Wir haben die Wahl

30. September 2013 von redaktionguh  
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Wir haben unser Kreuz gemacht. Gut so. Was die in den Bundestag gewählten Parteien damit anfangen können, werden wir beobachten. Die einen lecken sich die Wunden und wechseln ihre Führungsriegen aus, die anderen suchen nach Mehrheiten.

So oder so: Zunächst gibt es zwei positive Nachrichten. Die Wahlbeteiligung ist leicht gestiegen und nicht, wie von Politikern befürchtet, unter die 70-Prozent-Marke gerutscht. In Thüringen und Sachsen-Anhalt lag die Beteiligung zwar unter 70 Prozent, doch gegenüber 2009 ist sie dennoch gestiegen, zum Beispiel im Wahlkreis Dessau-Wittenberg von 62,3 auf 65 Prozent, in der Altmark von 61,8 auf 62,6 Prozent. Die zweite gute Nachricht: Keine extreme Partei hat den Sprung nach Berlin geschafft.

Dies zeigt, welche Bedeutung jedes Kreuz auf dem Wahlzettel hat. Dafür hat sich auch die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) starkgemacht mit ihrer Kampagne »Sie haben die Wahl«, deren Höhepunkt am Wahlsonntag zum Kirchentag in Jena war. Vielleicht hat die EKM-Kampagne einen kleinen Anteil an der höheren Wahlbeteiligung. Für die Politiker heißt es nun, nach Kompromissen zu suchen. Das kennen wir gut aus dem Alltag unserer Gemeinden – in Beratungen über Stellenbesetzungen und Finanzen, in der Diskussion über die Segnung homosexueller Paare und vielem mehr. Mancher Kompromiss in unserer Kirche braucht Jahrzehnte. So viel Zeit haben die Parteien nicht.

Das Kirchenvolk der EKM ist mit dem Ankreuzen noch nicht fertig, es bereitet sich auf die Gemeindekirchenratswahl im Oktober vor. Wäre zu wünschen, dass auch hier die Wahlbeteiligung steigt. Denn die Ehrenamtlichen in der Gemeindeleitung brauchen wie die Politiker unser Votum, damit Demokratie in unserer Kirche und der Gesellschaft gelingt.

Dietlind Steinhöfel

Fast paradiesisch

30. September 2013 von redaktionguh  
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Mitteldeutscher Kirchentag: Jena war am 21. und 22. September für 6000 Christen ein guter Gastgeber

Der 2. Mitteldeutsche Kirchentag war ein fröhliches Fest der Christen.

Stolz zeigt der zwölfjährige Christoph aus Eisenberg eine Reihe Buttons an seiner Jacke. Er hat sie alle eigenhändig geprägt auf dem Markt der Möglichkeiten. Aus seinem Rucksack zieht er einige Blätter. »Wir durften uns einen Bibelspruch aussuchen und ihn selbst drucken«, erzählt er begeistert vom Bibelmobil, wo eine Druckerpresse stand. Zudem konnte er dort erfahren, dass sein Vorname aus der Bibel kommt und was er bedeutet. Der Kirchentag war für ihn, seine Schwester und die Eltern ein fröhlicher Tag. »Ich liebe die kleineren Kirchentage«, sagt Christophs Mutter. »Da ist es übersichtlicher.«

Abschlussgottesdienst auf dem Jenaer Eichplatz. Foto: Jürgen Scheere

Abschlussgottesdienst auf dem Jenaer Eichplatz. Foto: Jürgen Scheere

Rund 6000 Menschen feierten am vergangenen Wochenende das große Fest der Evangelischen Kirche in ­Mitteldeutschland (EKM), für das die Zeiss-Stadt Jena ein guter Gastgeber war. Mit einem sehr fröhlichen und emotionalen Gottesdienst in der übervollen Stadtkirche war der Kirchentag am Sonnabend eröffnet worden. »Wir sind eingeladen, ins Paradies zu kommen«, begrüßte Wolfgang Musigmann vom Kirchentagsausschuss die Gottesdienstbesucher, »damit Jesus Platz findet bei uns.«

Das Thema »Mit einem Fuß im ­Paradies« bot reichlich Anknüpfungspunkte. So zeigten Konfirmanden im Eröffnungsgottesdienst auf, was heute alles mit »Paradies« verbunden wird: vom Kinderparadies bis zum Steuerparadies. Auch bei Clown Leo ging es paradiesisch zu, genauso wie bei afrikanischen Rhythmen. Ellen Ueberschär, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, bezeichnete in ihrer Predigt das ­Paradies als »tiefe Quelle liebevollen, angstfreien Umgangs miteinander«. Und sie forderte auf, die syrischen Flüchtlinge freundlich aufzunehmen. »Verschenkt euren Glauben, eure Liebe, verschenkt eure Hoffnung!«, rief sie den Kirchentagsbesuchern zu.

