10.000 Euro für die Predigtkirche Luthers

28. Februar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt (Archiv)

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Evangelische Minderheitskirchen aus aller Welt unterstützen Sanierung der Stadtkirche in Wittenberg

Die weltweite Verbundenheit, die diese Spende ausdrückt, macht sie für mich besonders wertvoll«, sagt der Wittenberger Pfarrer Johannes Block. Die Freude kommt nicht von ungefähr. Am 17. Februar überreichten der Generalsekretär des Gustav-Adolf-Werkes (GAW), Pfarrer Enno Haaks, und Pfarrer Armin Pra, GAW Kirchenprovinz Sachsen, Vertretern der Stadtkirche St. Marien in der Lutherstadt Wittenberg einen Scheck in Höhe von 10000 Euro.

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Bei der Sanierung der Wittenberger Stadtkirche ist Hilfe willkommen. Hier haben Pfarrer Armin Pra, Vorsitzender des GAW in der Kirchenprovinz, Alzbeta Matejovska, Jörg Bielich, Pfarrer Johannes Block und GAW-Chef Enno Haaks allen Grund zur Freude. – Foto: Thomas Klitzsch

Ein Großteil dieser Spende stammt aus dem Ausland. Mit Kollekten haben sich daran Partnerkirchen des Gustav-Adolf-Werks beteiligt, beispielsweise Lutheraner aus Chile, Österreich und Italien, aber auch die Reformierte Kirche aus Ungarn. Für Christen in aller Welt ist die Kirche, in der Martin Luther gepredigt hat, eine Art evangelische Pilgerstätte.

Das GAW hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, bis 2017 in Deutschland und in den über 40 Partnerkirchen insgesamt 70000 Euro Spenden für die Renovierung der Stadtkirche in Wittenberg zu sammeln. Angesichts der Sanierungskosten von mindestens 7,8 Millionen Euro ist es eine wichtige Unterstützung für die Stadtkirche.

Jörg Bielig, Mitglied des Gemeindekirchenrats, informierte darüber, dass durch eine Veränderung der Förderbedingungen des Landes Sachsen-Anhalt der Eigenanteil der Gemeinde an den Sanierungskosten nun auf 30 Prozent steigen soll – auf insgesamt 2,3 Millionen Euro.

Ein gewaltiger Unterschied für eine Gemeinde, die in einer extremen Diasporasituation mit einem Anteil von nur zwölf Prozent evangelischen Christen in der Lutherstadt wirkt. Bielig zeigt sich gerührt von dem Gedanken, dass die Spende des GAW zum Teil aus Ländern kommt, wo die finanzielle Situation der Menschen wesentlich schwieriger ist als in Deutschland: »Sie haben doch selber wenig und geben trotzdem für uns.«

(mkz)

Aufregung um angebliche Nachforderung

27. Februar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

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Kirchensteuer klar geregelt. Jeder Einzelfall wird bei einer Nachzahlungsforderung geprüft.

Am Valentinstag schreckte die Bildzeitung mit einer Schlagzeile auf. Den Angaben des Blattes zufolge drohten durch Digitalisierung von Akten Nachzahlungen von Kirchensteuer in beträchtlicher Höhe. Ausgangspunkt war eine Frau aus Halle, die 2700 Euro nachzahlen solle.

Der Finanzminister von Sachsen-Anhalt, Jens Bullerjahn, dementierte in einer Pressemitteilung, dass Tausende Bürger mit Kirchensteuernachforderungen zu rechnen hätten. »Das ist schlicht und einfach falsch«, erklärte er. »In den Finanzämtern Sachsen-Anhalts findet keine Digitalisierung von Akten statt. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, wie das Finanzamt von einer bisher nicht bekannten Kirchenzugehörigkeit erfahren haben soll. Einen Einzelfall so zu verallgemeinern, wie es in dem Artikel dargestellt wurde, ist unseriös.«

Bereits 1992 hätten die Meldebehörden mit den Kirchen die Listen in Bezug auf eine Kirchen­zugehörigkeit abgeglichen. Allerdings, räumt Bullerjahn ein, könnten bei der Umstellung auf elektronische Lohnsteuerkarten in Einzelfällen Unstimmigkeiten auftreten.

Auf Nachfrage im Finanzdezernat der mitteldeutschen Kirche (EKM) reagiert Finanzdezernent Stefan Große gelassen: Man habe sofort alle Kirchenkreise informiert. Es gäbe keinen Aufschrei in der Landeskirche. »Wer getauft ist, der ist Mitglied, bis er austritt«, sagt er kurz und verweist auf die gebührenfreie Nummer des Kirchensteuertelefons (0800) 7137137.

