Von der unbändigen Freude über Gottes Geschenke

31. Januar 2014 von redaktionguh  
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Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.
Psalm 66, Vers 5

Ich könnte platzen vor Glück!«, sagen Menschen, die sich ganz besonders über etwas freuen. Überwältigend ist ihre Freude. Unmöglich, sie für sich zu behalten. Das Wunderbare, das ihnen widerfahren ist, muss erzählt werden!

Wann ging es Ihnen das letzte Mal so? Ich muss da schon ein bisschen nachdenken. Uns Erwachsenen fällt es schwer, uns unbändig zu freuen. Schade, dass wir das verlernt haben.

Astrid Döge, Theologin, Langenorla

Astrid Döge, Theologin, Langenorla

Dabei scheint es so einfach, sich zu freuen und die Freude weiterzusagen. Kinder können das. Mein kleiner Sohn freute sich Weihnachten so sehr über seine Geschenke, dass er mich aufforderte, sofort die Großeltern und alle seine Freunde anzurufen, um ihnen mitzuteilen, was er alles bekommen hat, wie reich er beschenkt worden ist. Wenn wir Erwachsenen uns doch auch so freuen könnten!

Der Psalmbeter macht es uns vor. Glücklich und dankbar für alles, was Gott an ihm getan hat, reißt er uns heraus aus unserem Alltagstrott und fordert uns auf, unseren Blick auf Gott zu richten. Wahre Freude erfahren wir da, wo wir nicht auf uns schauen, auf unsere Leistungen, unser Ansehen. Wahre, kindliche, staunende Freude erfahren wir, wenn wir auf Gott sehen. Dies kann bei einem Spaziergang im Wald geschehen, wenn wir staunen über Gottes Schöpfung. Bei einer unerwarteten Begegnung mit einem lieben Menschen. Doch vor allem: im Gottesdienst. Hier haben wir allen Grund zur Freude. Unser Blick geht nach vorn, ans Kreuz.

Es lohnt sich, ihn das nächste Mal etwas länger dort haften zu lassen bei diesem Gott am Kreuz. Unsere Ohren hören Gottes Worte. Gott spricht zu uns! Mit unserem Mund preisen wir Ihn. Wäre es nicht schön, wenn wir das nächste Mal singend und tanzend nach Hause gehen würden, voller Freude über Gottes Taten und Worte? Und wenn das nicht geht, dann zumindest mit einem Lächeln im Gesicht und dem Bedürfnis zu erzählen, was Gott Wunderbares an uns getan hat. Denn davon gibt es sehr viel!

Astrid Döge, Theologin, Langenorla

Zuerst nach den Gaben fragen

29. Januar 2014 von redaktionguh  
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Auswertung der Gemeindekirchenratswahl zum traditionellen »Kamingespräch«

Als die Hälfte der Ehrenamtlichen zur Gemeindekirchenratswahl im Oktober 2013 nicht mehr antreten wollte, plagten den Bad Berkaer Pfarrer Ulrich Matthias Spengler Sorgen. Ob sich acht neue Menschen für die Leitungsaufgabe gewinnen lassen? Jetzt, einige Wochen nach der Wahl und dem Amtsantritt der neuen Kirchenältesten, stahlt er übers ganze Gesicht. Der Gemeindekirchenrat ist mit 16 Ehrenamtlichen wieder vollständig. Zudem würden die ausgeschiedenen Ältesten andere Aufgaben weiterführen: einer gestaltet den Schaukasten, ein anderer kümmert sich um die Technik für den Waldgottesdienst, die Lektoren bleiben bei der Stange. »Keiner hat sich ganz verabschiedet«, sagt Spengler.

Wie viele Neue in die Leitungsgremien der Kirchengemeinden gewählt wurden, kann der Gemeindedezernent der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Christian Fuhrmann, nicht beziffern. Aber es sei ein beträchtlicher Teil, vielleicht ein Viertel.

Oberkirchenrat Christian Fuhrmann

Oberkirchenrat Christian Fuhrmann

Die Wahl in der EKM war eines der Themen zu den traditionellen Pressegesprächen der Landeskirche am Jahresanfang vorige Woche in Magdeburg bzw. Erfurt. Landesbischöfin Ilse Junkermann und der Gemeindedezernent waren sehr erfreut über die Steigerung der Wahlbeteiligung. Mit einer Verdoppelung hätte man gerechnet, aber nicht mit einer Verdreifachung, so Fuhrmann. Vor allem sei das auf die Briefwahl zurückzuführen, die fast 80 Prozent der Gemeinden genutzt hatten. Mit über 42 Prozent Wahlbeteiligung lag der Kirchenkreis Stendal an der Spitze, Salzwedel erreichte fast 41 Prozent. Schlusslichter mit 16 bzw. 17 Prozent waren die Kirchenkreise Magdeburg und Weimar. 2007 waren nur 10 Prozent zur Kirchenwahl gegangen. Verbessert werden könne beim nächsten Mal der Bekanntheitsgrad der Kandidaten, so Fuhrmann, denn eindeutig war die Wahlbeteiligung in Dörfern, wo jeder jeden kennt, besonders hoch. »Nochmal eine so große Steigerung wird uns aber nicht gelingen«, räumte Fuhrmann augenzwinkernd ein.

