Die Kirche steht noch mitten im Dorf

30. September 2014 von redaktionguh  
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Gemeinde: Die kleine »Kirche zum guten Hirten« in Rhoda bei Erfurt wurde vor 300 Jahren erbaut

Eine Kirchengemeinde organisiert ein Festjahr, gräbt Geschichten aus und knüpft Kontakte.

Einen weiten Blick hat man von Rhoda in das westliche Thüringer Becken, zur Wachsenburg hinüber; die liegt schon im rötlichen Abenddunst. Auf dem Weg hoch in das 250-Einwohner-Dörfchen nahe Erfurt strampelt ein einsamer Radfahrer vorbei an den letzten Wahlplakaten. Im Ort ist die Straße aufgerissen; vor der Kirche steht mannshoher, stählerner Grabenverbau. Volkmar Kästner, mit weißem Haar und blaugraukariertem Hemd, wartet schon. Der 77-Jährige war seit 1971 im Vorstand der Kirchengemeinde, das sind 42 Jahre. Erst letztes Jahr ist er zurückgetreten. »Sagen wir mal, es war aus Altersgründen«, zwinkert er.

Der Jubilar, das Kirchlein »Zum guten Hirten«, ist so groß wie ein Einfamilienhaus, es hat ein Zwiebeltürmchen mit goldenem Knopf, wurde nach der Wende schmuck renoviert und riecht, wie solche alten Kirchen riechen: nach Mauerwerk, Gebälk und Farbe.

Gudrun Brandt und Volkmar Kästner bestücken den Schaukasten vor der Kirche, damit die Rhodaer gut informiert sind. Fotos: Jürgen Reifarth

Gudrun Brandt und Volkmar Kästner bestücken den Schaukasten vor der Kirche, damit die Rhodaer gut informiert sind. Fotos: Jürgen Reifarth

Begeistert berichten die Schwestern Gudrun Brandt (66) und Edelgard Büchner (59), wie die Idee entstand, ein Festjahr zu veranstalten. Beide gehören zum Gemeindekirchenrat. »300 Jahre. Da müssten wir doch was machen!« Ein Festkomitee fand sich: »Heiko Gloßmann und Martin Krumbein müssen genannt werden«, ruft Edelgard Büchner. Ein kleines Programm wurde entworfen: mit Festgottesdiensten, einer Predigtreihe zum Thema des guten Hirten und viel Musik. Und natürlich einem Festvortrag zur Chronik der Kirche. Die Schwestern fallen sich lebhaft ins Wort, als sie erzählen, wie sie zu Verwandten und Bekannten liefen, was sie für Fotos und Notizen sammelten, wie Volkmar Kästner in verschiedenen Archiven stöberte. Vier Aktenordner sind es geworden. Zum Vortrag war die Kirche randvoll. Auch der Himmelfahrtsgottesdienst war ein Erfolg, 300 Menschen kamen, die Bratwürste anschließend reichten kaum.

Rhoda gehört zum Kirchspiel Erfurt-Bischleben, zehn Dörfer mit zehn Predigtstellen und zwei kirchliche Kindergärten hat das neue Pfarrerehepaar Christine Bosse und Ralf Schultz zu betreuen, das gerade ins Bischlebener Pfarrhaus umzieht. Ein Jahr war die Pfarrstelle vakant. Einen rührigen Kantor gibt es, das ist Gold wert. Drei Gemeindepädagogen und ein Jugendmitarbeiter helfen in Stellenanteilen mit. In Rhoda ist noch alle 14 Tage Gottesdienst, von den 49 Seelen kommen dann regelmäßig fünf bis zehn Leute. Den Altersdurchschnitt schätzt Edelgard Büchner auf 50 plus. Dieses Jahr wurde ein Jugendlicher aus Rhoda konfirmiert, im letzten Jahr waren es zwei.

Henning Bomberg, Professor an der Universität Rostock, hat mit Rhoda nichts zu tun, aber dafür mit Chancen und Risiken ländlicher Räume und wie man Menschen dort aktivieren kann. »Über zwei Themen kommt man auf dem Dorf immer ins Gespräch«, sagt er, »über Kinder und über Geschichte.«

Kirchen atmen Geschichte, und ein Jahrestag gibt dem Ausdruck. Edelgard Büchner zeigt in der Kirche auf die zweite Bankreihe rechts. »Hier hat sich unsere Tante Jung hingesetzt, sie ist 83, und sagte: Auf diesem Platz saß schon meine Großmutter.« Man nannte das früher Kirchstuhlrecht, und dafür wurde bezahlt. Dann holt sie das rotsamtene Hochzeitskissen von 1892. Einige Generationen von Rhodaern haben zur Einsegnung darauf gekniet, auch ihre Tochter. Und immerhin drei Hochzeitspaare knieten darauf in den letzten zwei Jahren.

Hinter der Kirche steht die alte Leichenhalle, seit 1952 nicht mehr in Benutzung, als die Stadt Erfurt einige Ortsfriedhöfe schloss. Sie war später mal ein Jugendklub und beherbergt nun die Kunstausstellung zum Jubiläum: farbige Zeichnungen von Kindern der Erfurter Kunstschule, die Kirche Rhoda in gebranntem Ton, Repliken des Erfurter Malers Nikolaus Dornheim, der 1825 Rhoda in romantischen Dorfansichten aquarellierte, und den guten Hirten, den Gudrun Brandt getöpfert hat. Sie nimmt ihn fürs Foto in den Arm. Dann muss sie los, denn gleich tagt noch der kommunale Gemeinderat.

