Der Rebell wider Willen

29. Mai 2013 von redaktionguh  
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Das Eisenacher Landestheater zeigt Luthers Leben als Musical – Uraufführung am 15. Juni

Sechs Jahre sind vergangen, seit in Eisenach die heilige Elisabeth von Thüringen die Musical-Bühne betrat. Nun hat das Landestheater abermals das Leben eines berühmten Bewohners der Wartburg für eine Melange aus Musik, Schauspiel und Tanz adaptiert. »Luther! Rebell wider Willen« heißt die Inszenierung von Tatjana Rese, die am 15. Juni zur Welt-Uraufführung kommt.

Jannike Schubert als Katharina von Bora und Matthias Jahrmärker als Martin Luther im Musical »Luther! Rebell wider Willen.« Foto: Landestheater Eisenach

Jannike Schubert als Katharina von Bora und Matthias Jahrmärker als Martin Luther im Musical »Luther! Rebell wider Willen.« Foto: Landestheater Eisenach

Das Stück, welches en suite bis zum 14. Juli gespielt wird, eine Wiederaufnahme im Sommer 2014 erlebt und bei entsprechendem Zuspruch bis zum Ende der Reformationsdekade 2017 im Programm bleiben soll, fordert das Haus bis an seine Leistungsgrenze. Mehr als hundert Kostüme, stilistisch angelehnt an jene Kleidung, wie man sie auf den Gemälden Lucas Cranach d. Ä. findet, müssen von den Eisenacher Werkstätten hergestellt werden. Eingebunden sind alle ­Sparten des Theaters – die Eisenacher Landeskapelle ebenso wie das Ballettensemble und Mitglieder des Jungen Schauspiels. »Es ist eine Großproduktion, die nicht alltäglich ist«, betont auch der stellvertretende Intendant Carsten Kochan.

Dementsprechend lange währte die Vorbereitung. Bereits an die fünf Jahre beschäftigt der Reformator ­Tatjana Rese, die auch das Libretto verfasste. Die Herausforderung: aus der Vielfalt an Überlieferten eine Geschichte extrahieren, die speziell auf dieser Bühne mit ihren technischen Möglichkeiten erzählt werden kann. »Man muss den Blick auf Luther ­fokussieren«, erklärt die Berliner Theaterfrau. Ihr Interesse gilt ganz dem Widersprüchlichen ihres Helden. »Wie wird ein Mann, der gegen die Verhältnisse anschreibt, ungewollt zum Rebellen? Wie sehr gerät er zwischen die Fronten?«

Um diese Frage zu beantworten, geht die Handlung über die entscheidende Eisenacher Episode im Leben des Theologen hinaus, zeigt ihn als Spielball der Politik. Begleitet übrigens von historischem Personal wie Lucas Cranach oder Philipp Melanchton, dazu fiktiven Figuren wie dem Schriftgießer Stephan. Selbst der Teufel und die heilige Anna werden zu ihren Auftritten kommen.

Aber Luther ist in dieser Geschichte eben auch Mann, schließlich muss bei aller Verpflichtung gegenüber der Glaubensgeschichte ebenso der Unterhaltungsanspruch des Genres zu seinem Recht kommen. Folglich wird Jannike Schubert in der Rolle der Katharina von Bora eine nicht eben kleine Partie neben Luther-Darsteller Matthias Jahrmärker zugedacht. Der ist – wie übrigens die Mehrzahl der spielenden Akteure – Musical-Profi und als Gast engagiert.

Gesangserfahrung ist nicht eben unerheblich für die Inszenierung, schließlich gibt es in dem durchkomponierten Werk lediglich eine reine Schauspielszene zwischen den Musikstücken. Diese reichen »von Gregorianik über das Madrigal bis zum Rock«, erklärt Komponist Erich A. Radke, der das Eisenacher Orchester um eine Rockkapelle erweiterte. Luther soll mit diesen gegensätzlichen Stilen auch musikalisch als eine Figur des Umbruchs gekennzeichnet werden, die von seiner Zeit vereinnahmt wird. Der Reformator also folglich im Mittelpunkt eines Rock-Musicals? »Das wird genauso zusammengehen wie Jesus Christ Superstar«, ist sich zumindest Carsten Kochan sicher.

Susann Winkel

»Luther! Rebell wider Willen«, Uraufführung am 15. Juni, 19.30 Uhr, Landestheater Eisenach. Weitere Vorstellungen in dieser Spielzeit am 16./21./22./23./28./29./30. Juni sowie am 4./5./6./7./12./13./14. Juli. Kartentelefon (03691) 256219

Sie prägte Generationen

28. Mai 2013 von redaktionguh  
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Die Merseburger Kirchenmusikerin Eva Ernst wird am 30. Mai 80 Jahre alt

