Mobilmachung mit Worten

28. Oktober 2013 von redaktionguh  
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Geschichte: Zur Zeit der Befreiungskriege von napoleonischer Herrschaft wurde Gott deutsch

Der Völkerschlacht bei ­Leipzig gingen mehrere Kämpfe voraus. Einer war das Gefecht bei Möckern im April 1813. Eine Tagung am Ort des Geschehens ­widmete sich auch der evangelischen Parteinahme und Verkündigung in dieser Zeit.

Wer den Turm des Schlosses in Möckern bei Magdeburg betritt, unternimmt mit jedem Schritt die Wendeltreppen hinauf eine Reise in die Vergangenheit. Uniformen und Säbel, Gewehre, korrodierte Bleikugeln, Gemälde, Drucke, Fahnen und Schriftstücke erinnern an ein Ereignis, mit dem die kleine Stadt in die Geschichtsbücher kam. In der »Heimatstube 1813« verdeutlichen auch Dioramen, was sich am 5. April des Jahres bei Dannigkow, Vehlitz und Zeddenick abspielte: Truppen der preußisch-russischen Koalition unter General Ludwig zu Sayn-Wittgenstein errangen einen ersten größeren Sieg über französische Verbände, die von Napoleons Stiefsohn Eugène de Beauharnais angeführt wurden. Etwa 20000 preußisch-russische Soldaten standen 37000 napoleonischen im »Gefecht bei Möckern« gegenüber. Von ersteren starben 500 bis 600. Die Angaben zu den Verlusten der Franzosen schwanken zwischen 900 bis zu 2200 Mann. Auch vom Elend in den Dörfern erfahren Besucher etwas in der Ausstellung.

Jedes Jahr um den 5. April legen historische Darstellungsgruppen, Sozialverbände, Vereine und Kommunalpolitiker am Gedenkstein für 1813 an der Yorkstraße in Möckern Kränze und Blumengestecke zur Erinnerung an die Opfer der Befreiungskriege und anderer Kriege nieder. Foto: Stephen Zechendorf

Jedes Jahr um den 5. April legen historische Darstellungsgruppen, Sozialverbände, Vereine und Kommunalpolitiker am Gedenkstein für 1813 an der Yorkstraße in Möckern Kränze und Blumengestecke zur Erinnerung an die Opfer der Befreiungskriege und anderer Kriege nieder. Foto: Stephen Zechendorf

Der Verein für Kirchengeschichte der Kirchenprovinz Sachsen hatte zum Gedenken der Leipziger Völkerschlacht und des Gefechtes bei Möckern zu einer wissenschaftlichen ­Tagung am 11. und 12. Oktober nach Möckern eingeladen. Ihr Thema lautete »Kirche, Krieg und nationaler Aufbruch im Jahr 1813«.

Die Völkerschlacht bei Leipzig, die vom 16. bis 19. Oktober 1813 tobte, gilt als die bedeutendste Schlacht der Befreiungskriege. Mehr als eine halbe Million Soldaten waren beteiligt. Mit 100000 Toten ging sie als die bislang blutigste Schlacht in die Geschichte ein. Preußen hatte am 16. März Frankreich den Krieg erklärt. Mit dem Aufruf »An Mein Volk« beschwor der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. die Einheit von Krone, Staat und Nation. In der Folge wurden ein Volksheer, freiwillige Jägerverbände und Freikorps gegründet, von denen das Lützowsche das bekannteste werden sollte. Gestiftet wurde im März auch das Eiserne Kreuz. »Der König rief, und alle, alle kamen«, hieß es in einer Liedzeile von 1813, die zum geflügelten Wort wurde.

Dabei hatte das Bürgertum im 1807 errichteten Königreich Westphalen den Code Napoleon mit der strikten Trennung von Kirche und Staat zunächst begrüßt, wie der Magdeburger Historiker Mathias Tullner in seinem Vortrag erläuterte. Erst seit dem Russlandfeldzug sei die Stimmung umgeschwenkt. »Das Wichtigste am Gefecht bei Möckern war die moralische Wirkung«, so Tullner. »Die Menschen erkannten: Man konnte gegen eine Übermacht gewinnen.«

»Gott war mit den Russen, Gott wird mit euch sein«

Über die religiöse Ausdeutung der Zeit der Befreiungskriege in Preußen sprach bei der Tagung der Kirchenhistoriker Gerhard Graf (Leipzig). Als im Februar 1813 die ersten russischen Soldaten in Berlin auftauchten, wurden sie als das »Nahen Gottes« empfunden. »Gott war mit den Russen, Gott wird mit euch sein«, schrieb etwa der Dramatiker August von Kotzebue (1761–1819) im Russisch-Deutschen Volksblatt. Und der bis heute umstrittene Ernst Moritz Arndt (1769–1860), dessen Schriften Auflagen von vielen Zehntausend Exemplaren erreichten, dichtete das Lied der Befreiungskriege. Es beginnt mit: »Der Gott, der Eisen wachsen ließ, wollte keine Knechte …«. Pfarrer verlasen in den Gottesdiensten Aufrufe und predigten darüber. »Kirchliche und säkulare Geschäfte verknüpften sich immer mehr miteinander«, so Gerhard Graf. Kirchen seien zur Schaltstelle zwischen Obrigkeit und Bevölkerung geworden, Gottesdienste zur Nachrichtenbörse. Gott wurde mit der Zeit immer mehr zum deutschen Gott. »Erst in der ­Spätzeit des deutschen Kaiserreiches entstand wieder der Nährboden für dieses Gottesbild.« Lautete die Devise für das 1813 gestiftete Landwehrkreuz »Mit Gott für König und Vaterland«, wandte sich im August 1914 Kaiser Wilhelm II. »An das deutsche Volk« mit den Worten »Gott mit uns, wie er mit unseren Vätern war«.

Matthias Wolfes (Berlin) sprach über die protestantische Kriegspropaganda und den Theologen Friedrich Schleiermacher (1768–1834). Schleiermachers sehr umfangreicher schriftlicher Nachlass ist ausgerechnet für 1813 dünn: eine Predigt vom 28. März und einige Notizen. Aus ihnen geht hervor, dass Schleiermacher erwog, Feldprediger zu werden, und dass er die Vereinnahmung Gottes für den Krieg uneingeschränkt mitmachte.