Eine kleine Gemeinde im Wind der Zeiten. Was hat denn die 300-Jahr-Feier für die Kirchengemeinde gebracht? Volkmar Kästner holt erst einmal Luft. »Da muss ich mich mal selbst loben«, entschuldigt er sich, »aber ich habe immer betont: Die Kirche ist ein Identitätspunkt im Ort, wir müssen feiern. Ich kam zum ersten Mal mit Leuten ins Gespräch, die wohnen hier schon fünf Jahre. Wir haben gezeigt: Die Kirche ist noch da.« Ja, loben ist wichtig. Den Hirten – und ebenso die Herde.

Jürgen Reifarth

Festgottesdienst zu Kirchweih und Erntedank in Rhoda: 19. Oktober, 10 Uhr, mit dem neuen Pfarrerehepaar Christine Bosse und Ralf Schultz. Schon am 5. Oktober, 14 Uhr, wird das Pfarrerehepaar in der Kirche in Bischleben festlich eingeführt.

Die Würde des Menschen

29. September 2014 von redaktionguh  
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Seit 1993 hat Deutschland mit einer heftig umstrittenen Änderung im Grundgesetz ein eingeschränktes Asylrecht. Flüchtlinge aus »sicheren Drittstaaten« können sich nicht auf das Asylrecht berufen. Jetzt wurden die drei Balkanstaaten Mazedonien, Serbien und Bosnien-Herzegowina durch einen Beschluss des Bundesrates zu solchen erklärt. Nicht nur die Partei der Bündnisgrünen protestiert. Auch kirchliche Migrationsexperten warnen vor weiterer Diskriminierung. Denn die Zuwanderung betrifft vor allem Roma aus Südosteuropa.

Zunächst ist richtig: Es gibt in den drei Ländern keine politische Verfolgung dieser Minderheit. Allerdings, so bestätigt Propst Johann Schneider, Regionalbischof des Sprengels Halle-Wittenberg, der siebenbürgische Wurzeln hat, würden sie so­zialpolitisch verfolgt. Sie werden diskriminiert und hätten kaum Chancen auf eine angemessene Bildung. Mit Flüchtlingen aus Syrien oder dem Irak sei das jedoch nicht zu vergleichen.

Das neue Asylrecht versucht einen Spagat. Ob das Gesetz sein Ziel erreicht, die Migration aus Südosteuropa einzudämmen, ist zu bezweifeln. Denn erstens herrscht in Europa Freizügigkeit. Zweitens haben Roma schon jetzt kaum Aussicht auf Erfolg ihres Asylantrags. Und drittens werden sie weiter kommen, weil sie für sich und ihre Kinder ein auskömmliches Leben, Achtung und Bildung suchen.

Mit der Achtung ist es allerdings nicht weit her hier in Deutschland. Der Antiziganismus ist weit verbreitet, und Roma-Zuwanderer stoßen allenthalben auf Vorurteile.
»Wir müssen lernen, mit armen Menschen zu leben«, sagte Johann Schneider. Hier sind auch die Kirchen gefordert. Zum einen durch Hilfe in den betroffenen Herkunftsländern, aber vor allem sollten wir als Christen diesen Menschen mit Würde und ohne Vorurteile begegnen.

Dietlind Steinhöfel

Schweigend staunen lassen

29. September 2014 von redaktionguh  
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Kirche und Tourismus: Orte der Besinnung und Gastlichkeit oder Museen

Kirchen sind Anziehungspunkte für Touristen. Wie gehen Gemeinden damit um?

Das Gewimmel nervt, der Dom verspricht eine Verschnaufpause. In die Kirchenbank fallen lassen und abschalten, den Raum auf sich wirken lassen. Schön.

Anziehungspunkt für zahlreiche Touristen: der Naumburger Dom. Foto: Andrea Schachtschabel

Anziehungspunkt für zahlreiche Touristen: der Naumburger Dom. Foto: Andrea Schachtschabel

Dieses Bedürfnis nach Ruhe, nach Spiritualität, wächst, meint Christian Antz. Der Referatsleiter im Wirtschaftsministerium von Sachsen-Anhalt hat vor mehr als 20 Jahren die »Straße der Romanik« mit auf den Weg gebracht und prägte in jüngerer Vergangenheit den Begriff des spirituellen Tourismus. Reisen seien häufig vor allem Reisen ins Ich, hat er festgestellt. Und im großen Markt der Gesundheitsreisen gehe es bei der Hälfte der Angebote um die Gesundheit der Seele und des Geistes. »Aber der Kirche ist das Thema ein wenig abhandengekommen«, sagte er jüngst im Spiegelsaalgespräch in Magdeburg. Wer ein Gotteshaus besucht, besucht ein Denkmal und wird mit Informationen gefüttert. Erbaut 1372, die Kanzel von 1684, die Ausmalung 1854 erneuert … Der Kulturtourist erwartet solche Informationen. Oder vielleicht doch nicht (immer)? Zugetextet wird er, findet der Leiter des Arbeitskreises Kirche und Tourismus der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Thomas Ritschel, auf demselben Podium. »Wir müssen herausfinden, was die Gäste wollen«, formuliert er eine Aufgabe für die gastgebenden Gemeinden. Er meint, dass Touristen- und Gemeindearbeit einem Konzept folgen müssen. Touristen, die als Gäste kommen, sollten als Chance begriffen werden, den Fremden etwas vom Glauben nahezubringen. Und dafür auch einfach den Raum wirken zu lassen. »Sie besuchen doch kein Museum!«

