Das bunte Kirchendorf kocht

29. Juli 2014 von redaktionguh  
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Bei Temperaturen weit über 30 Grad präsentierten sich die Kirchen auf dem Sachsen-Anhalt-Tag in Wernigerode

Kaum einer, der nicht stöhnte über die sengende Hitze in der Fachwerkstatt am Harz. Wer konnte, suchte sich einen schattigen Ort: Unter den Bäumen auf dem Vorplatz der St.-Johannis-Kirche, an einer Häuserwand oder in einer schmalen Gasse, die die Sonne nicht beschien. Oder eben in der Kirche. Und kaum einer, der über das Kirchendorf beim Sachsen-Anhalt-Tag in Wernigerode zog und nicht staunte oder innehielt: an einem der zahlreichen Stände auf dem Markt der Möglichkeiten, bei einem der Konzerte und Vorführungen auf dem Neuen Markt oder auf der Spielwiese hinter der Kirche St. Johannis.

Das Kirchendorf auf dem Sachsen-Anhalt-Tag in Wernigerode war trotz Hitze gut besucht. Die Pantomimin Angela Kunze-Beiküfner zeigt biblische Geschichten ohne Worte. – Foto: Stefan Körner

Das Kirchendorf auf dem Sachsen-Anhalt-Tag in Wernigerode war trotz Hitze gut besucht. Die Pantomimin Angela Kunze-Beiküfner zeigt biblische Geschichten ohne Worte. – Foto: Stefan Körner

Gleich mit der Eröffnung des Kirchendorfes am Freitag wurden die Befürchtungen des Vorbereitungsteams unter Leitung von Siegfried Siegel zerstreut. Das Gelände, so die anfängliche Sorge, könnte zu abgelegen sein. Was, wenn kaum jemand kommt und Zeit, Geld und die Mühen der Vorbereitung umsonst waren? Eine Sorge, so stellt Siegel zufrieden lächelnd fest während er über die Besucherströme schaut, die unbegründet war: Wer vom Bahnhof in das Zentrum wollte, musste fast zwangsläufig über das Kirchendorf. Die vermeintliche Randlage entpuppte sich als Glücksfall. Auch Christoph Hackbeil, Propst des Sprengels Stendal-Magdeburg, zieht, wenngleich nur als Besucher angereist, ein positives Resümee: »Es gab schon ähnliche Veranstaltungen, bei denen wesentlich weniger Menschen sich das Angebot der Kirchen angesehen haben.« Tatsächlich war es erstaunlich, wie viele Zuschauer zu Theatervorführungen, Bläser-, Pop- und Chorkonzerten aber auch zu Andachten auf dem weithin schattenlosen Neuen Markt kamen.

Das Angebot der Kirchen stand unter dem Motto »Bunt ist unser Glaube«. Wer sich die Zeit nahm und das Programm auf der Hauptbühne ansah, konnte feststellen, dass die Veranstalter mit der Wahl des Mottos richtig lagen. Und ebenso bunt waren die Szenen am Rand. Szenen, wie es sie nur geben kann, wenn sich Kirche auch auf Volksfeste wagt: Es war ein irritierend schönes Bild, als die von Kopf bis Fuß tätowierte Mitarbeiterin eines Getränkewagens lächelnd Menschen bediente, die lauthals das »Vaterunser-Lied« mitsangen, das gerade von einem Diakonissen-Chor dargeboten wurde. Oder wenn eben diese Diakonissen nach ihrem Auftritt von zahllosen Passanten bestürmt wurden, die gerne ein Foto von ihnen schießen wollten.

Rund 20 000 Euro haben die Vorbereitung und Durchführung des Kirchendorfes gekostet, gut 800 Ehrenamtliche sorgten bei der Organisation und den Festtagen für einen reibungslosen Ablauf. Wie wirksam solche Events sind, lässt sich kaum messen oder beziffern. Für die Sichtbarkeit der Kirchen des Landes und der Region war der Sachsen-Anhalt Tag aber eine gute Zeit.

Stefan Körner

»Zieht nun in neue Kriege nicht«

27. Juli 2014 von redaktionguh  
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Im Fokus: Mehr Mut zum Frieden haben – den Gott des Friedens suchen


»Zieht nun in neue Kriege nicht ihr Armen. Als ob die alten nicht gelanget hätten«, mahnt Bertolt Brecht in einem Gedicht. Bis heute können solche Worte nicht laut genug gesagt werden.

In ganz Europa wird erinnert, was vor 100 Jahren begann und hernach der Erste Weltkrieg genannt wurde, weil ihm ein zweiter, noch grausamerer folgte. Die große Mehrheit auch der Christen zog begeistert an die Front. Der Krieg wurde theologisch legitimiert: von dem »Gott, der Eisen wachsen ließ«, der stets »mit uns« war. Die sich gegenseitig auf Befehl Tötenden wurden zu Helden stilisiert: »für Gott, Kaiser und Vaterland«. Predigten feuerten an, Fürbitten richteten sich auf den eigenen Sieg. Der spätere Ratsvorsitzende der EKD (1949–1961), Otto Dibelius, predigte während dieses Krieges in Dresden: »Was wir allesamt unserem Vaterlande schuldig sind: Ganz deutlich belehrt uns darüber die Heilige Schrift; das darf ich betonen gegenüber so manchen Stimmen von links und rechts. Armseliger Krämersinn, der Jesu Wort: ›Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist!‹ nur auf Zins und Steuer, auf Mark und Pfennige beziehen will; Herzblut opfern, das Teuerste fürs Vaterland hingeben, in Treue dienen, wo und wie das Vaterland es braucht: Das ist der Zins, den christlicher Patriotismus darbringt.«

