Ostern verändert und befreit

31. März 2013 von redaktionguh  
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In den letzten Tagen und Wochen habe ich immer wieder Menschen gesprochen, die gerade nach diesem langen Winter, der nicht enden wollenden Kälte, mit Ostern die Hoffnung auf Frühling verbinden. Sie hoffen einfach auf Wärme und Sonnenschein. Ich will aber nicht über das Wetter spekulieren, ich möchte ihnen eine Geschichte erzählen:

Es ist noch früh am Morgen, kurz vor fünf Uhr. In dieser kleinen Kirche auf dem Berg ist es kalt. Die Menschen, die heute gekommen sind, frösteln. Sie ziehen den Mantelkragen höher und vergraben die Hände in den Taschen. Überhaupt wirkt alles wie vergraben. Noch brennt keine Kerze, kein Licht. Die ­Dunkelheit beherrscht scheinbar alles. Diese Finsternis passt zum Empfinden vieler Menschen, zu ihren Ängsten und Sorgen oder auch zu ihrer Wut, überall die Ungerechtigkeit und Friedlosigkeit.

Auch um die beiden Jünger Jesu auf dem Weg nach Emmaus ist es wohl sehr dunkel gewesen. Wie eine große Finsternis lag die Trauer auf ­ihnen. Deshalb waren sie unfähig, denjenigen, der mit ihnen ging, wirklich zu erkennen, so erzählt es Lukas in seinem Evangelium. Sie waren nicht frei, ihn zu sehen.

In der kleinen Bergkirche spielt noch kein Musiker, keine Orgel erklingt. Da fragt ein Kind: »Warum sind wir heute so früh in die Kirche gekommen?« In diesem Augenblick fällt der erste Sonnenstrahl durch das Fenster im Chorraum. Die Dunkelheit verschwindet geradezu schlagartig. Es wird hell. Die Menschen erkennen ­einander, schauen dem Nachbarn ins Gesicht. Es ist, als hätten sie sich vorher nie gesehen. Ein Mann entzündet die große Osterkerze und ruft: »Der Herr ist auferstanden!« Und alle antworten: »Er ist wahrhaftig auferstanden!«

Die Auferstehungsszene des Allendorfer Altars, der zwischen 1390 und 1420 in einer Erfurter Werkstatt entstanden ist. Er steht auf der Heidecksburg in Rudolstadt. Foto: Constantin Beyer

Die Auferstehungsszene des Allendorfer Altars, der zwischen 1390 und 1420 in einer Erfurter Werkstatt entstanden ist. Er steht auf der Heidecksburg in Rudolstadt. Foto: Constantin Beyer

Immer mehr Kerzen werden angezündet. Die ganze Kirche erstrahlt. Alles, auch die Menschen, wirken verändert. Sie gehen aufeinander zu, nehmen sich in die Arme und hören die alten Texte von Jesu Auferstehung, von den Frauen am Grab, von den zweifelnden Freunden, die es nicht glauben können. »Christ ist erstanden von der Marter alle; des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis«, singen sie. Dann teilen sie Brot und Wein. Wie ein helles Licht liegt eine Ahnung von Gottes neuer Welt über ihnen, einer Welt, in der jede und jeder bekommt, was er und sie zum Leben brauchen: Brot, Wein, Zuwendung und Achtung. Die Menschen werden auf Gewalt verzichten und die Würde der anderen wahren. Wenn sie über eine Blumenwiese gehen, spüren sie etwas von der Vollkommenheit der Schöpfung und von deren Gefährdung. Es ist Ostern.

Ich weiß nicht, ob es nur ein kurzer Sonnenstrahl zwischen tief hängenden Wolken war, der da in die Kirche strahlte und alles, vor allem die Menschen, erhellte. Aber ich vertraue darauf, dass sie verändert, vielleicht sogar verwandelt, aus diesem Gottesdienst herausgehen.

Die beiden Männer auf dem Weg nach ­Emmaus wurden verändert. Als der Auferstandene ihnen die Schrift auslegte und das Brot für sie brach, erkannten sie ihn. Da war die Welt immer noch so dunkel wie zuvor, aber sie waren andere geworden. Sie hatten erfahren, dass der Tod nicht das letzte Wort haben muss. Nicht die Macht der Herrschenden schafft mit Gewalt endgültige Fakten, sondern Gott steht für das Leben. Diese Erfahrung hat die beiden Männer und viele nach ihnen verändert, ermutigt, auch gegen den Augenschein, dem ­Auferstanden und seiner Botschaft zu trauen. Sie sind Befreite und das wandelt ihr Leben.
Sie gehen los und erzählen ihren Freunden von ihrer Befreiung.

