Natürlich hat sich etwas geändert

27. November 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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kreuz
 

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.
Sacharja 9, Vers 9

Angesichts der wunderlichen Wendungen unserer Weltgeschichte ist schon mancher auf die Idee gekommen, Gott leiste sich hier ein grandioses Possenspiel auf Kosten der Menschen. Auch die letzten Monate waren voller Überraschungen. Regierungen fielen oder sie entstanden aus vormals unversöhnlichen Gegnern.

So manche Majestät hat die Welt kommen sehen. Gebieter von eigenen Gnaden oder vom Volk bejubelt. Darunter auch welche, die für sich in Anspruch nehmen, berufen zu sein, und andere, die gerne in die eigene Tasche wirtschaften. Und so manche Majestät hat ihren Platz nicht am Tische der Mächtigen, sondern in der häuslichen Küche. Zuweilen staune ich, mit welcher instinktiven Sicherheit der kleinste Zipfel an Einfluss für letztlich egoistische Ziele genutzt wird. Da hat sich wohl nichts geändert.

Doch halt! Natürlich hat sich etwas geändert. Könige kommen und gehen. Gott aber bleibt. Oder besser gesagt: Gott wird. Er wird ein Kind. Das wird Jesus genannt. Der Name bedeutet: Gott ist ein Helfer.

Stephan Buchenau ist Pfarrer in Lauchhammer.

Stephan Buchenau ist Pfarrer in Lauchhammer.


Damit verbindet sich die Erwartung, dass Gottes Liebe in der Welt wirksam sei. Sie nimmt den Gewalttätern die Macht. Deren Werk löst sich auf. Alles unheilvolle Handeln wird nicht von Dauer sein. Aber Gott führt weiter. Zur Zeit des Propheten Sacharja begannen die Menschen deshalb, die vormals zerstörte Heimat mit der Hauptstadt Jerusalem wieder aufzubauen.

Ich denke, wenn Menschen sich daran machen, die vom Krieg verbrannte Erde wieder zu bewirtschaften, wenn sie den Mut haben, zerstörte Beziehungen wieder herzustellen und sich auf den Weg zum Feind von gestern machen, dann geschieht genau das: Sieh doch, dein König kommt zu dir. Gerechtigkeit für die Menschen folgt ihm auf dem Fuß.

Für den beginnenden Advent dürfen wir uns das also in einer sehr existenziellen Weise sagen lassen. Gott sucht dich und mich auf, damit uns Frieden und Gerechtigkeit widerfahren.

Stephan Buchenau
Pfarrer in Lauchhammer

Kein gemeinsames Halleluja

25. November 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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NPD-naher Politiker im Kirchenchor sorgt in Teuchern für Verstimmung.

»Wir stecken in einem Dilemma«, sagt der für Teuchern zuständige Gemeindepfarrer Thomas Wisch. Einerseits gehöre der wegen seiner Nähe zur NPD umstrittene Hans Püschel, Ortsbürgermeister aus dem benachbarten Krauschwitz, zur Kirchengemeinde. Auf der anderen Seite müsse deutlich gesagt werden, dass die politische Meinung, die er vertrete, mit dem christlichen Menschenbild nicht im Einklang stehe. Leidtragender der Auseinandersetzung um den NPD-nahen Kommunalpolitiker ist nun der kleine Kirchenchor, in dem Püschel seit Jahren mitsingt.
Hans Püschel
Seitdem bekannt geworden ist, dass der Stadtchor von Teuchern einen Auftritt mit dem Kirchenchor ablehnt, weil der umstrittene Kommunalpolitiker dort Mitglied ist, ist die Unruhe in der Kleinstadt groß. Solange der Ortsbürgermeister von Krauschwitz in dem Kirchenchor mitsinge, gäbe es diesmal bei dem traditionellen Adventskonzert kein gemeinsames »Halleluja«, berichtet die in Halle erscheinende »Mitteldeutsche Zeitung« vergangene Woche unter Berufung auf ein Ensemblemitglied aus Teuchern. Mit einem Nazi sei ein gemeinsamer Gesang nicht möglich.

Im November 2010 sorgte Püschel zum ersten Mal für Schlagzeilen, als er den NPD-Bundesparteitag im nahe gelegenen Hohenmölsen besuchte und die Partei mehrfach öffentlich lobte. Der SPD-Kreisvorstand hatte daraufhin ein Parteiausschlussverfahren gegen Püschel eröffnet. Dem Rauswurf kam er jedoch mit einem Austritt zuvor. Vom Gemeindekirchenrat des Kirchspiels Teuchern, dem er auch vorstand, war Püschel bereits Mitte Januar ausgeschlossen worden. Bei der Landtagswahl am 20. März kandidierte er für die rechtextreme NPD. Die Partei verpasste aber den Einzug in den Landtag.

Bei der langfristigen Terminabsprache innerhalb des städtischen Chores habe niemand der 25 Frauen und Männer eine Mitwirkung beim Adventssingen angekreuzt, heißt es in dem Zeitungsbericht. Begründet worden sei die Entscheidung von Chormitgliedern unter anderem mit einer ausländerfeindlichen Haltung Püschels. Er stehe nicht mit jemanden auf der Bühne, »der die Nazis umarmt«, sagte ein Sänger.

