Vom Gefühl, angekommen zu sein

30. September 2012 von redaktionguh  
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt (Archiv)

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Zwei Migrantinnen haben im Cecilienstift ihre Berufung gefunden

Wenn man mit offenem Herzen auf die Menschen zugeht, dann bekommt man von ihnen viel zurück«, erzählt Maria Kotlarov. Die 54-Jährige arbeitet seit fünf Jahren im Cecilienstift, ihre Tochter Elena Hahalim seit vier Jahren. Maria und Elena kamen vor sieben Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland, mit ihren Männern, mit Maria Kotlarovs zweiter Tochter und Elena Hahalims Sohn.

Elena Hahalim (l.) und Maria Kotlarov fühlen sich wohl. Foto: Uwe Kraus

Elena Hahalim (l.) und Maria Kotlarov fühlen sich wohl. Foto: Uwe Kraus

Ja, auch heute denken sie noch oft an Saratow in Russland und das Dorf, das so ganz anders war als die Dörfer, die sie in Deutschland erleben. »Einmal im Jahr fahren wir, wenn es geht, dorthin zurück, meine Schwiegereltern leben dort«, erzählt die 31-jährige Elena Hahalim. Mutter und Vater fahren seltener. »Aber wir telefonieren«, erzählt sie. »Etwas Heimweh schwingt immer mit. Ich habe dort 20 Jahre als Krankenschwester gearbeitet.«

Am Anfang in Deutschland stand ein Integrationskurs. »Das Deutsch ist schon eine Hürde«, sind sich Mutter und Tochter einig. Die Kolleginnen helfen, wenn es Probleme mit der Dokumentation gibt. »Überhaupt sind wir im Cecilienstift bestens aufgenommen worden«, erinnert sich Elena Hahalim, die Jura studiert hatte und jetzt Altenpflegehelferin ist.

»Für mich stand fest: Ich will in der Altenpflege arbeiten«, erzählt Maria Kotlarov und schulte um. »Danach habe ich mich an mehreren Stellen beworben. Der erste Anruf, das Cecilienstift war dran.« So wurde das »Sternenhaus« ihr erster Arbeitsplatz. Noch heute spricht sie mit Hochachtung von Schwester Veronika, die ihr viel beigebracht hat. Unterdessen ist sie im Wohnbereich des Pflegezentrums Nord tätig. Das wichtigste für ihre Tochter und sie: »Man nimmt uns, wie wir sind.«

Inzwischen hat Maria von ihrer ­anderen Tochter einen Enkelsohn. »Den Kindern geht es gut. Alle haben Arbeit. Nun fühlen wir uns wohl und integriert.«

Uwe Kraus

Anstand der Zuständigen

30. September 2012 von redaktionguh  
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Ein Schwerkrimineller als V-Mann der Polizei, ein Verfassungsschutz-Chef, der bei »Rotwein mit Damenbegleitung« Dienstinterna ausplaudert; ein ­Referatsleiter, der brisante Akten schreddern lässt: Geht’s eigentlich noch schlimmer, was die Pannen bei der NSU-Mordserie betrifft?

Ja, es geht, denn inzwischen beinahe täglich fördern die Medien gemeinsam mit den parlamentarischen Untersuchungsausschüssen in Bund und Ländern neue, erschreckende Details zutage, was das Versagen der Sicherheitsbehörden angeht.

Nun sollte man meinen, die Mitarbeiter in diesen Behörden und besonders ihre Führung würden zerknirscht in sich gehen, für maximale Aufklärung sorgen und alles, aber auch wirklich alles tun, damit sich derartige Fehler nicht wiederholen. Doch stattdessen bekommen die Parlamentarier immer nur gerade soviel Wahrheit serviert, wie sich nicht länger verhindern lässt. Und gegenüber der Öffentlichkeit mauert man, solange es irgend geht. Wo leben wir hier eigentlich, in einer Bananenrepublik? Oder sind die Sicherheitsbehörden tatsächlich schon längst zu einem »Staat im Staate« mutiert, wie kürzlich eine deutschtürkische Kommentatorin vermutete, deren Herkunftsland damit reichlich Erfahrung hat?