Doch mitunter wirkt die Kirche so. Allemal, wenn Eintrittsgeld bezahlt werden muss. Marianne und Wilfried Karge aus Wernigerode verzichteten deshalb auf den Besuch des Naumburger Doms – sie hatten einen Raum für stille Einkehr im Dialog mit den Kunstwerken gesucht und eine Pause für ihre müden Füße. »Wer Eintritt bezahlen muss, denkt zuerst in Abläufen. Wer eine Kirche betritt, soll aber zuerst staunen können«, wünscht sich der Stendaler Propst Christoph Hackbeil.
Offenbar muss Kirche die Gastgeberschaft neu lernen, diagnostiziert der Nicht-Kirchenmann Christian Antz. Für ihn als Tourismus-Experten wie als Christ sei es beispielsweise inakzeptabel, dass bei dem großen Volksfest Mariä Lichtmess im Dörfchen Glinde südlich von Magdeburg die Kirche zugeschlossen ist. Das Fest ist ein Spektakel mit Tausenden Besuchern – und die Gemeinde lasse sich diese Chance entgehen. Er plädiert dafür, dass der Tourismus als Methode begriffen wird, Menschen zu begleiten und für den Glauben zu begeistern. Im Urlaub treiben nahezu zwei Drittel der Gäste Seelenpflege, zitiert er Studien. »Die Menschen suchen das Authentische. Und die Kirche hat es«, ermuntert er.

Kirchenmann Thomas Ritschel sieht indes beim Selbstverständnis Gesprächsbedarf, damit Kirche ein guter Gastgeber sein kann. Wie sieht sie sich also gegenüber den Touristen, den Konzertbesuchern? Werden diese Besucher als Gemeinde auf Zeit gesehen, die Seelsorge suchen und zum Reden ermuntert werden? »Die EKM ist ein dauerhafter Ansprechpartner für die Organisatoren des Tourismus, wir bieten den Gemeinden Beratung an über offene Kirchen, Events, Vermarktung«, sagt er. Aus der Zusammenarbeit von Touristikern und kirchlicher Weiterbildung sei in Arnstadt der Pilgerweg »Auf den Spuren starker Frauen« entstanden, erzählt er. Und schlussfolgert: »Wir haben das Original – nicht nur die Orte, wir haben auch die Kompetenz und die Leute.«

Renate Wähnelt

Kirche – Museum oder Gotteshaus?

29. September 2014 von redaktionguh  
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Pro und Kontra

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland ist »steinreich«. 3 927 Kirchen und Kapellen nennt sie ihr eigen. Hinzu kommen die Dome, die nicht im Besitz der Landeskirche sind. Der Magdeburger Dom ging 1996 in den Besitz der Domstiftung über. Die Rechte der Domgemeinde und der Status als Bischofskirche bleiben davon unberührt. Naumburger und Merseburger Dom sind Eigentum der Vereinigten Domstifter. Die Gebäude mit ihren Kunstschätzen müssen erhalten werden. Touristen können dazu beitragen. Die Frage, ob man deshalb für Kirchen Eintritt nehmen sollte, ist umstritten.

Pro

Es ist eine große Aufgabe, historische Kirchengebäude zu erhalten. Die dafür notwendigen Mittel sind erheblich. Dieses Erbe unserer Vorfahren sollten nicht nur wir Kirchensteuerzahler tragen. Aus diesem Grund erheben die Vereinigten Domstifter für die touristische Nutzung der Dome ein Entgeld. Selbstverständlich genügt es nicht, den Naumburger Dom zum Beispiel nur noch zu bewahren bzw. zu konservieren.

Michael Bartsch  ist Pfarrer am Naumburger Dom. Jährlich werden hier rund 140 000 Besucher  gezählt.

Michael Bartsch ist Pfarrer am Naumburger Dom. Jährlich werden hier rund 140 000 Besucher gezählt.

Die Nutzung unserer Kirchen als Gottesdienst- und Anbetungsstätte muss immer Priorität vor der Kirche als kulturhistorischem Ort haben. Aber beides muss sich nicht gegenseitig ausschließen. An dieser Schnittstelle gilt es immer wieder geschickt und möglichst gemeinsam zu agieren. Eine Vernetzung von kulturhistorischer und kirchenpädagogischer Arbeit ist notwendig. Hier gilt es auch vonseiten der Kirchengemeinden eine besondere missionarische Chance zu nutzen!
Mancher Besucher wünscht sich, dass mehr vom kirchlichen Leben unserer Zeit widergespiegelt wird. Genau das ist die Herausforderung bei solch einem großen historischen Erbe.

Wir sind den Vereinigten Domstiftern sehr dankbar, dass sie den Erhalt des Domes in ihre Hand genommen haben, weil dadurch unsere Kirche finanziell sehr entlastet wird. Dass das Geld nicht zum Zweck und Kriterium der Nutzung eines Kirchengebäudes werden darf, bleibt bei allen finanziellen Notwendigkeiten die zu bewahrende Grenze!

Akzeptabel wird dieser Weg, weil wir den Menschen immer die Möglichkeit gewähren, die Dreikönigskapelle innerhalb des Domensembles ohne Eintritt aufzusuchen, um einen Ort zu haben, an dem sie zu Ruhe und Gebet einkehren können. Und Pilger dürfen zudem immer Einkehr halten und den Dom kostenlos besuchen.

Michael Bartsch


Kontra

Der Magdeburger Dom nimmt bis heute keinen Eintritt für Besucher. Er kann sich das leisten, weil die Domgemeinde nicht bauverantwortlich ist. Der Dom steht im Eigentum des Landes Sachsen-Anhalt bzw. seiner Stiftung Dome und Schlösser, die ihn dankenswerterweise, wenn auch immer mit zu wenig Landesmitteln, erhält.

Giselher Quast ist Pfarrer am Dom in Magdeburg, der Bischofskirche der EKM.

Giselher Quast ist Pfarrer am Dom in Magdeburg, der Bischofskirche der EKM.

Dennoch könnte die Gemeinde eine Menge Geld einnehmen, wenn die mehr als 100 000 Besucher jährlich einen Eintritt bezahlen würden: Geld für die Gemeindearbeit, die Kirchenmusik, für diakonische Aufgaben oder die Öffentlichkeitsarbeit.

