Kirche im Umbau

30. April 2012 von redaktionguh  
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Tagung: Mitteldeutsches Kirchenparlament beriet am 20. und 21. April in Drübeck


Die EKM-Synode befasste sich auf ihrer Tagung mit dem Thema Gemeinde und der Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren.

Ich bin schon ein bisschen gerührt.« Der Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Wolf von Marschall, gab sich ungewohnt emotional. Grund für seine Freude auf der Frühjahrstagung des Kirchenparlamentes in Drübeck war die Aussicht auf den Gemeindekongress, der am 13. Oktober in Halle geplant ist. Er habe schon seine Zweifel gehabt, ob es gelingen könne, so ein Projekt auf die Beine zu stellen, räumte der Präses ein.
Doch nach dem Bericht der Mitarbeiter des Gemeindedienstes der EKM laufen die Vorbereitungen bestens. Auch die bisherige Resonanz kann sich sehen lassen. So hätten 36 von 37 Kirchenkreisen ihre Teilnahme bereits zugesagt, berichtete Gemeindedienst-Mitarbeiter René Thumser. Ingesamt rechnen die Verantwortlichen mit rund 1000 Teilnehmern. Es kam nicht von ungefähr, dass das Projekt vor der Synode vorgestellt wurde. Wie schon auf den Tagungen zuvor ging es auch in Drübeck um das Thema »Gemeinde unterwegs«.

Foto: Kleinigersheim/elk-wue

Foto: Kleinigersheim/elk-wue

Bereits Landesbischöfin Ilse Junkermann war in ihrem Bericht (siehe Randspalte) darauf eingegangen. Die Synode nahm den Ball auf und forderte die Gemeinden und Kirchenkreise auf, hier neue Wege zu beschreiten. So solle das Amt der Ordinierten als Amt verstanden werden, das dem allgemeinen Priestertum dient. Zudem müssten die verschiedenen Gaben neu entdeckt und gefördert werden. Um Gemeinden neu zu denken und vom »Rückbau zum Umbau« zu kommen, gehe es auch darum, nach neuen Bildern von Gemeinde zu suchen.
Einen Beitrag dazu will der Gemeindekongress leisten. Dessen Ziel sei es, nach den ganzen Ordnungsfragen ein »inhaltliches Bild von Kirche« entstehen zu lassen, unterstrich Pfarrer Karsten Müller vom Gemeindedienst. »Wir wollen die EKM in Halle sichtbar werden lassen.« So könnten gelungene, aber auch weniger erfolgreiche Projekte in der Händel-Halle vorgestellt werden. Die Teilnehmenden sollten zudem neugierig auf andere werden und Anregungen für die eigene Gemeinde bekommen. Ganz neu ist die Idee nicht: Bereits in den Jahren 2001 bis 2009 gab es in der ehemaligen Kirchenprovinz Sachsen solche Treffen. In Thüringen lud der damalige Landesbischof Christoph Kähler 2009 zu einem Kirchenältestentag ein, der einen ähnlichen Ansatz verfolgte. Nun sollen diese Traditionen wieder fruchtbar gemacht werden.
Ein weiterer Schwerpunkt der zweitägigen Beratungen in Drübeck war die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Diese ist in der EKM nicht ausdrücklich geregelt, wird vor Ort aber bereits praktiziert. Nach wie vor gebe es in dieser Frage aufgrund des unterschiedlichen Schriftverständnisses einen Dissens, erklärte die Arnstädter Superintendentin Angelika Greim-Harland für den Ausschuss Gottesdienst, Gemeindeaufbau und Theologie. Der Ausschuss hatte sich noch einmal intensiv mit dem Thema befasst und die Arbeitsergebnisse aus den beiden früheren Landeskirchen gesichtet. Trotz unterschiedlicher Ansätze sei es möglich, zu einer Lösung zu kommen, betonte die Superintendentin. Auch bestehe Einigkeit darüber, dass die unterschiedlichen Antworten keine kirchentrennende Bedeutung hätten.
Der von der Synode beauftragte Ausschuss regte an, die Segnung grundsätzlich zu ermöglichen. Zugleich müsse es aber auch möglich sein, dass ein Pfarrer dies aus Gewissensgründen ablehnen könne. Die Diskussion sollte hier nicht unnötig verschärft werden, empfahl Christian Fuhrmann vom Gemeindedezernat. Der Sicht des Ausschusses folgten letztlich auch die Synodalen. In einem mit großer Mehrheit verabschiedeten Votum wurde Zustimmung zu dem Bericht signalisiert. Bis zur Herbsttagung soll nun eine Beschlussvorlage für die Segnung erarbeitet werden.

Martin Hanusch

Zeugnisse des Widerstands

29. April 2012 von redaktionguh  
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Im Thüringer Archiv für Zeitgeschichte in Jena befinden sich auch kirchliche Bestände

Das Thüringer Archiv für Zeitgeschichte (ThürAZ), das sich in einem Eckhaus am Camsdorfer Ufer in Jena befindet, gilt als das einzige unabhängige Oppositionsarchiv im Freistaat. Um die 100 Vor- und Nachlässe privater Personen und von Körperschaften, wie dem Landesverband Neues Forum, erzählen von Zivilcourage und dass es sich lohnt, für die eigenen Überzeugungen einzustehen. Der Trägerverein »Künstler für Andere« hat seine Wurzeln in der DDR. Die 1986 entstandene Jenaer Gruppe sah nach der Wende die Notwendigkeit, sich mit der eigenen Geschichte zu befassen, und begründete 1991 das »Matthias-Domaschk-Archiv«. Dafür stand zunächst nur Material aus den Beständen der Staatssicherheit zur Verfügung. Doch der einäugige Blick konnte auf die Dauer nicht befriedigen.