Die Leitung des Kirchenchores äußerte sich betroffen von der Absage. Pfarrer Thomas Wisch kann die Haltung des Stadtchores verstehen, betont aber auch, dass im Chor und in der Kirchengemeinde »zwischen Person und Sache« durchaus unterschieden werde. Die Kirche sei an alle gewiesen. Püschel bekomme jedoch keine Plattform für seine politischen Inhalte, von denen sich die Gemeinde deutlich distanziere, so Wisch.

Für ihn stellt sich hier ein Problem ganz grundsätzlich. »Wie«, fragt der Pfarrer, »sollen wir in den Kirchengemeinden damit umgehen?«

(mkz/epd)

»Etwas Einzigartiges«

25. November 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Ministerpräsident Reiner Haseloff würdigte bei seinem Besuch der Synode in Bernburg die  Region Anhalt.

Ministerpräsident Reiner Haseloff wird von dem Synodalen Andreas Schindler und Kirchenpräsident Joachim Liebig bei seinem Besuch der Landessynode in Bernburg ­begrüßt. Foto: Engelbert Pülicher

Ministerpräsident Reiner Haseloff wird von dem Synodalen Andreas Schindler und Kirchenpräsident Joachim Liebig bei seinem Besuch der Landessynode in Bernburg ­begrüßt. Foto: Engelbert Pülicher


»Dieses Bundesland braucht Christen, und es braucht, dass sie erkennbar sind.« Der sachsen-anhaltische Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) rief am 18. November in Bernburg die Kirche zu mehr Selbstbewusstsein auf. Christen würden mit Verantwortung tragen für die ethischen Grundlagen der Gesellschaft, sagte er bei seinem Besuch vor der in der Saalestadt tagenden Landessynode Anhalts.

Der Regierungschef würdigte Anhalt, welches 2012 sein 800-jähriges Jubiläum feiert, als »etwas Einzigartiges« im Land. Die Geschichte der Region sei auch vom Christentum geprägt worden und daher sei eine wesentliche Rolle der evangelischen Landeskirche bei dem Jubiläum im nächsten Jahr selbstverständlich.

Zwar seien im Bundesland nur drei bis vier Prozent der Einwohner katholisch und bis zu 15 Prozent evangelisch. Daher könne nicht mehr von einer Volkskirche gesprochen werden. Die Christen jedoch könnten als »biblischer Sauerteig« wirken, Impulse geben und immer wieder die gesellschaftlichen Verhältnisse hinterfragen, so der Ministerpräsident, der selbst der katholischen Kirche angehört.

Das 800. Gründungsjubiläum der historischen Region Anhalt will das Bundesland unterstützen. Allein für Bauvorhaben stellt es aus verschiedenen Ressorts rund 50 Millionen Euro zur Verfügung. Das Geld fließt in die Sanierung von Schlössern und andere historischen Bauten in Ballenstedt, Bernburg, Coswig, Dessau-Roßlau, Harzgerode und Oranienbaum.

Zudem will die Landesregierung mit 1,4 Millionen Euro Ausstellungen und Konferenzen fördern. Vom »Landesgeburtstag«, so Ministerpräsident Haseloff am 8. November nach einer Kabinettssitzung in Dessau-Roßlau, sollten auch über 2012 hinaus nachhaltige Impulse ausgehen. So werde erwogen, alle Akteure im Herbst 2012 zu einer Konferenz unter dem Motto »Anhalt-Perspektiven« einzuladen.

Anhalt war 1212 nach dem Tod von Herzog Bernhard in Bernburg ein selbstständiges Territorium geworden. Der Name geht auf die Burg Anhalt zurück, heute eine Festungsruine auf dem großen Hausberg zwischen Meisdorf und Mägdesprung im Harz. Das Gebiet, das die Bezeichnungen Fürstentum, später Freistaat und Land führte, wurde Ende 1945 aufgelöst.

Den alten Grenzen entspricht einzig noch die Evangelische Landeskirche Anhalts. Sie beteiligt sich unter anderem mit einem Kirchentag in Ballenstedt und der schon seit September dieses Jahres gezeigten Wanderausstellung »Von der Wiege bis zu Bahre – gelebter Glaube in Anhalt« an dem 800-jährigen Jubiläum.

Angela Stoye

www.anhalt800.de

Ostkirchenkundler mit Herz für Minderheiten

25. November 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Der neue Regionalbischof für Halle-Wittenberg heißt Johann Schneider.

Der neue Regionalbischof für Halle-Wittenberg heißt Johann Schneider.


»Eine große Programmrede werden Sie von mir nicht hören.« Er habe eine »gewisse ­Allergie« gegen hochgestochene Pläne, sagt ­Johann Schneider, theologischer Oberkirchenrat im Kirchenamt der EKD, bei seiner Vorstellung als Kandidat für das Propstamt in Halle. Das kenne er noch aus seiner Zeit als Werkzeug­macher in Rumänien. Damals seien zwar viele Pläne aufgestellt worden, aber schlechte Werkzeuge dabei herausgekommen.