Der Restaurator Heinz Dobritz (Magdeburg), der die in den Kirchen erhaltenen Gedächtnistafeln und Militärtotenscheine untersucht, lieferte erschütternde Zahlen. Von den über 16000 Soldaten, die aus dem Königreich Westphalen in den Russlandfeldzug gezwungen waren, kehrten die meisten nicht zurück. Pfarrchroniken überliefern die Leiden der Menschen und die Kriegszerstörungen. Wie die Gedächtnistafeln auszusehen hatten, wies der Preußenkönig schon im Mai 1813 an: Lorbeer, Kreuz und die Worte: »Aus diesem Kirchspiel starben für König und Vaterland …«

Die Germanistin Christina Neuß (Magdeburg) hat die Politisierung der Lyrik jener Zeit untersucht: Der Eichenwald ist Andachts- und Sehnsuchtsort, die Eiche wird zum Symbol für Standhaftigkeit und Treue. Gesprochen wird vom heiligen Krieg und vom Kreuzzug gegen den Tyrannen. »Es fällt die breite Aufnahme christlicher Symbole auf«, so Christina Neuß über die poetische Mobilmachung. »Gedichte wurden auf Melodien von Kirchenliedern geschrieben und auch im Feld gesungen.« Die Idee von einer christlich-germanischen Sendung, so Neuß, zog sich noch bis 1860.

Angela Stoye

Von der Tugend des Aushaltens

28. Oktober 2013 von redaktionguh  
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In der Diskussion: Tagung in Wörlitz widmete sich dem Thema »Toleranz und Wahrheit«

Toleranz und Wahrheit sind wichtig für den einzelnen Menschen, für Staaten und Glaubensgemeinschaften. Zum Auftakt der Tagungsreihe »Anhalt(er)Kenntnisse« ging es genau darum.

Die Frage kam aus dem Publikum: Wie ist das mit der Kindertaufe? Es wird immer nach Körperverletzung gefragt. Wie aber ist das mit der Seelenverletzung von Kindheit an?

Bei der wissenschaftlichen Tagung »Toleranz und Wahrheit« vom 16. bis 18. Oktober in Wörlitz ging es munter und vielfältig zur Sache in den Diskussionen. Im zu Ende gehenden Themenjahr der Lutherdekade »Refor­mation und Toleranz« hatte die Landeskirche Anhalts zu dem Treffen ­eingeladen. Ausgerichtet wurde es in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena und unterstützt von der Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung.

Eine der Sichtachsen im Gartenreich des Fürsten Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau trägt den Titel »Toleranzblick«. Der Betrachter schaut auf die Wörlitzer evangelische Petrikirche (re.) und die Synagoge. Am Ende des 18., zu ­Beginn des 19. Jahrhunderts verweist dieser Blick auf eine damals neue, inzwischen aber als allgemeingültig akzeptierte Haltung: Alle Religionen sind gleich gültig – sie gelten gleich viel. Für die Teilnehmer der Tagung »Toleranz und Wahrheit« gehörten eine Andacht in der Kirche und ein Morgenimpuls in der Synagoge zum Programm. Foto: Thomas Klitzsch

Eine der Sichtachsen im Gartenreich des Fürsten Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau trägt den Titel »Toleranzblick«. Der Betrachter schaut auf die Wörlitzer evangelische Petrikirche (re.) und die Synagoge. Am Ende des 18., zu ­Beginn des 19. Jahrhunderts verweist dieser Blick auf eine damals neue, inzwischen aber als allgemeingültig akzeptierte Haltung: Alle Religionen sind gleich gültig – sie gelten gleich viel. Für die Teilnehmer der Tagung »Toleranz und Wahrheit« gehörten eine Andacht in der Kirche und ein Morgenimpuls in der Synagoge zum Programm. Foto: Thomas Klitzsch

Für Volker Stümke (Hamburg) ist Toleranz eine Tugend, »die – wie die Tugend der Gerechtigkeit – sowohl den Einzelnen wie eine Gesellschaft dazu auffordert, sich selbst so zu ­formen, dass man die Balance hält zwischen der Ablehnung alles anderen einerseits und einer völligen Indifferenz andererseits«. Es gehe darum, Ungleiches auszuhalten. Ein toleranter Mensch oder eine tolerante Gesellschaft stünden dabei vor zwei ­Problemen: Jeder müsse lernen auszuhalten, dass Toleranz auf Dauer ­relativierend wirke. Sie könne somit auch Gewissheiten (des Glaubens) ­erschüttern. Zum anderen werde die Toleranz durch zwei Äußerungen an die Grenze zur Intoleranz geführt: ­Weder repressive Toleranz noch Fanatismus können geduldet werden.

Mühsam erkämpfte Religionsfreiheit

Für Rainer Rausch ist Toleranz ein »schillernder Begriff«, der aber von Profillosigkeit, Indifferenz und Beliebigkeit abzugrenzen sei. Der Leitende Jurist Anhalts hält die Grenzen der ­Toleranz bei Häresie, Verstößen gegen die Menschenwürde und Intoleranz für erreicht. Für das heutige Toleranzverständnis sei der Blick in die Geschichte wichtig. Daraus sei auch zu lernen, wie mühsam Religionsfreiheit und Toleranz erkämpft wurden.

Der frühere bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) befasste sich in seinem Vortrag mit dem staatlichen Wertekanon, der sich aus Christentum, Aufklärung und Humanismus entwickelt hat, sowie damit, welche Abweichungen zu tolerieren seien. Diese Grundwerte seien im Grundgesetz und der Rechtsordnung niedergelegt. Aufgabe des Staates sei es, die unveräußerliche Menschenwürde zu schützen. Jeder Bürger, jede Bürgerin habe Freiheitsrechte wie Glaubens- und Gewissensfreiheit, Meinungs- oder Versammlungsfreiheit. »Diese Rechte stehen jedem zu, unabhängig davon, ob sie der Mehrheitsmeinung entsprechen oder nicht.« Einschränkungen dürften nur durch allgemeines Gesetz zum Schutz des Zusammenlebens beziehungsweise der Rechte anderer gemacht werden. Das Verbot von Veranstaltungen und Parteien sei nur unter ganz engen Umständen möglich. Auch verfassungsfeindliche Haltungen müssten toleriert werden, solange sie nicht aggressiv-kämpferisch vertreten würden.

