Der Aufgefahrene bleibt ganz unten

30. Mai 2014 von redaktionguh  
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Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.

Johannes 12, Vers 32

Wie sieht der Raum wohl aus von der anderen Seite des Spiegels?«, fragt sich Alice und glaubt fest, dass im Spiegelhaus auf der anderen Seite alle Wörter verkehrt herum in den Büchern stehen. Davon will sie sich auch schon selbst überzeugt haben, als sie ein Buch davorgehalten hat. Kurz darauf durchschreitet sie den Spiegel.

Gregor Heidbrink, Pfarrer in Finsterbergen

Gregor Heidbrink, Pfarrer in Finsterbergen

Wofür im Kinderbuch Kleiderschränke, Kaninchenhöhlen oder durchlässige Spiegel stehen, dazu dienen in der Bibel Wolken und Wetter: Sie sind geheimnisvolle Brücken zu einer andere Welt. Eine Wolkensäule zog einst an der Spitze des befreiten Volkes. In einer Wolke verbarg Er sich, als Er mit Mose sprach auf dem Heiligen Berg; einmal wird Er wiederkommen als Menschensohn auf den Wolken des Himmels.

Sechs Wochen nach Ostern recken elf Männer ihre Hälse und stieren zu der Wolke, die Jesus verschluckt hat. Wie mag wohl der Raum auf der anderen Seite der Wolke sein? Und wie unsere Welt wohl von dort aussieht? Es gibt Hinweise, dass dort vieles verkehrt herum zugeht. »Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen«, kündigt Jesus an – und meint damit zuerst: sein Kreuz. Man könnte meinen, das Kreuz wäre eine äußerst zynische Antwort auf die Erwartung, erhöht zu werden. Aus unserer Sicht ist es eine Erniedrigung. Tatsächlich aber hatte Gottes Liebe mit dem Kreuz gerechnet. Was hier niedrig scheint, ist von dort aus betrachtet das Höchste, was Gott tun konnte. Was oben oder unten, kostbar oder wertlos ist, sieht vom Himmel mitunter umgekehrt aus.

Unten ist, wo Machtgier und Habsucht regieren. Oben ist da, wo sich einer hingibt; einer, der nicht zur Gewalt greift, sondern der seinen Mördern vergibt. Der gibt die Richtung vor. Deshalb bin ich sicher: Als Erhöhter kümmert er sich weiter um die, die scheinbar unten sind. Auch als Aufgefahrener bleibt er ganz unten. Darum reckt nicht die Hälse, Leute von Galiläa! Bevor er uns lockt, ihm in die Wolken zu folgen, zieht er uns zum Kreuz und sendet uns in diese Welt.

Gregor Heidbrink

Bilder vom Fest am 21. Mai

28. Mai 2014 von redaktionguh  
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Am 21. Mai feierte die Kirchenzeitung “Glaube + Heimat” im Diakonielandgut Holzdorf ihr 90-jähriges Jubiläum mit vielen Gästen. Bilder vom Fest geben einen kleinen Einblick.

Fotos: Maik Schuck, Weimar

 Schülerinnen von Musikgymnasium Schloss Belvedere Weimar, Eva Mauersberger – Klarinette, und Anna Koch – Fagott, umrahmten das Fest musikalisch.

Schülerinnen von Musikgymnasium Schloss Belvedere Weimar, Eva Mauersberger – Klarinette, und Anna Koch – Fagott, umrahmten das Fest musikalisch.

 Landesbischöfin Ilse Junkermann begrüßte die Gäste mit einem geistlichen Wort.

Landesbischöfin Ilse Junkermann begrüßte die Gäste mit einem geistlichen Wort.

Kirchenpräsident der Landeskirche Anhalts und Vorsitzender des Evangleischen Presseverbandes in Mitteldeutschland, Joachim Liebig.

Kirchenpräsident der Landeskirche Anhalts und Vorsitzender des Evangleischen Presseverbandes in Mitteldeutschland, Joachim Liebig.

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Fröhliche Gäste (1. Reihe v. links): Präses Steffen Herbst, Präsidentin Brigitte Andrae, Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht, Landesbischöfin Ilse Junkermann; dahinter Altbischof Roland Hoffmann mit Gattin

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v. links: Propst Siegfried T. Kasparick, Oberlandeskirchenrat Dietrich Bauer als Vorsitzender des Evangelischen Presseverbandes Sachsen, Finanzdezernent Oberkirchenrat Stefan Große; dahinter Propst Dr. Johann Schneider, Pressesprecher Johannes Killyen, Sekretärin Birgit Heimann

Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht erzählte aus den 1980er Jahren, als sie als junge Pastorin auch Autorin der Kirchenzeitung war.

Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht erzählte aus den 1980er Jahren, als sie als junge Pastorin auch Autorin der Kirchenzeitung war.

Chefredakteurin Dietlind Steinhöfel und Kirchenpräsident Joachim Liebig

Chefredakteurin Dietlind Steinhöfel und Kirchenpräsident Joachim Liebig

Der ehemalige Chefredakteur Martin Hanusch, Pressesprecher im Kultusministerium Sachsen-Anhalt, gratuliert.

Der ehemalige Chefredakteur Martin Hanusch, Pressesprecher im Kultusministerium Sachsen-Anhalt, gratuliert.

Geschäftsführerin des Wartburg Verlages, Barbara Harnisch

Geschäftsführerin des Wartburg Verlages, Barbara Harnisch

Chefredakteure der Kirchenzeitung: Dr. Gottfried Müller, Christine Lässig, Martin Hanusch und Dietlind Steinhöfel.

Chefredakteure der Kirchenzeitung (von rechts): Dr. Gottfried Müller, Christine Lässig, Martin Hanusch und Dietlind Steinhöfel.

Der ehemalige Chefredakteur Gottfried Müller (li.) und der Chefredakteur der gemeinsamen Redaktion, Harald Krille im Gespräch.

Der ehemalige Chefredakteur Gottfried Müller (li.) und der Chefredakteur der gemeinsamen Redaktion, Harald Krille im Gespräch.

Die Kollegen der Kirchenzeitung "Der Sonntag" brachten ein G+H-lesendes "Räuchermännel" mit.

Die Kollegen der Kirchenzeitung "Der Sonntag" brachten ein G+H-lesendes "Räuchermännel" mit.

Chefredakteur Andreas Roth vom "Sonntag" gratuliert.

Chefredakteur Andreas Roth vom "Sonntag" gratuliert.

Der ehemalige Chefredakteur Dr. Gottfried Müller

Der ehemalige Chefredakteur Dr. Gottfried Müller

GuH07340

Kabarettistisches: Dietlind Steinhöfel und Wieland Henze

Professor Leserbriefschreiber - alias Wieland Henze

Professor Leserbriefschreiber - alias Wieland Henze

Der heutige Druckereileiter Ernst-Ulrich Dill und sein Vorgänger Joachim Kersten.

Der heutige Druckereileiter Ernst-Ulrich Dill und sein Vorgänger Joachim Kersten.

GuH07462

GuH07460

Grußwort Joachim Kersten

28. Mai 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Festvortrag und Grußworte

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Joachim Kersten (90) bei seinem Vortrag am 21. Mai zum Jubiläum von G+H, Foto: Maik Schuck

Joachim Kersten (90) bei seinem Grußwort am 21. Mai zum Jubiläum von G+H, Foto: Maik Schuck

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebes Geburtstagskind Glaube und Heimat!

Zugleich im Namen von Schenkelberg Druck, der ehemaligen Union-Druckerei Weimar möchte ich dir und deinen Mitarbeitern in Verlag und Redaktion recht herzlich gratulieren. Mögen auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten treue Leser und Abonnenten nicht ausgehen, denn als alter Zeitungshase weiß ich, dass dies die Grundlage einer Publikation ist.

Erlauben Sie mir nun ein paar Gedanken über das Jubiläum.

Als am 24. April 1924 die erste Ausgabe von Glaube und Heimat erschien, war ich wenige Monate alt. In einer Druckerei geboren, schnupperte ich also schon früh den Duft von Papier und Farbe. Am 21.04.1946 erschien die erste Ausgabe nach dem Kriege. Ich arbeitete als Holzfäller in französischer Kriegsgefangenschaft. Einen Tag nach dem 50. Jubiläum 1974 wurde in der Druckerei des Thüringer Tageblattes von mir die letzte Ausgabe auf einer 35 Jahre alten Buchdruckrotationsmaschine in diesem Betrieb gedruckt. Durch meinen Unfall war dies dann nicht mehr möglich, da ich der Einzige war, der diese Maschine noch bedienen konnte und so ging der Druck zur Gutenberg-Druckerei Weimar. Im Betrieb verblieb die Herstellung der Druckform noch bis Anfang 1990.

Nach der Neugründung von Glaube und Heimat erfolgte die Herstellung zunächst in einem SED-Betrieb in Jena. Durch zielstrebige Verhandlungen zwischen der Redaktion, dem Verleger Max Kessler und der Druckerei konnte nach Zustimmung der kirchlichen und staatlichen Stellen dann die Herstellung ab 01.01.1957 in der Druckerei des Thüringer Tageblattes übernommen werden. Wenn man bedenkt, dass in der DDR die Druckformen für Zeitungen mit einem Technikstand von 1900 hergestellt wurden, mag man ermessen, mit wie viel Elan und Improvisation alle Mitarbeiter die Produktion sichern mussten.