Dorothea Ermisch, die im Finanzdezernat solche Fälle bearbeitet, sagt gegenüber »Glaube+Heimat«, dass gegebenenfalls jeder Einzelfall geprüft werde. Man könne da nichts generalisieren. Die Höhe einer Nachzahlung hänge von der Höhe des Einkommens ab, geprüft würden aber noch weitere Umstände des jeweiligen Falles.

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Foto: Tobias Kaltenbach/fotolia.com

In der Regel erfolgt eine Kirchensteuerfestsetzung durch das Finanzamt nur, wenn entsprechende Daten vorliegen, zum Beispiel durch Angabe in der Einkommenssteuererklärung oder auf der Lohnsteuerkarte. Wenn eine Forderung komme, die der Betroffene als nicht berechtigt empfindet, dann ist in Sachsen-Anhalt Widerspruch, in Thüringen Einspruch bei der Finanzbehörde möglich.

Kann dort die Sache nicht geklärt werden, bekommt das Finanzdezernat der EKM den Vorgang auf den Tisch. »Wie gesagt, wir prüfen jeden Einzelfall«, betont Dorothea Ermisch. Sind Nachzahlungen zu leisten, könne in Härtefällen auch hier die Kirche entgegenkommen, etwa mit der Vereinbarung von Ratenzahlungen. Da der Kirchensteuerfestsetzung ein entsprechendes Einkommen zugrunde liegt, wäre ein Teilerlass nur in Härtefällen möglich.

Auch vom Pressesprecher der Landeskirche Anhalts, Johannes Killyen, ist zu erfahren, dass es sich nur um Einzelfälle handeln könne. Gerade in der Nachwendezeit meinten einige Menschen, nicht mehr Kirchenmitglied zu sein, und seien von Nachzahlungsforderungen überrascht gewesen. Auf Antrag wurden diese teilweise oder komplett erlassen. Die maximal zehn Fälle seien im Landeskirchenrat alle einzeln beraten worden.

Die Kirchensteuerpflicht ist im Gesetz geregelt. Sie beträgt 9 Prozent der Lohn- bzw. Einkommenssteuer für Mitglieder in der EKM und Anhalt.

Dietlind Steinhöfel

Von Anfang an Beschenkte

26. Februar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ.
Evangelisches Gesangbuch 347,1

In einer Gesellschaft, die die Ware Arbeit vielerorts zum politischen Druckmittel herabwürdigt, kann ich einem Beruf nachgehen, der mich allwöchentlich musizierend mit zahlreichen Menschen aller Generationen verbindet. Da ist es kein Wunder, dass ich mir unter dem eher altmodischen Wort Gnade etwas vorstellen kann. Und dennoch muss auch ich darauf achten, dass das Bewusstsein für dieses ­Geschenk nicht zu oft durch das Alltagsgeschäft ­verschüttet wird.

Jens Goldhardt, Kirchenmusiker in Gotha

Jens Goldhardt, Kirchenmusiker in Gotha

Vielleicht nimmt sich deshalb die von gleichmäßigen Viertelnoten dominierte Melodie unseres Wochenliedes am Anfang einer jeden Strophe eine ausgedehnte Halbenote Zeit für das Wörtchen »Ach«, nicht um der uns gern nachgesagten Leidenschaft für’s Jammern ein Podium zu geben, sondern um uns darauf aufmerksam zu machen, dass es für uns wichtig ist, regelmäßig achtsam innezuhalten und ganz bei uns zu sein.

Damit wir das, was in uns und um uns passiert, richtig einordnen können. Damit unter den zahllosen Eindrücken immer genug Raum für die Erkenntnis in uns ist, dass wir vom ersten Atemzug an Beschenkte des Lebens sind. Auch wenn wir gerade die wichtigsten Dinge nicht aus eigener Kraft festhalten können.

Die Formulierung »bleib mit deiner Gnade bei uns« setzt es klar voraus: Die wohlwollende Zuwendung, so wird das Wort im Internet erklärt, ist längst bei uns. Es geht also darum, das Vertrauen in uns zu stärken, dass dieser schwer fassliche Zustand in allen Situationen unseres Lebens tragen kann.

Ich bin sicher, dass die eigene Kraft in manchen Zeiten dafür nicht ausreicht. Manchmal muss dieses Geschenk auch durch die persönliche Zuwendung anderer Menschen erlebbar werden.