Für den Berliner Theologen Wilhelm Gräb ist Toleranz eine Bürgertugend; der Staat müsse neutral sein. Der evangelische Glaube, der keine Dogmen, aber ein Bekenntnis kenne, führe nicht automatisch zur Toleranz, wie die Reformationszeit gezeigt habe. Die christliche Botschaft müsse immer wieder neu und anders in die jeweilige Zeit hineinformuliert werden.

Beim Blick in die Geschichte des Protestantismus in Anhalt, den der Zerbster Pfarrer Albrecht Lindemann vornahm, stößt der Interessierte zunächst auf einen Vorwurf des Theologen Johann Salmuth (1552–1622): »Die Anhalter sollten sich endlich erklären, ob sie lutherisch oder reformiert sein wollten.« Anhalt, von Luther und ­Melanchthon geprägt, stellte 1577 die Weichen: Fürst Joachim Ernst verweigerte die Unterzeichnung der Formula Concordiae, die nach Luthers Tod die Zerwürfnisse zwischen Lutheranern und Reformierten beilegen sollte.

Anhalts Weg zur Bekenntnisunion

Anhalt ordinierte ab 1578 seine Theologen in Zerbst (was als Beginn der Landeskirche gilt), gründete dort 1582 eine eigene Universität und führte 1606 für das gesamte Fürstentum den (reformierten) Heidelberger Katechismus ein. Mitte des 17. Jahrhunderts kehrte Anhalt-Zerbst zum lutherischen Bekenntnis zurück. Theologen in Bernburg (1820) und Dessau (1827) bereiteten der Union der Bekenntnisse den Weg. 1875 trat eine Kirchengemeindeordnung für ganz Anhalt in Kraft, 1878 eine Synodalordnung, 1883 eine Agende. In der Präambel der Verfassung der Landeskirche Anhalts von 1920 heißt es bis heute: Anhalt, »… hervorgegangen aus lutherischen und reformierten Gemeinden, bekennt sich als unierte Kirche zur Abendmahlsgemeinschaft mit allen evangelischen Kirchen«. Dass die anhaltische Landeskirche 1949 die Evangelische Kirche der Pfalz als Partnerkirche ­bekam, »hing sicher auch damit zusammen, dass hier zwei unierte Landeskirchen mit geringer Neigung zu steilen Bekenntnisformulierungen zusammenfanden«, wie es der Theologe Christoph Picker aus dem pfälzischen Landau in seinem Vortrag formulierte.

In eingangs erwähnter Diskussion meldete sich nach der Taufe-Frage ­zunächst der Rechtswissenschaftler Michael Germann (Halle) zu Wort. Für das Kindeswohl seien die Eltern zuständig, und diese könnten entscheiden, ob ein Kind getauft wird oder nicht. Günther Beckstein wollte das so nicht stehenlassen. »Ich würde das Kindeswohl verletzen, wenn ich meinem Kind diesen Glauben vorenthielte«, sagte er. Glaube sei Prägung für gelingendes Leben. »Das weiß ­jeder, der schon einmal Vergebung nach Fehlentscheidungen erfahren hat. Eine wertneutrale Erziehung gibt es nicht.«

Angela Stoye

Wurst oder Marmelade?

28. Oktober 2013 von redaktionguh  
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Im Osten gibt es eher Brötchen, im Westen lieber Schwarzbrot zum Frühstück. Das ergab eine Studie des Instituts für angewandte Marketing- und Kommunikationsforschung aus Erfurt. Der MDR hatte das Institut dazu beauftragt.

Offenbar gibt es immer mal wieder Meinungsforscher, die nicht müde werden, Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland zu betonen. Der MDR mag seine eigenen Gründe haben, diese hervorzuholen. Es ist doch eher belustigend zu lesen, dass im Westen mehr herzhafte Brotaufstriche und im Osten neben der Marmelade mehr Frühstückseier gegessen werden.

Verallgemeinern kann man das, was ein paar Befragte zu Protokoll gegeben haben, sicher nicht. Zumal, wenn man weiß, dass die ­Verwandtschaft in Niedersachsen ebenso gern Marmelade auf die Frühstückssemmel – nicht aufs Schwarzbrot – streicht, wie mancher Sachse oder Thüringer. Und ob Kaffee oder Tee – der im Westen mehr getrunken wird – ist wohl ­allerorts eine Geschmacksfrage.

Was aber wohl gar nicht abgefragt wurde: Ob überhaupt gefrühstückt wird und wie das geschieht. Wie viele Kinder kommen morgens hungrig in der Schule an, weil niemand die Zeit hatte, ihnen etwas Leckeres vorzusetzen. Wie viele junge Leute rennen mit dem Pappbecher in der Hand zur Straßenbahn. Dass sie dann dort erst zum ersten Schluck kommen, sagt ja auch etwas über ihre Frühstücksgewohnheiten.

Doch ein gemeinsamer Frühstückstisch ist ein wichtiger Ort: für Gespräch und Abschied in den Tag. Damit die Kinder nicht nur gestärkt, sondern auch im Bewusstsein von Geborgenheit aus dem Haus gehen – vielleicht sogar mit einem Gebet. Das würde zwar in ­einer Umfrage sicher keine Rolle spielen. Aber es ist viel mehr wert als die Frage nach Wurst oder Marmelade.

Christine Reuther

Herrschaft und Kirche

28. Oktober 2013 von redaktionguh  
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Reformationsdekade: Luthers Zwei-Reiche-Lehre schuf die Grundlage der modernen europäischen Verfassungen

Am Reformationstag wird in Augsburg das Themenjahr »Reformation und Politik« der Evangelischen Kirche in Deutschland eröffnet. Die Geschichte zeigt, dass hier Gesprächsbedarf besteht.

Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.« In der Kirche meiner Kindheit las ich oft diese Worte aus dem 15. Kapitel des Evangeliums nach dem heiligen Johannes, eingemeißelt in eine schwarze Tafel mit den Namen derer, die im 1. Weltkrieg ihr Leben lassen mussten »für Volk und Vaterland«.

Hoch oben steht das einstige Reichsstift zu Quedlinburg. Der Fels, auf den die Ottonen ihre Herrschaft hier zu gründen trachteten, war ein geistlicher. Man sieht ihn noch heute! Aber als der Missbrauch der Verbindung von Evangelium und Politik unerträglich wurde, begann die Reformation. Foto: Borisb17/Fotolia

Hoch oben steht das einstige Reichsstift zu Quedlinburg. Der Fels, auf den die Ottonen ihre Herrschaft hier zu gründen trachteten, war ein geistlicher. Man sieht ihn noch heute! Aber als der Missbrauch der Verbindung von Evangelium und Politik unerträglich wurde, begann die Reformation. Foto: Borisb17/Fotolia

Mir ist erst viel später aufgegangen, in welch höllischer Blindheit die evangelische Kirche damals eines der kostbarsten Bibelworte missbrauchte. So war es fast unmöglich, die Gräuel neuerlicher Kriegsvorbereitungen vom Geist des Evangeliums zu unterscheiden, der doch in den Worten des Johannesevangeliums klarer und heller aufscheint als irgendwo sonst! Wie konnte dies in der Kirche geschehen, deren Gründungsurkunde die Heilige Schrift ist? Über dem Kapitel Reformation und Politik liegt seither ein Erschrecken. Hatte nicht schon Heinrich Heine beim Reformationsjubiläum 1817, dem »Wartburgfest«, vor aufkommenden nationalistischen Tönen ein Gruseln ergriffen? Als Luther und Müntzer 1523 ihre programmatischen Schriften zum Verhältnis von Evangelium und Politik veröffentlichten, ahnten sie nichts davon. Beiden war zweierlei deutlich: Wer Christus nachfolgen will, müsse bereit sein, Unrecht zu erleiden. Und: Weltliche Gewalt stehe nicht außerhalb der Gebote Gottes, sondern diene dazu, dem Recht um der Liebe zum Mitmenschen willen Geltung zu verschaffen. Was das jedoch konkret heiße, darin gingen beide Reformatoren auseinander.

Als »Zwei-Reiche-Lehre« ist diese reformatorische Auffassung später schlimmen Missverständnissen ausgesetzt worden, »als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären«, wie es die Barmer Bekenntnissynode 1934 verurteilte, als sei Religion Privatsache, die in der ­Öffentlichkeit nichts zu suchen habe, oder als sei sie dazu geeignet, das ­Unheilige des Völkermords im Mantel der Heiligkeit zu verschleiern.

In der Zeit der Reformation freilich schuf sie eine Grundlage der modernen europäischen Verfassungen. Denn wenn auch der Fürst oder ­Bischof »weltliche« Macht über die körperliche und soziale Existenz des Menschen ausüben könne, so doch niemals über seine innere Integrität, sein Gewissen.

Die Seele des Menschen stehe allein in der Verfügungsmacht Christi: »Wenn ihr bleiben ­werdet in meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch freimachen.«

Damit waren Staatswesen und Konfession unterschieden, und dies konnte nie mehr rückgängig gemacht werden. Daran scheiterten selbst Hitler und Stalin. Nicht nur, dass fortan Katholiken, Evangelische, Baptisten, Juden und Agnostiker in einem Gemeinwesen zusammenleben konnten. Als Paul Schneider von den Nazis gezwungen wurde, aus seinen Gemeinden im Hunsrück auszuscheiden, weigerte er sich bis zum Tod in Buchenwald. Er akzeptierte kein weltliches Recht, das das göttliche Recht seiner Berufung zum Pfarrer in Dickenschied und Womrath annulliert hätte. So half er, den 13. Vers aus dem 15. Kapitel des Johannesevangeliums wiederherzustellen.

Es ist seltsam in Vergessenheit geraten: Die Freiheit des Gewissens gründet im Geist des Evangeliums! Ihm wohnt eine verwandelnde Kraft inne, die durch nichts zu ersetzen ist. Und da kann es letztlich keine zwei Reiche mehr geben, sondern einzig das Schauen auf den, den Gott gesandt hat, weil er die Welt liebt, und das Mitgehen seiner Wege. Gebe er seiner Kirche dazu die Sehnsucht, die Aufmerksamkeit und seine Gnade!

Reinhard Simon

Der Autor ist Pfarrer in Genthin.

Eine wahre »Auferstehungsgeschichte«

26. Oktober 2013 von redaktionguh  
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Am Sonntag wird die Kirche in Friedrichsthal wieder in Dienst gestellt

Bis vor Kurzem bot die kleine Fachwerkkirche in Friedrichsthal im Kirchenkreis Südharz einen traurigen Anblick. Die Fenster waren mit Farbe zugekleistert, die Bemalung des Innenraums dunkel, der Glockenturm und die Emporen gesperrt, das Fachwerk teilweise angegriffen. Die Dorfkirche schlief den Dornröschenschlaf.

Friedrichsthal im Kirchenkreis Südharz: Ein halbes Jahr baute ein ganzes Dorf an seiner Kirche. Foto: Regina Englert

Friedrichsthal im Kirchenkreis Südharz: Ein halbes Jahr baute ein ganzes Dorf an seiner Kirche. Foto: Regina Englert

Doch nun lädt sie in frischen Farben am 27. Oktober zum Festgottesdienst. Dann wird die Kirche wieder in den Dienst gestellt und auch die Glocken werden nach über zehn Jahren läuten. Die kleine Kirchengemeinde mit nur 60 Gemeindegliedern hatte den erbarmungswürdigen Zustand viele Jahre mutlos hingenommen. Im Gottesdienst sitzen alle vier Wochen nur wenige. Gertrud Junghans (74) war die einzige Kirchenälteste in den letzten Jahren und stand allzu oft allein in der Kirche.