Bundeskanzlerin Merkel hatte bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Rechtsterrorismus im Februar 2012 deren Angehörige um Verzeihung für das Versagen der Sicherheitsbehörden gebeten. Denn die hatten jahrelang auch noch ebendiese Angehörigen der Morde verdächtigt. Wenn wir wollen, dass Minderheiten in unserem Lande angstfrei leben können, dann muss dem »Aufstand der Anständigen« endlich der »Anstand der Zuständigen« folgen. Nächstenliebe braucht Klarheit – auch in und gegenüber Behörden.
Rainer Borsdorf

Mehr Seelsorge, weniger Zählsorge

29. September 2012 von redaktionguh  
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Am Sonntag wird in der ­Unterkirche Bad Frankenhausen Pfarrer Kristóf Bálint als neuer Superintendent des Kirchenkreises Bad Frankenhausen-Sondershausen eingeführt. Dietlind Steinhöfel sprach mit dem Theologen.

Herr Bálint, sind Sie in Bad Frankenhausen angekommen?
Bálint:
Ja, sind wir. Während die Männer der Umzugsfirma Kisten und Möbel hoch in die Wohnung schleppten, wurden wir mit Gesang, Brot und Salz empfangen. Wir fühlen uns sehr willkommen geheißen.

Kristóf Bálint freut sich auf seine neue Aufgabe als Superintendent. Durch diese niedrige Seitenpforte der Unterkirche werden Kirchenälteste und Superintendent am Sonntag einziehen. Foto: Dietlind Steinhöfel

Kristóf Bálint freut sich auf seine neue Aufgabe als Superintendent. Durch diese niedrige Seitenpforte der Unterkirche werden Kirchenälteste und Superintendent am Sonntag einziehen. Foto: Dietlind Steinhöfel

Was hat Sie bewogen, sich für den Kirchenkreis als Superintendent zu bewerben?
Bálint:
Zunächst wurde ich von Vertretern der Landeskirche gefragt sowie von meinem Vorgänger, Superintendent i. R. Roland Voigt. Auch Pfarrerinnen und Pfarrer des Kirchenkreises sind auf mich zugekommen. Und schließlich finde ich es reizvoll, Kirche in einer Umgebung zu Wort kommen zu lassen, die durch hohe Arbeitslosigkeit und geringe Kirchenzugehörigkeit ein etwas schwieriges Pflaster ist. Mit Predigt und Leben Menschen anzusprechen, das ist eine komplexe Aufgabe. So etwas fordert mich heraus und hat mir schon immer gefallen.

Es gab ja Überlegungen, den Kirchenkreis aufzulösen, weil er nur noch 16848 evangelische Gemeindemitglieder zählt – bei über 80000 Einwohnern. Der demografische Wandel ist hier deutlich spürbar. Viele jüngere Leute ziehen weg. Dass nun ein neuer Superintendent gewählt ist, gibt ein positives Signal in die Region. Den Herausforderungen, die das mit sich bringt, will ich mich stellen.

Sie waren der einzige Kandidat. Wie ist das für Sie?
Bálint:
Leider hatte der zweite zurückgezogen, sodass es nur eine Wahl für oder gegen mich gab. Aber die Kreissynodalen haben mit 32 zu vier Stimmen für mich votiert. Das ist für mich ein deutliches Zeichen, dass die Synode hinter mir steht. Diese Eindeutigkeit hat mich nicht zweifeln lassen, die Wahl von Herzen anzunehmen.

Welche Schwerpunkte wollen Sie als neuer Leiter setzen?
Bálint:
Zunächst will ich schauen und analysieren – gemeinsam mit den ­Kolleginnen und Kollegen. Ich sehe bei allen Schwierigkeiten viel Potenzial im Kirchenkreis. Dazu zählt für mich das Kloster Volkenroda mit dem Christus-Pavillon. Hier wünsche ich, die Zusammenarbeit zu stärken. Das ist ein großer Schatz! Zudem spielt die Kirchenmusik eine wichtige Rolle – mit tollen Kantoren, die viel auf den Weg bringen, zum Beispiel die Aktionen für die Orgel der Unterkirche in Bad Frankenhausen.

Vor allem sollten wir die großen Veränderungen in der Kirche nicht nur beklagen, sondern auch als Chance begreifen. Es gab vor uns viele Generationen, die unter wesentlich schlechteren Bedingungen großen Glaubensmut hatten. Die Menschen haben beispielsweise trotz Armut und Zerstörung Kirchen gebaut. Da wurde nicht gefragt, ob sich das rechnet, ­sondern auf Gott vertraut. Wenn wir unentwegt darauf schauen, ob die Struktur stimmt und woher wir Geld bekommen, vergessen wir unsere eigentliche Aufgabe, bei den Menschen zu sein und das Evangelium zu ­verkündigen und zu leben. Wir sind derzeit eher in der Zählsorge als in
der Seelsorge. Hier sehe ich meine Aufgabe, auf ein ausgewogenes Verhältnis zu achten.