Am Ausgang der kleinen Bergkirche drückt ein Mann dem kleinen Jungen ein Schokoladenosterei in die Hand. Ein kleiner süßer Gruß für dieses Kind. Ein wenig verwundert, aber strahlend nimmt er dieses Geschenk vorsichtig in seine Hand, wickelt es aus und beißt ein kleines Stück davon ab. Deshalb sind sie heute so früh zur Kirche gekommen – um zu hören und zu ­erleben, dass auch in diesem Jahr Ostern wird und sie als Befreite in dieser Welt verändert und verändernd leben können.

Ich fände es auch schön, wenn endlich Frühling wird und die Sonne mit ihrer wärmenden Kraft scheint. Goethe möchte ich zitieren können: »Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden belebenden Blick …« Vor allem möchte ich aber mit vielen anderen die Befreiung feiern, die uns Ostern geschenkt wird. »Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!« Und das hat Folgen für uns und für unsere Welt.

Diethard Kamm

Der Autor ist Regionalbischof im Propstsprengel Gera-Weimar.

Mit der großen Hoffnung angesteckt

30. März 2013 von redaktionguh  
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Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.
Offenbarung 1, Vers 18

Manchmal muss ich einen Schritt zurücktreten, um einen Gegenstand besser zu erfassen. Im zeitlichen Abstand sehen wir die Dinge klarer, als wenn wir noch mittendrin stecken. Auch ein Wunder erschließt sich uns eher im Nachhinein.

Die ersten Osterzeugen waren einfach nur ­erschrocken, sodass er zu ihnen sagen musste: Fürchtet euch nicht! Erst allmählich fällt es den ­Zeugen wie Schuppen von den Augen, was da Unerhörtes geschehen ist. Und natürlich versucht es der Verstand zu verarbeiten, einzuordnen und merkt doch rasch, dass dieses Geschehen alle Kategorien sprengt.

Wolfram Hädicke, Pfarrer in Köthen

Wolfram Hädicke, Pfarrer in Köthen

Johannes ist als Gemeindeleiter schon längst ­ergriffen von der Osterbotschaft, als er um seines Glaubens willen auf die Insel Patmos verbannt wird. Er hat erleben müssen, wie viele seiner Mitchristen aus demselben Grund bedrängt werden. An einem Sonntag im Gottesdienst erlebt er plötzlich die machtvolle, herrliche Gegenwart des Auferstandenen. Es ist ein Ausnahmezustand. Das haut ihn um. Christus richtet ihn auf mit dem Vertrauten: Fürchte dich nicht! Er stellt sich ihm vor als der Lebendige, dessen Gegenwart alles verändert bis in Ewigkeit.

Das muss Johannes aufschreiben und weiter­sagen. Was ihn überwältigt hat, soll auch andere in dem Vertrauen stärken: Christus ist der Herr der Welt und nicht der Kaiser.

Diese Gewissheit stärkt auch uns, die wir immer wieder Ereignissen und Mächten, Gestalten und Wahrheiten ausgesetzt sind, die nach uns greifen und uns vereinnahmen wollen. Ostern taucht alles in ein neues Licht. Ich werde angesteckt mit der großen Hoffnung, dass in dieser Welt nicht alles so bleiben muss wie es ist. Dass es sich lohnt, gegen den Augenschein zu hoffen. Dass es sich lohnt, dem Hass und der Kälte mit Liebe zu begegnen. Dass es sich lohnt, die Macht des Todes zu ignorieren, weil – sie ist gebrochen.

Wolfram Hädicke, Pfarrer in Köthen

Vertrauter Klang

29. März 2013 von redaktionguh  
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Die Hoffnungsgemeinde fand ungewöhnliche Namen für ihre neuen Glocken

Mit der Glockenweihe beginnt Ostersonntag der Gottesdienst in der Hoffnungsgemeinde in Magdeburg. Die Christen in dem 40 Jahre alten Wohngebiet haben endlich ihr eigenes Geläut. Dabei war ursprünglich gar keine Glocke geplant. Doch auch wenn die Gemeinde erst entstand, Glocken mussten sein. So errichtete sie neben dem Gemeindezentrum einen Turm für zwei Glocken. Die waren aber nur geliehen. Die Christusgemeinde im Hopfengarten hatte nämlich Glocken, aber keinen Turm. Den konnte sie erst jetzt bauen. »Der Mietvertrag für die Glocken wurde langfristig gekündigt«, sagt Jörg Böhme, Vorsitzender des Gemeindebeirats.