Über die Arbeit in den Gemeindekirchenräten (GKR) sprach »Glaube + Heimat« mit Fuhrmann nach dem Pressegespräch. Seit der Kirchenfusion habe man das Ziel die mittlere Ebene zu stärken; die Entscheidungen müssten dort getroffen werden, wo sie relevant sind. Der Ruf nach weniger Verwaltung, den Fuhrmann oft vernehme, sei berechtigt. Auf der anderen Seite höre er: Das muss jetzt aber das Amt lösen. »Wir müssen raus aus dem Beamtenkirchentum«, betont er. Auf der anderen Seite gäbe es bestimmte Standards für eine Körperschaft öffentlichen Rechts, die die Kirche einzuhalten habe.

Im Zuge der letzten Wahl haben sich manche Gemeinden zusammengeschlossen. Das würde, so der Oberkirchenrat, vor Ort als zusätzliche Belastung wahrgenommen. »Das kann ich gut verstehen. Wer sich aufmacht in eine neue Arbeitsform, braucht erst einmal Energie, um Neues aufzubauen.« Wichtig sei dabei, dass die Aufgaben neu durchdacht werden.

Wenn bei Veränderungen jemand nicht mehr kandidiere, könne man das auch mal positiv sehen. »Wer sich bei uns engagiert, vor allem im ländlichen Raum, ist mitunter auch anderweitig aktiv.« Man könne nachvollziehen, dass jemand dann nicht noch über den Kirchturm von X oder Y nachdenken möchte. Viele könnten jedoch für anderes – ob in örtlichen Beiräten oder gemäß ihrer Gaben – gewonnen werden. Fuhrmann benannte ein Problem in der Ehrenamtlichenstruktur: Im Fokus stünden die Aufgaben, dann erst frage man nach den Gaben der Menschen. Dabei sollte es umgekehrt sein: »Wir müssen gabenorientiert arbeiten.«

Die Reihen der ausgeschiedenen Kirchenältesten wieder aufzufüllen, war bei der Wahl 2013 jedenfalls kein Problem – nicht nur in Bad Berka. Denn, war zum »Kamingespräch« in Erfurt zu erfahren, es kandidierten 2 500 Gemeindemitglieder mehr als für die Gremien benötigt. »Das beweist eine hohe Bereitschaft der Mitbeteiligung in unserer Landeskirche«, sagte Christian Fuhrmann.

Dietlind Steinhöfel

»Wir lieben diese Kirche!«

28. Januar 2014 von redaktionguh  
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Nordhausen: Zwei FSJ-lerinnen unterstützen die Jugendarbeit

Vom Erfolg des letzten Jugendgottesdienstes Anfang Januar sind Hannah John und Käthe Schmidt noch immer überwältigt. Rund 90 junge Leute zwischen 14 und 25 nahmen daran teil. Seit September sind die beiden Mädchen mitverantwortlich für Organisation und inhaltliche Ausgestaltung. Sie absolvieren ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bei der jungen Kirche im Südharz.

Hannah mag kreative Dinge und Theaterspielen, deshalb betreut sie die Vorbereitungsgruppe, die kleine Stücke für die Gottesdienste einstudiert. Käthe kümmert sich um alles Organisatorische der Band, aber auch um die Koordination kleiner Stationen während der Gottesdienste, bei denen man seine Sorgen notieren oder eine Kerze entzünden kann. Doch das ist längst noch nicht alles. »Wir betreuen Junge Gemeinden, gestalten den Konfirman­denunterricht mit und unterstützen den Jugendreferenten Simon Roppel«, beschreibt Hannah ihre Aufgaben. »Das ist schon weit mehr als nur unterstützen«, widerspricht der Jugendreferent. »Ihr übernehmt einige Gruppen ganz ohne meine Hilfe, beispielsweise die Konfis in Auleben oder Trebra.« Das Projekt Jugendkirche nennt sich »Herzschlag«. Von der Altendorfer Kirche, die hierfür umgebaut wird, sollen Impulse für den Kirchenkreis Südharz ausgehen. »Nicht nur für die Jugendarbeit«, sagt Simon Roppel. Der 25-Jährige leitet das Projekt seit September 2012.

