Volltönende Osterglocke

8. April 2012 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

Schmalkaldens »Große Oster« hat eine bewegte Geschichte

Angemessener als mit einer echten Osterglocke kann Ostern wohl kaum eingeläutet werden. Genau das geschieht alljährlich in Schmalkalden, wo im Nordturm der Stadtkirche Sankt Georg die »Große Oster« hängt, wie die größte Bronzeglocke Südthüringens allgemein genannt wird. Ob der auf dem Glockenkorpus prangende Name »Große Osterglocke« und das Osterfest in einem Zusammenhang stehen, ist indes nicht bekannt. In den Annalen der Stadt- und der Kirchengeschichte ist nichts darüber zu finden, wie es zu diesem Namen kam. Auch der renommierte Glockenkundige Werner Scholz aus Wasungen muss passen: »Es gibt weder Überlieferungen noch eine wissenschaftliche Begründung.«

Die »Große Oster« der Stadtkirche St. Georg in Schmalkalden gilt als die größte Bronzeglocke Südthüringens. – Fotos: Jürgen Glocke

Die »Große Oster« der Stadtkirche St. Georg in Schmalkalden gilt als die größte Bronzeglocke Südthüringens. – Fotos: Jürgen Glocke

Gesichert hingegen ist die bewegte Geschichte der 1852 von Robert Mayer in Ohrdruf gegossenen »Großen Oster«, worauf bereits die Zeilen »1555 sah mich entstehen; 1847 sah mich untergehen; 1852 sah mich neuerstehen« der Glockeninschrift hindeuten.

Eine erste »Große Oster«, 1555 auf Veranlassung von Georg Ernst Graf von Henneberg gegossen, hieß zunächst »Stiftsglocke« und hing in der Stiftskirche auf dem Schmalkalder Schlossberg. Im Zuge des Baus des neuen Schlosses durch Landgraf Wilhelm IV. von Hessen und des Abrisses der alten Burganlage nach 1583 kam die 46 Zentner schwere Stiftsglocke auf die Stadtkirche. Von 15 Männern soll sie in siebenstündiger Arbeit auf Walzen vom Berg hinab in die Stadt transportiert worden sein. Es bedurfte umfangreicher Erweiterungsarbeiten am Turm und ein neuer Glockenstuhl musste gebaut werden, ehe die Glocke im September 1589 an ihren Platz im Nordturm der Stadtkirche gezogen werden konnte. Bis 1847 verrichtete sie dort ihren Dienst. Beim Trauerläuten für Kurfürst Wilhelm II. von Hessen (über vier Wochen täglich eine Stunde lang) erlitt sie allerdings einen Sprung im Material und konnte nicht mehr benutzt werden. Erst fünf Jahre später, im August 1852, wurde sie durch die neue »Große Oster« ersetzt. Deren turbulenteste Zeit dürfte das Jahr 1942 gewesen sein, als sie in ihrem kulturellen Wert von Gruppe D in Gruppe C zurückgestuft und damit freigegeben war zur »Zuführung an die Rüstungsindustrie«. Quasi in letzter Minute konnte sie, bereits demontiert und zum Abtransport bereitstehend, dank glücklicher Umstände und beherzt handelnder Persönlichkeiten der Stadt vor dem Schmelzofen bewahrt werden.

Und so ertönt die »Große Oster« bis heute an hohen Festtagen – sowohl zusammen mit drei weiteren Glocken des fünfstimmigen Geläuts als auch solistisch. Gerade wenn sie allein geläutet wird, kommt die ganze Schönheit ihres Klanges zur Geltung. Obwohl mit 3,6 Tonnen Gewicht und einem Durchmesser von 1,82 Meter bei Weitem nicht an die Maße der »Gloriosa« im Erfurter Dom heranreichend, die knapp 11,5 Tonnen auf die Waage bringt und 2,56 Meter im größten Durchmesser misst, zählt die »Große Oster« aber doch zu den größten frei schwingenden Glocken Thüringens. Was ihre Resonanzfreudigkeit anbelangt, ist sie »unter den Großglocken des Landes eine der schönsten, die zudem durch eine sehr lange Nachklangzeit und fantastisch aufeinander abgestimmte Teiltöne auffällt«, wie Glockenexperte Werner Scholz hervorhebt.

Da verwundert es nicht, dass die »Große Oster« für ihre Verehrer einen ähnlichen Rang hat wie der »Dicke Pitter« im Kölner Dom oder die bereits erwähnte »Gloriosa« für die Ihren. Wie diese beiden gewaltigen Glocken ringt auch die Stimme der »Großen Oster« den Menschen Bewunderung und Ehrfrucht ab. Zum Gottesdienst am Ostersonntag ist sie wieder mehrfach zu hören: 9.45 Uhr und 10 Uhr während des Vorläutens solistisch und im Zusammenklang dann um 10.10 Uhr im Hauptläuten.

Jürgen Glocke

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