Für die Gemeinde war klar, dass neue Glocken beschafft werden. Doch auch Fremde fragten nach, als das Läuten verstummt war. »Einer sagte, er vermisse das 18-Uhr-Läuten, wenn er in seinem Garten ist«, erinnert sich Jörg Böhme. Und freut sich, dass es nicht beim Fragen blieb. »An der Finanzierung beteiligten sich Leute, die nicht zur Gemeinde und nicht einmal zur Kirche gehören.«

Anfang der Woche stand der Turm, die Glocken sind eingebaut. Die Hoffnungsgemeinde ist wieder komplett. Foto: Viktoria Kühne

Anfang der Woche stand der Turm, die Glocken sind eingebaut. Die Hoffnungsgemeinde ist wieder komplett. Foto: Viktoria Kühne

Zunächst ging es nur um Glocken. Aber weil ein richtiges Geläut aus drei Glocken besteht, sollten es auch drei werden, nunmehr eigene. Dafür reichte der alte Turm jedoch nicht. So wurde das Vorhaben zwar teurer, doch die Spendenbereitschaft war groß. Gut 37000 Euro sind bisher zusammengekommen. Kirchenkreis, Landeskirche und Geld aus einer Erbschaft stehen zur Verfügung. Die Hoffnungen auf einen Zuschuss von Lotto-Toto und aus dem Glockenfonds der Ostdeutschen Sparkassenstiftung zerschlugen sich zwar, entmutigen ließ sich die Hoffnungsgemeinde aber nicht. Was noch fehlt, wird schon zusammenkommen.
Zum Guss der Glocken waren 25 der etwa 1200 Gemeindeglieder nach Lauchhammer gefahren. Wie viele jetzt den Aufbau des neuen Turms verfolgten, ist nicht feststellbar. Spannend war es, knapp der Zeitplan, zumal das Winterwetter alles andere als ideal zum Bauen ist. »Ach, die Kleingeister«, schmunzelt Jörg Böhme. Er hatte die Holzkonstruktion bereits ­gesehen; nachdem das Fundament gelegt war, musste der Turm, den das Architekturbüro Wehner entworfen hatte, nur noch aufgebaut werden.

Dass es wieder ein Geläut geben soll, war völlig unumstritten. »Über die Namen der Glocken gab es die umfangreichste Diskussion«, erinnert sich der Beiratsvorsitzende. Ungewöhnliche Glockennamen hat die ­Gemeinde gewählt. Mit »Frieden«, »Gerechtigkeit« und »Bewahrung der Schöpfung« erinnern sie an den konziliaren Prozess. Zu dessen Beginn entstand die Hoffnungsgemeinde, und er gab der Opposition in der DDR in den 1980er Jahren wichtige Impulse, die zum Fall der Mauer beigetragen haben dürften.

In der Osternacht lädt die Gemeinde zum Osterfeuer ein, dessen Licht vom neuen Leben künden soll. Das Licht wird in die dunkle Kirche getragen, wo eine Andacht gefeiert wird und sich Frauen und Männer taufen lassen. Ostersonntag läuten die Glocken.

Renate Wähnelt

Glockenweihe: 31. März, 10.30 Uhr, Krähenstieg 2, danach in der Kirche Gottesdienst. Osterfeuer und Taufgottesdienst: 30. März, 19.30 bis ca. 23 Uhr

Jugendliche sind ideale Mitarbeiter

26. März 2013 von redaktionguh  
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Konfirmanden- und Jugendarbeit im Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau

Das sind doch fromme Utopien!« Christian Rämisch, seit 2009 Kreisjugendpfarrer, kann sich noch gut an diesen Kommentar erinnern, als er vor einigen Jahren im Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau für ein Überdenken der Kinder- und Jugendarbeit warb.

Kreisjugendpfarrer Christian Rämisch Foto: Sabine Kuschel

Kreisjugendpfarrer Christian Rämisch Foto: Sabine Kuschel

»Wir müssen die Kinder vor der Konfirmation für den Glauben interessieren und nach der Konfirmation für die Kirche.« Die Konfirmandenzeit sei ein wichtiges Scharnier im Gemeindeleben, das es nach vorn und hinten einzubinden gilt. »Weg von in sich geschlossenen Abschnitten, hin zu vernetzten Alters-Stufen«, so einer seiner Postulate. Ganz konkret heiß das für ihn: Während der Konfirmandenzeit positive Erlebnisse mit Kirche schaffen, eine Art »Konfi-Klub« vor Ort installieren und hier wie bei den eher regionalen Konfi-Freizeiten ältere Jugendliche mit einbeziehen, ihnen wichtige Aufgaben übertragen. Diese Vorbildwirkung sei für Jüngere der beste Stimulator, sich später ebenso zu engagieren. »Pflicht, Stress und harte Arbeit machen Jugendlichen Spaß, wenn sie mit Gestaltungslust, Selbstentfaltung und echter Verantwortung einhergehen«, so Christian Rämisch.

»Jugendliche sind näher an der Lebenswelt von Kindern und Altersgenossen dran und deshalb ideale Mitarbeiter. Sie wissen genau, was aktuell diskutiert wird. Ich muss hier nicht den Berufsjugendlichen spielen«, so der 44-Jährige. »Aber meine Aufgabe ist es, Lebensthemen biblisch zu deuten.« Deshalb müsse jedes Vorhaben gemeinsam entwickelt und vorbereitet werden. Der Mitarbeiter-Kreis sei dafür der geeignete Ort, um auf einer Ebene Ideen zu sammeln und die nötige Anleitung zu geben.

