Demütig das Schweigen brechen

Lutheraner luden in Zella-Mehlis Mennoniten zum Versöhnungs-Gottesdienst ein

Sie feierten am 18. März in der Kirche Zella St. Blasii gemeinsam Gottesdienst: Pfarrer Andreas Wucher, Pastorin Ulrike Becker, Lenemarie Funck-Späth, Pröpstin Marita Krüger und Mitglieder der Mennonitengemeinde Bad Königshofen (v. l. n. r.). – Foto: Karl-Heinz Frank/frankphoto.de

Sie feierten am 18. März in der Kirche Zella St. Blasii gemeinsam Gottesdienst: Pfarrer Andreas Wucher, Pastorin Ulrike Becker, Lenemarie Funck-Späth, Pröpstin Marita Krüger und Mitglieder der Mennonitengemeinde Bad Königshofen (v. l. n. r.). – Foto: Karl-Heinz Frank/frankphoto.de

»Wir sind gerne gekommen – und wir haben uns sehr über die Einladung gefreut!« Lenemarie Funck-Späth, Vorsitzende der Bayerischen Mennonitengemeinde, zeigt sich noch sichtlich berührt von dem eben Erlebten in der Kirche St. Blasii in Zella-Mehlis. Für sie, wie für die gleichsam mit großem Interesse angereisten Mitglieder der Mennonitengemeinde Bad Königshofen (darunter deren Vorsitzender Otto Funck), war es eine erste Begegnung mit einer evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Thüringen.

Rein verkehrsmäßig ist das mittlerweile ein sehr kurzer Weg aus dem Fränkischen ins Südthüringische. Aus kirchengeschichtlicher Sicht aber ein sehr langer und sehr steiniger Gang durch die Jahrhunderte. Doch diese erste gemeinsame Stunde des Gebetes, des Gedenkens und vor allem des nachdrücklichen Wunsches nach Versöhnung sowie der tief empfundenen Buße seitens der Zella-Mehliser Kirchengemeinde offenbarte, dass dieser eingeschlagene Pfad ein Wegweiser sein kann. Es ist notwendig, sich bewusst jener dunklen Seite der Reformation zu stellen, die dereinst auch mit Unterstützung lutherischer Reformatoren Leid, Verfolgung und Tod über christliche Mitmenschen brachte.

Solch heutiges Zugehen auf die mennonitische Glaubensgemeinde, die hervorgegangen ist aus der Täuferbewegung der Reformationszeit des 16. Jahrhunderts, trägt sich auch durch die besondere Verpflichtung, die der Rat des Lutherischen Weltbundes auf der Elften Vollversammlung 2010 in Stuttgart seinen Mitgliedern auf den Weg gab: Gemeinsam mit den mennonitischen Geschwistern jener dunklen Geschichte einen Platz des Gedächtnisses und der Erinnerung zu geben, und vor allem: jahrhundertealte Interpretationen und Lehren fortan aus religiöser Gemeinschaft heraus neu zu hinterfragen.

Diesen Auftrag nahm auch Pröpstin Marita Krüger sehr speziell mit nach Mitteldeutschland. Die Regionalbischöfin für Meiningen-Suhl initiierte jetzt mit der Zella-Mehliser Pastorin Ulrike Becker und Pfarrer Andreas Wucher diesen gemeinsamen Bußgottesdienst. Erinnern und wahrnehmen, um Vergebung bitten – das Bindeglied ist die auf jener Vollversammlung namentlich genannte Märtyrerin Barbara Unger aus Zella Sankt Blasii. Sie bezahlte dereinst die Unbeugsamkeit ihres erneuerten Glaubens mit dem Leben.

Die Mutter von vier Kindern wurde am 18. Januar 1530 im Kloster Reinhardsbrunn, 18 Monate nach ihrer neuerlichen Taufe, hingerichtet. Mit ihr zusammen weitere Christen, die sich mit der Historie von Zella und Mehlis verbinden: Andreas und Katherina Kolb, Katharina König, Christoph Ortlep und Elsa Kuntz. So signalisierte dieser Sonntag mehr als nur eine Geste des schmerzlichen Bedauerns und die Bitte um Vergebung. Gemeinsam das Schweigen brechen, das heißt an diesem Zella-Mehliser Ort ganz konkret: reden über menschliche Schicksale zu Zeiten der Reformation, über Verfehlungen im Namen des Glaubens, über Schuld und Buße. Das geht unter die Haut und tief in die Seele.

Dieser Bußgottesdienst mit Pröpstin Marita Krüger schließt nach 482 Jahren auch in der Kirche Zella St. Blasii einen Kreis, der nach schicksalhaft-schmerzlichen Wirrungen sehr individuell und sehr emotional Lutheraner und Mennoniten einander ein Stück näherbringt. Lenemarie Funck-Späth zeigt sich beeindruckt davon, wie sich hier Hintergründe zur Geschichte der Täuferbewegung derzeit eng mit dem Jubiläum 900 Jahre Zella St. Blasii verbinden. Die momentan sehr intensiv betriebene kirchengeschichtliche Aufarbeitung spart jene dunkle Seite der Reformation nicht aus.

Tage vor diesem besonderen Gottesdienst referierte Oberpfarrer i. R. Hans-Joachim Köhler im Rahmen eines Gemeindeabends zu »Zella St. Blasii und Mehlis in den Widersprüchen der Reformation«. Und in der im April erscheinenden sehr umfangreichen Jubiläums-Festschrift ist ein Kapitel jenen gewidmet, die sich dereinst sehr früh, geleitet von Menno Simons, von den gewaltbereiten Täufern abwandten. Hans-Joachim Köhler nennt sie die »Stillen im Lande«.

Bei der Arbeit an dem Jubiläums-Werk ist er im Hauptstaatsarchiv in Weimar auch auf die regionalbezogenen Dokumente und Signaturen aus jener Zeit gestoßen. Absehbar schon jetzt, dass solche Thematisierung der Täufer-Bewegung aus Sicht christlicher Ethik ein erster Schritt auf einem fortan gemeinsamen Weg ist – und dass sich damit ein ebenso enormer Spannungsbogen zum Demokratie-Verständnis ins Heute auftut.

Hannelore Frank

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