Am Tropf?

30. Januar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Mit schöner Regelmäßigkeit werden die Staatsleistungen an die Kirchen infrage gestellt. Waren es im vergangenen Jahr noch vor allem FDP-Politiker, die hier vorgeprescht sind, will sich nun die sachsen-anhaltische Linke in Abstimmung mit der Thüringer Fraktion daran machen, die Zahlungen des Staates an die Kirchen auf den Prüfstand zu stellen. In einer Zeit, in der die Länder kräftig sparen müssen, wecken die Dotationen, die allein in Sachsen-Anhalt bei 30 Millionen Euro liegen, schnell Begehrlichkeiten.

Die Kirchen stecken dabei in einem Dilemma: Einerseits gibt es die rechtlich verbrieften Leistungen, die ein Ausgleich für Enteignungen Anfang des 19. Jahrhunderts darstellen. Auf der anderen Seite nagt es an der Glaubwürdigkeit der Kirche, wenn diese scheinbar am Tropf des Staates hängt. Die historischen Hintergründe und die zugrundeliegenden Staatskirchenverträge sind der Öffentlichkeit in der Regel kaum vermittelbar. Schon deshalb wäre eine Ablösung eigentlich der bessere Weg.

Angesichts der Kassenlage scheint der aber wenig wahrscheinlich. Zudem steht soviel fest: Gerade die ostdeutschen Kirchen sind dringend auf das Geld angewiesen. Allein in der EKM machen die Staatsleistungen fast ein Viertel des Haushaltes aus, in Anhalt sind es rund 17 Prozent. Ohne diese Zuwendungen, das wissen die Verantwortlichen auf beiden Seiten, sähe es schnell düster aus in der ostdeutschen Kirchenlandschaft.

Der Glaubwürdigkeit des kirchlichen Zeugnisses kommt deshalb eine besondere Bedeutung zu. So gewinnt die Kirche nicht an Überzeugungskraft, wenn sie allein auf die Rechtmäßigkeit der Staatsleistungen setzt. Vielmehr muss die Kirche offensiv und auch öffentlich darstellen, warum die Zahlungen keineswegs alte Privilegien sind, sondern ein sehr aktueller Beitrag für einen gesellschaftlich notwendigen Dienst. Ansonsten dürfte die Diskussion über die Staatsleistungen weiterhin mit schöner Regelmäßigkeit wieder auftauchen.

Martin Hanusch

Schöne Grabsteine und ein seltenes Haus

29. Januar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Das Tahara-Haus diente der rituellen Waschung des Verstorbenen. Fotos: Wolfgang Swietek

Das Tahara-Haus diente der rituellen Waschung des Verstorbenen. Fotos: Wolfgang Swietek

Das Tahara-Haus von Weitersroda ist ein Zeugnis des früheren jüdischen Lebens in der Region.

Die zahlreichen jüdischen Friedhöfe in Südthüringen sind steinerne Zeugnisse einstigen jüdischen Lebens in dieser Region. Der von Weitersroda (Kirchenkreis Hildburghausen-Eisfeld) weist eine Besonderheit auf: Er besitzt noch ein gut erhaltenes Tahara-Haus, in dem die Vorbereitungen für die Beerdigung erfolgten. Das Gebäude besteht aus drei separaten Räumen – ein Raum zum Ankleiden, ein Raum zum Waschen des Leichnams und die eigentliche Feierhalle.

Im jüdischen Glauben gibt es strenge Regeln für rituellen Waschungen. Deshalb war vorgeschrieben, den Leichnam kurz vor der Beerdigung noch einmal zu reinigen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde dieser gesonderte Raum auch zur Aufbewahrung des Leichnams bis zur Beerdigung ­genutzt.

Der Stadthistoriker von Hildburghausen, Karl-Heinz Roß, der sich seit den 1970er Jahren intensiv mit der Geschichte der Juden in Südthüringen beschäftigt, hat auch den jüdischen Friedhof Weitersroda akribisch dokumentiert. War man anfangs von 264 Bestattungen in Weitersroda ausgegangen, so belegen die neuen Dokumente, dass hier 554 Bestattungen (318 Erwachsene, 202 Kinder und 34 Früh- und Totgeburten) vorgenommen wurden. Nach einer neueren ­Dokumentation sind noch 233 Grabsteine erhalten. Der älteste stammt aus dem Jahr 1680, die meisten jedoch aus dem 19. Jahrhundert.

Die letzte Bestattung fand 1941 statt. Eine jüdische Gemeinde gab es im nahe gelegenen Hildburghausen allerdings nur bis 1938. Weitersroda selbst hatte nie eine eigene jüdische Gemeinde. Der Friedhof wurde Ende des 17. Jahrhunderts im Bereich des alten Tiergartens mit fürstlicher Erlaubnis angelegt. 1680 hatten die Juden von Weitersroda ein Grundstück zur Anlage einer Begräbnisstätte erhalten. Sie wurde bis 1885 auch von den in Simmershausen lebenden jüdischen Familien genutzt, danach brachten diese ihre Verstorbenen nach Gleicherwiesen.