Kriegsgräber-Gedenkstätte in Verdun (Frankreich) – Mahnung zum Frieden – Foto: Etfoto – fotolia.com

Kriegsgräber-Gedenkstätte in Verdun (Frankreich) – Mahnung zum Frieden – Foto: Etfoto – fotolia.com

Buße. Buße. Buße. Nach 17 Millionen sinnlosen Toten! Die nationalistische Furie hatte ganz Europa erfasst. Die deutsche Niederlage enthielt – Versailles! – den Stoff für den verheerenden Raub- und Vernichtungskrieg von 1939 bis 1945. Die Kirche fand zu Schuldbekenntnissen – in Stuttgart und Darmstadt. Sie erkannte, dass Obrigkeitsgehorsam (Römer 13) sich nicht lösen kann vom jesuanischen Friedensethos (Römer 12). Zivilcourage statt militärischem Mut! Nicht der »gerechte Krieg« ist zu führen, sondern ein »gerechter Friede« zu suchen. Nie kann sich Kirche »aus der Politik heraushalten«. Wo Auslandseinsätze anstehen und verschleiernd von »mehr Verantwortung übernehmen« gesprochen wird, dort nehme man die Ergebnisse der Menschenrechts- und Freiheitskriege – Vietnam, Irak, Afghanistan, Syrien, Libyen – in den Blick. Die Gewaltspirale zwischen Israel und Palästina demonstriert die Ausweglosigkeit. Gewalt gebiert Gewalt, entfesselt tiefen Hass.

Frieden braucht den Mut zum Frieden, bis »Gerechtigkeit und Frieden sich küssen« (Psalm 85) und friedfertige Friedensmacher sich ans Werk machen (Matthäus 5,9). Das Geistliche kann und muss politisch werden – zum Frieden ratend, um Frieden betend, Verfeindete versöhnend, Jesus hoffnungsvoll folgend. Das erübrigt nicht die Verurteilung von Kriegsverbrechern, die Trauer über die Toten, das Mitgefühl mit Versehrten und Vertriebenen, die tätige Hilfe für Opfer, das Eingeständnis unseres Versagens durch Tun und Unterlassen. Und beharrlicher Einsatz für ein Völkerrecht, das für alle gilt und gemeinsame Sicherheit anstrebt, statt mit Drohnen zu drohen und die Bundeswehr weltweit für Einsätze fit zu machen.

Wir Deutschen sollten weiter beharrlich auf die andere Karte setzen: auf Prävention, Diplomatie, fairen Interessenausgleich mit gerechterer Verteilung der Lebensgüter, Waffen- und Angstabbau, Respekt vor anderen Kulturen statt westlichem Überlegenheitsinterventionismus, verbunden mit einer Instrumentalisierung der Vereinten Nationen. 1914 mahnt: Nicht mit dem Kriegs-Gott gegen die anderen, sondern mit dem Gott des Friedens für alle. »Es wolle Gott uns gnädig sein …« (Evangelisches Gesangbuch, Nr. 280).

Friedrich Schorlemmer

Ein Plattenbau als Leuchtturm

27. Juli 2014 von redaktionguh  
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Bildung und Umwelt: In Haldensleben wurde am 15. Juli Richtfest für die erste Passivhausschule in Sachsen-Anhalt gefeiert


In Haldensleben wird die erste evangelische Schule in Sachsen-Anhalt in Passiv­hausbauweise umgebaut.

Noch pfeift der Wind durch die Gänge. Wenn alles weiter nach Plan läuft, werden ab Februar 2015 Schüler hier entlangflitzen. Noch ist kaum zu erahnen, dass die nackten Betonwände des Plattenbaus zu einem in der Schullandschaft Sachsen-Anhalts einmaligen Projekt gehören. Michael Bartsch, Vorstandsvorsitzender der Johannes-Schulstiftung, die seit 2008 Trägerin der Schule ist, spricht von einem wegweisenden Modell.

Überhaupt geizen die Sprecher auf dem Richtfest nicht mit großen Worten: ein Leuchtturm, ein Modellprojekt, ja, einzigartig sei das, was in Haldensleben geschaffen werde. Schulleiterin Pia Kampelmann nennt ihre Schule das »Flaggschiff der Schulstiftung«. Die Sekundarschule in Haldensleben (Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt) ist die erste evangelische Schule in Sachsen-Anhalt, die in Passivhausbauweise umgebaut wird. Am 15. Juli war Richtfest.

Richtfest. Michael Bartsch (links) erhofft sich durch den Umbau Impulse für das Schulprogramm. Das Haus wird als Passiv­bau kaum Energie benötigen und das Umweltbewusstsein der Schüler stärken. – Foto: Stefan Körner

Richtfest. Michael Bartsch (links) erhofft sich durch den Umbau Impulse für das Schulprogramm. Das Haus wird als Passiv­bau kaum Energie benötigen und das Umweltbewusstsein der Schüler stärken. – Foto: Stefan Körner

In der Tat wird in Haldensleben etwas Einzigartiges versucht. Zu DDR-Zeiten wurden Schulen in Plattenbauweise nach bestimmten Grundtypen gebaut. Ein in Sachsen-Anhalt weitverbreitetes Modell heißt »Erfurt«. Nach diesem Muster ist auch die Evangelische Sekundarschule in Haldensleben errichtet. Und sie war sanierungsbedürftig. »Besonders ins Auge stachen die hohen Energiekosten. Und auch sonst war es nötig, das Gebäude zu überholen«, sagt Pia Kampelmann. Zusammen mit der Schulstiftung beantragten sie Fördermittel vom Land aus dem Stark-III-Programm, mit dem die Landesregierung vor allem die energetische Sanierung von Bildungseinrichtungen fördert.

