Das Ende des Dauerlaufs im Hamsterrad

29. Juni 2013 von redaktionguh  
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Aus Gnade seid ihr selig geworden durch den Glauben; und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.
Epheser 2, Vers 8

Ist wirklich jeder seines Glückes Schmied? Manchmal scheint es, als gelte dieses alte Sprichwort heute mehr denn je. Die Leistungsgesellschaft, in der wir leben, eröffnet vielen Menschen Chancen, wie es sie in früheren Zeiten nur für wenige gab. Wir können es durch eigene Leistung zu etwas bringen. Es lohnt sich, sich anzustrengen. Diese Medaille hat aber auch eine Kehrseite. Wenn etwas nicht klappt, heißt es: selber schuld! Der Verweis auf das Schicksal, auf ungünstige Umstände usw. zieht nicht mehr. Wer für seinen Erfolg verantwortlich ist, muss auch die Verantwortung für den Misserfolg tragen. Den gestiegenen Chancen stehen auch höhere Risiken gegenüber.

Dietrich Lauter, Kreisoberpfarrer im Kirchenkreis Köthen

Dietrich Lauter, Kreisoberpfarrer im Kirchenkreis Köthen

Das Ganze wird dadurch verschärft, dass es sich nicht nur auf Arbeit und Beruf bezieht, sondern sich auf alle Lebensbereiche ausweitet. Die ganze eigene Identität, unser Aussehen und Auftreten, auch private Beziehungen. Liebe, Freundschaft, Lebenseinstellung, Lebensglück – alles soll optimiert werden. Du musst alles besser machen! So geraten wir unter Druck, gewaltigen, oft unmenschlichen Druck. Und die in Aussicht gestellte Freiheit zur Selbstverwirklichung verkommt oft zum Dauerlauf im Hamsterrad fremder und eigener Ansprüche.

Wie gut, dass es einen Lebenskreis gibt, in dem das nicht gilt: unsere Beziehung zu Gott. Unser Glaube ist ein Geschenk, Gottes Gabe, sagt Paulus, nicht ein Produkt unserer Leistung. Das erläutert er den Christen in Ephesus, die unter dem Druck des Geistes ihrer Zeit gelebt hatten, bevor sie sich taufen ließen. Die Erkenntnis, dass wir Gott recht sind, so wie wir sind, kann uns helfen, barmherziger ­mit­einander und mit uns selbst umzugehen.

Das kann und soll dann auf das restliche Leben ausstrahlen. Wenn wir uns dafür öffnen, dass Gott uns mit sich ins Reine bringt, dann verliert der Leistungsgedanke seinen totalen Anspruch. Gott sei Dank!

Dietrich Lauter, Kreisoberpfarrer im Kirchenkreis Köthen

»Eine wunderbare Region, ein schöner Ort zum Leben«

26. Juni 2013 von redaktionguh  
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Porträt: Der Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach ist von großen Unterschieden geprägt

Der Prozess des Zusammenwachsens hält im Kirchenkreis noch an. Einiges wird unternommen, damit der Zusammenhalt gefördert wird.

Wozu ist ein Kirchenkreis da?« Auf die selbst gestellte Frage gibt Ulrich Lieberknecht, Superintendent im Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach, die Antwort: »Ein Kirchenkreis ist da, damit die Gemeinden gut arbeiten können, ein Ausgleich der Gaben und Kräfte stattfindet.« Der heutige Kirchenkreis hervorgegangen durch den Zusammenschluss der drei ehemaligen Kirchenkreise Bad Salzungen, Dermbach und Vacha. Seit etwa 15 Jahren wachsen die

Ulrich Lieberknecht ist Superintendent des Kirchenkreises Bad Salzungen-Dermbach. Foto: Archiv

Ulrich Lieberknecht ist Superintendent des Kirchenkreises Bad Salzungen-Dermbach. Foto: Archiv

Gemeinden zusammen, erzählt Lieberknecht. Die Erfahrungen, die er bei diesem Prozess mache, stimmten ihn »ganz demütig«. Demütig, weil er erlebe, dass der große Kirchenkreis im Westen der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wenig integrative Kraft aufweise. Damit sich dies ändert, das Bewusstsein für Zusammengehörigkeit wächst, werde einiges getan. Der Theologe denkt an den für 2014 geplanten Kreiskirchentag. Bereits 2002, 2005 und 2009 wurden in Weilar, Schweina und Roßdorf regionale Kirchentage veranstaltet, die sehr schön waren. Auch die Lektorentage, zu denen zweimal im Jahr alle diejenigen eingeladen werden, die Lust haben, Gottesdienste mitzugestalten, sollen den Zusammenhalt stärken. Wie der Superintendent sagt, sind die Lektorentage ein niederschwelliges Angebot, das gern angenommen werde und inzwischen schon Tradition sei.

Der Prozess des Zusammenwachsens

In den Sommermonaten wird in ­diesem Jahr bereits zum vierten Mal eine Gottesdienstreihe angeboten: Ein Abendgottesdienst jeweils 18 Uhr in sechs verschiedenen Orten. Für die Gemeinden ein Anreiz, sich aufzu­machen, einander kennenzulernen. Nach dem Gottesdienst gibt es bei Speis und Trank die Möglichkeit zum Gespräch. Manche nutzen den Termin für einen Gemeindeausflug – eine schöne Entwicklung, die Ulrich Lieberknecht begrüßt.