Verschiedentlich können auch wir solche Menschen sein und einem wachen Blick dafür sollte unser Innehalten ebenfalls dienen. Und schließlich: Das Lied zeigt, dass singen auch beten ist.

Jens Goldhardt
Kirchenmusiker in Gotha

»Und so verführt man das Volk«

25. Februar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

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Luthers Erfurter Predigten sind erstmals in einem Buch veröffentlicht und kommentiert

Nicht nur für Erfurter ist das kleine Büchlein interessant, das der Tourismusverein Erfurt und das Evangelische Augustinerkloster herausgegeben haben: Vier Predigten Martin Luthers, die er auf Erfurter Kanzeln hielt, sind darin abgedruckt und im geschichtlichen Kontext kommentiert.

Den Auslegungen des Reformators voran sind historische und theologische Ausführungen gestellt. So beschreibt der Erfurter promovierte Historiker und Publizist Steffen Raßloff die heutige Landeshauptstadt zu der Zeit, da sie der junge Luther zum ersten Mal betrat: eine blühende Stadt, die Luther so beschreibt: »Erfurt steht am besten Orte, ist eine Schmalzgrube.

Da müsste eine Stadt stehen, wenn sie gleich wegbrennete.« Doch der Glanz Erfurts, so Raßloff, hat im späten 15. Jahrhundert erste Risse. Auch die Schwierigkeiten Luthers, die Erfurter Lehrer an der Universität für die reformatorische Idee zu gewinnen, wird beschrieben. Unter den Bürgern allerdings, so ist zu lesen, habe das »neue Gedankengut aus Wittenberg« rasch Fuß gefasst.

Der Kirchenhistoriker Andreas Lindner, Leiter des Martin-Luther-Instituts der Universität Erfurt, führt theologisch in die Predigten ein, bindet sie in den zeitgeschichtlichen Horizont und zeigt Parallelen zwischen den einzelnen Texten auf. Es seien wohl eher Mitschriften als eine Vorlage direkt aus der Feder des Reformators, schreibt der promovierte Theologe. »Die erste Predigt am 7. April 1521 hielt Luther in einer emotional sehr aufgewühlten Situation.«

Thueringen-09Luther spricht an diesem Tag in der Augustinerkirche von den »fremden und eigenen Werken«, wettert gegen die Forderungen der katholischen Kirche: »Und so verführt man das Volk mit dem Wahn, dass die Frömmigkeit und Seligwerdung in eigenen Werken besteht.« Überall ist sein Grundsatz »allein aus Gnade« gegenwärtig.

Dietlind Steinhöfel

Evangelisches Augustinerkloster zu Erfurt, Tourismusverein Erfurt, (Hg.): Reformation konkret – Luther auf Erfurter Kanzeln, ISBN 978-3-9814576-3-6, 9,90 Euro

Später Lohn?

24. Februar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Jetzt soll es also doch noch Joachim Gauck richten. Der Pfarrer und Bürgerrechtler ist am Ende erstaunlich einmütig als Kandidat für die Nachfolge des zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff präsentiert worden.

In seiner aktiven Zeit als Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde gab es das unschöne Wort »gaucken« für die Überprüfung auf eine mögliche Verstrickung mit der Stasi. Seit der Nominierung muss sich Joachim Gauck nun seinerseits von allen Seiten durchleuchten ­lassen. Das betrifft natürlich weit weniger seine Vergangenheit, gerade dafür ist der einstige DDR-Bürgerrechtler ein geschätzter Kandidat. Denn gesucht wurde jemand für das höchste Amt im Staate, auf den sich nicht nur (fast) alle einigen konnten, sondern der die Defizite seines Vorgängers vergessen lässt.

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Joachim Gauck – Foto: J. Patrick Fischer

Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel musste hier über ihren Schatten springen und den »überparteilichen« Kandidaten der Opposition und des Koalitionspartners akzeptieren. Ein »Präsident der Herzen« war Gauck ja schon lange. Viel erstaunlicher als die rasche Kür ist jedoch die Tatsache zu werten, dass im Präsidentenpoker gleich vier Vertreter der evangelischen Kirche im Rennen waren. Neben Gauck wurden nämlich auch die Namen des früheren EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber, der ehemaligen hannoverschen Landesbischöfin Margot Käßmann und die amtierende Präses der EKD-Synode, Katrin Göring-Eckart, genannt.

Offensichtlich wird den Männern und Frauen der Kirche immer noch ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit zugetraut. Die historische Entscheidung für den Pastor aus dem Osten ist nun zugleich eine späte Genugtuung für die friedliche Revolution und die Rolle der Kirche in der DDR.