Locker präsentiert sich der 1963 im siebenbürgischen Mediasch geborene Theologe in Erfurt. Christen, zitiert er den früheren rumänischen Bischof Christoph Klein, »werden nicht gezählt, sondern gewogen«. Bei den Synodalen kommt diese Art bestens an. Gleich im ersten Wahlgang erhält der promovierte Ostkirchenkundler am 18. November die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit. Als neuer Propst des Sprengels Halle-Wittenberg tritt er nun die Nachfolge von Siegfried Kasparick an, dessen Amtszeit nach zehn Jahren endet.

Geprägt hat Johann Schneider vor allem die Gemeinschaft der Christen in der Diaspora. Seine Heimat sei früh die Kirche gewesen, auch als Gegenpol zum Ceaus¸escu-Regime, erzählt er. Bis heute hat er sich deshalb eine gewisse Skepsis bewahrt, wenn es um ein zu enges Verhältnis zwischen Staat und Kirche geht. 1985 siedelt die Familie nach Würzburg über, er wiederholt das Abitur, weil seines mit Berufsausbildung in der Bundesrepublik nicht anerkannt wird, studiert Theologie in Neuendettelsau, Tübingen, Erlangen, München und Rom.

Angeregt worden sei er auch durch die Kontakte und Freundschaften mit jungen Christen aus der DDR in seiner Zeit in Rumänien. »Ich wollte etwas von der Barmherzigkeit Gottes und der Freiheit der Glaubens weitergeben.« Nach dem Studium wird er Pfarrer und Dozent in Erlangen, arbeitet als Referent im Diakonischen Werk und beim Lutherischen Weltbund (LWB). 2007 wechselt er als theologischer Oberkirchenrat ins Kirchenamt der EKD.

Zwar kommt der frisch gewählte Regionalbischof mit seiner Frau und den beiden Kindern jetzt in eine Region, die er noch nicht kennt. Doch es mache ihm Freude, sich auf etwas Neues einzulassen, sagt er bei seiner Vorstellung. Durch die Erfahrungen mit der Minderheitensituation in Siebenbürgen hat er früh gelernt, sich in andere hineinzuversetzen.

Auch für das anstehende Reformationsjubiläum bringt der Theologe gute Voraussetzungen mit. Er kennt und schätzt die Gemeinschaft der lutherischen Kirchen aus seiner Zeit beim LWB, und er spricht mehrere Sprachen fließend, darunter Rumänisch, Englisch, Italienisch, dazu ­etwas Französisch, Russisch, Ungarisch und ­Serbisch.

Darüber hinaus hat sich Schneider ­intensiv mit dem neuen Atheismus auseinandergesetzt und weiß, was ihn im stark säkularisierten Stammland der Reformation erwartet. Im Reformationsgedenken sieht er eine Chance, das Jubiläum mit Inhalt zu füllen, damit es nicht allein eine Rückschau wird. Aufgabe der EKM als gastgebenden Kirche werde es sein, die Besucher nicht nur als Touristen wahrzunehmen, sondern sie geistlich zu begleiten.

Martin Hanusch

Gemeinde neu denken

25. November 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Die Theatergruppe der Regelschule aus Erfurt-Stotternheim eröffnete mit einer Performance während der Synode der mitteldeutschen Kirche ihre Ausstellung im Landeskirchenamt. Fotos (3): Jens-Ulrich Koch

Die Theatergruppe der Regelschule aus Erfurt-Stotternheim eröffnete mit einer Performance während der Synode der mitteldeutschen Kirche ihre Ausstellung im Landeskirchenamt. Fotos (3): Jens-Ulrich Koch


 
Langsam ziehen die in Mönchskutten gehüllten Schüler mit drei Bilderm in den großen Saal des Collegium maius ein. Zu gregorianischer Musik bewegen sich die Jugendlichen mit ihren Masken erst langsam, dann immer schneller. Die Performance ist Teil der Eröffnung einer sehenswerten Ausstellung mit 13 Bildern zum Thema »Renaissance und Reformation« im Kirchenamt der EKM. Für die Theatertruppe der Regelschule Stotternheim ist es ebenso eine Premiere wie für die Synode. Erstmals tagen die Synodalen vom 16. bis 19. November im neuen Landeskirchenamt in Erfurt.

Neben Haushaltsfragen und Wahlen beschäftigt sich das Kirchenparlament auch mit dem Schwerpunktthema Familie. Grundlage für die Diskussion ist ein 32-seitiges Papier, das von der Bildungskammer erarbeitet wurde und die Hauptaufgabe den Kirchengemeinden zuschreibt. »Wenn Kirche Familien erreichen will, muss sie sich zu ihnen auf den Weg machen«, heißt es darin. Am Ende beauftragt die Synode das Landeskirchenamt, die Impulse aus dem Papier ­umzusetzen.