Meinen gesamten musikalischen Werdegang, mein Wissen über Musik, über Chorliteratur und Liturgie, viele musikpraktische Fähigkeiten sowie den Umgang mit Kindern und Jugendlichen hat Eva Ernst ganz stark beeinflusst und geprägt.« Stefanie Standke, heute Musik- und Deutschlehrerin an einem Leipziger Gymnasium, ist des Lobes voll für ihre frühere Merseburger Kantorin. Auch andere junge Menschen, die sie bis ins Erwachsenenalter erlebten, stimmen in den Lobgesang ein. Katharina Kentsch, die ab dem fünften Lebensjahr im Kinderchor, später in Kurrende und Jugendchor sang, erinnert sich besonders gern an die jährlichen Singwochen. »Ich bin mitgefahren, bis ich 23 Jahre alt war – wie viele andere Jugendliche auch über das Alter hinaus, in dem man mit der Familie in den Urlaub fährt.« Für Konrad Pippel ist Eva Ernst Vorbild und entscheidend für seine Berufswahl. Er studierte an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik Halle und ist nun Kantor des Kirchspiels Apolda und Kreiskantor für den Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Bärbel Schikowsky sagt über die Kirchenmusikerin: »In Merseburg war sie in den 1970er Jahren die Stütze beim Aufbau des Kirchspiels. Sie führte vorsichtig die Chöre der einzelnen Gemeinden zur Kantorei zusammen, baute einen gemeinsamen Kinderchor und Jugendchor auf und gab den Älteren die Möglichkeit, einen gesonderten Chor zu bilden.«

Eva Ernst vor der Burgkirche in Querfurt. Foto: privat

Eva Ernst vor der Burgkirche in Querfurt. Foto: privat

Eva Ernst prägte über Jahrzehnte das kirchenmusikalische Leben in Merseburg. Geboren 1933 in Königsberg in Ostpreußen, musste sie als Zwölfjährige mit ihren Eltern und den Geschwistern fliehen. Die Familie fand in Schönebeck bei Magdeburg eine Bleibe; Freude in guten wie in schlechten Zeiten fand sie in der Musik. Der Vater, ein Glasermeister, spielte Violine und wirkte auch als Chorleiter. Die Tochter Eva Hinz studierte von 1950 bis 1954 an der Evangelischen Kirchenmusikschule in Halle. Zu ihren Dozenten gehörten Gerd Ochs, Eberhard Wenzel und Hans Helmut Ernst. Nach ihrem B-Examen begann die junge Kirchenmusikerin am 1. Oktober 1954 ihren Dienst an der Stadtkirche Sankt Maximi zu Merseburg. Ihre Arbeitsjahre bis 1996 waren geprägt von vielfältigen Aufgaben. Ein Schwerpunkt lag in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Überall brachte sie all ihre Kraft und ihr Herzblut ein, verbunden mit außerordentlichem Engagement, Selbstdisziplin und Gewissenhaftigkeit: Vormittage mit Vorschulkindern, Arbeit als Katechetin, Proben mit Kinder- und Jugendchor sowie den beiden Kirchenchören (ab 1975 Merseburger Kantorei), Orgelspiel im Gottesdienst und Singwochenarbeit. Ab den 1960er Jahren fungierte sie als Kreiskirchenmusikwartin und gehörte mehrere Perioden dem Kreiskirchenrat an. Die Plakate der vielen Chor- und Orgelkonzerte, die Eva Ernst aufgehoben hat, verstärken den Eindruck der Intensität ihrer Arbeit. Einen besonderen Platz in ihrem Leben nahm der Kirchenmusiker Hans Helmut Ernst ein, der in Halle ihr Orgeldozent war, oft als Mitwirkender zu Konzerten nach Merseburg kam und den sie 1977 heiratete. Sein geistiges Vermächtnis gibt ihr bis heute Kraft.

Im Ruhestand hat Eva Ernst viele Aufgaben in jüngere Hände gelegt, andere hinzugewonnen. Geblieben ist das Orgelspiel – zum Lobe Gottes und zu ihrer eigenen Freude. Ihre Gabe, sich in Menschen einfühlen zu können, setzt sie zum Beispiel im Krankenbesuchsdienst ein.

Alle, die Eva Ernst kennen, schätzen ihre vom Glauben geprägte enorme Tatkraft, erleben ihre Bescheidenheit und Selbstlosigkeit im Dienst. Zu ihrem Geburtstag verneigen sie sich voller Dankbarkeit vor ihrer Lebensleistung.

Angela Stoye

Klare Perspektive ist nötig

27. Mai 2013 von redaktionguh  
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Johannes-Schulstiftung in Sachsen-Anhalt gründet derzeit keine Grundschule

Ernüchternd war die Auskunft für den Verein, der eine evangelische Grundschule in Stendal im Norden Sachsen-Anhalts gründen wollte: Die Johannes-Schulstiftung, die als Träger vorgesehen war, gründet keine neue Grundschule mehr. Das war 2011 beschlossen worden. Trotzdem hat die Stiftung gerade Zuwachs bekommen. Jüngstes »Kind« – seit dem 1. April – ist die Christliche Grundschule Aschersleben. Gegründet und betrieben hat sie seit 2005 der Verein »Christliche Grundschule Aschersleben«.

Für freie Schulen wird die Finanzierung immer schwieriger und die Schulgebühren steigen. Foto: Gerd Altmann/Pixelio

Für freie Schulen wird die Finanzierung immer schwieriger und die Schulgebühren steigen. Foto: Gerd Altmann/Pixelio

»Irgendwann kann ein Verein an seine Grenzen kommen. Es wird mit der Zeit immer mehr, was er als Träger leisten muss«, sagt Andrea Helzel, Geschäftsführender Vorstand der Evangelischen Johannes-Schulstiftung in Magdeburg. Das alles durch Vereinsmitglieder im Ehrenamt abzudecken, sei nicht überall auf Dauer zu bewältigen. Die Übernahme der Aschersleber Schule in die Trägerschaft der Stiftung sei genau geprüft worden. Eine etablierte Einrichtung, für die auch ausreichend Bedarf besteht, zu übernehmen, sei etwas anderes als eine Neugründung angesichts sinkender Bevölkerungszahlen.