Der Kirchentag spannte einen ­Bogen vom Sonnabend bis zum Abschlussgottesdienst am Sonntag, wo der anglikanische Pfarrer und ehemaliger Domkapitular und Leiter des Versöhnungszentrums der Kathedrale von Coventry, Paul Oestreicher, in der Predigt den Faden aufnahm. Der Friedensaktivist erinnerte daran, dass Jesus uns auffordere, unsere und seine Feinde zu lieben. »Das ist ein hartes Brot«, bekannte er, aber es sei unsere Aufgabe als Christen. »Es kommt nicht auf unsere Zahlen an, sondern auf unsere Liebe.«

Während der beiden Tage trafen sich junge Leute zu ihrem Jugendtag, feierten Christen aller Generationen die Nacht der Kirchen, fanden sich am Morgen zu Bibelarbeiten zusammen und hatten einen Tag mit interessanten Angeboten zur Auswahl. Integriert war zudem die Gehörlosengemeinde. Mehrere Gebärdendolmetscher standen bereit. Im Podium »Schöpfungsbewahrend anders leben« forderte Landesbischöfin Ilse Junkermann zu einem Wandel auf: vom Wachstumsideal zum Bebauen und Bewahren, von einem radikalen Individualismus und Egoismus hin zu einem Ja zu Beziehungen und Eingebunden-Sein in ein größeres Ganzes, ohne dabei die Individualität aufzugeben. Die Landesbischöfin zeigte sich zufrieden mit dem Kirchentag in Jena. Besonders habe sie sich gefreut, dass sie viele Menschen getroffen habe, die sich für Gerechtigkeit und Veränderung einsetzen wollen. Und die sich ehrenamtlich in der Kirche engagieren.

Nicht wenige von ihnen bestritten den Kirchentag und ermöglichten die Feier des Abendmahls. Aus Kirchentagspapphockern bauten Ehren- und Hauptamtliche gemeinsam über den gesamten Platz Abendmahlstische, holten Brot und Traubensaft aus dem Rucksack, manche hatten Kelche aus der eigenen Kirchengemeinde mitgebracht. Fröhliche Musik des Projektchors aus Apolda, der gerade sein ­Jesus-Musical vorbereitet und daraus einiges darbot, sowie der Auswahl-­Posaunenchor der EKM bereicherten das Fest. Insgesamt wirkten 700 Menschen an der Vorbereitung und an den beiden Festtagen mit.

Auf die Frage, ob sie denn ein Stück Paradies gespürt habe, antwortete eine Kirchentagsbesucherin ohne zu zögern: »Ja!«

Dietlind Steinhöfel

Einfach göttlich diese Liebe

27. September 2013 von redaktionguh  
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Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.
1. Johannes 4,21

Achtzehn, zwanzig, zwo, drei …, so hört es sich an, wenn sich die Männerrunde unserer kleinen Straße trifft. Dann werden die Skatkarten richtig gut gemischt, gereizt und – es wird über Gott und die Welt geplaudert. Ein sehr unterhaltsames, nachbarschaftliches Zusammensein, von dem unsere Frauen ebenso etwas haben.

Steffen Schulz, ordinierter Prädikant, Schulgemeinde Oppin

Steffen Schulz, ordinierter Prädikant, Schulgemeinde Oppin

Über Gott und die Welt reden, das tue ich mit Schülern und gleicher Freude in der evangelischen Martin-Luther-Grundschule in Oppin nahe Halle an der Saale. Mit den Mädchen und Jungen über den Glauben und das Leben nachzudenken ist eine allzeit lehrreiche und erstaunliche Angelegenheit. Als ich vor Kurzem in einer Andacht mit den Schülern der Sonnenklasse über die Liebe sprach, fiel den Achtjährigen so einiges ein: jemanden lieb haben, zusammenhalten, Rücksicht nehmen, nicht streiten, sich aufeinander verlassen können, sich wieder vertragen, einen festen Freund haben, vertrauen können, zuverlässig sein, helfen …

Helfen? Und schon hatte ich sie wieder vor ­Augen, meine skatspielenden Nachbarn. Unser Grundstück und Haus war als eines der ersten in der Straße vom Juni-Hochwasser betroffen. Ganz selbstverständlich fassten sie mit an, als Sandsäcke besorgt und gestapelt, als Haus und Hof ausgeräumt werden mussten. Aber nicht nur meine Männerrunde war zur Stelle. Eine Frau aus der Gemeinde brachte mit Kartoffeln und Gemüse stärkende Leckereien, Freunde aus Nah und Fern beteten für uns. Wir bekamen erfrischenden Zuspruch, wichtige Hinweise. Gastfreundlichkeit durften wir für eine Woche erfahren, als wir auszogen. Nach der Flut standen Pflanzen vor der Tür, damit es im Garten wieder grünte und blühte. Wie der Hildburghäuser Posaunenchor spendeten viele für den Wiederaufbau, der noch andauert. Und mit allen lachten wir über so manch kuriose Situation. Einfach göttlich diese Liebe. Sie immer wieder zu erfahren, wünsche ich uns!

Steffen Schulz, ordinierter Prädikant, Schulgemeinde Oppin

Begegnung auf Rädern

24. September 2013 von redaktionguh  
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Der Kirchenkreis Merseburg richtet wieder den »Motorradherbst« aus

Am 29. September brummt es in den Straßen Merseburgs. Der Kirchenkreis lädt zum »Motorradherbst« in die Saalestadt ein. Start für den Corso und Zielpunkt ist der Dom. Die Kirchenzeitung befragte dazu die Superintendentin Christiane Kellner.