Haben Sie schon konkrete Ideen?
Bálint:
Natürlich habe ich keine ­Rezepte in der Tasche und will nicht sagen: So oder so wird es gemacht. Ich möchte mit Haupt- und Ehrenamt­lichen überlegen, welche Schritte sinnvoll sind. Wir sollten uns Zeit zum Nachdenken nehmen. Ehrenamtsschulungen, Kirchenältestenrüsten – so etwas schwebt mir vor. Aber vor ­allem fröhliche Gottesdienste, liebevolle Lesungen, selbst wenn nur drei Leute kommen. Ich wünsche mir, dass wir viel Mut entwickeln, Neues auszuprobieren, auch wenn wir nicht von vornherein wissen können, dass das erfolgreich ist. Rückschläge gehören dazu. Wir dürfen uns davon nicht entmutigen lassen. Wir wissen doch, dass nicht wir, sondern Christus selbst die Kirche baut.

Ich freue mich jedenfalls auf meine Arbeit hier.

Einführung: 30. September, 14 Uhr, Unterkirche Bad Frankenhausen

Begeisterung im Glauben füllt keine Brieftasche

28. September 2012 von redaktionguh  
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Such, wer da will, Nothelfer viel … Lass mich doch nicht von deinem Licht durch Eitelkeit vertreiben.
Evangelisches Gesangbuch 346,
Strophe 1, Vers 2; Strophe 4, Verse 3+4

Nur ein Ziel, nur einen Nothelfer zu haben – das wirkt sehr enthusiastisch. Hieraus spricht die unbedingte Bereitschaft, an Christus zu glauben und sich durch nichts davon abbringen zu lassen. Was uns vom Licht Christi vertreibt, wird auch benannt: die Eitelkeit. Das lateinische Wort »Vanitas«, das Eitelkeit bedeutet, kann auch mit »leerer Schein, Nichtigkeit, Lüge, Prahlerei, Misserfolg oder Vergeblichkeit« übersetzt werden. Im übertragenen Sinne, glaube ich, meint der Textdichter Georg Weissel, dass die typischen schlechten Eigenschaften eines Menschen und sein Streben nach Nichtigkeiten das größte Hindernis sind, dem Wort Gottes Gehör und auch sein Herz zu schenken. Insofern sind diese Worte zeitlos und bis heute aktuell.

Clemens Bosselmann, Kantor in Zeitz

Clemens Bosselmann, Kantor in Zeitz

Wir lassen uns durch die Verlockungen unserer Zeit leicht beeinflussen und sind bereit, leeren Worten von Menschen, die uns Geld oder Macht (Nichtigkeiten) versprechen, eher zu folgen als dem Wort Gottes. Die modernen Medien, die uns alles und jeden schnell erreichen lassen, unterstützen dies noch. Dabei wäre es einfach, sich diesem Treiben zu entziehen. Wenn wir nun zum Beispiel auf die vierte Strophe des Liedes für diese Woche schauen, stellen wir schnell fest, dass die Worte eine nicht zu brechende, strahlende Begeisterung haben, die schnell ansteckt, gerade, wenn man die Strophe singt und nicht nur liest. Eine solche Begeisterung im Glauben füllt vielleicht nicht die Brieftasche, wohl aber Herz und Seele.

Ja, diese Strophe strahlt tatsächlich! Die Hauptwörter besitzen alle einen gewissen Glanz, sei es durch einen beschriebenen glänzenden Gegenstand (Kron) oder durch Assoziationen, die man vielleicht hat (Licht, Sonn, Ehr), die zumindest bei mir Helligkeit in den Gedanken erzeugen. Die »Eitelkeit« wird durch soviel Glanz nahezu erdrückt.
Clemens Bosselmann, Kantor in Zeitz

»Zuhörende Kirche«

26. September 2012 von redaktionguh  
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Der Kirchenkreis Elbe-Fläming macht auf eine Grundtugend aufmerksam

»Zuhörende Kirche« hat der Kirchenkreis Elbe-Fläming sein Projekt genannt, das er beim Gemeindekongress am 13. Oktober in Halle präsentieren will. Zuhören – eine Beichte auf evangelisch? Nein, mit Beichte hat das Projekt, das sich in Halle dem Praxistest stellen wird, nichts zu tun. »Übrigens gibt es auch in der evangelischen Kirche Beichte; sie wird nur nicht wahrgenommen«, sagt Pfarrer Reinhard Simon aus dem Kirchspiel Genthin.