So sollen verschiedene Projekte zum Thema geprüft werden. Dazu gehören das Erstellen eines kirchlichen Familienatlasses und das Ausloben eines Wettbewerbes. Ein weiterer Vorschlag betrifft Modellregionen, um zu erproben, wie sich ­familienorientierte Angebote vernetzen lassen.

Um das Thema Schulen dreht es sich dann bei der Diskussion um die Schulstiftungen. Anlass ist der Antrag der Synodalen Silke Boss aus Halle, das Kapital der Johannes-Schulstiftung um insgesamt vier Millionen Euro aufzustocken. Während sich einige Synodale für eine Fusion mit der Evangelischen Schulstiftung in Mitteldeutschland aussprechen, plädieren andere für eine Stärkung der Stiftung, die je vier Grund- und Sekundarschulen in Sachsen-Anhalt unterhält.

Die Synode unterstützt schließlich die ­Bildung einer Arbeitsgruppe zur Entwicklung des Schulwesens in der EKM. Evangelische Schulen seien ein bereichernder Teil der Bildungslandschaft. Stiftungen, Kirche und Diakonie sollten angesichts sinkender Zuwendungen die Interessen der Einrichtungen gemeinsam vertreten.

Zum Auftakt der Synode stimmt Landesbischöfin Ilse Junkermann mit ihrem Bericht unter dem Titel »Ihr seid das Salz der Erde« die Synodalen auf die Beratungen ein. Aus aktuellem Anlass geht sie auf die Mordfälle der rechtsextremen Zwickauer Terrorzelle ein. »Das Leiden und der gewaltsame Tod der Opfer ist uns Verpflichtung, hinzusehen und noch entschiedener unseren Mund aufzutun«, so die Landesbischöfin. Zugleich räumt sie Versäumnisse auch in den Kirchen ein. Später verabschiedet die Synode dazu eine Erklärung (siehe unten).

Ilse Junkermann sieht in der Stärkung des Ehrenamts eine wichtige Aufgabe.

Ilse Junkermann sieht in der Stärkung des Ehrenamts eine wichtige Aufgabe.


Einen großen Raum nimmt im Bericht der Landesbischöfin die Situation der kleinen Gemeinden ein. Nach der von ihr vorgelegten Statistik haben über ein Viertel der 3251 Gemeinden weniger als 100 Gemeindemitglieder, neun Prozent sogar weniger als 50. ­Lediglich 162 Gemeinden hätten mehr als 1000 Mitglieder. Die überwiegende Mehrheit der Gemeinden sind die, zu denen weniger als 300 Christen gehören. Das bisherige Modell von Gemeinde und Ämtern könne deshalb nicht einfach fortgeschrieben werden.

Für die Bischöfin ist angesichts dieser Entwicklung klar: »Wir müssen Gemeinde und ihre Ämter neu denken.« Dabei stehe die Frage, wie die flächendeckende Präsenz so gestaltet werden kann, dass sie nicht auf Kosten von Einzelnen gehe. Es sei jedenfalls nicht vorstellbar, rechnet die Bischöfin vor, dass zu einer Pfarrstelle, die jetzt schon für 22 Kirchengemeinden zuständig ist, in denen es 28 Kirchengebäude gibt, noch weitere Kirchengemeinden und Kirchengebäude hinzukommen. Einen wichtigen Ansatzpunkt sieht sie in der Stärkung des Ehrenamts. Auch sollten Visitationen dazu dienen, damit Kirchengemeinden sich über ihren weiteren Weg gegenseitig beraten könnten.

Martin Hanusch

EKM: Aufruf zur Wachsamkeit
Die mitteldeutsche Landessynode hat die Kirchgemeinden zu »Wachsamkeit und klarer Rede gegenüber jedweder Form von Extremismus und Verletzung der Menschenwürde« aufgerufen. Zugleich bekräftigte die Synode ihr »Erschrecken« darüber, »dass rechtsextremes Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft und darum auch in unseren Gemeinden vorhanden ist«.

Eine weitergehende Beschlussvorlage speziell zum Rechtsextremismus, die zum Auftakt der Tagung in die Synode eingebracht worden war, kam nicht zustande. Landesbischöfin Ilse Junkermann zeigte sich dennoch zufrieden. Denn der Einsatz gegen Rechtsextremismus sei in der EKM nicht erst seit den jüngst bekanntgewordenen Mordanschlägen von Neonazis ein mit Nachdruck bearbeitetes Themenfeld. Auch der Thüringer Oberkirchenrat Christhard Wagner sieht seine Kirche zu diesem Thema in einer Vorreiterrolle.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus, die sich am 11. November in Wittenberg eindeutig positionierte, sei auf maßgebliche Initiative der Landeskirche entstanden. Doch angesichts des offenkundigen Gewaltpotenzials von Neonazis hätte er »sich manches konkreter wünschen können«, räumte Wagner ein.

