Zeugnisse des Widerstands

29. April 2012 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

Im Thüringer Archiv für Zeitgeschichte in Jena befinden sich auch kirchliche Bestände

Das Thüringer Archiv für Zeitgeschichte (ThürAZ), das sich in einem Eckhaus am Camsdorfer Ufer in Jena befindet, gilt als das einzige unabhängige Oppositionsarchiv im Freistaat. Um die 100 Vor- und Nachlässe privater Personen und von Körperschaften, wie dem Landesverband Neues Forum, erzählen von Zivilcourage und dass es sich lohnt, für die eigenen Überzeugungen einzustehen. Der Trägerverein »Künstler für Andere« hat seine Wurzeln in der DDR. Die 1986 entstandene Jenaer Gruppe sah nach der Wende die Notwendigkeit, sich mit der eigenen Geschichte zu befassen, und begründete 1991 das »Matthias-Domaschk-Archiv«. Dafür stand zunächst nur Material aus den Beständen der Staatssicherheit zur Verfügung. Doch der einäugige Blick konnte auf die Dauer nicht befriedigen.

Not macht erfinderisch: Plakate und die Werkzeuge, die der Geraer Jugenddiakon Wolfgang Thalmann dem Thüringer Archiv für Zeitgeschichte übergeben hat. – Foto: Doris Weilandt

Not macht erfinderisch: Plakate und die Werkzeuge, die der Geraer Jugenddiakon Wolfgang Thalmann dem Thüringer Archiv für Zeitgeschichte übergeben hat. – Foto: Doris Weilandt

Ab 1995 wurde das gesamte Spektrum von Materialien aus der Oppositionsbewegung – vorrangig aus den ehemaligen Bezirken Gera, Erfurt und Suhl – aufgenommen: Tagebücher, Briefe, Plakate, Untergrundliteratur, Fotos und vieles mehr. »War früher die Grundmotivation das Ansehen der eigenen Geschichte«, erklärt Vereinsvorsitzender Reiner Merker, »ist es heute die Zugänglichkeit für die Forschung.«

Das ThürAZ bekam auch umfangreiche Materialien zur Offenen Arbeit der evangelischen Kirche von verschiedenen Akteuren. Sie sind für sich genommen exemplarisch, ergeben aber doch ein differenziertes Bild, wie Staat und Kirche in der DDR miteinander verwoben waren. Von Wolfgang Thalmann stammt ein Konvolut von Plakaten aus seiner Tätigkeit als Jugenddiakon in Gera, für deren Herstellung er die Buchstaben und Grafiken selbst in Linoleum geschnitten hat, um davon Abzüge zu machen. Die entsprechenden Kenntnisse für die professionelle Ausführung erhielt er während seiner Ausbildung in Eisenach. Zu »JUNE 78«, einer DDR-weiten, sehr progressiven Jugendwerkstatt unter dem Dach der Kirche in Rudolstadt, existiert der gesamte Arbeitsvorgang von der Idee bis zur Umsetzung. Vom Plakat »JUNE 79« gibt es noch den Druckstock. Uwe Koch, damals Pfarrer in Rudolstadt, gab Infoblätter heraus, die er »Friedensreader« nannte. Nach kurzer Zeit wurden sie verboten. Im Jenaer Archiv finden sich nicht nur die Blätter, sondern auch die Beschwerde des Pfarrers Michael Damm an die Kirchenleitung: »Ich bin tief betroffen von der Reaktion des Landeskirchenrates in dieser Sache, wie ich von Pfarrer Koch erfuhr, wurde mitgeteilt, die Strafverfügung sei zu Recht ergangen und es sei dringend geraten, das Erscheinen der Blätter einzustellen und die Ordnungsstrafe zu zahlen …«

Walter Schilling, Pfarrer in Braunsdorf, überließ dem Archiv Unterlagen zur Offenen Arbeit, aber auch eine Dokumentation, die er mit anderen angefertigt hat: Auf 56 Seiten werden Einzelschicksale in Form von Gedächtnisprotokollen aus Jena, Weimar, Berlin, Halle und anderen Orten aufgezeichnet. Auch an den Landesbischof und die Landeskirchenleitung wurde die Mappe, die als internes Arbeitspapier gedacht war, übergeben. Darin befindet sich der erste Bericht des wegen staatsfeindlicher Hetze inhaftierten Namensgebers des Archivs: Matthias Domaschk. Das Echo ist nicht bekannt.

Doris Weilandt

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