Vertreter des Landes waren es, erzählt Michael Bartsch, die aus einer normalen Renovierung ein Modellprojekt machen wollten: In Haldensleben soll der Beweis erbracht werden, dass sich Schulen in Plattenbauweise zu Passivhäusern, das heißt zu Gebäuden mit maximal 15 Kilowattstunden Energieverbrauch pro Quadratmeter und Jahr, umbauen lassen. Gelingt dies, dann hätte es auch Signalwirkung für den nachhaltigen Umbau vieler Schulen im Land. Schon jetzt werde Pia Kampelmann vielfach nach ihren Erfahrungen mit dem Unternehmen Schulsanierung angefragt. Kein billiges Vorhaben: Veranschlagt sind für die ökologische und nachhaltige Sanierung rund 4,7 Millionen Euro. 70 Prozent davon stammen aus dem genannten Programm, der Rest wird aus Eigenmitteln und dem Schulinvestitionsfonds der Landeskirche finanziert.

Der Mehrwert der Sanierung liegt aber für Pia Kampelmann und Michael Bartsch nicht allein in einem neuen Gebäude mit guter Energieeffizienz. Die große Hoffnung besteht für beide darin, das Thema »Bewahrung der Schöpfung« nach dem Umbau auch im Schulkonzept und im Unterrichtsalltag verankern zu können. »Es geht nicht nur darum, schöne Häuser zu bauen, sondern darum, dass der Umbau mit in die Konzeption einfließt«, sagt Bartsch und erhofft sich Impulse für das Schulprogramm. Mit dieser Hoffnung trifft er bei der Schulleiterin auf offene Ohren. Doch auch sie lenkt den Blick noch auf einen anderen Aspekt: »Die eigentliche Stärken unserer Schule sind die gute Atmosphäre im Kollegium und die gute Beziehung zu den Schülern. Solange das Klima stimmt, ist der Ort, an dem Schule lebt, fast egal.«

Auch für Michael Bartsch steht das evangelische Profil im Mittelpunkt. Nachhaltigkeit und Bewahrung der Schöpfung seien ein integraler Bestandteil davon, aber nicht der Kern. Noch eine weitere Hoffnung verbindet der Naumburger Pfarrer mit dem Haldenslebener Leuchtturm. Er hofft, dass Sekundarschulen bzw. Regelschulen in Thüringen verstärkt in den öffentlichen Fokus sowie den der Landeskirche gerückt werden. »Da sind wir noch nicht gut genug aufgestellt. Es gibt viel zu tun.« Die Sanierung einer Schule kann nur eine kleine Etappe sein.

Stefan Körner

Eine besondere Form des Gedenkens

26. Juli 2014 von redaktionguh  
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Das Reisdorfer Kriegerdenkmal wird in ein Friedensmahnmal verwandelt

Das Kriegerdenkmal in Reisdorf (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) wird am 26. Juli in ein Friedensdenkmal umgewandelt. 100 Jahre nach der Völkerschlacht bei Leipzig im Jahr 1913 errichtet, wird es jetzt mit einer Glasplatte versehen, auf der in acht Sprachen das Wort Frieden zu lesen ist. Michael von Hintzenstern befragte hierzu Pfarrerin Ruth-Barbara Schlenker (Kirchengemeindeverband Niedertrebra und Vakanzvertretung in Bad Sulza), in deren Gemeinden zahlreiche Veranstaltungen an den Ausbruch des 1. Weltkrieges vor 100 Jahren erinnern.

Pfarrerin Ruth-Barbara Schlenker, Falk Knoblauch und Ullrich Keimling mit der beschrifteten Glasplatte des Friedensdenkmals in Reisdorf. – Foto: Hartwig Mähler

Pfarrerin Ruth-Barbara Schlenker, Falk Knoblauch und Ullrich Keimling mit der beschrifteten Glasplatte des Friedensdenkmals in Reisdorf. – Foto: Hartwig Mähler

Wie kam es zur Idee der Denkmalumwandlung?
Schlenker:
Im Jahr 2013 bot es sich an, auf den großen Findling zu schauen, der dort seit 100 Jahren aufgerichtet steht und »ganz harmlos« die Zahlen 1813–1913 trägt, versehen mit einem Eisernen Kreuz. Einstmals »zierten« ihn noch zwei echte Kanonenkugeln. 2013 war seine Errichtung nicht nur ein Jahrhundert her, sondern es wurde auch an den Abschluss des deutsch-französischen Élysée-Vertrages vor 50 Jahren erinnert, der die Freundschaft zwischen beiden Völkern besiegelte.