Ältere Grabsteine in Weitersroda ­weisen eine reiche Ornamentik auf.

Ältere Grabsteine in Weitersroda ­weisen eine reiche Ornamentik auf.

Lange war es still geworden um diese Grabanlage. Am 10. November 1988 fand erstmals eine Gedenkfeier der evangelischen Kirchengemeinde auf dem jüdischen Friedhof zur Erinnerung an die jüdischen Opfer der NS-Zeit statt. Im selben Jahr wurde von den Denkmalbehörden eine Unterschutzstellung des Friedhofes allerdings abgelehnt.

Seit Anfang der 1990er Jahre kümmern sich die Mitarbeiter des Städtischen Bauhofes der Stadt Hildburghausen um die Grabanlagen und führen dort Pflegearbeiten durch. Im Auftrag der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen hat der Hildburghäuser Architekt Frank Schneider ein umfassendes Sanierungskonzept erarbeitet, Stück für Stück wird das Tahara-Haus wieder instandgesetzt. Die Dachentwässerung konnte bereits saniert werden und der erste Bauabschnitt bei der Reparatur der Bauhülle wurde 2011 abgeschlossen. Die Anlage ist zum Einzeldenkmal erklärt worden und wird vom Freistaat Thüringen und der Denkmalpflege gefördert.

Wolfgang Swietek

Ein frühes Liebesbekenntnis

29. Januar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Lass uns in deiner Liebe und Kenntnis nehmen zu, dass wir am Glauben bleiben.
Evangelisches Gesangbuch 67,3

Manche Dinge ändern sich wohl nie. Der Ruf nach der Bestärkung im Glauben zählt ganz sicher dazu. Die junge Elisabeth Cruciger, Verfasserin unseres Wochenliedes, war die erste evangelische Lieddichterin.

Geboren um 1500 als Elisabeth von Meseritz, wuchs sie in einer pommerschen Adelsfamilie auf; wie damals nicht unüblich, kam sie schon als Kind in das Prämonstratenserinnenkloster Marienbusch bei Treptow an der Rega. Dort lernt sie Johannes Bugenhagen kennen, der, begeistert von der neuen Lehre Luthers, im nahegelegenen Männerkloster unterrichtet.

Viele Menschen zieht er in seinen Bann, so auch Elisabeth von Meseritz. Als er Pommern verlässt, folgt ihm Elisabeth nach Wittenberg. Dort wird sie von der Familie Bugenhagens aufgenommen. Sie findet in ihrem Glauben an Jesus Halt in dieser schweren Zeit, die sie als entlaufene Nonne durchmacht. Sie sucht gemäß der neuen Lehre einen direkten Zugang zu Gott – ohne Umweg über Priester und Heilige.

Laura Schildmann, Kirchenmusikerin in Bad Frankenhausen

Laura Schildmann, Kirchenmusikerin in Bad Frankenhausen


In dieser Zeit entsteht der Text des Liedes. Gott hat Jesus aus Liebe zu uns Menschen gesandt, und in dieser Liebe sollen die Menschen Jesus erkennen und ihn lieben, seine »Süßigkeit im Herzen« schmecken. Er soll ihr Liebster sein, nach dem sie sich stets verzehren sollen. Mit diesem Liebesbekenntnis schrieb Elisabeth das erste Jesuslied der evangelischen Kirche.

Martin Luther ist von dem Lied so angetan, dass er es 1524 im Wittenberger Chorgesangbüchlein, einem der ersten evangelischen Liederbücher, veröffentlicht – anonym, denn es ist noch nicht üblich, dass sich Frauen zu religiösen Themen äußern. Elisabeth verlässt 1524 die Familie Bugenhagen und heiratet den Theologen und Lutherschüler Caspar Cruciger, mit dem sie zwei Kinder haben wird. Als sie 1535 stirbt, ist sie eine der Mütter der Reformation.

Laura Schildmann
Kirchenmusikerin in Bad Frankenhausen

»Der Mythos Anhalt lebt«

28. Januar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt (Archiv)

Das 800-jährige Anhalt lässt sich auch gut mit dem Rad erkunden und viele alte Kirchen stehen zur Besichtigung offen. Ein besonderes Angebot für Pedalritter ist die erst im vergangenen September Jahr eröffnete, künstlerisch gestaltete Radfahrerkapelle in einem Nebenraum der Kirche in Opperode im Harz. Foto: Jürgen Meusel

Das 800-jährige Anhalt lässt sich auch gut mit dem Rad erkunden und viele alte Kirchen stehen zur Besichtigung offen. Ein besonderes Angebot für Pedalritter ist die erst im vergangenen September Jahr eröffnete, künstlerisch gestaltete Radfahrerkapelle in einem Nebenraum der Kirche in Opperode im Harz. Foto: Jürgen Meusel

Landeskirche plant zum Jubiläum »800 Jahre Anhalt« ein vielfältiges Programm.

