Schönes braucht schöne Töne

29. April 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

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Zehnjähriger vertonte Fabel von Wilhelm Hey

Im August wird Fion elf. Er ist sicher, bis dahin noch das eine oder andere Musikstück zu komponieren. Zumal er mit seinem Erstlingswerk so viel Beifall erntete. Anlässlich des 225. Geburtstags des Pfarrers und Dichters Wilhelm Hey am 26. März präsentierte Fion Grunewald seine Vertonung der Fabel »Fuchs und Ente« im Rahmen einer Gedenkfeier. Dass die Fabelvertonung in Leina (Kirchenkreis Gotha), dem Geburtsort von Hey, aufgeführt wurde, kam nicht von ungefähr. Denn hier, ausgerechnet im Geburtshaus des Dichters, machte Fion seine erste Bekanntschaft mit dem Klavier.

Der zehnjährige Fion mit einem Bild zur Fabel »Fuchs und Ente«, die er vertont hat. Foto: Klaus-Dieter Simmen

Der zehnjährige Fion mit einem Bild zur Fabel »Fuchs und Ente«, die er vertont hat. Foto: Klaus-Dieter Simmen

»Es stand schon lang unbenutzt und war auch ziemlich verstimmt«, erzählt Reinhard Kratochwil. Aber da der Junge, mit dem die Familie verwandt ist, so viel Spaß an dem Instrument hatte, schenkte es ihm das Ehepaar Kratochwil kurzerhand. Das Klavier kam nach Gera, wurde gestimmt, und die Eltern suchten für ihren Sohn einen Musiklehrer. Bald zeigte sich, dass Fions Interesse nicht nur ein Strohfeuer war. Er lernte schnell. Und übte mit Begeisterung. Später zog die Familie nach Zahna um, natürlich mit Klavier, und Sohnemann Fion bekam eine neue Klavierlehrerin. Auch die merkte schnell, dass ihr neuer Schüler jede Menge Begabung mitbringt und vor allen Dingen sich auch fürs Komponieren interessiert. Also machte die Lehrerin ihm nicht nur Mut, sondern half ihm dabei, seine Ideen musikalisch umzusetzen. So bekam die Fabel von Wilhelm Hey Töne. Da das Klavier nun nicht mehr in Leina zur Verfügung stand, musste sich das Premierenpublikum mit einem Film begnügen, der Fion am Klavier zeigte. Trotzdem gab es für das Erstlingswerk des Jungen viel Beifall.
»Komponieren ist gar nicht so schwer«, meint Fion. Man müsse nur die richtigen Töne für das finden, was man musikalisch mitteilen will.

»Wenn etwas belämmert ist, muss es auch belämmert klingen, und wenn etwas schön ist, braucht es eben schöne Töne«, bringt es der Zehnjährige auf den Punkt. Er spiele vieles auf seinem Instrument nach: Musik, die er in einem Film gehört hat oder auf einer Spiele-CD. »Manchmal denke ich mir auch einfach nur Musik aus.« Für ihn ist das Klavier der beste Freund. Deswegen hat er ihm auch Namen gegeben. Sein erstes, das aus dem Hey-Geburtshaus, nannte er den »großen Sarg«; das zweite, ein neues, weißes Instrument heißt »alter Kittel«. Das mag nicht sonderlich liebevoll klingen, doch Fion versichert mit ernstem Gesicht, dass es genauso gemeint ist. »Natürlich kann ich mit meinem Klavier nicht reden, aber es ist ein guter Freund zum Spielen.« Das alles bedeutet nicht, dass Fion ein Stubenhocker ist, an dem die Welt draußen unbemerkt vorbeizieht. Nach der Schule spielt er gern mit seinen Freunden. Computerspiele stehen auf der Hitliste ganz oben. Natürlich ist der Zehnjährige auch gern draußen unterwegs. Wenn ihm dabei eine Idee für eine kleine Komposition kommt, geht’s schnell nach Hause zum »alten Kittel«.

Klaus-Dieter Simmen

Schrittweise zum neuen Glauben

28. April 2014 von redaktionguh  
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Reformation: In der Altmark verbreitete sich die Lehre Luthers lange vor der Genehmigung durch die Obrigkeit

Ist die Altmark eine »verspätete« evangelische Landschaft in Sachsen-Anhalt? Der Blick in die Geschichte zeigt ein differenziertes Bild.

Die Phase der Einführung der Reformation in der Altmark stand im Mittelpunkt einer Tagung am 5. April im Stendaler Domstift. Eingeladen hatten die Vereine für Kirchengeschichte der Kirchenprovinz Sachsen und der Verein für Berlin-Brandenburgische Kirchengeschichte. Der Berliner Historiker Andreas Stegmann gab eingangs einen Überblick über die Reformation im Kurfürstentum Brandenburg, zu dem die Altmark vom 12. bis zum 19. Jahrhundert gehörte.

Als sich die Bewegung ab 1520 von Kursachsen auszubreiten begann, gelangten Flugschriften, Lieder und Predigten zuerst in die benachbarten Gebiete wie die Lausitz oder die Altmark, die kirchlich zu den Bistümern Halberstadt und Verden gehörten. Kurfürst Joachim I. versuchte, die Ausbreitung der neuen Lehre zu verhindern. Als sein Sohn Joachim II. an die Macht kam, unterband er die Unterdrückung der reformatorischen Bewegung. »Er wollte die Neuordnung selbst in die Hand nehmen«, so Stegmann. Joachim ließ eine neue Kirchenordnung erarbeiten, die 1540 veröffentlicht wurde, und nahm am 1. November 1539 in der Spandauer Nikolaikirche das Abendmahl in beiderlei Gestalt. Bis zu einer einheitlichen lutherischen Landeskirche dauerte es noch bis 1571.

