Wie ein Gruß aus ferner Zeit
8. Januar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
Abgelegt unter Wort zur Woche

O süßer Herre Jesu Christ, der du unser Erlöser bist, nimm heut an unsre Danksagung – aus Genaden!
Evangelisches Gesangbuch Nr. 68
Ein wirklich uraltes Lied … und dann noch »süßer« Jesus – wo wir doch gerade erst die zuckerigen Lieder »Stille Nacht« oder »Süßer die Glocken nie klingen« hinter uns gelassen haben! Und doch: Ich liebe dieses Lied mit seiner schwebenden Melodie, seiner unbeholfenen Silbenzählung und dem ausdrucksstarken Text: »süßer«, nicht »lieber« muss es heißen!
In acht kurzen Strophen dichtete der Böhmische Bruder Michael Weiße (1488–1534) ein nachweihnachtliches Lied, welches den Dank für die Menschwerdung Christi mit dem Ausblick auf seinen Leidensweg und die Existenz der Kirche auf Erden und im Himmel verbindet – und das alles echt reformatorisch: »aus Genaden«.

Martina Apitz, Kirchenmusikdirektorin in Köthen
Die Melodie ist ein altkirchlicher Hymnus. Würde man sich dazu bewegen, käme ein Schreiten und Hüpfen heraus, eine Wendung und Verbeugung vor dem Licht, das in die Welt gekommen ist. Als Organistin mag ich die Bearbeitung dieses Liedes von Volker Bräutigam in seinen »Präludien über Weihnachtslieder«, die dieses schwebende Metrum aufnimmt, Motive des Chorals spielerisch verändert und schließlich die Bodenhaftung herstellt.
Eines von 157 Liedern des »Böhmischen Gesangbuches«, des umfangreichsten reformatorischen Liederbuches, grüßt uns da aus fernen Zeiten, die uns durch die Besinnung auf das anstehende Reformationsjubiläum wieder nähergebracht werden. Weiße hat Kontakt zu Martin Luther gepflegt. Nachweislich kannte Luther seine Lieder und übernahm einige in sein Wittenbergisches Gesangbuch.
Ich möchte mir vorstellen, dass er unser Lied zur Lautenbegleitung im Kreise seiner Familie und Schüler in der weihnachtlichen Stube sang – mit dankbarem Herzen für die Geburt Jesu, des süßen (nicht süßlichen) Christkindes. Lassen wir uns vom Danken für unsere Erlösung anstecken und das neue Jahr mit Freude und in Freiheit beginnen!
Martina Apitz
Kirchenmusikdirektorin in Köthen







Reaktionen unserer Leser
1 Lesermeinung zu “Wie ein Gruß aus ferner Zeit”Trackbacks
Das sagen andere über diesen Artikel[...] Wie das Lied der vorigen Woche, so ist auch dieses Lied der Böhmischen Brüder ein Glaubensbekenntnis. Sie sangen ihre Lieder einstimmig a-capella im Stehen. Wir müssen wieder lernen, beim Singen in unseren Gottesdiensten aufzustehen, damit die Stimme ordentlich klingen kann und wir unseren Glauben hinausposaunen in diese Welt! [...]