Hannah John (links) und Käthe Schmidt verstehen sich gut mit Jugendreferent Simon Roppel (Mitte). – Foto: Marcus Wiethoff

Hannah John (links) und Käthe Schmidt verstehen sich gut mit Jugendreferent Simon Roppel (Mitte). – Foto: Marcus Wiethoff

Käthe hatte einen weiten Weg nach Nordhausen. Sie ist 20 Jahre alt und stammt aus der Eifel. Als sie vom Projekt »Herzschlag« erfuhr, war ihr klar, dass sie hier unbedingt dabeisein möchte. In ihrer Heimat engagierte sie sich bereits in der kirchlichen Jugendarbeit. »Ich kann mir vorstellen, so etwas auch beruflich zu machen. Das soziale Jahr soll für mich eine Entscheidungshilfe sein.«

Berufsentscheidung
Hannah hingegen kannte die Jugendkirche schon länger. Sie kommt ursprünglich aus Göttingen, lebt aber schon viele Jahre in Nordhausen und hörte 2010 durch eine Freundin von der geplanten Kirche nur für Jugendliche. Das fand sie spannend. So ging sie zu den ersten Treffen, damals noch organisiert von Pfarrer Wolf-Johannes von Biela und der Gemeindepädagogin Marit Krafcick. Gern möchte sie später im kreativen und künstlerischen Bereich arbeiten. Für die 19-Jährige war es eine Umstellung. Erst einfach Teilnehmerin, jetzt plötzlich in Leitungsfunktion. Sie hat das gut gemeistert.

»Wir haben schnell Kontakt zu den Konfirmanden gefunden und wurden überall gut aufgenommen«, berichtet sie. Besonders gerührt waren die Mädchen, als die Jugendlichen vom Helferteam ihnen vor Weihnachten selbstgemachte Lebkuchenherzen mit ihren Namen schenkten. »Ich fühlte mich sofort willkommen. Mit Hannah verstand ich mich gleich sehr gut, weil wir uns prima ergänzen in unseren Begabungen. Wenn die Leute erfahren, wo ich herkomme, finden sie es toll, dass ich für dieses Projekt so weit von zu Hause weggezogen bin, aber es sprach mich einfach an. Hier musste ich hin!«, sagt Käthe überzeugt.

Für Jugendreferent Simon Roppel sind die beiden engagierten Mädchen eine große Unterstützung. Auch wenn sie sich zu dritt in einem kleinen Büro fast auf die Füße treten, haben die drei bei aller Arbeit eine Menge Spaß.

Die Bauarbeiten an der Kirche in der Nordhäuser Altstadt gehen 2014 weiter, wenn auch der geplante Anbau noch nicht realisiert werden kann. Im Mai kommt stattdessen die Fußbodenheizung. Trotzdem soll es alle zwei Monate die »Faithtime« genannten Gottesdienste geben, egal wie staubig es gerade drinnen ist. »Wir lieben einfach diese Kirche«, so der Jugendreferent.

Im Herbst geht das Freiwillige Soziale Jahr in der Jugendkirche in eine zweite Runde. Ein junger Mann hat sich schon beworben; für einen zweiten Jugendlichen gibt es noch genug Aufgaben. Wer Lust hat, bei »Herzschlag« in Nordhausen mitzuwirken, kann sich informieren und bewerben.

Marcus Wiethoff

Nächster Jugendgottesdienst am 22. März, 18.30 Uhr. Konakt über E-Mail <FSJ@Herzschlag.me>

www.herzschlag.me

Grün denken und handeln

28. Januar 2014 von redaktionguh  
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Udo Stork setzt sich in der Dessauer Petrusgemeinde nicht nur für den Umweltschutz ein

Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und hüte. Was da in 1. Mose 2,15 geschrieben steht, kann auch als frühchristliche Aufforderung zum Handeln im Sinne des neuzeitlichen Begriffs Umweltschutz gelesen werden. Zumindest ist es der Leitspruch der Umweltgruppe »Grüner Hahn« der Dessauer Petrusgemeinde. Leicht, so sagt Udo Stork, der 2011 mit vier weiteren Mitstreitern eine Umweltgruppe in der Gemeinde aus der Taufe hob, haben sie es sich nicht gemacht. Denn wenn es mittlerweile sogar für Konzerne selbstverständlich scheint, grün zu denken und offiziell danach zu handeln, bleibt Stork bei diesem Thema auch in den eigenen Reihen kritisch.

Der Kirchenälteste Udo Stork schaut ganz genau hin, ob Kampagnen und Gütesiegel auch das halten, was sie versprechen. – Foto: Lutz Sebastian

Der Kirchenälteste Udo Stork schaut ganz genau hin, ob Kampagnen und Gütesiegel auch das halten, was sie versprechen. – Foto: Lutz Sebastian

»Ach, schon wieder so eine Aktion«, dachte er zuerst, als er und andere Vertreter der Dessauer Petrusgemeinde vor fast fünf Jahren zu Gast bei einer Konferenz der Partnergemeinde im pfälzischen Speyer waren. Umwelt stand auf der Agenda. Der »Grüne Gockel«, ein kirchliches Umweltmanagementsystem, wurde in der Pfalz präsentiert. »Ich bin bei solchen Dingen immer etwas skeptisch«, sagt Stork. Denn als Energieberater bei den Dessauer Stadtwerken weiß er um den Sinn mancher und den Unsinn vieler Versprechen, Kampagnen, Gütesiegel und Absichtserklärungen. Deshalb hat der 63-Jährige das System bei seiner Rückkehr nach Dessau sehr kritisch unter die Lupe genommen.