Zwei Stelen erinnern in seinem Geburtsort Mieste an den Reformator der Altmark Bartholomäus Rieseberg, sodass die Kinderkirchen-Kinder sozusagen mit ihm aufwachsen. Foto: Christel Schwerin

Zwei Stelen erinnern in seinem Geburtsort Mieste an den Reformator der Altmark Bartholomäus Rieseberg, sodass die Kinderkirchen-Kinder sozusagen mit ihm aufwachsen. Foto: Christel Schwerin

Im Kurfürstentum wurde aber viel von der bisherigen Kirchenkultur beibehalten. »Dass viel Mittelalterliches erhalten blieb und gepflegt wurde, war nicht problematisch, solange es nicht heilsrelevant war«, so Andreas Stegmann. Der sehr konservative Joachim II. habe zwar die Reformation absichern, es sich aber mit dem katholischen Kaiser nicht verderben wollen. Erst um 1600 sei das Kurfürstentum »ganz und gar« lutherisch gewesen.

Weniger geistliche Stiftungen

In seinem Vortrag stellte Pfarrer i. R. Reinhard Creutzburg die Verhältnisse in Stendal vor. Anzeichen für Veränderungen seien der Rückgang geistlicher Stiftungen gewesen oder die Tatsache, dass immer mehr junge Altmärker in Wittenberg studierten. Vom Stendaler Franziskanerkloster gingen 1530 Unruhen aus, als der Mönch Lorenz Kuchenbecker in Messen zum Singen von Lutherliedern »wie in Magdeburg« aufforderte. Vom 14. bis 16. August demolierte eine wütende Menschenmenge das Rathaus und Häuser der Geistlichkeit. Die Unruhe wurde niedergeschlagen. Die Bürgerschaft beteuerte beim Kurfürsten ihre Unschuld. Die Strafe folgte 1531. Es kam zu sechs Hinrichtungen. Zudem musste die Stadt der Geistlichkeit eine hohe Entschädigung zahlen und verlor ihre Zollfreiheit.

Ob der Reformator Justus Jonas 1538 in Stendal predigte, ist ungewiss. Jonas hielt sich nachgewiesenermaßen 1537/38 in Anhalt auf, im Februar 1538 in Wittenberg, im April in Braunschweig. »Ob das mit seiner Gastpredigt wirklich so war, muss offen bleiben«, so Pfarrer Creutzburg mit Blick auf die Quellenlage. Die Unruhen der aufgebrachten Unterschicht 1530 indes hätten gezeigt, dass mit der religiösen Frage offenbar auch soziale und politische Forderungen verbunden gewesen waren. »Jonas’ Predigt 1538 erscheint wie eine friedliche Vollendung.«

Wie sich der altmärkische Adel zur Reformation verhielt, erforscht der Historiker Alkmar von Alvensleben (Tübingen) am Beispiel der adeligen Familien von Alvensleben, von der Schulenburg, von Knesebeck und von Jagow. Quellen sind Einschreibungen an Universitäten, Kirchenpatronate, Leichenpredigten und Grabdenkmäler. Seit dem 15. Jahrhundert habe der Adel seine zweitgeborenen Söhne zur Vorbereitung auf eine geistliche Laufbahn studieren lassen. Nach 1540 vermied er es, seine Sprösslinge auf altgläubige Universitäten zu schicken. »Das Studium prägte und hinterließ Spuren in der Familiengeschichte«, so Alkmar von Alvensleben. Das gilt auch für die Kirchengebäude und ihre Ausstattung. Epitaphien, die von 1555 bis 1648 eine neue Blüte erlebten, zeigten anhand des Bildprogramms die Konfession des Verstorbenen und seiner Familie auf.

Reformation auf dem Lande

Die Einführung der Reformation in Kleinstädten und Landgemeinden hat Michael Scholz, Leiter der Landesfachstelle für Archive und Bibliotheken im Brandenburgischen Landeshauptarchiv (Potsdam), untersucht. Hinweise auf erste reformatorische Predigten gebe es für Apenburg (1537), Tangermünde und Osterburg (1538) sowie Gardelegen, wo der Reformator der Altmark und Luther-Schüler, Bartholomäus Rieseberg (1492–1566), am 11. Oktober 1538 die erste evangelische Predigt hielt. Eine wichtige Quelle sind die Protokolle der kurfürstlichen Visitationskommission, die von November 1540 bis Oktober 1542 die Altmark aufsuchte. Tangermünde war die erste visitierte Stadt. Wo es noch nicht geschehen war, wurden nach kursächsischem Vorbild »gemeine Kästen« zur Bezahlung der Pfarrer, Gehilfen und Schulmeister eingerichtet. »Den Visitatoren ging es um die wirtschaftliche Versorgung der Pfarrer«, so Scholz. Es werden nur selten Namen genannt; die Protokolle sagen nichts über die Ausbildung der Pfarrer oder darüber, ob sie Luthers Lehre predigten oder noch altgläubig waren. »Man gewinnt den Eindruck, als sollte es nur darum gehen, ob man sich auf dem jeweiligen Dorf überhaupt einen Pfarrer leisten kann.«

Pfarrer Peter Lippelt (Lüderitz) stellte die Besonderheiten der kurfürstlichen Kirchenordnung heraus. Im Juni 1540 gedruckt, gilt sie als ältester Buchdruck Berlins. »Ihre Anerkennung durch den Kaiser ist eine einmalige Erscheinung unter den Kirchenordnungen dieser Zeit«, so der Pfarrer. Joachim II. hatte den Entwurf 1539 nach Wittenberg geschickt, wo die ersten beiden Teile, in denen es um die Predigt vom Evangelium her und die Unterweisung der Menschen ging, Zustimmung fanden. Teil III mit der Festlegung von Litanei, Festen und Zeremonien habe Luther nicht behagt. »Die kurbrandenburgische Kirchenordnung behielt am meisten vom alten Kultus bei«, betonte Lippelt. Luther habe sie schließlich unterstützt mit der Begründung, dass es nicht auf Äußerlichkeiten ankomme, solange die richtige Lehre verbreitet werde.