Knapp zwei Wochen vor dem offiziellem Eröffnungsfestakt in Dessau-Roßlau hat die anhaltische Landeskirche ihren Beitrag zum 800. Gründungsjubiläum der historischen Region Anhalt präsentiert.

Bei der Fülle von Programmpunkten wird deutlich, dass die Organisatoren in möglichst jedem Winkel der fünf Kirchenkreise die Geschichte der acht Jahrhunderte erfahrbar machen wollen. Schließlich gebe es ein eigenes vitales Interesse daran, dass der »Traditionsraum« wiederentsteht, sagte Kirchenpräsident Joachim Liebig am 23. Januar in Dessau-Roßlau. So sei die gleichnamige Evangelische Landeskirche die einzige noch bestehende öffentlich-rechtliche Institution in den alten Grenzen – und werde dies auch bleiben.

Auch gegenüber früheren Kritiken, es handele sich bei dem Jubiläum um eine »rein retrospektive Veranstaltung mit Nostalgie«, zeigte sich Liebig optimistisch. »Zum Ende dieses Jahres werden wir sagen können: Das meiste hat ganz vorzüglich funktioniert.« Häufig sind weitere Träger wie etwa Kommunen und Vereine einbezogen. Jeder der Kirchenkreise hat eigene Programm-Ideen entwickelt.

Als Höhepunkt des landeskirchlichen Beitrages zum Jubiläum gilt der neunte Anhaltische Kirchentag im Juni in Ballenstedt. »Er soll kein innerkirchliches Fest werden, sondern nach dem Anspruch der gesamten Landeskirche für alle Menschen offen stehen«, so Kreisoberpfarrer Jürgen Dittrich. Unter dem Motto »Ein’ feste Burg« sind unter anderem eine Diskussion mit Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) sowie dem Magdeburger katholischen Bischof Gerhard Feige und dem evangelischen Bischof Friedrich Weber aus der Braunschweiger Landeskirche geplant.

Vorbereitet wird auch ein »Ökumene-Dorf«, bei dem sich Kirchen aus dem Harz präsentieren. Ballenstedt befindet sich nur wenige Kilometer von der Burgruine Anhalt entfernt, die dem Gebiet seinen Namen gab. Der Burgberg soll Ende Juni von Ministerpräsident Haseloff als »Gedenkort« ausgewiesen werden. »Der Mythos Anhalt lebt«, wirbt Dittrich.

Im Kirchenkreis Köthen wird zu zwei Radtouren unter dem Motto »Grenzerfahrung« eingeladen. Sie führen entlang der noch heute durchaus »absonderlichen« Grenzen Anhalts, wie Kreisoberpfarrer Dietrich Lauter einräumte. Zu einem Konzert »800 Takte für Anhalt 800« im September in der Dessauer Petruskirche erwartet der Kirchenkreis mehr als 1000 Chorsänger aus Gemeinden der ganzen Landeskirche.

Gewissermaßen wie ein roter Faden zieht sich durch das Jahr die 2011 in Bernburg als erste Station gestartete Wanderausstellung »Von der Wiege bis zur Bahre – gelebter Glaube in Anhalt«. Sie ist aktuell in Zerbst zu sehen und soll nach Köthen, Ballenstedt und Coswig weiterziehen.

Anhalt war 1212 nach dem Tod von Herzog Bernhard selbstständiges Territorium geworden. Das Gebiet, das die Bezeichnungen Fürstentum und später Freistaat sowie Land führte, wurde Ende 1945 aufgelöst.

Karsten Wiedener

www.anhalt800.de

»… ich kann nicht anders«

27. Januar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

Zum Abschluss des Festkonzertes in der Erfurter Thomaskirche musizierten Augustiner-Vocalkreis (Erfurt), Ensemble ­vocale (Waltershausen), Madrigalchor Weimar und Loh-Orchester Sondershausen gemeinsam. Foto: Alexander Volkmann

Zum Abschluss des Festkonzertes in der Erfurter Thomaskirche musizierten Augustiner-Vocalkreis (Erfurt), Ensemble ­vocale (Waltershausen), Madrigalchor Weimar und Loh-Orchester Sondershausen gemeinsam. Foto: Alexander Volkmann


 
In Erfurt wurde das Themenjahr »Reformation und Musik« für Thüringen eröffnet.