Momentan ist die Stiftung Trägerin von vier Sekundar- und fünf Grundschulen. Mit dem Schuljahresende schließt die Evangelische Grundschule in Ilsenburg, wenn es nicht zuvor einen Trägerwechsel gibt. Die Schule war in Wernigerode gegründet worden mit dem Plan, dort in ein ­größeres Gebäude umzuziehen. Das hatte jedoch nicht geklappt, sodass sie nach Ilsenburg wechselte. Den Ortswechsel machten jedoch viele Eltern nicht mit. Derzeit prüfen die Neinstedter Anstalten, ob sie die Grundschule übernehmen, sagt Helzel.

Bedarf an Sonderpädagogen kann nicht gedeckt werden

Die Entscheidung, zurzeit keine neuen Grundschulen zu gründen, hat die Landessynode im April bestärkt. Mit Gründen, die auch für die Magdeburger wichtig sind: »Wir wollen die vorhandenen Schulen stärken«, so Andrea Helzel. Die Schulnetzplanung des Landes Sachsen-Anhalt sei bekannt. Angesichts drohender Schließungen der Schule im Dorf hätten viele Bürgermeister und Eltern bei der Johannes-Schulstiftung angefragt, ob sie die Schule nicht weiter betreiben könne. »Doch wo die Perspektive unklar ist, werden wir nichts übernehmen.« Ob das auch für Sekundarschulen gilt, müsse man abwarten und konkret prüfen. Hier seien andere Überlegungen und Kräfte nötig.

Dass sich die Johannes-Schulstiftung als freier Träger seit der ­Gründung 2008 um Sekundarschulen kümmert – ihre erste Schule überhaupt war die 2007 gegründete Sekundarschule Haldensleben –, liegt mit am Engagement von Altbischof Axel ­Noack, dem Kuratoriumsvorsitzenden der Stiftung. Er machte bei seinen ­Visitationen die Erfahrung, dass sich Kirche sozial im Sekundarschul­bereich engagieren sollte, der viel schwieriger zu bewältigen ist als Grundschulen und Gymnasien, berichtet Andrea Helzel. In den Sekundarschulen müssten die Kinder zumeist anders begleitet werden. Immer öfter fragen Eltern auch, ob ihr Kind mit sonderpädagogischem Förder­bedarf in eine der Schulen aufgenommen werden kann. »Wir suchen Sonderpädagogen«, sagt Andrea Helzel.

Die Landschaft der Schulträger in Sachsen-Anhalt ist bunt, sogar innerhalb der evangelischen Schulen – Vereine, die Diakonie, die Johannes-Schulstiftung, auch die Evangelische Schulstiftung in Mitteldeutschland, deren Schwerpunkt in Thüringen liegt. Letztere wird aber voraussichtlich eine neue Grundschule in Halle im Schuljahr 2014/15 gründen. »Dort sind Bedarf und Potenzial da«, schätzt Andrea Helzel ein. In Stendal, in der Altmark, sieht das ganz anders aus.

Renate Wähnelt

www.johannesstiftung.de

Neue Pfarrer braucht das Land

27. Mai 2013 von redaktionguh  
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Thema: Ein Berufsstand und sein Ansehen im Abwind?

Noch ist die Nachwuchssituation für das Pfarramt nicht dramatisch gefährdet. Doch es gibt Entwicklungen, die kritisch werden könnten.

Vielleicht sollten Pfarrerinnen und Pfarrer künftig im Nebenfach noch Medizin studieren und eine Arztpraxis betreiben. Dann würde sich eventuell ihr Ansehen in der Bevölkerung drastisch verbessern. Denn das sinkt seit Jahren. Seit 1966 lässt das Institut für Demoskopie Allensbach in regelmäßigen Abständen Menschen aus einer Liste von Berufen die fünf auswählen, vor denen sie am meisten Achtung haben. Von Anfang an an der Spitze: der Arzt. Auch vor zwei Jahren nannten ihn 82 Prozent der Befragten. Demgegenüber steht nur bei 28 Prozent der Pfarrer beziehungsweise Geistliche in hohem Ansehen. 1966 waren es noch 49 Prozent. Allein am religionskritischen Osten liegt es nicht. Zwar nennen hier nur 22 Prozent die Pfarrer, doch im Westen sind es auch nur 29.

Dem scheint zu widersprechen, dass das Fach Theologie an den Hochschulen und Universitäten hoch im Kurs steht, sich teilweise sogar wachsender Beliebtheit erfreut. Doch es sind nicht die künftigen Pfarrerinnen und Pfarrer, die da in Vorlesungen und Seminaren sitzen. Es sind vor ­allem die künftigen Religionslehrer, die zumeist neben einem Zweitfach Theologie für das Lehramt studieren. An der Theologischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg etwa stehen derzeit rund 120 Studierende für das Pfarramt rund 450 Studierenden für das Lehramt gegenüber. An der Jenaer Friedrich-Schiller-Universität ist das Verhältnis mit 100 zu 130 zwar auf den ersten Blick ausgeglichener. Zählt man jedoch die 200 Studenten der evangelischen Reli­gionslehre an der Uni Erfurt dazu, ist das Verhältnis in Thüringen ähnlich.