Not macht erfinderisch: Plakate und die Werkzeuge, die der Geraer Jugenddiakon Wolfgang Thalmann dem Thüringer Archiv für Zeitgeschichte übergeben hat. – Foto: Doris Weilandt

Not macht erfinderisch: Plakate und die Werkzeuge, die der Geraer Jugenddiakon Wolfgang Thalmann dem Thüringer Archiv für Zeitgeschichte übergeben hat. – Foto: Doris Weilandt

Ab 1995 wurde das gesamte Spektrum von Materialien aus der Oppositionsbewegung – vorrangig aus den ehemaligen Bezirken Gera, Erfurt und Suhl – aufgenommen: Tagebücher, Briefe, Plakate, Untergrundliteratur, Fotos und vieles mehr. »War früher die Grundmotivation das Ansehen der eigenen Geschichte«, erklärt Vereinsvorsitzender Reiner Merker, »ist es heute die Zugänglichkeit für die Forschung.«

Das ThürAZ bekam auch umfangreiche Materialien zur Offenen Arbeit der evangelischen Kirche von verschiedenen Akteuren. Sie sind für sich genommen exemplarisch, ergeben aber doch ein differenziertes Bild, wie Staat und Kirche in der DDR miteinander verwoben waren. Von Wolfgang Thalmann stammt ein Konvolut von Plakaten aus seiner Tätigkeit als Jugenddiakon in Gera, für deren Herstellung er die Buchstaben und Grafiken selbst in Linoleum geschnitten hat, um davon Abzüge zu machen. Die entsprechenden Kenntnisse für die professionelle Ausführung erhielt er während seiner Ausbildung in Eisenach. Zu »JUNE 78«, einer DDR-weiten, sehr progressiven Jugendwerkstatt unter dem Dach der Kirche in Rudolstadt, existiert der gesamte Arbeitsvorgang von der Idee bis zur Umsetzung. Vom Plakat »JUNE 79« gibt es noch den Druckstock. Uwe Koch, damals Pfarrer in Rudolstadt, gab Infoblätter heraus, die er »Friedensreader« nannte. Nach kurzer Zeit wurden sie verboten. Im Jenaer Archiv finden sich nicht nur die Blätter, sondern auch die Beschwerde des Pfarrers Michael Damm an die Kirchenleitung: »Ich bin tief betroffen von der Reaktion des Landeskirchenrates in dieser Sache, wie ich von Pfarrer Koch erfuhr, wurde mitgeteilt, die Strafverfügung sei zu Recht ergangen und es sei dringend geraten, das Erscheinen der Blätter einzustellen und die Ordnungsstrafe zu zahlen …«

Walter Schilling, Pfarrer in Braunsdorf, überließ dem Archiv Unterlagen zur Offenen Arbeit, aber auch eine Dokumentation, die er mit anderen angefertigt hat: Auf 56 Seiten werden Einzelschicksale in Form von Gedächtnisprotokollen aus Jena, Weimar, Berlin, Halle und anderen Orten aufgezeichnet. Auch an den Landesbischof und die Landeskirchenleitung wurde die Mappe, die als internes Arbeitspapier gedacht war, übergeben. Darin befindet sich der erste Bericht des wegen staatsfeindlicher Hetze inhaftierten Namensgebers des Archivs: Matthias Domaschk. Das Echo ist nicht bekannt.

Doris Weilandt

Streitfragen

29. April 2012 von redaktionguh  
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Kommentar-18-2012r

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Dürfen homosexuelle Pfarre­rinnen und Pfarrer mit ihren Lebensgefährten zusammen im Pfarrhaus wohnen? Sollen gleichgeschlechtliche Paare gesegnet werden? Diese beiden Fragen haben am vergangenen Wochenende die Synoden der sächsischen und der mitteldeutschen Landeskirche (EKM) bewegt. Doch anders als in Dresden, wo zeitweise sogar mit Kirchenspaltung gedroht wurde, ist es in Drübeck bei der Synode der EKM vergleichsweise unaufgeregt zugegangen. Das mag auch daran gelegen haben, dass hier nur ein Zwischenbericht eingebracht wur-de und noch keine Entscheidung anstand (siehe Seite 2 und 5).
Kaum ein Thema ist in der Kirche so umstritten wie das des Umgangs mit Homosexuellen. Nicht nur in Deutschland, auch in der weltweiten Ökumene gerät die Frage schnell zum Status Confessionis. Bis heute rührt sie an ein Tabu, weil letztlich davon auch der Grundsatz betroffen ist, wie denn die Bibel zu verstehen sei – wörtlich oder dem Geiste nach. Zudem gibt es neben den theologischen Differenzen auch manche irrationalen Ängste, die eine sachliche Diskussion erschweren.
Natürlich lässt sich das unterschiedliche Schriftverständnis nicht einfach aus der Welt schaffen. Trotzdem muss es eine Regelung geben, die das Interesse gleichgeschlechtlicher Paare aufnimmt – und das ist keine Frage des Zeitgeistes, sondern der geistlichen ­Begleitung. Der mit der Sache ­betraute Synodalausschuss hat ein Votum abgegeben, mit dem eigentlich alle Seiten leben können müssten. Grundsätzlich sollte sich die Kirche einem erbetenen Segen nicht verschließen. Wenn ein Pfarrer das mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann, bleibt ihm immer noch die Möglichkeit, dies ­abzulehnen. Das ist nicht nur ein ­guter Kompromiss, sondern schafft Sicherheit für alle Beteiligten. Schließlich geht es hier um Menschen, die ihren gemeinsamen Weg bewusst unter den Segen Gottes stellen wollen. Eigentlich ein Grund zur Freude.
Martin Hanusch

Den Anschluss verpasst?

