Pietistischer Weltverbesserer

30. Januar 2013 von redaktionguh  
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Jubiläum: In Halle wird 2013 an den 350. Geburtstag des Theologen und Pädagogen August Hermann Francke erinnert

Das, was er predigte, setzte er in die Tat um. Mit seinem einzigartigen Sozial- und Bildungswerk schrieb Francke Geschichte.

Vier »Thaler« und 16 Groschen soll August Hermann Francke (1663–1727) der »Armenbüchse« seiner Gemeinde in Glaucha bei Halle entnommen haben. Diese bescheidene Summe bildete den Grundstock für sein großes Lebenswerk, das bis heute fortwirkt.

Am 22. März jährt sich zum 350. Mal der Geburtstag des Theologen und Pädagogen. Für die Franckeschen Stiftungen, wie das von ihm gegründete pietistische Sozial- und Bildungswerk in Halle heute heißt, ist das ­Jubiläum Anlass, an sein Leben und Wirken mit einem umfassenden Programm zu erinnern. Sie haben es unter das Thema »Vision und Gewissheit. Franckes Ideen 2013« gestellt. Ausgehend von seinen umfassenden Reformen soll eine Brücke in die ­Gegenwart geschlagen werden: Was bedeuteten gesellschaftliche Teilhabe sowie Zugang zur Bildung und soziale Gerechtigkeit am Beginn des 18. Jahrhunderts? Und was bedeuten sie heute? Das Jubiläum ist zudem zentraler Teil des Themenjahres der Lutherdekade »Reformation und Toleranz«.

Ein Vorhaben ist die große Ausstellung unter dem Motto »Die Welt verändern. August Hermann Francke – Ein Lebenswerk um 1700«, die vom 24. März bis 21. Juli im Historischen Waisenhaus zu sehen ist. »Sie wird ihn im Kontext seiner Zeit zeigen«, sagt die Mitarbeiterin für Öffentlichkeits­arbeit Friederike Lippold. Unter den rund 300 Exponaten seien auch solche, die noch nicht öffentlich zu ­sehen waren. »Außerdem wollen wir Themen setzen und schärfen«, so Lippold, zum Beispiel Franckes Ansichten zur Mädchenerziehung und -bildung. Kernthemen sind der Aufstieg der ­Naturwissenschaften, die Krise der Frömmigkeit und der Beginn der Globalisierung. Die Ausstellung wird zeigen, wie August Hermann Francke auf die Probleme seiner Zeit reagierte und wo die Grenzen seines Ansatzes »Weltverbesserung durch Menschenverbesserung« lagen.

Den »Freund der Kinder«zeigt ein Denkmal auf dem Gelände der Franckeschen Stiftungen. Foto: Jens Schlüter

Den »Freund der Kinder«zeigt ein Denkmal auf dem Gelände der Franckeschen Stiftungen. Foto: Jens Schlüter

Als August Hermann Francke aus dem sächsischen Leipzig in das preußische Halle kam, um als Professor an der Universität zu lehren, lagen Auseinandersetzungen mit der lutherischen Orthodoxie und eine Glaubenskrise hinter ihm. 1695 begann der Pfarrer damit, Kinder in seiner Gemeinde Glaucha vor den Toren der Stadt zu unterrichten. Der tägliche Anblick von Armut und Elend ließ in ihm einen Entschluss reifen: Am 18. September 1698 legte er den Grundstein für ein Waisenhaus in Halle und damit für sein Lebenswerk.
Daraus entwickelte sich innerhalb von 30 Jahren eine eigene Stadt, die aus Schul- und Wohnhäusern, Werkstätten, Gärten, einer Apotheke und anderen anstaltseigenen Betrieben bestand. In ihr lebten bis zu 2500 Menschen.

Ohne sein ökonomisches Geschick wäre Franckes Werk wohl nie so weit gediehen. Der Verkauf von Arzneimitteln und Büchern waren nur zwei Wege, den Unterhalt der Einrichtung zu sichern. Dabei nutzte er technische Innovationen. Ab 1710 wendete er – erstmals in Deutschland – in der Druckerei die Technik des Stehenden Satzes an. Die Cansteinsche Bibelanstalt Halle produzierte Millionen Bibeln, die preiswert und von gleichbleibender Qualität waren. Sie fanden den Weg auch in die Haushalte einfacher Menschen. Der Weg zur privaten Lese­kultur war geebnet. Das Ergebnis von Franckes Vorstellungen als Bauherr ist nahezu vollständig erhalten: Zum Gebäudeensemble rund um den Lindenhof der Stiftungen gehören das längste Fachwerkhaus Europas und der älteste profane Bibliotheks-Zweckbau Deutschlands. Die Stiftungen streben eine Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste an.

Als Theologe brachte Francke das lutherische Christentum durch von Halle ausgesandte Missionare in entfernte Weltgegenden. Der Pädagoge Francke gründete das erste Lehrerbildungs­seminar Deutschlands. In seinen Schulen stellte er die Biografie des einzelnen Kindes in den Mittelpunkt und riss mithilfe des durchlässigen Schulsystems Bildungsschranken ab. Auch das erste Kinderkrankenhaus Deutschlands und der erste Schulgarten waren in den Stiftungen zu finden. Wegweisend – nicht nur für das preußische Sozialwesen – war Franckes Waisen- und Armenfürsorge.

Sein Waisenhaus wurde zum Vorbild für entsprechende Einrichtungen, die zum Beispiel Johannes Daniel Falk (1768–1826) oder Johann Hinrich Wichern (1808–1881) gründeten.
Am 12. April 1713 besuchte der junge Preußenkönig Friedrich Wilhelm I., für den der Pietismus die feste religiöse Basis im Leben war, Halle und die Stiftungen.

