Von Anfang an dabei

24. Dezember 2014 von redaktionguh  
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Das Weimarer Rock-Urgestein »Kani« bereichert Feier »Weihnachten bei Sophie«

Gibt es etwas Schöneres, als anderen Menschen eine Freude zu bereiten?«, sagt Bernhard »Kani« Kanold (70) beim Gespräch im Weimarer Theater-Café. Seit über 50 Jahren steht das Urgestein der Rockmusik auf der Bühne. Dabei ist er nicht nur in der Klassikerstadt bekannt wie ein bunter Hund, sondern weit darüber hinaus. An ihm rockt sozusagen alles. Seine kompromisslose Begeisterung für diese Musik hat ihm zu finsteren DDR-Zeiten manches Verbot eingebracht. Kani ließ sich von alledem nie abschrecken. Er war immer nahe bei den Menschen. Ob in der Fußgängerzone oder im Café: Schnell greift er zur »Luftgitarre« und stimmt einen Song an. Der Rhythmus steckt in ihm. Sein Repertoire scheint unerschöpflich. Für jede Situation fällt ihm das passende Lied ein. Dazu gehört natürlich auch »Christmas Rock«. So ist er in diesem Jahr wieder dabei, wenn am Heiligen Abend unter dem Motto »Weihnachten bei Sophie« von der Weimarer Tafel und dem Falk-Verein zu einem Festessen mit Programm in den Saal des Sophienhauses eingeladen wird.

Der Altrocker brachte 2013 alle zum Mitsingen und sorgte für gute Stimmung. Foto: Maik Schuck

Der Altrocker brachte 2013 alle zum Mitsingen und sorgte für gute Stimmung. Foto: Maik Schuck

»Keiner bleibt einsam, wir feiern gemeinsam« – die Idee hierzu wurde bereits 1998 geboren. Kani erinnert sich, dass ihn damals der MDR-Moderator Willi Wild fragte, ob er einige Lieder vortragen könne. Am Anfang seien 20 Personen erschienen, inzwischen kommen mehr als 100. Der Rocker war sich schnell darüber im Klaren, dass zu einem solchen Abend eine echte Bescherung gehört. »Da sind doch viele Familien, die sich Weihnachtsgeschenke gar nicht leisten können!« Er fing mit dem Verteilen von Plüschtieren an, wollte aber bald mehr ermöglichen. So machte er sich auf die Suche nach Unterstützern und Sponsoren. »Ich kenne doch jeden Vierten in Weimar«, erzählt Kani lachend. Es sollten richtige Geschenke sein, nichts aus zweiter Hand, sondern wirklich neue Sachen. So besorgte er Kleidungsstücke, Kaffeemaschinen, Fahrräder oder Flachbildfernseher. Unvergesslich für ihn seien die leuchtenden Augen eines Mädchens aus der Ukraine, das an diesem Abend ihre erste Jeans erhielt. Natürlich wisse er, dass er nicht alle Teilnehmer mit hochwertigen Geschenken beglücken könne, »aber die besonders Bedürftigen sollten einmal diese Freude verspüren«.

Um dies zu bewerkstelligen, scheut Bernhard Kanold keinen Aufwand. So gelang es ihm im Juli, die Bühne des Sommertheaters, die um das Goethe-Schiller-Denkmal gebaut worden war, für ein Benefizkonzert zu erobern. Er ließ nicht eher locker, bis ihm DNT-Intendant Hasko Weber grünes Licht gab und alle zuständigen Ämter ihre Zustimmung erteilten. Die für Goethes »Reineke Fuchs« errichtete Spielstätte platzte fast aus den Nähten!

Kani schwärmt vom guten Miteinander aller Beteiligten, die seit Jahren »Weihnachten bei Sophie« gestalten. So ließ sich bald der in Weimar geborene Schauspieler und Fernsehstar Thomas Thieme gewinnen. MDR-Moderator Paul Andreas Freyer vom Falk-Verein sorgt für einen abwechslungsreichen Ablauf, die hochbetagte Kantorin Ebba Wachler begleitet Weihnachtslieder am Flügel und das Leonardo-Hotel stiftet ein schmackhaftes Festmenü.