Viele Biker nutzen die schönen Herbsttage zu Ausflügen. Foto: Forewer – Fotolia.com

Viele Biker nutzen die schönen Herbsttage zu Ausflügen. Foto: Forewer – Fotolia.com

Frau Kellner, der Kirchenkreis Merseburg richtet zum dritten Mal in Folge einen »Motorradherbst« aus. Was genau ist das? Wie kam es dazu?
Kellner:
Er ist Teil meines Konzeptes, Orte der Begegnung für ganz verschiedene Menschengruppen zu ermöglichen. Als Superintendentin bereite ich den Boden dafür. Beim »Motorradherbst« begegnen sich zum  Beispiel Motorradfahrerinnen und –fahrer, behinderte Menschen und die Kirchengemeinde. Nach dem Gottesdienst nehmen die Biker behinderte Frauen und Männer auf ihren Trikes oder in den Seitenwagen auf die Ausfahrt mit. Das habe ich zum ersten Mal 1997 in meiner früheren Pfarrstelle in Illingen in Baden-Württemberg so organisiert. In der Kleinstadt ist das Konzept aufgegangen – und im Kirchenkreis Merseburg sieht es bis jetzt genauso aus.

Merseburg ist nach 2011 erneut Gastgeberin für den »Motorradherbst«, Weißenfels war es 2012. Welche Erfahrungen gab es?
Kellner:
Überwiegend sehr gute. Es gab viele Gottesdienstbesucher und viele Biker – in Merseburg waren es sogar um die 150 –, die beim Corso mitfuhren. In Weißenfels nahmen im vergangenen Jahr leider nicht so viele Trike- oder Gespannfahrer teil, wie nötig gewesen wären, um alle behinderten Menschen zur Ausfahrt mitnehmen zu können. Viele fuhren aber trotzdem mit – in einem Oldtimerbus.

Ohne Partner kommt der Kirchenkreis beim Motorradherbst nicht aus. Welche sind das?
Kellner:
Ohne Partner geht es in der Tat nicht. Beteiligt sind die Stadt Merseburg und der Saalekreis, dessen Landrat Frank Bannert dieses Jahr die Schirmherrschaft übernommen hat. Die Verkehrswacht ist ebenso mit dabei wie der Reipischer Heimatverein, die diakonische Stiftung »Samariterherberge Horburg« und die evangelische Jugend. Der Motorradclub »coal mine bikers« aus Braunsbedra bereitet die Tour vor. Zu den Organisatoren gehört auch der in Schönebeck ansässige Verein »green bike«, dessen Band am Sonntag im Gottesdienst Musik macht. Den Spendenerlös des Tages bekommt der Verein »green bike«, der vernachlässigten und missbrauchten Kindern hilft.

Nach dem Gottesdienst ziehen Sie Ihren Talar aus, die Lederjacke an und fahren mit Ihrer BMW 850 GS im Corso mit. Was reizt sie am »Männersport« Motorradfahren?
Kellner:
Dass ich als Frau fahre … Es gibt einfach weniger Bikerinnen. Das ist so – nicht nur in der Kirche. Seit meinem 30. Lebensjahr bin ich mit dem Motorrad unterwegs und fühle mich einfach wohl dabei. Und wenn ich dann absteige, komme ich sehr schnell mit anderen ins Gespräch – zunächst darüber, dass ich als Frau alleine fahre, später manchmal über Gott und die Welt.

Es fragte Angela Stoye.

Der Gottesdienst im Dom beginnt um 10 Uhr. Um 11.30 Uhr starten die Biker zu einem 50-Kilometer-Corso, von dem sie ca. 14.30 Uhr wieder zum Dom zurückkehren. Für diejenigen, die nicht mitfahren, gibt es ab 11.30 Uhr die Möglichkeit zum Mittagessen vor dem Dom.
Fahrer von Trikes und Gespannen können sich noch zum Mitfahren anmelden unter Telefon (03461)33220 oder E-Mail <moto radherbst@kirchenkreis-merseburg.de>

Hochzeit im Exil

24. September 2013 von redaktionguh  
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Mak und Dikeledy Gwili feierten ihre Silberhochzeit in Viernau

Es war noch eine ganz andere Zeit, als Mak und Dikeledy Gwili aus Südafrika vor 25 Jahren einander das Ja-Wort gaben. In Südafrika herrschte die Apartheid, in der DDR die Dikta-
tur der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Die beiden gehörten zu den etwa 100 südafrikanischen Flüchtlingen, die in den 1980er Jahren in der DDR lebten. Sie waren aus dem Flüchtlingslager des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) in Tansania hierher gekommen. Am 17. September 1988 heiratete das Paar in der Kirche in Viernau (Kirchenkreis Henneberger Land). Vorigen Sonntag, 15. September, saßen sie wieder vor dem Altar der Viernauer Kirche, um ihre Silberhochzeit zu feiern. Pfarrer i. R. Eberhard Vater erinnerte in seiner Predigt an die Hochzeit. »Ein besonderes Ereignis für euch beide und für uns alle, … für den ganzen Ort Viernau, für den Landkreis und die damalige Bezirksregierung der DDR. Natürlich auch für den Kirchenkreis Suhl.« Vater war damals Pfarrer in Viernau und hatte das Paar getraut.

Das Ende der Apartheid

Drei bis fünf Jahre durften die Südafrikaner im Osten Deutschland bleiben, dann mussten sie wieder zurück nach Tansania ins Flüchtlingslager. Christina Vater, Ehefrau des Pfarrers, berichtet, wie die wenigen in Suhl lebenden Südafrikaner Verbindung zur ­Kirchengemeinde aufnahmen. »Das war ungewöhnlich, da Kontakte zu Kirchen und deren Einrichtungen von den Betreuern der Wohnheime und Betriebe in der DDR sehr kritisch gesehen wurden.« Die Parteigenossen konnten sich nicht vorstellen, dass Vertreter des ANC Christen sind. Die Behörden dachten, südafrikanische Flüchtlinge seien Kommunisten. Doch die schwarzen Südafrikaner, so Christina Vater, waren eng verbunden mit ihren Heimatkirchen und besuchten die in ihrem Gastland. Die in Ostdeutschland lebenden Südafrikaner hatten untereinander Kontakt, sodass auch die ­Vaters zunehmend Einladungen zu Treffen der Kulturgruppen in den Universitäten, unter anderem in Leipzig, Halle, Jena, Berlin und Potsdam erhielten.