29. April 2012 von redaktionguh  
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Mit Freuden zart zu dieser Fahrt lasst uns zugleich fröhlich singen, beid, groß und klein, von Herzen rein mit hellem Ton frei erklingen.
Evangelisches Gesangbuch 108,1

Nein, unserer Lebenswirklichkeit entspricht dieser Text nicht mehr. Und ganz davon abgesehen, dass er schon in den ersten Versen von altertümlichen Wortverbindungen nur so strotzt, ist sein Versmaß derart stotternd, dass eine fließende Vertonung nur sehr schwer möglich erscheint. Sollen wir also auf die nächste Gesangbuchreform warten, die uns dies Lied hoffentlich ersparen wird?

Sebastian Saß, Kirchenmusiker in Bernburg

Sebastian Saß, Kirchenmusiker in Bernburg

Vor 24 Jahren saß ich als frisch immatrikulierter Kirchenmusikstudent in einer Vorlesung im Fach ­Liturgik. In einem inhaltlichen Abstecher in die Hymnologie bekamen wir zu hören, dieses Lied würde ein Auswendiglernen unbedingt lohnen und sollte nicht nur in der Osterzeit gesungen werden. Ich versuchte das Auswendiglernen und Meditieren – ohne Erfolg; mein Unverständnis galt nicht nur dem Lied, sondern auch dem ansonsten hoch geschätzten Dozenten.
Es ist trotzdem eins meiner Lieblingslieder. Mit ihm habe ich mich beworben, mit ihm gerungen in einigen Bearbeitungen für Chor oder Orgel, und ­geheiratet habe ich mit ihm auch. Aber es ist mir nie in den Sinn gekommen, dass der Text eine neue ­Melodie gebrauchen könnte.
Ja, was denn nun? Bin ich selbst inzwischen der Lebenswirklichkeit entrückt? Habe ich mich in ­meiner festen Kirchen-Burg verbarrikadiert und den Zeit-geistlichen Anschluss verpasst? Ein Lied, das seit über 400 Jahren gesungen wird, hat sein Verbleiben in unserem Gesangbuch nicht der Trägheit von Gesangbuch-Kommissionen zu verdanken. Ein Credo, das seit 1800 Jahren gesprochen wird, ist vielleicht schon seit 1700 Jahren aus der Mode, aber noch heute aktuell. Mitunter muss ich mit unseren Texten ringen, bevor ich merke, dass sie gut sind und gut tun.
Wie lange muss ich mich abmühen, um einen Hauch von Verständnis spüren zu können? Sind 24 Jahre genug?
Sebastian Saß,  Kirchenmusiker in Bernburg

Mut zur Lücke

28. April 2012 von redaktionguh  
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Landesbischöfin fordert auf, neue Wege zu gehen

Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, hat sich für eine Neuausrichtung der kirchlichen Arbeit ausgesprochen. Angesichts der demografischen Veränderungen und einer fortschreitenden Säkularisierung sei ein weiterer Rückbau nicht mehr verkraftbar, stattdessen sei ein »richtiger Umbau« erforderlich, sagte sie am 20. April zum Auftakt der in Drübeck tagenden Landessynode. Wenn die Strukturen auf lange Sicht nicht verändert würden, »dann überfordern wir uns und alle Mitarbeitenden auf Dauer«. Es brauche deshalb neue Konzepte und auch den Mut zur Lücke. »Wer keinen Mut zur Lücke hat, der braucht Lückenbüßer.«

