Seelsorger der Unangepassten

10. Februar 2013 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Am 29. Januar starb der Thüringer Pfarrer und »Vater der Offenen Arbeit« Walter Schilling

Walter Schilling – wie ihn viele kannten und schätzten. Foto: Matthias Sengewald

Walter Schilling – wie ihn viele kannten und schätzten. Foto: Matthias Sengewald

Hochbetagt hielt ein Pfarrer im Ruhestand noch Gottesdienste. Die Vorbereitung der Predigt fiel immer schwerer. »Tu dir das nicht mehr an!«, mahnte die Familie. Stets antwortete er: »Predigen, das ist doch mein Leben!« Das erzählte ich in einer Predigt. Walter Schilling war dabei, kam dann zu mir und sagte: »Ja, Bruder Leich, das ist doch unser Leben!« Nachdem Walter Schilling heimgerufen wurde, wird sein Wirken vielfältig gewürdigt: Bürgerrechtler, Anwalt der Unangepassten und Verfolgten, Mitbegründer der »Offenen Jugendarbeit«, erfahrener Ausleger der Stasi-Akten. Ich füge hinzu: liebender Ehemann und Vater seiner Kinder.
Schauen wir aber auf den inneren Antrieb: das Predigen des Wortes ­Gottes. Das ist doch mein Leben. Der Heimgerufene schrieb: »Die unangepassten Jugendlichen sind die Aussätzigen unserer Zeit.« Wie Jesus einst die von allen Menschen Gemiedenen zu sich kommen ließ, so wollte Walter Schilling für sie da sein. In Braunsdorf, seiner ersten und einzigen Pfarrstelle, nutzte er das Rüstzeitheim, um verfolgte Jugendliche aufzunehmen, die einzige Möglichkeit für sie, zusammenzukommen und sich auszusprechen. Der Braunsdorfer Pfarrer wurde den Unangepassten ein Unangepasster bis hinein in Kleidung und Haartracht. Nächtelang saß er mit ihnen zusammen, rauchte das billige Kraut und trank ein Bierchen mit. Dann lud er sie zum Gottesdienst ein, predigte Auge in Auge mit ihnen, leidenschaftlich und mit Herzblut. Viele Briefe, mit ungelenker Hand geschrieben, berichten davon. In einem steht, dankbar für die Lebenswende durch den Glauben: »Ich bin Walter und seiner Frau Eva, die sich für uns so aufgeopfert hat, sehr, sehr dankbar.«

Das Rüstzeitheim Braunsdorf, nahe einer NVA-Kaserne gelegen, empfand der Staatssicherheitsdienst als Bedrohung. Um jeden Preis wollte er den verhassten Pfarrer vertreiben. Er überwachte ihn rund um die Uhr, verseuchte seine Wohnung mit Abhörwanzen und sandte Drohungen. An der Seite ihres Mannes stand das die Ehefrau tapfer durch. Walter Schilling ließ sich nicht von seinem Weg abbringen. Zu unserer Beschämung muss ich sagen, auch nicht von seiner Kirche. Die Hinwendung zu Menschen, deren Schicksal mit den Aussätzigen der Zeit Jesu vergleichbar ist, war für »normale« Christen anstößig, besonders in Rudolstadt bei den Großveranstaltungen »June«, zu denen Hunderte aus der DDR ­kamen und mit ihrem ungewohnten Aussehen und Benehmen die Stadt prägten. Radikale Hinwendung zu den Außenseitern und zugleich Dienst für die herkömmliche Gemeinde ist eine schwere Zerreißprobe.

Gott sei Dank! wurde der Gegensatz recht und schlecht ausgehalten. Haben wir heute noch den Mut, uns so vorbehaltlos Menschen zuzuwenden, die ganz fern vom Glauben ­leben? Die Ausgegrenzten der DDR danken bis heute »ihrem Walter«, so auch bei seiner Beerdigung. Sie fand am Tag der Darstellung Jesu im Tempel statt. Wie damals spreche ich über dem Tod des treuen Predigers mit dem greisen Simeon zum Trost seiner lieben Ehefrau mit den Kindern und allen Trauernden: »Herr, nun lässt du deinen Diener im Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen ­haben deinen Heiland gesehen.«

Werner Leich, Landesbischof a.D. der Thüringer Landeskirche

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