Mit einer Tagung zu den wechselseitigen Beziehungen von Preußentum und Pietismus haben die Stiftungen Mitte Januar das Jubiläumsjahr ­eröffnet. Der nächste Höhepunkt ist die traditionelle Francke-Feier im März rund um den Geburtstag des Stiftungsgründers. Am 23. März wird Bundespräsident Jochim Gauck in seinem Festvortrag August Hermann Francke würdigen.

»Die Gewissheit, dass ihm sein Werk gelingen würde, hat er aus dem Glauben genommen«, sagt Friederike Lippold. Franckes Leitmotiv und Hoffnung sind in Halle in Stein gemeißelt nachzulesen. Den Giebel des Haupthauses der Stiftungen zieren zur Sonne emporsteigende Adler und dazu der Spruch aus Jesaja 40,31: »Die auf den Herrn harren kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler.«

Angela Stoye

www.francke-halle.de

Tansania-Partnerschaft mitgestaltet

29. Januar 2013 von redaktionguh  
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Die Afrikanistin Irmtraud Herms aus Halle ist 70 Jahre alt geworden

Das Jahr 1960 war entscheidend für das Leben vieler Menschen. Es ist als »Afrikanisches Jahr« in die Geschichte eingegangen. Denn gleich 17 afrikanische Staaten erlangten die Unabhängigkeit von ihren Kolonialherren. In Halle verfolgte eine damals 17-Jährige voller Aufmerksamkeit die Entwicklung. Um diese Zeit fiel der Schülerin Irmtraud Herms auch ein Buch über den Friedensnobelpreisträger und »Urwaldarzt« Albert Schweitzer in die Hände. Das alles und ihr Interesse für Sprachen und andere Völker gaben für ihr weiteres Leben die Richtung vor. So hatte sie das Glück, zu den ersten Studenten am neu eingerichteten Afrika-Institut der Universität Leipzig zu gehören. Dort studierte sie von 1962 bis 1967 Afrikanistik und Sprachwissenschaft, promovierte 1972 und arbeitete bis zu ihrem Eintritt in den Ruhestand 2003 als wissenschaftliche Assistentin beziehungsweise Mitarbeiterin in Lehre und Erforschung der afrikanischen Sprachen – vor allem Swahili und Hausa. Am 25. Januar feiert Irmtraud Herms ihren 70. Geburtstag. Eine Karriere an der Universität blieb ihr verwehrt. Aber als Afrika-Fachfrau hat sie die Geschichte der 1976 begonnenen Partnerschaft zwischen der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen (KPS) und der »Südlichen Zone« der Evangelisch-Lutherischen Kirche Tansanias (ELCT), die das ehemalige Gebiet der Berliner Mission umfasst, mitgeschrieben. Damals gab es einen Grundsatzbeschluss derEvangelischen Kirche der Union, diese Partnerschaft besonders der KPS zuzuordnen.

Hand in Hand: Irmtraud Herms und die Schülerin Irmtraud, Kind der Familie eines Evangelisten. Foto: Reinhard Hentze

Hand in Hand: Irmtraud Herms und die Schülerin Irmtraud, Kind der Familie eines Evangelisten. Foto: Reinhard Hentze

Schon in den 1970er Jahren begleitete Irmtraud Herms tansanische Gäste, die die Kirchenprovinz Sachsen besuchten. Von 1981 bis 1983 leitete sie den ersten Swahili-Sprachkurs für kirchliche Mitarbeiter, gab später Sprachkurse in Magdeburg, am Ökumenisch-Missionarischen Zentrum Berlin und bis heute immer wieder in Halle. Besonders freut es sie, dass aus ihrer Kirchengemeinde »junge Menschen Feuer für die Sprache und die Partnerschaft gefangen haben«. 1987 durfte sie Bischof Christoph Demke als Dolmetscherin auf seiner Tansania-Reise begleiten. 1991 gehörte sie der KPS-Delegation an, als »100 Jahre Evangelium im Süden Tansanias« gefeiert wurde. Die Wende ermöglichte es, dass sie von 1995 bis 1998 an der Sprachschule der ELCT in Morogoro Ausländer in Swahili unterrichten konnte. »Das war eine schöne Zeit mit vielen interessanten Begegnungen, aber sie war nicht leicht«, erinnert sie sich. Denn Unterrichtssprache war Englisch – und da hatte sie viel nachzuholen. Einfacher war es bei den Kontakten zu den Menschen in Tansania. »In der evangelischen Kirche dort habe ich mich schnell heimisch gefühlt«, so Irmtraud Herms. Denn aufgrund der Geschichte gebe es doch sehr viel Verbindendes. Ihre Fachkenntnisse brachte sie unter anderem in den »Kirchlichen und Theologischen Wortschatz Swahili–Deutsch« (Berlin 1991) und 2006 in die Publikation zum 30-jährigen Bestehen der Partnerschaft ein.

Der Saalestadt Halle und ihrer Kirchengemeinde ist Irmtraud Herms immer treu geblieben. Sie gehört dem Gemeindekirchenrat der Paulusgemeinde an und engagiert sich zusätzlich in Altenarbeit und Besuchsdienst. Und sie dient, wie sie sagt, gern als »Motor« und »Brücke« in der Partnerschaft, die ihre Kirchengemeinde seit 1985 nach Ukalawa im Südwesten Tansanias unterhält. Gingen früher regelmäßig Briefe hin und her, sind es heute auch Mails. Ganz wichtig sind gegenseitige Besuche. »Dabei können wir von unseren Partnern lernen, wie man auch unter einfachen Bedingungen fröhlich Gott loben und öffentlich beten kann«, sagt sie. Bei ihren Besuchen hat sie die seelsorgerische und diakonische Arbeit, die die Evangelisten in den Dörfern leisten, kennen und schätzen gelernt. Seit 1991 setzt sie sich besonders für das Schulgeldprojekt ein. Inzwischen unterstützt die Paulusgemeinde jährlich etwa 300 Jugendliche bei der Oberschul- und Berufsausbildung. Viele Pfarrer, Lehrerinnen, Maurer und andere Handwerker oder Krankenschwestern und sogar ein Priester sind ausgebildet worden. Was Irmtraud Herms – nicht nur an ihrem 70. Geburtstag – freut, ist der Lohn für diesen Einsatz: »Sie unterstützen inzwischen selbst Bedürftige und geben uns Dank zurück.«