Ich bin dem Gemeindekirchenrat dankbar, dass er seit Jahrzehnten das Konzept des freien Eintritts trägt und durchhält.

Der Dom ist in erster Linie Gotteshaus. Jeden Tag werden hier Gottesdienste oder Andachten gefeiert. Jeden Tag kommen Menschen, die still werden und beten, eine Kerze am Barlach-Mahnmal oder der Marienstatue entzünden. Geld zu nehmen, um an diesem Ort beten zu können, erscheint uns undenkbar. Dann sollten wir auch für den Sonntagsgottesdienst Eintritt nehmen. In einer weitgehend atheistischen Stadt, in der der Dom vor 25 Jahren Schutzdach für die friedliche Revolution war und sich bis heute oftmals für die Sorgen und Nöte der Menschen geöffnet hat, ist diese Offenheit eine Botschaft.

Im Alten Testament steht das Wort: »Lass dein Brot über das Wasser fahren, denn du wirst es finden nach langer Zeit« (Prediger 11, Vers 1). Ich bin überzeugt und habe es erlebt, dass der Segen dieser Offenheit zu uns zurückkehrt.

Wir haben noch keinen Mangel am Dom gehabt. Und wenn Gemeinde oder Domförderverein zu einem konkreten Anlass aufrufen, spenden die Magdeburger gern für »ihren« Dom.

Giselher Quast

Das Mögliche tun und dann Gott handeln lassen

27. September 2014 von redaktionguh  
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Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.

1. Petrus 5, Vers 7

Dieser Wochenspruch ist mit Vorsicht zu genießen. Er könnte denen zupasskommen, die Gott einen guten Mann sein lassen. Macht euch keine Sorgen, er wird’s schon richten! Ich brauche mir keinen Kopf zu machen, wie es weitergeht mit der Umwelt, mit dem Terrorismus allerorten, mit einer vergreisenden Gesellschaft und dem wachsenden Flüchtlingselend, mit Epidemien und Hungersnot.

Christine Lässig, Pfarrerin i. R., Weimar

Christine Lässig, Pfarrerin i. R., Weimar

Wir können die Welt nicht retten mit unseren kleinen Möglichkeiten. Da müssen Wunder geschehen, und das fällt nicht in unser Ressort. Also: Überlasst es Gott, die Dinge zum Guten zu wenden, und freut euch des Lebens, solange das Lämpchen noch glüht.Die Sorglosen hat der Wochenspruch nicht im Sinn. Vielmehr richtet er sich an jene, die voller Sorgen in die Zukunft blicken. Sie tun das mit Recht und wissen um die beschränkten Möglichkeiten der Abhilfe.

Des ungeachtet übernehmen sie Verantwortung und fühlen sich angesprochen, wenn nebenan oder weit weg etwas schiefläuft. Was wird aus unseren Kindern, was aus dieser schönen und zugleich elenden Welt? Manchmal ist es befriedigend, an einem Punkt etwas bewirkt zu haben. Doch was ist das im Vergleich zu den Tausenden Problemen, die dringend einer Antwort bedürfen? Das kann einem schon die Freude am Leben vergällen und schlaflose Nächte verursachen.

Das uns Mögliche tun und dann Gott handeln lassen – das wird der richtige Weg sein. Sorgen werden uns immer begleiten, damit rechnet der Satz aus dem Petrusbrief. Aber wir brauchen uns von ihnen nicht lähmen zu lassen wie das Kaninchen von der Schlange.

Es ist gut zu wissen, dass wir nicht die Alleinverantwortung tragen und alles von uns abhängt. Wir können auf Beistand hoffen. Es beruhigt ungemein, dass Wendungen zum Guten eintreten können, die unseren Horizont überschreiten, und sich Lösungen ergeben, die wir überhaupt nicht im Blick hatten. Gott sei Dank!

Christine Lässig, Pfarrerin i. R., Weimar

Von der Altmark nach Amerika

23. September 2014 von redaktionguh  
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Ein Jugendprojekt führt in die USA und weckt in der Altmark neue Hoffnung für die Gemeindeentwicklung

Wenn ein Pfarrer über ein Projekt spricht und dabei von »Hoffnungsschimmer«, »veränderten Menschen« oder »Glück« redet, dann ist das entweder die übliche Rhetorik, schlichte Begeisterung über die eigene Arbeit, oder es ist tatsächlich wahr, was Thomas Vesterling, Pfarrer im Pfarrbereich Klein Schwechten (Kirchenkreis Stendal), erzählt.

Eine Jugendgruppe aus dem Pfarrbereich Klein Schwechten (Altmark) zu Besuch in den USA. Auf dem Programm der Begegnung standen diakonisches Arbeiten, Bildung und Tourismus. Foto: Thomas Vesterling

Eine Jugendgruppe aus dem Pfarrbereich Klein Schwechten (Altmark) zu Besuch in den USA. Auf dem Programm der Begegnung standen diakonisches Arbeiten, Bildung und Tourismus. Foto: Thomas Vesterling

Als Thomas Vesterling in die Altmark entsandt wurde, wollte er bald ein Konzept zur Gemeindeentwicklung erarbeiten. »Was in der Altmark an Veränderung kommt, ist häufig Rückbau«, so Vesterling. Die Gemeinden sollten aber zusammenwachsen und dies über ein gemeinsames Thema: die Jugendarbeit. »Die Menschen müssen spüren, dass es noch junge Menschen gibt und dass es sich lohnt, in sie zu investieren.« Thomas Vesterlings Blick ging über die Region hinaus und über den Atlantik. In den USA war er von 2010 bis 2011 Vikar. Die Kontakte aus dieser Zeit hat er genutzt und 2013 eine amerikanische Jugendgruppe in den Pfarrbereich eingeladen. »Das Jugendprojekt steht auf drei Säulen: diakonisches Arbeiten, Bildung und Spaß.«