    Landesbischöfin Junkermann fordert, Gemeinde neu zu denken. Foto: Matthias Bein

Landesbischöfin Junkermann fordert, Gemeinde neu zu denken. Foto: Matthias Bein

Die Strukturveränderungen der letzten Jahre hätten in den Gemeinden den Eindruck verfestigt, das letzte Glied in einer Kette von oben nach unten zu sein, räumte sie ein. Nun müsse es gelingen, Kirche wieder bewusst als gegenseitige und wechselseitige Verantwortungsgemeinschaft zu gestalten.
Als Beispiele für einen bereits begonnenen Umbau nannte sie die neu konzipierte Konfirmandenarbeit sowie neue Gottesdienst- und Gemeindeformen. Auch die Verantwortung der Kirchenkreise im neuen Finanzgesetz sei ein wichtiger und richtiger Schritt in diese Richtung. Allerdings bräuchten die Gemeinden, Regionen und Kirchenkreise mehr Entscheidungsräume, mehr Freiheiten und Rechte. Deshalb sollten nach der vollzogenen Rechtsangleichung der früheren Landeskirchen von 2014 an gezielt Gesetze und Regelungen daraufhin überprüft werden, wie Verwaltung vereinfacht und Entscheidungsspielräume erweitert werden könnten.
Notwendig sei es außerdem, die Gemeinde neu zu denken – »von allen Getauften her und nicht vom besonderen Amt her«. Eine Grundeinsicht der Reformation sei es gewesen, dass alle durch die Taufe berufen seien, unterstrich die Landesbischöfin. Mit dieser Ansicht habe die Reformation eine ganze Kultur und Gesellschaft verändert. Allerdings sei das »Priestertum aller Gläubigen« von den Reforma­toren selbst nicht ganz durchge­halten worden. Ansätze, die es im Kirchenbund der DDR gegeben habe, wie die Kirche als Lerngemeinschaft und als Beteiligungskirche zu verstehen, seien mit der friedlichen Revolution zu schnell und zu stark abgebrochen worden, so Ilse Junkermann.
Heute werde immer deutlicher, dass der strukturelle Rückbau neue Einstellungen brauche und zwar bei den Hauptberuflichen genauso wie bei den Neben- und Nichtberuflichen, den ehrenamtlich Engagierten. Allen Tendenzen der Gemeinde, sich selbst genug zu sein oder für sich bleiben zu wollen, müsse dabei entschieden widersprochen werden. »Die Gemeinde und Kirche ist nicht für sich selbst da«, betonte die Landesbischöfin.

Martin Hanusch

»Wir haben den Anfang gemacht«

27. April 2012 von redaktionguh  
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Geschichte: Sommerlager der Aktion Sühnezeichen entwickelten sich schnell zu eigener Form des Versöhnungsdienstes


Vor 50 Jahren starteten die Sommerlager der Aktion Sühnezeichen. Eine international besetzte Tagung blickt jetzt an historischem Ort
zurück und nach vorn.

Die ersten Sommerlager vor 50 Jahren seien »Notlösungen« gewesen, erinnert sich Christian Schmidt, der von 1965 bis 1975 Geschäftsführer von Aktion Sühnezeichen in der DDR war. Notlösungen deshalb, weil ursprünglich an einen Versöhnungsdienst in den Ländern Polen, Russland und Israel gedacht war. »Des zum Zeichen bitten wir die Völker, die Gewalt von uns erlitten haben, dass sie uns erlauben, mit unseren Händen und mit unseren Mitteln in ihrem Land etwas Gutes zu tun … Lasst uns mit Polen, Russland und Israel beginnen«, heißt es 1958 in dem Gründungsaufruf der Aktion Sühnezeichen.

Junge Leute führen die Tradition bis heute fort – wie hier bei einem Arbeitseinsatz im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen. Foto: epd-bild

Junge Leute führen die Tradition bis heute fort – wie hier bei einem Arbeitseinsatz im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen. Foto: epd-bild

Da aber die DDR-Regierung einen Versöhnungsdienst in diesen Ländern ablehnte, fand das erste Sommerlager 1962 in Magdeburg statt. »Wir haben den Anfang gemacht«, sagt Schmidt rückblickend auf die ersten beiden jeweils 14-tägigen Aufbaulager mit insgesamt 72 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Zur Aufgabe gemacht hatten sie sich die Enttrümmerung von drei zerstörten Kirchen in Magdeburg: der Petrikirche sowie der Katharinen- und Wallonerkirche. Für die Petri- und die Wallonerkirche, die sich gegenüberstehen, hat sich das Engagement gelohnt, sie wurden später wieder aufgebaut und für die Gemeinden nutzbar gemacht. Die Arbeit an der Katharinenkirche sei umsonst gewesen, so Schmidt. Unter Walter Ulbricht wurde sie gesprengt.

Kirchen enttrümmern und in sozialen Einrichtungen helfen – das war ein Schwerpunkt von Aktion Sühnezeichen. Des Weiteren: die Beschäftigung mit deutscher Geschichte, dem Judentum sowie mit anderen Religionen und Konfessionen. Einen »internationalen Touch«, wie es Schmidt ausdrückt, bekamen die Lager ab 1965, als auch Einsätze in den Nachbarländern CˇSSR und Polen, zum Beispiel in der heutigen Gedenkstätte Majdanek, möglich wurden und umgekehrt Leute von dort in die DDR kamen.

Die Erfahrungen bei Aktion Sühnezeichen waren und sind für viele junge Leute prägend. Der frühere Dresdner Pfarrer Christoph Lehmann war von 1962 bis 1971 dabei und denkt gern an diese Zeit zurück. Die Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte in einer Weise, wie es in der Schule der DDR ausgeschlossen war, sei für ihn sehr wichtig gewesen, erzählt er. Außerdem die Gespräche mit den internationalen Teilnehmern, sie weckten damals Lehmannns Interesse an der Geschichte der osteuropäischen Länder, das bis heute anhalte. Inzwischen nimmt er an den Lagern teil, die die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) für über 40-Jährige veranstaltet. Die Teilnehmer kümmern sich dabei um brachliegende jüdische Friedhöfe in Tschechien und Polen.

