warum wird nicht erst einmal der Weg beschritten, den die Visitationskommission empfohlen hat, um die “Unstimmigkeiten” aus dem Weg zu räumen und die Kompetenenzen in der Gemeindeführung besser zu klären?
    Viele habe in dieser Angelegenheit einen Brief an die Kirchenleitung bzw.an die Bischöfin geschrieben. Es erfolgt keine Antowert. Über die Gründe des Schweigens kann man nur rätseln. Aber alle, die eine geistlich – seelsorgerliche Antwort erwartet haben, sind enttäuscht. Und da nicht einmal eine Eingangsbestätigung erfolgte, fühlen sich die Briefschreiben in ihrem Anliegen nicht ernst genommen. Auch der Brief des Magdeburger Pfarrkonvents blieb unbeantwortet.Wir nennen uns Schwestern und Brüder in unserer Kirche. Ist kein Verständnis dafür da, dass Geschwister ananeinder Anteil nehmen?

  3. Ich stimme dem Bruder Blümner unbedingt zu, erst recht meinem Freund und Kollegen Jochen Tschiche, der in seinem Beitrag im Deutschen Pfarrerblatt am “Fall Quast die Tendenz zur Ökonomisierung der Kirche” festmacht.
    Es gibt immer einen der ist Koch und einen der ist Kellner, d.h. Personaldezernenten und Bischhöf(e)innen sind hoffentlich ordentliche Kellner,
    Koch aber ist die Gemeinde. Im Fall Quast wie in vielen gleichartigen Fällen der Anwendung des “Ungedeilichkeitsparagraphen von 1937″, kommt es automatisch zu verhärteten Fronten und dann geht es weder um die Gemeinde noch um den Pfarrer(in) sondern darum, dass mit Hilfe von Mobbingmethoden der “Kellner” das Spiel gewinnt. Inzwischen muss man desshgalb davon ausgehen,dass Herr Frühwald in dieser Sache als “befangen” anzusehen ist und von der Bearbeitung dieser Angelegenheit durch die Präsidentin des Amtes bzw. durch Kollegiumsbeschluss zu dispensieren ist. Vielleicht wäre ein bisher unbetroffener und wegen seiner Kompetenz und Brüderlichkeit hochgeachteter Kirchenjurist wie OKR i.R. Hartwin Müller ein geeigneter Mediator.

  4. Raupach, Matthias sagt:

    Ich gehöre nicht zur Domgemeinde, bin aber seit einiger Zeit auf der Suche nach einer neuen geistigen Heimat und deshalb nahezu regelmäßig Besucher der Gottesdienste. Besonders die Predigten von Domprediger Quast sind es, die mich meist tief berührt haben und in schwierigen persönlichen Situationen Hoffnung, Trost und Halt gegeben haben. Für mich spricht hier ein Mensch, der Höhen und Tiefen selbst durchlebt hat, der dadurch weise geworden ist und dessen Worte in mein tägliches Leben treffen. Mir gefällt seine offene und wertschätzende Art im Umgang mit anderen kirchlichen Traditionen, z.B. der Römisch-Katholischen Kirche.

    Ist es nicht eigentlich das Wichtigste in einer Kirche, wenn ein Pfarrer die Herzen der Menschen erreicht und ihnen einen Zugung zum Glauben öffnen kann? Die Auseinandersetzung um die “Amtsenthebung” ist für mich auch deshalb so schwer verständlich und richtet so großen Schaden an, weil die Stellungnahmen so schwammig sind, daß überhaupt nicht klar wird, was Herrn Quast eigentlich ankreidet wird.

    Ich wünsche mir sehr, daß Herr Quast seine Stelle am Dom und seine Wohnung behalten wird. Und ich weiß, daß sich das mit mir noch viele andere wünschen.

Trackbacks

Das sagen andere über diesen Artikel
  1. [...] in einem zweiseitigen Brief vom 29. August, welcher der Redaktion vorliegt. Sie seien durch den Streit um den Domprediger »an dem Punkt angekommen, an dem uns ein Weiterarbeiten im ehrenamtlichen Leitungsgremium der [...]