Viele schöne Erinnerungen verbinden mich mit dieser Zeit mit Verlag und Redaktion sowohl als Leiter der Druckerei, aber auch bei der praktischen Arbeit in der Mettage und an der Rotationsmaschine.

Pfarrer Dr. von Hintzenstern hatte viel Verständnis für die knappen Möglichkeiten, die sich in der damaligen Zeit leider nur boten. Mit ihm verbanden mich auch persönliche Kontakte. Er hat mich getraut und meine beiden Söhne getauft.  Wenn Frau Dr. Arndt, die damalige Redakteurin, nach dem Umbruch einer Seite vor 3 nicht unterzubringenden Zeilen stand, wurde die ganze Seite umgebaut mit dem Ergebnis, dass wieder 3 Zeilen übrig blieben. Zum Streichen musste sie ihr „Herzblut“ opfern. Der Redakteur und Grafiker Rolf-Dieter Schwippe hat in Zusammenarbeit mit uns das typographische Bild der Zeitung umgestaltet.

Mit Pfarrer Dr. Müller kam ein neuer Geist in die Redaktion. Er war stets bemüht, die Ausgaben so aktuell wie möglich zu gestalten, was für uns als Druckerei nicht immer einfach war. Auch die Gratwanderung mit der SED-Obrigkeit brachte manche Probleme. In den Anfangsjahren wurde die gedruckte Auflage erst einmal bei der Post hinter Gittern verpackt, um erst nach der Freigabe ausgeliefert zu werden. Von dort haben wir einmal eine komplette Auflage wieder abgeholt, um diese unter Aufsicht in der Papierfabrik Tannroda in den Kollergang zu werfen. Später mussten die ersten Seitenabzüge nach Berlin geschickt werden, damit bei Unliebsamkeiten die Redaktion um Korrektur gebeten werden konnte.

Die Übernahme des Druckes durch einen SED-Betrieb ab 04.08.1974 in Gera zunächst im Buchdruck und später im Offsetdruck brachte eine erhebliche Qualitätsverbesserung mit sich.

Mit der Wiedervereinigung änderte sich die technische Herstellung erheblich. Dank moderner Computertechnik kann nun die Druckvorlage von der Redaktion selbst hergestellt werden. Ab dem 05.07.1992 erfolgte der Druck in der Union-Druckerei Berlin. Die Aufstellung einer Modernen Offsetdruckmaschine in unserer Druckerei brachte ab den 01.01.1994 die Möglichkeit, den Druck wieder nach Weimar zu holen. Durch den Umzug des Betriebes nach Nohra verbesserten sich durch modernste Drucktechnik abermals die Gestaltungsmöglichkeiten.

So haben wir 53 Jahre an der Herstellung von Glaube und Heimat mitwirken dürfen, wobei mir persönlich 31 Jahre vorbehalten blieben.

Ich danke Ihnen für ihre Aufmerksamkeit und möchte mich mit dem leider in Vergessenheit geratenen Gruß unserer Zunft verabschieden.

Gott grüß‘ die Kunst

Joachim Kersten, 90 Jahre, ehemaliger Druckereileiter der Union-Druckerei Weimar

Grußwort Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff

28. Mai 2014 von redaktionguh  
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Liebe Leserinnen und Leser der Kirchenzeitung „Glaube + Heimat“,

bereits mit dem Titel der Zeitung, die in diesem Jahr ihr 90-jähriges Bestehen feiert, lässt sich gedankenreich spielen. Glaube ist Heimat, der Glaube schafft Heimat und auch die Zeitung selbst ist vielen Menschen zu einem wichtigen Stück ihrer Heimat geworden. Aus  Ihrer Zeitung erfahren sie viel über das Leben in Kirche und Gesellschaft. Sie ist zugleich Podium zum Meinungsaustausch aber auch zum notwendigen Streit. Die Zeitung ist ein wichtiges demokratisches Element in unserem Gemeinwesen und zwar weit über den eigentlichen kirchlichen Bereich hinaus.

Auch in der Zeit der DDR hat sich die Kirchenzeitung als kritische Stimme behauptet und Alternativen zum real existierenden Sozialismus diskutiert. Dadurch gelang es ihr nicht nur in den Menschen Hoffnungen zu wecken, sondern sie gab ihnen auch eine konkrete Richtung.

„Glaube + Heimat“ bereichert nach wie vor unsere Medienlandschaft. Sie lenkt große Aufmerksamkeit auf den Anteil, den Christinnen und Christen am Gelingen des menschlichen Miteinanders in unserem Lande haben. Für dieses konstruktive Mitwirken in unserer Gesellschaft will ich den Zeitungsmachern und den Lesern herzlich danken, und ich will Sie ermutigen, ideenreich und schöpferisch weiterzuarbeiten. Diese Stimme wird gebraucht.

Außerdem leistet die Kirchenzeitung „Glaube + Heimat“ einen wichtigen Beitrag zum Zusammenwachsen der Regionen in der immer noch sehr jungen Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Dieses wird umso besser gelingen, je mehr die Menschen von der Altmark bis an der Rennsteig übereinander wissen. Ich wünsche auch für diesen Prozess weiterhin viel Erfolg.

Allen, die sich der Kirchenzeitung „Glaube + Heimat“ verbunden fühlen, gratuliere ich zu diesem 90. Jubiläum.

Dr. Reiner Haseloff

Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt

Festvortrag von Propst Siegfried T.Kasparick

28. Mai 2014 von redaktionguh  
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„Glaube und Heimat“ – Eine denkwürdige Beziehung

Festvortrag zu 90 Jahre Kirchenzeitung Glaube und Heimat

Von Siegfried T. Kasparick

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder, ich gratuliere herzlich zum 90. Geburtstag von „Glaube + Heimat“. Aus vielen kleinen Zeitungen, mehrfach unter dem Namen „Heimatglocke“ war 1924 Glaube und Heimat, das Thüringer Monatsblatt für das evangelische Haus geworden. Und dann lebte diese Kirchenzeitung zwischen mehr oder weniger sorglosen Zeiten und Papier- und Geldmangel, zwischen kritischer Information und Huldigung der jeweiligen Heimat, zwischen großer Leserschaft und zeitweiliger Schließung. Inzwischen sind es nach einer wechselvollen Geschichte nun zwei Zeitungen unter einem Dach oder in einem Mante – “Die Kirche” und “Glaube + Heimat”.

Also noch einmal:

Herzliche Glückwünsche zum Neunzigsten!

Foto: Maik Schuck

Foto: Maik Schuck

Wer neunzig  geworden ist, der hat viele Erfahrungen gemacht, sagt man, der kann viel erzählen. Dass 90-Jährige viel erzählen, das ist ja oft so, aber ob sie wirklich viele Erfahrungen gemacht haben, das ist damit noch nicht erwiesen. Denn Erfahrungen hängen ab von den Kategorien, unter denen ich die Wirklichkeit erfasse.

Kant hat gesagt: „Erfahrung als empirische Erkenntnis der Gegenstände ist nur möglich, wenn gegebene Vorstellungen durch Kategorien auf ein Objekt bezogen werden können. Allein durch die Kategorien ist Erfahrung möglich.“ Man kann auch sagen: Man sieht nur, was man weiß, und man weiß nur, was man glaubt.

Das heißt, ich brauche Instrumente, um die Wirklichkeit wahrzunehmen. Ich brauche Kategorien, um die Wirklichkeit zu verstehen. Das gilt für jeden Menschen,

Das gilt umso mehr für eine Zeitung, die ja zu Aufgabe hat, „Jüngstes Gegenwartsgeschehen in kürzester regelmäßiger Folge der breitesten Öffentlichkeit zu vermitteln“ – so heißt es in einer Zeitungslehre. Vermittlung aber braucht Deutung. Das galt schon zu Zeiten, als Zeitung einfach Nachricht bedeutete. Wenn Sie so wollen, war das Evangelium immer eine gute Zeitung.

Wie in so einer Zeitung Deutung und Situation aufeinander bezogen werden können, sehen wir in einem Text von Hans Sachs aus dem Jahr 1546. Die Evangelischen hatten den Schmalkaldischen Krieg gegen die Kaiserlichen verloren. Bayern, die Pfalz und ein Teil von Sachsen hatten sich mit dem Kaiser verbündet. Die Evangelischen sind bestürzt: Die Reformation ist in Gefahr.  Christus ist verraten worden. Darüber schreibt Hans Sachs „Wünderlicher dialogus und neue Zeitung“ Und was war die neue Zeitung?

Der Herrgott hat vor, wegen der unhaltbaren Zustände in Deutschland nach Ägypten zu fliehen, wie damals die Heilige Familie. Information und Deutung, darum ging es schon damals. Wichtig sind die Kategorien, unter denen die Texte und Bilder der Zeitung entstehen, sind die Kategorien, mit denen das Geschehen gedeutet wird.

Nun hat die Zeitung, die wir heute feiern, sich einen programmatischen Namen gegeben, der gleich zwei Kategorien enthält: Glaube und Heimat. Diese beiden Kategorien oder Leitlinien für das Selbstverständnis der Jubilarin haben mich gereizt, an dem heutigen Festtag einmal dem Verhältnis von Glaube und Heimat nachzugehen.

