Übernachten im Heu

25. Februar 2014 von redaktionguh  
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Der Verein Neue Wege – Miteinander bietet in Luppenau Pilgern eine Herberge

Weit und breit Felder in der Aue des östlichen Saalekreises. Ab dem Frühjahr liegen Kühe auf den saftigen Wiesen. Störche finden ihre Nester. Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela machen hier Rast, denn seit drei Jahren bietet der Verein »Neue Wege – Miteinander« in Luppenau, einem ruhigen Dorf mit Schloss, eine Herberge an. Doch bevor die Jakobsmuschel als Erkennungszeichen am Gebäude befestigt werden konnte, hatten die rund 20 Vereinsmitglieder Schwerstarbeit zu verrichten.

Mit der Harke schüttelt die Vereinsvorsitzende Gudrun Woitke die »Betten« in der Pilgerherberge auf. Foto: Petra Wozny

Mit der Harke schüttelt die Vereinsvorsitzende Gudrun Woitke die »Betten« in der Pilgerherberge auf. Foto: Petra Wozny

Vereinsvorsitzende Gudrun Woitke erinnert sich und holt alte Fotos hervor. Eine heruntergekommene Scheune ist zu sehen. »Fast einen Meter hoch lag der Schafsmist, den wir herausgekarrt haben«, erzählt die heute 64-Jährige. Die Scheune ist mittlerweile saniert, auf einer großen Holzkonstruktion steht ein Hochbett. Hier können bis zu sechs Personen schlafen. Geht Gudrun Woitke die Betten machen, nimmt sie die Harke. Duftendes Heu ist ausgebreitet. Wer möchte, kann auch Laken und Matten bekommen.

Zu ebener Erde im »Friedo«, wie die Begegnungsstätte heißt, stehen lange Tische und rustikale Schränke. »Nebenan ist im Sanitärbereich Platz für die Dusche, Waschmaschine, Kühlschrank, Geschirrspüler, Toaster, Mikrowelle und Herd«, zeigt Vereinsmitglied Cornelia Vogel, die sich auch im Gemeindekirchenrat des Kirchspiels Wallendorf engagiert. 2012 kehrten 106 Pilger im »Friedo« ein. Im vergangenen Jahr seien es nur 69 gewesen, wohl wegen des Hochwassers.

Das Gästebuch der Pilgerstätte ist bereits gut gefüllt. Dankesworte von Brasilianern finden sich ebenso darin wie Grüße aus den Niederlanden, Österreich und Lettland. »Die Pilger schätzen unsere herzliche Art«, sagt Woitke. Da seien familiäre Gespräche ebenso selbstverständlich wie eine Flasche Wein am späten Abend oder eine hausgemachte Suppe. Fußlahme seien auch schon mal mit dem Auto in die Kreisstadt gefahren worden, um in Merseburg den Dom zu sehen. »Pilger sind im Allgemeinen sehr unkomplizierte Menschen. Ihre Betreuung macht uns Freude«, sagt Vogel.

Längst ist die Pilgerstätte auch ein Anlaufpunkt für Menschen aus der Region geworden. Rund 400 Gäste wurden zu Veranstaltungen gezählt, die der Verein übers Jahr organisiert. Schlafen gerade einmal keine Pilger im Heu, machen es sich Kinder und Jugendliche mit ihren Betreuern während eines Wandertages gemütlich. Auch Radfahrer auf dem Saaleradwanderweg halten an. Regelmäßig öffnen sich die Türen für das jahreszeitliche Basteln. Jeden letzten Freitag im Monat lädt das »Friedo« zur gemütlichen Veranstaltung »Bücher, Musik und Quatschen« ein. Sind dann gerade Pilger in der Herberge, sei das für sie besonders vergnüglich. »Wir haben es schon erlebt, dass sie oben im Hochbett im Heu lagen und interessiert unseren Gesprächen folgten und sogar mitsangen«, erzählt Gudrun Woitke und lacht.

In diesem Jahr soll der Garten hinter der Scheune, die dem Dorf gehört, gestaltet werden. Der Verein will außerdem den Pilgern Räder anbieten, mit denen sie sich die Aue noch besser erschließen können.

Petra Wozny

Kontakt: »Neue Wege – Miteinander«, Am Löpitzer Schloss 6, 06258 Schkopau/Ortsteil Luppenau, Telefon (01 51) 70 50 05 00

Zeitung macht Schule

24. Februar 2014 von redaktionguh  
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Saalfelder Schüler analysierten »Glaube +Heimat« im Religionsunterricht

Glaube + Heimat‹ ist für mich ein Fundus für viele Themen«, sagt Religionslehrerin Carmen Büchel. Erst kürzlich hat sie 17 Schüler der 10. Klasse des Heinrich-Böll-Gymnasiums Saalfeld angeregt, sich intensiver mit der mitteldeutschen Kirchenzeitung zu beschäftigten. Im Rahmen eines Projektes bildeten die Schülerinnen und Schüler Arbeitsgruppen und werteten drei Ausgaben unter einem jeweils gewählten Schwerpunkt aus. Im Fokus standen: Glaubensfragen, Lebenshilfe, Kirche und Politik, Kirche und Religionen im Ausland, Kirche sozial oder Kirchenjahr und Prominente. Die gefundenen Beiträge und Fotos mussten analysiert, gewertet und ausgeschnitten werden. Zum Abschluss sollten die Arbeitsgruppen ihre Ergebnisse vor den Mitschülern präsentieren, in einer Collage zusammenstellen und eine kurze Information über ihre Zeitungsschau an die Weimarer Redaktion schreiben.

Religionslehrerin Carmen Büchel schätzt »Glaube + Heimat« als Arbeitsmittel für die Schülerinnen und Schüler des Heinrich-Böll-Gymnasiums in Saalfeld und auch in der Berufsbildenden Schule in Rudolstadt. Foto: Thomas Schäfer

Religionslehrerin Carmen Büchel schätzt »Glaube + Heimat« als Arbeitsmittel für die Schülerinnen und Schüler des Heinrich-Böll-Gymnasiums in Saalfeld und auch in der Berufsbildenden Schule in Rudolstadt. Foto: Thomas Schäfer