Um Kräfte zu bündeln, schlossen sich Friedrichsthal, Pützlingen, Schiedungen und Etzelsrode zum Kirchengemeindeverband zusammen. Seitdem wandert der Frauenhilfe-Nachmittag durch drei der Gemeinden – im monatlichen Wechsel. Das schafft Entlastung für die ehrenamtlichen Helferinnen. Kinderstunden werden aufgrund von ungeeigneten Räumen, zu wenig Kindern und verändertem Stellenplan nur außerhalb des Kirchengemeindeverbandes angeboten. Der Schwerpunkt liegt auf regionalen Projekten für Kinder und Familien. Die kleine Gemeinde fühlte sich von ihrem Pfarrer verlassen. Als er fortging, schöpfte sie erstmals wieder Hoffnung auf Veränderung. Elf Gemeinden mit insgesamt 1179 Gemeindegliedern warten seitdem auf einen neuen Seelsorger.

Pfarrerin Sabine Wegner hat unlängst die Vakanzvertretung für die vorherige Vertretung übernommen. Und 25 Prozent des Stellenumfanges wird sie auch zukünftig behalten. Die restlichen 75 Prozent soll ab April ein Pfarrer im Entsendungsdienst aus-
füllen. Wie schafft man es, unter diesen Voraussetzungen eine Kirche zu renovieren?
Ausgangspunkt war ein Tag der offenen Tür im Februar, zu dem Bürgermeisterin Franka Hitzing geladen hatte. Viele Dorfbewohner kamen und waren entsetzt: »Da muss etwas getan werden.« Sie gründeten die »Initiative Friedrichsthaler Kirche«. An ihrer Seite wusste Franka Hitzing dabei den bekannten Pfarrer Ehrhart Neubert, inzwischen im Ruhestand, der in der Gemeinde Gottesdienstvertretungen übernommen hatte und der sich nicht scheut, sich selbst die Hände schmutzig zu machen. Hitzing und Neubert sind starke Netzwerker, die Geld zusammentragen und Menschen motivieren können. Rund 20 Dörfler aktivierten sie seit April zweimal wöchentlich, um gemeinsam zu schleifen, zu malen, aufzuräumen.

»Es ist toll, wie sich alle, ob kirchlich oder nicht, engagieren«, sagt Karola Heinemann, die genauso mit anpackt. Das ganze Dorf sei wieder stärker zusammengerückt durch diese Rettungsaktion. Sanierungskosten von 33000 Euro wurden zur einen Hälfte aus Kirchenmitteln aufgebracht, zur anderen aus Spenden und Sponsorengeldern.

Ganz nebenbei hat Pfarrer Neubert auch noch zwei Kandidaten für die Gemeindekirchenratswahl begeistern können, sodass Gertrud Junghans etwas beruhigter ausscheiden kann. Doreen Schmidt (40) und Alexander Schönlein (19) kandidierten erstmals und wurden beide als Mitglied ihres Kirchengemeindeverbandes gewählt. Ihr erstes Projekt ist nun die Wiedereinweihung. Die Initiatoren haben alle Einwohner gebeten, zu dieser Sensation möglichst viele Gäste einzuladen. »Wir haben etwas vorzuzeigen! Wir haben Grund, stolz zu sein und dankbar!« Das Ergebnis sechsmonatiger unermüdlicher Arbeit wird die Besucher in Staunen versetzen.
Regina Englert

Wiedereinweihung der Kirche in Friedrichsthal, 27. Oktober: 14 Uhr Festgottesdienst mit dem Saxophonensemble »Saxolution« der Bundeswehr; 15.30 Uhr Kaffeetafel; 16.30 Uhr Konzert »Saxolution«, Ausklang mit Fettbroten und Glühwein in der neu entstandenen Turmstube

Sehnsucht nach Befreiung

26. Oktober 2013 von redaktionguh  
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Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.
Psalm 130, Vers 4

Ach wenn’s mir nur gruselte!« Ich höre sie noch, die Stimme meines Vaters, wenn er uns abends Märchen vorlas und wir an diese Stelle kamen. Ein Schauer rieselte mir den Rücken hinunter und ich fragte mich: »Warum will der Bursche das? Soll er doch froh sein über ein Leben ohne Furcht!«

Peter Herrfurth, ordinierter Gemeindepädagoge in Niederndodeleben

Peter Herrfurth, ordinierter Gemeindepädagoge in Niederndodeleben

Aber das geht scheinbar nicht. Um ganz Mensch zu sein, muss ich auch um die dunklen Seiten des Lebens wissen. Erlösung setzt Bedrängnis voraus. Ich glaube, der Bursche sehnt sich nicht nach Furcht – er sehnt sich nach Befreiung! Und dazu stellt der Furchtlose allerhand an: Zur Mitternacht läutet er die Glocken der Kirche und der Küster im weißen Gewand will ihn tüchtig erschrecken. »Ach wenn’s mir nur gruselte!« Ein andermal stutzt er den Gruselkatzen die Krallen und saust mit dem Bett im Spukschloss umher. Dann kegelt er mit den Gebeinen Verstorbener und wärmt einen Toten, der ihn erschlagen will. »Ach wenn’s mir nur gruselte!« Doch die Furcht will sich einfach nicht einstellen. Und damit auch nicht das Gefühl der Befreiung.

Was ist ein Mensch ohne Erlösung? Was bin ich, wenn ich weder Hoffnung, noch Gnade oder Barmherzigkeit bedarf? Kann man glücklich sein ohne Sehnsucht nach Glück?

Im Märchen wird die Sehnsucht des Burschen gestillt. Seine frisch Vermählte kippt ihm eines Nachts einen Bottich mit lauter glitschigen Fischen ins Bett. Da bekommt er es doch noch mit der Angst zu tun. Aber das ist nicht das Ende der Geschichte. Denn nun endlich spürt er den großartigen Moment der Befreiung! Dieses Ende ist ein neuer Anfang.

Ein Leben ohne Furcht wird es wohl nicht geben. Wenn wir die Augen öffnen und uns umschauen, entdecken wir genug, was gruselig ist. Doch furchtbar wäre ein Leben ohne Sehnsucht.

