Mit Fünfzig auf die Schulbank

27. Juni 2012 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

Mit der Ausbildung zum Diakon erfüllt sich für Manfred Popko ein Lebenstraum

Auf seinem täglichen Weg zum Vogelshof, dem Behinderten-Bereich des Wilhelm-Augusta-Stiftes in Schleusingen, hat Manfred Popko gelegentlich auch einen Blick auf Weisheiten am Rande. Mitarbeiterinnen der sozialen Betreuung haben im Gang liebevoll Kalenderblätter drapiert – mit Botschaften weit über den Tag hinaus. Manfred Popko, zuständig vor allem fürs Qualitätsmanagement in diesem Haus, hat darunter einen Lieblingsspruch: »Die Freude an kleinen Dingen bringt uns das große Glück nah.«

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Sie kennen sich gut: Manfred Popko, der angehende Diakon, und Christina Schmidt, Bewohnerin des Wilhelm-Augusta-Stiftes in Schleusingen. – Foto: Karl-Heinz Frank

In der Tat sind es die kleinen Dinge, die die Zufriedenheit im Alltag des studierten Altenpflegers ausmachen. Über Pflegevisiten hinaus zieht es den 51-Jährigen gerade auch in diesen Bereich des Stiftes, das seit über 120 Jahren unter dem Dach der Diakonie älteren, pflegebedürftigen sowie körperlich und geistig behinderten Menschen ein Zuhause gibt. Für ihn ein ganz eigenes Geben und Nehmen, das aus Herz und Seele spricht und sich über den Augenblick hinaus als Impulsgeber speichert. Seit 1984, als er hier seine Arbeit aufnahm, ist das so geblieben. Doch die Ruhe und die geduldige Fürsorge, die Manfred Popko dabei an den Tag legt, machen nur eine Facette seines Wesens aus. Wer genauer hinschaut, erblickt hinter der steten Verantwortung für dieses »Einer trage des anderen Last« und dem Respekt vor dieser Aufgabe ein Stück von dem ideellen Gerüst, das dieses Pensum trägt.

Aus dem vielgestaltigen Zusammenspiel von Lebensgeschichte und Lebenserfahrung heraus ist nachvollziehbar, was es für Popko bedeutet, wenn sich jetzt einer seiner Lebensträume erfüllt: die Ausbildung zum Diakon. Vor dreißig Jahren hatte er dazu schon einmal Anlauf genommen, unmittelbar nach seiner Zeit in der Jungen Gemeinde in Halle-Neustadt. Erzogen in einem christlich-aktiven Elternhaus und hineingewachsen in eine gesellschaftskritische Biermann-Zeit aber überwog damals die Erkenntnis, noch zu jung für diese Aufgabe zu sein. Heute, dreißig Jahre später und um viel praktische Erfahrung im Umgang mit Hilfebedürftigen reicher, genießt er regelrecht seine derzeitige Ausbildung am Diakonischen Bildungsinstitut (DBI) Johannes Falk in Eisenach. Praktisch heißt das für ihn, einmal im Monat freitags und samstags dort die Schulbank drücken, dazu viermal jährlich eine durchgehende Woche, zwei Jahre lang.

Manfred Popko ist überzeugt, dass ihm nichts Besseres widerfahren konnte: »Die Diakonenausbildung stärkt meinen Glauben und gibt mir viel Kraft im Beruf.« Sein christlicher Glaube, das ist für ihn nichts Statisches, er geht einher mit eigener Entwicklung, auch mit Neuinterpretation und Hinterfragen. Nächstenliebe bedeutet für ihn gedankliche Nähe, bedeutet Zuhören, bedeutet, im Alltag seines Senioren-und Pflegeheimes die Latte immer ein Stück über die Standards zu legen. Und es bedeutet ihm viel, vor Ort die Arbeit aus theologischer Sicht verständlich zu machen.

Die erste Prüfung ist gemeistert: »Kommunizieren von Evangelium und christlicher Religion« war das Thema. Der Schleusinger hat es in Form von Mitarbeiter-Andachten praktikabel gemacht. Dass manche seiner Kommilitonen (u. a. aus der Schweiz und aus Hamburg kommend) zwanzig Jahre jünger sind, stört weder ihn noch die anderen. Zu seinem Fünfzigsten hat sich der angehende Diakon mit einer Kawasaki ein bisschen Chopper-Feeling gegönnt. Das taugt, um nach der Arbeit den Kopf freizubekommen.

Hannelore Frank

Das Diakonische Bildungsinstitut Johannes Falk in Eisenach ermöglicht eine Aus- und Weiterbildung in sozialpädagogischen und sozialpflegerischen Berufen. Der nächste Kurs zur berufsbegleitenden Diakonenausbildung beginnt im September 2012.

www.dbi-falk.de

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