Die Gruppe Kirche und Soziales stellte beispielsweise fest: »Uns ist aufgefallen, dass es sehr viele soziale Kirchenprojekte gibt und sich viele Menschen dafür engagieren. So stand uns eine große Auswahl an Artikeln mit gut passenden Bildern für unsere Präsentation zur Verfügung. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir die Gruppenarbeit als eine gute Gelegenheit empfanden, sich einmal genauer mit der Zeitung zu beschäftigen.« Erfreut konstatierte eine andere Gruppe, dass es mit der Seite 12 sogar eine ganze Seite gibt, die aus aller Welt berichtet. Lob kam auch für den Zeitungsaufbau. Das Verhältnis von Text, Bild und Werbung sei ausgewogen. »Im Großen und Ganzen ist Glaube+Heimat informativ und verständlich«, ist in einer Mail an die Redaktion zu lesen. Allerdings hätten die Schüler gern auch etwas über die Auflagenstärke der Thüringer Ausgabe erfahren, wird bemängelt. Verwundert hat die Gruppenmitglieder von Kirche und Politik, dass für ihr Thema zwar insgesamt weniger Lesestoff als beispielsweise zu sozialen Fragen zur Verfügung stand, aber: »Es gab trotzdem gute Infos für uns, und wir stellten fest, dass Kirche sich auch mit aktuellen politischen Fragen beschäftigt. Erwähnt wird beispielsweise der Koalitionsvertrag der Bundesregierung.«

Es war nicht das erste Mal, dass Carmen Büchel die Zeitung im Unterricht einsetzte. Sie schätzt das kostenlose Angebot des Wartburg Verlages, sich drei aufeinanderfolgende Ausgaben in der gewünschten Anzahl schicken zu lassen. Die Erfahrungen beim aktuellen Projekt haben ihre Einschätzung wieder bestätigt. »Die jungen Leute sind unterschiedlich christlich sozialisiert und mit einer Ortsgemeinde verbunden. Einige sogar gar nicht, aber sie befinden sich auf der Suche.« Sie möchte ihren Schülerinnen und Schülern vermitteln, dass Religion direkt mit ihrem Leben zu tun hat und sich nicht auf ein uraltes Kirchengebäude oder Rituale beschränkt. Und da eigne sich das Medium Zeitung eben bestens. »Auch wenn ich selbst Christin bin und ich dies die Schülerinnen und Schüler wissen lasse, halte ich hier aber keine Christenlehre. Es ist Unterricht an einer staatlichen Schule und das heißt auch Wissensvermittlung mit prüfbaren Ergebnissen. Und wenn der Unterrichtsplan das Thema Kirche vorgibt, kann ich mit der Zeitungslektüre das breite Spektrum kirchlichen Wirkens sehr anschaulich erschließen.«

Uta Schäfer

»Frieden zu schaffen ist keine militärische Aufgabe«

24. Februar 2014 von redaktionguh  
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Debatte: Die deutsche Außenpolitik steht vor einem gravierenden Wendepunkt

Zu einem Diskurs über die Sicherheitspolitik der Bundesrepublik nach Afghanistan hatte die Evangelische Akademie Thüringen am 13. Februar ins Erfurter Augustinerkloster eingeladen.

Der Militäreinsatz in Afghanistan ist noch nicht zu Ende und eine demokratische und friedliche Zukunft des Landes am Hindukusch alles andere als gewiss. Doch schon rasseln in Deutschland erneut die Säbel. Deutschland müsse künftig mehr Verantwortung übernehmen, tönt etwa der Bundespräsident auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Dies gelte sowohl im zivilen wie auch im militärischen Bereich. Kanzlerin und Außenminister stoßen ins gleiche Horn.

Als die Evangelische Akademie Thüringen und die Landeszentrale für politische Bildung den gemeinsamen Diskurs zur deutschen Sicherheitspolitik planten, ahnte wohl noch niemand, wie hochaktuell das Thema würde. Doch am Donnerstagabend der vergangenen Woche gab schon die hohe Besucherzahl im Erfurter Augusti­nerkloster einen Hinweis auf die Bri­sanz: »Afghanistan, Pakistan, Libyen, Mali, Syrien … Perspektiven deutscher Sicherheitspolitik nach Afghanistan«.

Für den Friedensforscher Jochen Hippler vom Institut für Entwicklung und Frieden der Universität Duisburg-Essen steht die deutsche Außenpolitik vor einem gravierenden Wendepunkt. Politiker versuchten derzeit in einer »abgesprochenen Phalanx« den Wandel von einer Kultur der Zurückhaltung, die jahrzehntelang die deutsche Außenpolitik bestimmte, hin zu einer sogenannten Verantwortungskultur zu vollziehen. Eine Wende, »deren Ende noch nicht abzusehen ist« und die zudem in keiner Weise die tiefe Skepsis der Bevölkerung gegenüber Auslandseinsätzen der Bundeswehr widerspiegelt.

Foto: Andrey Burmakin/ fotolia.com

Foto: Andrey Burmakin/ fotolia.com

»Frieden zu schaffen ist keine militärische Aufgabe«, so Hippler. Soldaten könnten punktuelle Aufträge erfüllen, etwa ein Dorf oder eine Region schützen. Aber sie seien nicht in der Lage, zivile und politische Strukturen aufzubauen, die ein Land nachhaltig befrieden. Dies setze entwicklungspolitische Ziele und Konzepte voraus, bei deren Umsetzung das Militär höchstens eine Nebenrolle haben könne. Dass es auch nach zwölf Jahren nicht gelungen sei, in Afghanistan stabile und legitime Strukturen zu etablieren, sei Folge des Fehlens konkreter Zielvorstellungen. Die Taliban wurden militärisch besiegt, aber der Krieg politisch verloren, lautet das Fazit des Friedensforschers.

Mit Bernhard Brinkmann saß dem Friedensforscher ein sicherheitspolitisches Schwergewicht gegenüber: einstiger Zeitsoldat, Hauptmann der Reserve, aktiver Teilnehmer der Kosovo-Friedenstruppe und von 1998 bis 2013 Mitglied des Deutschen Bundestages. Dort gehörte der SPD-Politiker zu dem kleinen Kreis der verteidigungs- und sicherheitspolitisch Interessierten. Zudem ist Brinkmann stellvertretender Präsident des Reservistenverbandes der Bundeswehr.