Jedes Los ein Gewinn, heißt es bei der Tombola, für die viele Geschäfte und Einrichtungen Jahr für Jahr ihren Beitrag leisten. Am Heiligen Abend soll schließlich keiner leer ausgehen!

Michael von Hintzenstern

Flüchtlinge neben uns

23. Dezember 2014 von redaktionguh  
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Altenburger Land möchte Schranken und Vorurteile gegenüber Asylbewerbern abbauen

Gul Quaderi erzählt in fließendem Deutsch. Er kommt aus Afghanistan und schildert in bewegenden Worten, wie er ein Asylbewerber wurde. Seit er denken kann, gibt es in Afghanistan Krieg. Der Germanistikstudent aus Kabul hat Deutsch in der Schule erlernt und für die deutsche Botschaft als Dolmetscher für Polizisten und Soldaten der ISAF-Schutztruppe gearbeitet. Immer häufiger wurde er bedroht. Weil er seine Familie nicht gefährden wollte, verließ er sein Land und schloss in Dresden sein Germanistikstudium ab. Seitdem hat sich jedoch in seiner Heimat die Situation extrem verschärft, sodass eine Rückkehr nach Afghanistan unmöglich ist. Trotz seiner Tätigkeit für die Bundesrepublik Deutschland bekommt er keine Aufenthaltsgenehmigung. Er muss, wie viele andere Verfolgte und Kriegsflüchtlinge, jetzt einen Asylantrag stellen.

»Ich möchte etwas gegen Vorurteile tun«, sagt Landarzt Stefan Quart vom Kulturverein Rittergut Treben und hat gemeinsam mit der Diakonie Altenburg und dem Landratsamt Altenburger Land am 10. Dezember zu einem Runden Tisch in das Bürgerhaus Treben eingeladen. »In meiner Praxis begegnen mir immer wieder unqualifizierte Äußerungen, die in vielen Fällen von Unkenntnis zeugen.«

Superintendent Michael Wegner und Landrätin Michaele Sojka während der Diskussion zur Flüchtlings- und Asylproblematik im Altenburger Land. Fotos: Wolfgang Hesse

Superintendent Michael Wegner und Landrätin Michaele Sojka während der Diskussion zur Flüchtlings- und Asylproblematik im Altenburger Land. Fotos: Wolfgang Hesse

Fünfzig Teilnehmer konnten sich über die Situation der Ausländer und Asylbewerber im Altenburger Land informieren. Landrätin Michaele Sojka nennt die Zahlen. »Der Landkreis hat 93 000 Einwohner, 1511 davon sind Ausländer, das sind 1,3 Prozent der Bevölkerung. Derzeit warten etwa 400 Menschen auf Asyl.« Die Landrätin begrüßt den Abschiebestopp in den Wintermonaten durch die neue rot-rot-grüne Landesregierung Thüringens und wünscht sich noch mehr Bereitschaft von Bürgermeistern im Landkreis, Wohnungen für die dezentrale Unterbringung anzubieten, denn die Anzahl der Flüchtlinge wird in den nächsten Monaten weiter steigen.

Seit dem 1. November ist Michael Wegner Superintendent im Kirchenkreis Altenburger Land. Er erinnert: »Gerade in der Adventszeit, wo wir ein Fest des Friedens feiern, müssen wir erkennen, was um uns herum passiert. Das verpflichtet regelrecht dazu, uns mit dieser Frage zu beschäftigen.« Hierbei sei diakonisch-christliches und bürgerschaftliches Engagement dringend gefragt. Der Kirchenkreis hatte vor der Herbsttagung einen Bericht an die Landessynode der EKM gesandt, darin heißt es zum Einsatz der Kirche für Flüchtlinge: »Die Arbeit ist für unsere Kirchengemeinden immer auch ein geistliches Thema. Es wird im Gottesdienst vermehrt und konkreter für Flüchtlinge im Sozialraum gebetet.«