Glaube und Heimat, eine denkwürdige Beziehung

Zunächst:

1. Glaube und Heimat – eine vielfältige Geschichte

Meine Damen und Herren, der 90. Geburtstag fällt in ein Jahr vielfältiger Erinnerungen. Vielfältige Erinnerungen gehören nun mal zu so einem Geburtstag. Und immer wieder klingen bei den Erinnerungen dieses

Jahres die Themen Glaube und Heimat auf:

Die Zeitung “Glaube und Heimat” wurde in einer Zeit der Kriegserinnerung gegründet. 10 Jahre vorher hatte der schreckliche erste Weltkrieg begonnen. Alle hatten damals ihre Heimat beschworen, Deutschland und Österreich–Ungarn, das Osmanische Reich und Bulgarien auf der einen Seite. Frankreich, Großbritannien, Serbien Russland, Japan, die USA auf der anderen Seite. Und keiner verstand sich als Angreifer, alle wollten nur die Heimat verteidigen, und dem wurde alles untergeordnet. Auch die Kunst – es waren nur wenige wie die Frauen Käthe Kollwitz und die erste Friedensnobelpreisträgerin Berta von Suttner, die sich von Anfang an gegen diesen Krieg wandten. Berta von Suttner sprach angesichts erster Militärflugzeuge vehement gegen die Einbeziehung des Himmels in den Krieg. Es lohnt sich, bei der Debatte um die Drohnen an sie zu erinnern.  Selbst Ernst Barlach hatte noch sehr angriffslustige Zeichnungen angefertigt.

Und der Glaube wurde vereinnahmt – von allen Seiten. In Deutschland landete ein Ausschnitt aus der berühmten Rede Bismarcks vom Februar 1888 auf den Feldpostkarten: „Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt“. Vergessen war, dass Bismarck vorher gesagt hatte, dass das deutsche Reich es vermeiden müsse, in gefährliche Koalitionen und Konflikte verwickelt zu werden. Und im Anschluss sagte er:  „Die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen lässt.“ Bismarck hatte offensichtlich noch ein wenig mehr von der Zuordnung von Glauben und Heimat verstanden als die, die nach ihm kamen. Im ersten Weltkrieg aber konnten oder wollten sich die Gegner dem inneren, propagandistischen und dann äußeren Kampf nicht entziehen. Geschützt sollte die Heimat sein und rein von Fremden und Fremdem. Und so starben nicht nur die Soldaten, sondern viele Zivilisten wurden zu Opfern. Im nächsten Jahr erinnern wir an den Musa Dagh und den Völkermord an den Armeniern. Über eine Million Armenier wurden im Aghet, in der Katastrophe, wie sie es nennen, vertrieben und getötet.

Und am Ende des furchtbaren Weltkrieges war niemand einfach Sieger. Für viele ging die Heimat verloren und der Glaube an die Zukunft. Über 17 Millionen Menschen hatten ihr Leben verloren.

Und dann kam der Zweite Weltkrieg. Wir erinnern an den Beginn vor 75 Jahren. Erst kam der Überfall auf Polen, später wurde die Sowjetunion angegriffen. In der Folge verloren die Wolgadeutschen ihre Heimat, weil sie als Kollaborateure galten. Genau wie die Kalmücken und die Krimtataren und viele mehr. Die Wolgadeutschen wurden nach Sibirien und Kasachstan verschleppt. Viele kamen auf den Wegen dahin und in den Arbeitslagern ums Leben. Als sie in Stalingrad auf die Wolga-Schiffe verladen wurden, sangen sie: „Jesu geh voran auf der Lebensbahn.“ Die Heimat war verloren, der Glaube war ihnen geblieben. Ich habe bewegende Berichte von Menschen gehört, die alles daran gesetzt haben, auf den Transporten, in den Lagern, unter schwierigsten Umständen die Familienbibel zu bewahren. Es war ihr größter Schatz. Der Glaube war zur Heimat geworden. Und diese Heimat nahmen sie mit.

Vor 80 Jahren dann, die Zeitung “Glaube und Heimat” war gerade 10 Jahre alt, sagte Dietrich Bonhoeffer bei einer Andacht während einer ökumenischen Konferenz im dänischen Fanö: „Wie wird Friede? Wer ruft zum Frieden, dass die Welt es hört, zu hören gezwungen ist? Nur das eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, dass die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muss.“ Bonhoeffer hatte die Hoffnung, dass der gemeinsame weltweite Glaube so stark sein könnte, dass eben nicht mehr Nation gegen Nation, Heimat gegen Heimat stehen müssen.

Diese Idee wurde 1983 bei der Vollversammlung des ökumenischen Rates in Vancouver wieder aufgenommen. Die DDR Delegation hatte zu einem Friedenskonzil aufgerufen. Der konziliare Prozess für Frieden Gerechtigkeit und Bewahrung der  Schöpfung wurde geboren und gewann mit den ökumenischen Versammlungen in Dresden, Magdeburg und wieder Dresden eine große Dynamik und veränderte unsere Heimat. „Eine Hoffnung lernt gehen“ war das Motto des Aufrufes an die Gemeinden. So lernten die Menschen mit aufrechtem Gang gehen, mit Kerzen in den Händen, mit Hoffnung, dass es gut werde mit der Heimat. Dass dann für viele so viel Heimat verloren ging, war nicht abzusehen. Es sind lange Gespräche notwendig, nach wie vor: Was war Heimat in der DDR? Was war eher ungeliebtes zu Hause? Und welche Rolle spielte der Glaube?

Wo war er Heimat? Wo war er gerade kritisches Gegenüber zur erlebten Heimat.

Ich selbst bin mit zwei Sprüchen meiner Eltern aufgewachsen: „Wer glaubt, flieht nicht.“ Und: „Blühe, wo du gesät bist.“ Doch das war für viele nicht so einfach. Für die einen war der Glaube so wichtig, dass sie blieben. Heimat war ja auch Aufgabe und Verantwortung. Für andere war die Heimat, die Familie, das vertraute Leben so stark, dass sie sich, soweit es für sie nötig war, anpassten, um die Heimat nicht verlassen zu müssen. Andere wiederum fanden die Heimat unerträglich und gingen fort. Manche konnten sich gut vorstellen, mit ihrem Glauben woanders Heimat zu finden, ohne sich ständig verbiegen zu müssen, und andere wiederum wurden gar nicht gefragt, sondern inhaftiert und abgeschoben.

Vielen Christen, die blieben, half der Glaube, den überall geltenden Regeln der Anpassung, des Achsenzuckens, der Maulkörbe zu widerstehen. Der Glaube half, den begrenzten Horizont der kleinen DDR zu durchbrechen.

Erinnern sie sich noch? Wenn dieser weitere Horizont des Glaubens den Mächtigen zu weit ging, dann konnten sie schon mal ganze Zeitungen „verbieten”. Einmal entschied die Redaktion von “Die Kirche”, in einer Ausgabe die unerwünschten Absätze frei zu lassen. Zeichen eben eines weiteren Horizonts.

Mit der Wende dann veränderte sich die Heimat, die Infrastruktur, die Wirtschaft, die politische Landschaft. Es kamen Strukturveränderungen, neue Kirchen- und Landkreise, neue Bundesländer und neue Kirchen.

Vor 10 Jahren startete das gemeinsame Kirchenamt und konstituierte sich das Kollegium. Kurz danach kamen Föderationssynode und Föderationskirchenleitung zum ersten Mal zusammen. Was war aus der Heimat in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen und in der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen geworden? Und welche Rolle spielte der Glaube?

Über den Glauben einigte man sich verhältnismäßig schnell. Die Sache mit der Heimat war etwas schwieriger. Manche Beiträge aus dem Norden oder aus dem Süden klangen so, als ginge es darum, sich mit Menschen aus anderen Religionen und fernen Ländern zusammenzuschließen.

Das ist ja inzwischen etwas besser geworden.

Die Frage aber bleibt, wie wichtig ist uns unsere jeweilige Heimat, die jeweilige Tradition und Geschichte, das, was wir gewohnt sind und was uns geprägt hat und wie wichtig ist uns der verbindende Glaube.

Und wie steht es um Glaube und Heimat heute 2014?

In unserer Nachbarschaft, in dem Land “U Kraina”, also in dem Land am Rande, wie es übersetzt heißt, stehen wieder einmal Heimat gegen Heimat. Das Land ist geprägt durch die Regionen mit ihrer unterschiedlichen Geschichte, mit unterschiedlicher Heimat, wenn Sie so wollen: Als Teil des Zarenreiches, des Kaisertums Österreich, des polnisch litauischen Reiches, des Khanates Kasan und immer wieder auch unabhängig.  Und wie im Zweiten Weltkrieg, Westukrainische Verbände auf Seiten der Deutschen Wehrmacht kämpften und ostukrainische Partisanen auf Seiten der roten Armee, alles im Namen der Heimat, so berufen sich heute wieder die verschiedenen Gruppen auf die Geschichte ihrer jeweiligen Heimat und beklagen die Dominanz der anderen Seite.

Und dazwischen der Glaube. Es ist eines der eindrücklichsten Bilder aus dem Konflikt: Eine junge Frau steht zwischen Schwerbewaffneten, mitten zwischen starken Barrikaden und sie hat eine weiße Fahne in der einen Hand und in der anderen eine Ikone.