Angela Stoye

Identität stiften

28. April 2014 von redaktionguh  
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Was bewegt eine Mutter, ihr Kind abzugeben oder anonym zu entbinden? Die Frauen, die sich hierfür entscheiden, kommen aus allen Gesellschafts- und Bildungsschichten. Die Gründe sind vielfältig. Sie lehnen eine Abtreibung ab oder haben den Zeitpunkt verpasst. Das Kind aber können sie nach ihrem Empfinden nicht großziehen. Dass sich das nach 16 Jahren ändern könnte und die Mutter auf einmal bereit ist, sich dem Kind zuzuwenden, darf angezweifelt werden.
In der akuten Notsituation, in der sie sogar ihr soeben geborenes Kind weggibt, wird sie wohl kaum mit positiver Gewissheit 16 Jahre in die Zukunft blicken. Wird sie sich denn dann den Vorwürfen stellen wollen, mit denen sie zu rechnen hat? Natürlich, eine Mutter ist dazu da, Verantwortung für ihr Kind zu übernehmen. Aber hat sie die vielleicht schon übernommen, als sie es nicht abtreiben ließ, sondern geboren und in Obhut gegeben hat?
Dieser Aspekt steht jedoch weniger im Fokus der Diskussion um Babyklappe und anonyme Geburt, sondern vielmehr das Recht des Kindes auf das Wissen um seine Person: Wo komme ich her? Wer bin ich? Wo gehe ich hin?
Das Wissen um die eigene Identität ist ein hohes Gut unserer Gesellschaft. Doch wird man nicht zwangsläufig bei dem Versuch, seine eigene Identität ausschließlich in der Familie zu finden, scheitern? Wenn die Eltern sich scheiden lassen, Streit und Konflikte die Beziehungen belasten, bringt das für 16-Jährige nicht weniger belastende Situationen mit sich, als wenn sie sich der Frage nach ihrer biologischen Herkunft stellen.
Hilfreich ist da ein Bezug zu dem, der uns kannte, ehe er uns im Mutterleib bereitete. Gott will in uns allen eine Identität stiften mit den Worten, die er auch seinem Sohn Jesus zugesprochen hat: Du bist mein geliebtes Kind, an dir habe ich Wohlgefallen.

Mirjam Petermann

Rettung für ein Leben

28. April 2014 von redaktionguh  
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Streitfall: Babyklappen und anonyme Geburt beschäftigen nicht nur Ethikkommissionen

Zum 1. Mai tritt das Gesetz zur vertraulichen Geburt in Kraft.

Vor einigen Wochen legte eine Mutter ihr neugeborenes Baby in einem Kindergarten in Leinefelde ab. Am Nachmittag, gut platziert im Vorraum – eindeutig mit der Absicht, dass es bald entdeckt wird. Eine Babyklappe gibt es im Landkreis Eichsfeld nicht. Die sind in Thüringen nur in Eisenach, Erfurt und Saalfeld zu finden, vier solcher Einrichtungen gibt es in Sachsen-Anhalt. Doch die Aufrechterhaltung des Angebots ist umstritten, vor allem im Zusammenhang mit dem neuen Gesetz zur vertraulichen Geburt, das zum 1. Mai in Kraft treten wird. Hierbei können Frauen ihr Baby entbinden, ohne ihre Identität preiszugeben, müssen aber unter Umständen mit der Vollendung des 16. Lebensjahres dem Kind ihre Identität offenlegen, wenn es darauf besteht. Das Pseudonym der Mutter wird gemeinsam mit den Geburtsdaten des Kindes aufbewahrt.

Seit 2002 gibt es am Städtischen Klinikum Dessau ein »Babynest«, in das bisher drei Babys gelegt wurden. Foto: epd-Bild/Uwe Schönfeld

Seit 2002 gibt es am Städtischen Klinikum Dessau ein »Babynest«, in das bisher drei Babys gelegt wurden. Foto: epd-Bild/Uwe Schönfeld

Aufgrund der lebenslangen Unbekanntheit der Mutter sprach sich schon im November 2009 der Deutsche Ethikrat gegen die Babyklappe sowie die anonyme Geburt aus. Die anonyme Kindesabgabe sei »ethisch und rechtlich sehr problematisch, insbesondere weil sie das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft und auf Beziehung zu seinen Eltern verletzt«, hieß es dazu in einer Stellungnahme. Außerdem liege es nahe, »dass Frauen, bei denen die Gefahr besteht, dass sie ihr Neugeborenes töten oder aussetzen, von diesen Angeboten nicht erreicht werden«.

Anders sieht das Bernd Ismer, Vorsitzender des Ethik-Komitees des Eisenacher ökumenischen St.-Georg-Klinikums: »Man weiß nicht, wie sich die Person, die ihr Kind abgegeben hat, ohne das Angebot der Babyklappe verhalten hätte«, sagt er und ergänzt: »Wir sehen darin ein Rettungsangebot, das die Abwendung einer Gefahr für das Kind darstellt.« Und das habe im Zweifelsfall den Vorrang vor anderen im Grundgesetz verankerten Persönlichkeitsrechten, so der Facharzt für Innere Medizin. Der eigentliche Straftatbestand des Angebotes der Babyklappe, das Aussetzen eines Neugeborenen, wird nach Absprache der Behörden nicht durch polizeiliche Ermittlungen verfolgt.

In einem kleinen Nebengebäude und gut abgeschirmt befindet sich der Babykorb des Erfurter Helios Klinikums im Norden der Stadt. »Dass ein Kind darin abgelegt wird, ist ein seltenes Ereignis«, weiß Axel Sauerbrey, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin. Seit 2003 wurden in den Thüringer Kliniken 18 Kinder in eine der Babyklappen gebracht. Kommt es einmal vor, ertönt in Erfurt ein Signal auf der neonatologischen Intensivstation. »Ein Kinderarzt oder eine Kinderkrankenschwester nimmt das Baby anschließend in Empfang«, beschreibt der Mediziner die Situation. »Umgehend wird es von einem Kinderarzt untersucht und auf der Intensivstation für die Neugeborenen versorgt.« Parallel dazu erfolgt eine Meldung an das Jugendamt, damit es nach Pflegeeltern für das Kind suchen kann. Durch einen Code, der sich in der Babyklappe in einem Brief für die Mutter befindet, kann sie jederzeit Kontakt zu ihrem Kind aufnehmen.