»Zuhörende Kirche« setze aber ganz grundsätzlich an: Das Zuhören sei doch eine Grundgabe der Kirche. Sie sei der Ort, wo Menschen ins Gespräch kommen darüber, was sie bewegt. Er habe schon oft im Kirchenkreis erlebt, dass dort etwas Unerwartetes entsteht, wo sich Räume leise öffnen und Zuhören möglich wird, erzählt der promovierte Theologe, der als Leiter des Ausschusses für Fragen des kirchlichen Lebens im Kirchenkreis vielleicht auch ganz besonders ein zuhörendes Ohr hat. Aus diesem Ausschuss heraus hat sich die Arbeitsgruppe für das Gemeindekongress-Projekt gefunden.

Wir reden und reden – aber hören wir auch zu? Zuhören als eine Grundtugend der Kirche, aus der heraus sich Gespräche entwickeln, soll beim Gemeindekongress erlebbar werden. – Foto: Somenski/Fotolia

Wir reden und reden – aber hören wir auch zu? Zuhören als eine Grundtugend der Kirche, aus der heraus sich Gespräche entwickeln, soll beim Gemeindekongress erlebbar werden. – Foto: Somenski/Fotolia

Einen Raum zum Zuhören schafft der Kirchenkreis beim Gemeindekongress mit acht Stellwänden, die sozusagen das Ohr bilden. Im Inneren ist Platz für mehrere Personen, die reden wollen, und für Zuhörende. Es wird immer jemand dort sein, der zuhört. Der aber auch ins Gespräch kommt oder die Beteiligten miteinander ins Gespräch bringt. Über Gemeinde, was sie bewegt oder was sie nicht bewegt. Über eigenes Erleben. Es soll ein offener Austausch sein, der ein Kommen und Gehen der Beteiligten einschließt. Eine geschlossene Gesprächssituation, die irgendwann endet und erst nach einer Pause mit neuen Beteiligten wieder beginnt, soll das nach Aussage der Organisatoren nicht sein.

Der Kirchenkreis will damit Kirche als Erfahrungsraum präsent machen, in dem es nicht vor allem um Aktivitäten geht, sondern um eine Begegnung mit der Gegenwart Gottes. Ein Raum, der Lebens- und Glaubenskommunikation ermöglicht. Damit werde eine eigenständige Grundidee aus dem Wesen der Kirche einer eher projektorientierten Kirche entgegengesetzt, so Pfarrer Simon.

Die Außenseiten der »Ohrmuschel« gestalten Gemeinden aus dem Kirchenkreis. Sie erzählen von Erfahrungen mit Projekten unter dem Kongress-Motto »Lass wachsen«. Die Jugendkanufahrten von Möckern, das Büro zur Förderung von Vielfalt und Toleranz in Burg, Spiritualität im Alltag als Langzeitprozess in Genthin und andere Vorhaben stehen als Beispiel für das, »was wir im Kirchenkreis probiert haben und worüber wir ins Gespräch kommen können«, beschreibt Reinhard Simon die »Ohrmuschel«. Er freue sich, dass mit einigen dieser Projekte Türen aufgestoßen wurden zu Menschen, die bisher wenig Kontakt zur Kirche hatten. Es sei im Kirchenkreis viel versucht worden, um Menschen zum Glauben oder wieder zum Glauben zu führen. Für ihn ist mit dem Zuhören aber ein elementarer Bestandteil der Kirche gemeint, der größere Beachtung braucht.

Im Inneren der »Ohrmuschel« soll ein kurzer Videoclip laufen, in dem Beteiligte der Gemeinde-Projekte von der Außenseite von ihren Erlebnissen berichten – eine Anregung, eigene Erlebnisse und Erfahrungen zu erzählen. Aber auch die Einladung zuzuhören. Das Thema »Lass wachsen« und wie es in den Gemeinden wahrgenommen, wird biete viele Anknüpfungspunkte für ein Gespräch, so Reinhard Simon.

Auf die Wirkung ihres Projektes beim Gemeindekongress und auf nachhaltige Ergebnisse sind die Mitglieder der Arbeitsgruppe gespannt.

Renate Wähnelt

Botschaft lautet Neuanfang

25. September 2012 von redaktionguh  
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Walldorf diskutiert über die künftige Gestalt der Kirche

Kurz vor Ostern verlor die Kleinstadt Walldorf in Südthüringen mit dem Großfeuer auf der Kirchenburg ihr historisches Gesicht. Inzwischen laufen die Vorbereitungen für den Wiederaufbau.