Der westliche Kirchenkreis der EKM mit 30000 Mitgliedern in 61 ­Kirchengemeinden, aufgeteilt auf 26 Pfarrstellen, sei von »ganz großen Unterschieden« gekennzeichnet, erklärt er. In manchen Dorfgemeinden der Rhön gehörten mehr als 70 Prozent der Bevölkerung zur Kirche. Hier würden Traditionen gepflegt, die sonst in der gesamten mitteldeutschen Landeskirche längst ausgestorben seien. In Dermbach zum Beispiel werde an jedem kirchlichen Feiertag, wie dem Buß- und Bettag, der ein Arbeitstag ist, und am 6. Januar selbstverständlich 9.30 Gottesdienst gefeiert. Um daran teilnehmen zu können, würden sich die Berufstätigen freinehmen, Konfirmanden sogar schulfrei bekommen. Andererseits weiß der Superintendent auch, dass jede Medaille zwei Seiten hat und solche traditionsbewussten Gemeinden nur schwer für Veränderungen zu gewinnen sind.

Säkularisierung durch Ansiedelungsprojekte

Neben Orten, in denen kirchliche Tradition hochgehalten wird, gibt es andere, etwa in industrialisierten Gebieten, wo das Bewusstsein für Kirche nur noch wenig ausgeprägt sei. Lieberknecht nennt beispielsweise die ehemals sozialistische Kreisstadt Bad Salzungen sowie Standorte der Kaliindustrie wie Merkers und Unterbreizbach.

In der Etablierung der Kaliindustrie sieht Johann-Friedrich Enke, Pfarrer in Bad Salzungen und Immelborn, ­einen Grund für den Abbruch kirchlichen Lebens in den betreffenden Orten. Die Säkularisierung sei in zwei Schüben vonstattengegangen, erläutert er. Mit der Kaliindustrie seien Leute vorzugsweise mit Parteibuch in der Region angesiedelt worden. Der nächste Schub sei Ende der 1960er Jahre gekommen, als in Bad Salzungen die Kaserne gebaut wurde und viele Armeeangehörige in die Stadt zogen. Mit diesen beiden Ansiedlungsprojekten, so Enke, habe die Kirchlichkeit einen steilen Weg bergab genommen.

Region mit vielen Vorzügen

Nach der Wende sei nun wieder eine neue Wanderungsbewegung zu beobachten, ergänzt Ulrich Lieberknecht. Viele der in den Kirchengemeinden aktiven Christen sind in den westlichen Bundesländern sozialisiert, deren beruflicher Weg sie nach Thüringen führte. Zum anderen gehen viele junge Menschen weg, weil sie anderswo eine Ausbildung absolvieren oder eine Arbeit gefunden haben. Die Arbeitslosigkeit sei in der Region kaum ein Problem – verglichen mit anderen Gegenden Thüringens. Allerdings würden viele pendeln, weil sie in Bad Hersfeld, Fulda bis hin in die Rhein-Main-Region arbeiten.

Der Superintendent schwärmt von der Lebensqualität seiner Heimat. »Landschaftlich ist das hier eine wunderbare Region, ein schöner Ort zum Leben.« Dennoch sei es schwer, die drei vakanten Pfarrstellen in Möhra, Kaltennordheim und Kaltensundheim – im August kommt noch Bad Liebenstein dazu – zu besetzen. »Wir haben keine Bewerbungen«, sagt er. »Wir gelten hier als hinter den sieben Bergen.« Wahrscheinlich, so vermutet der Theologe, hält die Lage hinter dem Rennsteig und ohne Autobahn Pfarrer ab, hierher zu ziehen. Obwohl der Landstrich nach seiner Meinung so viele Vorzüge bietet.

In Bad Salzungen prägen Kurgäste das Bild der Stadt. Sie kommen zu den Gottesdiensten und Konzerten. Ein besonderes Angebot sind die Trinkhallengespräche, zu denen Pfarrer Enke jährlich viermal einlädt. Diese würden allerdings weniger von den Gästen als vielmehr von den Einheimischen besucht.

Die Kirchenmusik. Sie lebt im Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach. Ein Beweis dafür sind die zahlreichen Chöre, die sich zweimal im Jahr treffen. Es seien so viele, dass ein Treffen nicht ausreichen würde und ­statt­­dessen zwei veranstaltet werden, sagt Kreiskantor Hartmut Meinhardt.

Vier Kirchenmusiker sind Hauptamtliche. Ginge es nach Meinhardt, könnte es gern einer mehr sein. Auch wünscht er sich noch viele ehrenamtliche Chorleiter und Organisten. Zwar gebe es einige Pfarrfrauen, Gemeindepädagogen und auch einzelne Pfarrer, die sich kirchenmusikalisch betätigen, Chöre leiten oder Orgel spielen. Aber: »Sehr viele Orgeln sind vakant und Gottesdienste müssen oft a cappella bestritten werden. Um das zu ändern, wurde für die Propstei ­Meiningen-Suhl ein Chorleiterkurs in Meiningen und Rudolstadt ins Leben gerufen. Dieser gibt interessierten ­Gemeindemitgliedern die Möglichkeit, sich weiterzubilden. Oder einen Anfang zu wagen, zum Beispiel einen Chor gründen und leiten.