Doch wer glaubte, aus berufenem Mund überzeugende oder zumindest nachdenklich machende Argumente für mehr deutsches Engagement zu hören, wurde enttäuscht. Im Blick auf den Afghanistaneinsatz beschwor er die Bündnisverpflichtung der Bundesrepublik und konterte kritische Anfragen an den Erfolg mit der Frage: »Was wäre in Afghanistan ohne unseren Einsatz?« Auf die konkrete Nachfrage des Moderators, ob es legitime Interessen und politische Ziele der Bundesrepublik Deutschland gebe, die im äußersten Notfall auch den Einsatz von Gewalt rechtfertigten, bekamen die Besucher die Antwort: »Das weiß ich nicht.«

Angesichts dieser Sprachlosigkeit waren es die Stimmen aus dem Publikum, die ein Ende der »Wischi-Waschi-Diskussion« forderten. Die Politiker sollen sich im Blick auf mögliche Militäreinsätze nicht länger hinter Bündnisverpflichtungen oder vorgeschobenen humanitären Begründungen verstecken, sondern endlich offen die wirtschaftlichen und politischen Interessen benennen. Nur dann kann die Diskussion darüber geführt werden, ob und wann diese Interessen den Einsatz von militärischer Gewalt legitimieren. Eine Diskussion, die längst überfällig ist.

Harald Krille

Gemeinsam die Zukunft gestalten

23. Februar 2014 von redaktionguh  
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Interview: Nach fünf Jahren Evangelische Kirche in Mitteldeutschland und zwei Jahren mit neuem Finanzgesetz (Teil 2)

Über die Entwicklung in der EKM sprachen Dietlind Steinhöfel und Harald Krille mit Finanzdezernent Stefan Große und Personaldezernent Michael Lehmann (siehe Nummer 7, Seite 5).

Derzeit sind die Kirchensteuereinnahmen aufgrund der guten Konjunktur unerwartet hoch. Doch in der Gesellschaft werden die Rufe nach einem Wegfall des staatlichen Kirchensteuereinzugs und der Staatsleistungen immer lauter. Beunruhigt das den Finanzchef?
Große:
Diese Rufe waren schon mal zu hören. Ob sie wirklich lauter werden, weiß ich gar nicht. Nicht alles, was diskutiert wird, wird sofort in Gesetzgebung umgesetzt. Zunächst darf ich darauf verweisen, dass die Kirchen einen Rechtsanspruch auf Staatsleistungen haben. Der Verfassungsauftrag zur Ablösung ist ein Auftrag an den Staat. Ablösung heißt nicht ersatzloser Wegfall, sondern Aufhebung gegen Entschädigung. Dazu braucht es aber ein vom Bundestag erlassenes Ablösegrundgesetz. Wenn der Staat sich zu einem solchen durchringen würde, würde sich unsere Kirche selbstverständlich verfassungsgemäß verhalten und wäre gesprächsbereit. Für eine Änderung beim Kirchensteuereinzug ist eine verfassungsverändernde Mehrheit im Bundestag nötig. Der staatliche Einzug der Kirchensteuer genannten Mitgliedsbeiträge hat sich bewährt. Er ist Ausdruck der Trennung von Staat und Kirche. Deshalb sehe ich diese Mehrheit nicht. Mein Problem sind nicht die Rechtspositionen, sondern der Rückgang der Gemeindemitglieder und damit der Kirchensteuerzahler aufgrund der Demografie.

Oberkirchenrat Michael Lehmann. Foto: Harald Krille

Oberkirchenrat Michael Lehmann. Foto: Harald Krille

Wir evaluieren gerade das Finanzgesetz und stellen Hochrechnungen an zunächst einmal bis 2025. Was darüber hinausgeht, ist mit Prognosen nur sehr schwer zu fassen. Jetzt haben wir gute Jahre und müssen – gut biblisch – für die mageren vorsorgen. Ich möchte deshalb auf den Bericht der Landesbischöfin vor der Synode verweisen, in dem inhaltlich der Umbaugedanke stark betont wird. Für mich stellt sich die Frage, wie wird sich nach den Prognosen unsere Finanzkraft entwickeln und wie muss letztlich dann die Personalsituation gestaltet werden? Auch die EKM kann nicht mehr ausgeben, als sie einnimmt. Dazu kommt: Zwar stammen 80 Prozent unserer Einnahmen aus Kirchensteuern, aber 30 Prozent davon kommen über den EKD-Finanz­ausgleich aus »reicheren« Landeskirchen. Die Staatsleistungen machen bei uns etwa 20 Prozent aus. Das ist keine gesunde Struktur.

Dieser Finanzausgleich wird ja auch zunehmend von den Geberkirchen infrage gestellt …
Lehmann:
Es mag provokant klingen: Wenn man mal in die benachbarten Landeskirchen schaut – nach Hannover, Braunschweig, Bayern – und die Pfarrer dort fragt, für wie viele Gemeindeglieder sie zuständig sind, sind das im Schnitt mehr als 3 000. Es geht dabei ja nicht nur etwa um die Zahl der Gottesdienste. Auch die Zahl der Besuche und der Kasualien, also Taufen, Konfirmationen, Trauungen, Beerdigungen, erhöht sich ja beträchtlich mit der Zahl der Gemeindeglieder. Wenn man Pfarrer von 3 500 Gemeindegliedern ist, gibt es andere Herausforderungen, als wenn man 1 250 hat. Dass sie mit uns solidarisch sind, hängt natürlich mit der geringen Kirchlichkeit in unseren Breiten zusammen und der großen Fläche, das sehen die Geberkirchen durchaus. Wir sind gut dran, dass wir so solidarische Nachbarn haben.

In unserer Kirche gibt es ja beides – krass minderheitskirchliche und durchaus volkskirchliche Regionen. Die landeskirchlichen Kriterien für die Zuweisung von Personalmitteln an die Kirchenkreise versuchen dem Rechnung zu tragen. Von da an aber ist es Aufgabe der Kirchenkreise, die Stellen in ihrem Bereich angemessen zu verteilen. Und wenn ich das richtig sehe, schaffen sie das mit ziemlich hoher Qualität. Dennoch gibt es Erwartungen, dass die Landeskirche für diese oder jene Aufgabe finanzielle Verantwortung übernimmt. Das konterkariert aber die Entscheidung, die Verteilung der Stellen vor Ort in die Hand der Kirchenkreise zu legen. Für die verbleibenden Ausgleichsmaßnahmen bleiben uns die genannten 30 Pfarrstellen für besondere Aufgaben. Sicher – mehr wäre immer schön.

Große: Das neue Finanzsystem hat diese Diskussion natürlich auch provoziert. Das ist ein ganz bewusster Prozess, weil wir überzeugt sind, dass es richtig ist, die Kirchenkreise als eigenverantwortlich planende und selbstgestaltende Größen zu stärken. Es kann eben nicht von Erfurt aus bestimmt werden, was im Einzelnen in Salzwedel oder Hildburghausen passiert.