(epd)

Wie die Stadt, so die Kirche

24. November 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Ilmenau feiert 250 Jahre Jakobuskirche.

Es war ein Schuss mit fatalen Folgen: Am 3. November 1752 schoss ein junger Forstpraktikant auf einen Sperling und setzte damit zunächst das Strohdach einer Scheune und fast die gesamte Stadt ­Ilmenau in Brand. Auch »die schöne Stadtkirche zu St. Jakob mit kostbarem Geläute von vier Glocken in reinster Harmonie und noch nicht ganz vollendetem meisterhaftem Orgelwerke« wurde ein Raub der Flammen, wie Diaconus Schmidt noch 1839 beklagte.

Die Jakobuskirche Ilmenau – mitten in der Stadt.	Foto: Andreas Viohl

Die Jakobuskirche Ilmenau – mitten in der Stadt. Foto: Andreas Viohl

Nachdem die schlimmste Not der Stadtbewohner gelindert worden war, begann der Wiederaufbau der Stadtkirche, die am 1. Advent 1761 eingeweiht wurde und damit in diesem Jahr ihr 250. Jubiläum feiert. 1899 erhielt sie eine Jugendstil-Ausmalung und bald darauf eine neue Orgel der Firma Walcker (Ludwigsburg) – zuvor hatte ein Konzert mit dem Leipziger Thomanerchor im orgeltechnischen Desaster geendet.

Die Schwierigkeiten in der Gemeinde blieben allerdings: »Die Kirchlichkeit war gering, das sittliche Niveau namentlich durch die vielen Techniker gesunken. Die Sekten blühten«, schrieb Pfarrer Ernst Löber mit Blick auf das beginnende 20. Jahrhundert später in die Kirchenchronik. Und der Erste Weltkrieg verschlimmerte diese Situation noch: Nun gab es massenhaft Kirchenaustritte und eine Gemeinde, die in eine liberale, eine »streng kirchliche« und eine pietistische Gruppe gespalten war. Jede dieser Gruppen wollte durch einen Pfarrer und im Gemeindekirchenrat vertreten sein.

Doch die Zeiten wurden nicht besser, sondern noch schlimmer: Mit den »Deutschen Christen« machte sich um 1930 auch in Ilmenau eine Gruppe innerhalb der evangelischen Kirche breit, die den Nationalsozialismus gierig in sich aufsog. Schon kurz nach Hitlers Machtübernahme 1933 hatte sie den Thüringer Landeskirchenrat fest in ihrer Hand und ging zielstrebig daran, alles, was jüdisch aussah, aus dem Raum der Kirche zu verbannen – egal ob Symbole, Menschen oder das Alte Testament.

Und der Gemeindekirchenrat wählte sich im gleichen Jahr Walther Caesar zum Superintendenten, mit dem ein »strammes, deutschchristliches Regiment« begann, wie es Ernst Löber ausdrückte: »Willkürlich wurde die Liturgie geändert, Amen und Halleluja abgeschafft.« Dieser Albtraum, zu dem auch das Auftreten in Nazi-Uniform und die Diffamierung jüdischer Gläubiger gehörte, setzte sich unter Caesars Nachfolger, Pfarrer Carl Kaufmann, fort. Entsprechend dem kirchlichen »Reinigungsgesetz« wurden Anfang 1946 beide entlassen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges herrschte auch in Ilmenau – wieder einmal – unvorstellbare Not. Da grenzt es beinahe an ein Wunder, dass »trotz mancher staatlicher Behinderungen die frühen 1950er Jahre eine Zeit des Aufbruchs und pulsierenden Lebens« für die Kirchengemeinde ­waren, wie Katechetin i. R. Margarethe Bayer schreibt. Die »staatlichen Behinderungen« richteten sich in dieser Zeit gegen die Junge Gemeinde, später gegen die Konfirmation und in den 1970er Jahren gegen die Christenlehre. Mit Agitation und Einschüchterung erreichte der SED-Staat, dass sich die Zahl der Konfirmationen innerhalb von 30 Jahren auf ein Zehntel verringerte.

Doch letztlich trieb der Widerspruch zwischen DDR-Propaganda und erlebter Wirklichkeit auch in ­Ilmenau die Leute erst aus dem Lande und 1989 auf die Straße, angeführt vom »Ökologischen Arbeitskreis« der Kirchengemeinde – mit Herz und Verstand unterstützt vom damaligen Superintendenten Christian Köhler und Pfarrer Rainer Bräutigam. Nach der Wende begannen bitter nötige, umfangreiche Sanierungsarbeiten und seit 2006 erstrahlt St. Jakobus innen und außen in neuem Glanz und beherbergt eine lebendige Gemeinde.

