Er wird mich fragen: »Willst du?«

29. November 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.
Sacharja 9, Vers 9

Will ich tatsächlich, dass es Advent wird? Na klar, auf die gemütliche, heimelige Stimmung im Advent mit Kerzen und Lebkuchen freue ich mich. Aber das andere: Will ich das? Das andere: dass er kommt, der König. Nicht nur in den Geschichten, sondern in mein Leben, zu mir. Will ich das, dass da einer mitbestimmt? Will ich das Zepter aus meiner Hand geben und ihm in die Hand legen? Als junger Mensch wäre meine Antwort ein klares »Nein« gewesen. Da war ich noch ganz und gar überzeugt von meiner eigenen Regierung.

Ulrich Storck, Pfarrer in Diesdorf

Ulrich Storck, Pfarrer in Diesdorf

Inzwischen habe ich erfahren, wie begrenzt meine Sicht der Dinge ist, habe einen Teil der Tiefen und Untiefen meiner Seele kennengelernt. Habe festgestellt, dass meine Wünsche und meine Wege nicht unbedingt zur Zufriedenheit, zum Frieden führen.So mache ich die Tür nicht gleich zu. Doch will ich wissen: Wie ist dieser König, der zu mir kommen will?

Einen Diktator werde ich sicher nicht hereinlassen. Obwohl es manchmal ganz bequem wäre, wenn einer klar ansagen würde, was gut ist und was böse, was richtig und was falsch.

Doch dieser König ist anders. Er kommt, um das Zepter zu übernehmen. Aber er reißt es nicht an sich. Er fordert es nicht einmal von mir. Er blickt mich an, und wartet auf mich mit Geduld, bis ich soweit bin. Vertrauen – darum geht es ihm!

»Fürchte dich nicht! Vertraue mir!«, sagt sein Blick. »Vertraue mir deine Sorgen an. Lass los. Vertraue mir. Vertraue mir an, was dir misslungen und was schiefgelaufen ist. Ich trage das für dich. Vertraue mir deine Wünsche an, deine Vorstellungen, wie dein Leben sein sollte, deine Vorstellungen, wie du sein solltest. Ich will dein König sein und dir Frieden schenken.«

Jetzt, in der Adventszeit, werde ich ihm, dem König, öfter begegnen: vielleicht bei Kerzen und Lebkuchen und Adventsliedern; vielleicht bei Glühwein in gemütlicher Runde; vielleicht gerade da, wo es dunkel ist in meinem Leben.

Und dann, wenn das Kind in der Krippe mich anblickt und es mich schauend fragt: »Willst du?«

Ulrich Storck, Pfarrer in Diesdorf

Die Türen weit öffnen

29. November 2014 von redaktionguh  
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Ein wirklich adventliches Zeichen hat die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) auf ihrer Tagung vergangene Woche gesetzt. Indem sie eine halbe Million Euro für die Flüchtlingsarbeit im In- und Ausland bereitstellt, öffnet sie im wahrsten Sinne des Wortes Türen für Menschen in Not. Denn sowohl die Flüchtlinge an den Grenzen der Krisenregionen als auch jene, die hier nach Europa kommen und in unserer Nachbarschaft Schutz suchen, sind auf unsere Solidarität und eine Willkommenskultur angewiesen. Gut, wenn wir deshalb nicht nur Türen, sondern auch die Herzen öffnen und den hilfesuchenden Menschen vorurteilsfrei und freundlich entgegensehen.

Lebendige Adventskalender, Kirchenmusiken und Laientheater bestimmen die vier Wochen bis Weihnachten. Wir sind erfüllt von der Vorfreude auf das Kommen des Heilands und damit verbunden ist die Hoffnung auf Frieden. Zu einem Weihnachtskonzert kommen auch der Kirche Fernstehende. Vielleicht spüren sie etwas von dieser Frohen Botschaft. Das liegt nicht allein in unserer Hand. Doch wir können den Weg bereiten für den Herrn und hin zu ihm, gerade in dieser Zeit.

Die EKM-Synode hat sich auch über solche Fragen Gedanken gemacht, diskutiert und zugehört. Wie können wir mit dem, was wir an Schätzen haben, eine einladende Kirche sein? »Erprobungsräume« sollen unterstützt werden, wo Kirchengemeinden die Türen nicht nur zur Advents- und Weihnachtszeit öffnen. Kinder und Jugendliche, auch die aus nichtreligiösen Elternhäusern kommen, sollen uns willkommen sein und mitgestalten dürfen. Damit dies auf einer guten Grundlage steht, hat die Synode ein Gesetz für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen verabschiedet und damit eine Tür weit aufgestoßen. Es gibt gewiss noch andere Türen, die wir öffnen können. Wie wäre es, wenn wir in der Adventszeit unsere Kirchentür nicht abschließen?

Dietlind Steinhöfel

Ernst machen mit dem Priestertum aller Glaubenden

25. November 2014 von redaktionguh  
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Im Gespräch: Was erlebt ein Mensch, der als »Quereinsteiger« in kirchliche Leitungsstrukturen kommt? – Ronald Jost zieht eine ernüchternde Bilanz


Er ist ein gestandener Mann, Finanzexperte, Bankdirektor, vielfach gesellschaftlich aktiv. Und er ist Christ. Deshalb engagierte sich Ronald Jost auch in kirchenleitenden Ämtern. Doch jetzt wirft er das Handtuch.
Harald Krille sprach mit ihm.

Was hat Sie bewogen, sich in den Gremien der Kirche zu engagieren, sozusagen ein ehrenamtlicher Funktionär dieser Kirche zu werden?
Jost:
Ich war etliche Jahre in Bayern und bin seit 1993 wieder in Mitteldeutschland. Für mich war es schwer erträglich wahrzunehmen, wie säkular und entkirchlicht das Kernland der Reformation geworden ist. Ich hatte die Illusion, wenn mehr Ehrenamtliche sich so richtig hineinbegeben würden in diese Kirche, dann werden wir auch im kirchlichen Bereich die Wende schaffen. Also Jost, die Kinder sind aus dem Haus und beruflich bist du auch etabliert, jetzt pack mal an! So bin ich eingestiegen und sehr schnell dann bis hinein in die erste EKM-Synode gewählt worden.

