Neue Lehrer braucht das Land
27. Januar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Die Rabbiner Alina Treiger und Konstantin Pal, der die jüdische Landesgemeinde Thüringen betreut, sind Absolventen des liberalen Abraham-Geiger-Kollegs. Foto: epd-bild/Tobias Barniske
Thema: In Mitteldeutschland sind die jüdischen Gemeinden in den letzten Jahren stark gewachsen. Nun soll Erfurt eine Jüdische Fakultät bekommen. Thüringer begrüßen das Bemühen der Landesregierung, hier ein jüdisches Zentrum zu errichten.
Dass es in Mitteldeutschland wieder jüdische Gemeinden gibt, grenzt für den evangelischen Theologen Ricklef Münnich aus Erfurt an ein Wunder. Münnich engagiert sich schon lange in der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen und in der überregionalen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Er verfolgt mit Interesse das Bestreben, in Erfurt eine Jüdische Fakultät zu installieren.
Immerhin, so ist vom jüdischen Landesvorsitzenden Wolfgang Nossen zu erfahren, gäbe es in Deutschland 115 jüdische Gemeinden. In Sachsen-Anhalt und Thüringen leben 2410 gläubige Juden, davon gehören 850 zu den Gemeinden in Thüringen, 650 in Halle, 530 in Magdeburg und 380 in Dessau. Zudem habe es im Mittelalter ein berühmtes Rabbinerkolleg in Erfurt gegeben, so Nossen.
»Als Landesvorsitzender in Thüringen begrüße ich die Bemühungen natürlich, in Erfurt ein jüdisches Zentrum zu errichten«, betont er. Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht hatte während ihrer Israelreise im Dezember geäußert, Erfurt zum Zentrum für Jüdische Studien werden zu lassen.
»Erfurt bietet mit seiner Universität nicht nur die strukturellen Voraussetzungen dafür; vielmehr ist in Erfurt das jüdische Erbe – mit dem Jüdischen Schatz, der Alten Synagoge – so vielfältig präsent, dass wir dies für die wissenschaftliche Forschung nutzen müssen«, sagte sie. Und bekräftigte dies noch einmal anlässlich ihres Besuches der Mikwe und des Steinernen Hauses in Erfurt am 17. Januar.
Wolfgang Nossen sieht in einer Jüdischen Fakultät großes Potenzial für die Synagogengemeinde. »Unsere Gemeinde besteht zu 50 Prozent aus über 60-Jährigen. Die meisten kommen aus Russland und sprechen kein Deutsch. Die Jungen verlassen Thüringen, gehen zum Studium und danach in die alten Bundesländer oder ins Ausland.«
Das Abraham-Geiger-Kolleg, das seit 1999 an der Universität in Potsdam Rabbiner und Kantoren ausbildet und im letzten Jahr fünf Rabbiner ordinieren konnte, hat den Thüringer Vorschlag mit Interesse zur Kenntnis genommen. Das Land Brandenburg hatte ja signalisiert, dass kein Geld mehr da sei.
»Jetzt sind sie plötzlich aufgeschreckt«, kommentiert der 80-jährige Nossen dessen Bemühungen, das Geiger-Kolleg doch zu behalten. Dem Geschäftsführer des Kollegs, Walter Homolka, Rabbiner und Professor, sei das letztlich egal. »Sein Herz schlägt für das Abraham-Geiger-Kolleg. Und er geht dorthin, wo ihm seine Arbeit ermöglicht wird.«
Das sieht auch Ricklef Münnich so. »Das Kolleg vertritt ein liberales Judentum. Und das ist gut.« Er erläutert: »Wer hier nach orthodoxen jüdischen Vorschriften leben will, muss einen riesigen Aufwand betreiben.« Weil es zum Beispiel kein koscheres Fleisch gibt. Das müsse man sich aus Frankfurt am Main schicken lassen. Zudem sei durch die Verfolgung in der Nazizeit jegliche Tradition weggebrochen. Die russischen Juden konnten ihren Glauben kaum leben. Sie wissen nicht viel darüber.
»Sie müssen erst einmal ihre Identität finden«, ist Münnich überzeugt. Das Geiger-Kolleg gehe bei seiner Ausbildung von der Situation der Menschen aus. Die Rabbinerinnen und Rabbiner von dort könnten den Juden ein Glaubensleben nahebringen. Die Jüdischen Hochschule in Heidelberg, deren Prorektor Johannes Heil in einer Tageszeitung abfällig von »Bonsai-Fakultät« sprach, sei keine Alternative. Sie bilde keine Rabbiner aus.
»Wir brauchen aber für die jüdischen Gemeinden Lehrer«, bekräftigt Ricklef Münnich. Der Ort sei zunächst ein Politikum. »Als Thüringer bin ich natürlich für Erfurt. Es wäre gut für die jüdische Landesgemeinde, für die Stadt, das jüdische Kulturerbe, aber auch für den Freistaat.« Aus der Thüringer Staatskanzlei ist zu erfahren, dass die Sache jetzt im Wissenschaftsministerium weiterverfolgt wird.
Für das jüdische Leben in Thüringen erhofft sich auch Wolfgang Nossen eine Belebung durch solch eine Fakultät in der Landeshauptstadt.
Dietlind Steinhöfel