Die Schlacht bei Auerstedt 1806 und die durchziehenden und marodierenden, diesmal fliehenden Franzosen 1813 haben viel Leid in die Dörfer gebracht sowie ökonomischen Schaden und Krankheiten. 2013 kam vom »Emstal Heimatbund Reisdorf« die Anregung, die Schrift am Denkmal zu erneuern. Als ich im September das Kirchspiel Bad Sulza in Vakanz übernahm, habe ich mich eingeschaltet und eine kleine Vorbereitungsgruppe gegründet. Mit Bürgermeister Dirk Schütze, Heimatforscher Ullrich Keimling und Gemeindekirchenratsmitgliedern überlegten wir gemeinsam, welche Botschaft das Denkmal heute haben müsste. Denn inzwischen sind zwei Kriege über die Welt gegangen mit 90 Millionen Toten, da kann man nicht so tun, als sei nichts passiert. Wir müssen uns heute der Rolle, die Deutschland weltweit in Konflikten spielen soll, bewusst werden und sie aktiv gestalten. Nicht Export von Waffen und Soldaten, sondern Aussendung von Menschen mitsamt der Logistik, die Konflikte schlichten und Kommunikation fördern. »Mit Deutschland, ist kein Krieg mehr zu machen« – das müsste das Leitbild unserer Republik werden. Was passiert stattdessen? Ein hoher Prozentsatz unseres wirtschaftlichen Wohlstands basiert auf Waffenexport.

In der Friedenskirche Auerstedt wird unter dem Motto »Kriegstod – Friedensvision« bis 15. August eine Ausstellung über Kriegerdenkmäler gezeigt. Welche Intentionen verbinden Sie damit?
Schlenker:
Das Gedenken an die Schlacht von Jena und Auerstedt 1806 wurde 2006 sehr kommerziell begangen. Damals hat sich die Geschichtswerkstatt Weimar-Apolda mit Kriegerdenkmälern in Thüringen befasst und diese Ausstellung konzipiert. Wir hatten die »Kriegslandschaft« um Auerstedt im Blick und haben uns gefragt, ob die Kriegserfahrungen die Denkweise und die Friedenshaltung der Bevölkerung nachhaltig beeinflusst haben. Wir schauten uns also die Denkmäler und den Umgang mit ihnen an. Darin unterschied sich Auerstedt nicht von anderen Orten. Nach der Wende wurden sie alle wieder belebt bzw. mit Opfertafeln des 2. Weltkrieges ergänzt. Dabei waren immer nur die toten Soldaten im Blick, nie »Feinde«, die hier zu Tode kamen. Dabei lohnt es sich, unbedingt auch darauf zu schauen und zu veranlassen, dass auch ihrer gedacht wird.

Die Ausstellung zeigt stellvertretend für alle Denkmäler, die sich immer wieder gleichen, die Typen vom kriegsverherrlichenden Monument bis hin zum ausgesprochenen Friedensdenkmal. Vor einiger Zeit wurde sie noch einmal pädagogisch überarbeitet und verallgemeinert, sodass sie jetzt Menschen anregen kann, mit ihren Denkmalen daheim fantasievoll umzugehen.

Einweihung des Friedensdenkmals Reisdorf: 26. Juli, 18 Uhr; Gedenkgottesdienst »Krieg und Frieden« in Auerstedt, 27. Juli, 9 Uhr

Jeder Name ist wie ein Zeichen

25. Juli 2014 von redaktionguh  
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So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht,
denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!
Jesaja 43, Vers 1

Egal, ob eine Ausstellung eröffnet wird oder ein neues Gebäude der Öffentlichkeit übergeben wird, solche Ereignisse sind Anlass genug, die sogenannten Prominenten aus Kultur und Gesellschaft einzuladen. Bevor die allgemeine Gästeschar begrüßt wird, werden die besonders geladen Gäste willkommen geheißen. Dabei kommt es mitunter zu einer langen Aufzählung erstaunlicher Titel und Anreden. Namen sind wichtig, keine Frage. Mit unserer Geburt sind wir mit unserem Namen verbunden. Er gehört zu uns wie Hände und Füße. Eltern machen es sich nicht leicht, ihrem Kind den richtigen Namen zu geben. Nomen est omen – jeder Name ist wie ein Zeichen, ein besonderer Eindruck in Raum und Zeit, denn hinter jedem Namen steht eine Person, ein einmaliges Geschöpf Gottes. Mit jedem Namen verbinden wir einen ganz bestimmten und unverwechselbaren Menschen. Unser Name verleiht uns Identität und Einzigartigkeit.

Annegret Friedrich-Berenbruch, Kreisoberpfarrerin im Kirchenkreis Dessau/Anhalt

Annegret Friedrich-Berenbruch, Kreisoberpfarrerin im Kirchenkreis Dessau/Anhalt

Die im Streit ausgesprochene Drohung: »Ich kennen dich nicht mehr!«, versenkt den anderen im Meer der Namenlosigkeit. Zwanghafte Umbenennungen oder Verballhornungen von Namen verletzen und kränken Menschen zutiefst in ihrer Individualität. Mitten hinein in diese Erfahrungen hören wir ein Wort aus dem Buch des Propheten Jesaja, das gern als Taufspruch genommen wird. Es erzählt von dem Schöpfergott, der uns erlöst und uns bei unserem Namen ruft, denn vor Gott gelten nicht unsere Maßstäbe von Rang und Namen. Vor Gott sind wir alle angesehen, liebenswert und vor allem erlösungsbedürftige Menschenkinder. Erlöst davon, sich selbst einen Namen machen zu müssen, und zugleich befreit von der Angst, sich in einer Anonymität zu verlieren.

Gott, der uns mit unserem Namen kennt und ruft, ist mit uns auf dem Weg. Er kennt uns, weiß um unsere Nöte und Ängste. Er wird uns daraus erlösen. Vertrauen wir auf den Gott, der seinen Namen mit unserem Namen bei jeder Taufe neu und sichtbar verbindet.