Der Kirchenkreis Altenburger Land stellt für diese Arbeit jährlich 100 000 Euro zur Verfügung. In der Diskussion wird konkret der Deutschunterricht für Asylbewerber angesprochen. Ehrenamtliches Engagement ist hier dringend erforderlich, da dieser von staatlichen Stellen nicht abgedeckt werden kann. Kontrovers wurde das Thema Gewalt und Integrationsunwilligkeit von Ausländern diskutiert. Superintendent Wegner sieht die staatliche Exekutive in der Pflicht: »Polizei und Richter sind hier auf Basis des Grundgesetzes gefordert.«

Für Familienpatenschaften mit Asylbewerbern wirbt Christoph Schmidt. Der Kirchenkreissozialarbeiter der Diakonie Ostthüringen nennt als Beispiel den Freundeskreis Asyl in Schmölln, dessen Initiator er ist. Anonyme Asylbewerber erhalten so ein konkretes Gesicht.

»Solche Diskussionsrunden schaffen Klarheit, bauen Missverständnisse ab und helfen, dass Flüchtlinge und Asylsuchende in unserer Gesellschaft ankommen.«

Wolfgang Hesse

Die Ankunftssinfonie Gottes

23. Dezember 2014 von redaktionguh  
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Eine Weihnachtsmeditation von Sebastian Kircheis

Weihnachten. Was kommt einem da zuerst in den Sinn? Bilder, Gerüche, Worte? Bei mir sind es die Klänge – von den Pauken und Trompeten des Bach’schen Oratoriums bis hin zum schlichten Kinderweihnachtslied. Die Weihnachtsgeschichte gleicht einem facettenreichen Musikstück. Für mich ist sie die Ankunftssinfonie Gottes.

Ihr erster Satz muss wohl Andante (gehend) heißen; denn die Weihnachtsgeschichte ist eine Geschichte voller Bewegung: Maria, Josef, Hirten, Engel. Alle sind in Bewegung. Maria und Josef: Ihr Gehen klingt nach Andante doloroso. Ein Gehen mit Schmerzen. Es sind nicht nur die Schmerzen der anstehenden Geburt, es sind auch die Schmerzen, die aus der Abweisung kommen und die sie mit allen teilen, die »keinen Raum in der Herberge« finden, damals und heute. Das andere Andante spielen uns die Hirten, ein Andante con spirito, ein beseeltes Gehen, dessen Ziel die Notbehausung ist, in der Gott Platz in unserer Welt findet.

»Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen« (Lukas 2,19). – Das Holz- relief eines einstigen Flügelaltars, der um 1500 entstand, zeigt die »Heiligen Sippe« (Heilige Familie)  in Zimmern bei Bad Langensalza. Maria mit dem Kind (Foto) und Josef werden umgeben von zwei Schwestern der Maria und deren Familie. Foto: Andreas Heimler

»Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen« (Lukas 2,19). – Das Holz- relief eines einstigen Flügelaltars, der um 1500 entstand, zeigt die »Heiligen Sippe« (Heilige Familie) in Zimmern bei Bad Langensalza. Maria mit dem Kind (Foto) und Josef werden umgeben von zwei Schwestern der Maria und deren Familie. Foto: Andreas Heimler

Und ganz sicher gehört zu diesem ersten Satz das Andante maestoso (erhaben). Die himmlischen Boten spielen es in die Weihnachtsgeschichte hinein: »Siehe, ich verkündige euch große Freude. Euch ist heute der Heiland geboren. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden.« Nur an diesem einen Punkt des Geschehens klingt das göttliche Maestoso auf. Was für eine Bewegung. Reinhold Stecher hat für das Kommen Gottes in die Welt den Begriff vom »Lift des Heils« geprägt. Er ist seit Jahrtausenden auf dem Weg zu uns hinunter durch die Menschheitsgeschichte. Er senkt sich durch die Etagen des Sehnens und Ahnens der Religionen und durch die Stockwerke der Verheißungen der Propheten. Er setzt in der Heiligen Nacht auf der Erde auf: im Erdgeschoss des Universums, mitten im Milieu menschlicher Armut und Verlorenheit. Dazu hören die einfachen Hirten das Maestoso aus Gottes Ankunftssinfonie. So findet die Bewegung Gottes zu uns Menschen ihr erstes Ziel.