Sommerkonzerte in Dorfkirchen

Meinhardt beklagt die »Entmusikalisierung ganzer Landstriche«. Und Pfarrer Enke gibt in dem Zusammenhang zu bedenken, dass der Beruf des Kantorkatecheten ausstirbt, der in den Gemeinden jedoch dringend gebraucht würde.

»Wir haben ein hohes historisches Gut an Orgeln«, betont Kantor Meinhardt. Damit dieses gepflegt wird, planen die hauptamtlichen Kirchenmusiker dieses Jahr zum ersten Mal eine Sommerkonzertreihe in Dörfern, wo es an Organisten fehlt. Vier Konzerte in vier unterschiedlichen Orten. Jeweils einer der vier Kantoren lässt eine ansonsten vakante Kirchenorgel erklingen und erfreut die zuhörende ­Gemeinde.

Zeitgemäße Formen der Jugendarbeit

Wer sich ehrenamtlich in der Diakonie engagiert, zum Beispiel Besuchsdienste übernimmt, wird dieses Jahr erstmalig zu einem Ehrenamtstag eingeladen. In Bad Salzungen ist die Kreisdiakoniestelle eine Adresse für Lebensberatung und soziale Beratung mit dem Schwerpunkt Mutter-Kind-Kuren. Weiterhin gibt es im Kirchenkreis eine Reihe von diakonischen Einrichtungen in unterschiedlicher Trägerschaft, die Diako Westthüringen mit Sitz in Eisenach sowie die Diakonische Behindertenhilfe Bad Salzungen-Schmalkalden. Auch das Sozialwerk Meiningen ist Träger von Einrichtungen im Kirchenkreis.

Wie in vielen anderen Gemeinden werden auch im Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach neue Modelle der Jugendarbeit erprobt. Die klassische Junge Gemeinde sei eine Form, die es schwer habe, sagt Pfarrer Enke. Kirchliche Jugendarbeit würde zunehmend als Projektarbeit laufen. Bekannt sei ihm beispielsweise die positive Resonanz auf Fahrten junger Menschen nach Auschwitz. »Das ist eine sehr gute Sache«, lobt der Theologe. Er selbst sei mit den Jugendlichen zu ­einer Konfirmandenfreizeit nach Eise­nach gefahren. Dort sei über Suchtgefahren gesprochen worden. Zudem erinnert er sich an einen Besuch der Konfirmanden im Eisenacher Jugendamt. Dabei ging es um die Frage, welche Rechte Kinder haben, deren Eltern sich scheiden lassen. Er sei überrascht gewesen, so Enke, wie aufmerksam die Jugendlichen zugehört und wie intensiv sie sich nach ihren Fragen zu urteilen mit dem Thema beschäftigt hätten.

Zu weiteren Projekten der Jugendarbeit im Kirchenkreis gehören der ökumenische Jugendkreuzweg und die »Church Night«, die der Superintendent als legendär bezeichnet. Lieberknecht macht auf ein Vorhaben der Evangelischen Jugend Werratal aufmerksam: das erste Konfi-Camp fürs Werratal im September.

Sabine Kuschel

Die Flut weicht, Sorgen kommen

25. Juni 2013 von redaktionguh  
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Verdreckte Dörfer, vernichtete Ernte – Hilfe ist auch für die Seele nötig

Eine Flut der Dank-Sagungen folgt der Flut von Saale und Elbe. Nicht nur an der Strombrücke in Magdeburg sind die aufgesprühten großen Transparente zu finden, auf denen sich die Bedrohten und Betroffenen für die ­erhaltene Hilfe bedanken. Auch an Häusern bricht sich auf solche Art ­Erleichterung Bahn. Ja, und natürlich in Dank-Gottesdiensten.

Die Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg kamen glimpflich davon. Zwar wurde das Gelände evakuiert, einschließlich Krankenhaus, Behindertenheim und Hospiz. Doch es gibt »nur« Grundwasser aus dem Keller zu pumpen. Seit dem 15. Juni funktioniert das Krankenhaus wieder. Tags darauf feierten Bewohner und ­Mit­arbeitende einen Dank-Gottesdienst. Und am 27. Juni soll es ein Dankeschön-Fest für die Mitarbeitenden geben, deren Engagement die schnelle Evakuierung und Zurückverlegung möglich machte. Obwohl einige selbst mit den Wassermassen kämpfen mussten, standen sie geduldig den ­irritierten Bewohnern zur Seite.

Vielfältige Hilfe

Während sich im Elbe-Saale-Winkel die Situation zum Besseren wandte, flutete die Elbe den östlichen Kirchenkreis Stendal. 25 Dörfer wurden evakuiert. Am 16. Juni besuchte Landes­bischöfin Ilse Junkermann in Stendal und Jerichow Menschen, die vor dem Wasser fliehen mussten. Es ist ein wichtiges Zeichen, dass sie zu uns kommt, begrüßte ein in Jerichow Ausharrender die per Panzer aus Stendal eingetroffene Bischöfin.