Annegret Friedrich-Berenbruch

Krieg und Kriegsgeschrei

25. Juli 2014 von redaktionguh  
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Europa hat eine lange Zeit des Friedens hinter sich. Seit 1945 schwiegen, sieht man von den Konflikten im ehemaligen Jugoslawien ab, die Waffen. Krieg und Kriegsgeschrei schien lange fern, zudem lokal begrenzt, jedenfalls nicht existenziell bedrohlich. Schön – und zugleich gefährlich.

Die Historikern Annika Mombauer zog kürzlich im Berliner »Tagesspiegel« den Vergleich mit der Situation vor 100 Jahren. Auch damals hatte Zentraleuropa, von eindämmbaren Konflikten an der Peripherie abgesehen, 40 Jahre keine bewaffnete Auseinandersetzung mehr erlebt. Dadurch sei bei den Menschen auch ein falsches Gefühl der Sicherheit aufgekommen, konstatiert die in Großbritannien lehrende Wissenschaftlerin und fährt fort: »Das ist heute ähnlich. Wir hatten seit 70 Jahren keinen Krieg unter den Großmächten und glauben, dass so ein Krieg heute unvorstellbar ist. Vielleicht sind wir etwas zu sicher.«

Man ist geneigt, ihr recht zu geben. Im Pulverfass Naher Osten rumort es schon nicht mehr nur, sondern steht kurz vor der Explosion. Mit dem Ukraine-Konflikt ist der Krieg sozusagen in den Vorgarten Mitteleuropas zurückgekommen. Und er droht, nicht zuletzt durch den ungeklärten Abschuss eines zivilen Passagierflugzeuges, immer mehr größere und kleinere Mächte in seinen Sog zu ziehen. Schon ist wieder von Ultimaten die Rede, wird laut über »friedenssichernde Maßnahmen« nachgedacht.

Eigentlich wäre in den Kirchen landauf landab dringend ein altbekanntes Kontrastprogramm dran: Gebet und Kerzen, Friedensandachten und Fürbittgottesdienste statt »Publik Viewing« zur Fußball-WM und Imagekampagnen im Blick auf 2017. Und für uns alle die Rückbesinnung auf die Bitte Martin Luthers (im Gesangbuch unter Nr. 421): »Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten …«

Harald Krille

Beinahe wie im Paradies

25. Juli 2014 von redaktionguh  
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Über Pfingsten 2014 verbrachten 28 Leserinnen und Leser wunderbare Tage auf den Kanalinseln

An den Hängen und Gartenmauern leuchten die Mittagsblumen. Strahlendblauer Himmel, blaues Meer, Klippen, Farne, Fingerhut und Heide – und das faszinierende Schauspiel von Ebbe und Flut. Die Leserreise unserer Kirchenzeitung zu den Kanalinseln war fast eine Reise ins Paradies. Die herrlichen Gärten wie der von Judith Queree mit Blumen, alten Bäumen, verwunschenen Ecken und hohen Wiesen faszinierten die 29 Reisenden ebenso wie der Samares Garden, ein Park mit Rosen, Kräutern, einem japanischen Garten, blühenden Sträuchern, kleinen Wassern … Es duftete an jeder Ecke anders. Die Kanalinseln – ein Land wo Milch und Honig fließen? Fast, wären da nicht auch die Spuren der Vergangenheit. An den herrlichen Klippen und Ufern noch alte Nazi-Bunker. Und die Jersey War Tunnels, ein Tunnelgeflecht im Süden der Insel, das Hitlers Autobahnbauer Fritz Todt von osteuropäischen Zwangsarbeitern in den Felsen hauen ließ. Die museale Aufarbeitung zeigt das Leben und Leiden während der deutschen Besatzung.

Samares Garden auf der Blumeninsel. Unsere Reiseführerin Anne (2. v. l.) hat die Leserreisenden eine Woche freundlich begleitet. – Foto: Detlef Wendt

Samares Garden auf der Blumeninsel. Unsere Reiseführerin Anne (2. v. l.) hat die Leserreisenden eine Woche freundlich begleitet. – Foto: Detlef Wendt

Die Gruppe ist am Pfingstsonntagnachmittag dort. Ein Kontrastprogramm zum Vormittag, wo der Gottesdienst in der freien anglikanischen Gemeinde St. Paul’s gefeiert wurde mit anschließendem Gemeindefest. Eine herzliche Begegnung. Vor dem Gottesdienst empfing Paul Brooks, Minister und Vize-Dekan, die deutschen Reisenden herzlich. Seine Frau spricht deutsch, erzählt vom Gemeindeleben, der Kinderarbeit und der guten ökumenischen Zusammenarbeit, zum Beispiel bei den Streatworkern, die nachts auf den Straßen unterwegs sind, betrunkene Jugendliche »aufsammeln«. Davon hatten wir schon ein paar Tage zuvor bei den Methodisten erfahren. Dort hatte uns Referent Toni begrüßt, ein freundlicher und mitteilsamer Pfarrer. Die Gemeinde ist nicht nur mit den anderen Kirchen in der nächtlichen Straßenarbeit aktiv, sondern hat neben einem Kindergarten auch eine Armenküche. Wir sind eingeladen zur Suppe.