Das Silberhochzeitspaar Mak und Dikeledy Gwili vor dem Altar der Kirche in Viernau. Foto: Norbert Seidel

Das Silberhochzeitspaar Mak und Dikeledy Gwili vor dem Altar der Kirche in Viernau. Foto: Norbert Seidel

1987 lernten Vaters Mak und Dikeledy kennen, die danach öfter zu Gast im Viernauer Pfarrhaus waren. Dikeledy arbeitete als Schneiderin in Suhl, Mak in einem landwirtschaftlichen Betrieb bei Schwerin. Eines ­Tages fragten sie Pfarrer Vater, ob er sie kirchlich trauen würde. Vaters empfanden diese Bitte zur damaligen Zeit außergewöhnlich. Tatsächlich mussten viele Fragen bedacht und mit den staatlichen Stellen abgestimmt werden. Am 17. September 1988 war der Tag der Hochzeit im Exil gekommen und sie wurde gefeiert. Christina Vater fasst zusammen: »Es wurde ein tiefes Erlebnis für uns alle.« Die Medien berichteten davon. 125 Gäste feierten in dem 1982 erbauten Gemeindehaus »Paul Schneider« in Viernau mit.

Noch bevor die Mauer in Berlin gefallen war, mussten Mak und Dikeledy Gwili zurück nach Tansania, ins Exil für Südafrikaner. Der Kontakt zu Vaters indes brach im Wechsel der Zeiten und politischen Verhältnisse nicht ab. In der DDR kam 1989 der Umbruch, in Südafrika ein Jahr später das Ende der Apartheit. 1990 wurde Nelson Mandela nach 27 Jahren aus dem Gefängnis entlassen – die südafrikanischen Flüchtlinge konnten aus Tansania in ihre Heimat zurückkehren und gelangten dort zu einem bescheidenen Wohlstand. Davon konnten sich Vaters überzeugen. Als sie 1996 zu einer Internationalen Konferenz nach Kapstadt flogen, verbanden sie diese Reise mit einem Besuch in Bloemfontein, wo Mak und Dikeledy Gwili mit ihren Kindern Mpho, Tebo und Thato ­leben.

Der Gipfel der Fröhlichkeit

Die Silberhochzeit nun war für das MDR-Fernsehen Anlass, den Spuren der Geschichte zu folgen und eine ­Dokumentation über die »Hochzeit in der DDR« zu zeigen. Zum 25-jährigen Ehejubiläum reiste das Paar extra aus Südafrika nach Thüringen, um hier gemeinsam mit der Kirchengemeinde in Viernau zu feiern. Damals hatte sich eine große Festgemeinde versammelt, und auch zur Silberhochzeit ­waren zahlreich Gäste gekommen. Wie es bei den meisten Jubiläen ist, »es wurde viel von früher erzählt«, so Silke Sauer, Pfarrerin in Viernau. Die Bäckerei Füchsel aus Steinbach-Hallenberg hatte wie vor 25 Jahren auch diesmal eine mehrstöckige Torte gebacken, verziert mit einem essbaren Foto des Jubelpaares. Mak Gwili hielt eine Dankesrede. Ihren Gipfel erlangte die Fröhlichkeit, als die Trommlergruppe auftrat, bei deren Rhythmen Dikeledy nicht anders konnte als zu tanzen. Schließlich bildete die ganze Gesellschaft nach ­afrikanischer Sitte eine lange Kette und bewegte sich tanzend durch den Garten. Ein schönes Fest.
Sabine Kuschel

Der Film »Hochzeit in der DDR. Zwei Südafrikaner in Suhl« wird am 14. 11., 22.35 Uhr im MDR-Fernsehen gezeigt.

Geliebter Raphael

23. September 2013 von redaktionguh  
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Thema: Wird die Pränataldiagnostik zum Stigma für Eltern von behinderten Kindern? – Ein persönlicher Bericht

Wer hilft Eltern, die ein ­behindertes Kind erwarten? Bittere und schöne ­Erfahrungen einer Mutter.

Wusstet ihr das vorher?« Ich bin es so leid, auf diese Frage zu antworten. Zu oft schon musste ich es tun. Dass sie überhaupt gestellt wird, verletzt mich. Mein Ja bedeutet für viele, dass wir uns die Behinderung unseres Sohnes ausgesucht haben. Das Leben erscheint planbar. Echtes Mitgefühl und Verständnis habe ich nach solch ­einem Gesprächsverlauf in der Regel nicht zu erwarten.