Doch Joachim Gauck dürfte keineswegs ein bequemer Präsident werden, dafür hat er zu viele Ecken und Kanten und lässt sich in keine Schublade stecken. Das beweisen bereits die Reaktionen auf seine Nominierung. Jetzt muss der Theologe zeigen, dass er neben den Themen Freiheit und Verantwortung auch Wegweisendes zum Zusammenleben in der Gesellschaft, zur Krise des Finanzwesens oder der Globalisierung sagen kann und versöhnend wirkt.

Er selbst weiß wohl am besten, dass die Hoffnungen, die in seine Person gesetzt werden, kaum zu erfüllen sind. Vorsorglich hat er die Erwartungen gebremst. Doch eines kann er vermutlich wie kein anderer, glaubwürdig und glaubhaft für die Vorzüge der Demokratie werben.

Martin Hanusch

Drei Jahre für sieben Worte

24. Februar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Streitfall: Für Stasi-Gedenkstätte in der Erfurter Andreasstraße ist Lösung in Sicht

Die Frage, wie die zukünftige Gedenkstätte in der einstigen Stasi-Untersuchungshaftanstalt in Erfurt gestaltet werden soll, bewegt seit Jahren die Gemüter. Nun sind Weichenstellungen für eine ­tragfähige Lösung in Sicht.

Stasi-Knast in Erfurt: Noch heute sind die Bilder und die damit verbundenen Schicksale bedrückend. Foto: Claus Bach

Stasi-Knast in Erfurt: Noch heute sind die Bilder und die damit verbundenen Schicksale bedrückend. Foto: Claus Bach

Deutlicher hätte man Dialogbereitschaft kaum signalisieren können. Wer am 14. Februar zum »Öffentlichen Gesprächskreis für die Dauerausstellung in der Bildungs- und Gedenkstätte Andreasstraße« den Festsaal des Erfurter Hauses Dache­röden betrat, konnte sogleich auf einem Transparent in großen Lettern die Telefonnummern ihres künftigen Leiters Andreas Voit (40) lesen. Der gebürtige Nürnberger, der bereits Berater beim Berliner DDR-Museum war, wurde für dieses Amt unter 40 Bewerbern ausgewählt. Dass er keine DDR-Biografie vorweisen kann, betrachtet er als Vorteil, um »ungezwungen an diese Aufgabe heranzugehen«.

Natürlich weiß er von den oft heftigen Auseinandersetzungen, die in den letzten Jahren immer wieder zwischen Historikern und Zeitzeugen bei der Frage nach der »Deutungshoheit« entbrannten. Doch er hält nichts davon, deren Positionen gegeneinander auszuspielen. Dem promovierten Historiker und Publizisten ist es wichtig, an diesem authentischen Ort die persönliche Situation der hier Inhaftierten in unmittelbar erfahrbarer Weise mit den Ergebnissen der Geschichtsforschung in Einklang zu bringen.

Von diesem Bestreben war auch die Gesprächsatmosphäre getragen. Dabei erwies es sich als günstig, dass die Gestalterinnen Martina Jung und Anneke de Rudder von der Ausstellungsagentur »Ikon« anfangs ihre ersten Vorstellungen zur inhaltlichen Gliederung und räumlichen Aufteilung des Gedenkortes zur Diskussion stellten.

Im Konsens mit den Opferverbänden soll das zweite Obergeschoss als Haftetage erhalten bleiben. Im ersten Obergeschoss ist die Präsentation einer Ausstellung vorgesehen, in der Alltag und Repression in der DDR ­beleuchtet werden, Widerstand und Opposition, Methoden der Verfolgung durch den Machtapparat sowie der Stasi-Knast selbst (Haftgründe, Verhaftung, Erstvernehmung, Verhöre, Haftbedingungen, Verurteilung). Im Erdgeschoss soll es inhaltlich um die Bürgerbewegung, die friedliche Revolution und die Besetzung der Erfurter Stasi-Zentrale am 4. Dezember 1989 gehen.