Mit einem Festkonzert ist am 18. Januar in der Erfurter Thomaskirche das Thüringer Jahresprogramm für das Themenjahr »Reformation und Musik« eröffnet worden, das im Freistaat insgesamt 227 Veranstaltungen umfasst. Dabei durchzog wie ein roter Faden Luthers Choral »Ein feste Burg ist unser Gott« das Programm.

Ein Lied, zu dem der Reformator 1529 nicht nur den Text, sondern auch die Melodie lieferte. Ein klingendes Bekenntnis, das vom Loh-Orchester Sondershausen unter der Leitung von Generalmusikdirektor (GMD) Markus L. Frank in selten zu hörenden Adaptionen aus dem 19. Jahrhundert präsentiert wurde.

So ­erklang zu Beginn die Ouvertüre zur Oper »Die Hugenotten« von Giacomo Meyerbeer, die von der Vertreibung der französischen Protestanten handelt. Wie vielfältig Felix Mendelssohn Bartholdy das Lied variiert hat, war mit dem 3. und 4. Satz seiner »Reformations-Sinfonie« zu erleben. Und Otto Nicolais Festouvertüre über »Ein feste Burg ist unser Gott« sorgte für ein furioses Finale des Konzertes, bei dem über 100 Chorsänger gemeinsam mit dem Loh-Orchester das Gotteslob anstimmten.

Diesen schöpferischen Annäherungen aus dem 19. Jahrhundert standen vier Uraufführungen gegenüber, die aus einem frisch gedruckten Luther-Chorbuch stammen, das an diesem Abend von seinem Herausgeber, dem Weimarer Komponisten Peter Helmut Lang, der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Es trägt den Titel »… ich kann nicht anders!« und ist mit 20 neuen Kompositionen vor allem für Laienchöre und Kantoreien bestimmt. Die verschiedenen Handschriften ­ihrer Schöpfer, betonte Lang, ermöglichten »20 Perspektiven auf Luther« und lieferten zugleich ein aktuelles Bild der kompositorischen »Szene«. Landesbischöfin Ilse Junkermann betonte, dass sich mit der Herausgabe des Chorbuches zeige, »wie stark die Musik im Lutherland Thüringen Identität stiftet und präsent ist«.

Der Erfurter Augustiner-Vokalkreis unter Leitung von Landeskirchenmusikdirektor Dietrich Ehrenwerth stellte zwei Motetten gegenüber: »Die Güte des Herrn« von Alwin Friedel (*1935) und »Verleih uns Frieden« von Peter Helmut Lang (*1974). Während der emeritierte Kirchenmusikdirektor aus Arnstadt die Choräle »All Morgen ist ganz frisch und neu« und »Wach auf, wach auf, du deutsches Land« von Luthers Urkantor Johann Walter kunstvoll miteinander verflochten und in herber Polyphonie zu neuem Eigen­leben erweckt hat, wagt der Weimarer Komponist eine Neuvertonung des Luther-Chorals »Verleih uns Frieden« und konfrontiert diese mit unterschiedlich akzentuierten Texteinwürfen berühmter Politiker und Philosophen, woraus sich eine facettenreiche Klangcollage ergibt.

Von Gospel und Popularmusik geprägt ist die Motette »Ach Gott im Himmel« von Kathrin Gerth (*1966), die das »Ensemble ­vocale« aus Waltershausen unter Leitung von Kirchenmusikdirektor Theophil Heinke mit der Komponistin am Klavier schwungvoll darbot.

Ludger Vollmer (*1961) verbindet in seiner Vertonung des Jesaja-Wortes »Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen« Erinnerungen an den Herbst 1989 in Leipzig mit Erlebnissen eines Jerusalem-Aufenthaltes 2010. Er greift dabei armenische ­liturgische Gesänge aus der Grabeskirche Jesu auf und entwickelt ein dichtes Geflecht aus rezitativischem Sologesang, sich eruptiv steigernden Choreinsätzen und exotisch anmutenden Orgelmotiven. Als Dirigent gelang es ihm, sein Werk mit dem Madrigalchor Weimar in höchster Intensität zu entfalten.

Michael von Hintzenstern

Neuer Vorstoß

27. Januar 2012 von redaktionguh  
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Sachsen-Anhalt: Linke will Staatsleistungen ablösen.

Ganz überraschend kommt der Vorstoß nicht. Seit Monaten hat die Linkspartei in Sachsen-Anhalt intern über die Staatsleistungen für die Kirchen diskutiert. Nun hat die Finanzexpertin der Fraktion, Helga Paschke, angekündigt, diese Zahlungen auf den Prüfstand stellen zu wollen. Nach ihren Angaben bereitet die Landtagsfraktion derzeit einen Antrag vor, der bis zum März ins Parlament kommt und mit dem die Staatskirchen­verträge »grundsätzlich« evaluiert werden sollen.