Ronald Jost leitet den Bereich Kundencenter bei der Thüringer Aufbaubank in Erfurt. Seit der Bildung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland im Jahr 2009 gehört er der Landessynode an. Der in Jena wohnende Diplomkaufmann wurde 1955 im Delitzsch geboren, absolvierte unter anderem eine Prädikantenausbildung und ist zertifizierter ehrenamtlicher Gemeindeberater im Gemeindedienst der EKM. Für die oft so ganz andere Arbeitskultur in kirchlichen Gremien findet er deutliche Worte. Foto: Harald Krille

Ronald Jost leitet den Bereich Kundencenter bei der Thüringer Aufbaubank in Erfurt. Seit der Bildung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland im Jahr 2009 gehört er der Landessynode an. Der in Jena wohnende Diplomkaufmann wurde 1955 im Delitzsch geboren, absolvierte unter anderem eine Prädikantenausbildung und ist zertifizierter ehrenamtlicher Gemeindeberater im Gemeindedienst der EKM. Für die oft so ganz andere Arbeitskultur in kirchlichen Gremien findet er deutliche Worte. Foto: Harald Krille

Sie sprechen von einer Illusion, warum?
Jost:
In meinen ehrenamtlichen kirchlichen Funktionen traf ich auf sehr viele liebenswerte Menschen. Aber die Arbeitskultur, in der ich mich wiederfand, das war schon ein Kontrastprogramm zu dem, was ich aus meinem bisherigen, breit gefächerten beruflichen Leben kannte. Und das sage ich ohne Wertung.

Woran macht sich das fest?
Jost:
Zum einen an den zum Teil sehr großzügig bemessenen Strukturen, die im Grunde überhaupt nicht mehr passfähig sind für das, was hier Kirche tatsächlich ist. Wir haben die Strukturen einer großen Volkskirche. Die Realität ist eine völlig andere. Der Mantel ist also viel zu groß. Er überfordert die wenigen, die sich in die Pflicht nehmen lassen.

Das nächste ist der Umgang mit Verantwortung in dieser Kirche. Wer trägt eigentlich wirklich Verantwortung? Da habe ich im Grunde keine Klarheit gefunden. Ich habe in meiner ganzen Amtszeit nie gesehen, dass irgendjemand zur Verantwortung gezogen wurde.

Und ich hatte in der Kirche, namentlich in den Kerngemeinden, eine stärkere spirituelle Kraft vermutet. Aber ich merkte schnell, dass wir uns in allen Gremien im Grunde nur mit Baufragen, mit Geld und Besitzstandsfragen beschäftigen. Doch die geistliche Dimension, wo wollen wir geistlich hin, was sind unsere Ziele als Kirchengemeinde, unsere spirituellen Bedürfnisse und Erwartungen, unsere Träume? Das habe ich verdammt wenig mitbekommen. Meine geistlichen Kraftquellen fand ich im Wesentlichen außerhalb meiner Kirche.

Was muss nach Ihrer Meinung geschehen?
Jost:
Wir müssten mal langsam Ernst machen mit dem Priestertum aller Glaubenden. Die geistlichen Funktionen haben wir doch weitgehend an die Profis delegiert. Wir haben immer noch viel zu wenig Lektoren und Prädikanten. Und in meiner eigenen Prädikantenausbildung habe ich erlebt, dass Kursteilnehmer das Handtuch geworfen haben, weil sie von ihrer Gemeinde und von ihrem Pfarrer keine Unterstützung hatten. Sie wurden als Konkurrenz wahrgenommen und nicht als wichtige Mitglieder in der geistlichen Leitung der Gemeinde.

Das ist letztlich aber kein Frage der Struktur, sondern der Haltung.
Jost:
Richtig. Statt an Strukturen herumzudoktern müssen wir uns ernsthaft fragen, welches Kirchenverständnis wir leben wollen. Nach meinen Erfahrungen empfinde ich unsere Kirche als eine lediglich synodal bemäntelte Amts- und Pastorenkirche.

»Nach meinen Erfahrungen empfinde ich unsere Kirche als eine lediglich synodal bemäntelte Amts- und Pastorenkirche«

Aber in den Gemeindekirchenräten, in den Synoden, tragen doch die sogenannten Laien Verantwortung?
Jost:
Ja, laut Verfassung hat der Vorsitzende eines Gemeindekirchenrates die Geschäftsführung. Aber wenn er wirklich Geschäftsführung wahrnehmen möchte, dann wird er sehr schnell merken, mit welchen Freiheitsrechten die Ordinierten ausgestattet sind und was es bedeutet mit Menschen zu arbeiten, die sich ihrer beamtenrechtlichen und dienstrechtlichen hohen Privilegien bewusst sind. Und er wird feststellen, dass viele seiner ehrenamtlichen Geschwister eigentlich gern in der tradierten Pastorenkirche weiterleben möchten.

Was wäre denn Ihre Erwartung an das Verhältnis von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen in der Kirche?
Jost:
Mein Traum ist, dass Kirche ein Ort christlicher Lebensschule ist, in dem die Hauptamtlichen nicht alles selbst machen, sondern sich als Lehrer, Trainer, als Begleiter der Ehrenamtlichen verstehen. Kein Fußballverein beschäftigt Trainer und Co-Trainer, damit die an jedem Wochenende der A- und B-Jugend wunderbare Dribblings vormachen. Trainer werden daran gemessen, dass sie den Jugendlichen das Fußballspielen beibringen. Die sollen spielen, der Trainer sitzt am Rande. Und bei uns ist es genau umgekehrt. Bei uns spielen die Pfarrer auf dem Feld.

Für mich ist es zum Beispiel unerträglich und beschämend, wenn ein Pfarrer in Alten- und Pflegeheimen und zu Geburtstagen sehr, sehr viele Besuche macht. Dafür ist er schlicht zu teuer. Alten, teilweise dementen Menschen zuzuhören, ihnen die Hand zu halten, sie beim Spaziergang zu begleiten, das ist doch eine christliche Grundpflicht von uns allen. Sein Job ist: Die Menschen seiner Gemeinde zu ermutigen, die Alten und die Kranken zu besuchen, sie dabei zu begleiten und zu stärken.

Warum jammern wir, wenn wieder eine Pfarrstelle eingespart werden muss? Warum sagen wir nicht, dann übernehmen wir das eben selbst? Wir haben doch Menschen, die Andachten halten und predigen können. Pfarrer sollen sie begleiten und ermutigen. Hier müsste auch verantwortungsbewusste Dienstaufsicht und Erfolgskontrolle einsetzen.