Doch die Umweltgruppe kam zustande. Im Oktober 2012 wurde das kirchliche Umweltmanagement »Grüner Hahn« in der Petrusgemeinde eingeführt. Umweltbewusst im Sinne der Bewahrung der Schöpfung waren fast ausnahmslos alle Gemeindeglieder. Mit dem »Grünen Hahn« hat man trotzdem noch einmal ein Ausrufezeichen gesetzt, indem ganz praktisch und bewusst innerhalb der Gemeinde im Dessauer Norden Umweltschutz betrieben wird. Ein Schnellkomposter wurde angeschafft. Das Grundstück von Kirche und Pfarramt wurde auf eine bessere Versickerung von Regenwasser hin untersucht, Regenwasser zum Gießen aufgefangen und ein Mülltrennsystem eingeführt. Mit Büro- und Bastelmaterialien wird noch bewusster umgegangen. Beim Einkauf und bei der Inanspruchnahme von Dienstleistungen wird regionalen Anbietern der Vorrang gegeben. »Das ist praktisches globales Denken und lokales Handeln«, sagt Stork.

Praxis ist schon immer sein Credo gewesen. »Udo Stork kümmert sich ebenso um viele kleinere Reparaturen in der Kirche und am Pfarrhaus. Dabei muss ihn niemand auffordern etwas zu tun. Er sieht selbst die Dinge, die anzupacken sind«, begründen Gemeindepfarrerin Gisela Seifert und der Gemeindekirchenrat (GKR) die Entscheidung, Udo Stork nach mehr als 30 Jahren im GKR für das Dankzeichen »Anhalter Kreuz« vorzuschlagen. Die Auszeichnung sieht der 63-Jährige als Ansporn – auch in seiner Funktion als Vorsitzender des Partnerschaftsausschusses Kontakte der Gemeinde im In- und Ausland weiter aktiv zu pflegen.

Danny Gitter

Gesicht zeigen gegen Rechts

27. Januar 2014 von redaktionguh  
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Protestkultur: Meile der Demokratie und Meilensteine in Magdeburg weisen Nazis in die Schranken

Bunt und fantasievoll boten Tausende Magdeburger am 18. Januar Nazis die Stirn, besetzten mit Aktionen und Blockaden Straßen und Plätze. So behinderten sie den rechten Aufmarsch.

Gestörter Zugverkehr, blockierte Elbebrücken, verletzte Polizisten. Auch das gehört zur Bilanz des 18. Januar in Magdeburg. An diesem Tag wollten bis zu 1 000 Nazis durch die Innenstadt marschieren. Dort, wo am 16. Januar 1945 der von Deutschland ausgehende Krieg auf die Elbestadt zurückfiel und sie bei einem Bombenangriff zerstört wurde. Dem sogenannten Gedenkmarsch der Rechten, der die Trauer über die Ereignisse umdeuten will, widersetzen sich seit Jahren Magdeburger Aktionsbündnisse. Mit der Meile der Demokratie in der Innenstadt verdrängen sie erfolgreich die Nazis von der geplanten Route. Rund 10 000 Menschen kamen zu den Bühnen und Ständen. Andere Gruppen wollten den Rechten-Aufmarsch ganz verhindern und blockierten Straßen und Gleise.

Fröhliche Mitmachaktionen wie diese Malerei auf der Schulmeile ermunterten die Besucher, sich zu einer toleranten Welt zu bekennen. Foto: Viktoria Kühne

Fröhliche Mitmachaktionen wie diese Malerei auf der Schulmeile ermunterten die Besucher, sich zu einer toleranten Welt zu bekennen. Foto: Viktoria Kühne

In diesem Jahr erweiterte das Bündnis »Magdeburg nazifrei« die Meile um Meilensteine und besetzte mit Kunst, Mahnwachen, Sport und anderen Aktionen strategisch wichtige Punkte, angemeldet und völlig legal. Die Nazis marschierten schließlich im Süden der Stadt. Blockierern und Protestierenden, die den Nazis ihre Ablehnung deutlich zeigen wollten, trat die Polizei entgegen; es gab Rangeleien und Verletzte.

»Wir treten den Haltungen entgegen, nicht den Menschen«, hatte Magdeburgs amtierender Superintendent Matthias Simon auf der Kirchenbühne gemahnt. Losungen wie »Nazis raus« stimmen ihn nachdenklich. Ebenso wie das in Schnipsel gerissene Plakat »Rechtsextremismus und christlicher Glaube sind unvereinbar« in seinem Briefkasten. Es hing nicht nur – unbehelligt – an der Meile, sondern auch nahe eines Meilensteins im Süden der Stadt und wurde dort zerstört.

