Christen in der Minderheit

12. Mai 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Zeitgeschehen: Die Folgen der »Entkirchlichungspolitik« der DDR sind bis heute spürbar

Der Evangelische Arbeitskreis  der CDU diskutierte über die Geschichte der Kirche in der DDR. Als Gast sprach Kirchenhistoriker Axel Noack über die kirchliche Jugendarbeit.

Wir wollen als CDU an diesen Stachel der DDR-Geschichte erinnern«, sagte der Politiker Jürgen Scharf gleich zu Beginn. Der Evangelische Arbeitskreis der CDU in Sachsen-Anhalt (EAK) hatte vergangene Woche zu Vortrag und Diskussion über die Rolle der Kirche in der DDR und deren Auswirkungen eingeladen. In die Hallesche Gertraudenkapelle waren gut 50 Personen gekommen. Für viele war dieses Stück Kirchengeschichte auch ein Stück eigene Vergangenheit, da die vorwiegend älteren Besucher die staatlichen Repressionen selbst miterlebten und davon erzählten.

Anziehungskraft für die Jugend: Noch im Mai 1989 feierte die Freie Deutsche Jugend ihr Pfingsttreffen in Ost-Berlin. Foto: epd-Bild/Hans Peter Stiebing

Anziehungskraft für die Jugend: Noch im Mai 1989 feierte die Freie Deutsche Jugend ihr Pfingsttreffen in Ost-Berlin. Foto: epd-Bild/Hans Peter Stiebing

Zunächst sprach Kirchenhistoriker und Altbischof Axel Noack über die kirchliche Jugendarbeit in der DDR. Dabei hob er besonders die Unterdrückungsmaßnahmen der SED-Regierung gegenüber den Jungen Gemeinden hervor: Verleumdung in den Zeitungen, Exmatrikulation von christlichen Studierenden und schließlich das Verbot von Kanzelabkündigungen, die die Junge Gemeinde betreffen.

Anschließend erläuterte Christoph Bergner in einem zweiten Vortrag die Konsequenzen dieser »Entkirchlichungspolitik«. Der ehemalige Ost-Beauftragte der Bundesregierung versuchte dabei anhand von Statistiken die sinkende Religionszugehörigkeit in der DDR aufzuzeigen. »Heute ist die Konfessionsbindung im Osten so niedrig, wie sie 1989 von der DDR hinterlassen wurde«, konstatierte er. Auch in Bezug auf die Zahl christlicher Abgeordneter im Landtag gab sich Bergner pessimistisch: »Wir müssen damit rechnen, dass wir in Zukunft eine Minderheit sein werden.«

Nach den beiden Vorträgen diskutierten die Anwesenden rege über die heutigen Perspektiven der Kirche. Ein Mann berichtete aus seiner Gemeinde: »In Halle-Neustadt sieht man die Auswirkungen dieser ideologischen DDR-Politik. Bei allen missionarischen Aufgaben werden wir als Kirchengemeinde gar nicht mehr ernst genommen, das ist frustrierend.« Dies bestätigte Bergner und beklagte, dass Fußball und Sport heute als »Ersatzreligion« dienten. Ebenfalls anwesend war Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der EKD. Er diagnostizierte einen Bruch von Religion und Kultur. »Religion wird fast ausschließlich im familiären Zusammenhang erfahren. Glauben vermittelt sich nicht durch Predigt, sondern durch das Leben«, sagte er. »Heute besteht bei vielen Leuten die Angst, dass ihnen eine Ideologie übergestülpt wird.« Stattdessen solle die Kirche durch Gemeinschaftsbildung die Verbindung von Kirche und Kultur herstellen. Dabei führte er als positives Beispiel das muslimische Kulturzentrum in Halle-Neustadt an, das durch Kulturvermittlung Menschen erreiche.

Weiter wurde aus dem Publikum gefragt, ob die Glaubensvermittlung durch den Religionsunterricht in Schulen seit der Wiedervereinigung erfolgreich war. »Es ist ein Versäumnis der Landeskirche und der Politik, die Jugendarbeit und den Religionsunterricht zu gestalten«, meinte ein Mann aus dem Publikum und beklagte die mangelnde Attraktivität kirchlicher Angebote. Eine ehemalige Schulleiterin sagte: »Meine Beobachtung ist es, dass Religionsunterricht von den Schülern nicht gewünscht wurde. Auch der Ethikunterricht hat seine Berechtigung.«

Axel Noack dagegen sieht die Situation weniger dramatisch: »Wir erreichen heute mit dem Religionsunterricht an Gymnasien mehr Kinder, als wir durch die Christenlehre jemals erreicht haben.« Lediglich an den Real- und Hauptschulen sei das Fach noch nicht erfolgreich etabliert. Zum Abschluss appellierte EAK-Vorsitzender Scharf an die Anwesenden persönlich, die Zukunft der Kirche zu gestalten: »Jeder muss auch selbst Verantwortung tragen und sich engagieren.«

Markus Kowalski

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