Mitunter müssen wir in das Dunkle des Lebens schauen. Doch auch dort ist der Herr, der sieht und erlöst und vergibt. Darüber lasst uns ehrfürchtig staunen.

Peter Herrfurth, ordinierter Gemeindepädagoge in Niederndodeleben

Ausgezeichnet die Schöpfung bewahren

23. Oktober 2013 von redaktionguh  
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Evangelische Landeskirche Anhalts vergab erstmals Umweltpreis

Zur Premiere konnte sich noch ­jeder als Gewinner fühlen. Drei Einsendungen, drei Preise. Vergeben wurde der Umweltpreis der Evangelischen Landeskirche Anhalts am vergangenen Sonntag im Erntedankgottesdienst in der Dessauer Petruskirche. »Unser ausgelobter Wettbewerb soll ein Ansporn sein, in den kirchlichen Gemeinden, Gruppen und Institutionen ein Stückchen mehr Umweltbewusstsein zu entwickeln«, so Siegrun Höhne, Umweltbeauftragte der Landeskirche Anhalts und Mitglied in der Jury. Die Basis dafür ist ihrer Meinung nach gut. Für viele seien Aktivitäten zum Umweltschutz selbstverständlich und daher denken sie vielleicht, dass es da keines Preises bedürfe, vermutet die Umweltbeauftragte die anfängliche Zurückhaltung, die Bewerbungsunterlagen auch einzusenden.

Für die »Sonnenkirche« in Pülzig nahm Cornelia Richter (li.) den dritten Preis entgegen. Neben ihr steht die Umweltbeauftragte der Landeskirche Anhalts, Siegrun Höhne. Friederike Gritzsch (2. von re.) von der Evangelischen Bartholomäi-Grundschule in Zerbst freut sich über den zweiten Preis. Sieger ist die ­Kirchengemeinde Grimme (Ortsteil der Stadt Zerbst), für die Erwin Nitschke zur Preisverleihung gekommen war. Foto: Lutz Sebastian

Für die »Sonnenkirche« in Pülzig nahm Cornelia Richter (li.) den dritten Preis entgegen. Neben ihr steht die Umweltbeauftragte der Landeskirche Anhalts, Siegrun Höhne. Friederike Gritzsch (2. von re.) von der Evangelischen Bartholomäi-Grundschule in Zerbst freut sich über den zweiten Preis. Sieger ist die ­Kirchengemeinde Grimme (Ortsteil der Stadt Zerbst), für die Erwin Nitschke zur Preisverleihung gekommen war. Foto: Lutz Sebastian

So hatte zur Premiere die Jury zwar nicht die Qual der Wahl, aber spannende Wochen haben am Sonntag trotzdem hinter den Mitgliedern gelegen. Denn schließlich galt es, die Reihenfolge auf dem Podium zu ermitteln, hinter der nicht nur ein gewisses Prestige, sondern auch unterschiedlich hohe Preisgelder stehen.

1800 Euro wurden dafür in einem früheren Gottesdienst in der Dessauer Petruskirche eingesammelt. 800 Euro wurden für den ersten, 600 Euro für den zweiten und 400 Euro für den dritten Platz ausgelobt. Viel überlegt und diskutiert wurde in der Jury. Neben Höhne gehören ihr auch Guido Puhlmann, Schirmherr des Wettbewerbs und Geschäftsführer des Biosphärenreservats Mittlere Elbe, sowie Silvia Beiche, Geschäftsführerin des Landschaftspflegeverbandes Wittenberg an. Weitere Mitstreiter sind die Schauspielerin Barbara Geiger, bekannt durch ihr Umwelttheaterprojekt »Fräulein Brehms Tierleben« und der Landrat des Landkreises Anhalt-Bitterfeld, Uwe Schulze.

Der erste Platz und 800 Euro gehen an die Evangelische Kirchengemeinde Grimme. In dem 150-Seelen-Ort bei Zerbst hat die Bewahrung der Schöpfung durch vielfältige Aktivitäten, die sich durch das ganze Kirchenjahr ziehen, einen großen Stellenwert. Frühjahrsputz auf dem Friedhof, Pflege von Streuobstwiesen, der Kirchturm als Heimat von Schleiereulen, Einbindung der Dorfgemeinschaft in die vielfältigen Aktivitäten und vieles mehr. »Umwelt- und Naturschutz haben hier eine lange Tradition«, lobt Schirmherr Puhlmann.

Den zweiten Platz belegt die Evangelische Bartholomäischule Zerbst. Rund 8000 Quadratmeter Schulgelände haben die Grundschüler, Lehrer und Eltern in den letzten drei Jahren neu gestaltet. Entstanden ist eine kindgerechte und naturnahe Oase mit grünem Klassenzimmer sowie Spiel- und Sportmöglichkeiten. »Hier werden sehr kreativ Werte weitergegeben«, sieht Höhne das Preisgeld von 600 Euro in guten Händen.

Den dritten Preis erhält die Kirchengemeinde Pülzig für ihre »Sonnenkirche«. Seit 2005 ist durch ein ­Solarpaneel die stromlose Zeit in der Kirche des Ortes bei Coswig endgültig Geschichte. 400 Euro gibt es ­dafür und ein Lob der Umweltbeauftragten dazu. »Hier wurde eine Notlage klug unter ökologischen Aspekten gelöst«, so Höhne. Sie verweist darauf, dass auch 2014 wieder ein Umweltpreis ausgelobt werden soll.

Danny Gitter

Spielplatz aus lauter Müll

22. Oktober 2013 von redaktionguh  
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»Ist das Kunst – oder kann das weg?« – Kreativwettbewerb in Gera

Sogar einen zusätzlichen Preis hat sich die Jury des Kreativwettbewerbs einfallen lassen müssen, denn ganze Schulklassen haben sich an der Aktion beteiligt. Für die Idee, einen Spielplatz aus bunt bemalten Recyclingmaterialien zu gestalten, die gewöhnlich in der Mülltonne landen würden, erhielt der Grundkurs Kunst des Abiturjahrganges 2013 des Karl-Theodor-Liebe-Gymnasiums in Gera einen zweiten Preis. Die Klasse 6/2 desselben Gymnasiums konnte mit ihren Zeichnungen »Geraer Fassaden – bunt, wie das Leben« den ersten Platz in dieser Kategorie erringen.