Rechte Auffassungen gibt es bis in die Kirche hinein, mahnte auch Dompropst Reinhold Pfafferodt, der gemeinsam mit Simon das ökumenische Bühnenprogramm eröffnete. Die Bands lockten mit ihrer Musik viele Zuhörer an, die Evangelische Sekundarschule zeigte eine Feuershow und eine Gesprächsrunde diskutierte, wie vor allem junge Leute Demokratie lernen können. Evangelische wie katholische Kirche bieten dafür ebenso Möglichkeiten wie die Arbeiterwohlfahrt, die »Falken« und die Feuerwehr. Es muss jedoch Menschen geben, die Räume öffnen, in denen sich junge Leute treffen, wo sie ihre Interessen formulieren und Möglichkeiten üben können, sie durchzusetzen, sagte Landesjugendpfarrer Andreas Holtz. Ebenso wie Diözesanjugendseelsorger Christoph Tekaath unterstrich er, dass Kirche Freiräume biete, die mit dem Glauben einen festen Grund haben, um auch Krisen überstehen zu können.

Sowohl auf der Meile als auch bei den 16 Meilensteinen wimmelte es von Menschen, die ein buntes, weltoffenes Magdeburg wünschen, in dem Ausgrenzung und Fremdenhass keinen Platz haben. Aber auch Gewalt darf nicht geduldet werden, ganz gleich in welche Richtung.

Renate Wähnelt

Das Schwert in der Hand

27. Januar 2014 von redaktionguh  
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Ein Schwert in der Hand ist verführerisch. Das gilt für das ritterspielende Kind ebenso wie für die staatliche Macht. Es erhöht das Selbstbewusstsein, es scheint die Lösung von Konflikten einfacher zu machen. Ob Afghanistan, ob Syrien, ob Südsudan, ob Zentralafrika, ob somalische Piraten oder Terrornetzwerke wie Al Kaida: Immer öfter und schneller, so scheint es, erschallt heute wieder der Ruf nach der »Ultima Ratio«, nach dem Griff zum Schwert. Und bei Weitem nicht immer nur in imperialer Herrschafts- oder Eroberungsabsicht, sondern auch im Wunsch, Menschenleben und Menschenwürde zu bewahren.

Es gehört zu den Paradoxien der Geschichte, dass offenbar gerade in den Jahrzehnten des sogenannten Kalten Krieges und der Konfrontation der militärisch hochgerüsteten Machtblöcke die Angst vor dem (selbst-)vernichtenden Weltkrieg die Hände vor dem Griff nach den Schwertern abhielt. Seit dem Ende dieser Konfrontation aber scheint das Schwert wieder lockerer zu sitzen, scheinen wir uns an den Gedanken zu gewöhnen, das eben manche Dinge nur mit Gewalt zu regeln seien. Und wir scheinen der Illusion zu erliegen, Krieg sei auf Dauer begrenzbar, beherrschbar.

Doch das gehört zu den großen Irrtümern der Geschichte. Gerade der Blick auf den ersten Weltkrieg, der vor 100 Jahren mit einem lokalen Konflikt am Rande der großen Mächte Europas begann, zeigt, dass Kriege sehr schnell eine unaufhaltsame Eigendynamik entwickeln können. Einmal entfachtes Feuer kann selten schnell wieder gelöscht werden.

Machen wir es uns also nicht zu einfach und gewöhnen wir uns nicht an den Gedanken, dass eben notfalls die Bundeswehr oder Soldaten anderer Nationen die Probleme der Welt richten werden oder müssen. Investieren wir endlich in wirkliche Friedenspolitik, statt in Sicherheitspolitik.

Harald Krille

Sie kommen täglich an unseren gedeckten Tisch

25. Januar 2014 von redaktionguh  
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Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.
Lukas 13, Vers 29

Was fällt Ihnen bei dem Wort »Tisch« ein? Sind das mehr positive Gedankenverknüpfungen und Gefühle oder nicht? Denken Sie an anregende und lockere Gespräche oder an den Zwang einer Tischordnung? Ich denke dabei an einen Ort politischer Praxis und des Gesprächs. Aber zugleich ist es für mich das Zentrum des Zusammenseins einer Familie.

Andreas Herbst, Pfarrer i. R., Magdeburg

Andreas Herbst, Pfarrer i. R., Magdeburg

»Deutsche an einen Tisch!« Mit dieser Parole aus dem Anfang der 1950er Jahre versuchte die junge DDR zu punkten. Am »Verhandlungstisch« werden Fragen von politischer oder ökonomischer Bedeutung geklärt. Die »Runden Tische« der Wendezeit waren ein Erfahrungsraum für demokratische Willensbildung. Am elterlichen Tisch lernten wir das, was wichtig ist für unser Leben – Gespräche, Sitten, Lachen und Weinen, Glauben, Wissen und Toleranz.

Jesus war ein Liebhaber der Tischgemeinschaft. Er aß mit »Zöllnern und Sündern«, und am Tisch von Emmaus gingen ihnen die Augen auf. Sie erkannten, was es bedeutet, Jesus zu vertrauen. Im Gleichnis vom großen Abendmahl öffnet Gott seinen Tisch auch für das »Prekariat«. »Arme, Verkrüppelte, Lahme und Blinde« werden platziert, wie Lukas schreibt. Jene also, die nach Meinung vieler nicht zu den Auserwählten gehören.