Die Sommerlager entwickelten sich schnell zu einer eigenen Form des Versöhnungsdienstes und hatten großen Zuspruch. Nachdem 1962 in Magdeburg zwei Lager stattgefunden hatten, waren es 1963 bereits sieben und in den beiden folgenden Jahren 14 und 25. Die Lager fanden zwar ohne Genehmigung der staatlichen Behörden statt, waren insofern illegal. »Aber es ist nie zur Auflösung gekommen«, sagt Schmidt. Bis heute haben sich insgesamt rund 15000 Freiwillige an mehr als 1000 Lager-Einsätzen in fast ganz Europa beteiligt. In diesem Jahr wird es 34 Sommerlager geben, das erste Mal auch in Ländern, wo ASF langfristige Friedensdienste unterhält.
Er sei dankbar, dass er beim ersten Aufbaulager in Magdeburg dabeisein konnte, äußert auch der in Erfurt lebende Pfarrer i. R. Karl Metzner. Nach dem grauenvollen Krieg, dreieinhalbjähriger Kriegsgefangenschaft und den Erfahrungen während des Kalten Krieges sei Aktion Sühnezeichen für ihn ein großes Hoffnungszeichen gewesen. Als 84-Jähriger freue er sich, dass das Anliegen von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste unermüdlich von der jungen Generation wahrgenommen wird.

Sabine Kuschel

Die Jubiläumstagung vom 27. bis 29. April in Magdeburg steht unter dem Motto »Gegen den Strom«. Höhepunkt ist ein Festgottesdienst mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider am 29. April im Dom.
www.asf-ev.de

Telefonseelsorge Halle ist seit 20 Jahren am Netz

27. April 2012 von redaktionguh  
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Mitinitiator Klaus-Dieter Cyranka erinnert an die Anfänge/Jubiläumsfeier
am 28. April in der Heilig-Kreuz-Kirche

In letzter Minute wäre es fast noch gescheitert. Gut ein Jahr lang hatte sich die kleine Gruppe auf den großen Tag vorbereitet, an dem die Nummer der Telefonseelsorge Halle erstmals freigeschaltet werden sollte. Ehrenamtliche Helfer sowie Ratschläge, Geld und Unterstützung der Telefonseelsorgen aus Mainz und Dortmund waren da – doch eines fehlte am 24. April 1992: die Leitung. »Die wurde trotz der Zusage der Telekom erst wenige Stunden vorher geschaltet, nachdem wir hartnäckig gedrängt hatten«, erinnert sich Klaus-Dieter Cyranka, einer der Mitinitiatoren der Telefonseelsorge Halle.

Von Anfang an dabei: Klaus-Dieter Cyranka gehörte zu den Initiatoren der Telefonseelsorge in Halle.

Von Anfang an dabei: Klaus-Dieter Cyranka gehörte zu den Initiatoren der Telefonseelsorge in Halle.

Mit einem Gottesdienst und einem Empfang feiert die Telefonseelsorge Halle am 28. April ihr 20-jähriges Bestehen. Der Verein, der sowohl von der evangelischen als auch von der katholischen Kirche und dem Land unterstützt wird, lädt dazu ab 10 Uhr in die katholische Heilig-Kreuz-Kirche in die Gütchenstraße in Halle ein. Und die Telefonseelsorge kann dabei auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken, die sich auch in Zahlen fassen lässt: Jährlich nutzen rund 10.000 Menschen aus dem südlichen Sachsen-Anhalt das Angebot; seit der Gründung haben Ehrenamtliche insgesamt 175.000 Stunden für die Probleme der Anrufer ein offenes Ohr gehabt.

Klaus-Dieter Cyranka, heute 74 Jahre alt, leitete zu DDR-Zeiten das evangelische Seelsorgeseminar in Halle und war schon lange von der Idee der Telefonseelsorge begeistert, wie es sie in Westdeutschland seit 1956 gab. »Die evangelische Stadtmission Halle hatte Ende der 70er Jahre versucht, eine anonyme Telefonberatung ins Leben zu rufen«, erinnert er sich – doch nicht nur wegen der geringen Anzahl der Telefonleitungen war das Projekt damals im Sande verlaufen.

Erst nach der Wende sollte die Zeit reif sein. Reges Interesse gab es an einer Informationsveranstaltung zur Gründung einer Telefonseelsorge in Halle im Mai 1991 – 70 Männer und Frauen meldeten sich, die sich hierfür ausbilden lassen wollten. Doch nicht bei allen war es der Wunsch, anderen Menschen bei ihren Sorgen und Nöten zu helfen: »Es gab auch welche, die dachten, sie bekommen über diesen Weg ein Telefon zuhause«, schmunzelt Cyranka heute. Schließlich fanden sich 20 ernsthafte Interessenten, die in zwei Gruppen ausgebildet wurden. Parallel gründete sich der Verein Telefonseelsorge Halle, dessen ehrenamtlicher Geschäftsführer Cyranka wurde. Im April 1992 ging das Sorgentelefon ans Netz, zunächst nur an den Wochenenden. Heute ist die Nummer rund um die Uhr erreichbar; rund 80 Ehrenamtliche decken diese Zeiten ab. Cyranka ist nach wie vor ehrenamtlich für den Verein tätig. Er leitet Supervisions- und Weiterbildungsgruppen.

Der Rückblick auf 20 Jahre Telefonseelsorge macht den 74-Jährigen froh: »Es ist etwas Schönes zu sehen, wie gut es läuft.« Denn nach wie vor gebe es eine große Bereitschaft von Freiwilligen, sich für die Aufgabe ausbilden zu lassen. Das stärkste Motiv sei für die meisten dabei, dass mit der seelsorgerischen Beratung nicht eine Aufopferung verbunden ist, sondern dies ein Gewinn auch für einen selbst ist. »Es wird viel Kraft dabei freigesetzt. Man entwickelt sich persönlich«, sagt Cyranka.