Über eine überwältigende Resonanz können sich die Initiatoren des Geraer Ökumenischen Jugend-Kreativ-Wettbewerbs freuen. Weit über 200 Arbeiten und Werke wurden eingereicht, und so war es für die Jury, bestehend aus hauptamtlichen Mitarbeitern der katholischen und evangelischen Jugendarbeit, wahrlich nicht einfach, die Sieger zu küren.

Die Organisatoren Karoline Häußler (links) und Michael Kleim (rechts) mit den beiden Hauptpreisträgerinnen Nina ­Buschendorf (Grafik) und Julia-Katharina Zielke (Skulptur) im Evangelischen Jugendhaus »Shalom« in Gera. Foto: Wolfgang Hesse

Die Organisatoren Karoline Häußler (links) und Michael Kleim (rechts) mit den beiden Hauptpreisträgerinnen Nina ­Buschendorf (Grafik) und Julia-Katharina Zielke (Skulptur) im Evangelischen Jugendhaus »Shalom« in Gera. Foto: Wolfgang Hesse

»Ist das Kunst – oder kann das weg? Nein, es wäre schade, wenn das weg käme«, meint Stadtjugendpfarrer Michael Kleim, einer der Organisatoren. Er lobt die überaus kreativen, vielschichtigen und bunten Werke, die zusammengetragen wurden. »Initiiert vom katholischen Kaplan Adam Prokop, gab es in den letzten drei Jahren einen deutsch-polnischen Lyrikwettbewerb in Gera«, erinnert sich Jugenddiakonin Karoline Häußler. »Diese Idee haben wir aufgegriffen und erweitert, um allen Jugendlichen die Möglichkeit zu bieten, sich künstlerisch zu beteiligen.«

Der Wettbewerb war völlig offen angelegt, wobei es den Organisatoren hauptsächlich ums Mitmachen ging.

Mit dem Motto »Ist das Kunst – oder kann das weg« nahmen die Initiatoren Bezug auf die berühmte »Fettecke« von Joseph Beuys, die 1986 ­einem tatkräftigen Hausmeister in der Düsseldorfer Kunstakademie »zum Opfer fiel«. Der umtriebige Professor wollte mit seinem »erweiterten Kunstbegriff« und der Konzeption einer »Sozialen Plastik« Ende der 1970er Jahre ein kreatives Mitgestalten an der Gesellschaft anregen. Dabei war er der festen Überzeugung, dass jeder Mensch ein Künstler sei.

Den ersten Preis in der Kategorie Skulptur, eine goldene Schere, erhielt die 12-jährige Julia-Katharina Zielke für ihr Haus mit Wiese, das aus Papier, Pappe und Deckeln leerer Flaschen entstanden ist. In der Kategorie Malerei/Grafik erhielt Nina Buschendorf den ersten Preis, einen goldenen Pinsel. Die Fünfzehnjährige hat sich in ihrer Arbeit »Vailing Veil« (Herrschender Schleier) mit der Verschleierung islamischer Frauen auseinandergesetzt.

Kim Lehmann, Schülerin einer 10. Klasse des Geraer Goethe-Gymnasiums, erhielt für ihre Serie »Geschmückte Natur« den ersten Preis in der Kategorie Fotografie, eine goldene Filmrolle. »Es ist möglich, die Dinge einmal ganz anders zu sehen, das zeigen die hier festgehaltenen Stimmungen und Details«, freut sich Michael Kleim.

Sonderpreise gab es in den Kategorien Lyrik und Kurzfilm.

Wolfgang Hesse

»Zum Dialog gibt es keine Alternative«

22. Oktober 2013 von redaktionguh  
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Künftige Pfarrerin aus Thüringen lebte neun Monate im Nahen Osten

Die Familie war entsetzt, als die heute 24-jährige Pößneckerin Livia Stiller ihr eröffnete, dass sie im Rahmen ihres Theologiestudiums für neun Monate in den Nahen Osten gehen werde. Nach Beirut konkret, in die immer wieder einmal von Anschlägen und Kämpfen heimgesuchte Hauptstadt des Libanons, der zudem direkt an das Bürgerkriegsland Syrien angrenzt. Seit dem Sommer ist sie wohlbehalten zurück, sieht aber rückblickend, dass die damalige Reaktion ­typisch war: »Unser Bild und unsere Vorurteile sind oft von den Medienberichten über die Konflikte bestimmt, doch die Realität sieht meist anders aus«, sagt Livia Stiller. Dies habe sie in ähnlicher Weise schon zuvor während eines Aufenthaltes in Israel erfahren.

Livia Stiller war neun Monate in Beirut. Foto: privat

Livia Stiller war neun Monate in Beirut. Foto: privat

Doch was die künftigen Pfarrerin, die derzeit an der Universität Wien studiert, vor allem umtreibt, lässt sich mit dem Wort »Dialog« umschreiben. Fast schon ein Modewort heutzutage, ob im Blick auf das christlich-jüdische oder das christlich-muslimische Verhältnis. Doch Livia Stiller will es gern konkreter. Schließlich finde Dialog nicht zwischen Systemen und Weltanschauungen statt, sondern immer zwischen Menschen. »Wenn wir offen und aufgeschlossen sind und unsere Vorurteile nicht zu ernst nehmen, kann Dialog zwischenmenschliche Barrieren überwinden – trotz kultureller Unterschiede und gegensätzlicher Meinungen«, ist sie überzeugt.