Die Möglichkeit der Kontaktaufnahme seitens der Mutter besteht auch nach einer vertraulichen Geburt. Vor allem aus medizinischer Sicht sei das die bessere Lösung, betont Bernd Ismer. »Die betreuten Geburten ermöglichen eine medizinische Versorgung von Mutter und Kind und stellen darüber hinaus eine Beratungssituation her, die eine spätere Annahme des Kindes vorbereiten kann«, so der Eisenacher Arzt.

Der Fall des Leinefelder Babys wurde nicht strafrechtlich verfolgt. Polizei und Staatsanwaltschaft betrachteten den Kindergarten als Art Baby-
klappe. Es handelte sich also nicht um das Aussetzen, sondern das Abgeben eines Kindes.

Mirjam Petermann

Babyklappen in Sachsen-Anhalt: Magdeburg, Halle, Bitterfeld, Dessau-Roßlau; in Thüringen: Eisenach, Erfurt, Saalfeld

Jeder Sonntag ist ein Geburtstagsfest

25. April 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

1. Petrus 1, Vers 3

Bei der Geburtstagsfeier gibt’s Gäste und Kuchen. Auf dem Tisch türmen sich Blumen und Geschenke. Das Geburtstagskind – wie alt es auch sei – steht im Mittelpunkt! »Es ist kein Grund, mich zu feiern«, sagt einer. »Schließlich hat mich keiner gefragt, als ich geboren wurde.« Woran denken Sie, wenn Sie Ihren Geburtstag feiern? An das Jahr, das vergangen ist? Wie viele denn noch kommen werden? Vielleicht auch an früher und die Kindergeburtstage. Oder an noch früher, wohin die eigene Erinnerung nicht reicht: Wie war das, als ich auf die Welt kam? Und wieso wurde ich geboren? In der Geburtstagsfeier stecken die ganz großen Fragen, wenn man das Leben ernst nimmt.

Jochen M. Heinecke, Pfarrer in Kalbe (Milde)

Jochen M. Heinecke, Pfarrer in Kalbe (Milde)

Und im Wochenspruch steckt eine ganz große Antwort: Unser Leben verdanken wir nicht uns, sondern andern. Hätte es nicht einen Vater und eine Mutter gegeben, gäbe es mich nicht. Weiter und weiter gedacht: Gäbe es nicht Gottes Liebe, gäbe es mich nicht. Vielleicht müsste man ganz anders Geburtstag feiern – nicht das Geburtstagskind stünde dann im Mittelpunkt, sondern – soweit das sinnvoll ist – Mutter und Vater. Danke, dass ihr mich in die Welt gesetzt habt. Und noch einen Schritt weiter: Danke, Gott – Mutter und Vater in einem –, dass meine Eltern und Großeltern ihr Leben hatten – und nun ich. Von dir, Gott. Das wäre ein gewaltiger Tag. Ein Fest der Dankbarkeit und Besinnung. Es würde uns einen anderen Blick auf unser Leben ermöglichen.

Wir bekamen unser Leben geschenkt. Und unser Christsein genauso. Wiedergebären kann man sich auch nicht selbst. Das muss man schon geschehen lassen. Ebenso unsere Hoffnung bekamen wir geschenkt: ein Leben, das über Sterben und Tod hinausweist. Ostern ist unser zweiter Geburtstag. Gott sei Dank. Ein Fest, dass wir nun jeden Sonntag feiern können.

Jochen M. Heinecke, Pfarrer in Kalbe (Milde)

In Brandenburg zu Hause, mit Anhalt weiter verbunden

24. April 2014 von redaktionguh  
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Der frühere Kirchenpräsident Helge Klassohn wird am 25. April 70 Jahre

Über fünf Jahre sind seit dem Eintritt von Helge Klassohn in den Ruhestand vergangen. Doch der frühere Kirchenpräsident der Landeskirche Anhalts, der am 25. April 70 Jahre alt wird, hat trotz des »i. R.« hinter seinem Titel einen wohlgefüllten Terminkalender.

Noch gern auf der Kanzel: Kirchenpräsident i. R. Helge Klassohn Foto: Landeskirche Anhalts

Noch gern auf der Kanzel: Kirchenpräsident i. R. Helge Klassohn Foto: Landeskirche Anhalts

Helge Klassohn, der aus Riga stammt, wuchs in Brandenburg auf. Sein Abitur legte er in Berlin ab und studierte an der Humboldt-Universität Theologie, war Gemeindepfarrer in der Uckermark und gleichzeitig Studienleiter am Pastoralkolleg zu Templin. 1994 kam er nach Anhalt. Im Februar 2009 sind Helge Klassohn und seine Frau, die Zahnmedizinerin Heidemarie Klassohn, nach Brandenburg zurückgekehrt. In Petersdorf bei Bad Saarow sind sie nun zu Hause. »Wir sind hier sehr gerne. Es hat sich glücklich gefügt«, sagt er. In Petersdorf gibt es kein Kirchengebäude und wenige Christen leben hier. Der Ort wie die Gegend wurde geprägt vom Militär und vom Braunkohlenbergbau. Doch mit der Pfarrerin Annemone Bekemeier hat Helge Klassohn eine Frau wieder getroffen, die er aus seiner Zeit als Kreisjugendpfarrer in Königs Wusterhausen kennt. »Wir fühlen uns in unserer Kirchengemeinde wohl und schätzen die Arbeit unserer Pfarrerin sehr«, so Klassohn. Er freut sich, dass seine Mitarbeit gefragt ist: In der eigenen Gemeinde und der Region hält er Gottesdienste, Vorträge, Bibelwochenabende, Andachten und mehr. Auch an der Lektorenausbildung wirkt er mit. Zuletzt hielt der Theologe Karfreitag und Ostern Gottesdienste in seiner Gemeinde. »Feiertage ohne Gottesdienste sind undenkbar«, findet er.