Wie soll das gehen bei immer größeren Pfarrämtern, immer weniger hauptamtlichen Mitarbeitern und ­abnehmenden Kinderzahlen? Pfarrer Rämisch kennt diese eher resignierende Fragestellung und setzt dagegen. »Ich halte nichts von plumpem Zentralismus, sondern sehr viel von genauerem Hinschauen: Welche Veranstaltung, welches Format ist örtlich und welches regional sinnvoll?« Es dürfe nicht pauschal einen Rückzug aus der Fläche geben, denn eins stehe fest: »Die Generation der aktiven ­Eltern bezahlt die Kirche.« Deshalb dürfe man nicht den Gemeinden etwas wegnehmen, sondern sollte etwas Neues anbieten, so sein Vorschlag. Wenn beispielsweise im ländlichen Raum die wöchentliche Christenlehre permanent Koordinierungsstress für Kinder, Eltern und hauptamtliche ­Mitarbeiter bedeutet, könnten monatliche Samstags-Modelle, Kinderbibelwochen oder Kinderfreizeiten regional angesiedelt ein sinnvolleres Angebot sein, für das sich dann auch ­jugendliche Mitarbeiter generieren lassen. Über sie wird wiederum der Kontakt in die örtliche Struktur aufgebaut und eine Vernetzung geschaffen. Gleichzeitig können sie zur Keimzelle für die Jugendarbeit vor Ort werden.

»Wir fingen in unserem Kirchenkreis klein und mit vielen Bedenken an. Heute haben wir einen Pool von rund 50 jugendlichen Mitarbeitern, und unsere verschiedenen Freizeiten erreichen etwa 350 Jugendliche«, so Christian Rämischs ermutigende Erfahrung. Häufig sei mehr als die Hälfte der Teilnehmer nicht christlich sozialisiert. »Von ihnen erwarten wir aber Respekt vor unserer Lebensüberzeugung. Deshalb gehören tägliche Andachten und das Tischgebet selbstverständlich dazu. Auch hier bringen sich die Jugendmitarbeiter aktiv ein, sind kreative Partner und eine gute Ergänzung.«

Uta Schäfer

Papst der Überraschung

25. März 2013 von redaktionguh  
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Die Wahl des Papstes war ein Medien-Großereignis. Nicht nur Katholiken verfolgten sie im Internet oder vor den Fernsehschirmen. Tausende harrten auf dem Petersplatz aus. Selbst Menschen, die nicht einer Kirche angehören, faszinierte diese Inszenierung.

Umso überraschender und angenehmer dann der Auftritt von Jorge Mario Bergoglio, des neuen Pontifex’. Die Namenswahl »Franziskus« brachte ihm schnell Sympathie ein, steht doch ein Programm dahinter: Bischof für die ­Armen zu sein. Und er unterstrich dies sofort mit Gesten: Er trug keine rote Mozetta, legte die Stola nach dem Segen wieder ab und beugte sich zum Gebet mit den Gläubigen.

Von vielen Seiten wurden sofort Hoffnungen, Wünsche oder gar Forderungen formuliert. Es ist klar: Franziskus wird nicht alle erfüllen. Er wird die Frauenordination nicht einführen und die Ehe homosexueller Paare nicht anerkennen. Am Zölibat wird er wohl auch nicht ­rütteln. Und doch hat der konservative Geistliche mit seinem Auftreten viele Herzen gewonnen. Sein Eintreten für die Armen, ja für eine Kirche ohne Prunk ist mehr als ein Zeichen. Wenn Bergoglio in die Fußstapfen des heiligen Franziskus, des Bettelmönchs, des geistlichen Aufrührers tritt, wird das die katholische Kirche verändern – und hoffentlich nicht nur sie.
Doch Franziskus ist zuerst ein Papst der Katholiken. Und von ­ihnen lebt außerhalb Europas der größte Teil der mehr als eine Milliarde, 40 Prozent allein in Lateinamerika. Deshalb werden nicht die Fragen der wenigen Europäer im Mittelpunkt stehen, sondern die Nöte ­derer, die um ihr täglich Brot kämpfen – in Lateinamerika, Afrika und Asien.

Freuen wir uns mit den katholischen Schwestern und Brüdern über diesen Papst, der konservativ ist, aber frischen Wind in den Vatikan bringt.

Dietlind Steinhöfel

Ungetauft und doch Christ

25. März 2013 von redaktionguh  
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Ökumene: Partnerschaft heißt Austausch auf Augenhöhe beim Ökumenefachtag in Leipzig

Das Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrum und das Leipziger Missionswerk luden am 12. März zu einem Ökumenefachtag nach Leipzig ein. Zugegen waren Vertreter evangelischer Kirchen aus Indien, Tansania und Papua-Neuguinea.