Die schöne Seite des Pfarramts: Die junge Pfarrerin Mirjam Redeker aus Buttelstedt bei Weimar taufte zwei Kinder am Pfingstmontag. Foto: Harald Krille

Die schöne Seite des Pfarramts: Die junge Pfarrerin Mirjam Redeker aus Buttelstedt bei Weimar taufte zwei Kinder am Pfingstmontag. Foto: Harald Krille

Er habe »den Eindruck«, dass dies mit einem »deutlich verbesserten Image des Lehrerberufes« zu tun hat, resümiert Professor Stefan Schorch, Dekan der Theologischen Fakultät in Halle. Der Lehrerberuf biete eine »hohe soziale Sicherheit« und sei zudem familienfreundlicher. Demgegenüber mache ein durch die Veränderungen in den kirchlichen Strukturen zunehmend »verschwommenes Berufsbild des Pfarramtes« den Einstieg in diese Laufbahn schwer.

Im unklaren Berufsbild sieht auch der anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig ein Problem für die Nachwuchsgewinnung. Zwar drohe für die nächsten fünf bis sechs Jahre noch keine Gefahr, dennoch müsse zum ­einen dringend das Berufsprofil geschärft und zugleich in Anhalts Gymnasien für das Theologiestudium mit dem Ziel Pfarramt geworben werden.

»Ja, wir wollen und müssen junge Menschen für kirchliche Berufe gewinnen«, bestätigt auch der Personaldezernent der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Michael Lehmann. Der Oberkirchenrat verweist darauf, dass die Landeskirche jährlich einen »stabilen Korridor« von je 15 Plätzen für den Vorbereitungsdienst und den Entsendungsdienst bereitstellt. Ausdrücklich lobt Lehmann den hohen Stand der theologischen Ausbildung in Jena wie in Halle. »Was das Studium liefert, ist eine wichtige Wegzehrung für die Zukunft: die Möglichkeit, die Bibel in den Urtexten zu lesen, sich kritisch und kreativ mit biblischen Inhalten auseinanderzusetzen.«

Doch auch er sieht, dass das Bild, welches Pfarrer von ihrem Beruf ­haben, ebenso wie das, welches die Gemeinden von den Pfarrern haben, an vielen Stellen nicht mehr mit den Realitäten in Einklang zu bringen ist. »Wie beschreiben wir künftig unsere Stellen? Welche Aufgaben bleiben vor Ort, welche sind regional wahrzunehmen? Hier sehe ich erheblichen Gesprächsbedarf für alle Beteiligten«, so Lehmann. Wohl wahr. Denn wenn selbst gestandene Pfarrer unter vier Augen äußern, sie könnten derzeit niemandem mehr guten Gewissens den Weg ins Pfarrhaus empfehlen, lässt das die Alarmglocke schrillen.

Harald Krille

Hoffnung und Mahnung

26. Mai 2013 von redaktionguh  
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Alles hat bekanntlich zwei Seiten. Das US-amerikanische Forscherteam um den Biologen Shoukhrat Mitalipov freut sich über den Erfolg ihrer Arbeit. Erstmals ist es gelungen, menschliche Embryonen zu klonen (s. S. 2). Ethiker und Theologen hingegen sind besorgt. Auch wenn die Wissenschaftler beteuern, dass ihre Forschung allein der Therapie von Krankheiten dient, schrillen alle Alarmglocken. Denn sie arbeiten mit denselben Methoden, die auch reproduktives Klonen ermöglichen, bei dem ein geklonter Embryo einer Frau eingesetzt und von ihr austragen wird. Andere mahnen, dass hier mit menschlichem Leben experimentiert – gezüchtet und getötet – wird, je nach Bedarf.

Zudem fürchten die Skeptiker, dass mit den für das Klonen benötigten Eizellen harte Geschäfte gemacht werden. Der weltweite ­Organhandel zeigt, wie der Wunsch nach Gesundheit bei anderen kriminelle Energie weckt.

So mögen die »Verjüngungszellen«, die durch das Klonen gewonnen werden, in ferner Zukunft Hilfe bei heute noch unheilbaren Krankheiten versprechen. Vielleicht auch Verjüngungskuren in der Schönheitsindustrie möglich machen. Die Frage angesichts unseres so einmaligen Lebens aber muss gestellt werden: Dient wirklich alles Machbare dem Guten und Edlen? Wir glauben so gern an die Heilsversprechen, und tatsächlich verbreiten solche Erkenntnisse immer große Hoffnung. Der Mensch aber bleibt fehlbar.

Angesichts von Chemie- und Atomwaffen; von Giften, die einst landwirtschaftliche Erträge erhöhen sollten und uns nun auf die Füße fallen, können die Mahner in unserer Gesellschaft nicht laut genug sein. Dem Klonen von Menschen muss ein Riegel vorgeschoben werden. Aber ob dieser Riegel je fest genug sein kann, bleibt die große und entscheidende Frage.

Dietlind Steinhöfel

Die Stimmen der Engel sind zu hören

25. Mai 2013 von redaktionguh  
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Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!
Jesaja 6, Vers 3

Fragen Sie sich manchmal auch, warum Sie dies oder das gerade tun? Hat das überhaupt einen Sinn? Scheint nicht alles wüst und leer!? So ähnlich fühlte sich der Prophet Jesaja vor vielen Tausend Jahren. »Weh mir, ich vergehe, denn ich wohne ­unter einem Volk mit unreinen Lippen!« Jesaja hat den Herrn gesehen. Ihm sind die Augen geöffnet worden.