Silvia Zöller

Gestalteter Wohlklang

22. April 2012 von redaktionguh  
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In Völkershausen konnte zu Ostern Glockenweihe gefeiert werden

Als die neuen Glocken am Ostersonntag zum ersten Mal ihre ­Einladung zum Gottesdienst an die Völkershäuser richteten, war es für die Gemeinde im Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach ein historischer Moment. Für den Holzbildhauer Steffen Kranz war es darüber hinaus ein ganz besonderer Augenblick.
»Als ich vom Spendenaufruf für die Erneuerung der Glocken hörte, war für mich klar, dass ich hier meinen speziellen Beitrag leisten will. Ich spendete meine Arbeitszeit für die Glockenzier«, sagt Steffen Kranz. Es sei ihm wichtig gewesen, den Glocken eine individuelle Note zu geben und die Gegenwart dabei zu reflektieren. Die einzige Vorgabe der Kirchengemeinde: Auf jeder Glocken soll das Völkershäuser Wappen sein, um eine Identifikation zu sichern. Eine Sorge, die mit Blick auf die bewegte Glockengeschichte verständlich ist.

Steffen Kranz in der Glockenstube der Völkershäuser Kirche. Foto: Rhönsachs

Steffen Kranz in der Glockenstube der Völkershäuser Kirche. Foto: Rhönsachs

Die Michaeliskirche zu Völkershausen wurde 1991/92 gebaut. Zuvor hatte sich die Gemeinde in ihrer Annenkirche versammelt, für die sie 1620 drei Bronzeglocken gießen ließ. 1910 riss die mittlere Glocke. Ein neues Geläut wurde bestellt. Die Freude währte nicht lang. Nur die kleinste Glocke blieb der Gemeinde, die anderen ­beiden mussten im Ersten Weltkrieg abgeliefert werden. Nach Kriegsende war Buntmetall unbezahlbar. Schweren Herzens entschlossen sich die Völkershäuser, die Bronzeglocke an den Nachbarort Dietlas zu verkaufen und drei Eisenhartgussglocken anzuschaffen. Das war 1921. Während des Gebirgsschlages am 13. März 1989 war die Annenkirche so stark geschädigt, dass nur der Abriss blieb. In einer dramatischen Aktion per Hubschrauber konnten die Glocken gerettet werden. Zunächst gab ein Lautsprecherwagen der Nationalen Volksarmee die Gottesdienste bekannt, bis ein provisorischer Glockenstuhl neben der Kirchenruine gebaut war. Nach Fertigstellung der neuen Kirche kamen die Eisenhartgussglocken von 1921 noch einmal zum Einsatz, obwohl die Lebensdauer fast erschöpft war. Seit 2008 gab es dann Pläne für ein neues Bronzegeläut.
Der Glockenton ist weithin hörbar und erzielt Aufmerksamkeit, während die Glockenzier nur betrachten kann, wer in den Turm hinaufsteigt. Für Steffen Kranz ist sie Ausdruck der Achtung, denn die Glocken seien für eine Kirchengemeinde ein starkes und wichtiges Ausdrucksmittel, das in die Öffentlichkeit hineinwirke und Menschen begleite. »Es war mir eine Herzensangelegenheit und Ehre, die Glocken zu verzieren.« Auf der größten, 470 Kilogramm schweren Glocke gestaltete er den Namenspatron der Kirche und »Ehre sei Gott in der Höhe« als Schriftzug. »Der Erzengel Michael ist aber nicht als Seelenwäger dargestellt, sondern als Kämpfer gegen Luzifer, der ein Fass mit Atommüll in der Hand hält – Symbol für die Unberechenbarkeit dieser Technologie«, erklärt Steffen Kranz. Das zentrale Motiv der mittleren Glocke (310 Kilogramm) ist die heilige Anna. Als Schutzpatronin der Bergleute trägt sie die 1989 zerstörte Annenkirche in ihren Händen. Auf der kleinsten Glocke (210 Kilogramm) halten Engel das Wappen von Völkershausen.
Für den 1973 in Bad Salzungen ­geborenen Holzbildhauermeister ist sein Beruf auch Berufung. An seiner einstigen Ausbildungsstätte, der Schnitzschule Empfertshausen, lehrt er seit 1998 auch selbst. Steffen Kranz erhielt 2009 den Rhöner Bildhauerpreis, deutschlandweit präsentieren Ausstellungen seine Werke und Kirchengemeinden tätigten Ankäufe. »In jede Arbeit geht auch ein Teil der eigenen Persönlichkeit mit über. Deshalb ist es meine Überzeugung, dass nur mit einer intensiven Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben christliche Werke zu schaffen sind.«
2003 eröffnete Steffen Kranz ein Atelier in Völkershausen. Er wird die Glocken also auch in Zukunft hören. »Ich wünsche mir, dass sie lange zum Gebet rufen und niemals Unheil ankünden müssen.«