Die Pfarrer Samson Moses Pratab Kumar aus Indien, Seth Yona Mlelwa aus Tansania und Matei Ibak aus Papua-Neuguinea (von links) sind bis Ende Mai in ­Mitteldeutschland unterwegs. Foto: LMW/Antje Lanzendorf

Die Pfarrer Samson Moses Pratab Kumar aus Indien, Seth Yona Mlelwa aus Tansania und Matei Ibak aus Papua-Neuguinea (von links) sind bis Ende Mai in ­Mitteldeutschland unterwegs. Foto: LMW/Antje Lanzendorf

Kann man ein guter Christ sein, ohne getauft zu sein? Diese Frage stellt sich in Indien auf besondere Weise. Ein Wechsel zum Christentum ist auf dem Subkontinent mit dem Verlust von Privilegien verbunden. In sechs Einzelstaaten gelten Gesetze, die die Konversion vom Hindus verbieten. Viele Inder leben deshalb als sogenannte verdeckte Christen, sind ungetaufte Kirchenglieder. Von zehn Prozent Christen unter den 1,2 Milliarden Indern geht Samson Moses Pratab Kumar, Gemeindepfarrer der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, aus. Die offizielle Statistik zählt 2,5 Prozent Christen. Pfarrer Pratab Kumar bereist gegenwärtig Mitteldeutschland. Gemeinsam mit Pfarrer Seth Yona Mlelwa aus Tansania und Pfarrer Matei Ibak aus Papua-Neuguinea betreibt er zwölf Wochen »Mission to the North« (Mission im Norden). So heißt das Besuchsprogramm für Glieder der drei Partnerkirchen des Leipziger Missionswerks (LMW).

Dabei geht es um eine »Mission auf Augenhöhe«, wie Hans-Joachim Döring, Leiter des Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrums der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), sagt. Was einschließt, »dass man Zeit und Mittel in die Hand nimmt, um sich zu begegnen, und Raum findet, miteinander zu sprechen«.

Diese Zeit nahmen sich drei Pfarrer aus dem Süden sowie Multiplikatoren aus den Kirchenkreisen der EKM bei dem Fachtag »Ökumene durch Austausch« im Missionswerk. Das Ökumenezentrum organisierte die Tagung, hat die mitteldeutsche Landeskirche doch ihre Partnerschaften in Übersee mit dem LMW verknüpft.

Die Möglichkeit einer gestaffelten Kirchenzugehörigkeit, ohne getauft zu sein, findet Hans-Joachim Döring spannend. Dabei denkt er an die gut 200 Bauvereine im Kirchengebiet der EKM, wo sich Getaufte und Ungetaufte gemeinsam für den Erhalt der Kirche im Ort engagieren und damit mehr als ein Gebäude sichern.

In Indien allerdings verdeutlicht das Massenphänomen der verdeckten Christen die eingeschränkte Religionsfreiheit. Bemühungen radikaler Hindus nach religiöser Homogenisierung des Landes, etwa durch Gesetze, die den Religionswechsel untersagen, könnten diese Bedrängnis noch verstärken.

Zudem müssen sich Christen in ­Indien ganz elementaren Herausforderungen stellen wie einen Zugang zu Wasser, beschreibt Pfarrer Pratab Kumar. Der Kampf gegen Hunger rangiere für die tamilische Kirche weit vor einer Diskussion ökumenischer Fragen, fügt Pfarrer Volker Dally an. Hier geht es also weiter um die bekannten Fragen der Entwicklungszusammenarbeit. Volker Dally, der Direktor des Leipziger Missionswerks, sieht eine gute Zukunft in mehr theologischem Austausch. Davon profitieren beide Seiten, wie jüngst auf einem gemeinsam durchgeführten Pastoralkolleg von EKM und tamilischer Kirche geschehen. Ein Modell, das auch mit ­anderen Partnerkirchen des Leipziger Missionswerkes durchgeführt werden kann, so Dally.

Erneut betroffen zeigt sich Hans-Joachim Döring von der Bedrängnis der Christen in Tansania. Neben den Erfolgen der eigenen Missionsarbeit berichtete Pfarrer Seth Yona Mlelwa von der offensiven und politisierten muslimischen Mission im Land.

Augenhöhe stellt sich für die Evangelisch-Lutherische Kirche in Papua-Neuguinea mittlerweile auch organisatorisch her. Vom Beginn der Mission 1886 bis zur heute großen lutherischen Kirche sieht man sich in einer Zeit des »Exodus der Missionare«, setzt auf Abnabelung von den Partnerkirchen. Das ist gelebtes Durchdringen von Christentum und regionaler Tradition, wenn man so will. Wie kann Partnerschaft zukunftsfähig neu gestaltet werden, lautet deshalb für Volker Dally die Frage.

Gernot Borriss

Der Glaube als Triebfeder

24. März 2013 von redaktionguh  
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Über Franckes Frömmigkeit und was davon bis heute blieb

Stiftungspfarrer Eckart Warner (41) kümmert sich um das christliche Profil in den Franckeschen Stiftungen zu Halle. Christine Reuther fragte nach.