Ja, er hat den Herrn gesehen und zugleich ist ihm bewusst geworden, wie das Volk um ihn herum lebt. Zum Verzweifeln muss es sich für ihn angefühlt haben. Hoffnungslos. Es geht um seine Berufung zum Propheten. »Na wunderbar«, wird er gedacht haben. »Was soll ich diesem Volk sagen, das nichts von meinem Herrn wissen will?« Der Herr spricht zu ihm: »Verstocke das Herz dieses Volkes und lass ihre Ohren taub sein!« Ist das die Aufgabe eines Propheten? Es scheint so zu funktionieren, dass alles erst einmal wüst und leer, taub und blind sein muss, bevor ­etwas Neues entstehen kann, bevor etwas gehört und gesehen wird. So hat sich Jesaja seine Aufgabe als Prophet bestimmt nicht vorgestellt. Aber die ­Engel des Herrn machen ihm Mut: »Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!« Ja, so ist es; damals wie heute. Manche wollen es hören, andere nicht.

Mir macht diese Berufungsgeschichte Mut, immer wieder auf die Menschen zuzugehen; denn es gibt Tage, da werde ich zu einer Familie gerufen, in der jemand stirbt und Begleitung braucht. Ich werde gebraucht in der Schule bei den Schülerinnen und Schülern, die in den Religionsunterricht kommen, oder in der Gemeinde, zu der Familien gehören, die ihre Kinder taufen lassen möchten. Mich freut es, wenn sich Menschen plötzlich öffnen und nach Gott fragen, obwohl sie es gar nicht erklären können. Das liegt daran, dass auch heute die Stimmen der Engel zu hören sind: »Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!«

Bettina Reinefeld-Wiegel, Pfarrerin in Weimar

Kunterbunt und sehr lebendig

21. Mai 2013 von redaktionguh  
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Schlaglicht: Der Kirchenkreis Elbe-Fläming nimmt den Sachsen-Anhalt-Tag in Gommern als Herausforderung an

Über die Bundesländer Sachsen-Anhalt und ­Brandenburg erstreckt sich der Kirchenkreis Elbe-Fläming. Deshalb sind beim Sachsen-Anhalt-Tag vom 28. bis 30. Juni in Gommern auch Brandenburger dabei.

Als erstes habe ich schon im ­Oktober vor zwei Jahren eine Urlaubssperre für die Zeit des Sachsen-Anhalt-Tages verhängt.« Superintendentin Ute Mertens muss ein bisschen schmunzeln über ihre unpopuläre Ansage. Aber nachdem die Entscheidung gefallen war, dass der Kirchenkreis nicht einfach nur bei dem Großereignis dabei sein will, ­sondern es wesentlich mitgestalten möchte, hatten wir keine Wahl. Und es war auch gar keine andere Entscheidung möglich. Schließlich liegt die evangelische Trinitatiskirche mitten in Gommern, mitten im Geschehen. So eine Chance, Kirche in ihrer Vielfalt zu zeigen, und das so einladend und fröhlich wie bei dem großen Fest, bietet sich so schnell nicht wieder.

Dabei sind die 17500 evangelischen Christen des Kirchenkreises nicht allein, wie sie auch ihren Glaubensalltag regelmäßig gemeinsam mit den katholischen und reformierten Christen gestalten, mit der Neuapostolischen Gemeinde und den Sieben-Tags-Adventisten zusammenarbeiten. Letztere haben ihre theologische Hochschule Friedensau schließlich auf dem Gebiet des Kirchenkreises nahe Burg, dem Sitz der Superintendentin. Neutestamentler aus Friedensau gestalten den ökumenischen Bibelwochenkonvent. Und in Burg gibt es Bibelwochen mit einem Abend in der neuapostolischen Kirche und der Abschlusspredigt von einem Adventisten. »Wir machen hier fröhliche Ökumene«, kommentiert Ute Mertens das Miteinander.

Superintendentin Ute Mertens leitet den Kirchenkreis Elbe-Fläming, der den Sachsen-Anhalt-Tag mit prägen möchte. Einladend will sich die Kirche präsentieren. Foto: Kerstin Kuehn

Superintendentin Ute Mertens leitet den Kirchenkreis Elbe-Fläming, der den Sachsen-Anhalt-Tag mit prägen möchte. Einladend will sich die Kirche präsentieren. Foto: Kerstin Kuehn

Das wird sich auch an den beiden kirchlichen Spielorten des Sachsen-Anhalt-Tages zeigen. »Kirchen kunterbunt« ist das Motto. Und in der sowie rings um die Trinitatiskirche, im Epizentrum des Sachsen-Anhalt-Tages, wie Ute Mertens sagt, wird es kunterbunt und lebhaft zugehen: Kirchenkaffee, ein Bühnenprogramm, der Markt der Möglichkeiten mit Einrichtungen aus dem Kirchenkreis und der Landeskirche, Turn- und Tobe-Angebote im Pfarrgarten. Etwas abseits vom Trubel steht die katholische Kirche Herz Jesu, die sich als Oase der Ruhe erweisen soll: Seelsorgeangebot, Liegestühle auf der Wiese, Andachten, Orgelmusik.
Am meisten Leute werden beim Kirchenkaffee gebraucht. Es muss Kuchen gebacken werden, es müssen ständig Kaffee- und Kuchenverkäufer da sein. Doch auf die Ehrenamtlichen kann sich Ute Mertens verlassen; es ruht nicht alles auf den Schultern der Hauptamtlichen. Die sind mit dem Alltag auch gut ausgelastet. »Der Kirchenkreis erstreckt sich über zwei Bundesländer, Brandenburg mit anderer Ferienregelung als Sachsen-­Anhalt. Ende Juni haben die Brandenburger schon Ferien – aber wir beziehen sie trotzdem mit ein«, klingen in den Worten der Superintendentin die alltäglichen Unwägbarkeiten durch, das Organisatorische trotz der Unterschiede zu bewältigen. Zu den großen Differenzen gehört auch die Spreizung zwischen der ländlichen Kultur mit kleinen, weit voneinander entfernt liegenden Ortschaften im Norden und den Gemeinden am Rand Magdeburgs. Der Pfarrbereich Pechau mit Randau und Calenberge sind Ortsteile der Landeshauptstadt, gehören aber zum Kirchenkreis Elbe-Fläming. Und im politischen Kreis ­Anhalt-Zerbst zählt beispielsweise Güterglück zur anhaltischen Stadt Zerbst. Doch Ute Mertens sieht in dieser Buntheit keine Probleme.