Im Keller sind Depot-Räume, ein offenes Archiv (mit Hörarchiv) sowie ehemalige Zellen als »Plattform« für künstlerische Projekte geplant. Um zu einer lebendigen Präsentation zu kommen, sollen in möglichst vielen Räumen die Schicksale einzelner ­Zeitzeugen dargestellt werden. Deren Brisanz wurde deutlich, als einer der Anwesenden berichtete, dass er hier für sieben Worte drei Jahre eingesperrt wurde: »Ich fordere das Menschenrecht auf freie Ausreise!«

In Reaktion auf die vorgestellte Konzeption wurden zahlreiche Detailfragen behandelt. Sollen die leeren Zellen im Obergeschoss so belassen werden? Soll ihre bedrängende Enge durch das Aufstellen von Betten wieder verdeutlicht werden? Wie ist es mit dem Verhörraum oder der Arrestzelle? Birgt die chronologische oder thematische Gliederung nicht die Gefahr einer zu glatten Darstellung? Braucht es nicht mehr »Ecken und Kanten«, um das Außerordentliche dieses Schreckensortes zu begreifen, wie es die Schriftstellerin Gabriele Stötzer ausdrückte? Das sind nur einige von vielen Fragen, die es weiter zu vertiefen gilt. Nächster Gesprächskreis ist am 15. März.

Michael von Hintzenstern

Kontakt: Dr. Jochen Voit, Stiftung Ettersberg, Jenaer Str. 4, 99425 Weimar, Telefon (03643) 497517 oder (0151) 58754015

»Was machen wir mit der Kreatur?«

23. Februar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Fasten: Aktion wirbt für einen bewussten Umgang mit dem Tier als Geschöpf

Die Fastenzeit ist auch eine Zeit des Nachdenkens. Das will sich die »Aktion Kirche und Tiere« zunutze machen.

Es ist Passionszeit und damit für Pfarrer Ulrich Seidel aus Brandis bei Leipzig auch Aktionszeit. Zu diesen Aktionen gehört die Aufforderung des Pfarrers – oder »das Anstoßen«, wie er sagt – nachzudenken und innezuhalten: »Kinder fragen oft: Kommen Tiere in den Himmel? Warum tun wir das nicht, wir Erwachsene? Und warum tun sich viele mit der Antwort so schwer?« Damit ist Seidel bei seinem Thema: Fastenzeit ohne Tierleid.

Seidel hat natürlich eine Antwort: »Ich zitiere hier gerne Peter Ustinov. Der soll gesagt haben, dass er sich bei seinen Gedanken an das Jenseits fragt: Stehen am Himmelstor all die Tiere, die man in seinem Leben gegessen hat? Und schauen die einen dann vorwurfsvoll an?« Und nach einer kleinen Pause hat Seidel eine Antwort: »Das stell ich mir ungemütlich vor.« Seidel ist Vorsitzender der Aktion Kirche und Tiere (AKUT) und hat gemeinsam mit den rund 350 Mitgliedern für die Fastenzeit dazu aufgerufen, den Verzicht mit Fürsorge zu verbinden.

Auch an der Haltung lässt sich ablesen, welche Wertschätzung die Tiere als Mitgeschöpfe erfahren. Foto: Guido Thomasi/Fotolia.com

Auch an der Haltung lässt sich ablesen, welche Wertschätzung die Tiere als Mitgeschöpfe erfahren. Foto: Guido Thomasi/Fotolia.com

Das Gefühl, das der Schauspieler und Autor Peter Ustinov beschrieben hat, sich ungemütlich zu fühlen oder zumindest zu zweifeln, wenn er Fleisch – genauer: viel Fleisch – isst, das will Seidel wecken. Und dafür ist die Passionszeit die richtige Zeit: »Die Fastenzeit ist auch die Zeit des Nachdenkens. Viele sehen diese Zeit als eine Art Prüfung, die dazu dient, den Körper zu bändigen.« Aber vielleicht, so wirft der Pfarrer vorsichtig ein, muss man die körperliche Herausforderung lieber beiseite lassen: »Es geht darum, dem Körper etwas Gutes zu tun.« Wer dabei konsequent sei, müsse auch dahin kommen, nicht länger wegzuschauen, wie unwürdig mit Tieren umgegangen werde.

Allerdings will Seidel auch keine »Kampagnen«. Das Umdenken, so erklärt der Pfarrer, müsse aus Überzeugung passieren. »Hier hat insbesondere die Kirche einen hohen Nachholbedarf. Die Kirche hat sich um das Tier als Mit-Geschöpf bisher nicht gekümmert.« Und dies dürfe nun auch nicht mit neuen Verboten, Regeln oder Anordnungen geschehen. »Aber durch Nachdenken und die Anregung dazu.«