Mitten in den Kämpfen um die Heimat der Glaube an den Frieden und an die Nähe Gottes. Und mitten drin die Kirchen. Auf Grund ihrer Geschichte gehören auch sie zu verschiedenen Seiten.

Vier verschiedene Kirchen mit orthodoxem Ritus, wobei die größte von ihnen zum Moskauer Patriarchat gehört und eine andere zur Römisch Katholischen Welt, eine Römisch-Katholische Kirche und verschiedene Kirchen aus der protestantischen Familie. Immer wieder stehen diese Kirchen auf Grund ihrer Geschichte gegeneinander, oft aber auch zusammen gegen Gewalt, für friedliche Lösungen, für eine vereinigte Ukraine, in der alle ihren Platz haben. Schon 1997 formulierten sie gemeinsam: „Nicht zulassen werden wir, besonders nicht in den Massenmedien, irgendwelche Äußerungen im Geist der Feindschaft nationaler und konfessioneller Unverträglichkeit. Wir werden uns aller Ausflüchte und ehrabschneidenden Erklärungen enthalten.

Noch im März diesen Jahres hieß es in einer gemeinsamen Erklärungen verschiedener Religionen und Konfessionen: In der jetzigen politischen und gesellschaftlichen Lage müssen wir Kirchen und Religionsgemeinschaften sowie alle Regierungsorgane alles in unserer Macht stehende tun, um den religiösen Frieden in der Ukraine zu bewahren. Wir dürfen auf keinen Fall Ausbrüche von Gewalt auf religiöser Basis zulassen. Unsere große ukrainische Familie muss einheitlich in der Vielfalt sein.

Der gemeinsame Glaube hatte sich als stärker als die jeweilige Heimat erwiesen. Daneben gibt es aber auch die andere Erfahrung, dass die Kirchen anfangen, die Feindbilder zu teilen. Es hat eben Opfer gegeben und Schmerz und Trauer auf allen Seiten. Augenblicklich sind einzelne Friedensgebete das, was für die Heilung der zerrissenen Heimat geschieht. Umso wichtiger ist es, dass wir mit unseren Gebeten nicht nachlassen und jeder Polarisierung widerstehen.

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn man sich allein diesen kleinen Ausschnitt aus den letzten 100 Jahren vor Augen führt, merkt man, es handelt sich bei Glaube und Heimat wirklich um ein denkwürdiges Verhältnis. Lassen Sie mich darum dieses Verhältnis noch ein wenig weiter differenzieren.

Glauben braucht Heimat

Zwei Überlegungen dazu:

A. Glaube braucht Heimat,

weil Gott Mensch geworden ist

B. Glaube braucht die Unterscheidung von Glaube und Heimat

A Glaube braucht Heimat, weil Gott Mensch geworden ist

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes voll Gnade und Wahrheit. Gott hat sich nach jüdisch-christlicher Überzeugung nicht allgemein mit der Menschheit verbunden, sondern ganz konkret mit dem Volk Israel. Gott ist nicht Mensch an sich geworden, sondern ein konkreter Mensch zu einer konkreten Zeit – Jesus von Nazareth, von dem die Leute, die seine Heimat kannten, sagten: Na, was kann aus Nazareth schon Gutes kommen? Abschätzige Beurteilungen einer fremden Heimat. Gott hat es am eigenen Leib erfahren. Er verbindet sich mit konkreten Menschen, mit ihrer Geschichte, mit ihren Erfahrungen, mit ihrer Sprache. Heino Falcke hat in der letzten Woche an das Pfingstfest erinnert, bei dem die Menschen die Botschaft in ihrer Sprache verstehen, das heißt: in ihrer jeweiligen Heimat, in ihrem Hause, auf ihrer Straße wird das Evangelium jeweils anders verständlich.

Doch der Glaube verbindet alle.

Dieser Gedanke brachte die Slawenapostel Kyrill und Method dazu, das kyrillische Alphabet zu entwickeln, um die biblische Botschaft in slawischer Schrift zu schreiben. Dieser Impuls aus dem 9., Jahrhundert hat dazu geführt, dass in der Orthodoxie immer wieder auf einheimische Sprachen gesetzt wurde. Die göttliche Liturgie, das Gotteslob erklingt in den jeweiligen Heimatsprachen, in Finnisch und Englisch, in Französisch und Polnisch, in Rumänisch und Griechisch und Kirchenslawisch. Dass das Altslawische wie übrigens auch das Lutherdeutsch auch zu einer Art heiliger Sprache wurde, ändert daran nichts.

Nicht umsonst werden Kyrill und Method als Vorläufer Luthers bezeichnet. Diese Parallele wird nicht ohne Grund immer wieder in der Evangelischen Kirche der Slowakei betont, gehören doch alle, Kyrill und Method und Luther, zu den prägenden Gestalten der Slowakei. Dass später der Lutherschüler und finnische Nationalheld Mikael Agricola dann die finnische Schriftsprache entwickelt, damit das Evangelium auf Finnisch erscheinen kann, ist nur folgerichtig. So sei noch einmal erinnert an Luthers Impuls an eine Sprache, die die Leute verstehen: „Man muß nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man deutsch reden soll, wie diese Esel tun; sondern man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den einfachen Mann auf dem Markt danach fragen, und denselben auf das Maul sehen, wie sie reden, und danach übersetzen, so verstehen sie es denn, und merken, dass man deutsch mit ihnen redet.”

So ist schon die Geschichte Jesu Christi nicht eine abstrakte Lehre, sondern eben Geschichte, verbunden mit konkreten Menschen, mit konkreten Landschaften. Da sind die Römer, Samaritaner und Juden, da sind die Reinen und die Unreinen, da sind die Reichen und die Armen, da sind die Vorurteile über die Fremden, da steht Heimat gegen Heimat und mittendrin die Botschaft von der Versöhnung. So ist der Glaube auch bei Luther immer theologisch sorgfältig durchdacht und entwickelt, aber immer auch mit konkreten Situationen verbunden, immer an der Heimat interessiert.

“Ich bin ein Landeskind in der Herrschaft zu Mansfeld, dem es gebühret, sein Vaterland und Landesherrn zu lieben und das Beste zu wünschen, dazu auch ein öffentlicher Prediger, der da schuldig ist zu vermahnen, wo jemand, durch den Teufel verführt, nicht sehen kann, was er für Unrecht tut, schreibt er.”

So kommen bei ihm Glaube und Heimat zusammen. Die alte Erfahrung, dass Gott nicht allgemein in der Welt zu Hause ist, sondern immer ganz konkret Heimat findet, hat Christen aller Zeiten dazu gebracht, sich auf die Länder, in denen sich der Glaube ausbreitete, einzulassen: auf die Kultur, auf die Geschichte vor Ort, auf die Sprache. Dass das nicht unkritisch geschehen darf, zeigt folgender Text Martin Luthers: “Ja, ich weiß leider wohl, dass wir Deutschen immer Bestien und tolle Tiere sein und bleiben müssen, wie uns denn die umliegenden Länder nennen. Mich wundert aber, warum wir nicht auch einmal sagen: Was sollen uns Seide, Wein, Gewürze und die fremde, ausländische Ware, so wir doch selbst Wein, Korn, Wolle, Flachs, Holz und Stein in deutschen Landen die Fülle zur Nahrung haben, dazu auch eine reiche Auswahl zur Ehre und Schmuck? Die Künste und Sprachen, die uns ohne Schaden, ja größerer Schmuck, Nutzen, Ehre und Frommen sind, sowohl die heilige Schrift zu verstehen wie weltlich Regiment zu führen, wollen wir verachten; und die ausländischen Waren, die uns weder von Nöten noch von Nutzen sind, die wollen wir nicht entbehren. Heißen das nicht billig deutsche Narren und Bestien?”

Vom Glauben zu erzählen heißt immer, von Christus zu erzählen. Und von Christus zu erzählen, heißt immer, Geschichte zu erzählen. Sola fide und solus christus gehören zusammen. Oder anders gesagt: Allein der Glaube, als gäbe es die konkrete Heimat nicht, wird zur Ideologie oder zum reinen Machtinstrument, so wie es in der Missionsgeschichte viele Beispiele gab. Beispiele, in denen es eben weniger um Beheimatung von Glauben ging, sondern oft um Macht – und Kulturtransfer.

Glaube braucht Beheimatung: Dazu gehört das Interesse an den Menschen. Dazu gehört, sich auf regionale Unterschiede einzulassen. Dazu gehört aber auch, den Schmerz zu teilen, wenn Heimat verloren geht, wenn Vertrautes, Althergebrachtes nicht mehr da ist, wenn Häuser und Bäume und Menschen und Erinnerungen verletzt werden. Glaube hilft aber auch, das auszuhalten, Erinnerungen an die Heimat nicht abzuwerten, sondern zu bewahren. Das ist der tiefere Sinn, wenn wir in der Reformationsdekade dazu aufrufen, Regionalgeschichte zu erkunden, jeweilige Heimat ans Licht zu bringen, sich gegenseitig auszutauschen über vielfältige Geschichte.