Begegnung mit Christen auf Jersey

Die Kirchen auf Jersey finanzieren sich nicht durch Kirchensteuern. Die Finanzierung scheint jedoch trotzdem zu funktionieren. Bei der Begegnung in einer der zwölf anglikanischen Pfarrkirchen, in St. Clement, erfahren wir zum Beispiel, dass der Pfarrer dort sein Geld in der Finanzbranche verdient. Er hat Theologie studiert, ist ordiniert, betreut die Gemeinde jedoch ehrenamtlich. Seine Kirche kann nicht alle Theologen bezahlen, erläutert er. Doch »Gott ist überall, auch im Finanzsektor«, da gäbe es Schuld und Vergebung, Liebe und Barmherzigkeit. Ein sympathischer Pfarrer, der mit ganzem Herzen seine Arbeit versieht. St. Clement, erklärt er fast ohne Bedauern, sei eine »Beerdigungskirche«, weil die Gemeinde sehr alt sei. Zu Hochzeiten und Taufen gingen die Leute eher in die größeren Kirchen. Doch er und seine Kollegen sind bemüht, auch jüngere Menschen anzusprechen. So gäbe es gute Verbindungen zur Schule. Die Lehrer kommen mit den Kindern zu ihnen, um die Kirche kennenzulernen. Als »unsere Kantorin«, Rosemarie Schurig aus Weimar, zum Abschied mit der Gruppe »Großer Gott, wir loben dich« anstimmt, ist er sehr gerührt. Seine Mutter, so sagt er, habe den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Besatzung miterlebt. Nun würden hier in dieser Kirche Deutsche singen und Gott loben. Er sei dankbar für so viele Jahrzehnte Frieden und dass es Freundschaft, Brüderlichkeit zwischen uns geben könne. Es war auch für uns eine bewegende Begegnung.

Eine tägliche Attraktion war das Amphibienfahrzeug, das Besucher zur Elisabeth-Festung bei St. Helier fuhr – bei Ebbe auf Rädern, bei Flut  schwimmend. – Foto: Jürgen Hagenberg

Eine tägliche Attraktion war das Amphibienfahrzeug, das Besucher zur Elisabeth-Festung bei St. Helier fuhr – bei Ebbe auf Rädern, bei Flut schwimmend. – Foto: Jürgen Hagenberg

Jeden Tag fühlen wir uns reich beschenkt: von der Natur und den guten Begegnungen, vom Singen miteinander und den Ausflügen genauso wie von der guten Küche im Hotel in St. Helier, der Hauptstadt der Insel Jersey, wo wir untergebracht sind, werden jeden Abend frischer Fisch und Meeresfrüchte aufgetischt. Wir genießen eine Austernverkostung an den Klippen, eine Kutschfahrt oder Radtour auf der kleinen Insel Sark mit Besichtigung des Seigneurie Gardens, Wein, Burgen und einen leider zu kurzen Abstecher nach Guernsey. Acht erfüllte Tage mit einer aufgeschlossenen Reisegruppe, einer wunderbaren Begleitung durch Anne – eben eine Reise in guter Gemeinschaft.

Dietlind Steinhöfel

Christen auf dem »Dach Afrikas«

25. Juli 2014 von redaktionguh  
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G+H-Leserreise 2014 nach Äthiopien – manchmal auch abseits der Touristenpfade

Zwölf Leserinnen und Leser der Kirchenzeitung reisten gemeinsam mit Pfarrer Hanfried Victor nach Äthiopien. Hans-Christoph Schulz aus dem thüringischen Birkigt hat seine Eindrücke vom Leben auf dem »Dach Afrikas« aufgeschrieben:

Eine Herausforderung war es, sich in Äthiopien einige amharische Wörter einzuprägen und halbwegs verständlich auszusprechen, wie »batam amesegenallu« (vielen Dank). Wer sich redlich mühte, wurde mit einem freundlichen und verständnisvollen Lächeln der Gastgeber belohnt. Bilder und Begegnungen, die nicht mit der Digitalkamera festgehalten werden können, haben sich während der Reise tief ins Gedächtnis eingeprägt. So der Besuch bei Afrikas »Mutter Theresa«, der 80-jährigen Abebech Gobena. Angesichts der Hungerkatastrophe in den 1980er Jahren gründete sie unter großem persönlichem Einsatz ein Waisenhaus in Addis Abeba. Inzwischen sind Kindergärten, Schulen und Ausbildungswerkstätten hinzugekommen, in denen mehr als 12 000 Kinder aus den Armenvierteln in verschiedenen Projekten betreut werden. Ziel dieses von der UNICEF geförderten Konzeptes ist es, nicht nur Waisenkinder von der Straße zu holen, sondern Frauen und Mütter in Trainingsprogrammen zu stärken, damit sie selber für ihre Kinder sorgen können. In dem Gespräch erfuhren wir, dass bis heute allein in der Hauptstadt monatlich 20 Kinder verlassen und ausgesetzt werden und Millionen Kinder in Äthiopien auf der Straße leben.

