Episode der Stadtgeschichte

Utensilien aus der Apotheke des einstigen Hugenottenviertels – in seiner aktuellen Sonderausstellung widmet sich das  Stadtmuseum Hildburghausen einem beinahe vergessenen Religionskapitel der Stadtgeschichte: Per herzoglichem Edikt  wurde die einstige Residenzstadt im 18. Jahrhundert zur einzigen Hugenotten-Kolonie Thüringens. Foto: Susann Winkel

Utensilien aus der Apotheke des einstigen Hugenottenviertels – in seiner aktuellen Sonderausstellung widmet sich das Stadtmuseum Hildburghausen einem beinahe vergessenen Religionskapitel der Stadtgeschichte: Per herzoglichem Edikt wurde die einstige Residenzstadt im 18. Jahrhundert zur einzigen Hugenotten-Kolonie Thüringens. Foto: Susann Winkel


Ausstellung in Hildburghausen widmet sich dem 300. Jahrestag des Hugenottenediktes.

Auffällig ist sie nicht, die katho­lische Kirche St. Leopold in der Seminarstraße von Hildburghausen. Ein schlichtes, weißes Gotteshaus mit achteckigem Grundriss. So bescheiden jedoch das Antlitz, so außergewöhnlich ist die Geschichte der ältesten Kirche der ehemaligen Residenzstadt. Bei ihrer feierlichen Einweihung am 31. Juli 1711 wurde sie nämlich der französisch-reformierten Gemeinde Hildburghausens übergeben. Das nach französischem Vorbild errichtete Gotteshaus ist das letzte markante Bauzeichen eines Kapitels der Stadtgeschichte, das beinahe verschwunden ist aus dem Gedächtnis der Südthüringer.

Nun wurde dieses Kapitel mit einer Sonderausstellung im Stadtmuseum wieder aufgeschlagen. Es geht um ein »Asyl in Hildburghausen«, wie der ­Titel der Schau verrät. Ein einzigartiges Obdach, um genau zu sein. Denn die beschauliche Werrastadt war vor 300 Jahren die einzige Kolonie französischer Protestanten in Thüringen. Am 31. Juli 1711 erließ Herzog Ernst von Sachsen-Hildburghausen das sogenannte Hugenottenedikt. Das weit verteilte Flugblatt, gedruckt in deutscher, französischer und holländischer Fassung, versprach den Glaubensflüchtlingen aus Frankreich ein sorgenfreies Leben im Herzogtum.

Die nach französischem Vorbild ­erbaute Hugenottenkirche in ­Hildburghausen gehört seit 1829 der katholischen Gemeinde. Foto: Bernhard Großmann

Die nach französischem Vorbild ­erbaute Hugenottenkirche in ­Hildburghausen gehört seit 1829 der katholischen Gemeinde. Foto: Bernhard Großmann

Eine Einladung, die gleichermaßen von religiöser Toleranz und ökonomischer Weitsicht zeugte. Mit dem Angebot an die zweite und dritte Generation Vertriebener waren steuerliche Privilegien und der Plan zur Anlegung eines neuen Viertels im Norden der Altstadt verbunden. Zudem bestand für die Neuankömmlinge kein Zunftzwang.

Der Ruf des Herzogs hatte Erfolg. Schon 1711 baten die ersten zwölf ­Familien um Asyl in Hildburghausen. Verarmt und ohne Habe, dafür mit neuen Gewerken wie der Feinbäckerei, Strumpf- und Tuchmacherei, siedelten sich die Hugenotten allmählich in der Neustadt an. 1724 standen bereits 48 der zweigeschossigen, sparsam im einheitlichen Barockstil erbauten Wohnhäuser in der neuen ­Kolonie. Ergänzt wurde das neue Viertel, in dem sich auch andere  niederließen, um die neue Kirche, Gasthaus, Gymnasium, Waisenhaus, Apotheke und Pfarrhaus. Heute ist von der akribisch geplanten Idealstadt nicht mehr viel zu erkennen. Zu sehr haben zahlreiche Abrisse und ein fehlendes denkmalpflegerisches Gesamtkonzept das einstige Gesicht des »Hugenottenviertels« verändert.

Auch andere Spuren der Siedler, etwa französische Nachnamen, sucht man in Hildburghausen heute vergebens. Zwar brachten sie ein wenig französische Lebensart vom Sprachunterricht über Parfumflakons bis zu Theateraufführungen in ihrer Muttersprache an die Werra, doch es blieb bei einer auch wirtschaftlich nicht nachhaltigen Episode der Stadtgeschichte. Durchaus integrationsbeflissen, vermischten sich die Kolonisten alsbald mit der einheimischen Bevölkerung. Als die Mitgliederzahl der ­reformierte Gemeinde der Deutschen und Franzosen immer weiter sank, schloss sie sich im November 1824 schließlich mit der lutherischen Gemeinde zur Unierten Kirche der Neustadt zusammen und verkaufte ihr Gotteshaus fünf Jahre später – Ironie der Geschichte – an die katholische Gemeinde.

Susann Winkel

Die Ausstellung »Asyl in Hildburghausen« ist noch bis 31. Juli im Stadtmuseum Hildburghausen, dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

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