Der Schritt in die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland war unverzichtbar, um Verwaltung zu konzentrieren und Kräfte zu bündeln. Die EKM ist aber keine Glaubensgröße. Der Glaube hat in ihr in den verschiedenen Regionen in unterschiedlichen Kulturen Heimat gefunden. Und er muss sowohl in der ganzen EKM und darüber hinaus, als auch vor Ort an unterschiedlichen Orten mit unterschiedlichen Menschen immer wieder neu beheimatet werden. Orientierung an der richtigen Botschaft reicht nicht, sondern die Frage heißt, wie kommen die Menschen vor, mit denen ich zu tun habe. Interessiere ich mich wirklich für die Leute, für ihre Heimat, für ihre Lebensumstände, für das, was sie bewegt? In der Sowjetunion, in der DDR und manchmal auch heute hörte und hört man: Die Kirche soll sich um ihre Sache kümmern, aber nicht um Gesellschaft und Politik. Die Reformation hat gezeigt, wo Kirche sich um ihre Sache kümmert, ist sie immer politisch und stößt gesellschaftliche Veränderungen an, weil es ihr um die Menschen geht, um ihre Fragen, um ihre Sprache, um ihre Fähigkeit mitzudenken, mitzureden, mitzugestalten, Heimat zu fördern. Es heißt nicht: Suchet eine gute Ideologie für das Land oder ein abgeschiedenes Inneres, sondern Suchet der Stadt Bestes. Dabei darf ein zweites nicht vergessen werden:

B Glaube braucht die Unterscheidung von Glaube und Heimat

Gott ist Mensch geworden. Er wohnte unter uns. Das ist das Argument für die Heimat. Aber er ist Gott geblieben, wahrer Gott.

Darum ist es notwendig, immer wieder Glaube und Heimat zu unterscheiden. Glaube ist eingebunden in die Heimat vor Ort. Es ist wichtig, regionale Kultur zu entwickeln und ihr dienstbar zu sein.

Aber wir sind im Hören auf Gottes Wort immer auch freie Herren über diese Kultur und nicht ihr unterworfen. Glaube braucht das Wissen um die Mechanismen von Heimat. Es ist nicht gut so zu tun, als gäbe es den reinen Glauben. Wer die Einflüsse von Kultur und Heimat und Tradition auf den Glauben nicht kritisch reflektiert, geht immer wieder in dieselben Fallen. Gerade die Zeit des Nationalsozialismus zeigt, was passiert, wenn Glaube und Ideologie, Glaube und Heimatgefühl, Glaube und Zeitgeist nicht unterschieden werden. So schreibt der Kirchengeschichtler Preuß über Luther und Hitler:

Beide seien deutsche Führer, beide zur Errettung des Volkes berufen, beiden geht der Schrei nach einem großen Manne der Rettung voraus, beide seien aus dem Bauernstand, sie treten in den 30er Jahren ihres Lebens als gänzlich unbekannte Leute auf, beide lieben ihr Vaterland, die Frauen treten für beide aus der Öffentlichkeit zurück in die Häuslichkeit. Und als leuchtende Schlussparallele: “Luther und Hitler fühlen sich vor ihrem Volke tief mit Gott verbunden.” – “Man hat gesagt, das deutsche Volk habe dreimal geliebt: Karl den Großen, Luther und Friedrich den Großen. Wir dürfen nun getrost unseren Volkskanzler hinzufügen. Und das ist wohl die lieblichste Parallele zwischen Luther und Hitler.”

Es ist gefährlich, sich mit der Heimat zu sehr zu identifizieren und die Distanz des Glaubens zu verlieren. Immer wieder höre ich augenblicklich  auch von Kirchenvertretern aus der Ukraine: Wir müssen doch sagen, wer angefangen hat. Wir müssen doch benennen, wer Schuld hat. Die Kirche muss doch Position beziehen. Und dann wurden auf beiden Seiten Ostereier bemalt: auf der einen Seite in den Farben der ukrainischen Staatsflagge, auf der anderen Seite mit Zarenportraits. Gott mit uns auf beiden Seiten, wir damals auf den Koppelschlössern.

Ja, liebe Schwestern und Brüder, die Kirche muss Position beziehen: Aber nicht für die eine oder andere Seite im Konflikt, sondern für Frieden, gegen Gewalt, für die Opfer, gegen die Schläger, für die Politik, gegen das Militär. Nächstenliebe braucht Klarheit, haben wir in der EKM formuliert. Das ist ein Plädoyer des Glaubens gegen eine unreflektierte Heimatliebe. Glaube braucht Heimat, aber auch die Unterscheidung von Glaube und Heimat. Aber auch das Umgekehrte gilt. Darum

2. Heimat braucht Glauben

Zwei Überlegungen dazu

A    Heimat braucht Glauben, um das Danken nicht zu verlernen

B    Heimat braucht Glauben in hilfreicher Distanz

A    Heimat braucht Glauben um das Danken nicht zu verlernen

O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat, singen wir an jedem Anfang eines neuen Kirchenjahres. Und im Hintergrund klingt der Psalm: Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.

Heimat braucht Glauben, damit nicht vergessen wird, dass sich Heimat nicht von allein versteht, sondern sich verdankt. Augenblicklich wird viel geschimpft und geklagt, doch was hält die Gesellschaft innerlich zusammen? Was verbindet die Menschen mit ihrer Heimat, wie sie nun mal ist?

Es lohnt sich, alte Bilder anzusehen, Bilder aus der Zeit vor 25 Jahren. Was ist nicht alles geworden! Wofür gilt es nicht alles zu danken! Das Land Sachsen-Anhalt hat die geringste Verbindung der Bevölkerung mit ihrem Land, hat eine der vielen Untersuchungen der letzten Zeit ergeben. Und mancher hat sich gefragt, ob es nicht einen Zusammenhang gibt zwischen dieser Distanz zur Heimat und der geringsten Zahl von Christen weit und breit. Ich bin nicht sicher, ob man das wirklich so sehen kann. Ich weiß aber, dass der Glaube hilft, das Dankenswerte zu entdecken und auch mit schmerzlichen Entwicklungen in der Heimat umzugehen. Der Glaube erinnert immer wieder daran: Leben wir, geht es uns gut; sind wir geborgen und voller innerer und äußerer Kraft, dann leben wir dem Herrn. Aber sterben wir, verändert sich die Heimat schmerzlich, geht Vertrautes verloren, lassen unsere Kräfte nach, auch dann sterben wir im Herrn. Wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Das stärkt Heimat.

Das hilft, vor Ort zu Hause zu sein.

B    Heimat braucht Glauben in hilfreicher Distanz

Und zwar:

- Als Ruf zur Umkehr

- Als Weitung des Horizonts

- Als Hoffnung auf die Zukunft

Ja, Luther lässt sich auf die Heimat ein, auf die besonderen Orte mit ihrer Geschichte. Und so weiht er die Torgauer Schlosskapelle. Aber es geht nicht in erster Linie um diesen besonderen Ort, sondern er schreibt: “Ihr sollt auch zugleich mit angreifen, auf daß dieses neue Haus dahin gerichtet werde, daß nichts anderes darin geschehe, als daß unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir umgekehrt mit ihm reden durch unser Gebet und Lobgesang.”

Darum geht es und darum sind die Traditionen, die ja Heimat ausmachen, nicht das Wichtigste:

“Aber wir, die wir im Reich unseres Herrn Christus sind, sind nicht an feste Zeiten und Ort gebunden, sondern wir sind alle Priester, daß wir alle zu aller Zeit und an allen Orten Gottes Wort und Werk verkündigen sollen. Wir haben die Freiheit, wenn uns der Sabbat oder auch der Sonntag nicht gefällt, so können wir den Montag oder einen anderen Tag in der Woche nehmen und einen Sonntag daraus machen. Kann es nicht unter einem Dach oder in einer Kirche geschehen, so geschehe es auf einem freien Platz unter dem Himmel, oder wo Raum dazu ist, aber doch so, daß es eine ordentliche, allgemeine, öffentliche Versammlung sei, weil man nicht für jeden einen besonderen Ort bestellen kann und auch nicht in heimliche Winkel gehen soll, auf dass man sich dort verstecke.”

Zeiten und Orte, regionale und überregionale Traditionen sind wichtig, sind aber nicht die Mitte, die Mitte bleibt, dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir umgekehrt mit ihm reden durch unser Gebet und Lobgesang.

Heimat braucht Glauben, aber auch, damit die Schatten, die über der Heimat liegen, die Schatten der Vergangenheit und die Schatten der Gegenwart, nicht übersehen, nicht grell ausgeblendet werden. Heimat braucht Glauben, damit die Schatten der Heimat benannt werden können. Darum ist es ja so wichtig, dass wir uns in der Erinnerung an die Reformation immer wieder mit dem Schicksal der Juden, der Täufer und der Bauern und mit der oft allzu engen Verbindung zum Staat befassen. Darum ist es ja so wichtig, dass wir kritisch darauf sehen, welche Denkweisen zur Verfolgung und Tötung Andersglaubender geführt haben.

Heimat braucht Glauben als Ruf zur Umkehr.

Sie haben ja dankenswerter Weise in „Glaube + Heimat“ diese dunkle Seite nicht verschwiegen, sondern auch das Wort von Bischof Martin Sasse von 1935 abgedruckt, in dem es unreflektiert heißt: „Gott hat den Friedenswillen und das Friedenwerk unseres Führers gesegnet.“ Gut ist, dass sie daneben auch an die Friedensbotschaft der EKD Synode von 1950 erinnert haben. Die Zeitung ist eben auch selbst Spiegel des komplizierten Verhältnisses von Glaube und Heimat.