In der Bildsprache des Lukas wird auch der Sehnsuchtsort des Glaubens, das Reich Gottes, als eine Tischgemeinschaft vorgestellt. Dort finden sich alle wieder, die den Sinn ihres Lebens nicht verfehlen. Wie ich den finde? Darauf gibt Matthäus 25 mit den Werken der Barmherzigkeit eine unmissverständliche Antwort. Allein auf Tauf- oder Konfirmationsschein ist also kein Verlass.

Längst kommen sie ja täglich, auch auf lebensgefährlichen Routen, aus allen Himmelsrichtungen, Religionen und Kulturen an unseren überreich gedeckten Tisch. Und wenn wir das nicht wollen? Es wird uns nichts nützen. Gott möchte, dass sich alle an seinem Tisch versammeln. Dass alle das Ziel ihres Lebens erreichen.

Andreas Herbst, Pfarrer i. R., Magdeburg

Besucher herzlich willkommen

22. Januar 2014 von redaktionguh  
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Aufbau: Altes Haus in der Lutherstdt Eisleben wird als Bildungszentrum und zur Begegnungsstätte eröffnet

Viele Jahre drohte ihr der völlige Verfall. Doch inzwischen ist die Alte Lutherschule in Eisleben zum Schmuckstück geworden. Nach und nach will die Gemeinde das Haus mit Leben füllen.

Schon das spätgotische Portal mit dem Maßwerk beeindruckt. Wer es durchschreitet, bleibt erst einmal stehen. Vor dem Besucher öffnet sich ein Foyer mit einer Säule und Türen (eine alte aus Eisen ist auch darunter). Rechts führt eine Treppe in die oberen Stockwerke. Es duftet nach frischer Farbe. Handwerker nehmen letzte Arbeiten vor, denn zum 18. Januar soll fast alles geschafft sein. An diesem Tag weiht die rund 850 Mitglieder zählende Kirchengemeinde Sankt Andreas-Nicolai-Petri das historische Gebäude Alte Lutherschule als Bildungszentrum und Begegnungsstätte ein. Mitte Dezember sind Gemeindepfarrerin Iris Hellmich, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gemeinde sowie Pfarrerin Simone Karstens-Kant vom Zentrum Taufe hier eingezogen. »Wir sind arbeitsfähig«, sagt Iris Hellmich mit Blick auf die Veranstaltungsräume, Büros, die Küche und Sanitärräume. So viel Altes wie möglich – ob Stuck oder Türklinken – wurde erhalten, bei Neuem von Fenstern bis Fußböden auf Qualität und Langlebigkeit geachtet.

Das Alte Lutherschule, Superintendentur oder auch Spangenberghaus genannte Gebäude stammt aus dem ersten  Viertel des 16. Jahrhunderts. Über 15 Jahre stand es leer. Foto: Jürgen Lukaschek

Das Alte Lutherschule, Superintendentur oder auch Spangenberghaus genannte Gebäude stammt aus dem ersten Viertel des 16. Jahrhunderts. Über 15 Jahre stand es leer. Foto: Jürgen Lukaschek

Mehr als ein Jahrzehnt hatte es so ausgesehen, als ob in dem stattlichen Haus unter der Adresse Andreaskirchplatz 1 nie wieder jemand leben und arbeiten würde. 1996 zog der letzte Mieter aus. Das Gebäude bröckelte – notdürftig gesichert – vor sich hin, Schwamm breitete sich aus. Doch sollte das denkmalgeschützte Haus, ein Ort Eislebener Kirchengeschichte im Umfeld der Lutherstätten wirklich nicht mehr zu retten sein?

Von 2007 bis 2009 nahm der Architekt Heinrich Bögemann aus Halle im Auftrag des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt parallel zu nötigen Freilegungsarbeiten umfangreiche Bauforschungen vor. Von 2008 bis 2010 gab es Sicherungsarbeiten, um das Haus zu stabilisieren. Der Gemeindekirchenrat erarbeitete gemeinsam mit dem Kirchenkreis ein Nutzungskonzept, das 2009 verabschiedet wurde. Das Ziel war die Wiederbelebung des Hauses, die Nutzung durch die Kirchengemeinde sowie Bürger und Besucher der Lutherstadt.