An der Magdeburger Strombrücke dankten die Elbestädter allen Helfern bei der Abwehr des Hochwassers. Foto: Klaus-Peter Voigt

An der Magdeburger Strombrücke dankten die Elbestädter allen Helfern bei der Abwehr des Hochwassers. Foto: Klaus-Peter Voigt

Diese hatte zuvor in der Petrikirche in Stendal im Gottesdienst ein Grußwort an alle von der Flut Betroffenen gerichtet und von vielfältiger Hilfe berichten können: Die United Church of Christ in den USA spendet 10000 Dollar und möchte sich noch im Sommer an einem Helfereinsatz in Mitteldeutschland beteiligen. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau gibt gemeinsam mit der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck 100000 Euro. Die Evangelische Kirche der Pfalz spendet 10000 Euro auf das Konto der Diakonie Mitteldeutschland. Spendenaufrufe und Fürbitten für die Opfer der Flutkatastrophe gibt es auch in der Diözese Lund in Schweden sowie in Partnerkirchen aus Polen und Weißrussland.

Bei Aufführungen des Musical­projekts Altmark in Arendsee und Osterburg kamen 2746,78 Euro für die Fluthilfe zusammen – ein vielfaches sonstiger Spenden.

Inzwischen sinkt der Pegel. Superintendent Michael Kleemann überlegte gemeinsam mit den Pfarrern der überfluteten Gemeinden, Ralf Euker, Christof Enders und Hartwig Janus, wie es weitergehen soll. »Es hat in diesen dramatischen Tagen auch seelische Verletzungen gegeben. Sie zu linden, müssen wir da sein. Nicht nur aufräumen, auch zuhören und reden«, stellt Christof Enders fest. Seelsorger aus nicht betroffenen Gebieten des Kirchenkreises werden dabei helfen. Und Jugendreferent Jan Foit wird die vor Tatkraft strotzenden Jugendlichen betreuen, die zufassen und sich weniger um innere Verwüstungen kümmern wollen.

Bauern in Not

Mit dem berühmten blauen Auge davongekommen ist der Kirchenkreis Elbe-Fläming, stellt Superintendentin Ute Mertens fest. Doch einige Familien haben viel verloren, manche sind in echter Not. Bauern trifft der Verlust der Ernte existenziell. »Wir müssen mal sehen, sie haben zum Teil Kirchenland gepachtet«, deutet sie an, dass Hilfe möglich wird.

Welche Schäden die Kirche in Alt-Lostau davonträgt, in der nach 2002 wieder das Wasser stand, muss noch abgewartet werden.

Renate Wähnelt

Ein Glück im Unglück

25. Juni 2013 von redaktionguh  
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Über die Hilfsbereitschaft bei der Hochwasser-Katastrophe sprach Karsten Wiedener (epd) mit der Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann.

Frau Landesbischöfin, hat Sie die Welle der Hilfsbereitschaft überrascht?
Junkermann:
Ich freue mich über die Hilfsbereitschaft. Sie ist ein großes Glück im großen Unglück. Die Menschen spüren unmittelbar, ich werde gebraucht, ich kann etwas tun, wir können zusammenstehen und einander beistehen. Jeder kann etwas beitragen: Der eine braucht meine Augen, eine andere eine Unterkunft bei mir, ein dritter mein offenes Ohr. Für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft ist diese Erfahrung sehr gut und wichtig, wie lebendig die Mitmenschlichkeit ist. Ich hoffe, dass wir alle das gut im Gedächtnis behalten!

Landesbischöfin Ilse Junkermann

Landesbischöfin Ilse Junkermann

Was leisten aktuell Kirchengemeinden bei der Hochwasser-Katastrophe vor allem an seelsorgerlicher Unterstützung?
Junkermann:
Gemeinden haben in ihren Räumen Menschen aus evakuierten Gebieten aufgenommen. Viele einzelne Christen stellen Gästezimmer für diejenigen zur Verfügung, für die ein Gemeinschaftsquartier schwer zumutbar ist. Die Helfer an den Deichen werden mit Imbissen versorgt, zum Beispiel war der Bus des Jugendwerks Magdeburg als »Pausenbus« unterwegs. Und, was wir als Christen können, das ist beten. Wir setzen auf die praktische konkrete Hilfe und genauso auf die Kraft des Gebets. An vielen Orten gibt es Bittgottesdienste und Andachten. Die Menschen sollen die Gewissheit haben, dass wir Christen für alle beten, für die in Not, für die Helfer, für die in den Krisenstäben, auf denen eine unglaublich große Verantwortung lastet. Die Notfallseelsorger sind vor Ort und in den Unterkünften. Wenn sich dann das Ausmaß der Flut zeigt, wird es besonders wichtig sein, dass die Betroffenen seelsorgerlich begleitet werden.

Welche Schäden an Kirchengebäuden und kirchlich-sozialen Einrichtungen sind bislang bekannt und werden die finanziellen Möglichkeiten der Kirche für die Behebung ausreichen?
Junkermann:
Für eine Schadensbilanz ist es noch zu früh. Dafür müssen erst einmal die Wassermassen abfließen. Danach werden die Kirchenkreise Schäden an kirchlichen Gebäuden aufnehmen. Die Landeskirche wird dann entscheiden, wie betroffenen Gemeinden und Einrichtungen geholfen werden kann.

Auf Spenden und ehrenamtliche Unterstützung werden wir dabei genauso angewiesen sein wie auf staatliche Hilfe. Wenn ich die schlimmen Überflutungen am Elbe-Saale-Winkel und in der Altmark sehe, denke ich, werden ­unsere finanziellen Möglichkeiten ­allein nicht ausreichen. Ich bin froh, dass unsere Partnerkirchen uns ­bereits personelle wie materielle Hilfen angeboten haben.