Heimat braucht Glauben in kritischer Distanz.

Heimat braucht Glauben als Ruf zur Umkehr.

Aber auch zur Weitung des Horizontes. Es ist die Erfahrung des alten jüdischen Volkes. Jerusalem und der Tempel als der Ort des Glaubens gehen verloren. Die Thora wird zum Tempel, den die Gläubigen mit sich tragen. So wie später viele Vertriebene Christen ihre Bibel bei sich hatten. Die Heimat ging verloren, der Glaube in hilfreicher Distanz zur alten Heimat half, neue Heimat zu entdecken. So haben Gläubige gegen die Fremdenfeindlichkeit in ihrer Heimat immer wieder dazu aufgerufen, Flüchtlinge aufzunehmen. Wir sind ja gerade wieder dabei, für unsere Schwestern und Brüder aus Syrien, deren Heimat im Chaos und im Tod versinkt, Heimat anzubieten. Glaube in hilfreicher Distanz zur alten Heimat half aber auch immer, neue Heimat zu finden: für die Hugenotten, für die christlichen Gemeinschaften, die nach Amerika ausgewandert sind; für die vielen Flüchtlinge, die nach dem 2. Weltkrieg zu uns kamen. „Wo du Wohnung hast genommen, da ist lauter Himmel hier“, singen wir.

Meine Großmutter, die meinen Glauben sehr geprägt hat, musste in ihrem Leben sehr oft umziehen: immer wieder neue Orte, neue Menschen, eine neue Gemeinde, immer wieder neue Heimat, bis sie 97 wurde. Ihr letzter Umzug war mit 90. Und wieder fand sie sich fröhlich in der neuen Heimat zurecht: „Wo das Evangelium gepredigt wird und Gemeinde sich versammelt, da bin ich zu Hause.“ Hat sie immer gesagt. Das kann man nicht verallgemeinern. Das zeigt aber, wir hilfreich es ist, wenn der Glaube nicht mit der altvertrauten Heimat, mit dem, wie es immer gewesen ist, identisch ist.

Heimat braucht Glauben als Weitung des Horizontes.

Immer wieder sind Christen für eine Erneuerung der Kirche, für die Weite des Glaubens, für Jesus Christus als Mitte des Lebens eingetreten. Das ist Thema der gesamten Geschichte des Christentums. So war die Erneuerung der Kirche schon 100 Jahre vor Luther das große Thema. Verschiedene reformatorische Bewegungen bestimmten Kirche und Gesellschaft. Dass am Ende eine Reihe von Konfessionen gegeneinander stand, zunächst in einem fürchterlichen Krieg, dann in herzlicher Verachtung, kann man in dieser Hinsicht auch als Scheitern der Reformation bezeichnen. Insofern ist es etwas Besonderes, dass wir 500 Jahre Reformation wieder in einem ökumenischen Klima, in einem Geist der Umkehr, der Erneuerung und der Verständigung begehen. Immer mehr wird akzeptiert, dass es vielfältigen Glauben in vielfältiger Heimat gibt. Aber eben auch Glauben, der eine zu starke Beheimatung in Traditionen und Konfessionen infrage stellt. So braucht Heimat den Glauben in horizontweitender Distanz, damit Männer und Frauen, Alte und Junge, Starke und Schwache, Fremde und Einheimische, verschiedene Konfessionen und Religionen einander achten und als Bereicherung erleben.

Mir liegt sehr daran, dass wir im nächsten Themenjahr „Reformation, Bild und Bibel“ eines nicht vergessen, nämlich: Du sollst dir kein Bild machen!! Nicht von denen im Süden der EKM noch von denen im Norden, nicht von denen in den Städten noch von denen auf dem Land, nicht von den Fremden noch von den Andersdenkenden. Es ist schön, dass bei der Eröffnung des Luthergartens in Wittenberg nicht nur die Lutheraner da waren, sondern die christlichen Weltbünde. Der Luthergarten war ein ökumenisches Projekt geworden. Der Glaube hatte den konfessionellen Horizont durchbrochen.

Und schließlich. Heimat braucht Glauben um der Zukunft willen.

Luther schreibt: “Warum die Kirche auf Erden keine Heimat findet. Erstens, damit wir daran erinnert werden, dass wir Elende, Heimatlose und wegen des Falles Adams aus dem Paradies Vertriebene sind. Zweitens, damit wir an den Sohn Gottes denken, der (unser Exil geteilt und) uns in unser Vaterland zurückgebracht hat, aus dem wir vertrieben waren. Drittens, damit uns dieses Exil lehre und daran erinnere, dass unsere Heimat nicht auf dieser Welt ist (Phil. 3, 20), sondern dass uns, die wir hier auf Erden wandeln, noch ein anderes Leben bevorsteht, nämlich das ewige.”

Heimat braucht Glauben, damit die Heimat unter der Zusage Gottes offen für die Zukunft ist und wir nicht in Resignation untergehen. Maria Magdalena starrt in das Grab und kann den Kopf nicht wenden. Mehrfach muss sie angesprochen werden. „Maria“, erst dann merkt sie, dass der verloren Geglaubte ja da ist und ihr vorangeht.

Wir haben hier keine bleibende Stadt, das war die Jahreslosung im vergangenen Jahr. Die Täufer hatten lange keine Kirchen, keine Häuser, keine Heimat für den Glauben. In die Natur sind sie gezogen und haben auf Bergen und im Wald Gottesdienst gefeiert. Oder wie am Anfang der Christen in den Häusern vermögender Glaubensgeschwister. Gerade die Unbehausten, die Bauern, Handwerker, Leibeigene fanden zu den Täufern. Wir dürfen nie vergessen: Heimat ist immer nur zeitweilige Heimat. Die Zukunft liegt, Gott sei Dank, nicht in unseren Händen. Die Zukunft hängt nicht davon ab, wie wir unsere Kirche zur Heimat machen, nicht davon, wie es uns gelingt, den Glauben vor Ort zu beheimaten.

… daß wir an ihm bleiben, dem treuen Heiland,

der uns bracht hat zum rechten Vaterland.

Solchen Glauben braucht jede Heimat um der Zukunft willen.

Schluss: Distanz und Nähe: Kirchenzeitung und Kirche

Liebe Schwestern und Brüder, was bedeutet das alles nun für das Verhältnis von Kirchenzeitung und Kirche und die Leserschaft darüber hinaus?

Warum lesen Sie die Zeitung? Weil Ihre Heimat, Ihre Region, darin vorkommt? Weil Themen des Glaubens und der Zeit diskutiert werden? Weil Sie Anregungen wollen von den Bibeltexten der Woche? Weil es manch interessanten und auch merkwürdigen Leserbrief gibt? Weil Ihnen die Horizonterweiterung der letzten Seite unverzichtbar ist?

Aus meinen Erfahrungen, die ich Ihnen ein wenig angedeutet habe, folgt für mich: Die Kirche braucht all diese Aspekte, und all das gehört zu einer Kirchenzeitung.

Und es geht darum, Glaube und Heimat immer wieder neu aufeinander zu beziehen. Da sind wir nie fertig.

Manchmal ist mehr Regionalinformation gefragt, gerade wenn eine neue Kirche zusammenwächst, manchmal gute Kommentare und Hilfen, die Zeit zu verstehen. Gerade die Ukrainekrise hat ja gezeigt, wie schwer es ist, sich einigermaßen solide zu informieren.

Die Zeitung hat sich auf die Heimat zu beziehen, darf aber nicht in ihr aufgehen. „Identitätsstiftend“ wurde “Glaube + Heimat” immer wieder genannt. Das ist richtig. Es ist aber auch ihre Aufgabe, Identitäten, schnelle Beheimatung und Althergebrachtes infrage zu stellen. Sie hat zu fragen, was denn außer der Identität oder der Heimat oder dem Vertrauten noch handlungsleitend ist und sein könnte.

Die Kirche aber braucht das Gegenüber einer Kirchenzeitung. In der letzten Ausgabe der Essener Kirchenzeitung „Ruhrwort“ war in „eigener Sache“ zu lesen: „Unsere Zeitung soll ein Spiegel der Wirklichkeit sein. Auch der Wirklichkeit unserer Kirche. Das verlangt auch von einer Kirchenzeitung, dass sie nicht herausgeberhöriges willfähriges Multiplikationswerkzeug ist, ein Verlautbarungsorgan höherer Kirchen- und Bischofsmeinungen, sondern dass sie als Kommunikationsfeld zwischen Bischof, Gemeinden und Gläubigen agiert.“ Die Kirchenzeitung hat also die kleine Heimat, die Region, auf die große Heimat zu beziehen. Sie muss Gegenüber bleiben zur Kirche und zum Zeitgeist und zu den vielfältigen Erwartungen-

Wenn sich niemand mehr an der Kirchenzeitung ärgert, dann brauchen wir sie auch nicht mehr.

Dazu braucht die Zeitung das Gegenüber der Leserschaft. Denn es geht um die genaue Sicht auf die Heimat. Wenn die Kirchenzeitung ihrer Aufgabe gerecht werden will, dann muss sie bei den Leuten vor Ort zu Hause sein. In ihren Themen, in ihrer Sprache, aber auch bei den Nichtchristen, der gesamten Bevölkerung.