Und woran wollen Sie den »Erfolg« von Gemeindearbeit messen?
Jost:
Ich habe doch als normales Mitglied meiner Kirchengemeinde im Grunde nur zwei Möglichkeiten, auf meinen Pfarrer und die Gemeinde zu reagieren: mit Zeit und/oder Geld. Mit Zeit, indem ich die Veranstaltungen besuche, indem ich Ehrenamtsarbeit leiste, je nach meinen Begabungen. Mit Geld, indem ich spende, je nach meinem Vermögen. Wenn der Gottesdienst- und Veranstaltungsbesuch konstant bei wenigen Personen ist, wenn Kollekten nur spärlich fließen und deutlich mehr Menschen aus der Gemeinde austreten als dazukommen, dann muss ich doch den Pfarrer auch mal fragen: Was können wir hier tun? Wie kann ich Ihnen helfen? Das nenne ich Dienstaufsicht. Nicht knallhart nach dem Motto »Zahlen nicht erreicht, Stelle weg«.

Aber wir müssen uns auch fragen: Sind die Boten eigentlich gut vorbereitet und ausgewählt für ihre Aufgabe, mit der zeitlosen Botschaft des Evangeliums die Seelen der Menschen zu erreichen, sie zum Schwingen zu bringen? Und ich wage die Behauptung, wenn uns das gelänge, hätten wir geringere finanziellen Sorgen und auch weniger Engpässe im Ehrenamt.

Sie sind nicht mehr im Gemeindekirchenrat tätig und werden in der nächsten Legislaturperiode auch der EKM-Synode nicht mehr zur Verfügung stehen. Sind Sie frustiert?
Jost:
Ich bin für die laufende Legislatur nicht mehr bei den Kirchenältestenwahlen angetreten. Nicht aus Enttäuschung, beruflichen oder gesundheitlichen Gründen, sondern aus einer sehr nüchternen Bestandsaufnahme meiner kirchlichen Funktionärstätigkeit. Wenn ich mich engagiere, dann ist klar, ich stecke Energie in diese Aufgaben. Aber das ist nur nachhaltig möglich, wenn ich aus meiner Tätigkeit wiederum Kraft und Motivation schöpfe. Was ich gemacht habe, war viele Jahre lang eine energetische Quersubventionierung. Ich habe in meine Funktionärsarbeit viel Kraft reingesteckt, aber wenig Energie daraus gewinnen können. Und das ist ein ungesundes Verhältnis. Ich stehe meiner Gemeinde oder auch anderen Gemeinden gern im Rahmen meiner Möglichkeiten weiter zur Verfügung, aber derzeit nicht mehr als gewählter Funktionär.

Was würden Sie denjenigen, die im kommenden Jahr die neue Synode bilden, mit auf den Weg geben?
Jost:
Ich würde allen, vor allem den Ehrenamtlichen, die so wie ich aus einer anderen Kultur, aus einem anderen Milieu kommen, sagen: Ordnet euch nicht ein, sondern tragt ganz selbstbewusst eure Lebensrealität, eure beruflichen Erfahrungen und eure Sozialisation in die Synode hinein. Die euch gewählt haben sind Kirche! Ihr seid Kirche!

Leben im Bereitschaftsmodus

25. November 2014 von redaktionguh  
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Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen.

Lukas 12, Vers 35

Ich gebe es zu, ich denke oft nicht daran. Eine gefühlte Ewigkeit leuchtet das kleine Licht an der Stereoanlage, weil ich vergessen habe, sie auszuschalten. Und der PC ist sowieso im Dauerstandby. Ich kann ja nie wissen, wann ich wieder etwas in den Tiefen meiner Festplatten suchen muss. Ich weiß, das ist nicht gut für die Umwelt, aber es ist bequem. Und ja, es kostet. Strom zum Beispiel. Standby kostet. Auch Kraft und Nerven. Jeder, der im Bereitschaftsdienst arbeitet, weiß das. Immer wachsam sein und einsatzbereit. Das hält niemand auf Dauer aus.

Bin ich also nur ein guter Christ, wenn ich um Jesu Willen immer im Bereitschaftsmodus bin? Der Wochenspruch scheint mir das nahe zu legen. Seid bereit! Immer bereit? Nein, ich glaube, das Geheimnis liegt tiefer. Denn in Jesu Gegenwart erlebten Menschen, was ihre Bestimmung ist. In ihm war das Heil da, war für sie Freiheit zum Greifen nahe. Die gottgewollte Normalität. Standby war da nicht mehr nötig.

Daniel Senf

Daniel Senf

Sie lachen? Die Welt ist, in Jesu Sinne, kein bißchen normaler geworden in den letzten 2 000 Jahren. Aber die Antennen dafür, wie sie eigentlich sein sollte, die haben wir Menschen nicht verloren. Das ist nicht einmal etwas exklusiv Christliches. Im Standby bleiben heißt für mich, hungrig bleiben nach Gerechtigkeit, Frieden, einer im Wortsinn heilen Welt. Wer möchte das nicht? Wer wartet nicht darauf?

Und hier kann vielleicht der eine oder andere Christ etwas sensibler reagieren. Denn wenn ich im Glauben eine Ahnung oder Vorfreude einer gerechten Welt habe, dann kann ich nicht abschalten, wenn um mich Ungerechtigkeit und Unfrieden herrschen. Oder ich werde wach und freue mich, ja zehre davon, wenn schon hier und da Gottes Reich im Verborgenen aufscheint.

Ich gebe es zu, ich denke oft nicht daran. Wahrscheinlich leuchte ich und vielleicht auch Sie eine gefühlte Ewigkeit als ziemlich kleines Licht, kaum mehr zu sehen. Doch vergessen sind wir nicht. Und im Gegensatz zur Stereoanlage drückt am Ende niemand auf Aus. Ganz im Gegenteil!

Daniel Senf, Pfarrer in Zschortau

Lichtes Hoffnungszeichen

25. November 2014 von redaktionguh  
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Das neue Gemeindehaus in Lichte

Tiefe Täler haben sich die Flüsschen Lichte und Piesau ins Thüringer Schiefergebirge gegraben. Bis zum Rennsteig sind es rund fünf Kilometer und nach Bayern nur ein paar mehr. Hat man Bergkuppe und Wald hinter sich gelassen, geht der Blick weit hinunter. Zwischen 800 und 500 Höhenmetern liegt der Ort Lichte mit seinen schmucken schiefergedeckten Häusern.