Wie Jesus im Jordan

24. Juni 2013 von redaktionguh  
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Gemeindeleben: Großes Tauffest im Kirchenkreis Bad Liebenwerda

Bei einem Tauffest am Baggersee »Kiebitzer« in Falkenberg wurden 22 Täuflinge in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen.

Ahnen konnte das keiner. »Als im vorigen Jahr der Beschluss fiel, wussten wir nicht, dass das Wasser heute eine so aktuelle Rolle spielen würde«, sagt Karl-Heinz Nickschick. Schließlich stehe woanders manchem – nicht nur sprichwörtlich – das Wasser bis zum Hals. »Natürlich mussten wir in den vergangenen Tagen überlegen: Können wir das durchführen?«

Doch Anfang voriger Woche fiel die Entscheidung für das Tauffest am See »Kiebitzer« endgültig. »In unserer Gegend gibt es keine großen Flutschäden, dafür sind wir dankbar – und wir zeigen uns solidarisch«, schildert der Superintendent des Kirchenkreises Bad Liebenwerda die entscheidenden Gründe. Ein Teil Kollekte werde an den Hilfsfonds der Diakonie für die Hochwasseropfer überwiesen. Genau 22 Menschen – vom Baby bis zum Erwachsenen – haben sich am Sonnabend, 15. Juni, am oder im Kiebitzer in Falkenberg/Elster taufen lassen.

Mit dem Tauffest habe der Kirchenkreis eine Idee aufgegriffen, die andernorts bereits erfolgreich realisiert wird, erklärt die Mühlberger Pfarrerin Kerstin Höpner-Miech, die die Initiative in den Konvent des Kirchenkreises eingebracht hatte. Es sollte ein Ereignis werden, das die Taufe mehr ins öffentliche Bewusstsein rückt und das noch Unentschlossene dazu bewegt, ihre Kinder oder sich selbst taufen zu lassen. »Wir haben ungefähr 1000 Familien angeschrieben, in denen mindestens ein Partner Bezug zur Kirche hat, aber die Kinder noch nicht getauft sind«, erzählt die Pfarrerin. Die daraus resultierenden 22 Taufen sind für sie ein toller Erfolg. Wie das Tauffest insgesamt ein schöner Höhepunkt des Jahres für die Gemeinden des Kirchenkreises ist.

»Gut gelungen«, urteilt auch Thomas Meißner. Der Pfarrer von Bad Liebenwerda ist selbst im Talar ins Wasser gestiegen und hat zwei Taufen vorgenommen. »Bei aller Öffentlichkeit, die dieses Tauffest mit sich bringt – die Taufe direkt am Wasser war für die ­Familien auch immer ein sehr privater Moment«, sagt er. Jeder habe selbst entscheiden können, ob am Taufstein am Strand oder direkt im Wasser getauft wurde, bis hin zur historisch wohl ältesten Form der Taufe, bei der Falkenbergs Pfarrer Andreas Bechler den 14-jährigen Täufling auf eigenen Wunsch drei Mal komplett unter Wasser tauchte.

Anna-Dorothea Jandt wurde am 15. Juni im Baggersee von Pfarrerin Kerstin Höpner-Miech getauft. Foto: Karsten Bär

Anna-Dorothea Jandt wurde am 15. Juni im Baggersee von Pfarrerin Kerstin Höpner-Miech getauft. Foto: Karsten Bär

Für viele sei das Tauffest ein Anstoß gewesen, sich für eine Taufe zu entscheiden. Wie auch manch andere diesen Rahmen ablehnen. »Wir haben in unserer Gemeinde im Juli drei ­weitere Taufen«, erzählt Meißner. »Bei mindestens einer davon war es der ausdrückliche Wunsch der Familie, dass sie nicht beim Tauffest, sondern in der Kirche feiern wollen.« Für Andreas Ritz aus Koßdorf gab die Einladung zum Tauffest den letzten Ausschlag. »Meine Frau ist getauft, unsere Kinder auch, daher war es schon ­länger mein Wunsch, mich ebenfalls taufen zu lassen«, erzählt er. Aus den gleichen Gründen entschied sich auch seine Schwägerin Kathleen Schröder aus Zeischa kurzentschlossen wenige Tage zuvor für die Taufe im Kiebitzer. Das Taufseminar wird nachgeholt. Beide sind sich einig: »Ein schönes Ereignis und ein tolles Ambiente!«

Bei aller guten Stimmung: Der Gedanke ans Hochwasser war dennoch präsent. »Schwere Tage liegen hinter uns«, macht Kerstin Höpner-Miech deutlich. Wie die meisten Mühlberger war sie mit ihren Kindern und ihrem Mann Ronald Höpner, der ebenfalls Pfarrer ist, dem Evakuierungsaufruf gefolgt und hatte die Elbestadt einige Tage verlassen. »Wir sind dankbar, heute hier feiern zu dürfen, ohne dass in unserem Kirchenkreis Orte überschwemmt wurden oder Menschen ihr Leben verloren«, sagt sie.

Dass den schweren Tagen noch ­einige stressige folgten, nahmen alle Beteiligten unter diesen Umständen gern in Kauf. Denn Kerstin Höpner-Miechs Computer stand während der Evakuierung ebenso sicher wie unerreichbar im zweiten Geschoss des Mühlberger Pfarrhauses – und mit ihm alle wichtigen Dateien für das Tauffest. »Wir waren gut vorbereitet, aber das hat uns am Ende ziemlich in Verzug gebracht«, lacht die Pfarrerin.