Aber auch uns Leserinnen und Lesern sei gesagt: Die Kirchenzeitung ist nicht nur dazu da, dass wir vorkommen,dass unsere Propstei, unser Kirchenkreis, unser Ort sein besonderes Gewicht bekommt, sondern Heimat zu zeigen und den Horizont zu erweitern, das ist die Aufgabe!

Darum gehört die letzte Seite, die “Eine Welt”, unbedingt dazu.

Meine Damen und Herren,

man darf eine 90jährige nicht überfordern, auch nicht, wenn sie eine immer wieder junge Kirchenzeitung ist. Sie kann nicht alle Erwartungen erfüllen. Mit kleinem Haushalt schon gar nicht. Was sie aber kann:

Sie kann immer wieder auf die Bedeutung von Heimat hinweisen, nicht einer Heimat, sondern vielfältiger Heimat für sehr unterschiedliche Menschen.

Und auf die Bedeutung des Glaubens, der der Heimat Horizonte eröffnet und diese immer wieder über sich hinausführt.

Die entsprechenden Kategorien dazu hat sie ja.

In diesem Sinne:

Gottes Segen für die nächsten 90 Jahre von Glaube und Heimat.

Pfarrscheune wird Jugendtreff

27. Mai 2014 von redaktionguh  
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Kirchengemeinde und Kommune tun sich für das Projekt in Loitsche zusammen

Aus der alten Scheune auf dem Pfarrhof will die evangelische Kirchengemeinde Loitsche (Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt) gemeinsam mit der Gemeinde Loitsche ein Projekt der konfessionsfreien Jugendarbeit als regionales Angebot für Kinder und Jugendliche entwickeln. Unterstützt wird das Vorhaben »Werk- und Kulturscheune« von der Europäischen Union. Die Baukosten von rund einer Million Euro werden aus dem Leader-Programm mit 350 000 Euro gefördert. Dabei soll die alte Loitscher Pfarrscheune um- und ausgebaut werden, damit darin Seminare und Veranstaltungen angeboten werden können. Ursprünglich sollte auch das alte Stallgebäude mit einbezogen werden, doch das war in einem so desolaten Zustand, dass es abgerissen werden musste. An gleicher Stelle wird ein Ersatzbau errichtet. Dort finden künftig eine Metall- und eine Holzwerkstatt, ein Kreativraum, ein Proberaum für Musikgruppen, die Sanitäranlagen und eine Gruppenküche, beispielsweise für Kochkurse mit Jugendlichen, Platz.

Zur Grundsteinlegung für die Werkscheune im April bot sich noch ein imposanter Blick durch die leeren Gefache auf die Kirche von Loitsche. Foto: Burkhard Steffen

Zur Grundsteinlegung für die Werkscheune im April bot sich noch ein imposanter Blick durch die leeren Gefache auf die Kirche von Loitsche. Foto: Burkhard Steffen

»Man muss schon ein wenig träumen können, um das Potenzial der alten Gebäude zu erkennen. Viele Menschen engagieren sich für das Projekt und damit für die Zukunft der Region«, sagte Pfarrerin Christa Kohtz bei der symbolischen Grundsteinlegung Mitte April. Danach bat sie um Gottes Segen für die Werk- und Kulturscheune.

Loitsches Bürgermeisterin Bettina Seidewitz verriet, was sich in der Hülse befand, die in das Fundament versenkt wurde. »Darin befinden sich die Baupläne, die Baugenehmigung, der Zuwendungsbescheid für die Fördermittel, die Verträge, ein Satz Euro-Münzen, ein USB-Stick mit Fotos und Texten, unter anderem auch der kompletten Bibel, sowie eine Tageszeitung.«
Der Verein »Werk- und Kulturscheune Loitsche« hat gemeinsam mit Jugendlichen das Umbau- und Nutzungskonzept entwickelt. Vereinsvorsitzender und Gemeindepädagoge Benjamin Otto arbeitete dabei eng mit Sandra Kirchmann, der Jugendkoordinatorin für die Verbandsgemeinde Elbe-Heide, zusammen.

Bereits in der Bauphase wollen sich die Jugendlichen bei sogenannten Bauwochenenden mit einbringen. Auch für die Gestaltung des Außenbereiches haben sie bereits Ideen entwickelt, etwa mit in der Werkstatt selbst hergestellten Holzbänken und Tischen, stählernen Feuerschalen oder Leuchten. Zukünftig sollen Bandworkshops, Technik- und Möbelseminare, Jugendleiterschulungen oder Medienwochenenden in Loitsche eine Heimstatt finden. Auch Feste, Open-Air-Kino und Konzerte sind vorstellbar, kündigte der Vereinsvorsitzende an. Das ehrgeizige Bauvorhaben soll im November abgeschlossen werden.

Burkhard Steffen

Gott, die Welt und das Geld

26. Mai 2014 von redaktionguh  
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Bibel und Gesellschaft: Wie vereinbart sich das Heilsversprechen Gottes mit wirtschaftlichen Heilsbekundungen?

Die Bibel ist kein politisches Buch, schon gar keins, das Gesellschaftsmodelle beschreibt. Doch sie beschäftigt sich durchaus mit wirtschaftlichen Verhältnissen.

Die Bibel beschreibt keine Wirtschaftsordnung. Allerdings findet sich in ihr immer wieder schärfste Kritik an den herrschenden wirtschaftlichen Verhältnissen. Beispiele dafür sind die Propheten im Alten Testament; denken wir an Amos, der mit drastischen Worten gegen Prunk, Völlerei und Missachtung der Schwachen wettert. »Sie achten kein Recht, spricht der Herr, sie sammeln Schätze von Frevel und Raub in den Palästen«, kündigt er das Gericht Gottes an. Im Neuen Testament fällt auf, wie zurückhaltend Jesus damit umgeht. Seine Kritik richtet sich nicht gegen den Reichtum an sich, sondern gegen die lebensprägende Bedeutung des Wohlstands. Viel später mündet diese Haltung in die populäre Erkenntnis, Geld sei ein guter Diener, aber ein schlechter Herr. Die Frage nach wirtschaftlichem Tun im Licht unseres Glaubens ist eine Frage der Herrschaftsverhältnisse. Anders als andere Geschichtsdeutungen kennen wir, biblisch begründet, nur zwei Ebenen der Herrschaft: Gott in Jesus Christus ist der Herr aller Herren; er setzt den Menschen, seine ihm ebenbildliche Kreatur zur Herrschaft über die Schöpfung ein. Und weil der Mensch sein Ebenbild ist, übt Gott seine Herrschaft in liebender Barmherzigkeit aus – das Kreuz ist dafür das entscheidende Zeichen.

Für die Herrschaft des Menschen über die Schöpfung können nicht dieselben Bedingungen gelten. Das wäre eine eigentümliche Wendung menschlicher Überheblichkeit, die freilich im Versprechen der Schlange in der Schöpfungsgeschichte – »Ihr werdet sein wie Gott« – angelegt ist.

Foto: www.reisen-sehenswuerdigkeiten.de – pixelio.de

Foto: www.reisen-sehenswuerdigkeiten.de – pixelio.de

Der Mensch verspielt aber die Chance, Gottes Ebenbild zu sein, wenn er die ihm übertragene Verantwortung nicht ernst nimmt, zügellos und unersättlich handelt. Im Bewusstsein der Ursünde, die im Kreuz ein Ende hat, aber erst am Ende der Zeit keine Macht mehr ausüben kann, muss der Mensch seine Herrschaft über die Welt vor Gott stellen. Die neoliberalen Ideologien der jüngsten Vergangenheit, die in der unbegrenzten Herrschaft des Marktes das Heil sehen, sind mit ihren Folgen dafür ein deutlicher Ausdruck. Die Behauptung, damit entstehe ein weltweiter Wohlstand, ist falsch. Zugleich zeigt die Geschichte des Glaubens Beispiele, in denen wirtschaftlicher Wille sich – sehr erfolgreich – auf Gott als letzte Instanz beruft. Der Soziologe Max Weber (1864–1920) begründet vor 100 Jahren mit einer Analyse dazu die moderne Soziologie. Theologisch ist die Argumentationskette vom erfolgreichen Wirtschaften als Segensnachweis falsch und biblisch unbegründet.

Ebenso wenig wie es eine unserem Glauben entsprechende Wirtschaftsform gibt, gilt das Gegenteil. Verbindlich bleiben die kritischen Kriterien der Propheten verbunden mit der Grundsatzfrage der Herrschaftsverhältnisse: Der Mensch ist vor Gott verantwortlich. Gleichgültig, wie es im Detail aussehen mag, gilt immer: Wenn Gott und sein Heil durch andere Heilsvermutungen ersetzt werden, darf dafür keine biblische Begründung herhalten. Das gilt sowohl für ungezügelten Kapitalismus wie auch für Heilsrelevanz heischende Alternativen. Unser Glaube lebt in der vor Gott verantworteten Freiheit des Individuums, das in Gottes liebender Barmherzigkeit geborgen ist. Wer dem folgt, kann in kaum einem Lebensbereich grundlegend anders als barmherzig handeln. Gerade dabei aber wird unsere Begrenztheit deutlich, die wir stets neu bittend vor Gott bringen müssen. Wer durch andere Verhältnisse das Reich Gottes befördern will, muss ebenso scheitern wie säkulare Heilsversprechen zuvor.

Joachim Liebig

Der Autor ist Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts.