»Das Jugendprojekt steht auf drei Säulen: diakonisches Arbeiten, Bildung und Spaß«

Kann der Besuch von amerikanischen Jugendlichen Hoffnungsschimmer für eine strukturschwache Region sein, wie Vesterling sagt? Der Pfarrer bejaht. Als die Gruppe aus den USA in der Altmark ankam, gab es noch zahlreiche Flutschäden zu beseitigen. Gemeinsam mit einheimischen Jugendlichen bauten sie unter anderem neue Wege auf einem Friedhof. »Dass junge Menschen aus einem anderen Land zu uns kommen und hier Zeit und Kraft investieren, war für viele ein Zeichen der Hoffnung«, erinnert sich Vesterling. Und die Amerikaner brachten einen eigenen Blick auf altmärkische Realitäten mit. Einerseits staunten sie, mit wie wenig die örtliche Kirche auskommen muss. Andererseits schauten sie unverstellt auf den Reichtum und die Chancen der Gemeinden. Das Projekt war ein Erfolg und wurde von der Bürgerstiftung ausgezeichnet.

Vesterling nutzte den Rückenwind für einen zweiten Teil: den Gegenbesuch in den USA. Gut 20 000 Euro wurden dafür eingeplant, 96 Prozent davon mussten selbst finanziert werden. Allein kaum zu stemmen. Aber durch die Gemeinden ging ein Ruck. »Man kann eine Erneuerung in der Gemeinde spüren. Aber auch ein großes Glück zum Beispiel bei den alten Menschen«, so Vesterling. Es kommen Spenden zusammen, sogar der Jagdverband gibt Geld. Das Projekt hat Hoffnung geweckt und strahlt aus. Vom 19. Juli bis zum 6. August konnten 17 junge Menschen aus dem Pfarrbereich in die USA reisen, zusammen mit einer Partnergruppe aus dem Rheinland.

Von der Altmark führte der Weg auf ehemalige Sklavenplantagen, zur Arbeit auf Feldern, zu Renovierungsarbeiten an einer Schule, nach Washington und New York. Auf den ersten Blick eine normale Auslandsreise.

»Was durch das Projekt im Pfarrbereich geschehen ist, lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken«

Um zu zeigen, was sie bewegte, erzählt Vesterling ein Beispiel: Ein Junge aus seiner Gruppe kam in den USA zu Gasteltern, die mehr als skeptisch waren. Der Gastvater mit jüdischen Wurzeln wollte nur ungern einen Deutschen beherbergen und die puerto-ricanische Mutter, die aus sehr einfachen Verhältnissen stammt, sorgte sich, den Ansprüchen eines Mitteleuropäers nicht gerecht werden zu können. Nach der Rückkehr aber kam ein Brief in die Altmark: Der Besuch habe das Bild von Deutschland verändert und die amerikanische Familie sei um einen Sohn reicher geworden. Und der altmärkische Junge habe sich bestätigt gefühlt wie kaum vorher.

Auch im Pfarrbereich klingt das Projekt nach. Es ist eine Jugendarbeit entstanden, die es vorher so nicht gab, die Gruppe auf dem Land ist via Facebook mit ihren Freunden in den USA vernetzt, und die Erfahrung in und mit Kirche hat gezeigt: Ich muss nicht anders sein, sondern ich bin so von Gott gewollt. »Das hat viele ungemein befreit und verändert«, so Vesterling. »Das bestätigen mir auch die Eltern hier.«

Doch Projekte wie diese sind immer Zusatzarbeit, auch wenn sie für Kirchengemeinden Erneuerung und Aufbruch bedeuten können. »Ich frage mich schon, wie wir so etwas noch besser verankern können.« Denn was durch diese Initiative geschehen sei, so Vesterling, ließe sich gar nicht in Zahlen ausdrücken.

Stefan Körner

Ein Ort zum Leben

23. September 2014 von redaktionguh  
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Am 13. September lud das Kinder- und Jugendhospiz in Thüringen zum Tag der offenen Tür

Trotz des trüben Wetters leuchten überall Farben: das orange geputzte Gebäude, das Grün, Blau, Gelb und Rot der Spielgeräte im Garten und die vielen Menschen, die ein- und ausgehen. Es ist Tag der offenen Tür im Kinder- und Jugendhospiz in Tambach-Dietharz.

Fröhliche Farben bestimmen die Spiel- und Aufenthaltsräume im einzigen Kinderhospiz Mitteldeutschlands. Foto: Burkhard Dube

Fröhliche Farben bestimmen die Spiel- und Aufenthaltsräume im einzigen Kinderhospiz Mitteldeutschlands. Foto: Burkhard Dube

Auch Miriam Saal ist mit ihren Eltern zu Besuch gekommen. Die 13-Jährige macht seit der Eröffnung 2011 regelmäßig mit ihrer Familie Urlaub in dem beschaulichen Ort am Rande des Thüringer Waldes. Miriam wird von den Mitarbeiterinnen an jeder Ecke freudig begrüßt. Das Mädchen aus Kaltenlengsfeld im Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach kam wie ihre Zwillingsschwester gesund zur Welt. Doch eine Sinusvenenthrombose in der fünften Woche nach der Geburt hat ihr Gehirn geschädigt. Seitdem ist sie schwer behindert. »Wir wissen nicht, was sie versteht. Miriam kann nicht sprechen«, sagt ihre Mutter Sabine Saal. »Sie äußert sich sehr über Emotionen, unterscheidet durchaus zwischen Leuten, die sie leiden mag oder nicht. Und wenn sie einen Fotoapparat sieht, lacht sie.«

Erholung und Abwechslung für Familien

Sabine und René Saal haben drei Töchter. Die Mutter pflegt Miriam zu Hause. Damit sie sich mal von der Pflege erholen kann und die Eltern für die anderen Kinder etwas mehr Zeit haben, verbringen sie jedes Jahr einige Ferientage im Kinder- und Jugendhospiz. »Wir haben sonst keine Möglichkeit, Urlaub zu machen«, sagt der Vater.