Eckart Warner ist seit 2010 Stiftungspfarrer und zuständig für christliche und seelsorgerliche Angebote in den Stiftungen. Foto: Christine Reuther

Eckart Warner ist seit 2010 Stiftungspfarrer und zuständig für christliche und seelsorgerliche Angebote in den Stiftungen. Foto: Christine Reuther

Herr Pfarrer Warner, was ist von Francke auf die heutige Zeit überkommen?
Warner:
Das eine war seine Überzeugung, dass Erziehung und Bildung wichtig sind für eine Erziehung zum Glauben. Damit verbunden war seine Vision, dass die Menschen nur dann die Welt verändern können. Das sind Überlegungen, die auch heute noch eine Rolle spielen: Wie können wir Kinder und Jugendliche so begleiten, dass sie die Fähigkeiten erlangen, sich an der Gestaltung der Welt zu betei­ligen, sich für andere einzusetzen. Es war Franckes Grundsatz: Nur wer selbst auf einem festen Fundament steht, kann sich anderen zuwenden.

Wie wird das heute umgesetzt?
Warner:
Da sind unsere pädagogischen Einrichtungen: drei Kindergärten, ein Schulhort, ein Kinderkreativzentrum – und das Familienzentrum, das anbietet, was Familien stärkt. Darüber hinaus gibt es kulturelle Einrichtungen, um dem Grundgedanken Ausdruck zu verleihen: Wie können wir Menschen auch mit hochwertigen Kulturgenüssen erreichen, damit sie die Gedanken frei bekommen für andere. Außerdem kümmern sich wissenschaftliche Einrichtungen darum, die Geschichte zu erforschen. Es sind viele Menschen, die sich diesen Aufgaben widmen: Theologen, Politologen, Pädagogen …

Wie verstehen sich die Franckeschen Stiftungen heute?
Warner:
Für die Stiftung selbst ist es wichtig, dass alle kulturellen, wissenschaftlichen, sozialen und christlichen Aktivitäten immer wieder an den Ideen und Traditionen Franckes mit seinen Schulen, seinem Anliegen der Bibelverbreitung, aber auch seiner weltweiten Kommunikation gemessen werden. Francke war durch seinen Glauben motiviert. Man kommt an seinem christlichen Erbe nicht vorbei.

Was ist von Franckes Pietismus geblieben?
Warner:
Der Hallesche Pietismus war ein Phänomen des 18. Jahrhunderts. Die Art, wie Francke die Stiftungen und die hallesche theologische Fakultät geprägt hat, ist so nicht mehr vorhanden. Die Universität ist zu einem Hort der Aufklärung geworden. Geblieben sind zum Beispiel die Bedeutung persönlicher Glaubensüberzeugung und Bibelstunden oder Hauskreise.

Wie beschreiben Sie Franckes Pietismus?
Warner:
Gott kommt zuerst, und durch Gottesliebe ist Menschenliebe erst möglich. Und er hat gesagt: Es braucht ein Erweckungserlebnis dafür. Wer das nicht hat, ist für ihn nicht gläubig. Aber wer das hat, kann sein Leben ganz neu Gott und damit den Menschen widmen. Aus dieser Überzeugung hat er seine Werke begonnen – ohne finanzielle Absicherung, aber mit Gottvertrauen hat er angefangen, Waisenhaus und Schulen zu bauen. Wir glauben heute nicht mehr, wie er. Wir sollten aber fragen: Wie können wir seine Perspektiven aufnehmen?

Eröffnung der Jubiläumsausstellung »Die Welt verändern. August Hermann Francke – Ein Lebenswerk um 1700« am 24. März im Historischen Waisenhaus

www.francke-halle.de

Wandelaltar lockt das Fernsehen

23. März 2013 von redaktionguh  
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Osterwieck bereitet sich auf die Übertragung seines Ostergottesdienstes vor

Klaus Gresse zeigt die Altarwandlung von der Passions- zur Festtagsseite, wie sie während des Fernsehgottesdienstes zu sehen sein wird. Foto: Mario Heinicke

Klaus Gresse zeigt die Altarwandlung von der Passions- zur Festtagsseite, wie sie während des Fernsehgottesdienstes zu sehen sein wird. Foto: Mario Heinicke

Der ZDF-Fernsehgottesdienst wird am Ostersonntag ab 9.30 Uhr aus der Stephanikirche zu Osterwieck übertragen. Nach 1994 und 2008 ist das Fernsehen bereits zum dritten Mal in dem Städtchen am Nordharz. Schon der Stadtname Osterwieck lässt an Ostern denken. Doch das ist nicht der Grund, warum sich die kirchlichen Fernsehbeauftragten für den Ostergottesdienst die Stephanikirche ausgesucht haben. Es ist vielmehr der Altar, ein spätgotischer Wandelaltar von 1484. Jedes Jahr während der Passionszeit ist dort die Seite mit 16 gemalten Bildern der Leidensgeschichte Christi vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung aufgeschlagen. Beim Ostergottesdienst wird der Altar wieder zur Festtagsseite hin gewandelt. Diesmal live vom Fernsehen übertragen. »Eine Altarwandlung wird nur in wenigen Kirchen praktiziert«, sagt Pfarrer Stephan Fritz vom ZDF.