Als ich zwischen der 21. und 24. Schwangerschaftswoche erfuhr, dass mein Sohn organische Fehlbildungen und einen Gendefekt hat, zog es mir den Boden unter den Füßen weg. Ein Schicksalsschlag hatte uns getroffen und galt nun verarbeitet zu werden. Doch bevor wir dies tun konnten, wurde etwas anderes von uns verlangt. Kaum, dass der Arzt die Diagnose ausgesprochen hatte, meinte er: »Überlegen Sie sich gut, wie Sie sich entscheiden. Sie werden mit diesem Kind leben müssen und niemand sonst.« Anfangs begriff ich nicht. Dann verstand ich: Mir wurde der Vorschlag gemacht, die Schwangerschaft zu beenden und mein geliebtes Kind willentlich sterben zu lassen. Eine Idee, die viele Menschen offensichtlich als eine gute Lösung ansehen, denn den Satz: »Mich bewusst für ein behindertes Kind zu entscheiden, das hätte ich nicht gekonnt«, habe ich schon mehrfach gehört. Er trifft mich jedes Mal mitten ins Herz. Weil er ausdrückt: Raphael müsste nicht unbedingt sein. Ein behindertes Kind zu bekommen, ist heute »jedem seine Sache«. Damit entzieht sich unsere Gesellschaft ihrer Verantwortung gegenüber Menschen mit Behinderung.

Der einjährige Raphael und seine Mutter, die Theologin Astrid Döge (28). Foto: Frank Döge

Der einjährige Raphael und seine Mutter, die Theologin Astrid Döge (28). Foto: Frank Döge

Ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis wir die Kosten für Therapien, Arztbesuche und Rehahilfsmittel selbst tragen müssen, weil wir »es« vorher wussten? Wird die Nachricht, dass das eigene Kind behindert ist, nicht zu ­jedem Zeitpunkt ein Schock sein, der ohnmächtig macht? Mein Mann und ich waren weit entfernt davon zu ­sagen: Wir trauen es uns zu, dieses Kind großzuziehen. »Wir schaffen das nicht!«, dachten wir. Denn trotz aller Diagnosen: Wie der Alltag mit meinem Baby genau aussehen würde, konnte mir keiner sagen. Die Monate vor der Geburt waren die schlimmsten meines Lebens. Ich habe viel geweint. Unterstützung erhielten wir in dieser Zeit wenig. Von ärztlicher Seite hätte ich mir gewünscht, dass mir professioneller Beistand angeboten wird. Sollte es nicht Ziel sein, der Mutter die Angst vor der Behinderung zu nehmen, anstatt ihr vorzuschlagen, ihr Kind zu töten?

Geholfen haben mir Gespräche mit Eltern aus unserer Selbsthilfegruppe. Doch was mir in den schwersten Stunden Halt gegeben hat, war der Schrei Jesu am Kreuz: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Gott selbst waren meine Traurigkeit und meine Wut nicht fremd. Immer wieder konnte ich ihm mein Warum entgegenschreien. Er ließ mich nicht allein und hielt die Schwere und Sinnlosigkeit des Leidens aus. Mehr noch, er verspricht, mein Kind auf seinem Lebensweg zu begleiten, und verheißt ihm besondere Kraft, wie es die Jahreslosung von 2012, dem Jahr, in dem Raphael geboren wurde, hoffen lässt.

Daher ist es letztlich auch unserem Sohn zu verdanken, dass ich seine Behinderung inzwischen angenommen habe. Er ist so viel mehr als ein behindertes Kind. Seine Fröhlichkeit verzaubert uns. Ein wahrer Schelm ist er und der beste Bruder, den ich mir für unseren Benjamin (4) vorstellen kann. Wir sind ungeheuer dankbar, dass Raphael bei uns ist und es ihm gut geht. Gott hat uns reich beschenkt. Wir sind eine sehr glückliche Familie.

Astrid Döge

Ein hohes Gut

21. September 2013 von redaktionguh  
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Vor vier Jahren lag die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl bei 72,8 Prozent – laut Statistik des Bundeswahlleiters. Die neuen Bundesländer kamen gerade mal auf 65 Prozent. Es ist zu befürchten, dass wir am Sonntagabend keine wesentlich höheren Zahlen genannt bekommen. Dabei müssten gerade wir im Osten wissen, welch hohes Gut eine freie und geheime Wahl ist.

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) hat im Frühjahr ihre Kampagne zum Wahljahr gestartet. Mit Transparenten, Flyern und anderem Material ruft die EKM auf, sich an der Bundestagswahl am 22. September und der Gemeindekirchenratswahl im Oktober zu beteiligen. Denn Demokratie lebt von Beteiligung. Das griechische Wort bedeutet »Herrschaft des Volkes«.

Trauen wir der Demokratie und den von uns gewählten Politiker etwas zu?

Zugegeben, sie machen uns die Wahl nicht leicht. Die Plakate an den Straßen und Plätzen geben keine Inhalte wieder, die Wahlprogramme sind für viele unverständlich. In öffentlichen Diskussionen wird eher nach Schwächen des politischen Gegners gesucht, als über die Inhalte zu sprechen. Dabei warten die Bürgerinnen und Bürger nicht auf die großen Versprechen. Umfragen zufolge sehen sie die ­Situation realistisch und halten nichts von Wahlgeschenken, die uns später auf die Füße fallen. Es geht um unsere Zukunft, um Europa, um den Frieden.

Deshalb ist es trotz des politischen Hickhacks wichtig, am Sonntag zur Bundestagswahl zu gehen. Denn Parteien mit den plattesten Schlagwörtern und einfachsten »Lösungen« könnten sonst Land gewinnen. Das wäre kein gutes Zeichen für unsere Demokratie.

Wählen-Gehen ist unser gutes Recht, aber auch unsere Pflicht, wenn wir die Demokratie schätzen und erhalten wollen.