Sie findet sie an- und aufregend und erzählt gern, was alles es im ­Kirchenkreis noch gibt, woraus sich Gemeindeleben auch speisen kann: Notfallseelsorge, das Corneliuswerk Diakonische Dienste und das Diakonische Werk im Jerichower Land, das Diakonissenmutterhaus in Genthin und die Evangelische Grundschule in Burg. »Das ist im Kreis Jerichower Land die einzige freie Schule. Vor drei Jahren haben wir mit acht Kindern begonnen, jetzt lernen 46 von der 1. bis zur 4. Klasse dort und 15 Schulanfänger sind angemeldet«, freut sie sich. Um die Schulgründung haben sich eine Elternintitiative und die Superintendentin gemeinsam bemüht. »Wir haben es als Kirchenkreis zuerst allein versucht mit einem Verein als Träger«, blickt Ute Mertens ­zurück. Träger ist jedoch die Johannes-Schulstiftung geworden. Der Kirchenkreis bleibe ein Partner. Das ­Corneliuswerk betreibt den Hort.

So vielfältig es im Kirchenkreis auch zugeht, die Kräfte sind endlich. Fast alle Gemeinden haben sich zu Kirchspielen zusammengefunden; 18 Pfarrbereiche gibt es. 40 Mitarbeiter sind im Verkündigungsdienst tätig. Das Ziel, in jeder der vier Regionen ­einen Kirchenmusiker zu haben, hat sie erreicht. Sorgen machen der Superintendentin aber freie Stellen für Gemeindepädagogen. Für die zwei Halbtagsstellen finde sich nur schwer jemand, bedauert sie. »Dabei ist es so wichtig, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Auch wenn es immer mehr nur Projektarbeit wird. Die Zeit für regelmäßige Christenlehre oder Konfirmandenunterricht fehlt den Kindern, die zum Teil sehr lange Schultage haben, weil die Schule weit weg ist«, sieht sie die schwierigen Rahmenbedingungen. Doch der Kirchenkreis setzt hier einen Schwerpunkt; die Frühjahrssynode befasste sich mit einer Konzeption für die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien.

Ein Kristallisationspunkt dafür dürf­te beim Sachen-Anhalt-Tag die Teilnahme am Festumzug sein. »Erstmals macht Kirche da mit«, ist Ute Mertens stolz. Posaunenchöre werden an der Spitze und am Ende des Zuges sein und mittendrin werden die tradi­tionell von der Kirche begleiteten ­Lebensstationen dargestellt: Taufe, Hochzeit, Beerdigung. Ute Mertens strahlt vor Tatendrang und Vorfreude. Sie selbst wird mit dem Jugendkreis Burg den Taufzug gestalten. Jeder Hauptamtliche habe seine Aufgabe bekommen und sammele »seine« Leute dafür um sich, beobachtet die Superintendentin, wie viele sich für das Mittun begeistern lassen. Auch die etwa 60 Sänger erwähnt sie, die seit Monaten im Gospelchor-Projekt die Soul-Messe vorbereiten, die am 30. Juni auf der Bühne vor der Trinitatiskirche gefeiert wird, ehe der Festumzug startet.

Überhaupt die Musik. Die Biederitzer Kantorei ist im Kirchenkreis zuhause, die Posaunenchöre ziehen auch viele Nicht-Christen in die ­Gemeinden. Ute Mertens bereut es nicht, sich vor vier Jahren als Superintendentin beworben zu haben. Über die Musik – das Evangelische Musicalpojekt Altmark – hat sie noch Kontakt zur vorigen Pfarrstelle. Und natürlich ist das Musicalprojekt beim Sachsen-Anhalt-Tag mit seinem diesjährigen Stück »Das goldene Kalb« auf der Bühne vor der Trinitatis-Kirche dabei.

Renate Wähnelt

www.kirchenkreis-elbe-flaeming.de


http://www.gemeindedienst-ekm.de/grossprojekte/landesfeste/

Mehr als eine Modeerscheinung

21. Mai 2013 von redaktionguh  
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Gottesdienste für Motorradfahrer sind im Kommen

Renate Wähnelt sprach mit Michael Kleemann aus Stendal. Der Theologe ist Superintendent im Kirchenkreis Stendal und Polizeiseelsorger. Zudem ist er selbst passionierter Biker und gestaltet jährlich mehrere Gottesdienste für Motorradfahrer.