Rainer Borsdorf

Aus dem Jubiläumsprogramm:
26. 11., 19.30 Uhr, Geschichtsabend »Wenn man auf Spatzen schießt … oder: Wie aus einem Unglück doch noch Gutes entstand«, Moderation: Rainer Borsdorf •
27. 11., 10 Uhr: Festgottesdienst mit Landesbischöfin Ilse Junkermann

Leben statt Lebkuchen

24. November 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Kirchenjahr: Die Adventszeit ist nicht vom Himmel gefallen. Mitmenschlichkeit ist ihr Ziel, nicht der Markt

Advent ist auch die Zeit der Weihnachtsmärkte. Christen können sich mitfreuen. Aber der gemeinsame Genuss ist nur der Anfang. Foto: A. Riess/Pixelio

Advent ist auch die Zeit der Weihnachtsmärkte. Christen können sich mitfreuen. Aber der gemeinsame Genuss ist nur der Anfang. Foto: A. Riess/Pixelio


Mit dem 1. Advent beginnt nicht nur das neue Kirchenjahr. Die vier Adventssonntage sind auch eine Zeit der Erwartung zwischen Fasten und Feiern.

Mit großen Augen schauen mich Konfirmanden an, wenn ich ihnen sage, dass die Adventszeit und das Kirchenjahr eine vom Menschen geschaffene Ordnung sind, die meinem Glauben einen Rhythmus verleihen von Werktag und Sonntag. Denn die Adventszeit ist nicht vom Himmel gefallen. Von dort ist etwas ganz anderes gekommen, einer, der Himmel und Erde neu macht: Jesus Christus.

Seine Ankunft (lat. adventus) feiern wir in der Zeit vor dem Christfest. Bereits im 4. Jahrhundert ist ein Festkreis belegt, der vor dem 6. Januar eine Fastenzeit veranschlagt zur Vorbereitung auf die Taufe an diesem Tag. Zunächst hatte man sechs Sonntage, die später auf vier verkürzt wurden. Abhängig von der Region feierte man verstärkt die erwartete Menschwerdung Christi oder seine Wiederkunft und gestaltete die Adventszeit als Bußzeit aus.

Die Farbe Lila durchzieht bis heute diese Zeit – nicht als Replik auf »die zarteste Versuchung«, sondern als Replik auf den letzten Versuch, Gott gänzlich nachzufolgen. Das Lob Gottes bleibt da im Hals stecken, das Gloria in excelsis entfällt. Einzig am 1. Advent hat es noch seinen Platz als festliche Antwort auf Sacharjas Wort: Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer!

Nun hat sich die Welt jedoch weitergedreht. Mit der Erfindung von Adventskalendern im 19. Jahrhundert und mit dem Aufkommen der Adventsmärkte hat sich eine dicke Schicht aus Zucker und Zimt um die einstige Buß- und Fastenzeit gelegt. Es scheint, als feierten wir den Herrn der Lebkuchen und nicht den des Lebens. Es scheint, als hätte der Hauptdarsteller die Bühne längst verlassen.

Advent – eine Inszenierung? Die Aufführung eines Stücks, in dem die Hoffnung verloren gegangen ist, auf das, was wir nicht sehen, schmecken, fühlen können, worauf wir aber warten in unendlicher Geduld: Gottes Reich, in dem es gerecht zugeht und Frieden herrscht? Bisweilen scheint es mir so, als spiele die Hoffnung auf Christi An- und Wiederkunft gar keine Rolle mehr. Das gilt in den Kirchen ­genauso wie auf den Märkten. Wir machen die Kirchentüren weit und hoch in der Hoffnung auf viele Gäste – so wie die Kaufhäuser.

Aber machen wir als Kirche auch den Mund auf für die Entrechteten? Zu bitter scheint dies Wort in jener zuckersüßen Zeit. Kirche will kein Spielverderber sein. Dabei ist die Adventszeit die Zeit, den Raum zu durchmessen, der Gottes Geschöpfe noch voneinander trennt. Es ist die Zeit zu sagen, dass einer kommt, dem ich nichts abkaufen muss, um gut dazustehen.

Gewiss: Auch ich freue mich über Kalender, in denen 24 mal Süßes steckt und möchte die Zeit nicht missen, mit Freunden Glühwein zu trinken, auch ich singe gern die Lieder mit: von »Macht hoch die Tür« bis »Es ist ein Ros entsprungen«. Aber dieser gemeinsame Genuss ist nur der Anfang, nicht das Ziel.

Ein Tropfen sollt ihr sein, die ihr mit eurer Hoffnung das Fass zum Überlaufen bringt – das ist Gottes Ansage für die Welt. Die Adventssonntage setzen fort, woran die letzten Sonntage des Kirchenjahres erinnern: Gott lädt ein zur Audienz. Mitmenschlichkeit ist das Ziel, nicht der Markt. Es muss jeder mitfeiern können oder es gibt nichts zu feiern.

»Wenn Gott in die Wirklichkeit des Menschen kommt, dann kocht die Welt«, meinte der spätmittelalterliche Theologe Meister Eckhart. Und er hat damit nicht gemeint, dass dann alle Welt nur Glühwein kocht, sondern dass es unglaublich warm wird unter uns, dass wir uns füreinander erwärmen, das Brot miteinander brechen und in allem dem die Ehre geben, den unsre Augen nie ganz sehen, der sich aber verbündet mit jedem Menschen. Wenn Gott kommt, dann kocht die Welt, dann ist was los. Wir reißen Tür und Tor auf für einen, der in niederen Hüllen kommt. Wir brechen auf und eines Tages steht er vielleicht in Gänze da, dessen Kommen mir verheißen ist.