Das neue Gebäude: Die Gemeinde ist stolz auf das Geschaffene. Foto: Thomas Schäfer

Das neue Gebäude: Die Gemeinde ist stolz auf das Geschaffene. Foto: Thomas Schäfer

Zur evangelischen Kirchengemeinde Lichte (Kirchenkreis Rudolstadt-Saalfeld) gehören Lichte und Wallendorf mit Bock, Teich sowie Geierstal. Seit einigen Jahren wird vom Pfarramt Wallendorf aus auch Schmiedefeld und Piesau mit versorgt. Insgesamt betreut Pfarrer Michael Nolde etwa 1 150 Gemeindeglieder. Wenn er auf die Zahlen schaut, verfinstert sich allerdings sein Gesicht: »Die Pfarrstelle hat in den letzten fünf Jahren etwa 200 Gemeindeglieder verloren.« Bislang waren zwei Pfarrhäuser und drei Kirchen zu verwalten, seit Mai ist ein weiteres Gebäude dazugekommen.

Küsterin Helga Schulz steht strahlend vor dem neuen Gemeindehaus in Lichte. Die Freude über das Geschaffene ist der Kirchenältesten ins Gesicht geschrieben. Fast 200 Jahre zog die Gemeinde von einem Ausweichquartier zum anderen. 1998 erwarb sie schließlich das Grundstück Dorst 6, auf dem bereits ihr kleiner Glockenturm stand. Erste Ideen und Entwürfe werden ab 2010 diskutiert. Im Mai 2011 dann eine Spendensammlung. »Wir sind von Haus zu Haus gegangen und fast nie abgewiesen worden«, erinnert sich Helga Schulz. Knapp 3 800 Euro und Eigenleistungen im Wert von 12 000 Euro kamen zusammen. Angespartes, Lotto-Mittel und landeskirchliche Unterstützung ermöglichen im Juli 2013 den Baubeginn, im September ist Richtfest und am 10. Mai 2014 Einweihung. »Als der Rohbau stand, setzte eine Hilfswelle ein. Es gab hohe anonyme Einzelspenden, und Handwerker ließen sich nur das Material bezahlen«, sagt Herbert Greiner. Bei dem pensionierten Bauingenieur liefen die Fäden zusammen. Gemeinsam mit Helmut Fischer sowie Helga und Günter Schulz war er täglich auf der Baustelle zu finden. »Wir sind halt die Rentnergang«, lachen sie.

Entstanden ist ein kleines Multifunktionsgebäude mit großem Raum für etwa 50 Personen, kleiner Teeküche und Toilette. Die beiden Bleiglasfenster mit Martin Luther und Johann Sebastian Bach sowie Harmonium und Liedertafel zogen stets mit der Gemeinde um und vermitteln nun ein Stück Heimat. Insgesamt seien rund 86 000 Euro an Baukosten (ohne Eigenleistungen und Sachspenden) aufgebracht worden, informiert Pfarrer Nolde. Man kam damit aus und ist schuldenfrei. Jetzt werden die Außenanlagen fertiggestellt.

Derzeit nutzen acht bis zwölf Kinder das Christenlehreangebot des Kirchspiels, und es gibt fünf Vorkonfirmanden und zehn Konfirmanden. Am Reformationstag wurde ihr Stegreiffilm »Bruder Martin« im Gemeindehaus gezeigt. Intensiv hatten sie sich mit Luthers Leben auseinandergesetzt. Zudem wird jeden Monat zu zwei Bibelabenden eingeladen. Der Kirchenchor geht auf sein 260. Jubiläum zu.

Alles gut? Nein. »Wir haben den Jammer mit der 2005 fertiggestellten Trinkwassertalsperre Leibis-Lichte. Die hohen Umweltauflagen haben unsere Porzellan- und Glasindustrie fast ganz futsch gemacht und lähmen Neuansiedlungen. Von rund 2 600 Einwohnern ist die Zahl auf 1 500 gesunken«, erklärt Helga Schulz. Man liegt an der Thüringer Porzellanstraße, aber die jungen Leute pendeln bis nach Bamberg. Viele sind deprimiert. Lichte hatte mit 28,6 Prozent die geringste Wahlbeteiligung Thüringens.

Umso mehr ist das neue Gemeindehaus ein hoffnungsvolles Zeichen von Tatkraft und Gemeinschaftssinn.

Uta Schäfer

Auf dem Weg des Zusammenwachsens

25. November 2014 von redaktionguh  
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Nachgefragt: Drei Mitglieder der ersten EKM-Synode ziehen am Ende der Legislatur Bilanz

Vom 19. bis 22. November kommt die erste Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland zu ihrer letzten Tagung zusammen. »Glaube + Heimat« befragte drei Synodale, was sie vor sechs Jahren motivierte, Mitglied des gemeinsamen »Kirchenparlaments« zu werden, auf welche Entwicklungen und Erfahrungen sie zurückblicken und worauf die Landeskirche künftig ihre Kraft und ihr Engagement richten sollte.

Ich bin seit 23 Jahren Pfarrerin in der Altmark. Als die Anfrage für die Mitarbeit in der Landessynode kam, habe ich mich gern zur Wahl gestellt und bin als Vertreterin des pfarramtlichen Dienstes gewählt worden. Ich habe meine Erfahrungen aus der Gemeindearbeit und auch aus kreiskirchlichen Verantwortungen in die Landessynode eingebracht.

Claudia Kuhn ist Pfarrerin in Osterburg, Kirchenkreis Stendal.

Claudia Kuhn ist Pfarrerin in Osterburg, Kirchenkreis Stendal.

Sehr gespannt war ich auf die Synodalen aus den unterschiedlichsten Arbeitsbereichen und aus den doch ganz verschiedenen Regionen unserer Landeskirche von Arendsee bis Sonneberg. Der Dialog mit ihnen hat auch meine Arbeit vor Ort bereichert. Ich denke, wir sind in den vergangenen sechs Jahren ein gutes Stück zusammengewachsen, auch wenn es ganz unterschiedliche Traditionen gibt. »Als Gemeinde unterwegs« zog sich wie ein Leitgedanke durch unsere Tagungen. Auf diesem Weg haben wir ermutigende, manchmal auch enttäuschende Erfahrungen gemacht. Manche Entscheidungen wurden mühsam errungen, andere einstimmig getroffen. Besonders die Tätigkeit im Theologischen Ausschuss war mir wichtig. Mit unseren unterschiedlichen Hintergründen haben wir miteinander diskutiert und einen gemeinsamen Weg gesucht. Das war trotz aller Geschwisterlichkeit nicht immer einfach.