Mit der Gründung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) ist die Tansania-Arbeit beim Leipziger Missionswerk angesiedelt. »Wir Ehrenamtlichen an der Basis halten die über Jahrzehnte gewachsenen Verbindungen aufrecht«, sagt Irmtraud Herms, und hat dabei nicht nur ihre eigene Gemeinde im Blick. »Denn das ist unser kleiner Beitrag zu einem friedlichen Zusammenleben zwischen Völkern und Kulturen.«

Angela Stoye

Feindschaften begraben

29. Januar 2013 von redaktionguh  
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Es geht doch. Seit 50 Jahren sind die einstigen »Erzfeinde« freundschaftlich verbunden. Franzosen und Deutsche haben nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges zueinander gefunden und nicht nur einen Vertrag unterschrieben, sondern sowohl auf politischer als auch auf menschlicher Ebene Versöhnung gelebt.

Und angesichts des Holocaust-Gedenktages am 27. Januar können Menschen in Deutschland sagen: Juden, Christen, Muslime, Menschen unterschiedlicher Religionen und Nichtgläubige haben Platz in unserem Land. Sie leben Tür an Tür, spielen miteinander Fußball, lernen in derselben Klasse oder stehen nebeneinander am Arbeitsplatz, sind in Parteien vertreten und fühlen sich als Deutsche.
Das klingt nach paradiesischen Verhältnissen. Wenn da nicht auch die andere Seite der Medaille wäre: Extremismus in vielfältiger Form, Abschiebung von Schutzsuchenden, Gewalt gegen Andersdenkende oder Andersaussehende und Vorurteile gegenüber Migranten oder Asylbewerbern – die Nachrichten bringen uns solche Meldungen täglich ins Haus.

Deshalb ist ein Tag wie der Holocaust-Gedenktag eine gute Möglichkeit, die guten Entwicklungen im Miteinander genauso zu betrachten wie die Schwierigkeiten. Vor unserer Haustür haben wir vor 50 Jahren angefangen, eine alte Feindschaft zu begraben. Fangen wir vor unserer Haustür an, andere Feindschaften und Vorurteile zu begraben. Ein Weg dazu ist, sich über das Leben der anderen zu ­informieren, sie einzuladen und mit ihnen zu reden.

Denn die Erfahrung seit der Unterzeichnung des Elysée-Vertrags am 22. Januar 1963 zeigt: Versöhnung ist möglich – im Großen wie im Kleinen, in der Weltpolitik und der Politik im eigenen Land, in der Famile und der Nachbarschaft oder in der Kirchengemeinde.

Dietlind Steinhöfel

Integration ist keine Einbahnstraße

28. Januar 2013 von redaktionguh  
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Interview: Aufklärung über das Schicksal der Juden ist für Reinhard Schramm ein wichtiger Baustein zur Integration

Am 27. Januar 1945 wurde das KZ Auschwitz befreit. 2005 erklärten die Vereinten Nationen diesen Tag zum Gedenktag für die Opfer des Holocaust. Dietlind ­Steinhöfel sprach mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm.

Herr Professor Schramm, Sie sind Deutscher mit DDR-Geschichte und nicht religiös erzogen. Wann haben Sie von den Hintergründen Ihres Schicksals erfahren?
Schramm:
Meine Mutter hat mir von sich aus nichts erzählt. Als ich zehn, elf Jahre alt war, fand ich einen Schuhkarton mit Dokumenten in unserem Kleiderschrank, die mein Vater während der Nazi-Zeit gesammelt hatte. Insbesondere die Briefumschläge aus dem KZ besaßen etwas Bedrohliches, ohne dass ich das bis zum Ende verstand. Wir hatten ja auch keine Familienfeiern, sondern es gab Tage, an denen meine Mutter weinte. Als ich fragte, erfuhr ich, dass an dem Tag vor soundso viel Jahren die Großmutter umgebracht wurde, der Bruder … das waren meine »Familienfeiern«: Tage, wo geweint wurde.
Meine Mutter war für mich die wichtigste Autorität. Wenn sie der Meinung war, nach dem, was dem jüdischen Volk passiert ist, gibt’s keinen Gott oder es ist der Gott von anderen, da habe ich das hingenommen.

Sie haben sich schon in jungen Jahren mit dem Judentum und Israel befasst. Hat das Ihren späteren Weg zum Glauben geebnet?
Schramm:
Ich bin von meiner Mutter und mit unserer Familiengeschichte erzogen worden. Meine Mutter war nicht rachsüchtig, aber sie hatte ihre Jugend verloren, vor allem ihre Familie. Mein christlicher Vater war schwer herzkrank geworden und ist kurz nach unserer Befreiung gestorben. Bis Anfang 1945 hatte seine Standhaftigkeit unser Leben geschützt. Als ab Februar 1945 auch die »Mischehe« ihren Schutz verloren hatte, rettete das Ehepaar Sperber meine Mutter und mich. Die Familienerfahrung hat mich geprägt. Beim Eichmannprozess 1961 entdeckte meine Mutter auf der Richterbank ihren Schulfreund aus Weißenfels, Ernst Levi. Der hieß inzwischen Dr. Benjamin Halevi. Er war 1933 emigriert und wurde der erste deutsch-jüdische Richter im englischen Mandatsgebiet Palästina. Dieses »Wiedersehen« war so emotional, wie ich es von meiner Mutter nicht kannte. Ich begann damals, Briefe zu schreiben an Überlebende in Israel und den USA und die Familiengeschichte und alles, was Juden passiert war, zu verstehen.

Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen in der Neuen Synagoge Erfurt. Foto: Jens-Ulrich Koch

Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen in der Neuen Synagoge Erfurt. Foto: Jens-Ulrich Koch

Den Weg zum Glauben hat mir eröffnet, dass ich bis heute das Gefühl habe, Juden – anders als Christen heute – sind nicht nur eine Religionsgemeinschaft, sondern auch eine Schicksalsgemeinschaft. Und dass im Ernstfall Juden in einem Boot sitzen oder – schärfer gesagt – in derselben Gaskammer sterben. Meine Großmutter war eine religiöse, unpolitische Jüdin und ist in derselben Gaskammer in Bernburg wie die deutsch-jüdische Kommunistin Olga Benario-Prestes umgebracht worden.
Ich sah wie meine Mutter im Sozialismus eine Alternative zum Nazionalsozialismus. 1987 – kurz vor ihrem 80. Geburtstag – kehrte meine Mutter wieder in die jüdische Gemeinde zurück. Warum sie sich nach 40 Jahren wieder der Religion zuwandte, habe ich sie nicht gefragt. Selbst als Erwachsener empfand ich die Entscheidungen meiner Mutter als etwas Unumstößliches.

Nehmen Sie Antisemitismus unter Christen wahr?
Schramm:
Ich schätze insbesondere die christlichen Aktivisten, die zur Versöhnung beitragen, sich in der Friedensbewegung, der Spurensuche und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft engagieren. Sie tun das unabhängig von Karrierezwängen und Wahlterminen. Da spielen Namen für mich eine Rolle wie Ricklef Münnich, Ilse Neumeister oder Pröpstin Elfriede Begrich. Das sind Personen, die für mich in Thüringen eine Vertrauensbasis geschaffen haben. Auch mein Verhältnis zum katholischen Altbischof Joachim Wanke oder zur evangelischen Landesbischöfin Ilse Junkermann ist durch großes Vertrauen geprägt. Hochachtung empfinde ich gegenüber Christen, die sich an der Stolperstein- und DenkNadel-Bewegung beteiligen. Diese Leute sind in der Regel nicht persönlich betroffen wie wir Juden; sie tun es aus Verantwortung gegenüber der Geschichte.
Natürlich weiß ich auch, dass nicht jeder, der getauft ist, christlich handelt. Wir dürfen nicht unterschätzen, was jahrtausendlanger Antijudaismus der Kirchen an Klischees und Voreingenommenheiten hinterlassen hat.

Kommt daher die Unsicherheit vieler im Umgang mit Juden oder Israel?
Schramm:
Die sehe ich vor allem im Wissensmangel – quer durch Parteien und Religionsgemeinschaften. Manche können sich nicht vorstellen, was jüdische Familien erlebt haben und wie sich das in diesen Familien bis heute auswirkt.
Kritik an israelischer Politik ist oft berechtigt. Berechtigte und unberechtigte Kritik sind auch in einer Demokratie wie Israel etwas Normales. Nicht hinzunehmen ist jedoch, wenn jemand direkt oder indirekt das grundsätzliche Existenzrecht Israels infrage stellt. Unabhängig von der aktuellen israelischen Regierungspolitik gehört es zur deutschen Verantwortung, das Existenzrecht Israels als jüdischer Nationalstaat zu verteidigen und Antisemitismus engagiert zu bekämpfen. Man sollte nicht nur einseitig das Leid der Palästinenser sehen und die Existenzangst des jüdischen Volkes übersehen. Manche vergessen, dass die arabischen Länder über Jahrzehnte das palästinensische Flüchtlingsproblem und damit das Leid der Flüchtlinge bewusst bestehen ließen, während Israel in derselben Zeit eine etwa gleich große Anzahl von Flüchtlingen und Vertriebenen aus arabischen Ländern integriert hat. Die historische Verantwortung verlangt von Deutschland eine prinzipielle Solidarität mit Israel, die garantiert, dass dieses Land wie jedes andere unabhängig von der aktuellen Regierungspolitik existieren kann und dass ein staatlicher Antisemitismus muslimischer Länder, in dem deren Jugend erzogen wird, entschieden zu verurteilen ist.

Wie könnte eine gute Zukunft in Thüringen bzw. Deutschland aussehen?
Schramm:
Für mich sind Wissensvermittlung und Dialog wichtig. Ich spreche fast monatlich mit rechtsradikalen Jugendlichen im Weimarer Gefängnis. Man hat die Möglichkeit, junge Menschen zu ändern, wenn man mit ihnen spricht, wenn man Wissen vermittelt. Wir möchten unsere jüdische Jugend aus den Einwandererfamilien in Thüringen verwurzeln. Dazu gehört auch ein gutes Verhältnis zwischen Juden und Christen. Gemeinsame Gottesdienste, gemeinsame Veranstaltungen, gemeinsames Engagement gegen Extremismus. Das sind Betätigungsfelder, die auszubauen sind. Je mehr Gemeinsamkeiten praktiziert werden, umso besser fühlen sich Juden in Thüringen und umso mehr werden sie verstanden. Unser Ziel ist auch in Thüringen ein starkes, selbstbewusstes Judentum. Das ist ein steiniger Weg, denn die Ausgangssituation ist schwierig.

Wir haben gemeinsam – Juden und Christen – auch in der Europäischen Union eine Verantwortung wahrzunehmen. Ich sehe große Probleme in Bezug auf Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus in einigen eruopäischen Ländern, größere als in Deutschland. Mich erschreckt die Diskriminierung von Sinti und Roma. Selbst zahlreiche Morde sind zu verzeichnen, ohne dass Europa aufschreit. Ein Verhalten, als hätte man den Völkermord an den europäischen Sinti und Roma bereits vergessen. Als jüdische Gemeinde wenden wir uns gegen jede Art von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, den Antiislamismus eingeschlossen.

Integration ist keine Einbahnstraße. Sie ist nicht nur eine Aufgabe der Minderheiten, sondern auch die Mehrheitsgesellschaften müssen stärker integrierend wirken.