Für Familien wie die Saals ist der Gebäudekomplex an der Alten Gothaer Talsperre in Tambach-Dietharz, einst Talsperrenverwaltung, ein Glücksfall. Dass sich Miriam hier wohlfühlt, ist zu merken. Und auch die Eltern werden immer wieder herzlich begrüßt. Alte Bekannte eben.

»Bei Hospiz denken die meisten an ein Haus zum Sterben«, sagt Gert Bufe. »Doch die Kinder sind nicht zum Sterben hier, sondern zur Betreuung. Und die Eltern sind dankbar, wenn jemand da ist, der andere Gedanken mitbringt. Wir wollen ein Ort zum Leben sein.«

Jeder Euro für das Kinderhospiz ist sinnvoll

Der Psychologe aus Nordhausen gehört zum ehrenamtlichen Vereinsvorstand. »Wir sind stark familienorientiert und wollen die Eltern entlasten.« Das Angebot ist für Kinder und Jugendliche, die die Diagnose »lebenslimitiert erkrankt« erhalten. Wie lange ein Mensch mit dieser Diagnose jedoch lebe, könne man nie genau sagen. Einem Kind, dem eine Lebenserwartung von maximal acht Jahren vorhergesagt wurde, könne durchaus sehr viel älter werden. »Die Medizin schreitet immer weiter fort und die Lebenserwartung steigt permanent.« Das Problem sei die Finanzierung durch die Krankenkassen, die 20-Jährigen den Aufenthalt im Kinder- und Jugendhospiz oft nicht mehr bezahlen wollen. »Doch wenn die Jugendlichen seit Jahren mit dem Umfeld vertraut sind, sollten sie das weiter nutzen dürfen.« Insgesamt haben in den drei Jahren schon über 300 Familien Hilfe in Tambach-Dietharz gesucht. Zwölf Kinder mit Eltern und Geschwistern können sich hier erholen, da kommen schnell mal 50 Menschen zusammen. »Wir erleben, dass jeder Euro, den wir einsetzen, sinnvoll ist«, meint Gert Bufe.

Im August dieses Jahres wurde das »Sternstunden-Haus« fertiggestellt. Der multifunktionale Gemeinschaftsbereich bietet den Gastfamilien die Möglichkeit zum geselligen Zusammensein, zum gemeinsamen Essen und zur Kommunikation. Der Raum ist ebenso für Tagungen und Weiterbildungen nutzbar. Finanziert wurde der großzügige Anbau vom Verein »Sternstunden« aus München mit 235 000 Euro.

Die Zimmer der Eltern und Kinder haben große Fenster mit Blick auf die wunderschöne Landschaft, den Spielplatz, den Stausee und den Wald. Zehn Ehrenamtliche sind für die Familien da, kochen oder backen mit den Geschwisterkindern, gehen mit ihnen spielen oder bummeln. »Die Geschwister sind sehr glücklich über die intensive Zuwendung. Das muss gar nichts Großartiges sein«, sagt Sabine Weise, eine der zehn ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen. Sie führt die Besucher am Tag der offenen Tür durch den Abschiedsraum. Er ist schlicht eingerichtet, neutral in der Farbgestaltung, und außer Kerzen gibt es keinen Schmuck und kein religiöses Symbol. Die Familien sollen sich den Raum so herrichten, wie sie es für richtig halten. Drei Tage können sie von ihrem toten Kind Abschied nehmen. Eine Klimaanlage und demnächst auch ein Kühlbett sorgen dafür, dass dies möglich ist. »Das ist ein sehr wichtiger Ort für Familien, die das wünschen«, meint Sabine Weise. Neben den Ehrenamtlichen in der stationären Betreuung hat die Stiftung 50 freiwillige ambulante Betreuer in verschiedenen Orten ausgebildet. Zurzeit läuft solch eine Qualifikation in Mühlhausen.

Gute Kontakte zur örtlichen Kirchengemeinde

Gert Bufe erwähnt dankbar das Engagement der evangelischen Kirchengemeinde von Tambach-Dietharz. Er selbst ist bekennender Christ und Lektor in seiner Heimatgemeinde Nordhausen. In der Nähe des Hospizes liegt die Bergkirche, die von der Kirchengemeinde für besondere Anlässe genutzt wird. Das Kinder- und Jugendhospiz hat einen Schlüssel. Jederzeit können Mitarbeiter oder Angehörige dort Besinnung und Ruhe finden, beten. »Das wird auch von denen positiv aufgenommen, die keinen Bezug zur Kirche haben«, meint Bufe. Die Stiftung Kinderhospiz Mitteldeutschland Nordhausen ist keine kirchliche Einrichtung. Doch die Kontakte zur Kirche sind dem stellvertretenden Vorsitzenden wichtig. In dieser Beziehung wünscht er sich noch mehr Engagement von der mitteldeutschen Landeskirche.