Der zweite Satz der Ankunftssinfonie sollte Misterioso – geheimnisvoll – heißen: »Er ist auf Erden kommen arm, dass er unser sich erbarm und in dem Himmel mache reich und seinen lieben Engeln gleich.« So fasst Luther im Lied das Geheimnis des Weihnachtsgeschehens. Und Bach kann sich angesichts dessen gar nicht genug wundern: »Wer kann die Liebe recht versteh’n, die unser Heiland für uns hegt? Ja, wer vermag es einzusehen, wie ihn der Menschen Leid bewegt.« Kein Weg scheint dieser Liebe zu weit, kein Stall zu schmutzig, keine Krippe zu hart. Von den ersten, die davon hören, heißt es: Sie wunderten sich. Sich wundern, staunen, das ist der Weg, sich diesem Geheimnis zu nähern. Was geschieht im Misterioso? Der »Lift des Heils« setzt sanft auf, die Tür öffnet sich, und das Kind winkt uns zu sich hinein, damit es mit uns wieder auffahren kann. Wenn wir die Fahrt mit ihm wagen, auch durch dunkle, beklemmende und bedrückende Etagen, will er uns hinaufbringen bis zum »Dachgarten der Herrlichkeit« (Stecher). Um uns diesem Geheimnis zu öffnen, müssen wir auf den 3. Satz der Ankunftssinfonie hören:

Contemplativo (besinnlich): So soll Weihnachten sein. Maria macht es vor: »Sie behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.« Können wir das wieder lernen? Unsere Zeit ist schnell und reizüberflutet. Da braucht es ein bewusstes Innehalten, ein starkes Ritardando, Verlangsamen. Aber es lohnt, den Satz einzustudieren. Denn auf diesem Weg wird eine Wahrheit zu meiner Wahrheit, erschließt sich das Geheimnis der Christgeburt in mein Leben hinein, kommt das Kind in der Krippe auch in meinem Herzen an und beginnt mein Reden, Handeln und meinen Weg mitzubestimmen: »Wenn ich dies Wunder fassen will, so steht mein Geist vor Ehrfurcht still, er betet an und es ermisst, dass Gottes Lieb unendlich ist.«

Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über. Von den Hirten heißt es: »Da sie es gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus. Sie priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten.«

Die Gestaltung des letzten Satzes der Ankunftssinfonie Gottes liegt ganz bei uns. Unsere Kirche zeichnet sich dadurch aus, dass sie zu vielen drängenden Problemen wie Krieg und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung con moto (bewegt) Stellung nimmt. Wenn es aber um die Fragen des Heils und der Erlösung für uns Menschen geht, musizieren wir oft sotto voce (mit halber Stimme, geflüstert). Traurig wäre, wenn man einst über dem Teil der Ankunftssinfonie, der ganz uns gehört, ein Tacet (schweigt) fände.

Ich wünsche allen Lesern, dass bei ihnen die Ankunftssinfonie Gottes zum Klingen kommt: Andante – bewegt vom Misterioso, dem weihnachtlichen Geheimnis Gottes; Contemplativo – mit Zeit und Ruhe, damit der Weihnachten Geborene mit seiner Liebe ihr Herz erreicht. Und dass sie diese Liebe zum Klingen bringen, ganz gleich ob piano (leise) oder forte (laut), con fuoco (mit Feuer) oder con grazia (mit Anmut). Hauptsache, es geschieht con spirito – beseelt von Gott, dem ewigen Vater und seinem Sohn Jesus Christus.

Der Autor ist Pfarrer in Weimar und ehemaliger Kruzianer.

Fronten entspannen

22. Dezember 2014 von redaktionguh  
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Ist das der richtige Weg? In Dresden versammeln sich Tausende in der sogenannten Pegida-Bewegung. Eine zweite Demonstration hält dagegen. Ob in Dresden oder Sangerhausen und anderen Städten: Die einen bilden eine Front gegen die anderen. Gespräch zwecklos?