Reinhard Schramm (68) war bis 2010 Professor und Leiter des Landespatentzentrums PATON an der Technischen Universität Ilmenau. Der gebürtige ­Weißenfelser ist seit Dezember 2012 Vorsitzender der Jüdischen Landes-gemeinde Thüringen. Er folgte Wolfgang Nossen (81) nach.
Mit seiner Mutter überlebte er den Holocaust, weil das kommunistische Ehepaar Sperber aus Weißenfels sie versteckte.


Keine leuchtenden Vorbilder

28. Januar 2013 von redaktionguh  
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Lutherdekade: Am 18. Januar wurde das Themenjahr »Reformation und Toleranz« in Waltershausen eröffnet

Im Zuge der Reformation gab es furchtbare Irrwege, wie bei der Eröffnung des Themenjahres in Thüringen deutlich wurde.

Sechs Kerzen flackern am 18. Januar im Altarraum der Waltershäuser Stadtkirche, daneben sechs rote Rosen. Sie erinnern an sechs Opfer religiöser Intoleranz. Einer Intoleranz, ausgerechnet von den Vertretern der jungen neuen Glaubenslehre der Reformation, die für sich die Freiheit des Gewissens in Anspruch nahmen. Eine Freiheit, die sie anderen durchaus nicht gewährten. Am 18. Januar 1530 wurden im nahen Reinhardsbrunn zwei Männer und vier Frauen hingerichtet, weil sie sich zur Erwachsenentaufe bekannten: der Auftakt zu einer heftigen Verfolgung der sogenannten Wiedertäufer, die noch manches Todesopfer forderte. »Da haben wir uns was eingebrockt«, sagte der Thüringer Kultusminister und bekennende Protestant Christoph Matschie. Und meinte voller Doppeldeutigkeit sowohl die Geschichte als auch das aktuelle Themenjahr »Reformation und Toleranz« im Rahmen der Reformationsdekade. Dieses wurde am vergangenen Freitag mit einem Gottesdienst vom Land Thüringen gemeinsam mit der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland in Waltershausen eröffnet.

Mahnung zur Toleranz: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Thüringens Kultusminister Christoph Matschie enthüllen vor dem Zentrum für spirituellen Tourismus eine Stele für die sechs im Jahre 1530 hingerichteten Täufer aus Zella-Mehlis. Foto: Harald Krille

Mahnung zur Toleranz: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Thüringens Kultusminister Christoph Matschie enthüllen vor dem Zentrum für spirituellen Tourismus eine Stele für die sechs im Jahre 1530 hingerichteten Täufer aus Zella-Mehlis. Foto: Harald Krille

Nein, die Reformatoren waren gewiss keine leuchtenden Vorbilder der Toleranz. Auch wenn, wie Matschie betonte, in der Folge ihres Auftretens ein Prozess in Gang kam, der letztlich auch zur Pluralität der religiösen Bekenntnisse führte. Da war beispielsweise der unter anderem in Gotha wirkende lutherische Theologe und Reformator Friedrich Myconius. Er führte die Verhöre der sechs aus Zella-Mehlis stammenden Wiedertäufer. Weil ihm ob der von der weltlichen Obrigkeit verhängten Todesstrafe Zweifel kamen, wandte er sich nach Wittenberg an Philipp Melanchthon. Doch dieser beruhigte Myconius und rechtfertigte im Namen der Reformation den Tod für »Ketzer«.

»Ein furchtbarer Irrweg mit verheerenden Folgen«, nannte Landesbischöfin Ilse Junkermann die »im Kampf um die Wahrheit« zutage getretene Unduldsamkeit gegen Täufer, andere Abweichler und Juden. Die Antwort der Kirche heute könne deshalb nur ein Schuldbekenntnis sein. Und die Verpflichtung zur Toleranz. Die aber bedeute nicht, keine eigenen Überzeugungen zu haben, wohl aber der Überzeugung anderer »mit wohlwollendem Respekt« zu begegnen.

Nach dem Gottesdienst wurde im Beisein mennonitischer Christen, die sich als Nachfolger der Täuferbewegung sehen, in Reinhardsbrunn eine Gedenkstele enthüllt. Wolfgang Kraus von der Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland nannte dabei die Opfer der damaligen Verfolgung wahrhafte »ökumenische Heilige«. Er beklagte zugleich die bis heute anhaltende Marginalisierung dieser von ihm als »Ecclesiozid« bezeichneten Vernichtung der Täuferbewegung. Sie spiele weder im Geschichts- noch im Religionsunterricht an den Schulen eine Rolle.

In einer Frage waren sich alle Beteiligten einig. Keine Toleranz könne es gegenüber Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rassismus geben. Doch in diesem Zusammenhang öffnet sich bereits die nächste schmerzende Wunde der jüngeren Kirchengeschichte: Ab 25. Januar ist im Landtag in Erfurt die Ausstellung »Gratwanderung« zu sehen. Sie widmet sich der Geschichte des 1939 in Eise­nach gegründeten kirchlichen »Ent­judungsinstituts«. Dessen akademischer Leiter, der Jenaer »Professor für Neues Testament und Völkische Theologie« Walter Grundmann, konn­te nach dem Krieg seine Tätigkeit als theologischer Lehrer in der thüringischen Kirche fast nahtlos fortsetzen.

Harald Krille

Weil wir Ostern bereits im Blick haben

25. Januar 2013 von redaktionguh  
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Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.
Daniel 9, Vers 18

Sind wir nicht gerade erst mit den Königen zur Krippe gewandert? Eine denkbar kurze Epiphaniaszeit geht zu Ende. Die Sonntage (die mitunter deutlich zahlreicheren) nach Epiphanias sind wie ein langsamer Abschied von der Weihnachtszeit: So, wie uns die Adventszeit Kerze für Kerze auf das kommende Licht vorbereitet hatte, entwöhnten uns nun die Sonntage nach Epiphanias. Langsam kehren wir zurück. Wie die Könige. Und wir landen.