Der Tübinger Theologieprofessor Eberhard Jüngel etwa sieht die Zukunft der Kirche in freikirchlichen Strukturen, in denen Gemeinden weitgehend selbstständig sind. Sein Greifswalder Kollege Michael Herbst hat diese Sicht erst vor wenigen Tagen beim Willow-Creek-Leitungskongress in Leipzig bestätigt. Macht man sich auch in der EKM Gedanken um die grundsätzlichen Strukturen der Zukunft?
Lehmann:
Ja, sicher. Zum Beispiel werden wir noch in diesem Jahr ein geschlossenes Forum, eine Art »Internetkonvent« ans Netz gehen lassen, wo genau solche Zukunftsfragen durch die Betroffenen selbst offen und barrierefrei diskutiert werden können.

Ich selbst sehe die Freikirchlichkeit zurückhaltend. Denn einerseits ist unsere Kirchenstruktur ja da. Ob wir sie brauchen, ist vielleicht die falsche Frage. Wir sollten fragen: Wozu kann sie dienen, wenn sie schon da ist? Wie fördert sie das Leben der Gemeinde? Ich bin nicht davon überzeugt, dass kongregationalistische Strukturen, also die vollständige Selbstständigkeit der Gemeinden, das Zukunftsmodell sind. Denn das bedeutet eine Form von Selbstverantwortung einer Gemeinde, für die wir hier weder die Tradition noch die Kultur haben.

Oberkirchenrat Stefan Große. Foto: Harald Krille

Oberkirchenrat Stefan Große. Foto: Harald Krille

Stellen Sie sich vor, es finden sich nicht genügend Gemeindeglieder, die für den Unterhalt der Kirche und der dazugehörigen Pfarrstelle sorgen. Wenn das in Amerika passiert, wird ein Schloss vor die Kirche gehängt und sie wird verkauft. Versuchen Sie das mal in Mitteldeutschland! Das geht nicht: Wir haben viele schöne alte Kirchen. Und wie viele konnten in den letzten 20 Jahren saniert werden. Auf der anderen Seite sehen wir ja, dass das Finanzgesetz den Gemeinden die Verantwortung für 25 Prozent der Personalkosten in die Hand legt. Hier wächst eine neue Aufmerksamkeit der Gemeinden für die Stellenplanung ihres Kirchenkreises.

Große: Die Frage ist auch, würden freikirchliche Strukturen der Unabhängigkeit der Verkündigung des Evangeliums dienen oder nicht? Ich wage zu behaupten: Nein. Wenn nämlich der Pfarrer einige Male nicht so gepredigt hat, wie es dem Großspender in der Gemeinde gefällt, dann gibt der sein Geld vielleicht in eine andere Gemeinde. Diese Abhängigkeit hätte ich nicht gerne.

Lehmann: Unsere synodale Kirchenstruktur ist ein Schatz, den wir vielleicht manchmal deshalb so wenig schätzen, weil er uns selbstverständlich ist.

Große: Und sie erzeugt eine große Transparenz. Wir haben lange Diskussionsprozesse auf allen Ebenen zu den wirklich wichtigen Fragen geführt. Ich erinnere an die Verfassung oder das Finanzgesetz. Damit wurde auch eine starke Akzeptanz erreicht.

Dennoch, ist nicht ein Kulturwandel hin zu mehr Eigenverantwortung der Gemeindemitglieder nötig?
Große:
Natürlich, das ist ein wichtiger Punkt. Da sind wir schon mittendrin. Es war ein großer Streitpunkt im Finanzgesetz, ob denn die Kirchenkreise so viel Verantwortung tragen sollen. Es gab etliche, die gesagt haben: Wir wollen diese Verantwortung nicht. Es ist ja manchmal auch bequemer, wenn man sagen kann: Das hat die Landessynode so entschieden, da können wir gar nicht mehr viel machen hier im Kirchenkreis oder hier in der Kirchengemeinde.
Ein anderes Thema ist der Gemeindebeitrag. Wir haben das Gemeindebeitragsgesetz im letzten Jahr erneuert. Dazu gibt es eine Handreichung, wo genau diese Eigenverantwortung der Kirchengemeinden betont wird und konkrete Hilfen angeboten werden. Denn alles, was dabei gesammelt wird, bleibt in der Gemeinde vor Ort und schafft ihr Spielräume.

Dazu wünsche ich mir viele anregende Diskussionen und vor allem gute Ideen.

Bei all dem hören wir immer wieder auch die Klagen von Pfarrern, die sich überlastet und ausgebrannt fühlen. Zu Unrecht?
Lehmann:
Nein, das ist nicht von der Hand zu weisen. Und es greift einem natürlich ans Herz. Man muss sehen, dass es in den letzten Jahren und Jahrzehnten einen fortwährenden Strukturwandel gegeben hat. Es ist ja nicht so, dass die Stellen mit einem Mal zusammengefasst wurden. Sondern es kam eine Gemeinde dazu, dann ein nächstes Dorf, dann drei Dörfer. Und jedes Mal muss sich die Pfarrerin oder der Pfarrer den Dienst neu organisieren, sich quasi neu erfinden. Da kann Erschöpfung wachsen.

Wir nehmen das sehr ernst. Wir haben mit dem Instrument der Mitarbeitergespräche darauf reagiert, damit wenigstens einmal im Jahr nachgefragt wird: Wie geht es dir eigentlich? Und was brauchst du? Wir sind dabei das Pastoralkolleg inhaltlich neu auszurichten. Drübeck ist ein guter Ort für Abstand und Einkehr. Wir wollen mit diesem Pastoralkolleg Ordinierte am Anfang, in der Mitte und am Ende ihres Dienstes begleiten. Wir haben deshalb auch Kurse eingeführt, die auf den Ruhestand vorbereiten. Da werden Fragen gestellt: Wie geht das, von 100 auf Null? Welche Dienste will ich fortan ehrenamtlich übernehmen? Wie ist es, wenn man im Pfarrhaus wohnen bleibt? Sollte man einen Ortswechsel vollziehen?

Das sind heikle Fragen, vor denen viele zurückschrecken, vor denen aber alle eines Tages stehen. Und bei den Bilanz- und Orientierungstagen kommen Pfarrerinnen und Pfarrer zusammen, um zurück- und vorauszuschauen und sich darüber miteinander auszutauschen.

Zeit der Tabubrüche?

23. Februar 2014 von redaktionguh  
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In Belgien können bald todkranke Kinder und Jugendliche aktive Sterbehilfe erhalten. Mit großer Mehrheit hat die belgische Abgeordnetenkammer am 13. Februar ein solches Gesetz verabschiedet (siehe Seite 2). Ärzte dürfen den Betroffenen in Zukunft eine tödliche Dosis verabreichen, wenn diese unheilbar krank sind und unter starken Schmerzen leiden, die mit Medikamenten nicht gelindert werden können. Voraussetzung ist die Zustimmung der Eltern und die Begutachtung durch einen Psychologen, dass die Kinder selbst entscheidungsfähig sind. Belgien stellt damit weltweit das erste Land dar, das Sterbehilfe ohne Altersgrenze erlaubt.