Irritiert betrachten die Radwanderer die verkohlten Balken und den rußgeschwärzten Kirchturm. Der Reiseführer für ihre Tour durch Südthüringen beschreibt die Kirche von Walldorf noch als sehenswerten und intakten Bau. Doch mit der Brandkatastrophe vom 3. April wurde diese Beschreibung innerhalb von nur wenigen Stunden hinfällig. Die weithin sichtbare Landmarke der Kirchenburg im Werratal ist seither eine ausgebrannte Ruine.

Die Walldorfer Kirche nach dem Brand – Foto: Wolfgang Swietek

Die Walldorfer Kirche nach dem Brand – Foto: Wolfgang Swietek

Das Großfeuer machte auch das Lebenswerk des 58-jährigen Gemeindepfarrers Heinrich Freiherr von Berlepsch weitgehend zunichte. Denn er hatte maßgeblichen Anteil daran, dass die Kirche in den vergangenen 25 Jahren zu einem Schmuckstück der Region um Meiningen geworden war. Fotos aus der Zeit vor der Brandkatastrophe zeigen einen lichten Innenraum mit Altar und Kanzel, einer prächtigen barocken Orgel und hölzernen Emporen in einladenden Weiß- und Pastelltönen.

Von alledem ist nichts geblieben. Gleichwohl hält sich der Pfarrer beim Rundgang durch die Kirchenruine nicht lange bei der Vorgeschichte auf. Selbst unter dem Eindruck der Katastrophe habe er stets versucht, den Blick nach vorn zu richten, sagt er: »Ich wollte den Menschen bei aller Trauer Hoffnung geben.« Dazu gehörte neben der Bestimmtheit, mit der er von Anfang an vom Wiederaufbau sprach, auch die frühzeitige Diskussion um die künftige Gestalt der Walldorfer Kirche.

Als Theologe habe ihn vor allem die Frage interessiert, welche Botschaft von dem Unglück ausgehe. »Die Antwort für mich lautete: Neuanfang.« Die meisten Menschen in der Kleinstadt mit rund 2000 Einwohnern hätten darauf durchaus positiv reagiert, berichtet der Pfarrer und verweist auf die rege Beteiligung an der Debatte um den Innenraum der Kirche. Dafür hat das Großfeuer neue Perspektiven eröffnet, weil architektonische Details wie Fenster und Bögen sichtbar wurden, die bisher verbaut oder zugemauert waren.

Wenn Pfarrer von Berlepsch von einer »Kirche des 21. Jahrhunderts« spricht, denkt er an einen sparsam ausgestatteten Kirchenraum, dem historisches kirchliches Kunstgut mit ausgewählten Stücken seinen sakralen Charakter verleiht. Wenig Gegenliebe indes finde bei den Walldorfern eine »moderne« Kirche mit viel Stahl und Glas, sagt er. Auch der von der Denkmalpflege geforderte Außenputz für Turm und Kirchenschiff mit der markanten Bruchsteinfassade sei umstritten.

Die endgültigen Festlegungen sollen in einem Architekturwettbewerb erarbeitet werden. Der Gemeindepfarrer ist optimistisch, dass der Wiederaufbau innerhalb von drei Jahren zu schaffen ist. Schließlich sei das den Walldorfern nach dem großen Kirchenbrand von 1634 schon einmal gelungen, sagt er. Trotz der Finanzierung des Millionenvorhabens durch Versicherungsleistungen bleibt der Kirchengemeinde ein Eigenanteil von rund 200000 Euro. Auf dem Spendenkonto sind bereits über 120000 Euro eingegangen. Die Spenden zeugen von einer engen Verbundenheit mit dem markanten Baudenkmal, das einst die nördlichste Grenzbastion des Bistums Würzburg war. Als bischöfliche Festung erhielt die alte fränkische Wehranlage zunächst eine romanische Kapelle und 1587 eine erste Kirche. Sie wurde zum zentralen Gebäude einer Kirchenburg, deren Ringmauern den Menschen bei Kriegen und bewaffneten Fehden Schutz und Zuflucht bieten sollten.

Bereits im Oktober soll das Areal für Besichtigungen auf der Baustelle zugänglich sein. Schließlich sollen die Walldorfer auch weiterhin mit einbezogen werden in den Wiederaufbau. Dessen Ziel hat Pfarrer von Berlepsch in den vergangenen Wochen mehrfach deutlich benannt: »Zu Weihnachten 2013 läuten wieder unsere Glocken«, gibt er sich überzeugt.