Karsten Bär

Klar analysieren, barmherzig urteilen, beherzt handeln

22. Juni 2013 von redaktionguh  
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Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.
Galater 6, Vers 2

Bei diesem Bibelwort denke ich sofort an Aktionen und Taten. Ich denke an die vielen Fluthelfer, die vor Kurzem noch unermüdlich bis zur Erschöpfung Sandsäcke befüllt, geschleppt und gestapelt haben. Ich denke an Schweiß und körperliche Anstrengung. Mit den Händen einfach zuzupacken, ohne vorher den analysierenden Gehirnmotor anwerfen zu müssen, ist manchmal sehr befreiend – und hilfreich – für andere, aber auch für mich selbst.

Albrecht Henning, Pfarrer in Krina

Albrecht Henning, Pfarrer in Krina

Doch ich komme bei diesem Wochenspruch nicht ohne meinen Kopf aus. Ich muss ihn einschalten und stehe dann vor einem Dreischritt: klar analysieren, barmherzig urteilen, beherzt handeln. Die »Volxbibel« überträgt die Worte des Paulus unmittelbar vorher so: »Also, Freunde, wenn mal einer aus eurer Truppe in seinem Leben total danebenliegt, dann ist es eure Aufgabe, diesen Menschen auf nette Art wieder richtig draufzubringen. Ihr habt ja die Kontrolle von eurem Leben komplett an Gott und seine Kraft abgegeben und könnt das. Dabei müsst ihr aber total aufpassen, damit ihr nicht selber abrutscht!« (Galater 6, Vers 1).

Mir könnte genau das passieren, was den anderen gerade runterzieht. Paulus weist mich eindringlich darauf hin. Er warnt mich davor, die Demut zu verlieren. Gut so! Also: Schön auf Augenhöhe ­mit­einander bleiben. Und dann gemeinsam reden. Welche Möglichkeiten kann es geben, dass sich Dinge für dich ändern? Wie kann ich dir helfen? Wo kann ich dir Gutes tun? Wo brauchst du meinen Rat? Wenn ich von Mensch zu Mensch so miteinander reden kann, dann lässt sich sicherlich hier und da ein Weg oder Ausweg finden. Aber längst nicht immer! Stimmt’s? Deshalb komme ich am Ende vielleicht doch wieder beim Anfang an. Also: Kopf ausschalten, Schubladen zu, Analysen beenden und einfach mit den Händen zupacken – oder vielmehr in den Arm nehmen und zeigen: Ich bin für dich da! Lass fallen, was dich belastet! Um Gottes Willen: Lass es fallen!

Albrecht Henning, Pfarrer in Krina

Stiller Protest

20. Juni 2013 von redaktionguh  
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Ein Mann steht stundenlang auf derselben Stelle eines Platzes und schaut auf ein Bild. Wäre es irgendwo und irgendein Bild, würden Vorübergehende den Kopf schütteln und weitergehen. Aber es ist der Taksim-Platz in Instanbul und das Bild ist das des Staatsgründers der Türkei Mustafa Kemal Atatürk. Der »Duran Adam«, der »Stehende Mann«, wird in wenigen Stunden zu einem neuen Symbol des Protestes gegen einen immer autoritärer werdenden Regierungsstil.

Mit großer Härte ist die Staatsgewalt gegen die Demonstranten im Gezi-Park und auf dem Taksim-Platz Istanbuls, in Ankara und anderen Orten vorgegangen. Tränengas, Wasserwerfer und Verhaftungen. Landesweite Kundgebungen spalten das Land und zeigen das despotische Gesicht von Staatspräsident Erdogan. Das brutale Vorgehen wird die Rufe nach mehr Demokratie und Freiheit nicht ersticken. Wird die Gewalt eskalieren?

Der Performance-Künstler Erdem Gündüz hat ein intelligentes Mittel gefunden. Es erinnert an den Busboykott 1955 in Montgomery unter Martin Luther King. Es erinnert an den Ruf der Demonstranten in der DDR 1989 »Keine Gewalt«. Nur still dastehen. Da kann die Gewalt hilflos werden, weil sie eher mit Steinen als mit Schweigern rechnet.

Dem stillen Protest, über die neuen Medien verbreitet, haben sich Tausende angeschlossen. Da gab es wieder Verhaftungen. Einer Eskalation sind die »stehenden Menschen« mit einer Auflösung zuvorgekommen.

Es wird sich in den nächsten Tagen zeigen, wie die türkische Regierung reagiert, wenn der Protest des »Duran Adam« wie geplant weitergeht. Zumindest hat er schon jetzt gezeigt, dass man diktatorischem Vorgehen Gewaltlosigkeit entgegensetzen kann. Und in einer Demokratie – und dazu zählt die Türkei trotz allem – kann das Bewegung in eine verfahrene Situation bringen.