Am wirkungsvollsten ist das Nachdenken, das Überdenken und Inzweifelziehen, so die Überzeugung Seidels. »Wir müssen uns klarmachen, dass es ein Gewinn ist, wenn man sich für die Kreatur einsetzt.« Dieser Einsatz ist meist verbunden mit einem Eingriff in den Konsum, in das Freizeitverhalten und in den Beruf: »Angeln und Jagen und natürlich die Tierhaltung. Was machen wir hier mit der Kreatur?«

Dieses Nachdenken über das Verhältnis zur Kreatur ist dabei nach Seidels Einschätzung geradezu ein interreligiöser Prozess. »Die größten Berührungspunkte und einen sehr guten Ansatz sehe ich hier bei den Adventisten, die ein sehr großes ökologisches Bewusstsein haben, vegane oder vegetarische Lebensformen fördern und damit – wie ich finde – dem Paradiesgedanken am nächsten sind.«

Zu dieser Auseinandersetzung über den Umgang mit dem Tier bei der Ernährung, bei der Haustierhaltung und im Umgang mit der Umwelt gehört nach Seidels Einschätzung auch eine Geschichtskorrektur, die sich aus unseren aktuellen Erkenntnissen ergibt: »Das Tier wurde oft dämonisiert und darum gering geschätzt, gefürchtet oder gar bekämpft.«

Eine Korrektur dieser überholten Haltungen gehöre mit zu unserer Verantwortung: »Ich habe gestaunt, was sich mir erschlossen hat mit der vegetarischen Küche.« Dieser Verzicht sei kein Verlust gewesen, sondern ein Gewinn. Die Aussicht auf Einsichten ist dabei natürlich nichts Neues, wie Seidel betont: »Der bewusste Umgang mit der Kreatur ist biblisch, ganz einfach!«

Stefan Ruwoldt

www.aktion-kirche-und-tiere.de

Familienbilder

22. Februar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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family

Es klingt wie eine Allerweltsweisheit und ist doch nicht in den Köpfen angekommen. Das klassische Familienmodell steht nicht nur vor einem radikalen Umbruch, der Wandel ist längst im Gang. Heute wollen nicht nur die Frauen Familie und Beruf unter ­einen Hut bringen. Auch Väter verbringen mehr Zeit mit dem Nachwuchs. Die Politik hat entsprechend reagiert und mit der Elternzeit eine Möglichkeit geschaffen, dass beide Verantwortung für die Kinder übernehmen können.

Dagegen tun sich die Kirchen eher schwer, sich auf die neuen Gegebenheiten einzustellen. Nicht nur nach Ansicht der Präsidentin der Evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen, Christel Riemann-Hanewinckel, unternehmen sie nicht genug, um alte Rollenbilder aufzubrechen. Stattdessen dominiert ein Ideal, wie Familie sein soll.

Dabei sind die Veränderungen schon jetzt dramatisch. So kommen 61 Prozent der Kinder im Osten bei unverheirateten Paaren zur Welt, im Westen dagegen nur 27 Prozent. Immer mehr Eltern leben ohne Trauschein zusammen, und es steigt die Zahl der Lebensgemeinschaften mit Kindern und Alleinerziehenden. Von den verschiedenen Formen des Zusammenlebens in Patchworkfamilien einmal ganz abgesehen.

Die Kirche muss deshalb umdenken, wenn sie den Zug nicht verpassen will. Erste Ansätze gibt es. Die Synode der mitteldeutschen Kirche hat das Familienthema zuletzt in den Mittelpunkt gerückt und die EKD kürzlich zu einem Fachtag nach Eisenach eingeladen. Denn klar ist:

Die klassische Familienarbeit mit traditionellen Kinderangeboten und Familiengottesdiensten greift zu kurz. Daneben braucht es neue Formen und Angebote, die auch Alleinerziehende, Jugendliche und Paare im mittleren Alter in den Blick nehmen. Ein Segnungsgottesdienst zum Valentinstag allein reicht nicht. Niemand verlangt von der Kirche, sich gänzlich von den traditionellen Arbeitsfeldern zu verabschieden, ihr Familienbild der Realität anpassen sollte sie aber schon.