Dietlind Steinhöfel

Mit Fahnen im Gottesdienst

22. September 2014 von redaktionguh  
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Auf den Spuren der Vergangenheit – Vortrag im Rahmen 700 Jahre St. Nicolai

Wenn sich Konfirmanden auf Spurensuche begeben, kann das auf gestandene Kirchenhistoriker abfärben. Es liegt schon einige Jahre zurück, dass sich Mühlhäuser Konfirmanden und ihr Pfarrer Teja Begrich mit einem Projekt am Jugendprogramm »Zeitensprünge« beteiligten, bei dem sich Jugendliche auf die Spuren lokaler Geschichte begeben und das von der Stiftung Demokratische Jugend gefördert wird. Der Pfarrer hatte sich gefragt, wie es denn die Mühlhäuser evangelischen Christen mit den Deutschen Christen (DC) gehalten hätten. Nur wenig förderten Konfirmanden und Pfarrer zutage, aber immerhin konnte eine kleine Ausstellung konzipiert werden: Briefe mit Hakenkreuz oder auf denen der Bischof mit »Heil Hitler« grüßt. Eine Zeitzeugin kommt zu Wort, deren Mutter in der Nazizeit immer mal die Kirche wechselte, wenn es ihr in der eigenen zu politisch wurde.

Beim Durchstöbern alter Akten – Konfirmanden aus Mühlhausen begannen die Forschungen innerhalb eines Jugendprojektes. Foto: Kirchengemeinde

Beim Durchstöbern alter Akten – Konfirmanden aus Mühlhausen begannen die Forschungen innerhalb eines Jugendprojektes. Foto: Kirchengemeinde

Von der Neugier Pfarrer Begrichs hat sich der Kirchengeschichtler Martin Onnasch aus Erfurt anstecken lassen. Der inzwischen 70-jährige Theologe war unter anderem Professor für Kirchengeschichte in Greifswald. In mühevoller Kleinarbeit hat er nun doch allerhand zusammengetragen und wird am kommenden Dienstag einen Vortrag halten. »Ich wusste davon auch nichts, obwohl ich über den Kirchenkampf in der Provinz Sachsen promoviert habe«, verweist Onnasch auf die dünne Faktenlage. Die Propstei Erfurt gehörte zur Kirchenprovinz; an diesen Grenzen orientierten sich die Nazis jedoch nicht. Das Gebiet gehörte zum Gaubezirk Weimar.

Onnasch konnte herausfinden, dass der Pfarrer der Mühlhäuser Petri-Margarethen-Gemeinde, Max Hellvogt, sehr enge Verbindungen zur NSDAP hatte. Hellvogt habe seit 1930 die Nazipartei und ihre Mitglieder gefördert. Sie kamen in Uniform und mit Fahnen in die Gottesdienste dieser Gemeinde – sowohl die NSDAP als auch die SA und der »Stahlhelm«, ein paramilitärisch organisierter Wehrverband. »Was mich am meisten verwundert hat, die Oberen in Magdeburg haben dieses Verhalten als nicht anstößig empfunden«, sagt der Wissenschaftler – genauso wie der Superintendent. Der damalige Oberbürgermeister, Hellmut Neumann, der für die Stadt in den kirchlichen Gremien saß, habe die Klage 1931 gegen diesen Pfarrer vorangetrieben. Sie endete mit einem Freispruch. Das Gericht konnte nicht sehen, dass Hellvogt mit seinem Verhalten die Republik geschädigt habe.

Neumann hat daraufhin sein Patronatsamt niedergelegt. »Was natürlich auch wieder für Unmut gesorgt hat.« Dass er 1933 mit gerade mal 42 Jahren als Oberbürgermeister abgesetzt und in den Ruhestand geschickt wurde, ist dann folgerichtig. Der Magdeburger Generalsuperintendent nahm sich besonders dieses Falles an und versuchte ihn zu glätten, was 1932 gelungen sei.

»Ab 1933 waren in Mühlhausen und im gesamten Kirchenkreis die Deutschen Christen sehr präsent.« Sie hätten in einigen Gemeinden die große Mehrheit in den Gemeindekirchenräten (GKR) eingenommen, vornehmlich in Petri-Margarethen; Marien und Blasii hätten sich »vornehm in der Mitte« gehalten. »In der gesamten Kirchenprovinz Sachsen waren die DC durchaus stark vertreten in den Gremien«, sagt der Kirchengeschichtler. »Dabei spielt eine Rolle, dass die Leute mit einer engen Verbindung zu den Nationalsozialisten der Meinung waren, die NSDAP sei eine christliche Partei, was auch der Superintendent von Mühlhausen äußerte. Das hat mich schon verwundert.« Anfangs

habe ja auch der Weimarer Gauleiter Fritz Sauckel das Bild einer christlichen Partei befördert. »Er ist erst 1937 aus der Kirche ausgetreten«, so Onnasch.

Die Bekennende Kirche habe in Mühlhausen nur eine kleine Rolle gespielt. Nach Angaben des Historikers hätten ihr dort nur rund 40 Leute angehört bei etwa 30 000 evangelischen Christen. Eine spannende Geschichte, die Martin Onnasch in den Archiven ausgegraben hat und anlässlich des 700. Geburtstags der Kirche St. Nicolai vortragen wird.

Dietlind Steinhöfel

23. September, Vortrag in Mühlhausen, St.-Nicolai-Kirche, 19.30 Uhr

Ermutigende Zeichen

22. September 2014 von redaktionguh  
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Judenfeindliche Hassparolen und Übergriffe haben in den vergangenen Monaten die jüdischen Gemeinden in Deutschland zutiefst verunsichert. Wie in anderen europäischen Ländern kam es auch hierzulande auf propalästinensischen Demonstrationen gegen die israelische Militäraktion in Gaza zu antisemitischen Ausfällen, die in ihrer Aggressivität das bisherige Ausmaß bei Weitem überschritten. So scheuten sich antiisraelische Demonstranten in Bochum, Dortmund, Gelsenkirchen und München nicht, die Parole: »Hamas, Hamas, Juden ins Gas« zu skandieren. In der Folge kam es in Berlin und anderen deutschen Städten zu gewalttätigen Übergriffen gegen jüdische Bürger, zu Anschlägen auf Friedhöfe und Synagogen sowie Hetze im Internet.