Für die Gemeinde um Pfarrer Stephan Eichner symbolisiert die Altarwandlung die tiefgreifende Veränderung, die mit der Auferstehung Jesu von den Toten begonnen hat. Wie sich dieser Osterglaube über den Gottesdienst hinaus bis ins Alltagsleben auswirkt, davon berichten Mitglieder der Gemeinde aus verschiedenen Generationen.

Kreative Herausforderung

Vor neun Monaten nahm Fernsehpfarrer Fritz Kontakt zum Osterwiecker Pfarrer Eichner auf. An den Gottesdienst im Februar 2008 hatten die Fernsehleute beste Erinnerungen. »Es hat mich sehr gefreut, dass Stephan Eichner Ja gesagt hat«, sagt Fritz. »So ein Projekt ist für eine Kirchengemeinde eine spannende, kreative und lehrreiche Herausforderung, die in Bewegung hält«, findet Pfarrer Eichner. Stephan Fritz weiß, dass die Vorbereitungen für die gastgebende Kirchengemeinde mit großem Aufwand verbunden sind. Eine Idee für den Gottesdienst muss her, Texte sind zu entwerfen und alles in einem Drehbuch festzuhalten, es folgen die Proben. »Jeder Satz, jeder Weg ist definiert«, erläutert der Fernsehmann. Denn unterm Strich stehen für die Übertragung genau 44:30 Minuten zur Verfügung. »Wir haben nicht den Bonus mancher Unterhaltungssendungen, dass wir überziehen können.«

Hinzu kommt, dass alle Mitwirkenden im Gottesdienst Fernsehlaien sind. Der Pfarrer, die Sänger der Kantorei, die Bläser vom Auswahlchor des Posaunenwerkes der EKM. »Das gibt es in keiner anderen Livesendung, nur in Fernsehgottesdiensten«, erklärt Fritz. Doch die Fernsehleute wüssten schon im Vorfeld damit umzugehen, in den Gesprächen und Proben den motivierenden Ton zu treffen. »Die Kollegen vom ZDF gehen gern in die kleinen Gemeinden.«

Der Osterwiecker Ostergottesdienst wird sehr musikalisch sein. Das Programm der Stephanikirche ist auch sonst übers Jahr monatlich mit Konzerten gespickt. »Der Gottesdienst wird durch die Bläser und den Chor ein hohes qualitatives Niveau haben«, sagt Pfarrer Fritz. »Ich freue mich richtig darauf.« Der Fernsehgottesdienst werde aber auch die Gemeindewirklichkeit abbilden, lebensnah sein. »Da muss der Pfarrer im Chor mitsingen, weil die Männerstimmen fehlen.«

700000 Zuschauer verfolgen sonntags die Fernsehgottesdienste, die auch nach Österreich und in die Schweiz übertragen werden. »Das bringt auch Rückenwind für die Gemeinde, Bestätigung für den ganzen Ort«, weiß der Fernsehpfarrer aus Erfahrung.

»Wir sind vor zwölf Jahren nach Osterwieck gekommen und wurden damals gebeten, die wieder aufgebaute Stephanikirche mit Leben zu erfüllen. Dazu ist ein Fernsehgottesdienst richtig gut geeignet« sagt Stephan Eichner, der ebenso wie seine Frau und Kantorin Kirsten Eichner ­sowie die Sänger des Kirchenchores vor fünf Jahren schon mal live vor der Kamera standen.

Mario Heinicke

Mehrwert Kreuz

22. März 2013 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.
Johannes 3, Verse 14 und 15

Jerusalem zur Zeit Jesu: Auf der Straße zieht einer auf einem Esel ein – und wird umjubelt von der Menge. »Hosianna«, rufen sie ihm entgegen, werfen Palmzweige und Kleider auf den Boden, um ihn zu ehren. Ein Idol, ein Hoffnungsträger, der »Messias der Herzen« zieht in Jerusalem ein. Es spielt nicht nur zu seiner Zeit, es ist Jesus selbst, der dort so ­umjubelt und erhoben wird – Palmarum, das Fest des Einzugs Jesu in Jerusalem. Wie ein Superstar wird er behandelt. Viele glauben an diesen außer­gewöhnlichen Menschen, setzen ihre ganz unterschiedlichen Hoffnungen auf ihn. Kranke hat er ­geheilt, Hungrige gesättigt. Und den Oberen hat er die Stirn geboten, ihr Fehlverhalten öffentlich ­getadelt. So einen braucht die Welt. Der wäre der richtige König oder Präsident oder Bundeskanzler. Die Geschichte Jesu hätte damit enden können, dass er neuer König in Jerusalem wird, war doch ­alles gut mit ihm. Wieso also noch das Kreuz?