»Wir wollen die Staatsleistungen nicht abschaffen, sondern ablösen«, so die Finanzexpertin der Linken, deren Vorgehen auch mit der Thüringer Fraktion abgestimmt ist. Nach ihren Vorstellungen könnte ein Summe in Höhe von 320 Millionen verteilt auf 20 Jahren die bestehenden Staatsleistungen ersetzen.

Die Kirchen reagieren gelassen auf die Ankündigung. »Natürlich kann man über eine Ablösung reden«, sagt Oberkirchenrat Albrecht Steinhäuser, Beauftragter der evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung Sachsen-Anhalt, der damit auch auf der Linie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) liegt. Insgesamt geht es um Staatsleistungen in Höhe von 460 Millionen Euro. Derzeit erhalten allein die Kirchen in Sachsen-Anhalt rund 30 Millionen Euro. In Thüringen sind es immerhin noch 22 Millionen.

Dagegen sieht Finanzdezernent Jörg Mayer von der braunschwei­gischen Landeskirche, die mit Blankenburg im Harz und Calvörde in der Altmark über Gebiete auch in Sachsen-Anhalt verfügt, keinen Anlass zu verhandeln. »Es gibt gültige Verträge, die nicht einseitig aufgekündigt werden können«, stellt er seine Position klar.

Ohnehin würde eine Ablösung den Staat teuer zu stehen kommen. Nach kirchlichen Berechnungen würde es im Falle einer Ablösung allein in Sachsen-Anhalt um einen Betrag von mindestens 600 Millionen Euro gehen. Angesichts der klammen Kassen im Land hält Steinhäuser das für unrealistisch. »Das muss auf Bundesebene verhandelt werden«, ist er überzeugt. Zudem verweist der Beauftragte darauf, dass es sich hier keineswegs nur um historische Ansprüche in Folge der Enteignungen kirchlicher Ländereien handelt.

Zwar würden die Wurzeln Anfang des 19. Jahrhunderts liegen. Die Staatskirchenverträge seien jedoch unter heutigen Bedingungen ausgehandelt worden. Er vermutet deshalb hinter dem Ansatz der Linken den Versuch, an dieser Stelle »Sympathiepunkte« zu sammeln. Viel spannender ist für ihn die Frage, wie die anderen Parteien damit umgehen.

Die haben bislang eher zurückhaltend reagiert. Der CDU-Fraktionsvorsitzende, André Schröder, erteilt den Plänen eine deutliche Absage. Sachsen-Anhalts Finanzminister Jens Bullerjahn (SPD) setzt dagegen auf eine offene Diskussion. Man solle sich nicht allein an historischen Verträgen festhalten, sondern lieber gemeinsam nach Lösungen suchen, rät er und verweist auf mögliche Änderungen frühestens im Haushalt 2014/2015.

Dass die Gedankenspiele damit nicht vom Tisch sind, wissen auch die Kirchen. Mit dem Infragestellen der Staatsleistungen sei immer die Anfrage an den gesellschaftlichen Stellenwert der Kirche verbunden, ist Albrecht Steinhäuser überzeugt. Er sieht deshalb nur einen Weg: »Wir müssen zeigen, welchen gesellschaftlichen Stellenwert die ­Kirche hat und dass es auch für Nichtchristen gut ist, dass es uns gibt.«

Martin Hanusch

Neue Lehrer braucht das Land

27. Januar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Die Rabbiner Alina Treiger und Konstantin Pal, der die jüdische Landesgemeinde Thüringen betreut, sind Absolventen des liberalen Abraham-Geiger-Kollegs. Foto: epd-bild/Tobias Barniske

Die Rabbiner Alina Treiger und Konstantin Pal, der die jüdische Landesgemeinde Thüringen betreut, sind Absolventen des liberalen Abraham-Geiger-Kollegs. Foto: epd-bild/Tobias Barniske


 
Thema: In Mitteldeutschland sind die jüdischen Gemeinden in den letzten Jahren stark gewachsen. Nun soll Erfurt eine Jüdische ­Fakultät bekommen. Thüringer begrüßen das Bemühen der Landesregierung, hier ein jüdisches Zentrum zu errichten.

Dass es in Mitteldeutschland wieder jüdische Gemeinden gibt, grenzt für den evangelischen Theologen Ricklef Münnich aus Erfurt an ein Wunder. Münnich engagiert sich schon lange in der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen und in der überregionalen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Er verfolgt mit Interesse das Bestreben, in Erfurt eine Jüdische Fakultät zu installieren.