Dietlind Steinhöfel

Abgedrängt, festgenagelt und trotzdem Sieger

20. September 2013 von redaktionguh  
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Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.
1. Johannes 5, Vers 4

Ausgelacht und abgeschrieben, kaltgestellt und abgedrängt – da ist wenig Sieghaftes an der heutigen Kirche. Gesellschaftliche Realitäten sind im Wandel. In tiefen Mollklängen wird das Ende der Volkskirche besungen und der Abschied aus der Fläche intoniert. Daran ändern auch Familienpapiere nichts, die mit offener Bluse sich dem Zeitgeist anbiedern, außer dass die Blutleere evangelischer Verkündigung zutage tritt. Aber der erste Johannesbrief, in einer ungleich bedrängteren Situation verfasst, wagt eine Spitzenaussage, die aufhorchen lässt.

Ernst Wachter, Pfarrer in Elbingerode

Ernst Wachter, Pfarrer in Elbingerode

Sollte das wahr sein? Sollte im Glauben so viel Freiheit sein, dass die Kirche, gejagt und getrieben von Weltfurcht und Zeitgeist, es wagen könnte, stehenzubleiben? Oder gar sich umzudrehen und gegen den Strom zu laufen? Aber wohin? Dahin, wo ein für alle Mal eingelöst ist, was Johannes seiner bedrängten Gemeinde zusagt – zum Kreuz, wo der Gottessohn ausgelacht und abgeschrieben, kaltgestellt und abgedrängt festgenagelt ist, und dennoch siegt. »Wer ist der, der die Welt überwindet?«, fragt Johannes. »Der, der glaubt, dass Jesus Gottes Sohn ist!«, gibt er zur Antwort. Dort gehört sie hin, unter sein Kreuz, weil dort der Überwundene der Überwinder ist, Sieger durch sein Opfer.

Dort geht die Rechnung nicht mehr auf, dass der Gewinner auch der Sieger ist. Am Kreuz zählt nicht die Masse an Zustimmern, die Anzahl der Fans, der stromlinienförmige Schwimmstil durch die Wellen der Zeit – dort ist gegen den Augenschein Freiheit, wird den Feinden vergeben und der Tod entmachtet, wird die Schuld vergeben und die Welt überwunden. Nur unter dem Kreuz ist die Kirche frei. Aber durch Buhlen um Anerkennung und Betteln um Liebkosungen riskiert sie das Wertvollste, was sie besitzt, diese Freiheit. Bonhoeffer fällt mir ein: »Wo der Dank für die institutionelle Freiheit durch ein Opfer der Freiheit der Verkündigung abgestattet werden muss, dort ist die Kirche in Ketten, auch wenn sie sich frei glaubt.«

Ernst Wachter, Pfarrer in Elbingerode

Grußwort zur Interkulturellen Woche 2013

18. September 2013 von redaktionguh  
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„Wer offen ist, kann mehr erleben“ – so lautet das Motto der diesjährigen Interkulturellen Woche, die bundesweit vom 22. bis 28. September 2013 begangen wird.

„Wer offen ist, kann mehr erleben“ – das klingt einleuchtend. Und Sie alle haben es wohl auch so praktiziert in den vergangenen Monaten an Ihren Urlaubsorten in Nah und Fern: sind mit Offenheit und Neugier auf Menschen und Kulturen, auf Landschaften, Speisen, Klänge und Farben zugegangen. Vielleicht sind Sie auch in Situationen geraten, in denen Sie auf die Offenheit Ihrer Gastgeber angewiesen waren. Und sind dankbar dafür, wo Sie Offenheit erlebt haben.

Auch das tägliche Leben, Familie, Arbeit und Schule verlangen uns Offenheit ab. Wie offen können wir sein? Wo sind unsere Grenzen und warum? Warum gelingt es manchen Menschen besser oder schlechter, offen für andere zu sein?

Um solche Fragen wird es gehen, wenn wir für eine Woche die Situation der Menschen besonders in den Blick nehmen, die unter uns leben, aber eine andere Herkunft haben. Egal, ob sie als Touristen, Studierende oder Arbeitskräfte gekommen sind oder ob sie vor materieller Not und politischer Verfolgung geflohen sind und bei uns Zuflucht suchen.

Propst Diethard Kamm

Propst Diethard Kamm

„Es soll einerlei Recht unter euch sein, dem Fremdling wie dem Einheimischen; denn ich bin der HERR, euer Gott.“ So heißt es schon im Alten Testament (3. Mose 24,22). Gott liebt alle Menschen und will, dass wir seine Liebe, die wir täglich erfahren, auch für unsere Mitmenschen erlebbar und erfahrbar machen.

Das bedeutet auch, dass wir unsere Augen nicht davor verschließen, wenn sich in unserer Gesellschaft offen oder versteckt rassistische Einstellungen zeigen. „Rassismus entsteht im Kopf. Offenheit auch.“ So heißt es auf dem Plakat für die diesjährige Interkulturelle Woche, deren Beginn mit dem Termin der Bundestagswahl zusammenfällt. Eine gute Gelegenheit, die Parteien, die gewählt werden wollen, auch daran zu messen, mit wie viel Offenheit und Menschlichkeit sie den „Fremdlingen“ begegnen.

Ich bin froh, dass sich viele Kirchgemeinden, Initiativen und einzelne Mitglieder unserer Kirche an verschiedenen Orten für die Rechte unserer Nächsten und für ein gutes Miteinander von Einheimischen und ihren von anderen Kulturen geprägten Nachbarn engagieren. Und ich möchte die Gelegenheit nutzen, um ihnen allen einmal ganz herzlich dafür zu danken und sie zu ermutigen, in ihrem Bemühen nicht nachzulassen.