Orgel-Clown-Premiere in Holzhausen

25. Mai 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

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TH-21-2014

Ein Clown und eine Organistin bringen Kindern die Orgel nahe. Foto: Ines Rein-Brandenburg

»Fietze« erklärt, wie der große Kasten funktioniert und begeistert Kinder und Eltern

Ja, weißt du denn überhaupt, was ein Ton ist?« – »Na klar, mit Ton hab ich kürzlich erst gebastelt, damit kann man so schön matschen«, strahlt Clown Fietze und demonstriert das Matschen genüsslich mit den Händen. Vielstimmiges Kinderlachen schallt von der rappelvollen Orgelempore der Kirche in Holzhausen (Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau). Nein, so hat es Organistin Gabriele Damm nicht gemeint. Mit Blasebalg, Blockflöte und verschieden langen, dicken, hölzernen und metallenen Orgelpfeifen demonstriert das Duo, wie so »ein großer Kasten mit vielen Pfeifen und vielen Tasten« funktioniert. Überschäumend begeistert versteht der Clown alles falsch und erfindet lustige Experimente, um die jungen Zuschauer aufmerksam zu halten.

Clown Fietze, im bürgerlichen Leben Katharina Kohl, von Beruf Ergotherapeutin, und Gabriele Damm, nebenamtliche Organistin aus Holzhausen, arbeiteten rund ein halbes Jahr an dem eineinhalbstündigen Programm, das so leicht und spontan aussieht. »Wir dachten uns: Orgelführung mit Clown gibt es noch nicht«, meint Damm. Übrigens lassen sich die beiden auch in andere Gemeinden zu Orgelführungen für Kinder einladen. Sie sind bereits ein eingespieltes Team und besuchen einmal wöchentlich Kinder im Krankenhaus des Marienstiftes Arnstadt.

Kinder und Eltern zeigten sich begeistert und lohnten die Mühen mit großzügigen Spenden zugunsten der Orgel. »Lauter Scheine«, vermeldeten zwei Knirpse stolz, die mit einer großen Orgelpfeife als Sparbüchse die Geldgaben der Besucher einsammelten. Denn der Auftritt diente dem Verein zur Erhaltung der Hesse-Orgel in der Dreifaltigkeitskirche zu Holzhausen. Er hat in den letzten knapp zwei Jahren rund 25 000 Euro an Spenden und Fördermitteln zur Sanierung der historischen Hesse-Orgel eingeworben. 1788 erbaut, ist sie eines der wenigen erhaltenen Instrumente des Dachwiger Orgelbaumeisters Johann Michael Hesse. Die Gesamtkosten werden auf etwa 100 000 Euro veranschlagt.

Im September dieses Jahres soll nun der erste Bauabschnitt beginnen, die Orgel ausgebaut, gereinigt, dokumentiert werden. Dann muss die Gemeinde drei Jahre lang ohne Orgel auskommen. Der rührige Förderverein erhält diese Woche den aktuellen Ehrenamtspreis der EKM »Goldener Kirchturm« für sein hervorragendes Engagement.

Ines Rein-Brandenburg

Gut vorbereitet auf den Dienst

25. Mai 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

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Annegret Doms gehört zu den jungen Theologen, die am 18. Mai ordiniert wurden

Die Kirchengemeinden Schwarzheide und Lauchhammer liegen im äußersten östlichen Zipfel der mitteldeutschen Kirche (EKM), schon in Brandenburg. Nach Dresden fährt man 60 Kilometer, nach Magdeburg 200. Hier wird Annegret Doms zum 1. August ihren Dienst als Pfarrerin beginnen. »Mein Mann und ich sind sehr offen und freundlich aufgenommen worden. Der Gemeindekirchenrat hat uns bei der Schulsuche für unsere Kinder unterstützt. Die beiden Gottesdienste, die ich dort gehalten habe, waren gut besucht. Und der Superintendent nahm sich einen halben Tag Zeit, um alles zu zeigen«, erzählt sie mit weichem Dresdener Akzent. Ihr Mann, Steffen Doms, wird in Lauchhammer als Pfarrer eine ganze Stelle antreten, Annegret Doms eine halbe in Schwarzheide – acht Kirchen sind zu betreuen und 1 724 Seelen. Ein Viertel Stellenanteil vom Kirchenkreis ist für den Aufbau des Religionsunterrichtes in einer Grundschule vorgesehen. In Brandenburg wird nicht an jeder Schule das Fach Religion angeboten, es gibt das Pflichtfach Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde (LER). Weitere Arbeitsfelder sind der evangelische Kindergarten und das kirchliche Kinder- und Jugendhaus.

»Die Gemeinde ist von vielfältiger Frömmigkeit geprägt«, berichtet die 39-Jährige, »neben der evangelischen ist auch die Landeskirchliche Gemeinschaft aktiv. Mit der katholischen Gemeinde vor Ort bestehen gute Kontakte. Das freut mich. Auch als Vikarin in Sömmerda war mir das Miteinander von Menschen mit verschiedenen Frömmigkeiten und Prägungen wichtig.« Aus der Gemeinde kam der Wunsch nach neuen Gottesdienstformen; dem will sie gerne nachgehen. Weiterhin möchte sie die Verbindungen zur Kommune stärken, wie sie es im Vikariat erfahren hat.

Freut sich auf ihre Gemeinde: Pfarrerin Annegret Doms. Fotos (3): Viktoria Kühne

Freut sich auf ihre Gemeinde: Pfarrerin Annegret Doms. Fotos (3): Viktoria Kühne

Fühlt sie sich gut vorbereitet? Ja, auf jeden Fall in Sachen Gottesdienst, Kasualien, Gemeindeveranstaltungen. »Nicht so gut aber, was die Verwaltung betrifft«, lacht sie, » das wird die Praxis bringen müssen.« Aus ihrer bisherigen Praxis nimmt sie mit, als Pfarrerin nicht nur einsames Gegenüber und Gebende zu sein, sondern immer auch mittendrin und Empfangende. Selbst aus für sie schwierigen Trauergesprächen schöpfte sie Wichtiges. Natürlich gab es auch andere Erfahrungen: »Wenn man zum Beispiel in Konfliktlinien der Gemeinde hineingezogen wird, sich zu Positionen genötigt sieht und sich abgrenzen muss, damit man als Seelsorger gut arbeiten kann.«

Einiges wird sich verändern für das Pfarrerpaar Doms und ihre vier halbwüchsigen Kinder. »Die Kontakte zu Thüringer Freunden und den Patenkindern werden wir so nicht halten können. Wir müssen uns lösen, das ist mit Trauer verbunden«, sagt Annegret Doms und blickt dann voraus: »Ich wünsche mir für meinen Start, dass die Gemeinde ihre vielen Gaben einbringt, dass sie über Fehler hinwegsehen kann und dass sie mich in ihr Gebet einschließt.«

Jürgen Reifarth

Von Sorgenfressern und Gottvertrauen

24. Mai 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.

Psalm 66, Vers 20

Wissen Sie, was ein Sorgenfresser ist? Meine Tochter, sechs Jahre alt, besitzt einen. Er ist ein Kuscheltier undefinierbarer Gattung mit einem breiten, von einem Reißverschluss verschlossenen Mund. Dort hinein kann man kleine Zettel stecken, auf denen die großen und kleinen alltäglichen Sorgen notiert sind. Der Sorgenfresser kümmert sich dann um die Erledigung der Dinge, die die Kinderseele bedrücken. Natürlich werden sich nicht alle Alltagsprobleme dadurch lösen, aber schon meine Tochter spürt, allein das Niederschreiben und Loslassen, das Bitten, kann gut tun und befreien.

Der Sonntag Rogate erinnert uns daran: Betet, bittet! In Zeiten, in denen es keine Probleme mehr gibt, sondern nur noch »Herausforderungen«, in denen erfolgreich zu sein das Maß aller Dinge ist, gehört schon einiger Mut dazu, sich einzugestehen: Eigene Anstrengung ist gut, aber begrenzt. Für das Gelingen unseres Tuns sind wir gut beraten, um den Segen Gottes zu bitten.

Annegret Grimm

Annegret Grimm, Studienleiterin der Evangelischen Akademie Thüringen

Diese Einsicht bewahrt uns vor Allmachtsfantasien und Hochmut. Wir können nicht alles selbst bewirken, so sehr wir uns auch mühen. Und wir müssen es auch nicht, Gott sei Dank. Wir brauchen keine Sorgenfresser, wir können unsere Anliegen vor Gott bringen. Er weiß, wie es um uns steht, er sieht uns und unsere Sorgen gütig an.

»Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet« – der Beter des 66. Psalms weiß sich getragen von der Gewissheit, dass Gott die Dinge zum Guten wenden kann. Wenn wir von Gott etwas erbitten, heißt das nicht automatisch, dass alle Bitten so erfüllt werden, wie wir uns das vorstellen. Beten verändert vielleicht nicht die Welt, aber es verändert den Betenden: Die Gewissheit, dass wir unsere Sorgen auf Gott werfen können, befreit uns, die Dinge noch mal ganz anders zu sehen. Und vielleicht ist da plötzlich eine Tür, durch die wir gehen können, die wir vor lauter Sorgen vorher nicht gesehen haben.

Annegret Grimm, Studienleiterin der Evangelischen Akademie Thüringen

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