Immerhin, so ist vom jüdischen Landesvorsitzenden Wolfgang Nossen zu erfahren, gäbe es in Deutschland 115 jüdische Gemeinden. In Sachsen-Anhalt und Thüringen leben 2410 gläubige Juden, davon gehören 850 zu den Gemeinden in Thüringen, 650 in Halle, 530 in Magdeburg und 380 in Dessau. Zudem habe es im Mittelalter ein berühmtes Rabbinerkolleg in Erfurt gegeben, so Nossen.

»Als Landesvorsitzender in Thüringen begrüße ich die Bemühungen natürlich, in Erfurt ein jüdisches Zentrum zu errichten«, betont er. Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht hatte während ihrer Israelreise im Dezember geäußert, Erfurt zum Zentrum für Jüdische Studien werden zu lassen.

»Erfurt bietet mit seiner Universität nicht nur die strukturellen Voraussetzungen dafür; vielmehr ist in Erfurt das jüdische Erbe – mit dem Jüdischen Schatz, der Alten Synagoge – so vielfältig präsent, dass wir dies für die wissenschaftliche Forschung nutzen müssen«, sagte sie. Und bekräftigte dies noch einmal anlässlich ihres Besuches der Mikwe und des Steinernen Hauses in Erfurt am 17. Januar.

Wolfgang Nossen sieht in einer ­Jüdischen Fakultät großes Potenzial für die Synagogengemeinde. »Unsere Gemeinde besteht zu 50 Prozent aus über 60-Jährigen. Die meisten kommen aus Russland und sprechen kein Deutsch. Die Jungen verlassen Thüringen, gehen zum Studium und danach in die alten Bundesländer oder ins Ausland.«

Das Abraham-Geiger-Kolleg, das seit 1999 an der Universität in Potsdam Rabbiner und Kantoren ausbildet und im letzten Jahr fünf Rabbiner ordinieren konnte, hat den Thüringer Vorschlag mit Interesse zur Kenntnis genommen. Das Land Brandenburg hatte ja signalisiert, dass kein Geld mehr da sei.

»Jetzt sind sie plötzlich aufgeschreckt«, kommentiert der 80-jährige Nossen dessen Bemühungen, das Geiger-Kolleg doch zu behalten. Dem Geschäftsführer des Kollegs, Walter Homolka, Rabbiner und Professor, sei das letztlich egal. »Sein Herz schlägt für das Abraham-Geiger-Kol­leg. Und er geht dorthin, wo ihm seine Arbeit ermöglicht wird.«

Das sieht auch Ricklef Münnich so. »Das Kolleg vertritt ein liberales Judentum. Und das ist gut.« Er erläutert: »Wer hier nach orthodoxen jüdischen Vorschriften leben will, muss einen riesigen Aufwand betreiben.« Weil es zum Beispiel kein koscheres Fleisch gibt. Das müsse man sich aus Frankfurt am Main schicken lassen. Zudem sei durch die Verfolgung in der Nazizeit jegliche Tradition weggebrochen. Die russischen Juden konnten ihren Glauben kaum leben. Sie wissen nicht viel darüber.

»Sie müssen erst einmal ihre Identität finden«, ist Münnich überzeugt. Das Geiger-Kolleg gehe bei seiner Ausbildung von der Situation der Menschen aus. Die Rabbinerinnen und Rabbiner von dort könnten den Juden ein Glaubensleben nahebringen. Die Jüdischen Hochschule in Heidelberg, deren Prorektor Johannes Heil in einer Tageszeitung abfällig von »Bonsai-Fakultät« sprach, sei keine Alternative. Sie bilde keine Rabbiner aus.

»Wir brauchen aber für die jüdischen Gemeinden Lehrer«, bekräftigt Ricklef Münnich. Der Ort sei zunächst ein Politikum. »Als Thüringer bin ich natürlich für Erfurt. Es wäre gut für die jüdische Landesgemeinde, für die Stadt, das jüdische Kulturerbe, aber auch für den Freistaat.« Aus der Thüringer Staatskanzlei ist zu erfahren, dass die Sache jetzt im Wissenschaftsministerium weiterverfolgt wird.

Für das jüdische Leben in Thüringen erhofft sich auch Wolfgang Nossen eine Belebung durch solch eine Fakultät in der Landeshauptstadt.

Dietlind Steinhöfel

Die Verunsicherung ist groß

23. Januar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Mitteldeutsche Kirche kritisiert Einschnitte bei kirchlichen Religionslehrern in Thüringen.
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Die mitteldeutsche Landeskirche hat die Einschnitte beim Einsatz kirchlicher Religionslehrer in den Thüringer Schulen scharf kritisiert. Obwohl bereits in diesem Schuljahr eine Reduzierung erfolgt sei, habe das Kultusministerium angekündigt, den Einsatz kirchlicher Lehrkräfte weiter zurückzufahren, sagte Bildungsdezernentin Martina Klein am 11. Januar in Erfurt. Dies führe nicht nur bei den betroffenen Lehrkräften zu Verunsicherungen. Zudem wirke sich die Reduzierung auch auf die staatlichen Lehrer aus, die zunehmend an mehreren Schulen eingesetzt würden. »Dies lässt auch Auswirkungen auf die Qualität des Religionsunterrichtes befürchten«, so die Oberkirchenrätin.