Schon 2007 wurde Helge Klassohn zum Beauftragten des Rates der EKD für Fragen der Spätaussiedler und der Heimatvertriebenen berufen. Diese Berufung ist inzwischen bis zum Ende der Ratsperiode im Herbst 2015 verlängert worden. Zudem gehört er als berufenes Mitglied dem Beirat für Aussiedlerfragen im Bundesministerium des Inneren an. Zusammen mit der Kulturbeauftragten der EKD, Petra Bahr, ist Helge Klassohn gewähltes Mitglied und Vertreter der evangelischen Kirche im Stiftungsrat der Bundesstiftung »Flucht, Vertreibung, Versöhnung«. Zwischen den verschiedenen Positionen zu vermitteln ist hier ein Part der beiden Theologen.

Mit der Arbeit an der anhaltischen Kirchengeschichte verbinden sich für den Theologen Klassohn Neigung und die Bitte der Landessynode um Mitarbeit. »Ich nehme trotz der räumlichen Entfernung gern an den Sitzungen der Kammer für Kirchengeschichte Anhalts teil.« In wenigen Tagen fährt Helge Klassohn erneut nach Dessau-Roßlau, doch aus einem anderen Grund: Die Landeskirche ehrt den einstigen Kirchenpräsidenten zu seinem 70. Geburtstag mit einem Festakt.

Angela Stoye

»Hier ist was los«

22. April 2014 von redaktionguh  
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Im Porträt: Die Kirchengemeinde Schweina

Hier ist viel los – einfach schön«, sagt Norbert Endter, Pfarrer in Schweina (Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach). Matthias Danz und Erhardt Berndt nicken zustimmend. »Die Menschen sehen von sich aus, was nötig ist. Wir empfinden dieses Engagement und das gute Miteinander als ein Geschenk Gottes, für das wir dankbar sind.«

Die Aufzählung der ehrenamtlichen Aktivitäten ist lang. So sei es kein Problem gewesen, im vergangenen Jahr die nötigen Kandidaten für den zehnköpfigen Gemeindekirchenrat des Kirchspiels Schweina-Witzelroda aufzustellen. Zum Vorsitzenden für die neue Legislaturperiode wurde Matthias Danz gewählt. Das damit verbundene Vertrauen habe ihn zutiefst berührt, merkt der 40-jährige Rechtsanwalt an. Erhardt Berndt, von Beruf Steuerberater, ist seit 30 Jahren dabei und nun Dienstältester.

Mit Dank verabschiedet wurden nach langer Mitarbeit Maria Petzold und Bernd Wangemann, der diesem Gremium 40 Jahre angehörte. Als Leiter des Kirchenchores und als Lektor bleibt Bernd Wangemann aber weiter aktiv. Seine Frau, Ute Wangemann, lädt zusammen mit einem Frauenteam jeden zweiten Sonnabend im Monat zu einem Kindervormittag ins Gemeindehaus ein. Etwa 15 Kinder nehmen dieses Angebot gern an, zumal ein gut vorbereitetes und abwechslungsreiches Programm auf sie wartet.

Sie arbeiten vertrauensvoll zusammen: Matthias Ganz (v. li.), Vorsitzender des Gemeindekirchenrates Schweina, Pfarrer Norbert Endter und Erhardt Berndt, Mitglied im Gemeindekirchenrat. Foto: Thomas Schäfer

Sie arbeiten vertrauensvoll zusammen: Matthias Ganz (v. li.), Vorsitzender des Gemeindekirchenrates Schweina, Pfarrer Norbert Endter und Erhardt Berndt, Mitglied im Gemeindekirchenrat. Foto: Thomas Schäfer

Seit etwa 20 Jahren gibt es einen Gospelchor im Ort, und der Posaunenchor besteht bereits 60 Jahre. Unter der ehrenamtlichen Leitung von Uwe Mägdefrau musizieren hier zwölf Bläser. Damit das auch so bleibt, baute Günter Zimmer unter den Konfirmanden eine Nachwuchsgruppe auf. Fünf ehrenamtliche Organisten, von der Studentin bis zum Pensionär, sorgen dafür, dass der Gemeindegesang nie ohne Begleitung bleibt. Im Januar wird ein entsprechender Jahresplan erarbeitet.

Jede zweite Woche ist Gemeindenachmittag. Sicher sei das ein wichtiger Treffpunkt, der besonders von den Senioren in großer Zahl angenommen wird. Es gibt Kaffee und Kuchen, und der Pfarrer bietet ein Thema an. Auf eine gesprächsfähige Gruppe, die ihm sehr wertvoll sei, treffe er auch beim monatlichen Bibelabend, »aus dem ich beschenkt herausgehe«. Er nehme für die Predigt am nächsten Sonntag viel mit, denn die Menschen möchten nicht angepredigt werden, sondern Gottes Wort für ihren Alltag erfassen.

Ein Problem sieht die Gemeindeleitung in den Besucherzahlen am Sonntag. »Wir haben so viele aktive Leute, die sich in Gruppen engagieren und jederzeit helfend für ihre Kirchengemeinde da sind. Doch am Sonntagvormittag versammeln sich nur 20. Das ist eine Diskrepanz, die wir auflösen möchten.« Und Pfarrer Endter unterstreicht: »Bei allen Aktivitäten muss der lebendige Glaubensbezug deutlich werden.«

An die 3 500 Einwohner zählt Schweina, knapp ein Drittel gehört zur evangelischen Kirchengemeinde. Politisch ist der Ort ein Stadtteil von Bad Liebenstein. Hier habe er derzeit die Vakanzverwaltung inne, so Pfarrer Endter. Bad Liebenstein und Schweina seien zwei gleichstarke und gleichgroße Orte mit viel Selbstbewusstsein. Die Kurstadt – scherzhaft Bali genannt – und das unmittelbar angrenzende Schweina, das einst deutschlandweit für seine Pfeifenproduktion bekannt war. Heute prägen Kleinbetriebe, Handwerk und Dienstleistungsgewerbe das wirtschaftliche Bild. Die Fleischerei Uehling beispielsweise ist hier seit 80 Jahren ansässig. Im Laden steht Hannelore Malsch. Sie führt den Familienbetrieb weiter und übernahm vom Großvater noch die andere Tradition: als Kirchenälteste Verantwortung zu übernehmen. Im neuen Gemeindekirchenrat ist sie nun die einzige Frau. »Wir packens schon«, lautet ihr Kommentar, freundlich und mit ruhiger Selbstverständlichkeit.