Martin Hanusch

Seitenwechsel für eine Woche

21. Februar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Frieda Nehry (li.) ist 79 Jahre alt geworden. Norbert Bischoff (2. v. li.) bringt ihr ein Geburtstagsständchen, Erika Becker und Schwester Katrin Mangott hören mit zu.  Foto: Uwe Kraus

Frieda Nehry (li.) ist 79 Jahre alt geworden. Norbert Bischoff (2. v. li.) bringt ihr ein Geburtstagsständchen, Erika Becker und Schwester Katrin Mangott hören mit zu. Foto: Uwe Kraus


 
Der Mann im grauen Kapuzenshirt greift zur Gitarre. Frieda Nehry hat Geburtstag. Er bringt ihr ein Ständchen zum 79. Der Mann könnte ein »Bufdi« sein, wie die Nachfolger der Zivildienstleistenden heißen. Der Praktikant aber, der das Musikinstrument hält, heißt Norbert Bischoff und ist der Arbeits- und Sozialminister Sachsen-Anhalts. Unwichtig für die Frauen und Männer, die die Tagespflege im Seniorenzentrum Nord des Halberstädter Cecilienstifts besuchen, er ist ihr »Gitarrenmann«. Den Minister ließ er in der Landeshauptstadt.

Er war schon einmal offiziell in der diakonischen Einrichtung, einer der Politikerbesuche, die nach dem Abrauschen der Dienstwagen auf beiden Seiten schnell vergessen sind. Doch der SPD-Politiker hatte versprochen, bei den demenzkranken Frauen und Männern mal mitzuarbeiten, privat, ehrenamtlich und im Urlaub.

»Hier zählt nicht, wer ich bin, sondern das, was ich mache«

Nun löste er sein Versprechen ein. Reihte sich ein in das Heer der Praktikanten: 2011 waren es immerhin 77, davon 28 in der Behinderten- und 19 in der Altenhilfe des Cecilienstifts. Nicht, weil Bischoff  den Beruf ausprobieren oder weil er sich zum Erzieher, zum Heilerziehungspfleger oder Altenhelfer qualifizieren will, sondern um als Praktikant die Seiten zu wechseln. Genauso behandelten ihn die Mitarbeiter des Diakonissenmutterhauses Cecilienstift auch, ganz ohne Minister-Bonus.

»Hier zählt nicht, wer ich bin, sondern das, was ich mache.« Bischoff half in der Tagespflege bei der Betreuung von Menschen mit Demenz. In der stationären Pflege erlebte er das Wecken, Waschen, Windeln, Anziehen und das Essen als Haltepunkte des Tages. Er hat keine Pflegeerfahrung außerhalb der Familie und steht zu seiner Unsicherheit.

»Es ist das Spannungsfeld von Nähe und Distanz. Es gibt keine Rückmeldung, das innere Leben dieser Menschen spielt sich anders ab, als wir es kennen«, so Bischoff. »Die Mitarbeiter hier tun alles, um ihnen ein Stück Lebensqualität zu bewahren. Davor habe ich nun eine noch größere Hochachtung.« Er hat gelernt, mit den zu Betreuenden auf Augenhöhe zu reden, auf sie einzugehen. Drei Frauen werden immer gefüttert. Bischoff hält sich zurück. »Füttern ist für mich eine sehr private Sache.«

Der Minister-Praktikant hat Respekt vor den Pflegekräften, die schon an die 30 Jahre im Altenzentrum Nord arbeiten, aber doch nicht in Routine verfallen. Pflegekraft, das gilt noch zu oft als »Randberuf«. Die Wertschätzung dafür sei nicht oder meist zu wenig gegeben.

»Es ist etwas anderes, als wenn man nur etwas vorgeführt bekommt«

Er hat miterlebt, wovon Christine Becker, die Bereichsleiterin Altenhilfe, erzählt. Angehörige bringen morgens die demenzkranken Familienmitglieder in die Tagesbetreuung, gehen zur Arbeit und holen sie nachmittags wieder ab. »Das ist Pflege-Dauereinsatz. Man verliert Freunde, kommt kaum noch aus dem Haus, die Familie nimmt Schaden.« Pflegedienstleiterin Gabi Leitel stellt Norbert Bischoff ein gutes Zeugnis aus. »Er stieg voll ein und brachte die abgeforderte Leistung als Praktikant.«

So ein Seitenwechsel schafft Kompetenz. »Es ist etwas anderes, als wenn man nur davon liest oder als Minister mal kurz reinschaut und etwas vorgeführt bekommt.« Todtraurig war es manchmal, dann wieder lustig. Er habe sich als einer von vielen gefühlt, die mitarbeiten, damit es Bewohnern und Tagesgästen im Seniorenzentrum Nord möglichst gut geht. »Hier ist man mit Haut und Haaren bei einer Sache«, so Norbert Bischoff.