Kirchliches Leben hatte es an dieser Stelle seit dem Mittelalter gegeben, wohnten doch hier die Pfarrer der Andreaskirche. Erstmals erwähnt Cyriakus Spangenberg (1528–1604) in seiner 1572 erschienenen »Mansfeldischen Chronica« den Pfarrhof: Er soll schon 1276 bestanden haben. Beim Stadtbrand von 1498 wurde er verwüstet. Das jetzige Haus stammt aus dem ersten Viertel des 16. Jahrhunderts und wurde nach dem Stadtbrand von 1601, später immer wieder umgebaut und so dem Bedarf der nun evangelischen Pfarrer, des Superintendenten, der Kantoren, Küster und ihrer Familien angepasst. 1525 bestellte Graf Albrecht VII. von Mansfeld den ersten evangelischen Prediger, der sich die Andreaskirche mit dem katholischen Pfarrer teilen musste. 1532 wurde die Reformation in der Grafschaft Mansfeld eingeführt. Martin Luther organisierte die Pfarrerschaft 1546 – kurz vor seinem Tod – für Mansfeld und Eisleben neu. Die Stelle des Pfarrers von St. Andreas wurde mit der Position des Superintendenten für die Grafschaft Mansfeld verknüpft. Erster Stelleninhaber war Johann Spangenberg, Vater des Chronisten Cyriakus. Die Spangenbergs wohnten im Nachbarhaus Andreaskirchplatz 12, in dem sich heute der evangelische Kindergarten befindet. Das Haus Andreaskirchplatz 11 war Dienstsitz. Und dort fand für 18 Jahre die von Johannes Agricola (1492–1566) im Jahr 1546 gegründete »Fürnehme Lateinische Schule« ihren Platz, bevor sie in einen Neubau umzog. »Die Frage, wer von den vielen Schul- und kirchlichen Ämtern wann in welchem Haus bei St. Andreas wohnte, lässt sich nur teilweise klären«, schreibt Architekt Bögemann in seinem Gutachten zu den Jahren vor 1601. Erhalten geblieben Rechnungen und das Haus selber erhellen die darauffolgenden Jahrhunderte.

In das Haus wurden 1,8 Millionen Euro investiert. 1,2 Millionen Euro kamen aus dem Investitionsprogramm für nationale Unesco-Welterbestätten. Weitere Förderer waren das Land und die Sparkasse. Pfarrerin Hellmich würdigt die ausgezeichnete Zusammenarbeit mit der Stiftung Luthergedenkstätten und der Stadt Eisleben. »Der Stadt ist das wichtig, was Kirche einzubringen hat«, sagt sie. »Ohne sie wäre das Haus nicht so geworden, wie es jetzt ist.«

Mit der Einweihung ist zwar die Aufgabe zweier kirchlicher Gebäude, aber keine kirchliche Zentralisierung verbunden, so die Pfarrerin. Sie verweist auf den innerstädtischen Lutherweg. »Wir möchten Menschen anregen, diesen Weg zu gehen und alles kennenzulernen.« Er umfasst nicht nur Martin Luthers Geburts- und Sterbehaus, die Andreaskirche und die Petri-Pauli-Kirche mit dem Zentrum Taufe, sondern auch die Annenkirche mit dem ehemaligen Augustiner-Eremiten-Kloster. Das sanierte Haus am Andreaskirchplatz 11 dient, so Pfarrerin Hellmich, als offenes Haus mit Angeboten zur Bildung und Begegnung. »Wir wollen als Kirche präsent sein.«

Die Eröffnungsfeier am 18. Januar beginnt mit einer Andacht in der Andreaskirche (14 Uhr). Ab 15 Uhr wird in allen Räumen bei Kaffee und Kuchen gefeiert. Die Kirchengemeinde bittet am Festtag um Spenden für die Restaurierung der historischen Eisentür und einer Gedenktafel.

www.kirche-in-eisleben.de

Angela Stoye

Nordwand in Bewegung

22. Januar 2014 von redaktionguh  
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Die einzigartig ausgemalte Kirche in Niedergrunstedt braucht Unterstützung

Mit einer »Geistlichen Abendmusik« ist am vergangenen Sonnabend in der St.-Mauritius-Kirche von Niedergrunstedt (Kirchenkreis Weimar) ein Zyklus gestartet worden, mit dem die evangelische Kirchengemeinde jeden zweiten Sonnabend im Monat zur Besinnung in Wort und Ton einladen, aber auch auf ihr baulich gefährdetes Gotteshaus hinweisen möchte. Der Ort gehört zum Kirchspiel Buchfart-Legefeld, das aus sechs Gemeinden in 13 Dörfern mit elf Kirchen südlich von Weimar besteht.

Die Organistin Grit Roos ist fasziniert von der original erhaltenen Bemalung der Emporen in der St.-Mauritius-Kirche in Niedergrunstedt. Foto: Maik Schuck

Die Organistin Grit Roos ist fasziniert von der original erhaltenen Bemalung der Emporen in der St.-Mauritius-Kirche in Niedergrunstedt. Foto: Maik Schuck

»Die Nordwand ist statisch in Bewegung«, ist von Pfarrer Joachim Neubert zu erfahren. Deshalb sei es notwendig, »das Gebäude durch Zuganker zu stabilisieren«. Bei all den baulichen Herausforderungen, die in seinem Verantwortungsbereich zu bewältigen sind, begrüßt er es, wenn sich Aktivitäten »vor Ort« entwickeln. Der an der Zentralklinik Bad Berka tätige und im Niedergrunstedter Pfarrhaus wohnende Seelsorger Martin Krapp und die in Weimar niedergelassene Hausärztin Grit Roos, die vor drei Jahren mit ihrer Familie in den Ort gezogen ist, ziehen dabei an einem Strang. Dass die aus Halle stammende Allgemeinmedizinerin auch Kirchenmusik studiert und in Dresden den B-Abschluss gemacht hat, ist als Glücksumstand zu bezeichnen.