Der Sonntag Septuagesimä – 70 Tage vor Ostern ist wie ein Landepunkt mit Kehrtwende. Nun ­heißen die Sonntage nicht mehr »nach«, sondern »vor«. Richtungswechsel. Ein neuer Blick. Gerade eben schauten wir der nach Ägypten fliehenden Heiligen Familie nach. Nun sehen wir in die andere Richtung – auf Ostern hin.

Friederike F. Spengler

Friederike F. Spengler

Eine große, geistliche Weisheit muss die geführt haben, die den Sonntagen ihre Bezeichnungen im Kirchenjahr zuordneten, als sie diesen Sonntag »70 Tage vor Ostern« nannten: Noch vor Beginn der Passionszeit wird der Blick gehoben und über das Vorletzte bereits zum Letzten geschaut. So, als wäre alles schon überwunden, als müsse es die Leidenszeit Jesu, die Leidenszeit von Menschen, die Leidenszeit unserer Erde gar nicht mehr geben – weil wir Ostern bereits im Blick haben! Genau das nimmt der Wochenspruch auf: Wir müssen zwar durch das Vorletzte hindurch, aber das Letzte ist bereits in Sichtweite. Daniel weiß, was Gott von seinem Israel fordert: seinen Geboten gerecht zu werden. Daniel hat das auch unter größter Bedrohung befolgt. Im Gebet aber wird ihm dann deutlich: Nicht dieses Tun rettet mich und mein Volk, sondern allein Gottes große Barmherzigkeit. Darauf vertraut er. Das lernt er – im Gebet. Solches Beten möchte ich neu lernen. Nicht nur Bitte und Dank, Lob und Fürbitte zu formulieren, sondern von Gott mich lehren zu lassen.

Friederike F. Spengler

Die promovierte Theologin ist Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM.

Die Orgeln in Arnstadt

23. Januar 2013 von redaktionguh  
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Jubiläen: Vor 100 Jahren wurde die Steinmeyer-Orgel gebaut und das Albert-Schweitzer-Hospital in Lambarene gegründet


Eine von Albert Schweitzer in Auftrag gegebene Expertise verbindet den Arzt von Lambarene mit Thüringen.

Was hat Albert Schweitzer mit der Steinmeyer-Orgel in der Arnstädter Johann-Sebastian-Bach-Kirche zu tun? 1913 gründete Schweitzer gemeinsam mit seiner Frau Helene in Lambarene das nach ihm benannte Hospital. Im selben Jahr wurde die Steinmeyer-Orgel erbaut. In Arnstadt wurde dieses Doppeljubiläum am 16. Januar mit einem Benefizkonzert gefeiert, dessen Erlös dem Hospital in Lambarene zugute kommen soll.

Außerdem wurde noch ein weiterer Geburtstag gefeiert: Die Wiedereinweihung der sanierten Bachkirche am 16. Januar 2000. Seitdem befinden sich in dem Gotteshaus zwei Orgeln, die rekonstruierte Wender-Orgel aus dem Jahr 1703 und die sanierte Steinmeyer-Orgel.

Gottfried Preller an der Wender-Orgel in der Arnstädter Bachkirche. – Foto: Sabine Kuschel

Gottfried Preller an der Wender-Orgel in der Arnstädter Bachkirche. – Foto: Sabine Kuschel

Die von Johann Friedrich Wender erbaute Orgel führte Johann Sebastian Bach nach Arnstadt. Er kam als junger Mann, 18-jährig, um das neue Instrument zu prüfen. »Ein einmaliger Vorgang, dass ein 18-Jähriger eine fertiggestellte Orgel prüft«, sagt Gottfried Preller, Kirchenmusikdirektor in Arnstadt. Kein Mensch hätte damals den unbekannten jungen Mann herangezogen, wäre nicht die Familie Bach gewesen, die in Arnstadt lebte und einen guten Ruf hatte. Vielleicht rechnete sich Bach auch Chancen auf eine Anstellung aus. Die Rechnung ging auf. Den Verantwortlichen gefiel sein Orgelspiel so gut, dass er kurzentschlossen als Organist angestellt wurde – es war seine erste Anstellung. Von 1703 bis 1708 wirkte er in Arnstadt, danach ging er nach Mühlhausen, wo er nur neun Monate blieb, weil ihm die Kirchenmusik dort zu ungeordnet erschienen sei, wie Preller bemerkt.

An der Orgel nagte der Zahn der Zeit. Zudem änderten sich mit den Epochen auch die Mode und das Klangideal. 1910 wurde beschlossen, die Orgel durch eine neue zu ersetzen. Die Firma Steinmeyer, Oettingen/Bayern erbaute unter Verwendung historischer Substanzen eine romantische Orgel. In dem 1913 fertiggestellten Instrument »befinden sich Reste jener Orgel, auf der Bach einst gespielt hatte«, präzisiert Preller.

Gottfried Preller kam 1981 als Kirchenmusiker nach Arnstadt. »Grund meines Kommens war die Vorbereitung des Bachjahres 1985.« Zum 300. Geburtstag des Meisters sollten profilierte Organisten dessen Werke spielen. Doch die Steinmeyer-Orgel war in einem sehr schlechten Zustand, nicht konzertfähig. Preller hätte sie gerne restaurieren lassen, doch unter DDR-Verhältnissen war das nicht möglich.

Erst mit der Wende tat sich die Chance auf, das Instrument überholen zu lassen. Das nächste Bachjahr, der 250. Todestag des Musikers, stand 2000 bevor. Es war ein bemerkenswertes Vorhaben, das Preller ins Visier nahm und engagiert anpackte: Die Sanierung der Steinmeyer-Orgel und die Rekonstruktion der Wender-Orgel. Die Zusage der finanziellen Förderung des Vorhabens in Höhe von 1 Million DM ermutigte die Kirchengemeinde, gleichzeitig die Bachkirche zu sanieren, die zu diesem Zweck für vier Jahre geschlossen wurde.