Das Thüringer Kultusministerium hat die Kritik unterdessen zurückgewiesen. Die Gestellung von »kirchlichen Bediensteten« sei abhängig davon, inwieweit die Unterrichtserteilung durch staatliche Religionslehrer abgedeckt werden kann. Nur wenn dies nicht der Fall ist, erfolge der Einsatz von kirchlichen Lehrkrätten, teilte das Ministerium auf Nachfrage mit.

Derzeit unterrichten 380 staatliche und 210 kirchliche Lehrkräfte insgesamt 2750 Wochenstunden evange­lischen Religionsunterricht an den Thüringer Schulen. Davon entfallen 1500 Stunden auf die staatlichen und 1250 auf die kirchlichen Lehrer. Ursprünglich war in diesem Schuljahr eine Reduzierung um 250 Wochen­stunden vorgesehen. Nach Verhandlungen mit dem Kultusministerium konnte die Zahl auf 127 Wochenstunden vermindert werden.

Wegen der bestehenden Unsicherheit drängt die Landeskirche auf einen verlässlicheren Einsatz ihrer Lehrkräf­te. »Unser Ziel ist eine Regelung für die nächsten vier bis fünf Schuljahre, damit wir Planungssicherheit bekommen«, erklärte Martina Klein. Das ­Kultusministerium will sich allerdings nicht festlegen lassen. Der »Gestellungsbedarf« hänge von unterschiedlichen Faktoren ab und müsse für jedes Schuljahr neu ­bestimmt werden.

Ansonsten fiel die Bilanz der Bildungsdezernentin durchaus positiv aus. So besuchen an den allgemeinbildenden Schulen in Thüringen 27 Prozent der Schülerinnen und Schüler evangelischen Religionsunterricht. Zum Vergleich: In Sachen-Anhalt sind es 18 Prozent. An Gymnasien liegt die Quote sogar bei 35 Prozent. Ein Drittel der Schüler, die Religionsunterricht erhalten, gehört den Angaben zufolge nicht der evangelischen Kirche an.

Dagegen fällt der Bereich der berufsbildenden Schulen deutlich ab. Hier besuchen im Freistaat lediglich 2,4 Prozent den Religionsunterricht (Sachsen-Anhalt: 1,2 Prozent). Ziel der EKM sei es deshalb, den Anteil auf zehn Prozent zu steigern. »Hier«, kündigte die Bildungsdezernentin an, »wollen wir unser Engagement deutlich verstärken.«

Martin Hanusch

»Ängste verschwinden nicht durch moralische Appelle«

23. Januar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt (Archiv)

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Moderierte Gespräche sollen im Altmarkdorf Insel zur Lösung im Streit um zwei Ex-Häftlinge führen.

»Wir müssen wieder miteinander reden«, sagt Christoph Hackbeil. Der Propst des Sprengels Stendal-Magdeburg gehörte zu den Theologen, die am 13. Januar am Friedensgebet in der Kirche des Dorfes Insel bei Stendal teilnahmen. Die Kirchengemeinde mit Pfarrer Alfredo Rockstroh hatte dazu eingeladen, mit dabei waren auch der Stendaler Superintendent Michael Kleemann und Gefängnisseelsorger aus Burg. Nach dem Gebet in der Dorfkirche kam es zu Gesprächen mit den rund 35 Teilnehmern.

Zentrales Thema sei das Leben in Freiheit gewesen: Leben in Freiheit und Würde für zwei entlassene Straftäter, Leben ohne Angst für die Dorfbewohner. »Das sind zwei berechtigte Haltungen«, so Christoph Hackbeil gegenüber der Kirchenzeitung, »die Bewohner von Insel dürfen deshalb nicht in eine bestimmte Ecke gestellt werden.«

Anlass für das Gebet war der seit Monaten schwelende Streit um zwei ehemalige Sexualstraftäter, die nach 26 beziehungsweise 24 Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung im Sommer aus Baden-Württemberg nach Insel gezogen waren. Freigekommen waren sie, weil der Europäische Gerichtshof die deutsche Praxis der Sicherungsverwahrung ausgesetzt hatte.

Ab August gab es Proteste und eine Unterschriftensammlung gegen die Pläne des 54- beziehungsweise 64-Jährigen, dauerhaft in Insel leben zu wollen. Ende September duldeten die Dorfbewohner, dass sich Mitglieder rechter Kameradschaften den Protesten anschlossen. Als der sachsen-anhaltische Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) und der Stendaler Superintendent Michael Kleemann die beiden Männer bewogen, aus Insel wegzuziehen, endeten die Proteste – vorläufig.