Gepflegt und baulich in bestem Zustand präsentieren sich Kirche, Gemeinde- und Pfarrhaus. Weil immer etwas zur Erhaltung der drei Gebäude getan wurde, sei es nie zu einem übergroßen Sanierungsstau gekommen. In diesem Jahr nun soll für rund 8 000 Euro die Elektroinstallation der Kirche erneuert werden. Und auch die Trockenlegung der Kirchmauern hat man in den Blick genommen.

»Hier sitzen die richtigen Leute an einem Tisch, und wir haben die Aufgaben gut verteilt«, blickt Matthias Danz optimistisch und mit Schwung in die Zukunft.

Uta Schäfer

Resignation oder Aufbruch

21. April 2014 von redaktionguh  
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Die Situation von Landgemeinden war Thema in Halle

Wer im ländlichen Raum lebt, kennt die Probleme: kaum Einkaufsmöglichkeiten, wenige Ärzte, Schulen oder Kindergärten, rare Arbeitsmöglichkeiten. Und Abwanderung. Vor allem Letzteres trifft mit noch größerer Härte auch die Kirchengemeinden. Im Vergleich zur allgemeinen Abwanderung ist der Verlust an Kirchenmitgliedern höher, die Kirchen schrumpfen dreimal schneller als die Dörfer und Städte in Mitteldeutschland.

Die Teilnehmer setzten sich mit der Gegenwart und Zukunft von Kirche auf dem Lande auseinander. Foto: Stefan Körner

Die Teilnehmer setzten sich mit der Gegenwart und Zukunft von Kirche auf dem Lande auseinander. Foto: Stefan Körner

Wie mit der Situation umzugehen sei, war Thema eines Fachtages Gemeindeentwicklung am 11. April in Halle. Mit großer Resonanz. Rund 90 Pfarrerinnen und Pfarrer diskutierten über Perspektiven kirchlichen Handelns im ländlichen Raum. Dass die Situation oft nicht zu Euphorie einlädt, wurde durch den Demografie-Experten Manuel Slupina vom Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung unterstrichen. In so manchen Regionen sei durch Wegzug, Ausdünnung von Infrastruktur und Überalterung eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt worden, die kaum mehr aufzuhalten ist. Doch auch angesichts demografischer Hiobsbotschaften gebe es Lichtblicke. Manche Dörfer wachsen gegen den Trend, und vor allem das Gefühl, mit dem Rücken zur Wand zu stehen, setze oft Innovationskräfte und Engagement frei. Wo solche Kräfte walten, sei ein Dorf noch nicht am Ende.

Eine Lösung für alle könne es darum nicht geben, so Thomas Schlegel, Kirchenrat im Dezernat Gemeinde der EKM und zweiter Referent des Fachtages. In den vergangen Jahren seien die Strukturen immer nur angepasst, aber nie hinterfragt worden. »Das System beginnt zu reißen. Vielfach können Pfarrer auch das Grundprogramm der Gemeindearbeit nicht mehr bedienen«, meint Schlegel. Das heißt: Die bestehenden kirchlichen Strukturen gehören dringend reformiert, da sie mitunter innovative Gemeindekonzepte nicht nur im ländlichen Raum eher behindern als fördern. Darum will die Kirchenleitung nach Auskunft von Thomas Schlegel noch im laufenden Jahr Erprobungsräume schaffen, in denen Pfarrerinnen und Pfarrer alternative Gemeindemodelle erproben könnten. Über kurz oder lang werden sich, so Schlegel, im gesamten Bereich der EKM die Strukturen ändern müssen: »Die Impulse, die von einem Fachtag wie diesem ausgehen, können nur bedingt in den bestehenden Strukturen umgesetzt werden.« Dazu aber seien Menschen nötig, die solche Änderungen auch wollen.

Daran scheint es zumindest zum Fachtag in Halle nicht zu mangeln, wenn mitunter auch skeptische Stimmen zu hören sind. »Es ist mir nicht klar, wie die Kirche solche Projekte finanziell und personell stemmen will«, meint Anna Mittermayer, Vikarin in Krina (Kirchenkreis Wittenberg). Aus ihrer Sicht werde hier in viel zu großen Schritten gedacht: »Solche Modelle stehen immer in der Gefahr, nach dem Auslaufen der Projektmittel wieder einzuschlafen.«

Auch Dorothea Heizmann, Pfarrerin im Kirchenkreis Südharz, sieht strukturellen Handlungsbedarf: »Es gibt jetzt schon gute Ideen in Gemeinden, die aber oft an mangelnder Unterstützung oder den Strukturen scheitern.« Aber auch das Denken in den Gemeinden selbst wird als Problem erkannt. Christiane Kellner, Superintendentin in Merseburg, glaubt, dass manche Gemeindeglieder zu oft der Vergangenheit nachtrauern. »Ich habe das Gefühl, wir sind in einer Art Schockstarre, weil vieles nicht mehr so weitergeht wie bisher. Und so manche Engagierte ziehen sich zurück, wenn sie merken, dass sie nichts bewegen können, weil es Kräfte gibt, die zu sehr am Bestehenden hängen.« Gerade in einer solchen Situation sei es aber wichtig, quer zu denken und sich von alten Vorstellungen zu verabschieden. Veränderung beginne im Kopf, so Kellner.