Thomas Bickelhaupt (epd)

www.kirchenburg-walldorf.de

Kein Recht zum Töten

24. September 2012 von redaktionguh  
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Täglich sterben Menschen, werden Gebäude zerstört: Ägypten, Libyen, Jemen, Sudan, Libanon … Am Dienstag gab es in Afghanistan zwölf Tote durch eine Selbstmordattentäterin. Die westliche Welt steht ohnmächtig vor den Trümmern ihrer Politik, die zu wenig auf das Herz der islamischen Welt geschaut hat, mehr auf eigene Vorteile und so auch Diktatoren unterstützte oder wenigstens tolerierte.

Der Mohammed-Schmähfilm, der es nicht wert ist, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen, hat den Extremisten in die Hände gespielt. Die Islamisten selbst haben diese Aufmerksamkeit weltweit angestachelt und den Film für ihren Hass und ihre Ziele genutzt. Es ist tragisch, dass die Wut von Menschen geschürt wird, die die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft brauchen. Sie werden in die Irre geführt, auch in einen Irrglauben. Gibt es einen Weg aus diesem Dilemma? Können Staaten, wenn ihre Diplomaten getötet werden; können Christen, wenn ihre Kirchen angegriffen werden, die zweite Wange hinhalten? Ist der ­radikale friedliche Weg Jesu eine Alternative?

Es täte zunächst Not, in den Spiegel zu schauen und die eigenen Fehler der Vergangenheit im Umgang mit den arabischen Ländern aufzuarbeiten. Es täte Not, dass alle Religionen miteinander in ein offenes Gespräch kommen und ein friedliches Miteinander suchten. Vor allem Christen und Muslime müssen nun gemeinsame Wege finden, die Gewaltspirale anzuhalten. Denn die ist nicht im Sinne des Schöpfers dieser Welt.

Niemand kann gutheißen, wenn Gläubige – gleich welcher Religion – verspottet und religiöse Gefühle verletzt werden. Das gilt für alle Seiten! Dagegen muss man einschreiten. Ein Grund oder gar das Recht zum Töten und Zerstören ist damit keinem gegeben.

Dietlind Steinhöfel

Das Geschenk der Hoffnung annehmen

22. September 2012 von redaktionguh  
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Wer täglich hier durch wahre Reu mit Christus auferstehet, ist dort vom andern Tode frei, derselb ihn nicht angehet.
Evangelisches Gesangbuch 113, Strophe 6

Der Titel des Liedes »O Tod, wo ist dein Stachel nun?« für diese Woche lässt mich an die eindrucksvoll vertonte Textpassage in »Ein Deutsches Requiem« von Johannes Brahms denken. Mit »Denn wir haben hier keine bleibende Statt« beginnt der sechste Abschnitt des eben genannten Werkes, das im Karfreitagskonzert 1868 unter der Leitung des Komponisten im Bremer Dom uraufgeführt wurde. Weiter heißt es: »Wir werden nicht alle entschlafen, aber verwandelt werden.«

Ralf Wosch, Kreiskantor in Gera

Ralf Wosch, Kreiskantor in Gera

Gut 200 Jahre zuvor tobte in Deutschland der Dreißigjährige Krieg. Georg Weissel, ein Ostpreuße, der in Königsberg Musik und Theologie studierte, dichtete uns den Grundstock dieses Liedes gegen die Todesangst. Den Tod können wir nicht abschaffen, er ist Teil der Schöpfung. Doch »Christus Jesus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergänglich Wesen an die Macht gebracht«. Und so ist es das Wunder, dass es so ist. Wirklich alles, was ist, könnte ebenso gut auch nicht so sein, wie es täglich neu gemeinsam erhofft und erschaffen wird. Wie dankbar waren wohl die Menschen in dieser ungewissen Zeit über jedes Wiedersehen und die Hoffnung, die ihnen Gott nach dem Leben auf Erden schenkt.

Ist das heute anders? Nein, aber wie oft vergessen wir, geblendet von »ultimativen« Kicks, dass es doch täglich neu um den Schöpfer und die »wahre Reu« geht, um mit Jesus am Ziel zu stehen. Martin Luther, nach dessen zweiter Lieddichtung im Jahre 1523 »Nun freut euch, lieben Christen g’mein« dies Lied auch gesungen werden kann, schrieb: »Das christliche Leben besteht nicht im Sein, sondern im Werden, nicht im Sieg, sondern im Kampf, nicht in der Gerechtigkeit, sondern in der Rechtfertigung.« Nehmen wir das Geschenk unseres Lebens mit mutigen Ausblicken betend und handelnd in Empfang, so sei Gott gedankt.
Ralf Wosch, Kreiskantor in Gera