Die Arbeit der Gemeinden vor Ort im Blick zu behalten, sehe ich als eine besonders wichtige Aufgabe auch für die neue Landessynode, der ich allerdings nicht mehr angehören werde. Die gemeinsame Zeit war für mich eine sehr stärkende Erfahrung.

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Ulrike Rynkowski-Neuhof ist Professorin für Gesang und Stimmbildung an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar.

Ulrike Rynkowski-Neuhof ist Professorin für Gesang und Stimmbildung an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar.

Das war damals keine leichte Entscheidung, und ich habe mich im Vorfeld mit Freunden, Kollegen und sogar mit einigen meiner Studierenden beraten. Sie haben mir alle zugeredet, mich auf diese Weise zu engagieren. Und für mich war es in erster Linie ein Gefühl von Verantwortlichkeit für »meine Kirche«, in die ich mich trotz sehr knapper Freizeit nach Kräften einbringen wollte. Als Professorin der Musikhochschule schlägt natürlich mein Herz in besonderem Maße für die Kirchenmusik in unserer Landeskirche.

Ich zolle den vielen ehrenamtlichen Gemeindegliedern meinen besonderen Respekt für ihr großes und un­eigennütziges Engagement, ohne das Gemeindeleben gar nicht zu denken wäre. Und ich habe allerdings auch erfahren, dass für mich selbstverständliche Dinge »bei Kirchens« manchmal länger dauern.

Worauf die Landeskirche ihre Kraft und ihr Engagement setzen sollte, lässt sich schwer so verkürzt darstellen. Die Basis ist erst einmal eine gute, es beginnen die früheren Landeskirchen Thüringen und die Kirchenprovinz Sachsen in einer gemeinsamen mitteldeutschen Kirche zusammenzuwachsen. Es wird weiter der Anpassung bedürfen, ohne zu sehr zu vereinheitlichen. Qualitätvolle Kirchenmusik in unterschiedlichster Form, Jugendarbeit, Ökumene, die Thematik der Gleichstellung, die Darstellung oder besser noch die deutliche Positionierung unserer Kirche in der Gesellschaft, das wären einige der Zielrichtungen, die ich mir denken könnte.

Als ich 2002 in die zehnte und letzte Thüringer Landessynode gewählt und nach meiner Motivation gefragt wurde, nannte ich gegenüber »Glaube + Heimat« – schon mit Blick auf eine Föderation mit der damaligen Kirchenprovinz Sachsen – drei mir wichtige Schwerpunkte: die Gemeindesicht, das Bekenntnis und die Ökumene. Alle drei Themen sind mir weiter wichtig geblieben, und es gab Zeiten, da war mal mehr das eine, mehr das andere dran. Für mich gehören die drei Felder aber zusammen.

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Sabine Bujack- Biedermann ist Redakteurin bei der Ostthüringer Zeitung in Saalfeld.

Sabine Bujack- Biedermann ist Redakteurin bei der Ostthüringer Zeitung in Saalfeld.

Wirklich zufrieden wäre ich, wenn es uns gelungen wäre, den Gemeinden die Notwendigkeit und die Vorteile der Fusion zur EKM besser zu verdeutlichen. Leider wird sie dort mehr als Sparrunde und Bürokratie wahrgenommen, denn als Chance, mit weniger Gemeindegliedern und weniger Mitteln Neues zu gestalten. Der Gemeindekongress in Halle, der aus unserem Synodenthema »Als Gemeinde unterwegs« erwachsen ist, hat dazu ermutigende, kreative Möglichkeiten gezeigt.

Als Gemeindeglied aus dem Süden der EKM wünsche ich mir, dass es weiter solche Begegnungsmöglichkeiten für die gesamte Landeskirche wie zum Gemeindekongress gibt. Auch Bildung sollte unser ureigenes protestantisches Thema bleiben – mit einem klaren Profil. Außerdem halte ich es für unser christliches, ökumenisches Gebot, uns bei der Betreuung der Flüchtlinge zu engagieren, uns für Frieden ohne Waffen einzusetzen, unseren Reichtum nicht auf Kosten unserer Nachkommen und nicht so wohlhabenden Nachbarn zu mehren, sondern zu teilen.

Internet auf Halbmast

24. November 2014 von redaktionguh  
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Ewig online: Heißt es in Zukunft »Byte zu Byte« statt »Asche zu Asche«?

Tod, Sterben und Trauer virtuell – wie Internet und soziale Medien den Umgang mit dem Ende des Lebens verändern.

Auf ihrem Facebook-Profil ist Lara M.* lebendig. Nur seltsam inaktiv. Eine lange Reise? Vielleicht. Stress im Beruf? Möglich. Als Beziehungsstatus ist vermerkt: Verheiratet mit Martin M.* Folgt man dem Link zu Martins Profil, erscheint ein Bild: An seiner Seite eine Frau, die nicht Lara ist. Und ein neugeborenes Kind.

Lara M. ist seit vier Jahren tot. Doch ihre Facebook-Seite, die problemlos eingesehen werden kann, enthält keinen Hinweis darauf. Virtuell lebt Lara noch. Standbilder der Ewigkeit?

Mehr als 75 Prozent der Deutschen surfen regelmäßig im Internet, bei den unter 50-Jährigen sind es über 90 Prozent. Allein in Deutschland nutzen 27 Millionen Menschen das soziale Netzwerk Facebook. Das Internet ist kein »Neuland«, wie Kanzlerin Merkel meinte, sondern längst Alltag. Und zum Alltag gehört der Tod und damit auch zum Internet. Sterben 2.0 im Netz, das scheinbar nie vergisst.

Es gibt gut 70 deutschsprachige Trauer- und Gedenkseiten im Internet. Oder virtuelle Friedhöfe. Auf einer dieser Seiten kann der Besucher virtuelle Kerzen anzünden und »Geschenke« hinterlassen: das Bild eines Teddybären oder einer Blume. Phänomene, die offline als hilfreich erlebt werden, werden virtuell reproduziert. Aber eine Pixelkerze wärmt nicht. Auge und Ohr werden angesprochen. Trauer aber braucht alle Sinne. Eine andere Seite hingegen verspricht Online-Unsterblichkeit – für maximal 499 Euro. Überschaubare Kosten für die Ewigkeit als Bit und Byte auf einem Computer.