Abebech Gobena (re.) gilt als Mutter Theresa von Äthiopien. Sie gründete in den 1980er Jahren unter großem persönlichen Einsatz ein Waisenhaus. Die Reisegruppe informierte sich über die Entwicklung, die die Arbeit mit armen Kindern und Jugendlichen seither genommen hat. – Foto: Hans-Christoph Schulz

Abebech Gobena (re.) gilt als Mutter Theresa von Äthiopien. Sie gründete in den 1980er Jahren unter großem persönlichen Einsatz ein Waisenhaus. Die Reisegruppe informierte sich über die Entwicklung, die die Arbeit mit armen Kindern und Jugendlichen seither genommen hat. – Foto: Hans-Christoph Schulz

Ein anderes Bild: Unser äthiopischer Reiseführer Teketayi zeigte uns mit Hingabe und Herzblut sein Heimatland. Er führte uns nicht nur zu den touristischen Sehenswürdigkeiten in Addis Abeba, Axum, Gondar, Bahar Dar, Lalibela und den Simien-Nationalpark, sondern auch spontan zu Menschen. Während der Fahrt auf »Naturstrecke« nach Lalibela ging er mit uns in ein nahe gelegenes Dorf mit fünf Wohnhütten. Eine junge Frau zeigte uns ihre Rundhütte von sechs Metern Durchmesser, in der sie, ihr Mann, ihre drei Kinder, ihre Kuh und ihr Schaf leben. Wir sahen Lehmfußboden, eine kleine offene Kochstelle in der Mitte, Vorratssäcke an der Seite, ein Hochbett für die Kinder über den Tieren, eine Sitzgelegenheit als Ehebett. Wasser muss die junge Frau, die bald ihr viertes Kind erwartet, in einem 25-Liter-Kanister holen. Das bedeutet für sie eine halbe Stunde Fußweg bergauf, zurück in ihre Hütte. Bei aller äußeren Armut strahlt sie Fröhlichkeit aus. Ihre Haltung zeugt von einem Stolz auf das Land und seine kulturhistorische Geschichte.

Wie die meisten Menschen im nördlichen Hochland Äthiopiens trägt die junge Frau ein Kreuz: Ich gehöre zu Christus, ich bin sein Eigentum und trage seinen Namen, bedeutet das. Andere Menschen tragen ein Kreuz als Tattoo auf der Stirn. In Addis Abeba erlebten wir die Feier der Osternacht mit: Das Trommeln und rituelle Tanzen der Mönche, die große Andacht der Gläubigen waren so ganz anders als gewohnt, aber sehr beeindruckend.

Auch Luther war schon hier …

25. Juli 2014 von redaktionguh  
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50 Christen aus Mitteldeutschland gingen Ostern 2014 auf eine ökumenische Wallfahrt nach Rom

Das gab es bisher so noch nicht: Je 25 Leser der evangelischen Kirchenzeitungen in Mitteldeutschland, »Glaube + Heimat« sowie »Der Sonntag«, und der katholischen Wochenzeitung »Tag des Herrn« machten sich über Ostern gemeinsam zu einer ökumenischen Pilgerfahrt nach Rom auf. Doch nicht nur um Papst und Petersdom, antikes und barockes Rom sowie Pizza und Pasta ging es dabei. Ob beim Besuch der frühchristlichen Katakomben oder bei der traditionellen Kreuz­wegandacht am Karfreitagabend im Kolosseum: Die Reise wurde auch zu einer Begegnung mit der 1 500-jährigen gemeinsamen Märtyrer- und Kirchengeschichte. In einer Sonderführung auf dem Campo Santo Teutonico erläuterte Rektor Hans Peter Fischer den deutschen Besuchern die Geschichte und Gegenwart des exterritorialen Gebietes innerhalb des Vatikans, zu dem heute neben einem Friedhof auch ein deutschsprachiges Priesterkolleg gehört.

Die ökumenische Pilgergruppe vor der Kulisse des Petersdomes – zugegeben, bei der Perspektive hat der Fotograf in der virtuellen Dunkelkammer ein wenig gemogelt … Pater Ralf Sagner (links) aus Leipzig und Redakteur Harald Krille (rechts) aus Weimar begleiteten die Gruppe. – Foto: Harald Krille

Die ökumenische Pilgergruppe vor der Kulisse des Petersdomes – zugegeben, bei der Perspektive hat der Fotograf in der virtuellen Dunkelkammer ein wenig gemogelt … Pater Ralf Sagner (links) aus Leipzig und Redakteur Harald Krille (rechts) aus Weimar begleiteten die Gruppe. – Foto: Harald Krille

Zwischen dem Friedhof und dem Petersdom stand ursprünglich auch der jetzt auf dem Petersplatz befindliche Obelisk als Markierung der antiken Arena des Kaisers Nero – die in der ersten großen Christenverfolgung Roms traurige Berühmtheit erlangte. Und: Auch Luther habe mit hoher Sicherheit bei seiner Romreise als Mönch 1510 bzw. 1511 auf dem Campo Santo Teutonico Station gemacht, zeigte sich Fischer überzeugt. Denn das Institut war zur damaligen Zeit erste Anlaufstätte für die Pilger aus Deutschland.

Den besten Gottesdienst in Rom erlebte der spätere Reformator in der deutschen katholischen Nationalkirche Santa Marie dell’Anima in der Altstadt Roms. Was lag näher, als dass auch die mitteldeutschen Pilger einen gemeinsamen Gottesdienst in dieser »frühen Lutherstätte« feierten? Zu den Höhepunkten der Reise aber gehörte sicherlich die Feier der Auferstehung Christi in der Ostermesse mit Papst Franziskus auf dem Petersdom, gemeinsam mit 150 000 Pilgern aus aller Welt. Weltkirche zum Anfassen! Und eine Sternstunde wurde die Begegnung mit dem Oberhaupt des weltweiten Benediktinerordens, Notger Wolf. Mehr als eine Stunde nahm sich der durch Bücher und Fernsehsendungen bekannte Abtprimas Zeit für das Gespräch mit seinen deutschen Landsleuten. Nicht ohne einen kritischen Blick auf die Zustände in Kirche und Gesellschaft zu werfen. Das Fazit am Ende: fünf ebenso anstrengende wie anregende Tage, die zeigten, dass evangelische und katholische Christen weit mehr verbindet als trennt.