Straße der gotischen Flügelaltäre

21. September 2012 von redaktionguh  
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Ausstellung will Aufmerksamkeit auf Kostbarkeiten in den kleinen Kirchen lenken
In jedem Dorf eine Kirche, klein, uralt, nicht selten in schlechtem Zustand und ein wenig abseits der touristischen Straße der Romanik. Aber wert, beachtet zu werden. Um sie überregional bekannt zu machen, hat sich vor vier Jahren ein Förderverein gegründet, der sich auf eine Besonderheit dieser Kirchen im Kirchenkreis Elbe-Fläming besann: die Ausstattung, vor allem die gotischen Flügelaltäre. Und so wurde eine Straße gotischer Flügelaltäre ins Leben gerufen.

Gotische Flügelaltäre gibt es östlich von Magdeburg in beachtlicher Zahl. Dieser Schnitzaltar in der Kirche von Isterbies gehört zu den ältesten und stammt wohl aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, worauf die Pietà deutet. In den Flügeln sind Heilige dargestellt, links Georg und Kunigunde, rechts Laurentius und Katharina. – Foto: privat

Gotische Flügelaltäre gibt es östlich von Magdeburg in beachtlicher Zahl. Dieser Schnitzaltar in der Kirche von Isterbies gehört zu den ältesten und stammt wohl aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, worauf die Pietà deutet. In den Flügeln sind Heilige dargestellt, links Georg und Kunigunde, rechts Laurentius und Katharina. – Foto: privat

15 Orte auf einem Gebiet von knapp 100 Kilometer Durchmesser werden miteinander vernetzt. Denn gotische Flügelaltäre sind im Land der Reformation durchaus eine Besonderheit; nur im Raum Bitterfeld gibt es eine ähnliche Dichte, weiß Pfarrer Georg Struz dank der Forschungsarbeit. »Die Gemeinden, die sich der neuen Lehre anschlossen, waren nicht selten verlegen, wie sie mit ihrem vorreformatorischen Erbe umgehen sollten. Während andernorts das meiste verloren ging, verhielten sich die Lutheraner Mittel- und Norddeutschlands toleranter. Die wohlhabenden Gemeinden ersetzten schon mal das Retabel, das in der Regel eine Mariendarstellung mit dem Jesuskind und zahlreichen Heiligen beherbergte, durch einen Kanzelaltar. Andere reformierten die Altäre, indem sie die Flügel aushingen, einen Kruzifixus über dem Mittelschrein anbrachten oder die Figuren gänzlich entfernten und die leeren Felder neu gestalteten«, berichtet er.
In den Dörfern rund um Isterbies bei Loburg sind jedoch noch immer die Schnitz- und bemalten Altäre zu finden; zwei stammen sogar aus der Cranach-Werkstatt.
Nun rückt der Förderverein die Straße der gotischen Flügelaltäre mit einer Dauerausstellung im Renaissance-Anbau der Kirche in Isterbies in den Blickpunkt. Auf 16 Tafeln sind die Altäre aus allen 15 Orten im Ganzen und im Detail dargestellt und werden erläutert.
»Damit bekommt die einstige Gruft und Trauerhalle nach 40 Jahren Leerstand wieder eine Nutzung«, freut sich Pfarrer Struz. Und noch etwas gelang dem Förderverein: Er interessierte Menschen für Kirche, die bislang abseits standen. »Es ist ein niederschwelliges Angebot, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen«, hat Georg Struz erfahren.
Die Ausstellung wird am 22. September mit Andacht und kleinem Empfang feierlich eröffnet.

Renate Wähnelt

Andacht: 14 Uhr. Öffnungszeiten nach Vereinbarung unter E-Mail ev.pfarramt-loburg@t-online.de

Die Tochter – eine fremde Frau

21. September 2012 von redaktionguh  
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Thema: Am 21. September ist Weltalzheimertag

Die Gesellschaft wird älter und die Zahl der Pflegebedürftigen steigt. Wenn die geistige Kraft nachlässt, sind Angehörige oft ratlos.