»Gedenkorte verlagern sich. Ein Ort, der dazugekommen ist, ist das Internet«, sagt Birgit Janetzky. Die Theologin und Trauerrednerin bloggt intensiv zum Thema »Tod und Trauer im Internet«. Sie sieht die Entwicklung durchaus positiv. »Ein Jugendlicher, der mit dem Internet aufgewachsen ist, geht nicht in einen Schreibwarenladen und kauft eine Trauerkarte, mit der er kondoliert. Dafür wird das Internet und die Kommentarfunktion genutzt.« Und: Das Gestalten von Gedenkseiten sei ein hilfreicher, aktiver Akt in Zeiten der Trauer und Passivität, so Janetzky. Ähnlich wie eine Traueranzeige in der Zeitung. Und es finden sich im Internet schnell Menschen, die in Kommentaren Trost spenden. Gut für Menschen, die sich durch die Trauer isoliert fühlen.

Foto: kebox – Fotolia.com

Foto: kebox – Fotolia.com

Doch manchmal scheint es so, als hätte das Internet die Verheißung der Ewigkeit an sich gezogen. Daten verschwinden nicht einfach. Eine Ahnung von Ewigkeit wird, sei es auf einem virtuellen Friedhof oder Facebook, sichtbar, hörbar. Und ist nicht nur Hoffnung und Ahnung wie im Glauben. Einträge in sozialen Netzwerken lassen Verstorbene seltsam lebendig wirken. Ein Programm hilft sogar, letzte Worte aufzunehmen und verbreitet diese nach dem Ableben über Facebook oder Twitter. Stimmen aus dem Jenseits – ohne Geisterseher, sondern via App. Eine inzwischen nicht mehr verfügbare Seite aus den USA erschuf ein animiertes Ebenbild des Toten. Durch künstliche Intelligenz konnten Gespräche mit dem virtuellen Ebenbild geführt werden. Die Ewigkeit hat aber ein Ende, wenn die Webseite abgeschaltet wird.

»Digitale Unsterblichkeit ist ein problematischer Begriff. Das Nicht-Löschen von Daten ist nicht Ewigkeit im theologischen Sinn«, so Janetzky. Das Nicht-Löschen von Daten kann aber zum Problem werden, wenn Menschen wie Lara M. noch lebendig wirken. Birgit Janetzky rät darum, sich rechtzeitig um seinen digitalen Nachlass zu sorgen. »Es ist sinnvoll, seinen Angehörigen Hinweise auf Zugangsdaten zu hinterlassen.« Und auch Hinweise, was mit der Online-Präsenz passieren soll. Noch tun Internetdienstleister zu wenig, um Angehörigen entgegenzukommen. Zwar gibt es bei Facebook die Möglichkeit, das Profil in einen Gedenkmodus zu versetzen, aber diese Funktion ist gut versteckt. Und auch das Löschen ist möglich – wenn man den Knopf dafür findet.

Lara M. hatte sich nicht um ihren digitalen Nachlass gesorgt. Jetzt geistert sie durchs Internet. Doch wer hätte es gewagt, nach ihrem Tod den Facebook-Stecker zu ziehen? Ein Mensch ist tot. Wer will da noch auf »Löschen« drücken? Doch Gottes Ewigkeit ist zum Glück nicht virtuell.

Stefan Körner

* Namen der Redaktion bekannt

Verlorener Feiertag

22. November 2014 von redaktionguh  
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Als am Dienstagabend diese Kirchenzeitung in den Druck ging, konnten sich unsere sächsischen Kolleginnen und Kollegen in der Leipziger Redaktion auf einen Feiertag freuen. Denn nur in Sachsen gibt es noch den Buß- und Bettag als gesetzlichen Feiertag. Als 1995 die Pflegeversicherung eingeführt wurde, fiel der christliche Feiertag in allen übrigen Bundesländern weg. Gestrichen zur Finanzierung der Pflegeversicherung.

Was hat es gebracht? Wenig. Mit der Einführung der Pflegeversicherung zum 1. Januar 1995 lag der Beitragssatz bei 1,0 Prozent. Seither hat er sich etwas mehr als verdoppelt. Seit 2013 ist der Beitragssatz auf 2,05 Prozent des versicherungspflichtigen Einkommens gestiegen, plus eines Zuschlags für Kinderlose in Höhe von 0,25 Prozent. Nun ja, Pflege kostet Geld.

Es wird zwar regelmäßig über die Abschaffung des Feiertages geklagt – dass solche Stimmen aber gehört und ernst genommen werden, ist derzeit unwahrscheinlich. Zu sehr kollidieren hier wirtschaftliche Interessen mit den christlichen. Zudem: Beichte und Buße. Die evangelische Kirche hält zwar Luthers Lehre, der Mensch ist gerecht und Sünder zugleich, hoch. Praktisch aber haben Buße und Beichte keine große Bedeutung. In der Kirche nicht – abgesehen von einigen gottesdienstlichen Elementen wie dem Sündenbekenntnis und dem Zuspruch der Gnade, und in der Gesellschaft sind diese Begriffe erst recht Fremdworte.

Eine Wiedereinführung des Buß- und Bettages als Feiertag würde nicht automatisch eine verloren gegangene Tradition beleben. Gleichwohl: Viel wichtiger als Geld sind Schuldeingeständnis, Vergebung, Umkehr – für die seelische Gesundheit, privates Glück, Frieden – für das Heil des Menschen und der Gesellschaft. Deshalb sollten die Kirchen achtsamer sein, wenn christliche Werte für wirtschaftliche Interessen geopfert werden sollen. Die Sachsen waren da klüger.

Sabine Kuschel

Mit Posaunen und Trompeten

18. November 2014 von redaktionguh  
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Persönlich erlebt: Wie eine württembergisch-thüringische Gemeindepartnerschaft zu einer deutsch-deutschen Liebesgeschichte wurde

Sie war die Tochter des Posaunenchorleiters Ost, er der Sohn des Posaunenchorleiters West: Seit 2008 sind Ivonne (36) und Jochen Maurer (35) ein Ehepaar und leben mit ihren zwei Kindern in Schlierbach in Baden-Württemberg.

Ihre bezaubernde deutsch-deutsche Geschichte beginnt im Mai 1989, kurz vor dem Mauerfall. Im Frühjahr 1989 fuhr Frieder Maurer wieder einmal nach Thüringen. Für den Posaunenchorleiter aus Württemberg war das nichts Außergewöhnliches. Seit vielen Jahren gab es eine Partnerschaft der Kirchengemeinden Schlierbach (Württemberg) und Westerengel (Thüringen), intensiv wurde sie vor allem von den beiden Posaunenchören gepflegt. Das Besondere war diesmal, dass Frieder Maurer seinen Mercedes Kombi nicht nur mit Musikinstrumenten und Westwaren vollgeladen hatte, sondern auch die Familie mitfuhr. Zum ersten Mal in ihrem Leben besuchten Margret Maurer und ihr Sohn Jochen die DDR.