Auf Seiten der Kirchenleitung scheint, das zeigt der Fachtag, ein Umdenken eingesetzt zu haben, ein Weiter-so ist nicht mehr möglich. Und das sei, so Christiane Kellner, ein sehr wichtiges Signal.

Stefan Körner

Der Duft der Auferstehung

19. April 2014 von redaktionguh  
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Kirchenjahr: Ostern ist nichts für Zuschauer – eine Betrachtung von Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt

Für Menschen des medialen Zeitalters sind Ostern und Auferstehung wohl eine Zumutung. Denn den an Bilderfluten gewöhnten Zuschauern des 21. Jahrhunderts haben beide zunächst eine herbe Enttäuschung zu bieten: Es gibt nichts zu sehen. Oder besser: nicht viel. Allenfalls ein leeres Grab.

Anders als Weihnachten, dessen biblische Geschichten den Augen geradezu ein Fest bereiten, kommt Ostern eher schlicht daher. Statt Heiliger Familie, Engelschören, armen Hirten und reichen Weisen treffen wir im Osterevangelium auf deutlich weniger Personal. Drei Frauen und ein, vielleicht auch zwei Engel. Was zwischen ihnen geschieht, ist schnell erzählt. Während die Passionsgeschichten ausführlich den Weg Jesu ans Kreuz und seinen grausamen Tod schildern, wird das Geschehen am Ostermorgen in nur wenigen Sätzen berichtet. Eine kurze Begegnung, ein knappes Gespräch. Beinahe im Vorübergehen die Worte der Engel, gerichtet an die drei trauernden Frauen an Jesu Grab: »Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden« (Lukas 24,5 f.).

Am Grab Jesu treffen die drei Frauen »einen Jüngling, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich«. Mit der einen Hand weist der Engel auf die Stätte, da Jesus gelegen hat. Die andere sagt: Er ist auferstanden. Bild: Pater Polykarp Ühlein/Foto: Friedbert Simon

Am Grab Jesu treffen die drei Frauen »einen Jüngling, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich«. Mit der einen Hand weist der Engel auf die Stätte, da Jesus gelegen hat. Die andere sagt: Er ist auferstanden. Bild: Pater Polykarp Ühlein/Foto: Friedbert Simon

Zu sehen gibt es dabei nicht viel. Jedenfalls nicht viel von dem, was unseren Sehgewohnheiten und Seherwartungen entspricht. Nichts, was sich mit Kamera, Zeichenstift oder anderen bildgebenden Verfahren festhalten und ausschmücken ließe. Ostern und Auferstehung sind offenbar nichts für Zuschauer. Das könnte auch heißen: Ostern kann man nicht sehen, sondern nur erfahren. Am eigenen Leib, im eigenen Leben.

Die Texte der Evangelien vermitteln genau diese Botschaft. Was Christus in Kreuz und Auferstehung widerfährt, soll auch für uns gelten. In Kreuz und Auferstehung wird deutlich: Gott überlässt uns Menschen und die ganze Welt nicht einfach dem, wie es jetzt und hier ist. Gott überlässt uns in Leid, Schmerz, Angst und Tod nicht einfach unserem Schicksal. Sondern genau dort geht er an unserer Seite mitten hinein. Am Kreuz erlebt Gott all das mit. Am Kreuz nimmt er all das mit in sich hinein. Und Gott belässt es nicht dabei, sondern verwandelt es, lässt es neu werden – aus Tod wird Leben, aus Schuld Vergebung, aus Leid und Schmerz neue Anfänge.

Kreuz und Auferstehung erzählen von dieser Verwandlung, diesem umfassenden Neu-Werden. Sie erzählen, dass damit eine neue Kraft in der Welt ist: die Kraft der alles, wirklich alles, neu machenden, schöpferischen Liebe Gottes. Einer Liebe, die Gott beschreibbar macht als den, »der die Toten lebendig macht und das ruft, was nicht ist, dass es sei« (Römer 4,17). Diese Liebe soll fortan für alles in unserem Leben die bestimmende Kraft sein. Es ist diese neue Kraft, die zuerst Christus – buchstäblich am eigenen Leib – erfährt und die alles Leben auf dieser Erde erfassen wird. Diese neue Kraft bringt die bisherigen Kräfte- und Machtverhältnisse ins Wanken und wird sie letztlich ablösen. Nicht mehr der Tod und die, die ihn als Angst- und Druckmittel einsetzen, haben das letzte Wort, sondern die schöpferische und kraftvolle Liebe Gottes.

Auch deshalb ist Ostern nichts für Zuschauer. Denn Ostern wird es nicht, wenn wir ein Geschehen in ferner Zeit betrachten. Ostern wird es, indem wir uns hier und heute der Kraft der Liebe Gottes anvertrauen und uns von ihr verwandeln lassen. Indem wir gewissermaßen neu geboren werden, Gottes Kraft auch durch uns wirken lassen und so an Gottes neuer Welt mitarbeiten und mitbauen. Wenn wir singen und Flüchtlinge willkommen heißen, beten und Sterbende trösten, für Gerechtigkeit eintreten, den Garten neu bepflanzen und den Liebsten umarmen – und was immer wir noch tun können, um gegen alle augenscheinliche Macht des Todes und angeblich nicht zu ändernder Fakten auf die schöpferische Kraft der Liebe Gottes zu setzen.

Ostern gibt es nicht viel zu sehen. Vielleicht aber gibt es etwas zu riechen. Vielleicht nehmen wir zu Ostern Witterung auf, bekommen ihn in die Nase und dann nie wieder aus Kopf und Herz – den Duft der Auferstehung. Eine kleine Vorstellung davon, wie es um diesen Duft bestellt sein könnte, habe ich bei der Geburt unserer Tochter bekommen. Als ich sie zum ersten Mal im Arm hielt, duftete sie geradezu betörend – ungeheuer neu, frisch, zitronig und doch ganz und gar unbeschreiblich. Die ersten Tage ihres Lebens habe ich diesen Duft immer wieder regelrecht eingesogen. So einen Duft, den Duft neuen Lebens, hatte ich nie wieder in der Nase.