Wenn es um das Pflegereformgesetz geht, kann der Minister künftig auf seine eigenen Erfahrungen zurückgreifen. Schließlich hat er die Bürokratie miterlebt und rät jenen, die die ellenlangen Aufzeichnungsbögen erfinden, praktisch in der Pflege zu arbeiten. »Professionelle Pflege und Betreuung müssen sich mit intensiver menschlicher Zuwendung paaren. Aber Menschliches wird in den ganzen Bögen nicht abgefragt.«

Der Praktikant Bischoff hat seinen Arbeitsurlaub im Stift beendet. Am Montag darauf fragen einige Bewohner etwas enttäuscht: »Kommt denn der ›Gitarrenmann‹ heute nicht zu uns?«

Uwe Kraus

Lebendige Vergangenheit

20. Februar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

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Marianne Birthler und Ilse Junkermann diskutierten über Versöhnung

Sie nehme wahr, dass es wenig Versöhnung, wenig Reue und auch wenig Sehnsucht nach Vergebung in unserer Gesellschaft gebe, so Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Im Erfurter Augutinerkloster diskutierte sie am Montagabend mit Marianne Birthler, der ehemaligen Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit der ehemaligen DDR über »Aufarbeitung, Gerechtigkeit und Versöhnung«. Zu dem Podiumsgespräch hatte die Evangelische Akademie Thüringen eingeladen.

Podiumsgespräch mit Ilse Junkermann (li.) und Marianne Birthler als kritische Zuhörerin. Foto: Jens-Ulrich Koch

Podiumsgespräch mit Ilse Junkermann (li.) und Marianne Birthler als kritische Zuhörerin. Foto: Jens-Ulrich Koch

»Ist es nach mehr als 20 Jahren Zeit für Versöhnung?« fragte die Bischöfin, und gab zu bedenken, dass es sehr lange dauern könne, bevor es Menschen möglich ist, über erlittenes Unrecht zu sprechen. Zum Vergleich: Die Debatte über sexuellen Missbrauch zeige, dass Opfer erst nach vielen Jahren über ihr Trauma reden könnten. Aufgabe der Kirche sei es, geschützte Räume anzubieten, in ­denen Menschen ihre Geschichte erzählen können.

»Es gibt nach wie vor eine Wand des Schweigens zwischen Opfern und Tätern.« Junkermann betonte: »Versöhnung bleibt eine wichtige Aufgabe.« Sie räumte jedoch ein, dass vor der Versöhnung die Reue und die Bitte um Vergebung stehe. Zugleich stellte sie die Frage in den Raum, ob nicht Christen von sich aus zur Versöhnung bereit sein müssten auf Grund der Vergebung Gottes dem Menschen gegenüber.

Auf die Äußerungen der Theologin zur Versöhnung regte sich bei Marianne Birthler »Streitlust«. Sie erachte Versöhnung als wertvoll und wichtig, benutze das Wort jedoch nicht mehr. Nach ihrer Erfahrung, so Birthler, wird die Rede über Versöhnung von vielen verwendet, die einen Schlussstrich unter die Debatte ziehen wollten. Der Ruf zur Versöhnung sei jedoch kontraproduktiv, weil er den Druck auf Opfer erhöhe. Versöhnung brauche Freiwilligkeit. Aufgabe der Kirche sei die Emphathie für Opfer. »Es darf in der Öffentlichkeit keine Solidarisierung mit den Tätern geschehen.«

Die ehemalige Stasi-Bundesbeauftragte sprach sich dafür aus, den ­Opfern Verständnis, Aufmerksamkeit und Respekt entgegenzubringen. »Viele leben in prekären Situtationen, die Opferrente ist dürftig und für manche zu spät gekommen.« Für Opfer sei es schwer, erleben zu müssen, dass frühere Funktionäre wieder im Rampenlicht stehen und keine ­juristischen Konsequenzen fürchten müssen für das Unrecht, das sie anderen angetan haben. »Viele Täter sind besser gestellt als die Opfer.«

Die aus dem Publikum vorgetragene Auffassung, eine wie Bischöfin Junkermann aus dem Westen habe kein Recht, den Menschen Ratschläge zu erteilen, wie sie mit ihrer DDR-Vergangenheit umzugehen hätten, wies Birthler energisch zurück. »Ich freue mich, wenn sich Leute aus dem Westen zu dem Thema äußern und sich einmischen«, konterte sie. Die DDR sei Teil der gemeinsamen deutschen Geschichte, über die in Ost und West gleichermaßen diskutiert werden müsse. Im übrigen begrüße sie auch, dass die junge Generation, die die DDR nicht aus eigenem Erleben kennt, Interesse an der Vergangenheit zeige und sich an der Debatte darüber beteilige.

Sabine Kuschel

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