Es ist schmerzhaft mit anzusehen, wie ein Mensch, der intel­ligent und angesehen im Beruf war, nach und nach geistig und körperlich abbaut. So beschreibt Anne* (38) ihre Gefühle. Bei der 76-jährigen Mutter wurden vor wenigen Jahren Parkinson und Demenz diagnostiziert. Sie und ihre Schwester Claudia* (50) hatten der Mutter versprochen, sie nicht ins Heim zu geben. Doch die beiden Frauen sind berufstätig, Claudia hat eine eigene Familie. Sie können die Betreuung nicht mehr schaffen, auch wenn mehrmals täglich der ambulante Pflegedienst kommt. Der Zustand der alten Dame wird immer schwieriger. »Wir haben ein schlechtes Gewissen, dass wir da nicht helfen können. Doch nun haben wir einen Heimplatz beantragt, weil wir denken, dass sie dort besser aufgehoben ist«, sagt Anne.

Rituale, wiederkehrende Abläufe, alte Fotos und vertraute Gegenstände sind für Menschen mit Demenz wichtig. Foto: Gabriele Rohde/Fotolia

Rituale, wiederkehrende Abläufe, alte Fotos und vertraute Gegenstände sind für Menschen mit Demenz wichtig. Foto: Gabriele Rohde/Fotolia

Susanne Götze kennt solche Situationen und die Gewissensbisse von Angehörigen. Sie ist die Leiterin des Sozialen Dienstes im Mathilde-Tholuck-Haus in Halle, dem bunten Haus im Mühlweg, einer Einrichtung der Diakonie speziell für Menschen mit Demenz. Orange, blau und grün – schon von außen ist das Haus etwas Besonderes. Im Inneren wiederholen sich die Farben. Auch die Zimmer­türen der Bewohner sind bunt. Außer dem Namen neben der Tür hängt dort ein Foto, das ist nicht immer aktuell. »Wir wählen die Bilder aus, auf denen sich die alten Menschen wiedererkennen«, sagt die 40-Jährige. Denn die meisten Dementen haben ihr eigenes Bild von sich selbst, eines aus jüngeren Jahren.

Sie rät Angehörigen, sich zeitgleich mit der Diagnose über Hilfen zu informieren. »Die meisten kommen viel zu spät, weil sie Schuldgefühle haben und sich immer wieder fragen, warum sie die Betreuung nicht schaffen«, hat die Sozialpädagogin erfahren. Sich rechtzeitig um einen Heimplatz zu ­bemühen heiße ja nicht, ihn sofort in Anspruch zu nehmen. Doch wenn die eigenen Kräfte nicht mehr ausreichen, dann sei ja nicht gleich ein Platz frei. Zudem sei es gut, mit dem Dementen im frühen Stadium ein Heim zu suchen, vielleicht noch eigene Wünsche zu berücksichtigen. Zum Beispiel die Frage von Einzel- oder Doppelzimmer. Nicht immer sei ein Einzelzimmer optimal, weil sich die Bewohner sehr einsam fühlten. Bekannte Möbelstücke könnten das Eingewöhnen ­unterstützen – eine Kommode mit Schubladen zum Kramen und alten Fotos.
Eine weitere Ursache, weshalb zu spät Hilfe gesucht wird, ist die Fähigkeit von Dementen, im Anfangs­stadium ihre Krankheit zu verstecken. »Manche können das lange kompensieren, erfinden Ausreden, warum sie zum Beispiel nicht kochen. Oder dem Ehepartner ist peinlich, die Mutter vor den Kindern in ihrer Schwachheit zu zeigen.«

Andere ertragen kaum, dass Vater oder Mutter sie nicht mehr erkennt und die Tochter zur »fremden Frau« wird. Im Mathilde-Tholuck-Haus haben Angehörige in einem monatlichen Gesprächskreis haben die Möglichkeit, sich untereinander auszutauschen. Zudem ist bei Schulungen der Gedächtnisambulanz des Diakoniekrankenhauses Gelegenheit zu lernen, mit solchen Situationen und der veränderten Persönlichkeit des Dementen umzugehen.

Der Tagesablauf der Bewohner ist streng strukturiert. Alles wiederholt sich: Anziehtraining, Essengruppe, Therapie. Das gibt ihnen Sicherheit. Für viele sei der wöchentliche Kurzgottesdienst ebenso ein unverzichtbares Ereignis, sagt Susanne Götze. Wiederkehrende Rituale, dieselben Lieder wecken Erinnerungen. Die Bewohner, die sonst oft unruhig sind, werden in dieser kurzen Zeit ruhig, weil sie es von Kindheit an gelernt haben, dass man in der Kirche ruhig ist.

Anne und Claudia erleben, wie sich ihre Mutter Tag für Tag verändert, die Schränke ausräumt und oft stürzt. Es ist für beide Seiten richtig, dass sie sich um einen Pflegeplatz bemühen.

Dietlind Steinhöfel

* Namen geändert

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