Harald Krille

Offene Jugendarbeit eckte an

23. Juli 2014 von redaktionguh  
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In Halle-Neustadt war Kirche während der DDR-Zeit an den Rand gedrängt

Auf den inzwischen erwachsenen Bäumen in Halle-Neustadt singen Vögel. Der Weg führt vorbei an Plattenbauten und einem überwucherten Spielplatz zum Südpark, wo die Passendorfer Kirche steht. Vor 50 Jahren begann der Bau der sozialistischen Chemiearbeiterstadt mit mehr als 90 000 Bewohnern. In dem teils abgerissenen Passendorf bekam auch eine evangelische Kirchengemeinde ihren Platz. Konflikte mit dem DDR-Regime blieben nicht aus, wie das Beispiel des Jugenddiakons Lothar Rochau zeigt.

Weil ein Neubau nicht infrage kam, hatte sich 1967 im ehemaligen Passendorf an der historischen Kirche die neue Gemeinde gegründet. Der 61-jährige Rochau, der heute als städtischer Sozialreferent tätig ist, wurde im September 1977 vom Evangelischen Kirchenkreis als Jugenddiakon für Halle-Neustadt angestellt. Er entwickelte die Offene Arbeit, in deren Mittelpunkt Werkstatt-Tage mit ständig wachsender Teilnehmerzahl standen – mehr als 700 Jugendliche waren es im Mai 1980. Sie reisten aus der halben DDR an und standen zugleich unter Beobachtung der Sicherheitsorgane. »Halle-Neustadt war eine Art Muster-Staat, in dem der sozialistische Mensch sichtbar werden sollte. Da störten Langhaarige und Jugendliche, die dem Regime kritisch gegenüberstanden«, erinnert sich Rochau. Bei den Werkstatt-Tagen bot er auch alternativen Künstlern eine Bühne.

Halle-Neustadt, 1982 – Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1982-0430-008/CC-BY-SA

Halle-Neustadt, 1982 – Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1982-0430-008/CC-BY-SA

Mit Beschwerden aus dem Rat der Stadt und der SED sowie der Observation durch die Staatssicherheit verschlechterte sich auch das Verhältnis Rochaus zur eigenen Kirche. Ende 1980 folgte die Gemeinde der Forderung, seine Großveranstaltungen zu untersagen. 1981 spitzte sich für Rochau die Lage zu. Nachdem ihm die Kirche vergeblich einen Stellenwechsel empfohlen hatte, erfolgte 1982 die Suspendierung und zum 28. Februar 1983 die Kündigung. Gegen Rochau liefen nun auch strafrechtliche Ermittlungen, unter anderem wegen staatsfeindlicher Hetze. Er wurder verhaftet und im September 1983 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Ende 1983 wurder der Diakon in die Bundesrepublik abgeschoben. Ende November 1989 kehrte er nach Halle zurück und begann mit dem Neuaufbau des städtischen Jugendamtes, das er bis 2007 leitete.

Aufarbeitung steht noch aus
Einen differenzierten Blick auf die Geschichte mahnt die heutige Pfarrerin Regina Weihe an. Wie sich aus alten Sitzungsprotokollen ergebe, habe der Gemeindekirchenrat lange Zeit versucht, Rochaus Tätigkeit konstruktiv zu begleiten, und darum gerungen, die Offene Arbeit zu erhalten. Doch letztlich hätten Gemeinde und Kirchenkreis dem staatlichen Druck nicht standhalten können.

Die Bevölkerung Neustadts nimmt stetig ab, ähnlich verläuft der Trend in der Kirchengemeinde. Zu ihr gehören heute rund 2 300 Christen, beim 40-jährigen Gründungsjubiläum der Gemeinde 2007 waren es 3 000. In dem Zeitraum sank die Einwohnerzahl von 55 000 auf aktuell 44 000. Weggezogen sei vor allem das bürgerliche Klientel, sagt Superintendent Hans-Jürgen Kant. Besonders Senioren sowie wegen günstiger Mieten Menschen mit geringem Einkommen würden hier heute leben. Der Grundstein für Halle-Neustadt wurde am 15. Juli 1964 gelegt. 1967 bekam das Gebiet Stadtrecht, der Zusammenschluss mit Halle erfolgte 1990. Viele Plattenbauten wurden abgerissen und Freiflächen umgestaltet.

Lothar Rochau beklagt, dass er bis heute von der eigenen Kirche nicht rehabilitiert worden sei. Dagegen habe ihn das Landgericht Halle bereits 1991 strafrechtlich rehabilitiert. Hoffnungslos sei er nicht, versichert Rochau, denn vor wenigen Tagen gab es in Halle ein erstes Gespräch. Eingeladen hatte Landesbischöfin Ilse Junkermann. Das Gespräch habe ihr gezeigt, »dass wir auch und zuerst innerhalb der Kirche die Geschichte ansehen und aufarbeiten müssen – und nüchtern sehen, wo Kirchenleitung schuldig geworden ist«, sagte Junkermann. Und Lothar Rochau hat aus seiner Geschichte eine wichtige Lehre parat: »Lasst euch Freiheit nicht verordnen, sondern nehmt euch Freiheit!«

Karsten Wiedener (epd)

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