Ein Kreuz aus Motorradhelmen im Magdeburger Dom zeigt an: Hier feiern Biker ihren Gottesdienst. Der Zahnarzt Uwe Spanier ist einer von ihnen und hat ein besonderes Erlebnis zu erzählen. Foto: privat

Ein Kreuz aus Motorradhelmen im Magdeburger Dom zeigt an: Hier feiern Biker ihren Gottesdienst. Der Zahnarzt Uwe Spanier ist einer von ihnen und hat ein besonderes Erlebnis zu erzählen. Foto: privat

Bereits den 13. Biker-Gottesdienst feierten die Motorradfahrer im Mai im Magdeburger Dom, mehr als 300 waren dabei. Herr Kleemann, was ist das Besondere daran?
Kleemann:
Es ist ein eigenes Format der Verkündigung, mit der wir Menschen erreichen, die sich sonst eher selten in eine Kirche verirren. Sie ­haben keinen oder nur einen sehr ­lockeren Bezug zum Glauben, aber sie lassen sich einladen, sind sehr andächtig, und es werden von Jahr zu Jahr mehr. Bei den Fürbitten entzünden wir Teelichter für verunglückte Motorradfahrer und lesen dabei ihre Namen vor. Hier geschieht Seelsorge ganz unmittelbar; auch die Hartgesottenen nutzen diese Chance, innezuhalten und nehmen es als spirituelles Erlebnis wahr.

Ist der Ablauf eines Biker-Gottesdienstes ein besonderer?
Kleemann:
Wir legten aus den Helmen ein Kreuz. »Gut behütet sein« ­bekommt eine mehrfache Bedeutung ebenso wie das Kreuz. Als Zeichen des Lebens steht es eben auch vielfach an den Orten des Sterbens am Straßenrand. Die Musik spielt natürlich eine große Rolle und sie nimmt diese spezielle Gemeinde in den Blick. Im April auf dem Halberstädter Domplatz gab es professionelle Gitarrenklänge, im Magdeburger Dom begleiteten den vielstimmigen Gesang ein E-Piano und die Gitarre. Wir sangen »Tears in Heaven« und »Knockin’ on Heaven’s Door«. Lieder, mit denen auf die Kultur der Biker eingegangen wird.

Es scheinen immer mehr Biker-Gottesdienste zu werden in unserer Landeskirche?
Kleemann:
Ja, es werden mehr, vor ­allem auf dem flachen Land. Voriges Jahr hatten wir erstmals in der Klosterkirche Jerichow einen Biker-Gottesdienst, der im Rundfunk übertragen wurde. Es entwickeln sich Traditionen, sowohl den Saisonstart als auch den -abschluss zu feiern. Mit dem Gottesdienst in Halberstadt begann die Polizeiaktion »Sicher durch den Harz«. Inzwischen bitten Motorradklubs darum, eine Ausfahrt mit einem Gottesdienst zu begleiten. Dieses besondere Format gewinnt eine eigene Dynamik.

Gibt es individuelle Reaktionen?
Kleemann:
Ein Polizist und Bikerfreund sagte mir, dass ihn der Gottesdienst so tief berührte wie seit Jahren nichts. Ein anderer Teilnehmer bat darum, vor den Fürbitten eine selbst erlebte Geschichte vortragen zu dürfen, die ihm nach dem letztjährigen Gottesdienst widerfahren ist. Da hatte der Schutzengel hörbar angeklopft. Menschen sind offen für Gottes Ansprache. Wir dürfen sie ihnen nicht schuldig bleiben.

www.polizeiseelsorge.de

Einfach Klappe halten!

20. Mai 2013 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Manche Diskussionen nerven einfach. Zum Beispiel, wenn westdeutsche Historiker die Vergangenheit von Angela Merkel enthüllen. Da wird dann die These von der »strammen FDJ-Sekretärin« zum wiederholten Male traktiert, da gibt es die Entdeckung, dass sie als junge Wissenschaftlerin sogar ehrenamtlich in der Betriebsgewerkschaftsleitung mitgearbeitet hat. Und weil ihr Vater als Pfarrer den Vorhof des Himmels (West-Deutschland) verließ und in die DDR übersiedelte, ist dann ja klar, dass hinter all dem nur der russische Geheimdienst KGB stecken kann. Dazu passt natürlich, dass sie die russische Sprache beherrscht. Noch Fragen, wem sie ihren steilen Aufstieg zur deutschen Bundeskanzlerin verdankt?

Das alles wird gern vorgetragen von Menschen aus dem Teil Deutschlands, in dem Altnazis nach dem Niedergang des »Tausendjährigen Reiches« bis in höchste Funktionen aufstiegen, in dem an Euthanasie-Verbrechen ­beteiligte Ärzte noch in den 1950er Jahren ihre »Forschungsergebnisse« zu bis heute unhinterfragten Doktorarbeiten verwursteten. Und in dem führende Linksintellektuelle und Moralapostel zwar den Satz eines Bundeskanzlers von der »Gnade der späten Geburt« unbarmherzig zerpflückten, zugleich aber jahrzehntelang die eigenen Aufnahmeanträge in die NSDAP verdrängten oder sich erst spät vorsichtig erinnerten, die Uniform der Waffen-SS getragen zu haben.

Man mag über Merkels Politik durchaus unterschiedlicher Meinung sein. Aber wer im »real existierenden Sozialismus« lebte weiß, welch lächerliche Pflichtübung oft hinter dem Amt des Gruppenratsvorsitzenden der Schulklasse oder FDJ-Sekretärs der Studiengruppe stand.