Detailliert beschreibt Preller, mit welcher wissenschaftlichen Genauigkeit und Sorgfalt die Restaurierung und Rekonstruktion vor sich gegangen sei. Die historischen Orgelpfeifen von 1703 seien ausgebaut, untersucht und nachgebaut worden. Auf das Ergebnis kann die Gemeinde stolz sein. Aufgestellt wurden die beiden Instrumente übereinander. Die Steinmeyer steht auf der erhöhten ersten Empore, sie ist hinter einer Gitterwand verborgen, darüber die barocke Wender-Orgel, die sich auf der obersten Empore in ihrer barocken Schönheit zeigt.

Was aber hat nun Albert Schweitzer mit der Steinmeyer-Orgel zu tun, außer dass deren Erbauung und die Gründung seines Hospitals in das Jahr 1913 fallen?

Die Expertise, die bei der Sanierung des Instrumentes herangezogen wurde, entstand im Auftrag Schweitzers. Er hat die erste gültige Bach-Biografie geschrieben und damit viel Geld verdient. Er verwendete es, um sich selbst weiterzubilden, studierte Medizin und gründete das Krankenhaus in Zentralafrika. Darüber hinaus wollte er eine Bachorgel erhalten. Davon gab es zwei in Thüringen, eine in Arnstadt, die andere in Mühlhausen.

Von beiden Instrumenten wurde 1950 die von Schweitzer beauftragte Expertise angefertigt. Da die Orgel in Arnstadt damals noch in einem relativ guten Zustand war, bekam die reparaturbedürftigere in Mühlhausen den Zuschlag. Das mag damals für die Arnstädter bedauerlich gewesen sein. Preller bezeichnet es aus heutiger Sicht als ein Glück, denn in den 1950er Jahren wäre niemals die Restaurierung der Steinmeyer-Orgel und die Rekonstruktion der Wender-Orgel realisiert worden. Der Kirchenmusikdirektor ist deshalb froh und zufrieden, dass es so gekommen ist. Auf diese Weise wurde die Arnstädter Bachkirche zu einem Zentrum der Orgelmusikpflege, zieht hochrangige Organisten, Studenten und Freunde der Orgelmusik aus aller Welt an.

Sabine Kuschel

Gerecht wirtschaften?

23. Januar 2013 von redaktionguh  
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Mit dem Leiter des Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrums der EKM und Vorsitzenden von Oikocredit Mitteldeutschland, Hans-Joachim Döring, sprach Dietlind Steinhöfel.

Alternative Wirtschaftskonzepte sehen in Zins und Zinseszins die Ursache von Krisen. Christen war das Zinsnehmen im Mittelalter verboten. Wie wurde das umgesetzt oder umgangen?
Döring: Sinnvoll ist es, zwischen Zins und Zinseszins zu unterscheiden. Zinseszins ist meist Wucher. Zinsen sind dort in Ordnung, wo sie an das Leistungsvermögen des Einzelnen und die Realwirtschaft gekoppelt sind. Biblisches Gebot und Gottes Wille ist die Gewährleistung der Grundversorgung: Essen, Wohnen, soziale Kommunikation, Bildung. Im Alten Testament war Geldverleihen zumal für Verwandte erlaubt. Verleihen kann Chancen eröffnen und Umverteilung fördern. Die Bibelstelle aus 2. Mose 22, Vers 24 »Falls du (einem aus) meinem Volk, dem Elenden bei dir, Geld leihst, dann sei gegen ihn nicht wie ein Gläubiger; ihr sollt ihm keinen Zins auferlegen« bringt das zum Ausdruck. Schutz der Schwachen. Soziale Bindung. Im Mittelalter wurde beim Übergang von der Selbstversorgerwirtschaft zur Geldwirtschaft beim Laterankonzil von 1139 aus Schutzgründen das Zinsverbot aktualisiert. Freilich gab es immer Umgehungen und Ausnahmen. So waren bei Gefahr des Kapitalverlusts »Gebühren« üblich.

Hans-Joachim Döring

Hans-Joachim Döring

Welche Möglichkeiten sehen Sie konkret für die Kirche?
Döring: Mir ist ein »gerechteres Wirtschaften« wichtig. Es bleibt ja immer eine Spannung zum Idealzustand. Diese Einsicht darf nicht träge machen. Wo wirtschaftet Kirche? Mit ihren Geldvermögen und da auf allem Ebenen: Landeskirche, Kirchenkreise, Gemeinden und Einrichtungen. Die EKM hat sich unlängst einen Leitfaden zu ethisch nachhaltigen Geldanlagen in Anlehnung an die EKD gegeben. Die Tendenz stimmt, auch wenn die Details kompliziert bleiben. Ausgeschlossen werden unter anderem Finanzwerte, die ihre Erträge aus Rüstungsproduktion oder Spirituosen erzielen, gentechnisch verändertes Saatgut herstellen oder Kinderarbeit dulden.

Ist es realistisch, sich aus dem kapitalgesteuerten Wirtschaftssystem auszuklinken?
Döring: Teilausklinken ist möglich und sinnvoll. Zwei Beispiele: Bürgerkraftwerke für erneuerbare Energien. In der Region gibt es gute Beispiele. Und: Oikocredit Mitteldeutschland. Diese ökumenische Kreditgenossenschaft sammelt Einlagen (ab 200 Euro) und vergibt sie an Menschen in Entwicklungsländern, zumeist im Kleingewerbe, die keine Kredite bekommen oder mithilfe von Oikocredit dem lokaken Wucher entgehen können. Zur Werterhaltung wird auf die Einlagen eine »Dividende« von 2 Prozent pro Jahr gezahlt. Die Einlagen bilden eine gute Anlagealternative gerade für Kirchengemeinden, die hier noch sehr zögerlich sind. Der Förderkreis Mitteldeutschland unterstützt mit seinen treuhänderischen Einlagen weltweit Mikrokredite in Höhe von rund 7,5 Millionen Euro.