Reise in eine graue Welt

Wenn Margret Maurer (66) sich 25 Jahre später an diese Momente im anderen Teil Deutschlands erinnert, dann fallen ihr vor allem zwei Dinge ein: Wie grau dort die Welt war und wie erstaunt ihr Ehemann war, dass sie an der Grenze plötzlich Danke und Bitte sagten: »Es hatte sich etwas verändert, das hat mein Mann gespürt, ohne dass wir wussten, was es bedeutet.«

Auch Ivonne Rohleder und Jochen Maurer ahnten nicht, was auf sie noch zukommen würde. Als sie sich an diesem Wochenende im Mai 1989 in Westerengel erstmals sahen, da waren sie Kinder: Die elfjährige Tochter des Posaunenchorleiters aus Thüringen und der zehnjährige Sohn des Posaunenchorleiters aus Württemberg. Sie spielten miteinander im Chor und draußen auf der Dorfwiese und fanden sich insgesamt wohl recht nett. So nett jedenfalls, dass sie ein Jahr später eine Brieffreundschaft begannen.

Halbe Weltreise mit dem Trabi

Da hatte sich die Welt um sie herum schon vollkommen verändert. Die Mauer war gefallen und die DDR war in Auflösung begriffen. Zum Landesposaunentag 1990 in Ulm kamen erstmals die Rohleders aus Westerengel zu den Maurers aus Schlierbach. Die ganze Familie in einem Trabi, es war eine halbe Weltreise und ein großes Hallo, als sie in Schlierbach eintrafen. Fast acht Stunden hatten sie mit dem Zweitakter für die 400 Kilometer gebraucht.

Vier Jahre dauerte die Brieffreundschaft der beiden Kinder. »Ich habe alles aufgehoben«, erzählt Ivonne. Es waren glückliche Zeiten für sie Anfang der 90er Jahre: Endlich durfte sie überall hin reisen und auch ihren Glauben frei leben. Nun gab es keinen Lehrer mehr, der ihr die Kreuzkette vom Hals riss, weil sie sie versehentlich im Unterricht getragen hatte.

1994 machte sie eine Ausbildung als Arzthelferin, 1997 ging sie als Krankenschwester nach Hannover. Das Leben hatte eine neue Wendung genommen und aus dem Mädchen war eine erwachsene Frau geworden. Die war nun ebenso mit sich und den neuen Herausforderungen beschäftigt wie Jochen Maurer aus Schlierbach. Ihre Brieffreundschaft, sie war allmählich eingeschlafen und Ivonne nun auch nicht mehr regelmäßig dabei, wenn sich die Posaunenchöre trafen.

Als Ivonne Rohleder 2001 von Hannover nach Ditzingen zog, da hatte sie keine Ahnung, dass Schlierbach gerade mal eine gute halbe Autostunde entfernt lag. Ihr damaliger Freund hatte in Württemberg eine Stelle gefunden und sie war eben mitgegangen. »Mein Vater hat mich draufgebracht, wie nah ich eigentlich bin«, sagt sie heute und denkt an den Sommer 2001 zurück, als sie den Brieffreund ihrer Kindertage nach Jahren erstmals
wiedersah.

Der Beginn einer Liebe

Der Posaunenchor in Schlierbach feierte damals Jubiläum und die Ditzingerin war die 60 Kilometer eben mal rübergefahren: Es war der Beginn einer ganz speziellen Wiedervereinigung zweier Menschen, die sich noch immer mochten. Die staunten, wie nah sie einander waren, geografisch und menschlich. Von da an trafen sie sich wieder regelmäßig, »als Freunde«, schließlich waren beide zu dieser Zeit noch mit anderen Partnern zusammen. Als diese Partnerschaften auseinandergingen, waren sie noch immer Freunde. Beste Freunde. Wann immer es ein Problem gab, konnte Ivonne zu Jochen und Jochen zu Ivonne kommen. Aber Liebe? Nein, bloß nicht, das geht auf keinen Fall! Eine so außergewöhnliche Freundschaft darf nicht durch große, völlig unkontrollierbare Gefühle belastet werden.

Von den Freunden lang erwartet: Die Hochzeit von Ivonne, geborene Rohleder, und Jochen Mauerer am 8. August 2008 in Thüringen. Fotos: privat

Von den Freunden lang erwartet: Die Hochzeit von Ivonne, geborene Rohleder, und Jochen Mauerer am 8. August 2008 in Thüringen. Fotos: privat

Je öfter sie sich das einredeten, desto weniger glaubten sie selbst daran. Ihre Umgebung war ohnehin schon lange der Meinung, dass »die Ivonne und der Jochen« ein ideales Paar sind. »Einmal hat mein Mann ganz leise gesagt, dass das doch eine Frau für den Jochen wäre«, erinnert sich Margret Maurer. Es gehört zu den tragischen Seiten dieser wunderbaren Familiengeschichte, dass Frieder Maurer 2004 viel zu früh verstarb. Der Bezirksposaunenwart und Leiter des Posaunenchors, der mit so viel Herzblut all die Jahre die Kontakte zu den Rohleders und den Bläsern aus Westerengel gepflegt hatte, er sollte nicht mehr miterleben, was aus dieser deutsch-deutschen Verbindung noch hervorgehen würde.

2006 ließen Ivonne und Jochen ihren Gefühlen freien Lauf. Sie waren füreinander bestimmt, daran gab es nun keinen Zweifel mehr. Dann ging alles schnell. Die Hochzeitsreise nach Kuba, sie machten sie 2007, noch bevor sie heirateten. »Ein kleiner Scherz«, sagen sie heute, aber tatsächlich teilten sie ihren Nächsten über ein Sandgemälde mit, dass sie ein Ehepaar werden würden. Als sie das Foto verschickten, war die Verwunderung gering, die Freude jedoch riesengroß. Die Krönung einer Verbindung, die als Partnerschaft zweier Posaunenchöre im geteilten Deutschland begonnen hatte.

Endlich: Hochzeit in Thüringen

Am achten August 2008 heirateten sie in Thüringen standesamtlich. Die Schnapszahl bugsierte sie sogar mit Foto auf das Titelblatt einer Tageszeitung. Am 16. August folgte die kirchliche Trauung in Schlierbach, Pfarrer war Ivonnes Onkel aus Westerengel. Wenig später wurde auch Tochter Lina, heute sechs Jahre alt, geboren. »Sie wächst zweisprachig auf«, lacht Ivonne. Denn so Schwäbisch wie Papa Jochen spricht, so Thüringisch klingt es, wenn die Mama mit ihren Verwandten redet.

