Internet auf Halbmast

24. November 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Ewig online: Heißt es in Zukunft »Byte zu Byte« statt »Asche zu Asche«?

Tod, Sterben und Trauer virtuell – wie Internet und soziale Medien den Umgang mit dem Ende des Lebens verändern.

Auf ihrem Facebook-Profil ist Lara M.* lebendig. Nur seltsam inaktiv. Eine lange Reise? Vielleicht. Stress im Beruf? Möglich. Als Beziehungsstatus ist vermerkt: Verheiratet mit Martin M.* Folgt man dem Link zu Martins Profil, erscheint ein Bild: An seiner Seite eine Frau, die nicht Lara ist. Und ein neugeborenes Kind.

Lara M. ist seit vier Jahren tot. Doch ihre Facebook-Seite, die problemlos eingesehen werden kann, enthält keinen Hinweis darauf. Virtuell lebt Lara noch. Standbilder der Ewigkeit?

Mehr als 75 Prozent der Deutschen surfen regelmäßig im Internet, bei den unter 50-Jährigen sind es über 90 Prozent. Allein in Deutschland nutzen 27 Millionen Menschen das soziale Netzwerk Facebook. Das Internet ist kein »Neuland«, wie Kanzlerin Merkel meinte, sondern längst Alltag. Und zum Alltag gehört der Tod und damit auch zum Internet. Sterben 2.0 im Netz, das scheinbar nie vergisst.

Es gibt gut 70 deutschsprachige Trauer- und Gedenkseiten im Internet. Oder virtuelle Friedhöfe. Auf einer dieser Seiten kann der Besucher virtuelle Kerzen anzünden und »Geschenke« hinterlassen: das Bild eines Teddybären oder einer Blume. Phänomene, die offline als hilfreich erlebt werden, werden virtuell reproduziert. Aber eine Pixelkerze wärmt nicht. Auge und Ohr werden angesprochen. Trauer aber braucht alle Sinne. Eine andere Seite hingegen verspricht Online-Unsterblichkeit – für maximal 499 Euro. Überschaubare Kosten für die Ewigkeit als Bit und Byte auf einem Computer.

»Gedenkorte verlagern sich. Ein Ort, der dazugekommen ist, ist das Internet«, sagt Birgit Janetzky. Die Theologin und Trauerrednerin bloggt intensiv zum Thema »Tod und Trauer im Internet«. Sie sieht die Entwicklung durchaus positiv. »Ein Jugendlicher, der mit dem Internet aufgewachsen ist, geht nicht in einen Schreibwarenladen und kauft eine Trauerkarte, mit der er kondoliert. Dafür wird das Internet und die Kommentarfunktion genutzt.« Und: Das Gestalten von Gedenkseiten sei ein hilfreicher, aktiver Akt in Zeiten der Trauer und Passivität, so Janetzky. Ähnlich wie eine Traueranzeige in der Zeitung. Und es finden sich im Internet schnell Menschen, die in Kommentaren Trost spenden. Gut für Menschen, die sich durch die Trauer isoliert fühlen.

Foto: kebox – Fotolia.com

Foto: kebox – Fotolia.com

Doch manchmal scheint es so, als hätte das Internet die Verheißung der Ewigkeit an sich gezogen. Daten verschwinden nicht einfach. Eine Ahnung von Ewigkeit wird, sei es auf einem virtuellen Friedhof oder Facebook, sichtbar, hörbar. Und ist nicht nur Hoffnung und Ahnung wie im Glauben. Einträge in sozialen Netzwerken lassen Verstorbene seltsam lebendig wirken. Ein Programm hilft sogar, letzte Worte aufzunehmen und verbreitet diese nach dem Ableben über Facebook oder Twitter. Stimmen aus dem Jenseits – ohne Geisterseher, sondern via App. Eine inzwischen nicht mehr verfügbare Seite aus den USA erschuf ein animiertes Ebenbild des Toten. Durch künstliche Intelligenz konnten Gespräche mit dem virtuellen Ebenbild geführt werden. Die Ewigkeit hat aber ein Ende, wenn die Webseite abgeschaltet wird.

»Digitale Unsterblichkeit ist ein problematischer Begriff. Das Nicht-Löschen von Daten ist nicht Ewigkeit im theologischen Sinn«, so Janetzky. Das Nicht-Löschen von Daten kann aber zum Problem werden, wenn Menschen wie Lara M. noch lebendig wirken. Birgit Janetzky rät darum, sich rechtzeitig um seinen digitalen Nachlass zu sorgen. »Es ist sinnvoll, seinen Angehörigen Hinweise auf Zugangsdaten zu hinterlassen.« Und auch Hinweise, was mit der Online-Präsenz passieren soll. Noch tun Internetdienstleister zu wenig, um Angehörigen entgegenzukommen. Zwar gibt es bei Facebook die Möglichkeit, das Profil in einen Gedenkmodus zu versetzen, aber diese Funktion ist gut versteckt. Und auch das Löschen ist möglich – wenn man den Knopf dafür findet.

Lara M. hatte sich nicht um ihren digitalen Nachlass gesorgt. Jetzt geistert sie durchs Internet. Doch wer hätte es gewagt, nach ihrem Tod den Facebook-Stecker zu ziehen? Ein Mensch ist tot. Wer will da noch auf »Löschen« drücken? Doch Gottes Ewigkeit ist zum Glück nicht virtuell.

Stefan Körner

* Namen der Redaktion bekannt

Bookmark and Share
Möchten Sie ein Exemplar der gedruckten Zeitung in den Händen halten? Gern senden wir Ihnen ein kostenloses Probeheft. Einfach und unverbindlich hier bestellen. (Link)

Für diesen Artikel ist der Bereich für Lesermeinungen geschlossen.