Momentan ist aktive Sterbehilfe in der Europäischen Union nur noch in den Niederlanden und Luxemburg straffrei. In Deutschland gilt das Verbot, jemanden auf dessen Verlangen hin zu töten. Zwei Drittel der Bürger (66 Prozent) wollen das jedoch laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes YouGov ändern, die im Auftrag von »Zeit online« erstellt wurde. Nur 21 Prozent sprachen sich dafür aus, dass die aktive Sterbehilfe verboten bleibt, 12 Prozent antworteten mit »Ich weiß es nicht«.

Befinden wir uns in einer Zeit der Tabubrüche? So erklärte der am Parkinson-Syndrom erkrankte katholische Theologe Hans Küng im vergangenen Jahr, dass er seinem Leben ein Ende setzen will, wenn die Krankheit ein für ihn nicht mehr verkraftbares Stadium erreiche.

Die Evangelische Kirche in Deutschland, die aus christlicher Perspektive den Suizid eines Menschen grundsätzlich ablehnt, schließt in einer Erklärung jedoch nicht aus, dass Menschen in einer extremen Not- und Ausnahmesituation zu einer anderen Entscheidung kommen können. Ein moralisches Urteil darüber stehe niemandem zu. Aber das Bekenntnis zum Leben sollte auch in Zukunft alle Debatten prägen.

Michael von Hintzenstern

Jeder Alltag braucht eine Zeit der Stille

21. Februar 2014 von redaktionguh  
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Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.
Hebräer 3, Vers 15

Jüngst erlebte ich einen Gottesdienst in einem Schafstall. Immer wenn die Posaunen spielten und die Gemeinde dazu sang, fiel ein vielstimmiger Chor blökender Schafe ein. Wir mussten als Gemeinde genau hinhören, um die Töne zu treffen und das Lied gemeinsam und nicht gegeneinander zu singen.

Kristóf Bálint, Superintendent des Kirchenkreises Bad Frankenhausen-Sondershausen

Kristóf Bálint, Superintendent des Kirchenkreises Bad Frankenhausen-Sondershausen

Hinhören fällt nicht immer leicht. Vieles kann uns abhalten: viele Schafe, die umtriebigen Stimmen im Alltag, eine Schwerhörigkeit, die Sorge vor dem, was wir dann hören … Manchmal wollen wir gar nicht hören. So wie das Volk Israel in der Wüste, das trotz großer Wunder Gott infrage stellte und seine Stimme nicht vernahm, ihn nicht an sich herankommen ließ.Der Wochenspruch weist auf einen Text hin, der das Hinhören thematisiert. Er fordert auf hinzuhören, sich nicht ablenken zu lassen und verdeutlicht dies am Volk Gottes. Denen, die sich Gott nicht öffneten, war die Zukunft verstellt. Sie waren so mit sich beschäftigt, dass sie nicht in sich, geschweige denn in Gott ruhen konnten. Seid ihr anders! Jetzt, hier und heute! Hört! Verstockt eure Herzen nicht!

Die Aufforderungen sind klar und unmissverständlich. Wir brauchen sie hin und wieder. Sie und ich. Wir können sie uns schlecht selbst sagen, schon gar nicht mit so viel beachtlichem Nachdruck. Dem Schreiber ist wichtig, dass wir innehalten, dass wir eine Parkbucht, einen Hafen aufsuchen im Strom des Lebens. Innehalten um zu hören, Begegnung mit Gott und seine Ansprache an uns zu ermöglichen.

In jedem Gottesdienst, in jedem Alltag sollte es eine Zeit der Stille geben, damit wir loslassen können und uns öffnen. Wir sind (dann) da. Gott ist (dann) da. Das genügt. Wir haben so viel Trubel, organisierten und unorganisierten um uns. In uns auch. Da ist es gut, wenn wir aufhorchen, auf seine Stimme achten, hören und uns für ihn bereit machen. Jeden Tag ein bisschen (mehr). Jeden Tag, ganz bewusst und mit ganzer Konzentration. Weil wir das wollen, weil wir merken, dass es uns guttut, dass es uns Halt und innere Ausrichtung gibt. Wahrlich.

Kristóf Bálint, Superintendent des Kirchenkreises Bad Frankenhausen-Sondershausen

Paulus, Silas und ein Wunder

17. Februar 2014 von redaktionguh  
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Kinder erzählten in Gernrode eine alte Geschichte neu

Immer in Gernrode und immer in den Winterferien im Februar: Seit über 20 Jahren ist die Kindersingwoche der Evangelischen Landeskirche Anhalts eine feste Größe im anhaltischen Musikkalender. »Mindestens seit 23 Jahren«, meint der Dessauer Kreiskirchenmusikwart Hans-Stephan Simon, der in diesem Jahr zum 15. oder 16. Mal dabei war.

Die Mädchen und Jungen zeigten das Musical »Gesprengte Ketten« am 8. Februar im Ballenstedter Schlosstheater. Die Leitung hatte Tobias Eger (li.), Kreiskirchenmusikwart des Kirchenkreises Zerbst. Foto: Jürgen Meusel

Die Mädchen und Jungen zeigten das Musical »Gesprengte Ketten« am 8. Februar im Ballenstedter Schlosstheater. Die Leitung hatte Tobias Eger (li.), Kreiskirchenmusikwart des Kirchenkreises Zerbst. Foto: Jürgen Meusel

Unter der Leitung der anhaltischen Kirchenmusiker haben sich im Cyriakushaus in Gernrode vom 4. bis 9. Februar 24 Mädchen und sieben Jungen aus Anhalt getroffen, um eine Woche lang ein Kindermusical einzustudieren. In »Gesprengte Ketten« von Dagmar und Klaus Heizmann wird die Geschichte der beiden Missionare Paulus und Silas erzählt. Im römischen Gefängnis festgesetzt, werden die beiden dank eines Erdbebens wie durch ein Wunder aus dem Kerker befreit. Das Stück ist erst 2012 erschienen. Bei den Aufführungen am vergangenen Wochenende in Ballenstedt und Gernrode wurde es erst zum dritten beziehungsweise vierten Mal überhaupt gezeigt.