Irgendwie von dieser Art stelle ich mir den Duft der Auferstehung vor. Etwas davon weht einem immer dann in die Nase, wenn Gottes Liebe neues Leben werden lässt. Neues Leben, wo wir nichts mehr als den Tod erwarten. Neue Lebensperspektiven, wie wir sie noch nicht gekannt haben. Reine Freude, pure Hoffnung. So unvorstellbar neu, anders als alles und ganz und gar einzigartig, so wird er vielleicht sein, der Duft der Auferstehung. Man nimmt ihn auch mit geschlossenen Augen wahr. Selbst dann, wenn einem Hören und Sehen schon längst vergangen ist, wenn längst alles vergangen ist, wird er uns in die Nase wehen und Gottes Liebe wird alles verwandeln und neu machen.

Für von Bildern verwöhnte und an Bilder gewöhnte Menschen ist das sich letztlich allen Bildern entziehende Auferstehungsgeschehen wohl eine Zumutung. Wie aber sagte es die Dichterin Ingeborg Bachmann? »Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.«

Die Autorin ist Regionalbischöfin des Propstsprengels Meiningen-Suhl.

Ostern wird auf dem Gottesacker geblasen

18. April 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt (Archiv)

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Die Gnadauer Brüdergemeine lässt den ganzen Ort an der Auferstehungsfreude teilhaben

Die Gnadauer Brüdergemeine, im Kirchenkreis Egeln gelegen, pflegt mit der Feier des Ostermorgens einen alten Brauch: Mitglieder des Bläserchores spielen dabei eine wesentliche Rolle. Und es mag sie hart ankommen, denn sie müssen Frühaufsteher sein. Wenn am 20. April langsam die Dämmerung einsetzt, waren die Bläser bereits fleißig. »Wir treffen uns etwa zweieinhalb Stunden vor Sonnenaufgang im Kirchsaal«, sagt Pfarrer Friedemann Hasting. Danach wird gemeinsam bei einer Familie im Ort gefrühstückt, denn ein leerer Bauch bläst nicht gern.

Danach marschieren die Musiker zum »Aufblasen« durch die noch mucksmäuschenstillen Straßen, um die Gnadauer am Höhepunkt des gottesdienstlichen Lebens der Brüdergemeine teilhaben zu lassen. Egal ob sie Christen oder Atheisten sind, sie hören Choräle, wenn die Vögel in den Bäumen noch schlafen.

Auf einem Notenblatt steht auch das Osterlied »Christ ist erstanden« aus dem 12. Jahrhundert. Kein Geringerer als Martin Luther war offenbar ein Fan dieses Titels: »Alle Lieder singt man sich mit der Zeit müde, aber das ›Christ ist erstanden‹ muss man alle Jahr wieder singen.« Was für eine Magie der Töne! In Gnadau noch verstärkt durch die Dämmerung.

Dienstags treffen sich die Mitglieder des Posaunenchores im Altenheim der Gnadauer Anstalten zur Probe. 50 Auftritte hat die Gruppe im Jahr. Ältestes Mitglied ist Joachim Gemsjäger (links). Foto: Thomas Linßner

Dienstags treffen sich die Mitglieder des Posaunenchores im Altenheim der Gnadauer Anstalten zur Probe. 50 Auftritte hat die Gruppe im Jahr. Ältestes Mitglied ist Joachim Gemsjäger (links). Foto: Thomas Linßner

Friedemann Hasting spricht vom Wecken, das man aus praktischen Gründen gern in die Nähe von Straßenlaternen verlegt. Denn dort herrscht Notenlicht, derweil es im Dorf noch relativ dunkel ist. In diesem Zusammenhang erzählt der mit 79 Jahren älteste Bläser Joachim Gemsjäger eine Episode aus den 50er Jahren: »Wir hatten hier zu DDR-Zeiten überwiegend CDU-Bürgermeister. Aber damals dann doch einen von der SED.« Dem sei das »kirchliche Spektakel« aus ideologischen Gründen suspekt gewesen. »Es war kein Zufall, als am Ostermorgen plötzlich die Straßenbeleuchtung nicht mehr brannte«, so Gemsjäger. Die Partei hatte nicht nur immer recht, sondern den Herrnhutern quasi auch das Licht ausgeknipst. »Doch wir wussten uns zu helfen«, lächelt der alte Gnadauer. Mit einer mobilen Karbidlampe begegneten sie derartigen Attacken. Was in den Folgejahren praktischerweise beibehalten wurde. »Wer die tragen musste, war trotzdem nicht zu beneiden«, weiß der 79-Jährige noch genau, »der musste nämlich noch eher aufstehen als die anderen, um die Lampe in Gang zu bringen«.

Der Beginn des Gnadauer Osterblasens orientiert sich bis heute am Aufgang der Sonne. Ist der Ostertermin früh im Jahr, dürfen die Akteure länger schlafen. Der Tagesanbruch hat einen tiefen Sinngehalt: Es ist der Übergang vom Dunkel zum Licht, das Neuwerden der ganzen Schöpfung am Ostermorgen. Vögel zwitschern, der Tag erwacht, Christus ist auferstanden.

In diesem Jahr beginnt die Ostermorgenfeier im Großen Saal um 5.45 Uhr. Pfarrer Hasting wird daran erinnern, dass der Ostermorgen in der Brüdergemeine eine Demonstration für das Leben ist.

Begleitet von den Bläsern zieht die Gemeinde dann pünktlich zum Sonnenaufgang gegen 6 Uhr zum nahe gelegenen Gottesacker, wo es eine etwa 15-minütige Liturgie gibt, während der die Namen der seit Ostern vorigen Jahres Verstorbenen verlesen werden.

Die Herrnhuter pflegen den etwas antiquierten Begriff »Gottesacker« übrigens ganz bewusst, denn hier wird die Saat für ein anderes Leben
gelegt.

Thomas Linßner

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