»Es darf nicht sein, dass ein ganzes Dorf an diesem Konflikt zerbricht«
22. November 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Für die beiden entlassenen Sexualstraftäter in Insel wird noch immer nach einer neuen Bleibe gesucht.
Ich sage noch heute: Der Wegzug der beiden Männer ist die einzige Chance, um der Entwicklung die Spitze zu nehmen.« Trotzdem fragt sich Michael Kleemann, Superintendent des Kirchenkreises Stendal, ob er zu spät auf die Vorgänge in Insel reagiert hat. In dem 400-Einwohner-Dorf war durchgesickert, dass seit Juli dort zwei entlassene Sexualstraftäter wohnen. Ab September protestierten die Dorfbewohner dagegen, später mischten auch Rechtsradikale mit. Zuletzt sollte es Anfang November erneut eine Demonstration im Dorf geben, die jedoch nicht stattfand.

Superintendent Kleemann ist in die Kritik geraten. Foto: privat
Anfang Oktober erklärten die beiden Männer gegenüber Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) schriftlich, aus Insel wegziehen zu wollen. Dafür wurde er im Landtag vor allem von Vertretern der Linkspartei und der Grünen scharf kritisiert: Es hätten sich jene durchgesetzt, die den Rechtsstaat erpressen wollten. Weniger öffentlich wurde auch Kritik an Kleemann laut, er habe sich durch seinen Einsatz in dieser Sache instrumentalisieren lassen im Sinne derer, die den Wegzug der 54 und 64 Jahre alten Männer forderten – die Dorfbewohner und Ortsbürgermeister Alexander von Bismarck (CDU).
»Ich weise das weit von mir«, so der Superintendent und Seelsorger. »Alle, die das sagen, haben im Vorfeld die Situation nicht ernst genommen und nicht das Gespräch mit den Menschen gesucht.« In dem »komplexen Geschehen« habe der Ortsbürgermeister seine politische Rolle nicht zum Wohl des Dorfes eingesetzt. Er hätte informieren und deeskalieren müssen. »Und ich hätte mir offensiveres Agieren von oberster Stelle gewünscht – sachliche Informationen gegen Gerüchte.« Manche benutzten das Thema für ihre eigenen Interessen und »gießen immer wieder Öl ins Feuer«.
Was tun für die Resozialisierung?
Die Sexualstraftäter waren vor rund einem Jahr in Baden-Württemberg aus der Sicherungsverwahrung entlassen worden. In den 1980er Jahren waren sie wegen mehrfacher Vergewaltigung von Frauen zu je fünf Jahren Haft verurteilt worden. Weil sie als Gefahr für die Allgemeinheit galten, wurde über sie nachträgliche Sicherungsverwahrung verhängt.
Als der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte im Dezember 2009 entschied, dass die bis dahin in Deutschland mögliche rückwirkende Verlängerung einer begrenzten Sicherungsverwahrung nicht rechtens ist, kamen sie und auch andere Gewalttäter frei. Weil die beiden Männer keine Wohnung fanden, bot ein ihnen bekannter Tierarzt an, dass sie in sein leerstehendes Haus im altmärkischen Insel ziehen könnten.
Die Suche nach einer neuen Bleibe gestaltet sich jetzt sehr schwierig. Bei 22 kirchlichen Einrichtungen unterschiedlicher Konfession hat Kleemann versucht, eine vorläufige Unterkunft für die beiden Männer zu finden – und ist gescheitert. »Ich habe in allen Fällen große Betroffenheit ausgelöst«, so der Theologe. Durch die Gründe der Absagen zog sich einer wie ein roter Faden: Alle befürchten, dass bei ihnen das Gleiche passiert wie im Dorf Insel. »Und diese Einrichtungen haben auch Bewohner, die sie schützen müssen.«
Kleemann findet, dass die Gesellschaft nicht ausreichend auf Situationen wie diese vorbereitet ist. »Es kann nicht sein, dass jemand nach Strafverbüßung zum Freiwild wird«, sagt er. Es dürfe aber auch nicht sein, dass Ängste der Menschen nicht ernstgenommen würden und »dass ein ganzes Dorf an diesem Konflikt zerbricht«.
Das Land Sachsen-Anhalt hat inzwischen aus den Vorgängen in Insel begonnen, Konsequenzen zu ziehen. In einer am 25. Oktober in Magdeburg veröffentlichten Erklärung heißt es, dass die Rahmenbedingungen für die Resozialisierung von entlassenen Straftätern und ehemaligen Sicherungsverwahrten im Bundesland zu verbessern seien. Hier sollten sich Staat und Gesellschaft gemeinsam engagieren. Die Landesregierung beabsichtigt, einen Prozess zu unterstützen, »der darauf abzielt, ein Klima zu schaffen, das Sorgen der Bevölkerung ernst nimmt und es Betroffenen aber zugleich erleichtert, einen Neuanfang zu gestalten.« Es solle gemeinsam mit Partnern in Politik, Kommunen, Zivilgesellschaft und Kirche agiert werden.
Angela Stoye







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1 Lesermeinung zu “»Es darf nicht sein, dass ein ganzes Dorf an diesem Konflikt zerbricht«”Trackbacks
Das sagen andere über diesen Artikel[...] für das Gebet war der seit Monaten schwelende Streit um zwei ehemalige Sexualstraftäter, die nach 26 beziehungsweise 24 Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung im Sommer aus [...]