In diesen Tagen sehen wir alle mit Sorge auf den Konflikt in Syrien, der bereits jetzt Millionen zu Flüchtlingen gemacht hat und für den noch keine Lösung in Sicht ist. Wir hoffen, dass eine weitere Eskalation vermieden werden kann, aber wir wissen, dass in jedem Fall Menschen zu uns kommen werden. Lassen Sie uns ihnen mit Offenheit begegnen.

Wenn am Abend des 21. September die Interkulturelle Woche mit einem ökumenischen Auftaktgottesdienst in Kiel eröffnet wird, werden Mitglieder verschiedener christlicher Kirchen aus aller Welt den Reichtum ihrer jeweiligen Tradition einbringen und ein Fest des Glaubens gestalten, in dem Einheit und Vielfalt gleichermaßen zu spüren sind. Lassen Sie sich davon inspirieren, denn:

Wer offen ist, kann mehr erleben!

Herzlich grüßt Sie Ihr
Propst Diethard Kamm, Stellvertreter der Landesbischöfin

Man ist immer auf dem Weg

17. September 2013 von redaktionguh  
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Schlaglicht: Der Kirchenkreis Egeln begegnet größer werdenden Pfarrbereichen mit langfristiger, gemeinsamer Planung

Voll fröhlicher Tatkraft hat Superintendent Matthias Porzelle mit dem Beginn des Kirchenjahres sein Amt im Kirchenkreis Egeln angetreten; zuvor war er Pfarrer in Schönebeck und hatte ­bereits geraume Zeit amtiert. Er weiß Haupt- und viele ­Ehrenamtliche an seiner Seite.

Mit der Gemeindeagende hatte der Kirchenkreis Furore gemacht. Sie gibt Ehrenamtlichen das Handwerkszeug, um Gottesdienste zu gestalten. Und die Agende lebt. »Wir verabschieden jetzt das Pfarrerehepaar Hirschligau in Ummendorf aus dem Dienst. Seine Pfarrbereiche werden neu aufgeteilt. Einige Ältesten sind vorher in Klausur gegangen und haben unter anderem festgelegt, wie die Gottesdienste gehalten werden. Einmal im Monat wird es ein Ehrenamtlicher mithilfe der Agende tun«, erzählt Superintendent Matthias Porzelle. Und die Präses der Kreissynode, Rose-Marie Gillandt, ergänzt: »Auf dem Kirchentag in Hamburg konnten wir die Nachfrage nach der Agende kaum befriedigen. Sie wird auch von außen wahrgenommen.«

Überhaupt sei der Kirchenkreis Egeln auf Kirchentagen präsent. »Wir haben an unserem Stand in Hamburg Kinderbetreuung angeboten. Neun unserer elf Kindergärten sind in einem Zweckverband organisiert, der Erzieher und Katechetinnen entsandt hatte. Besucher nahmen dieses Angebot sehr gern an und erzählten, wir wären die einzigen«, blickt Susanne Trittel, Leiterin des Kreiskirchenamtes, stolz zurück.

Verlässliche Stellenplanung

Der Kirchenkreis Egeln erstreckt sich südlich von Magdeburg von der niedersächsischen Landesgrenze bis an die Elbe. Er ist durchweg ländlich geprägt, auch wenn mit den ehemaligen Dörfern Beyendorf und Sohlen nunmehr zwei Magdeburger Ortsteile dazugehören. Die größte Stadt ist Schönebeck. Als einziger Kirchenkreis im Propstsprengel hat er keine Kreisstadt.

Kreiskantor Thomas Wiesenberg, Amtsleiterin Susanne Trittel, Superintendent Matthias Porzelle und Präses Rose-Marie Gillandt treffen sich regelmäßig in der renovierten Suptur. Auf dem Foto fehlt Ulf Rödiger, stellvertretender Superintendent. Foto: Christiane Henze

Kreiskantor Thomas Wiesenberg, Amtsleiterin Susanne Trittel, Superintendent Matthias Porzelle und Präses Rose-Marie Gillandt treffen sich regelmäßig in der renovierten Suptur. Auf dem Foto fehlt Ulf Rödiger, stellvertretender Superintendent. Foto: Christiane Henze

Von sinkenden Einwohnerzahlen und großen Pfarrbereichen lässt sich Matthias Porzelle nicht beeindrucken. Immerhin knapp 24000 Christen leben im Kirchenkreis. Im vorigen Jahr, als amtierender Superintendent, erarbeitete er die Stellenplanung bis 2017. »Ich war jeden Tag in einer anderen der 123 Gemeinden, habe nachgefragt und diskutiert. Und schließlich beschloss die Synode sie ohne Gegenstimme«, blickt er auf eine Erfahrung zurück, die ihn mit ermutigt hat, für das Superintendentenamt zu kandidieren. Mit der Stellenplanung soll es Verlässlichkeit geben, sowohl für die 49 Mitarbeitenden im Verkündigungsdienst und die weiteren vier Angestellten, als auch für die 57 Einzelgemeinden und 19 Kirchspiele. Zugleich macht die Stellenplanung überdeutlich, dass Kirche ihre Präsenz mit Hauptamtlichen nicht überall gewährleisten kann. »Es muss das Selbstverständnis wachsen: Nicht dort, wo der Pfarrer ist, ist Kirche, sondern dort, wo Christen sind.« Die Frage, wie die Christen ihren Glauben erkennbar leben, beschäftigt Ulf Rödiger, Pfarrer im Elbe-Saale-Winkel und stellvertretender Superintendent. Er macht da wundervolle ­Erfahrungen mit Ehrenamtlichen. »Aken gestaltet am 14. September erstmals eine Kirchennacht. Das hatte ich nur angeregt und weiter nichts getan. Jetzt kriege ich gesagt, was ich tun soll – alles andere haben die Ehrenamtlichen vorbereitet«, freut er sich.