Doch weil trotz intensiver Suche von Kleemann bis heute keine neue Bleibe für die Männer gefunden wurde und der Ältere der beiden inzwischen sein Einverständnis zum Wegzug aus dem Altmarkdorf zurückzog, flammten die Proteste zu Jahresbeginn wieder auf.

»Es braucht von allen Seiten Geduld und Einsatz, um einen Weg zu finden«

Am 12. Januar äußerte sich Landesbischöfin Ilse Junkermann erstmals zu den Vorgängen in Insel: »Rechtsextreme von außen benutzen die Sorgen und Ängste für ihre menschenverachtende Propaganda. Mir ist klar, Ängste verschwinden nicht einfach durch Verweise auf die Rechtslage oder moralische Appelle.« Sie nehme wahr, dass sich Menschen in Insel nicht ernst genug genommen fühlen.

Allerdings zeige sich, dass von allen Seiten Geduld nötig sei, einen Weg zu finden, mit dem Beteiligte und Betroffene leben können. Um dieses Ziel zu erreichen, brauche es mehr gegenseitiges Verständnis, so die Landesbischöfin weiter. Es sei an dem Grundrespekt festzuhalten, der jedem Menschen zustehe, auch ehemaligen Strafgefangenen.

Christoph Hackbeil unterstrich gegenüber der Kirchenzeitung, dass die intensive Suche des Stendaler Superintendenten nach einer neuen Bleibe für die beiden Ex-Häftlinge ein wichtiger Beitrag gewesen sei. Aktuell komme es darauf an, als Kirche zu moderieren zwischen den Dorfbewohnern, die den Wegzug beider Männer verlangen und denen, die den Älteren beim Bleiben im Dorf unterstützen wollen. Einzelheiten, wie das ablaufen soll, müssten jetzt abgesprochen werden, so der Regionalbischof.

Angela Stoye

Was lässt den Funken überspringen?

22. Januar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Lobt Gott, den Herrn, ihr Heiden all, lobt Gott von Herzensgrunde.
Evangelisches Gesangbuch 293,1

Auch die Heiden? Das Lied für diese Woche gehört mit seinen zwei Strophen nicht gerade zu den Zeitblockern im Gottesdienst. Das ist kein Wunder: Der Psalm 117 ist der kürzeste des Psalters, von Joachim Sartorius 1591 meisterhaft nachgedichtet. Ich habe das Lied schon als junger Mensch gern gesungen. Das macht die schwungvolle Melodie von Melchior Vulpius, dem wir auch den Satz »Hinunter ist der Sonnen Schein« zu verdanken haben.

Bei den oben erwähnten Heiden muss ich an die Christenlehrezeit zurückdenken, an jenen demütigen Afrikaner auf der Spendendose, den ein Vers darauf als »armen Heidensohn« bezeichnete und der nickte, wenn ein Geldstück eingeworfen wurde. Der Psalmbeter meinte wohl mit Heiden alle Nichtjuden, unser Textautor alle Ungetauften – also die »noch nicht dazugehören«. Das sind in meiner Stadt über 90 Prozent der Menschen. Aber warum sollen die Gott aus Herzensgrunde loben?

Christoph Noetzel ist Kreiskantor im Kirchenkreis Merseburg.

Christoph Noetzel ist Kreiskantor im Kirchenkreis Merseburg.


Davon singt die zweite Strophe: Barmherzigkeit, Wahrheit, Gnade und Gütigkeit sind Dinge, die Gott allen, nicht nur uns Insidern, bis in alle Ewigkeit überreichlich erweist – damals wie heute. Begreifen wir das? Da fällt mir jenes Video auf Youtube ein, wo eine Frau in einem amerikanischen Konsumtempel laut Händels »Halleluja« ins Handy singt und viele mit einstimmen. Warum tun die das? Weil Händels Musik so cool ist? Was lässt hier den Funken überspringen? Ich kann mir so eine Situation bei uns kaum vorstellen. Trotzdem wäre es genau das, wovon wir im Wochenlied singen.

Andererseits: Haben wir als Insider das Gotteslob gepachtet oder was tut der Männerchor (deren Sänger ich vor 25 Jahren als erklärte Atheisten kennenlernte), wenn er in der Adventszeit »Kommet ihr Hirten« singt? Es ist wohl so, dass die Mission weniger im Gottesdienst oder in den innerkirchlichen, oft mit Aufwand und Liebe vorbereiteten Veranstaltungen passiert, sondern da, wo wir es kaum erwarten. Sollen wir dann auch noch »Halleluja« singen? Gerade dann!

Christoph Noetzel
Kreiskantor im Kirchenkreis Merseburg

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