Die Toten und die Lebenden

20. Januar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Kommentar

kommentar412

Die Bilder gingen um die Welt und jeder konnte sie mit zwei, drei Klicks im Internet finden. Das Video zeigte vier US-Soldaten, wie sie irgendwann 2011 in Afghanistan auf die Leichen getöteter Taliban urinieren. Damals, gestern und heute wird in allen Kriegen den Leichen der Feinde jede nur erdenkliche Perversität angetan, während man sich bemüht, tote Kameraden ehrenhaft zu begraben. Wer will kriegstypische Leichenschändungen auflisten?

Immerhin kennt die Öffentlichkeit kriegführender Demokratien wie USA und Deutschland heute die Begriffe »posttraumatische Störung« oder »Kriegsneurose«. Sie umschreiben die Tatsache, dass Krieg menschliche Seelen bis zur Lebensuntüchtigkeit verwüsten kann. Vieles, was die posttraumatische Störung so grausam macht, trifft nicht zuerst die Toten, sondern die Lebenden, die auf deren Heimkehr gewartet haben. Die widerliche Szene im Netz sät überreichlich Hass, weil sie zum Feindeshass die Verachtung für deren Religion hinzufügt.

Und doch: Habe ich zu wählen, will ich mein bisschen Kraft in den Protest gegen die Kriegsverbrechen an den Lebenden stecken. Hoffentlich gelingt es uns dadurch Schritt für Schritt, den Kriegsmaschinen in die Räder zu greifen: Massenvergewaltigungen als militärtaktisches Konzept; Missbrauch von Kindern als lebende Mordwerkzeuge; ethnische Säuberungen als Preis für nationalistische Fantasien; Feuer frei auf Bürger, die nicht mehr verlangen, als was ihr Diktator im Fernsehen längst versprochen hat.

Und – so wird speziell für uns Deutsche ein Schuh daraus – Waffengeschäfte mit jeder staatlichen oder nichtstaatlichen Killerbande, die es versteht, unsere Gesetze auszutricksen.

Was wir den Kriegstoten schuldig sind, zählt nach christlicher Tradition zu den Werken der Barmherzigkeit. Was die in Todesgefahr Lebenden brauchen, sind die Werke des Friedens und der Gerechtigkeit. Erst alles zusammen macht den Glauben aus.

Harald Rohr

Bookmark and Share
Möchten Sie ein Exemplar der gedruckten Zeitung in den Händen halten? Gern senden wir Ihnen ein kostenloses Probeheft. Einfach und unverbindlich hier bestellen. (Link)

Ihre Lesermeinung zu diesem Artikel

Nutzen Sie gravatar, wenn Sie Ihr Bild mit der Meinung veröffentlichen wollen!