Spannend und auch mit Spannungen verbunden findet Matthias Porzelle solch Wechselspiel. Denn nicht alle Hauptamtlichen können sich so locker darauf einlassen. Da schwinge auch Sorge mit, überflüssig zu werden. »Wir wollen Gemeindeleben miteinander gestalten ohne Angst, dass einer dem anderen Arbeit wegnimmt«, beschreibt der Superintendent die Aufgabe.

Zu den Projekten, die ein Hauptamtlicher allein gar nicht bewältigen kann, gehört der Pilgerweg. Ulf Rödiger schwärmt: Angefangen als Kennenlernen des Kirchenkreises mit jährlichem Pilgern, stellte der »harte Kern« fest: Wir waren zwar überall, doch das darf nicht enden. Ehrenamtliche seien es, die das Weitermachen in diesem Jahr betrieben haben und den Kirchenkreis über die Elbe hinweg verließen. »Wir wollen 2017 in Wittenberg ankommen.«

Schulungen für Ehrenamtliche

Von allein kommt solch Handeln sicher nicht. Schulungen für die Ehrenamtlichen dürften dazu beitragen, dass das Engagement leichtfällt und immer wieder neu Mut geschöpft wird zum Weitermachen oder Ausprobieren. Für die neu gewählten Kirchenältesten in den 76 Gemeindekirchenräten wird es ein Weiterbildungstreffen geben, in dem sie das nötige Handwerkszeug erhalten. Doch zuvor, am 20. September, gibt es ein großes Dankeschön-Treffen, zu dem sich etwa 200 Älteste angemeldet haben. Erstmals lädt der Kirchenkreis dazu ein.

Gemeinsame Feste haben Tradition

Tradition dagegen haben die Kreiskirchentage, die Konfirmanden- und Kinderkirchentage. »Ein Jahr feiern die Generationen getrennt, das andere Jahr alle zusammen. Inzwischen haben wir sogar zwei Kinderkirchentage, einen für die Kleinen und einen für die Größeren mit mehr als einhundert Teilnehmern«, erzählt Matthias Porzelle. 2014 wird es den gemeinsamen Kirchentag in Schneidlingen geben, wo die Klusstiftung – die diakonische Einrichtung betreut behinderte Menschen – ihr 750-jähriges Bestehen feiert.

Ohne Ehrenamtliche wäre auch das wichtige Feld der Kirchenmusik nicht zu bestellen. Kreiskantor Thomas Wiesenberg hat in Schönebeck und Oschersleben je einen hauptberuflichen Kirchenmusiker an seiner Seite. Sie haben sich den Kirchenkreis aufgeteilt. Honorarkräfte und sogenannte geringfügig Beschäftigte und viele, die einfach so sonntags im Gottesdienst spielen, werden von ihnen betreut. Chorsänger und Bläser, es sei erstaunlich, wie viele Menschen sich engagieren, freut sich der Kantor. Sie genauer zu erfassen, um ihnen Weiterbildungsangebote zu machen, ähnlich wie bei den Lektoren, sehen die Hauptamtlichen als ein künftiges Arbeitsfeld an. Derzeit ist nicht einmal genau bekannt, wie viele ehrenamtliche Sänger und Musiker mitwirken.

Mit dem Wechsel im Superintendentenamt einher ging auch der Umbau des Pfarrhauses und Amtssitzes in Egeln. Eine Sanierung hatte das Haus aus dem 16. Jahrhundert, wohl das ­älteste Pfarrhaus im Propstsprengel überhaupt, ohnehin nötig. Die nicht mehr notwendige Pfarrwohnung wurde zu Büros und einem großen Sitzungsraum. Gemeindebüro und Suptur blieben im Haus. »Wir bauen fleißig im Kirchenkreis, sind immer noch dabei, Substanzielles zu erledigen. Aber es droht uns keine Kirche zusammenzurutschen«, sagt Matthias Porzelle. Auch beim Bauen engagieren sich Ehrenamtliche in Kirchbauvereinen. Da gibt es schon mal Spannungen, wenn es an Absprachen zwischen Verein und Gemeindekirchenrat mangelt oder Veranstaltungen nicht ins Gotteshaus passen.

Konzeption für eine lebendige Kirche

Dass Kirche lebendig ist, war auch bei der Kandidatensuche für die GKR-Wahlen spürbar: Wirkliche Schwierigkeiten seien nicht bekannt. 653 Älteste gibt es, hinzu kommen etwa 150 Frauen und Männer, die ohne Wahlamt regelmäßig das Gemeindeleben mitgestalten. Allerdings gebe es durchaus das Problem, jüngere Menschen für ein Wahlamt zu gewinnen. »Ich wünsche mir eine kluge Regelung der Landeskirche, durch die Ältere Platz machen, ohne aus dem Amt gedrängt zu werden«, sagt Matthias Porzelle. Er denkt gern voraus – eine Konzeption für den Kirchenkreis ist in Arbeit. Welches Selbstverständnis haben die Kreise und Gremien, wofür steht der Kirchenkreis? Beschlossen werden soll sie von der neuen Synode.

Renate Wähnelt

www.kirchenkreis-egeln.de

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