Kristin Jahn

Die Autorin ist Pfarrerin in Meiningen/Vachdorf.

Schieflage

24. November 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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police

Auf einmal ist der Schrecken groß: Aus dem neonazistischen Untergrund heraus wurden Menschen ermordet und keiner ist den Mördern auf die Spur gekommen. Verfassungsschützer haben angeblich nichts gewusst. Polizeiliche Ermittlungen liefen ins Leere. Nun überbieten sich Politiker mit Vorschlägen, wen sie zur Rechenschaft ziehen sollen und wie die Sicherheitsbehörden umgebaut werden könnten, um solche Skandale in Zukunft zu vermeiden.

Übereinstimmend bezeichnen Politiker die Taten, die der Neonazi-Zelle zur Last gelegt werden, als »Angriff auf unsere Gesellschaft, auf unsere freiheitliche Ordnung«.

Angesichts dieser Einschätzung hat man den Eindruck, als merkten sie erst jetzt: Ach, die Rechtsextremisten können ja auch böse sein! Wie böse, das zeigen die Morde, die offenbar nur aus dem einen Grund geschahen: Hass auf Ausländer. Dieser Hass hat sich schon an anderen Stellen, in anderen Städten in den vergangenen Jahren gezeigt. Jedes Mal war die Empörung groß – ebenso wie das Bemühen, solche Taten als Untaten von Einzelnen zu verdammen.

Gerade deshalb hätten Politik und Öffentlichkeit es wissen können, was da im Untergrund wächst und besonders an manchen Tagen in Massen an die Öffentlichkeit tritt. Man bedenke nur die Aufmärsche in Magdeburg, Gera oder Dresden. Doch der politische Aufruhr und die polizeilichen Ermittlungen zielten zuletzt in die andere Richtung: auf die, die sich den Rechtsextremisten widersetzten, die ihre Märsche verhindern wollten.

Denn auch das ist nicht selten: Diejenigen, die sich gegen den braunen Spuk in ihrer Stadt, in ­ihrem Dorf wehren, werden schief angesehen, selbst in der Kirche. Und diese schiefe Sicht durchzieht viele Bereiche. Bis dahin, dass Gelder für die Jugendarbeit gekürzt werden und damit Bemühungen, Jugendlichen sinnvolle Angebote zu unterbreiten, zunehmend ins Leere laufen. Eine klarere Sicht ist deshalb dringend nötig, um auf dieser Schieflage nicht eines Tages abzurutschen.

Christine Reuther

Ungeist

22. November 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Es ist ein zufälliges Zusammentreffen und zeigt doch, wie aktuell der Einsatz gegen den braunen Ungeist ist. Während am vergangenen Wochenende in Wittenberg die Bundesarbeitsgemeinschaft »Kirche und Rechtsextremismus« tagte, wird fast gleichzeitig das ganze Ausmaß einer offenbar neuen Form von rechtsextremem Terrorismus bekannt.

Innerhalb von 13 Jahren sollen drei Thüringer Neonazis zehn Morde in ganz Deutschland begangen und trotzdem lange unbehelligt in Zwickau gelebt haben. Dass ihr Rückzugsort ausgerechnet im Bereich der sächsischen Behörden lag, die ansonsten nicht zimperlich sind in ihrem Vorgehen gegen vermeintliche Gewalttäter aus dem linken Milieu, ist fast ein Treppenwitz. Nicht nur die Sicherheitskräfte geraten ob dieser Vorgänge in Erklärungsnotstand.

Tatsächlich ist die Gewaltbereitschaft unter Neonazis lange unterschätzt worden. Bislang war zwar vor der menschenfeindlichen Ideologie gewarnt worden. Dass der Hass in einer gezielte Mordserie an Ausländern enden könnte, haben die meisten Zeitgenossen nicht für möglich gehalten. Die AG Kirche und Rechtsextremismus wirft den Sicherheitsbehörden deshalb »komplettes Versagen« vor. Soweit muss man sicher nicht gehen und sollte sich vor voreiligen Schlüssen hüten.

Doch auch die Kirchen haben Aufklärungsarbeit zu leisten. Nach Erhebungen der Bielefelder Psychologin Beate Küpper sind stark religiöse Menschen besonders anfällig für abwertende Haltungen gegenüber Minderheiten. Natürlich wird niemand den rechten Terror gutheißen, aber mit abfälligen Bemerkungen über Fremde kann bereits der Boden für solchen Ungeist bereitet werden.

Das dürfte die Kirche nicht ruhen lassen. Schließlich steht Jesu Aufruf zur Nächstenliebe im absoluten Gegensatz zu allen menschenverachtenden Äußerungen. Solange es solche Einstellungen nicht nur in der Mitte der Gesellschaft, sondern auch – besonders schlimm – unter Christen gibt, können sich die Kirchen nicht einfach zurücklehnen.