Erfahren hat sie es beispielhaft in Gesprächen mit den Studenten aus ­aller Welt an der berühmten Beiruter Theologischen Hochschule, der »Near East School of Theology«. Äußerst ­unterschiedliche Frömmigkeiten, von freikirchlich-evangelikal über aufgeklärt-protestantisch bis hin zu orien­talisch-orthodox, stießen dabei aufeinander. Erlebt hat sie diesen Dialog aber auch bei ihren regelmäßigen Besuchen im Flüchtlingslager Schatila, in dem mitten in Beirut rund 20000 Palästinenser seit Jahrzehnten unter primitivsten Bedingungen und ohne Perspektive leben. In einem von einer christlichen Selbsthilfeorganisation getragenen christlich-muslimischen Kindergarten übte Livia Stiller gemeinsam mit einer Mitstudentin einmal in der Woche arabische und englische Lieder mit den Kindern ein, bastelte und tanzte mit ihnen. Tiefen Eindruck hinterließ dabei auch die Begegnung mit palästinensischen Christen mit ihrem speziellen Blick auf die Probleme des Nahen Ostens.

Nach Stillers Einschätzung zeige der Libanon auf der einen Seite sehr gut, wie christlich-muslimisches Zusammenleben gelingen kann. Auf der anderen Seite blieb ihr nicht verborgen, wie fragil dieses Zusammenleben ist. »Viele Einheimische sitzen auf gepackten Koffern«, so ihre Beobachtung. Dennoch: »Zum Dialog zwischen den Religionen gibt es keine Alternative.« Nicht nur im Blick auf den Nahen Osten, sondern angesichts der steigenden Migrantenzahlen in Deutschland auch in unserem Land, in unseren Kirchengemeinden, wie sie betont.

Harald Krille

Ideal und Wirklichkeit: Familie

21. Oktober 2013 von redaktionguh  
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Debatte: Katholische und evangelische Christen diskutierten über die EKD-Orientierungshilfe

Zu einem Gespräch hatten der katholische und der evangelische ­Beauftragte für Landtag und Landesregierung in Thüringen ­geladen. Über »Ehe und ­Familie – ein Leitbild im Wandel« diskutierten die Bildungsdezernentin der EKM Martina Klein und der katholische Moraltheologe Josef Römelt.

Die Debatte im Bildungshaus St. Martin in Erfurt, zu der das Katholische und Evangelische Büro am 9. Oktober eingeladen hatten, macht das Dilemma deutlich: Die Diskussion um Ehe und Familie, ausgelöst von der Orientierungshilfe der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), vermischt, anstatt klar zu trennen. So jedenfalls formulierten es einige Zuhörer des Abends gegenüber der Kirchenzeitung. Ehe und Familie seien zwei unterschiedliche Gemeinschaften, die nicht automatisch gemeinsam behandelt werden könnten. Einer warnte sogar vor der biologistischen Darstellung von Josef Römelt, Professor für Moraltheologie und Ethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Erfurt. Eine Beurteilung der Ehe nach der Biologie sei gefährlich, denn auch die Vorherrschaft des Mannes über die Frau sei einst biologisch begründet worden, sagte er. Römelt hatte in seinem Beitrag ­darauf verwiesen, dass sich die Menschen nur zweigeschlechtlich vermehren könnten und somit die Partnerschaft zwischen Mann und Frau biologisch gegeben sei. »Warum dürfen wir die biologischen Gegebenheiten nicht in den Vordergrund stellen?«, fragte er. Man dürfe nicht alles gleichbehandeln, was verschieden ist.

Die Bildungsdezernentin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Martina Klein, betonte, dass das EKD-Papier die Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken und Menschen begleiten wolle, ohne sie zu bevormunden. »Die Wertschätzung des einen bedeutet nicht, dass anderes abgewertet wird«, ging die Oberkirchenrätin auf den Vorwurf ein, das Papier diskreditiere die Ehe. Die Kirche müsse sich als Fürsprecherin einsetzen und für gute Rahmenbedingungen sorgen.

Foto: Cora Müller/Fotolia

Foto: Cora Müller/Fotolia

Ordinariatsrat Winfried Weinrich vom Katholischen Büro warnte vor einer Polarisierung der Debatte, die mitunter verletze. »Deshalb brauchen wir wechselseitigen Respekt für die Lebensentscheidungen des Einzelnen«, sagte er. »Die Debatte verlangt eine sorgsame Sprache.« Dass die Ehe Leitbild ist und bleibt, darüber herrschte Konsens, auch wenn Idealvorstellung und Realität auseinanderklafften. Die Scheidungsrate ist zwar im vergangenen Jahr laut Statistischem Bundesamt zurückgegangen, trotzdem wurden noch fast 180000 Ehen geschieden – und damit waren auch 143000 minderjährige Kinder betroffen.

Hinter diesen Zahlen stehen Einzelschicksale und Menschen in Not. Dass hier die Kirchengemeinden familienfreundlich und unterstützend wirken, so Martina Klein, sei ein Ziel des Papiers. Vor allem aber formuliere die Orientierungshilfe sozial- und familienpolitische Forderungen. Professor Römelt verwies auf Papst Franziskus, der jüngst seine Kirche aufgefordert habe, Geschiedene mit Barmherzigkeit zu begleiten. Bereits in den 1990er Jahren habe es im Rheinland ein Schreiben gegeben, wie Scheidungspaare begleitet werden könnten. Zugleich brauche man eine Stabilität in der Partnerschaft. »Das Problem, vor dem wir stehen, ist die Instabilität unserer heutigen Gesellschaft«, so der Moraltheologe.

Auch der katholische Altbischof Joachim Wanke mischte sich in den Disput: Ihn irritiere das Wort Orientierungshilfe. »Wir sind uns einig, dass es keine Diskriminierung geben darf«, betonte er. Er schließe sich jedoch den evangelischen Kritikern an, die eine breitere biblische Herleitung vermissen. Der Altbischof hoffe, dass aus der Diskussion ein fruchtbarer Prozess wird. Für die katholische Kirche ist die Ehe ein Sakrament und unauflöslich.

Oberkirchenrat Christhard Wagner ermutigte zur kritischen Auseinandersetzung, aber man dürfe sich nicht ­gegenseitig die Wahrhaftigkeit absprechen.

Dass die beiden großen Kirchen in ethischen Fragen mehr aufeinander hören sollten, das forderte Winfried Weinrich. Sie sollten sich gemeinsam auf den Weg machen, damit ihre Stimme in der Gesellschaft wahrgenommen wird.

Dietlind Steinhöfel

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