Dietlind Steinhöfel

Anders mit Flüssen umgehen

18. Juni 2013 von redaktionguh  
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Nach der Flut: Gruna räumt auf, Mühlberg dankt

Die Flut richtete auch in vielen Orten im Kirchenkreis Torgau-Delitzsch verheerende Schäden an. So zum Beispiel in Gruna, dass zum Kirchspiel Sprotta gehört. Dort hatte schon das Hochwasser 2002 gewütet. Nun stehen die Menschen dort erneut vor den Trümmern ihrer Existenz. Vergangene Woche wurden sogar Stimmen laut, dass es gescheiter wäre, den Ort an der Mulde aufzugeben und über die Umsiedlung in ein sicheres Gebiet nachzudenken. Am vergangenen Sonnabend wurde dennoch die Kirche wieder aufgeräumt, alle Bänke wurden hinausgeschafft und vom Schlamm befreit, der Kirchenfußboden wurde geschrubbt. Dazu kamen viele freiwillige Helfer aus dem Ort selbst sowie aus Schenkenberg und Authausen. Pfarrerin Edelgard Richter war in den Tagen der Flut viel unterwegs – in den Dörfern, in die die Flut eingedrungen war. Zum Glück ist der Muldepegel gefallen.

Foto: Andreas Bechert

Foto: Andreas Bechert

Zu Wochenbeginn fiel die Entscheidung, dass das für den 15. und 16. Juni geplante Kreisposaunenfest zum 30-jährigen Bestehen des Posaunenchores Sprotta gefeiert wird. Allerdings mit kleinen Änderungen, so Pfarrerin Edelgard Richter. So proben die Bläser am Sonnabend in Eilenburg, und ob in Gruna die Serenade vor der Kirche erklingen wird, sei noch fraglich. Ebenso die Teilnahme der Bläser aus Arzberg, da der Ort unter den Folgen des Elbe-Hochwassers leidet.

Ökumenischer Gottesdienst

Die Stadt Mühlberg (Kirchenkreis Bad Liebenwerda) und umliegende Orte sind auch diesmal vor dem Extremhochwasser bewahrt worden. Katastrophenalarm und Evakuierung wurden am Montagnachmittag aufgehoben. »Das Bangen war wieder groß«, berichtet Pfarrerin Kerstin Höpner-Miech. Für viele, einschließlich der größeren Kinder, sei es das zweite Mal gewesen. »Mir hat die Arbeit als Notfallseelsorgerin über diese schwierigen Tage hinweggeholfen.« Das Team der Notfallseelsorge ging nicht nur in der Elbestadt vor der Evakuierung von Haus zu Haus, sondern betreute auch die Menschen in den Evakuierungsunterkünften Tröbitz und Schönborn. Am 12. Juni feierte Mühlberg einen ökumenischen Gottesdienst, in dem der Dank für das erneute Bewahrt-Werden vor der Flut und der Dank an die mehr als 700 Einsatzkräfte, die Tag und Nacht gearbeitet hatten, im Mittelpunkt stand.

Die Gedanken der Pfarrerin richten sich über diesen Tag hinaus. »Hochwasserschutz bedeutet viel mehr als Deichbau«, sagt sie. »Wir müssen auch anders mit den Flüssen umgehen.«

(abe/ast)

Kreisposaunenfest – 15. Juni, 17 Uhr: Serenaden in Gruna und Paschwitz vor der Kirche. 18 Uhr: Festmusik in der Doberschützer Kirche mit Blech- und Holzbläsern, Pauken und Orgel; 16. Juni, 10.30 Uhr: Bläsergottesdienste in Mörtitz, Pristäblich und Sprotta. Eilenburg, St. Nikolai, 15 Uhr:  große Abschlussmusik mit 50 Bläsern aus dem Kirchenkreis. Musikalische Leitung des gesamten Wochenendes: Landesposaunenwart Frank Plewka

Miteinander Wege gehen und Wege bauen

17. Juni 2013 von redaktionguh  
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Ein Fest des Glaubens feierte der Kirchenkreis Mühlhausen am 8. Juni

So viel Sonne war lange nicht. Dazu ein fröhliches Treiben vor der erhabenen Kulisse der Bachkirche Divi Blasii in Mühlhausen. Der Kirchenkreis hatte zum Kirchentag eingeladen, die Kirchenmusik zum Chöretreffen und die Jugendkirche zum Jugendtag. So kamen alle Generationen am vergangenen Sonnabend (8. Juni) auf dem Untermarkt und in der Blasii-Kirche zusammen, informierten sich an den Ständen, aßen, tranken, schwatzten, hörten auf Gottes Wort und genossen den wunderschönen Tag.

Alle fünf Jahre veranstaltet der Kirchenkreis ein Christentreffen. Diesmal war das Fest mit dem Motto ­»GehWege« überschrieben. Wortspiele wie »Geh Wege!« – »Gehwege« – »Geh weg!« … zogen sich durch den Tag. Die Kirchengemeinden hatten Steine mitgebracht – typisch für ihre Region –, aus denen ein Steinmetz ein kleines Stück »Gehweg« pflasterte, der nun im Hof des Hauses der Kirche seinen Platz gefunden hat. »Auch kurze Wege«, sagte Superintendent Andreas Piontek dazu, »sind oft wichtig.«

Foto: Burkhard Dube

Foto: Burkhard Dube

Auf dem Untermarkt präsentierten sich Initiativen und Kirchengemeinden, Kletterwand und Familienmitmachzirkus, Kinderkirche und Infostände, so auch der Partnerkirchenkreis Eschwege. Annemone Mücke, Ute Elsner und Karla Liebaug hatten sich aus Eigenrieden auf den Weg gemacht, um selbstgemachte Produkte zu verkaufen: von Topflappen, Ketten, Gelees bis zum Löwenzahnblütenlikör. Der Erlös ist für die Renovierung ihrer Kirche gedacht. Doch die drei engagierten Frauen waren etwas enttäuscht. Verkauft hätten sie fast nichts. Manchmal sind die Wege eben auch beschwerlich. Dafür waren das abwechslungsreiche Bühnenprogramm, die Musik der Kirchenchöre und der Bläser, der Juki-Band oder die Bibelarbeit ganz sicher für sie eine Bereicherung.