»Mein Traum war es immer, beides zu vereinigen«, erzählt die Mutter von drei Kindern. Über die herzliche Aufnahme in Niedergrunstedt und die Möglichkeit, die klangschöne Witzmannorgel zu spielen, sei sie sehr erfreut gewesen. Von der Kirche selbst gehe eine besondere Faszination aus. Atemberaubend wirkt der mit einer Patina belegte Innenraum. Nahezu vollständig sind Emporen, Kanzelaltar und Holzdecke 1728 durch den Weimarer Künstler Johann Ernst Rentsch bemalt worden, der am Weimarer Hof Johann Sebastian Bach porträtierte. Er hat die Kirche mit biblischen Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament ausgemalt. Auch die Decke und der wunderbare Kanzelalter sind original erhalten.

(mvh)

Mitdenken und begleiten als Lebensaufgabe

21. Januar 2014 von redaktionguh  
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Der Magdeburger Propst i. R. Hannes Urmoneit feierte 80. Geburtstag

Verschmitzt-provokativ sagt Hannes Urmoneit: »Ich genieße es, verantwortungslos zu leben.« Der Propst im Ruhestand wurde gerade 80 Jahre alt, hält gelegentlich noch Gottesdienste oder gestaltet Gemeindeabende, hat aber nach und nach alle Ehrenämter abgegeben. Und wenn er überlegt, was er sich für die Kirche wünscht, sagt er voller Gelassenheit: »Die Menschen müssen merken, dass wir sie mögen – lieben ist mir ein zu großes Wort. Wir müssen uns um Glaubwürdigkeit bemühen. Das gilt ja nicht nur für die Kirche.« Dass die in einer Krise sei, sehe er nicht. »Die Kirche wird sich ändern; die Kraft des Glaubens schlägt sich ihre Schneise. Und was soll das Schauen auf die Zahlen? Ich war oft nur mit drei bis fünf Leuten im Gottesdienst!«

Hannes Urmoneit verfolgt inzwischen gelassen die Entwicklung der Kirche. Foto: Viktoria Kühne

Hannes Urmoneit verfolgt inzwischen gelassen die Entwicklung der Kirche. Foto: Viktoria Kühne

Urmoneit war sich lange nicht sicher, ob Pfarrer die richtige Berufswahl ist. Nach dem Staatsexamen suchte er sich erstmal Arbeit in der Produktion, war gut ein Jahr im Tiefbau. Er wollte die Arbeitswelt richtig kennenlernen. Erst danach wurde er Pfarrer in der Altmark. 1968 übernahm er die Stadtmission Magdeburg. »Das waren meine schönsten 18 Jahre«, blickt er zurück. Mit zwar wenigen, aber engagierten Mitarbeitern konnte er gestalten, lernte unterschiedlichste Menschen – Menschen am Rand der Gesellschaft, Straffällige, sozial Schwache – kennen und konnte ihnen helfen. 1986 wurde er zum Propst des Sprengels Magdeburg gewählt. Er habe gewarnt, dass er theologisch keine großen Akzente setzen könne, aber mitdenken und begleiten wolle. Und genau das war notwendig. »Es war ein anstrengendes Amt«, sagt Hannes Urmoneit. Bis zum Ruhestand 1996 blieb er Propst. Da hatte sich endlich ein Lebenstraum erfüllt: Die innerdeutsche Grenze war gefallen. Die Familie, 1947 aus Polen zunächst nach Tangermünde ausgesiedelt, später im westlichen und östlichen Teil zu Hause, konnte sich ohne Barrieren besuchen. Die deutsche Teilung habe in ihm eine beständige Wut erzeugt, bekennt er.

Als Ruheständler führte er die Arbeit im Verband für Straffälligenbetreuung und Bewährungshilfe noch etliche Jahre fort, den er 1990 mit gegründet hatte. Als Leiter der Stadtmission gehörte er zu den wenigen in der Region, die auf diesem Gebiet Erfahrungen besaßen, die unter den neuen Bedingungen trugen. Auch vom Verband sagt er: »Ich hatte immer das Glück, Mitarbeiter zu haben, die der Arbeit Seele gaben.«

Einen Traum erfüllte sich Hannes Urmoneit im Ruhestand selbst: Er lernte Segelfliegen. So sehr er im Alltag und Beruf seine Fähigkeiten kannte und Grenzen akzeptierte – das Glück, selbst zu fliegen, wollte er erleben. Den Pilotenschein hat er nicht gemacht, der war für das Glück nicht notwendig.

Renate Wähnelt

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