Uta Schäfer

Ein Fest für Jenas Christen

Nach langer Schließzeit ist die Jenaer Stadtkirche wieder geöffnet

Auf dieses Ereignis haben viele ­Jenaer gewartet: Nach einer Schließzeit von über 15 Monaten kann die Stadtkirche seit 6. April wieder vielfältig gemeindlich und übergemeindlich genutzt werden.
Als in der Osternacht vor zwei ­Jahren die alte Heizung fast einen Kirchenbrand verursacht hätte, war dringender Handlungsbedarf angezeigt. Im Januar 2011 wurde das Kirchen­innere zur Baustelle: Der alte Fußboden musste herausgebrochen werden. Danach untersuchten Archäologen die darunterliegenden Schichten und bargen viele Fundstücke. Eine Fußbodenheizung wurde eingebaut und ein Steinfußboden verlegt, der aus 1143 Muschelkalk-Platten besteht, die allesamt von Spendern finanziert wurden. Die Kirche erhielt eine neue Elektroinstallation, und die alte Lautsprecheranlage wurde ersetzt. Termingerecht vor Ostern fanden die Arbeiten des ersten Bauabschnittes ihr Ende, sodass am Karfreitag der erste Gottesdienst gefeiert werden konnte. Auch die langjährige Tradition der Aufführung einer Passion wurde wieder aufgenommen. Am Karfreitagnachmittag erklang in der bis auf den letzten Platz gefüllten Stadtkirche die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach.
Mehrere Hundert Besucher waren zum Fest- und Dankgottesdienst am Ostersonntag in die Stadtkirche gekommen. Im Anschluss gab es einen Empfang der Kirchengemeinde für die vielen privaten Spenderinnen und Spender sowie beteiligten Körperschaften, Einrichtungen und Betriebe. Dabei dankten Superintendent Diethard Kamm, der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates Eberhard Hertzsch und der Vorsitzende des ­Jenaer Kirchbauvereins, Franz von Falkenhausen, herzlich für die überaus große Spendenbereitschaft der ­Jenaer.

Hunderte Besucher kamen Ostersonntag zum Festgottesdienst. Foto: Jürgen Scheere

Hunderte Besucher kamen Ostersonntag zum Festgottesdienst. Foto: Jürgen Scheere

Von den 1,15 Millionen Euro, die für die Innensanierung geplant sind, wurden bisher 350000 Euro durch Spenden gesammelt. Weitere Mittel kamen von der Landeskirche, der Stadt Jena, der Kirchengemeinde, von verschiedenen Stiftungen sowie aus Darlehen. Zusammen stehen 755000 Euro zur Verfügung. Zudem gibt es Förder- bzw. Kreditzusagen für weitere 230000 Euro. Die Bauverantwortlichen sind zuversichtlich, dass die verbleibenden 165000 Euro noch aufgebracht werden, ein Großteil hoffentlich durch weitere Spenden. Auch wenn die Schlussrechnung für den ersten Bauabschnitt noch nicht vorliegt – bisher wurden 638000 Euro »verbaut« –, ist zu erwarten, dass der Finanzrahmen von 1,15 Millionen Euro eingehalten wird.
In die Stadtkirche ist unterdessen wieder Normalität eingezogen. So wurde am Ostermontag der ökume­nische Festgottesdienst gefeiert. Als »verlässlich geöffnete Kirche« kann St. Michael täglich von 10 bis 17 Uhr besucht werden. Ab Mai finden hier an jedem Mittwochabend die beliebten Orgelmusiken statt. Im Rahmen der »Thüringer Bachwochen« gab es am 12. April ein Konzert mit Mitgliedern der Wiener Sängerknaben. Der Chor der Ollerup Nachschule aus Dänemark stiftete von den Einnahmen seines Konzertes am 14. April in Höhe von 720 Euro 480 Euro für den Wiederaufbau der abgebrannten Kirche in Walldorf und 240 Euro im Rahmen der Aktion »Thüringen hilft« für Franka aus Jena.
Bei »laufendem Betrieb« soll der zweite Bauabschnitt der Innensanierung von St. Michael absolviert werden, die Installation neuer Lampen, die Ausbesserung von Putzschäden sowie eine partielle Neuausmalung des Kirchenschiffes. Wenn alles gut geht, können die Arbeiten bis zum Erntedankfest abgeschlossen sein.
Traugott Keßler

Zeugnis der Nächstenliebe

22. April 2012 von redaktionguh  
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt (Archiv)

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Magdeburger Bahnhofsmission feierte ihr 20-jähriges Bestehen

Buchladen und Bäckerei bildeten den Rahmen für den Gottesdienst, mit dem die Magdeburger Bahnhofsmission am 11. April ihr 20-jähriges Bestehen feierte. Während die rund 80 Besucher in der Bahnhofshalle beteten und sangen und der hohe Raum unter dem Glasdach von Bläser- und Orgelklängen erfüllt war, kauften Reisende Zeitungen, belegte Brötchen oder steuerten den Ticketverkauf an. »Hier pulsiert das Leben«, sagte der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige, der mit dem Propst des Sprengels Stendal-Magdeburg, Christoph Hackbeil, den Gottesdienst leitete. Der Bahnhof als Verkehrsknotenpunkt sei zugleich ein Abbild der Gesellschaft, so Feige weiter. Hier würden Menschen einander willkommen heißen, voneinander Abschied nehmen, Orientierung suchen. Die Bahnhofsmission sei für viele »ein Stück Familie an der Bahnsteigkante« und aus dem Bahnhofsalltag nicht mehr wegzudenken, würdigte der Bischof den Dienst der Mitarbeiterinnen in der ökumenischen Einrichtung. Rund 38000 Menschen kommen heute jährlich – Durchreisende ebenso wie Obdachlose und andere Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen.