Martin Hanusch

»Es darf nicht sein, dass ein ganzes Dorf an diesem Konflikt zerbricht«

22. November 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Für die beiden entlassenen Sexualstraftäter in Insel wird noch immer nach einer neuen Bleibe gesucht.

Ich sage noch heute: Der Wegzug der beiden Männer ist die einzige Chance, um der Entwicklung die Spitze zu nehmen.« Trotzdem fragt sich Michael Kleemann, Superintendent des Kirchenkreises Stendal, ob er zu spät auf die Vorgänge in Insel reagiert hat. In dem 400-Einwohner-Dorf war durchgesickert, dass seit Juli dort zwei entlassene Sexualstraftäter wohnen. Ab September protestierten die Dorfbewohner dagegen, später mischten auch Rechtsradikale mit. Zuletzt sollte es Anfang November erneut eine Demonstration im Dorf geben, die jedoch nicht stattfand.

Superintendent Kleemann ist in die Kritik geraten. Foto: privat

Superintendent Kleemann ist in die Kritik geraten. Foto: privat


Anfang Oktober erklärten die beiden Männer gegenüber Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) schriftlich, aus Insel wegziehen zu wollen. Dafür wurde er im Landtag vor allem von Vertretern der Linkspartei und der Grünen scharf kritisiert: Es hätten sich jene durchgesetzt, die den Rechtsstaat erpressen wollten. Weniger öffentlich wurde auch Kritik an Kleemann laut, er habe sich durch seinen Einsatz in dieser Sache instrumentalisieren lassen im Sinne derer, die den Wegzug der 54 und 64 Jahre alten Männer forderten – die Dorfbewohner und Ortsbürgermeister Alexander von Bismarck (CDU).

»Ich weise das weit von mir«, so der Superintendent und Seelsorger.  »Alle, die das sagen, haben im Vorfeld die Situation nicht ernst genommen und nicht das Gespräch mit den Menschen gesucht.« In dem »komplexen Geschehen« habe der Ortsbürgermeister seine politische Rolle nicht zum Wohl des Dorfes eingesetzt. Er hätte informieren und deeskalieren müssen. »Und ich hätte mir offensiveres Agieren von oberster Stelle gewünscht – sachliche Informationen gegen Gerüchte.« Manche benutzten das Thema für ihre eigenen Interessen und »gießen immer wieder Öl ins Feuer«.

Was tun für die Resozialisierung?

Die Sexualstraftäter waren vor rund einem Jahr in Baden-Württemberg aus der Sicherungsverwahrung entlassen worden. In den 1980er Jahren waren sie wegen mehrfacher Vergewaltigung von Frauen zu je fünf Jahren Haft verurteilt worden. Weil sie als Gefahr für die Allgemeinheit galten, wurde über sie nachträgliche Sicherungsverwahrung verhängt.

Als der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte im Dezember 2009 entschied, dass die bis dahin in Deutschland mögliche rückwirkende Verlängerung einer begrenzten Sicherungsverwahrung nicht rechtens ist, kamen sie und auch andere Gewalttäter frei. Weil die beiden Männer keine Wohnung fanden, bot ein ihnen bekannter Tierarzt an, dass sie in sein leerstehendes Haus im altmärkischen Insel ziehen könnten.

Die Suche nach einer neuen Bleibe gestaltet sich jetzt sehr schwierig. Bei 22 kirchlichen Einrichtungen unterschiedlicher Konfession hat Kleemann versucht, eine vorläufige Unterkunft für die beiden Männer zu finden – und ist gescheitert. »Ich habe in allen Fällen große Betroffenheit ausgelöst«, so der Theologe. Durch die Gründe der Absagen zog sich einer wie ein roter Faden: Alle befürchten, dass bei ihnen das Gleiche passiert wie im Dorf Insel. »Und diese Einrichtungen haben auch Bewohner, die sie schützen müssen.«
Kleemann findet, dass die Gesellschaft nicht ausreichend auf Situationen wie diese vorbereitet ist. »Es kann nicht sein, dass jemand nach Strafverbüßung zum Freiwild wird«, sagt er. Es dürfe aber auch nicht sein, dass Ängste der Menschen nicht ernstgenommen würden und »dass ein ganzes Dorf an diesem Konflikt zerbricht«.

Das Land Sachsen-Anhalt hat inzwischen aus den Vorgängen in Insel begonnen, Konsequenzen zu ziehen. In einer am 25. Oktober in Magdeburg veröffentlichten Erklärung heißt es, dass die Rahmenbedingungen für die Resozialisierung von entlassenen Straftätern und ehemaligen Sicherungsverwahrten im Bundesland zu verbessern seien. Hier sollten sich Staat und Gesellschaft gemeinsam engagieren. Die Landesregierung beabsichtigt, einen Prozess zu unterstützen, »der darauf abzielt, ein Klima zu schaffen, das Sorgen der Bevölkerung ernst nimmt und es Betroffenen aber zugleich erleichtert, einen Neuanfang zu gestalten.« Es solle gemeinsam mit Partnern in Politik, Kommunen, Zivilgesellschaft und Kirche agiert werden.

Angela Stoye

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