Landesbischöfin Ilse Junkermann sprach im Abschlussgottesdienst von den Wegen, die frei gemacht werden sollen, damit alle leben können. Das sei Gottes Wegweisung. Nach dem Gottesdienst erlebten über 800 Christen mit, wie die Landesbischöfin den letzten Stein mit der Aufschrift »Kreiskirchentag 2013« in den »Gehweg« legte. Kirchenälteste nahmen zum Schluss kleine Pflastersteine mit. Denn nach Konzert und »Nachtkirche« war der Kirchentag noch nicht zu Ende. Er wurde am Sonntag mit einem »Gleichzeitiggottesdienst« in allen Kirchen des Kirchenkreises fortgeführt. Der Stein brachte das Fest zu jenen, die am Sonnabend nicht teilnehmen konnten.

Dietlind Steinhöfel

Von Macht und Ohnmacht angesichts des Hochwassers

17. Juni 2013 von redaktionguh  
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Auszug aus der Predigt von Propst Johann Schneider zu 1. Mose 8,1-12 am 9. Juni

Angespannte Tage liegen hinter uns: Als nach den dunklen Regentagen der Hochwasserpegel in unserer Stadt Halle stieg, wurde bald deutlich, dass dieser Gottesdienst in der Marktkirche nicht aus Anlass der Händelfestspiele stattfinden würde – wie ursprünglich geplant. Das Thema »Händel und die Macht« wurde verdrängt von der Macht des Wassers.

Bei vielen Menschen wurden die Erinnerungen an das Hochwasser 2002 bedrohlich lebendig. Die Angst stieg wie der Wasserpegel, weil sie noch wissen, was diese Überschwemmung anrichtet. Wenn die Kloake im Keller steht und alles durchweicht und unbrauchbar macht, was aufgehoben werden sollte. Wenn das Wasser in den Wohnbereich eindringt, die Einrichtung ruiniert, die Geschäftsräume verwüstet.

Und so sehen sich die Mitbürger, deren Wohnungen weiterhin trocken sind, auch in der Pflicht zu helfen. Aber warum trifft es die einen und die anderen nicht? »Das Leben ist ungerecht«, resümierte die Mitteldeutsche Zeitung. Ist auch Gott ungerecht, weil er uns der Willkür der Natur, der Macht des Wassers aussetzt und uns unsere Ohnmacht vor Augen führt?

Helfer in Mühlberg/Elbe. Foto: Veit Rösler

Helfer in Mühlberg/Elbe. Foto: Veit Rösler

Lieber geben wir unserer Planung, der Begradigung der Flussufer, der Versiegelung von Sickerflächen, unserem Lebensstil die Schuld für solche Ereignisse, als einzugestehen, dass ­unsere Macht begrenzt ist. Die Kritik an eigenen Versäumnissen und Fehlplanungen hat natürlich ihre Berechtigung. Aber mit Fehlplanungen alleine lässt sich die Flutkatastrophe nicht begründen. Unsere eigenen Anteile an der Katastrophe gehören zur Kehrseite unseres Machbarkeits- und Machtdenkens: Wie gerne möchten wir alles richtig machen, um mit unserem Handeln möglichst alles unter Kontrolle zu haben.

Schon die ersten Kapitel der Bibel zeigen, dass Wasser ein Element ist, das uns Menschen vorausgeht und uns überlegen ist. Wir sind von ihm abhängig im Guten wie Bösen. Der Geschichte von der Sintflut und von Noah, der in seiner Arche ausgewählte Lebewesen aller Arten aufnimmt und sie so vor dem Ertrinken rettet, zeigt: Noah ist nicht ohnmächtig, weil er auf Gottes Stimme hört. Noah übernimmt nicht nur Verantwortung für sich und seine Artgenossen, sondern für einen viel größeren Teil der Schöpfung. Ab da bekommt die Geschichte Gottes mit den Menschen eine hoffnungsvolle Wendung.

Sie zeigt uns jedoch auch: Seid euch im Klaren, ihr könnt nicht alles richtig machen: die richtige Technik finden, die richtigen Strategien, um ­eines Tages Welt und Natur und unser eigenes Leben ohne Gott zu beherrschen. Was wir aber tun können und sollen – darin bestärkt uns diese ­Geschichte: Handeln in gegenseitiger Verantwortung, so wie das in der ­vergangenen Woche zahlreiche Menschen hier in Sachsen-Anhalt, in Sachsen und Thüringen und in Bayern getan haben. Damit setzen sie ­Zeichen der Hoffnung.

Angespannte Tage liegen hinter uns – und anstrengende Tage liegen noch vor uns: Hoffentlich bleibt die Einsatzbereitschaft bestehen, denn es gibt noch allerhand zu tun, was Einzelne alleine nicht schaffen können.

Der Autor ist Regionalbischof für den Propstsprengel Halle-Wittenberg.

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