Dass dies nach jahrzehntelanger Versöhnungsarbeit zwischen Israel und Deutschland auf unseren Straßen geschieht, ist ein unerträglicher Zustand. Sicherlich ist es möglich, an der Politik Israels Kritik zu üben, doch sollte eine klare Trennlinie zum Antisemitismus gezogen werden! Um dem entschieden entgegenzutreten, hat der Zentralrat der Juden in Deutschland am vergangenen Sonntag unter dem Motto »Steh auf! Nie wieder Judenhass!« zur Demonstration am Brandenburger Tor aufgerufen. 4 000 Teilnehmer waren erwartet worden, 6 000 kamen. Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, und der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Merz, hielten Ansprachen. Damit wurden ermutigende Zeichen der Solidarität und gegen den Hass gesetzt.

Zur Verbundenheit mit Israel und unseren jüdischen Mitbürgern gehört genauso, dass wir klar unsere Position im Gaza-Konflikt zum Ausdruck bringen. Nur eine Zwei-Staaten-Lösung in Israel kann meines Erachtens Frieden und Sicherheit für Israel und die Palästinenser bringen kann.

Michael von Hintzenstern

Sie wollten keine Helden sein

22. September 2014 von redaktionguh  
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Geschichte: 25 Jahre friedliche Revolution – wie protestantisch war sie?

Die Rolle der evangelischen Kirche in der friedlichen Revolution wird von Historikern unterschiedlich gesehen.

Als »Basislager der friedlichen Revolution« beschreibt Werner Schulz die evangelische Kirche im Rückblick. Zu DDR-Zeiten hat er selbst in dieser Kirche Mitstreiter und Gleichgesinnte gefunden – Menschen, die sich der Dominanz der SED entziehen wollten und Freiräume suchten. Werner Schulz, der aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings bereits in den späten sechziger Jahren zu opponieren begann, der im Pankower Friedenskreis, später im Neuen Forum und dem Bündnis 90 engagiert war und bis 2013 die Bündnisgrünen im Europa-Parlament vertrat, will das Verdienst der Kirchen nicht geschmälert wissen. So bot das Dach der Kirche nicht nur Schutz, sondern unter diesem Dach erfuhren auch zahlreiche Nichtgläubige eine christlich begründete Ermutigung für ihr Engagement. Die friedliche Revolution sei für ihn durchaus eine »protestantische Revolution« gewesen – beeinflusst von theologischen Argumenten und couragierten Pfarrerinnen und Pastoren.

Menschen in Leipzig gedenken der friedlichen Revolution. Foto: epd-Bild/Jens Schlüter

Menschen in Leipzig gedenken der friedlichen Revolution. Foto: epd-Bild/Jens Schlüter

Historisch verbürgt ist der Anteil, den evangelische Christen zum Ende der DDR an der Protestbewegung hatten. Ob Marianne Birthler oder Ulrike Poppe, die Pfarrer Rainer Eppelmann oder Markus Meckel, der unter anderem von 1988 bs 1990 die Ökumenische Begegnungs- und Bildungsstätte in Niederndodeleben bei Magdeburg leitete, die Künstler Freya Klier und Stephan Krawczyk oder die in Sondershausen geborene Vera Lengsfeld. Wer nach dem Ende der DDR zu »den Bürgerrechtlern« zählte, dessen Geschichte war mit der Kirche verbunden. Inwieweit aber 1989 eine protestantische Revolution zum Mauerfall führte, darüber sind Geschichtswissenschaftler unterschiedlicher Meinung.

Der Historiker Thomas Großbölting von der Universität Münster beispielsweise warnt vor Überhöhung und Legendenbildung. Doch auch er erkennt die Rolle der evangelischen Landeskirchen beim Vorlauf zum Herbst 1989 an. Gleichwohl – nicht alle Landeskirchen pflegten gleichermaßen einen SED-kritischen Geist, und nicht in allen Leitungsetagen war die Opposition willkommen. Kirchenleitende Gremien bemühten sich zumeist um möglichst konfliktfreie, loyale Beziehungen zum SED-Staat – nicht zuletzt, um den schmalen Freiraum innerhalb der DDR nicht zu gefährden. Auch in den Gemeinden stießen Nonkonformisten und Andersdenkende nicht überall auf ungeteilte Zustimmung.

Längst belegt ist zudem, dass auch in den Reihen der Kirche auf allen Ebenen Verrat geübt wurde. Die Staatssicherheit legte ein aktives Netz von Inoffiziellen Mitarbeitern und Zuträgern aus – von der subtilen Beeinflussung bis zu brutalen Methoden wandte der Geheimdienst alle Mittel an, um der Opposition die Luft zum Atmen zu nehmen.

Dennoch – im Biotop der Kirchen trafen sich Friedens- und Umweltgruppen, in kirchlichen Räumen konnten kritische Texte veröffentlicht und diskutiert werden. Aus der realsozialistischen Mehrheitsgesellschaft Ausgegrenzte wie Bausoldaten und Ausreisewillige erfuhren in kirchlichen Einrichtungen Solidarität, es gab Orte freien Denkens, Protest gegen den Wehrkundeunterricht und Forderungen nach freien Wahlen. Originär protestantisch ist daran wohl vor allem die Unbeugsamkeit der Protagonisten von damals, die sich nicht als Helden feiern, aber weiter aufrecht gehen. Und die man, so Werner Schulz, daran erkennt, dass sie keine Helden sein wollten.

Jacqueline Boysen

Die Autorin ist Studienleiterin der Evangelischen Akademie Berlin.

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