Auch wenn die inzwischen vierköpfige Familie – Sohn Jonas wurde vor zwei Jahren geboren – heute dauerhaft in Schlierbach wohnt, so sind die Verbindungen nach Westerengel stets intensiv geblieben. Wann immer man dorthin kommt, sind die Instrumente mit dabei und Ivonne und Jochen spielen mit der gesamten Familie Rohleder bei Geburtstagsfeiern, Jubiläen, Beerdigungen, was eben gerade anfällt.

Im Osten ist man spontaner

Das Leben auf dem Dorf in Thüringen ist spontaner, unkomplizierter und geselliger als in Württemberg. Das sagt auch Margret Maurer aus Schlierbach. »Wir sind da immer gerne hingegangen, diese Herzlichkeit und Gemeinschaft, man kann einfach kommen und bleibt zum Essen, ohne Ankündigung.«

Manchmal vermisst auch Ivonne die Spontaneität, die Hilfsbereitschaft, die es zu Hause gegeben hat. Das Leben im anderen Teil Deutschlands, es war trister und grauer, aber auch von einem großen Zusammenhalt der Menschen geprägt. Den findet Ivonne allerdings auch in ihrer Familie in Schlierbach und im dortigen Posaunenchor.

Andreas Steidel

Das neue Gesicht der EKD

18. November 2014 von redaktionguh  
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EKD-Synode: Der neue Ratsvorsitzende wurde mit großer Mehrheit von den Synodalen gewählt

Mit dem bayerischen Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm hat die EKD einen Professor an ihrer Spitze, der mit Flüchtlingen Weihnachten feiert.

Die Wahl schien schon gelaufen, bevor sie begonnen hatte. »Da kommen aufregende Zeiten auf Sie zu«, flüsterte Günther Beckstein, Vize-Präses der EKD-Synode, Deborah Bedford zu. Da wusste die Frau des bayerischen Landesbischofs schon in der Pause vor dem Wahlgang der EKD-Synode in Dresden, dass sich ihr Familienleben demnächst gewaltig ändern wird.

Als dann noch der sächsische Landesbischof Jochen Bohl ans Rednerpult trat, um den Wahlvorschlag des EKD-Rates zu präsentieren, war auch klar: Es gibt keinen Plan B, für den der Sachse als Übergangskandidat gehandelt wurde. »Wir sind uns im Rat sehr schnell einig geworden«, verkündete Bohl. »Es wird Sie nicht völlig überraschen, wenn wir Ihnen Professor Doktor Heinrich Bedford-Strohm vorschlagen.«

Heinrich Bedford-Strohm betritt die EKD-Bühne. Sehr aufrecht, sehr freundlich, sehr klar, sehr um Demut bemüht. Er wolle bis zur nächsten Wahl im Herbst 2015 das zu Ende bringen, was sein Vorgänger Nikolaus Schneider angefangen habe, sagt er den EKD-Synodalen: »Unabhängig davon, wen die nächste Synode wählen wird.«

Die Synodalen ihrerseits zeigten ihm mit ihren Stimmen, dass sie gar niemanden anderes wollen: 106 von 125 Anwesenden stimmten für ihn. Großer Applaus, Landesbischof Bohl umarmt den neuen EKD-Ratsvorsitzenden als Erster. Er scheint erleichtert, die meisten Synodalen scheinen erleichtert. Drei Ratsvorsitzende haben sie in nur einer Amtszeit gewählt.

Heinrich Bedford-Strohm folgt Nikolaus Schneider im Amt des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Foto: Steffen Giersch

Heinrich Bedford-Strohm folgt Nikolaus Schneider im Amt des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Foto: Steffen Giersch

Wer wissen will, welche Hoffnungen dieser 54-Jährige mit der rot-braunen Hornbrille weckt, der erst seit drei Jahren bayerischer Landesbischof ist, muss nur ins Internet sehen. Ein Youtube-Video zeigt ihn, wie er den Heiligen Abend in einem Münchener Flüchtlingsheim feiert. »Hast du das Gefühl, hier gut aufgehoben zu sein?«, fragt er dort eine Afghanin. Ganz vertraut, es ist echtes, menschliches Interesse. Bedford-Strohm flirtet durchaus mit der Kamera, aber er versteht es genauso, mitten in diesem quirligen Weihnachtsabend im Asylbewerberheim aus dem Stegreif zu predigen. »Joseph und Maria und ihr kleines Kind mussten auch fliehen, und sie wurden an der Grenze von Ägypten glücklicherweise nicht abgewiesen«, sagt er – und appelliert bei der Gelegenheit gleich an die Behörden, Flüchtlinge willkommen zu heißen.

Heinrich Bedford-Strohm ist ein Theologe reinsten Wassers, er lehrte in den USA, Süfafrika und in Bamberg, ein Schüler und Freund des früheren EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber. In den großen Themen unserer Zeit ist der Franke ohnehin zu Hause: Sterbehilfe-Debatte: Er schreibt gerade ein Buch übers Sterben. Gerechtigkeit: Bedford-Strohms Doktorarbeit trägt den Titel »Vorrang für die Armen«. Waffenlieferungen an die Kurden: Bedford-Strohm ist dafür. Nicht weil er es sich am Schreibtisch überlegt hätte, sondern weil er im September selbst bis an die allervorderste Front des Kampfes gegen den IS-Terror im Irak gegangen war und die veralteten Waffen der Peschmerga mit eigenen Augen sah. Bei Facebook kommuniziert der neue Ratsvorsitzende sowieso, auf der EKD-Synode freute er sich über die 3 000. »Gefällt mir«-Angabe auf seiner Seite.

»Wir wollen uns in die öffentlichen Diskussionen einmischen«, kündigte Heinrich Bedford-Strohm vor der Synode an. »Aber nicht, indem wir uns als die besseren politischen Kommentatoren aufspielen, sondern geistlich.«

Dann tritt er vom Rednerpult, will gehen – und vergisst für einen Moment, dass da noch das Synodenpräsidium mit Blumenstrauß zur Gratulation ansteht. Heinrich Bedford-Strohm ist schon auf Betriebstemperatur. Als hätte er nie etwas anderes gemacht.

Andreas Roth

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