Nach Abendessen und Begrüßungsabend am 4. Februar probten die Kinder dann am Mittwoch und Donnerstag intensiv: je zwei Stunden vormittags und zwei Stunden nachmittags sowie am Freitagvormittag noch einmal. Danach waren die Acht- bis Zwölfjährigen weitgehend textfest. Hans-Stephan Simon ist immer wieder aufs Neue beeindruckt: »Sie schaffen das wirklich, die Texte von Dienstag bis Samstag so zu verinnerlichen, dass sie das Musical auch auswendig aufführen können.« Nein, er könnte das nicht, ergänzt er dann lachend.

Aber eine Kindersingwoche beinhaltet für die teilnehmenden Mädchen und Jungen mehr als das tägliche Singen. »Am Abend werden Kostüme und Kulissen gebastelt«, erzählt die Grundschullehrerin Heidi Goßrau aus Köthen, die für Bühnenbild und Garderobe verantwortlich zeigt. Der Freitagnachmittag ist für einen Ausflug reserviert und in den Mittagspausen »gehen wir spazieren in der guten Harzluft«, ergänzt Kirchenkreismusikwartin Martina Apitz aus Köthen.

Maria ist schon zum dritten Mal bei der Singwoche dabei. Sie spielt die Rolle der Lydia, einer Freundin des Paulus. Lampenfieber? Fehlanzeige! »Beim ersten Mal schon, aber jetzt ist das Spielen normal«, sagt die Elfjährige. Neben den beiden Hauptrollen Paulus und Silas gibt es viele kleinere Rollen. So viele unterschiedliche Figuren, dass auch wirklich jedes Kind eine Rolle bekommen hat.

Irgendwie passt der Titel »Gesprengte Ketten« zum 25-jährigen Jubiläum der friedlichen Revolution und des Mauerfalls in diesem Jahr. Das sei zwar keine Intention bei der Auswahl des Stückes gewesen, sagt Hans-Stephan Simon. Allerdings: »Es hat durchaus symbolischen Charakter.«

Thorsten Keßler

»Gott hat uns getragen«

17. Februar 2014 von redaktionguh  
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Vorgestellt: Andrea Schiel, ausgezeichnet mit der »Thüringer Rose«

Ohne ihren Glauben an Gott kann sich Andrea Schiel ihr Leben nicht vorstellen. Er trägt sie in der Familie, im Beruf und in ihrem jahrelangen ehrenamtlichen Engagement.

Im Herbst wurde Andrea Schiel aus Fambach (Kirchenkreis Schmalkalden) mit der »Thüringer Rose« geehrt, einer Auszeichnung des Thüringer Ministeriums für Soziales, Familie und Gesundheit. Mit der »Thüringer Rose« werden Menschen gewürdigt, die sich in langjähriger gemeinnütziger und überdurchschnittlicher Weise für Schwächere einsetzen. Die Auszeichnung erinnert an die Heilige Elisabeth.

Der Glaube ist für Andrea Schiel eine wichtige Stütze. Foto: Juliane Hassan

Der Glaube ist für Andrea Schiel eine wichtige Stütze. Foto: Juliane Hassan

»Ich hab’ mich sehr darüber gefreut«, sagt Andrea Schiel. »Denn ich hab’ die Medaille stellvertretend für alle angenommen, die tagtäglich im Kleinen und Verborgenen viel für andere tun. Es gibt manches, was ich gemacht habe, was aber keinen Namen hat«, versucht die 52-Jährige ihr vielfältiges Engagement zu beschreiben, für das sie ausgezeichnet wurde. Sie selbst sieht es als selbstverständlich an, füreinander da zu sein, sich gegenseitig zu helfen, ein offenes Ohr zu haben. In den ersten Jahren ihrer Ehe engagierte sie sich gemeinsam mit ihrem Mann Ingolf beim »Blauen Kreuz«. Sie hatten immer ein offenes Haus, offen für Menschen, die Rat in einer schwierigen Lebenslage suchten oder nur eine Übernachtungsmöglichkeit.

»Mein Mann und ich wussten, dass wir unser Leben auf den Glauben gründen wollten«, erzählt Andrea Schiel. Als sie noch ein junges Paar waren, sprachen sie oft über Fragen des Glaubens. Was sind unsere Werte? Worauf wollen wir bauen? Wie wollen wir unsere Kinder erziehen?

Zu Andrea Schiels Grundhaltung gehört auch die Dankbarkeit. Sie selbst kennt Krankheit und Verlust und ist dankbar für das Leben mit ihrer großen Familie. Das Ehepaar hat sieben eigene Kinder und drei Pflegekinder sowie fünf Enkelkinder. Alle Kinder hat Andrea Schiel zu Hause betreut.

Vor zehn Jahren begann sie ehrenamtlich, sich als Hospizbegleiterin ausbilden zu lassen. Heute ist die gelernte Krankenschwester Leiterin des Ambulanten Hospizdienstes in Schmalkalden. »Ich bin dankbar für diesen Werdegang. Und dafür, dass mein Mann vor anderthalb Jahren seine Arbeit aufgegeben hat und wir die Rollen getauscht haben. Er kümmert sich nun um Kinder und Haushalt, damit ich meinen neuen Beruf ausfüllen kann. Scheinbar dachte man, wer eine so große Familie organisieren kann, der könne auch den Hospizdienst mit aufbauen. »Ich bin ins kalte Wasser gesprungen und heute bin ich die Hospizfrau«, sagt sie mit strahlenden Augen.

Einen Traum hat die »Hospizfrau« noch: Nur zu gern würde sie mit ihrem Mann eine Art Wohngemeinschaft gründen. »Ein Haus für Jung und Alt, in dem alle unter einem Dach wohnen und doch jeder für sich Platz hat. Ein Zusammenleben in Würde bis ins hohe Alter, mit Kindern und Tieren. »Ich weiß nicht, ob das mal was wird, aber geträumt haben mein Mann und ich immer«, erzählt sie. Mancher Traum sei in Erfüllung gegangen, einige jedoch nicht. »Ich bin dankbar für unser Leben, und ich bin Gott dankbar, der uns immer getragen hat – egal was war.«

Juliane Hassan

Die Landeskirche ist den Gemeinden verpflichtet

17. Februar 2014 von redaktionguh  
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Interview: Nach fünf Jahren Evangelische Kirche in Mitteldeutschland und zwei Jahren mit neuem Finanzgesetz (Teil 1)

Seit fünf Jahren besteht die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Seit zwei Jahren ist das neue Finanzgesetz in Kraft. Dietlind Steinhöfel und Harald Krille sprachen mit den Oberkirchenräten Stefan Große (Finanzen) und Michael Lehmann (Personal) über Klagen von der Kirchenbasis.

