Tastend Neues erleben

14. Oktober 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Ein Globus zum Tasten und die Zimmernummer in Punkt-Schrift – das »Helmut-Kreutz-Haus« in Wernigerode ist kein gewöhnliches Gästehaus.	Foto: Matthias Bein

Ein Globus zum Tasten und die Zimmernummer in Punkt-Schrift – das »Helmut-Kreutz-Haus« in Wernigerode ist kein gewöhnliches Gästehaus. Foto: Matthias Bein


»Woche des Sehens«: Helmut-Kreuz-Haus in Wernigerode ist Ort der Erholung und des Lernens für blinde und sehbehinderte Menschen.

 

Die Seelsorge an blinden und sehbehinderten Menschen scheint hierzulande noch nicht so recht im Blick zu sein. In Wernigerode hingegen ­werden diese Menschen mit einem besonderen Angebot erwartet.
 

»Wir haben in Wernigerode den Balkon mit dem besten Ausblick«, meint Diakonin Christine Oppermann-Zapf. Sie sagt das, obwohl der größte Teil ihrer Gäste im »Helmut-Kreutz-Haus« am Pulvergarten 2 in Wernigerode das Schloss auf dem Agnesberg nicht oder nur schwer sehen kann. Sie sind blind oder stark sehbehindert. »Anschauen, das ist für sie eine andere, aber eine vertraute Wahrnehmung«, erläutert sie.

Die resolute Frau, die 2005 in den Harz wechselte, steht dem einzigen evangelischen Haus dieser Art in Deutschland vor.

»Über unser Haus gibt es diverse Irrtümer. Wir sind ein Gästehaus, haben keine dauerhaften Bewohner, man kann hierher kommen, auch wenn man gucken kann. Um das Leben in unserem Haus aufrecht zu erhalten, sind wir auf Spenden, Zuschüsse von Organisationen und Einzelpersonen angewiesen.«

Das um 1870 im Stil eines Landhauses erbaute Gebäude trage nicht umsonst den Namen »Helmut-Kreutz-Haus«. Der Industrielle habe mit ­siebenstelligen Zuwendungen dafür gesorgt, dass in Wernigerode diese einmalige Einrichtung weiter bestehen konnte.

70 Prozent der Gäste in der mildtätigen Stiftung sind blind, sehbehindert, hörsehbehindert, taubblind oder haben andere Handicaps.

Rund 3.300 Übernachtungen zählte das besondere Haus im Vorjahr, um die 800 Gäste nutzten das Angebot. Gerne tagen hier auch Vertreter aus Diakonie-Einrichtungen, kommen Blindensportler oder Gemeindekirchenräte.

Eine Diakoniewerkstatt aus Peine reiste mit komplettem Personal an, zuletzt fand die Blindenwanderwoche hier ihren Abschluss, und Ende Oktober treffen sich die blinden Autoren Deutschlands im »Helmut-Kreutz-Haus«.

Christine Oppermann-Zapf erzählt von Kursen mit Mobilitätstrainern, die ehrenamtliche Blindenbegleiter ausbilden. »Jährlich schulen wir unsere Ehrenamtlichen und die Neuen aus der Bahnhofsmission Halberstadt.« Es beginne bei scheinbaren Kleinigkeiten.

»Zu sagen, da kommen drei Stufen, reicht nicht. Hoch oder runter? Blinde muss man hinter sich führen und nicht vorwegschieben.« Sie bewegen sich durch Hund und Stock zudem einseitig. »Darum haben wir Gesundheitsangebote ins Programm aufgenommen.«

Das Haus wurde vor acht Jahren saniert, ist barrierefrei und verfügt nun zur Hälfte über rollstuhlgerechte Zimmer. Von einem normalen Erholungsheim unterscheidet das Haus nicht nur eine umfangreiche seelsorgerische Betreuung.

Im besten Thüringisch verkündet der Fahrstuhl die Etage, die Handläufe auf den Fluren avisieren in Punkt-Schrift, vor welchem Zimmer man steht. Ein Globus zum Tasten, die Bibel in Braille-Schrift, spezielle Abspielgeräte für Texte, all dies findet sich in den Räumen.

Die 1904 gegründete »Gesellschaft für Christliches Leben unter den deutschen Blinden e.V.« hatte das Haus Ende 1927 vom stark verschuldeten Fürstenhaus Stolberg-Wernigerode erworben und am 28. Juni 1928 eingeweiht. 

Zu DDR-Zeiten galt Wernigerode als Hochburg der evangelischen Blindenarbeit, kritisch beäugt, aber durchaus auch indirekt für die Ziele der DDR eingespannt. »Die Blindendruckerei war im ganzen evangelischen Deutschland einmalig. 70 Prozent dessen, was hier an christlichem Schriftgut in Blindenschrift hergestellt wurde, ging in den Export.«

Ludwig Hoffmann, Ex-Oberbürgermeister und Beiratsmitglied des Hauses, merkt kritisch an: »Wir haben in der EKM zwar Schaustellerpfarrer, aber keine Blindenseelsorger. Unser Haus hat alle Voraussetzungen, sich weit über die Kirchengrenzen hinweg als Zentrum der Blindenseelsorge zu profilieren.«

Gerade weil nach der Wende der Christliche Blindendienst in Ostdeutschland auseinander gefallen sei und man von jährlich rund 200 Gästen wie einst zu den Propstei-Blindentreffen vor und kurz nach der Wende nur träumen könne.

Uwe Kraus

www.helmutkreutz-ebs-stiftung.de

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