Auch wenn es nicht unbedingt der Verständigung dient – manchmal möchte man nur sagen: Haltet einfach die Klappe!

Harald Krille

Die Zeit läuft

20. Mai 2013 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

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Ringen um Konzeption und Zukunft des Kirchenladens in Jena

Alles wirkliche Leben ist Begegnung.« Dieser Satz von Martin Buber ist das Programm des Jenaer Kirchenladens, um dessen Zukunft gerade gerungen wird.

Johannes Steinke und Edith Malert diskutieren im Jenaer Kirchenladen über die Zukunft. Foto: Doris Weilandt

Johannes Steinke und Edith Malert diskutieren im Jenaer Kirchenladen über die Zukunft. Foto: Doris Weilandt

Unter der Führung von Uta Lemke hat er sich zu einem Ort entwickelt, an dem Nächstenliebe täglich gelebt wird. Die Theologin und Sozialpädagogin ist im Wortsinn die Seele der Einrichtung, in der jeder willkommen ist, der einen Menschen zum Reden und zum Zuhören braucht. Drei Jahre war sie über eine Jenarbeit-Maßnahme vollbeschäftigt. Diese Förderung läuft am 14. Juni aus. Seit Monaten diskutiert der Kirchenkreis über den weiteren Betrieb, der nun – nach einem Beschluss der Kreissynode – unter der Verantwortung von Ralph Kleist weitergeführt werden soll. Ehrenamtliche Mitarbeiter müssen noch geworben werden, denn Geld für eine weitere Beschäftigung von Uta Lemke sei nicht vorhanden. Doch es ist wohl nicht nur der finanzielle Aspekt, der zum Abrücken von der Mitarbeiterin führt, die sich dort seelsorgerisch engagiert. »Der Kirchenkreis sieht das mit gemischten Gefühlen«, sagt Präses Katharina Elsäßer, die sich selbst ehrenamtlich die ganze Woche über als Kirchenwart in die Arbeit der Stadtkirche St. Michael einbringt. »Wir wollen wieder auf das ursprüngliche Anliegen des Kirchenladens zurückkommen, das neben dem Verkauf auch Informationen über Gottesdienste, Veranstaltungen und Werbung vorsah«, schildert Katharina Elsäßer das Ergebnis einer Diskussion über die inhaltliche Ausrichtung. Und was wird aus Uta Lemke? »Wenn wir weiterhin eine volle seelsorgerische Stelle bezahlen könnten, wäre eine Anstellung keine Frage.«

Viele Mitglieder sehen das anders. Bereits im Februar schrieb Silke Luther von der Evangelischen Erwachsenenbildung Thüringen einen Brief an den Kreiskirchenrat. Darin führt sie eine ganze Seite Gründe auf, die für den Erhalt des Kirchenladens mit dem jetzigen Konzept und seiner Frontfrau sprechen. Danach startete sie mit Franziska Rohner von der Diakonie eine Unterschriftenaktion, bei der sich innerhalb kürzester Zeit rund 430 Befürworter in die Listen eintrugen. »Erstmal ist der Kirchenladen unverwechselbar. Frau Lemke nimmt die Leute ernst und lässt jeden reden. Nirgendwo sonst sprechen sie so offen über ihre Probleme wie bei ihr. Sie hat ein Händchen dafür«, erläutert Silke Luther ihr Engagement für die Theologin. Sie ist der Meinung, dass der ­Laden in seiner jetzigen Form nicht aufgegeben werden darf, sondern einen höheren Stellenwert braucht. Ihn ehrenamtlich zu führen, kann sie sich kaum vorstellen. Die Erfahrung hat ihr gezeigt: »Ehrenamt funktioniert ohne Hauptamt nicht.«

Uta Lemke erstaunt die Diskussion. Bisher habe man ihr gesagt, dass es aus finanziellen Gründen für sie nicht weitergehen kann. Dass es eigentlich um inhaltliche Fragen geht, sei ihr neu. Sie hat ihr Konzept zum Antritt der Stelle vor drei Jahren aufgeschrieben, es dem damaligen Superintendenten Diethard Kamm und dem Kirchenkreis vorgestellt, die es befürwortet und mitgetragen haben. Nie habe sie eine Klage darüber gehört. Der Laden ist für sie Kirche, die auf Menschen zugeht: »Für mich ist es unbegreiflich, wie man etwas annehmen kann, wenn es nichts kostet, und dann nicht die Chance ergreift, selbstständig weiterzumachen.«

Freitags betreibt Johannes Steinke den Kirchenladen seit drei Jahren ­ehrenamtlich. Er bietet Diskussionen über die Bibel an und ist gerade mit Edith Malert in ein Gespräch über ­Gerechtigkeit vertieft. »Frau Lemke hat mich aufgefangen. Sie ist der Kummerkasten für Jung und Alt«, ­erzählt die überzeugte Christin, die regelmäßig in die Saalstraße kommt. Der Laden existiert für sie nur mit Uta Lemke, ohne sie sei er undenkbar. Die Zeit läuft. Dass der Übergang auf das beschlossene Modell reibungslos gehen könnte, glaubt auch Katharina Elsäßer nicht. Sie rechnet mit eingeschränkten Öffnungszeiten bis zum Kirchentag im September.

Doris Weilandt

Kirchenladen Jena, Saalstraße 23 (gegenüber der Stadtkirche St. Michael)

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