Wir hören immer wieder, die Kirchenleitung schaue nicht genug auf die Fläche. Ein Kirchenkreis rechnet vor, dass 38 Prozent der Haushaltsmittel landeskirchlicher Anteil sei. Der Haushaltsplan spricht dagegen von 76 Prozent für die Kirchenkreise und -gemeinden. Woher kommt der Unterschied?

Oberkirchenrat Stefan Große (li.) erläutert den Finanzplan, neben ihm Oberkirchenrat Michael Lehmann. Foto: Harald Krille

Oberkirchenrat Stefan Große (li.) erläutert den Finanzplan, neben ihm Oberkirchenrat Michael Lehmann. Foto: Harald Krille

Große: Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie mir die Gelegenheit geben, darüber zu sprechen. Unser Finanzgesetz hat nicht umsonst als Hauptschwerpunkt die Finanzierung des Verkündigungsdienstes, das Eigentliche von Kirche! Dazu sind wir vom Haushaltsgesetzgeber, sprich der Landessynode der EKM, verpflichtet. Aus dem Haushalt 2014 fließen rund 76 Prozent in die Kirchengemeinden und Kirchenkreise. Die genannte Diskrepanz ergibt sich daraus, dass bei den 38 Prozent auch Ausgaben enthalten sind, die die Landeskirche stellvertretend für die Kirchenkreise und -gemeinden aufwendet. Das sind 6,2 Millionen für Sammelversicherungen für kirchliche Gebäude, Haftpflicht etc. sowie Beiträge zu den Berufsgenossenschaften. Wir wickeln das über die Landeskirche ab, um Verwaltungsaufwand zu sparen. Hinzu kommen Ruhestandsbezüge und Versorgung von Hinterbliebenen – das ist mit 17,3 Millionen Euro der größte Anteil. Dann gibt es noch kleinere Positionen: 400 000 Euro für Orgel- und 20 000 Euro für Glockensanierungen. Alle Details sind im Finanzbericht auf Seite 28 der Landessynode nachzulesen, der auch im Internet abrufbar ist.

Der Eindruck eines hohen Verwaltungsanteils ist also falsch?
Große:
Ich kenne kaum eine Landeskirche, die verpflichtet ist, so viel Geld in die Basis zu stecken. Dass das Geld knapper wird, hängt nicht damit zusammen, dass der landeskirchliche Anteil der Finanzierung wächst, sondern weil insgesamt die Mittel durch die Entwicklung der Gemeindegliederzahlen auf längere Sicht zurückgehen. Wenn uns jetzt die Kirchensteuereinnahmen mal ein bisschen helfen, weil die Konjunktur gut ist, können wir die Haushalte der Zukunft entlasten.

Wie viel wurde durch die Fusion eingespart?
Große:
Unser gesetztes Ziel, rund sieben Millionen Euro einzusparen, haben wir erreicht. Der Verwaltungsanteil an der jährlichen Plansumme – dieses Jahr 163 Millionen Euro – liegt zwischen sechs und sieben Prozent dieser Summe. Das ist ein extrem guter Wert. Gemeinnützige Organisationen bekommen noch ein Spendensiegel, wenn sie bei 20 Prozent Verwaltungskosten liegen! Und ich möchte betonen, wie viel dafür durch die Mitarbeiter geleistet wird. Das geschieht oft unter hohem Einsatz. Natürlich schauen wir immer, wo wir noch effizienter arbeiten können. Doch das stößt auch an Grenzen. Man kann nicht auf der einen Seite immer mehr und qualitätvollere Dienstleistungen erwarten und andererseits, dass der landeskirchliche Anteil weiter sinkt.

Es gibt immer wieder Stimmen, die zu viele neu eingerichtete Projekt- und Sonderpfarrstellen zulasten der Gemeindepfarrstellen beklagen.
Lehmann:
Zunächst einmal ist für mich zu klären, was Kirche überhaupt ist. Wenn ich höre, Kirche gibt Geld aus für …, aber nicht für …, dann klingt das so, als hätten wir einen hierarchischen Aufbau. Nach evangelischem Verständnis ist die Basis die Kirchengemeinde, und so baut sich auch das Finanzsystem auf und die Zuordnung der Stellen: Gemeindepfarrstellen, Gemeindepädagogen, Kantoren. Die Kirchenkreise haben die Möglichkeit, Stellen für kirchenkreisweite Aufgaben einzurichten – etwa Sonderseelsorge, Schulpfarrstellen. Es gibt darüber hinaus eine eng begrenzte Zahl an landeskirchlichen Stellen, die durchaus sinnvoll sind, also zum Beispiel Schulbeauftragte, die propsteiweit eingesetzt werden. Oder landeskirchliche Stellen in der Weiterbildung wie im Pastoralkolleg oder im Pädagogisch-Theologischen Institut. Dort tun sie Dienst für die gesamte Landeskirche.

Aber das sind ja keine Projektstellen …
Lehmann:
Wir haben eine ausführliche Debatte darüber im Haushalts- und Finanzausschuss der Landessynode geführt. Und genau definiert, wofür wir Stellen vorhalten wollen. Zum Beispiel zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, für Forschung im kirchlichen Interesse und für die Personalentwicklung. Es ist gut, wenn wir begabte Pfarrerinnen und Pfarrer für eine Weile freistellen, damit sie eine Qualifikationsarbeit schreiben. Dafür haben wir acht Stellen zur Verfügung, aufgeteilt auf die beiden theologischen Fakultäten in Jena und Halle, die Hochschule für Kirchenmusik Halle und das Martin-Luther-Institut Erfurt. Zudem unterstützen wir mit vier Stellen die Kommunitäten, halten dadurch Kontakt, damit sie mit uns als Landeskirche verbunden bleiben. Sie würden sich viel mehr wünschen! Ein Verfassungsauftrag lautet, für besondere Formen von Gemeinde zu sorgen. Man muss dafür auch Stellenvalenzen vorhalten, sonst entsteht dort nichts. Im Moment haben wir diese Stellen gar nicht besetzt.

Zudem haben wir zehn bewegliche Pfarrstellen. Es sind Stellen für die Wiedereingliederung von erkrankten Pfarrern oder für jene, die im Ausland tätig waren. Sie werden auch benötigt, wenn es Konflikte zwischen Pfarrer und Gemeinde gibt, damit diese relativ schnell aus Konflikten herausgelöst werden können.

Und auch wenn Kirchenkreise Stellen einsparen, aber die Pfarrerinnen und Pfarrer weiter bezahlt werden müssen, steht die Landeskirche dafür gerade.