Matthias Keilholz, Pfarrer in der Region Nördliches Zeitz

Matthias Keilholz, Pfarrer in der Region Nördliches Zeitz

Jesus selbst gibt die Antwort: Weil es um mehr geht als um einen weiteren Superstar in der Reihe der hochgejubelten, aber letztlich hilflosen Weltenretter. Weil Jesus gerade nicht in die Riege der bewunderten Idole der Menschheit gehört, die viel Gutes in und für die Welt gebracht haben. Jesu Ziel und Angebot heißt: ewiges Leben. Leben, das eine völlig neue Qualität beinhaltet. Leben, das den Tod überwindet. Leben, das mehr ist als nicht tot zu sein. Dazu muss die Beziehung zu Gott wieder hergestellt werden. Kein Mensch kann das leisten – nicht einmal der umjubelte Mensch Jesus. Auch wenn es für unseren Verstand nicht zu begreifen ist: Erst der Tod Jesu am Kreuz und seine Auferstehung zu Ostern erwerben dieses neue, völlig andere Leben. Das aber verändert dann auch alles: Aus ängstlichen Jüngern werden mutige ­Zeugen. Und wir brauchen keinen Idolen nachzujagen, weil wir dem folgen, der ­unser Leben ist.
Matthias Keilholz, Pfarrer in der Region Nördliches Zeitz

Das Recht auf Leben

19. März 2013 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

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Die Diskussionen um die ­vor­geburtliche Diagnostik sind nicht zu überhören. Befürworter und Gegner ringen oft sehr emotional um den richtigen Umgang mit werdendem Leben. Der neue Bluttest bei Schwangeren zur Erkennung des Downsyndroms hat seit dem Sommer letzten Jahres zu ­einem wieder lauter werdenden Meinungsstreit geführt.

In Magdeburg hatte die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen im Landtag von Sachsen-Anhalt, Verena Wicke-Scheil, vorige Woche zu einer Podiumsdiskussion über vorgeburtliche Diagnostik eingeladen. Die Runde aus Fachleuten beleuchtete das Thema vielschichtig, aber auch im Gleichklang. Auf dem Podium fehlte ­wenigstens ein Vertreter einer widerstreitenden Meinung. Leider, möchte man meinen, denn letztlich blieb es bei einer Fragerunde der Politikerin an ihre Gäste ohne Gegenrede.

Foto: Sabine Ullmann/Pixelio

Foto: Sabine Ullmann/Pixelio

Landesbischöfin Ilse Junkermann kritisierte, dass ein Teil des neuen Tests mit Steuergeldern entwickelt wurde. Schwangerschaften haben sich ihrer Ansicht nach in den vergangenen 20 Jahren deutlich verändert. Sie hätten nicht mehr den Stellenwert eines »Guter-Hoffnung-Seins«. Eltern stünden durch die hohe medizinische Betreuung unter einem zunehmenden Druck, gesunden Nachwuchs zu bekommen. Junkermann nannte es bedauerlich, wenn die Bindung zum Kind meist erst dann aufgebaut werde, wenn Unwägbarkeiten ausgeschlossen seien. Dazu komme, dass es bei der Mehrzahl möglicher Tests nicht darum gehe, eine Heilung zu ermöglichen, sondern Fehler zu suchen. Ihrer Ansicht nach sollten Eltern deutlich mehr Unterstützung erhalten, um sich auf behinderte Kinder einzustellen.

»Kann man vernünftigerweise wollen, dass eine solche Praxis zur allgemeinen Regel werden könnte?«, fragte die Hallesche ­Medizinethikerin Viola Schubert–Lehnhardt. Es entstehe sehr schnell der Eindruck, dass nach Befunden Embryos in ein regelrechtes Auswahlverfahren kommen. Es sollten vorrangig Testverfahren entwickelt werden, die auch Behandlungsmöglichkeiten eröffneten.

Paare seien oft überfordert, mit den vorgeburtlichen Diagnosen umzugehen, erklärte die Gynäkologin Jutta Pliefke, die sich bei Pro Familia in Berlin engagiert. Der Bluttest ermögliche zumindest, dass gefahrloser für den Embryo als bei einer Fruchtwasseruntersuchung eine Erkennung von Trisomie 21 (Downsynodrom) erfolgen könne. Auch bleibe mehr Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Allerdings führe das neue Verfahren zu einer sozialen Ungerechtigkeit. Der Test müsse von den Betroffenen aus ­eigener Tasche bezahlt werden. Bei Kosten von rund 1300 Euro fielen sozial Schwache aus dem System heraus. Auf der anderen Seite plädierte die Medizinerin dafür, dass es auch »ein Recht auf Nichtwissen« vor der Geburt eines Kindes geben müsse. Jürgen Hildebrand vom Allgemeinen Behindertenverband betonte daneben das Recht von Behinderten auf Leben.

Klaus-Peter Voigt

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