www.oikocredit.org

Verschenkte Zeit

22. Januar 2013 von redaktionguh  
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Nach Glücksspielen Süchtige gestalten Bilder, Texte und Installationen für eine Ausstellung

Farbenfroh oder mehr Ton in Ton, gekonnt oder sympathisch laienhaft, in jedem Fall sehr lebendig ist eine Ausstellung in der obersten Etage des Katharinenhauses in Magdeburg. Hier ist das Beratungszentrum der Stadtmission zu Hause. Unter dem Titel »Verschenkte Zeit – Glücksspielsucht heute« haben Betroffene in der Gruppenarbeit ihre Gedanken und Gefühle auf andere Art als durch Worte ausgedrückt. Aus der Suchthilfe heraus fand sich die Gruppe zusammen, in der sich Abhängige mit festem Rhythmus treffen. Sie tauschen sich aus und stärken einander, moderiert von Katrin Dobbert. Ziel ist, die Teilnehmer so zu stabilisieren, dass es eine Selbsthilfegruppe wird.

Als Betreuerin hat sich auch Katrin Dobbert mit der Sucht ­künstlerisch ­auseinandergesetzt, entstanden ist das Ölgemälde »Glückssuche« – Foto: privat

Als Betreuerin hat sich auch Katrin Dobbert mit der Sucht ­künstlerisch ­auseinandergesetzt, entstanden ist das Ölgemälde »Glückssuche« – Foto: privat

Die Stadtmission bietet Informationen, Beratung und Hilfe für Glücksspiel-Süchtige sowie für deren Familien und weitere Bezugspersonen an. Hier ist ein Projekt verankert, das das Innenministerium des Landes fördert und das den sperrigen Namen »Prävention des Pathologischen Glücksspiels in Sachsen-Anhalt« trägt. Innerhalb dieses Projektes ist die Ausstellung entstanden.

Doch wie bei anderen Süchten auch finden Betroffene erst zu einer Beratungsstelle, wenn sie aus der Abhängigkeit nicht mehr selbst herausfinden, stellt Beraterin und Therapeutin Katrin Dobbert fest. »Beim Glücksspiel dreht sich alles um Geld; Geld zu gewinnen ist der Anreiz, Geld das Suchtmittel. Egal ob Spielautomat, Lotto, Kartenspiele oder Spiele im Internet, alle können süchtig machen. Das größte Suchtpotenzial haben die Automaten«, weiß Katrin Dobbert. Doch es spielen immer Emotionen eine zentrale Rolle.

»Ich suchte nach Wegen, wie die Gefühle in der Gruppe anders als durch Worte ausgedrückt werden können. Und da ich selbst male, lag Malerei nahe.« Es entstanden dann auch Texte und Installationen, von Anfang an nicht nur für das Zeigen in der Gruppe, sondern als Ausstellung geplant. Was die Auswertung in der Gruppe natürlich einschließt.

Einige der Gruppenmitglieder gestalteten die Eröffnung im Dezember mit, spielten Lieder oder waren einfach nur dabei. Andere möchten anonym bleiben. So steht an jeder Arbeit nur, ob sie von einer Frau oder einem Mann geschaffen wurde und das Alter. Es gibt auch Gruppenarbeiten.

Entstanden sind nach mehrmonatiger Vorbereitung Darstellungen, die Nichtbetroffenen zeigen, wie sich ein Abhängiger fühlen kann. Sie bringen beim Betrachter etwas zum Klingen. Zu den Besuchern gehörten bisher Betroffene sowie mit Suchtprävention Beschäftigte. Katrin Dobbert freut sich über die Resonanz und erläutert gern Hintergründe.

Renate Wähnelt

Ausstellung bis zum 28. Februar, Leibnizstraße 4, in Magdeburg;
Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag, 9 bis 16 Uhr,
sowie auf Anfrage unter E-Mail <gluecksspiel-sucht-stami@gmx.de>

Verräterische Sprache

22. Januar 2013 von redaktionguh  
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Das Unwort des Jahres 2012 ist gewählt. Alle Jahre wieder führt uns die Wahl vor Augen, wie menschenverachtend Sprache sein kann. Mit dem Unwort 2011 »Döner-Morde« wurden furchtbare Morde verharmlost und die betroffenen Familien beleidigt. Am Dienstag nun hat die Jury aus Sprachwissenschaftlern, Journalisten und Schriftstellern das Unwort 2012 gewählt – »Opfer-Abo«. Der bekannte Wettermoderator Jörg Kachelmann prägte es. Die Begründung der Jury: Der Ausdruck »Opfer-Abo« stelle Frauen unter den pauschalen Verdacht, sexuelle Gewalt zu erfinden und damit selbst Täterinnen zu sein.

Den zweiten unrühmlichen Platz für das vergangene Jahr nimmt »Pleite-Griechen« ein. Dieser Begriff, so die Sprachexperten, würde ein ganzes Volk diffamieren. Er war in verschiedenen Medien mit Berichten über die Euro-Krise verwendet worden. Menschen werden durch Worte stigmatisiert oder beleidigt. Die Unworte 2012 verfestigen zudem Vorurteile.

Es muss schon erschrecken, wie unbekümmert und unreflektiert Worte benutzt werden. Angesichts der Vergewaltigungen in Indien und des dortigen Ansehens von Frauen ist »Opfer-Abo« ein Schlag gegen ein gleichberechtigtes und respektvolles Miteinander von Mann und Frau auch hierzulande und führt uns in eine für uns vergangene Zeit.

Dass es schwarze Schafe gibt und Verleumdungen, ist keine Frage. In einem Rechtsstaat hat jedoch jeder die Chance auf Verteidigung und Rechtfertigung.

Für den Gebrauch unserer Sprache gilt deshalb das achte Gebot: »Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.« Weder wider die Frauen, noch wider die Griechen. Das Unwort des Jahres, das nun schon zum 19. Mal bestimmt wurde, kann uns sensibilisieren.

Dietlind Steinhöfel

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