Wie ist das mit Berufsanfängern?
Lehmann:
Wir haben im Moment einen Korridor von 15 Stellen für Berufsanfänger, die jährlich in den Entsendungsdienst kommen. Wir sind darauf angewiesen, dass die Kirchenkreise diese Stellen zur Verfügung stellen. Wenn es aber mal weniger als 15 sind, müssen wir um eines gesunden Lebensbaumes der Pfarrerschaft willen für solche Personen Aufgaben finden, damit sie im System bleiben, bevor ein Pfarrermangel entsteht.

Für alle diese Aufgaben haben wir in diesem Jahr 30 Stellen, also nicht einmal eine pro Kirchenkreis. Und sie kommen ja natürlich den Kirchenkreisen zugute! Ich räume ein, dass die Profilierung der Projektstellen erst im vergangenen Jahr zum Abschluss gekommen ist. Aber ich glaube, wir haben jetzt sehr transparente Kriterien und eine überschaubare Zahl.

Sind fünf Pröpste mit jeweils einer Sekretärin und einer halben Referentenstelle angemessen?
Lehmann:
Wer die Kirchenprovinz oder lutherisch Thüringen vermisst – der hat ja recht: Die alten Landeskirchen haben ja wirklich aufgehört zu bestehen, die vertrauten Kommunikationswege stimmen nicht mehr; Personen und die Orte sind andere geworden. Wir sind eine neue Landeskirche, die sich auch neu organisiert und in der die Regionalbischöfe andere Aufgaben wahrnehmen als die Pröpste in der früheren KPS oder die Visitatoren in der Thüringer Kirche. Das bedarf eines Kommunikationsprozesses, der noch nicht abgeschlossen ist. Da müssen Erwartungen austariert werden. Welche Funktionen haben die einzelnen Ämter? Und gerade beim regionalbischöflichen Amt macht sich das besonders deutlich, weil es ja wirklich ein neues Amt ist, auch wenn die Struktur ähnlich aussieht.

Wie hat sich denn die Struktur verändert?
Lehmann:
In der Kirchenprovinz Sachsen hat es über lange Zeit acht Pröpste gegeben, in Thüringen vier Visitatoren. In Thüringen wurde das mal von vier auf drei, in der KPS von acht auf fünf reduziert. Jetzt haben wir fünf Regionalbischöfe. Diese Pröpste speisen durch ihre Kontakte mit den Kirchenkreisen und Gemeinden in das Leitungshandeln der Kirche eine große Kompetenz ein, die wir brauchen. Regionalbischöfe sind auch ein Ansprechpartner in Konfliktfällen und begleiten Mitarbeiter seelsorgerlich. Es ist Aufgabe der Pröpste, die verschiedenen Interessen auf den verschiedenen Ebenen der Landeskirche wahrzunehmen und auf einen Interessensausgleich hinzuwirken. Wenn wir beispielsweise den Propstsprengel Stendal-Magdeburg anschauen – das ist ein gewaltiges Gebiet. Wenn dann ein Regionalbischof einen persönlichen Referenten mit einer halben Stelle hat, ist das unbedingt notwendig.

Große: Dieses Propstamt war eine bewusste Entscheidung, die mit der neuen Verfassung getroffen und vorher auch hinreichend diskutiert wurde. Die Klugheit zeigt sich schon jetzt, denn die Umbrüche in den Kirchenkreisen und Kirchengemeinden, die ja immer auch eine personelle Komponente haben, sind stark – ich erinnere nur an das neue Finanzgesetz. Da ist viel Begleitung in dieser von Bruder Lehmann geschilderten Draufsicht nötig. Hinzu kommt die Rückspiegelung in die Gremien der EKM. Einmal im Monat berufen wir das erweiterte Kollegium ein, in dem die Pröpste sehr konkret berichten. Wir erhalten als Amt so eine Sicht, die wir sonst nicht bekommen würden.

Es darf auch nicht vergessen werden, dass der Bischofskonvent – Landesbischöfin, Pröpste und der reformierte Senior – gerade für theologische Standortbestimmung wichtig ist: Was ist jetzt dran in dieser Phase der Entwicklung der EKM? Welche geistlichen Impulse sind gerade hier in Ostdeutschland nötig? Wenn es das Propstamt nicht gäbe, müsste man es glatt erfinden.

Den zweiten Teil des Interviews lesen Sie in der nächsten Ausgabe der Kirchenzeitung.

Die Abgaben sind zu hoch

17. Februar 2014 von redaktionguh  
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Nicht alle »Steuersünder« sind so prominent und verfügen über so viel Geld, das sie an der Steuer vorbeimogeln wollen, wie Alice Schwarzer oder Uli Hoeneß. Aber weder Politiker, Sportmanager oder »normale« Menschen sind gefeit davor, den einen oder anderen Euro zu sparen und in der Steuererklärung zu unterschlagen. Ist das ein Wunder? Der durchschnittliche Steuerzahler arbeitet Monat für Monat etwa zu 50 Prozent nicht in die eigene Tasche, sondern zahlt Abgaben. Verwundert es da, dass Schwarzarbeit in Deutschland Konjunktur hat? Nach Studien des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln arbeitet jeder fünfte Deutsche schwarz. Vor allem auf Baustellen, im Einzelhandel und in Privathaushalten wird an der Steuer vorbeigearbeitet. Ein Kavaliersdelikt, wenn der Handwerker im Bad die Fliesen verlegt – ohne eine Rechnung zu schreiben? Oder wenn die Putzhilfe jede Woche kommt, jedoch nicht angemeldet ist? Milliarden Euro werden »nebenbei« verdient, Abgaben und Steuern auf dieses Geld dem Staat vorenthalten.

Hoffentlich, so möchte man meinen, sorgt die aktuelle Debatte um Steuerhinterziehung nicht nur für Häme, mit der die Betroffenen überschüttet werden, sondern auch für mehr Ehrlichkeit. Denn bevor Christen sich in den Sog stammtischseliger Selbstgerechtigkeit ziehen lassen, sollten sie sich an den weisen biblischen Rat erinnern: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Im Blick auf Abgaben und Steuern definiert Jesu eindeutig: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist.

Und doch! Die Abgabenlast in Deutschland ist zu hoch. Es ist zwar nicht legitim, dem »Kaiser« vorzuenthalten, was ihm gehört, dennoch bleibt ein Unbehagen. Denn Monat für Monat ist es ernüchternd, wenn der Gehaltsstreifen offenbart, dass nur etwa die Hälfte des verdienten Geldes im eigenen Portemonnaie bleibt.

Sabine Kuschel

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