Der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige (am Pult) und Propst Christop Hackbeil (vorn li.) leiteten den Gottesdienst zum Jubiläum der Bahnhofsmission, der in der Bahnhofshalle gefeiert wurde. – Foto: Klaus-Peter Voigt

Der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige (am Pult) und Propst Christop Hackbeil (vorn li.) leiteten den Gottesdienst zum Jubiläum der Bahnhofsmission, der in der Bahnhofshalle gefeiert wurde. – Foto: Klaus-Peter Voigt

Propst Hackbeil dankte für »20 Jahre große und kleine Hilfeleistung, freundliche Aufnahme und ökumenische Gemeinschaft«. Er stellte ein Kreuz aus Mosaiksteinen, welches in der Anfang April in Stendal eröffneten Bahnhofsmission hängt und das jeder Gottesdienstbesucher als Bild erhielt, in den Mittelpunkt seiner Predigt über das Gebot der Nächstenliebe. Jedes Steinchen könne für die Buntheit und Vielfalt der Milieus im Land stehen. Das bedeute aber nicht, dass es bessere oder schlechtere Milieus gebe. »Das Kreuz Jesu ist auch ein Protest gegen die Milieuaufteilung unserer Gesellschaft«, so der Propst, »jeder soll so angenommen sein, wie er ist.«

»Mit ihrem Wirken schrieben die Bahnhofsmissionen Sozialgeschichte«, würdigte Christian Baron das Wirken derartiger Einrichtungen, die es seit über 100 Jahren in Deutschland gibt. Waren sie anfangs streng konfessionell getrennt, tragen sie heute vielerorts evangelische und katholische Christen gemeinsam. »Ein glaubwürdiges Zeugnis der Kirchen kann nur ein gemeinsames Zeugnis sein«, so der Vorsitzende Vorstand der Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission weiter.

Die Bahnhofsmission in Magdeburg tragen die Magdeburger Stadtmission und der Caritasverband für das Bistum Magdeburg. Die Bahn stellt die Räume am Gleis 6 kostenlos zur Verfügung. Drei festangestellte und dazu ehrenamtliche Mitarbeiterinnen halten montags bis freitags für 13 Stunden die Türen offen, an den Wochenenden etwas weniger. »In den 20 Jahren haben wir rund 517000 Menschen geholfen«, zieht die langjährige Leiterin der Einrichtung, Liane Bornholdt, Bilanz. Was sie freut, ist, dass die Mobilität behinderter Menschen zugenommen hat und immer mehr von ihnen auf Reisen gehen. Für Reisende in Rollstühlen bietet die Bahnhofsmission seit 2008 als Rastplatz einen Mobilitätsraum zu ebener Erde an. In den vergangenen Jahren haben es die Mitarbeiterinnen immer öfter mit psychisch kranken Menschen zu tun, die in ihrer Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit dort Rat und Hilfe suchen. »Der Bahnhof ist auch ein sozialer Brennpunkt«, sagt Liane Bornholdt, »und ein Seismograf der Not.«

Angela Stoye

Worauf ich mich verlassen kann

21. April 2012 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Der Herr ist mein getreuer Hirt, hält mich in seiner Hute, darin mir gar nicht mangeln wird jemals an einem Gute.
Evangelisches Gesangbuch 274, Vers 1

Verträge gehören zu unserem Lebensalltag und erfordern beidseitige Rücksichtnahme. Doch wie oft erfahren wir Vertragsbruch, sei es durch die persönliche Betroffenheit im Arbeitsleben oder in privaten Freundschaften. Enttäuschung und Bitterkeit machen sich breit: Auf wen kann ich mich noch verlassen? Was hilft mir in dieser Situation weiter? Jahrtausendealte Erfahrungen können und wollen uns Lebenshilfe sein.

Annelies Merker, Kantorin i. R., Hermsdorf

Annelies Merker, Kantorin i. R., Hermsdorf

Psalm 23 aus dem Gesangbuch des jüdischen Volkes gehört auch heute noch zu den sehr bekannten Texten der Bibel, zahlreiche Umdichtungen und Vertonungen machen die Beliebtheit des Textes deutlich. Zu den Vertrauensliedern des Psalters gehörend, ist Psalm 23 prägnant in seiner eindrucksvollen Bildersprache.
Das Wochenlied ist eine schlichte Ver-Dichtung des Psalms. Gott als der gute Hirte steht in den Versen 1 bis 4; er gibt den Menschen, die sich ihm anvertrauen, was sie zum Leben brauchen – in jeder Lebenssituation. Er geht mit uns durch »dick und dünn«. Gerade in ausweglosen Situationen ist Er bei uns. Vers 5 verweist auf Jesus, eine zur Entstehung des Textes übliche lutherische Interpretationspraxis.
Die von dem »Urkantor« Johann Walter stammende Melodie entstand 1524, schon vor dem Text. Sie führt uns durch Höhen und Tiefen – so wie auch unsere Lebenswege verlaufen.
Der »Sonntag des guten Hirten« (nach dem Psalm des Sonntags eigentlich »Die Erde ist voll der Barmherzigkeit des Herrn«) hat seinen guten Platz zwischen Ostern und Pfingsten. Der Gott des Alten Testamentes gibt uns das Lebensnotwendige und noch mehr.
Durch seinen eigenen Sohn schenkt er uns ein Leben bei ihm in alle Ewigkeit. Verstehen und Begreifen kann ich es nur, wenn ich mit seinem Heiligen Geist, dem »reinen Wasser« beschenkt werde. Es liegt an uns, wie wir mit diesem wunderbaren »Vertrags-Angebot« umgehen!
Annelies Merker, Kantorin i. R., Hermsdorf

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