Auch die politische Entwicklung in Thüringen polarisiert. Die einen akzeptieren oder begrüßen den Wechsel an der Spitze des Freistaates, andere demonstrieren gegen Rot-Rot-Grün bzw. lehnen den linken Ministerpräsidenten mit seinem Kabinett ab. Unser Land scheint sich immer weiter zu spalten. Der Frust gegen die Politik nimmt zu. Die Bürgerinnen und Bürger rufen ihre Befürchtungen in den Abendhimmel.

Es ist durchaus zu begrüßen und ein Grundrecht unserer freiheitlichen Gesellschaft, wenn Menschen für Recht und Freiheit und für politische Transparenz auf die Straße gehen. Allerdings beunruhigen die Polarisierung und die geringe Gesprächsbereitschaft.

Der Frieden einer Gesellschaft kann nur im Dialog bewahrt werden, nicht in der Konfrontation. Dass die Pegida (»Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes«) Ängste vor einer imaginären Gefahr schürt, steht außer Zweifel. Es droht keine »Islamisierung des Abendlandes«. Etwas mehr als 4 Millionen Muslime leben in Deutschland. Knapp 50 Millionen der Deutschen sind evangelisch oder katholisch, gut 100 000 sind jüdischen Glaubens. Ein großer Teil unserer Bevölkerung gehört gar keiner Religionsgemeinschaft an – vor allem im Osten der Republik.

Und trotzdem: Die Ängste in Teilen der Bevölkerung sind vorhanden. Sie müssen ernst genommen werden. Es hilft nicht, alle Pegida-Demonstranten in die rechte Ecke zu stellen, auch wenn die Organisatoren eine dubiose Gruppe bilden, die das Tageslicht scheut. Zehntausende Demonstranten jedoch gehören nicht zum Neonazi-Spektrum. Sie laufen mit, weil sie gehört werden wollen mit ihren Fragen und Befürchtungen.

Deshalb ist es zwar zu begrüßen, wenn Kirchen und Vereinigungen zu Demonstrationen für eine Willkommenskultur und eine bunte Gesellschaft aufrufen. Doch das kann nur der erste Schritt sein. Es wäre angezeigt, Gespräche anzubieten und Türen zu öffnen für den Dialog. Nicht Fronten aufbauen, sondern Spannungen abbauen ist der richtige Weg. Das sieht zum Beispiel der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) so, der angesichts der Pegida-Demonstration aufrief, auf die demonstrierenden Bürger zuzugehen. Ähnlich argumentiert Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). Der Berliner Soziologe Dieter Rucht sieht im Gros der Demonstranten ebenfalls Normalbürger, die nicht besonders politisch aktiv oder von den politischen Parteien enttäuscht sind.

Trotz allem darf nicht übersehen werden, dass sich die Bewegung gegen Muslime und gegen Flüchtlinge wendet. Es darf nicht geschehen, dass Suchende, Fragende und Enttäuschte irregeleitet werden und platten Parolen folgen. Es wär zu wünschen, wenn das neue Jahr in unserer Gesellschaft, in unseren Kirchen und Glaubensgemeinschaften mit einer Entspannungspolitik beginnt.

Dietlind Steinhöfel

Eine Brücke der Verständigung schlagen

22. Dezember 2014 von redaktionguh  
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Die evangelischen Kirchen in Thüringen luden am 9. Dezember zum Adventsempfang

Der Luthersaal im Erfurter Augustinerkloster war gut gefüllt, die vier Sänger von »Quadro Ton« stimmten in den Abend ein. Am 9. Dezember hatten die evangelischen Kirchen in Thüringen – die EKM und die Kirche Kurhessen-Waldeck – zum traditionellen Adventsempfang geladen. Vertreter der neuen Landesregierung waren gekommen, unter anderem Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) und Landtagspräsident Christian Carius (CDU), Vertreter aus Kirche, Gesellschaft und Medien. In seinem Grußwort betonte Christian Carius die wichtige Rolle der Kirchen für die Politik, sie seien ein Motor für die Gesellschaft. Er mahnte mit Hinweis auf Angriffe gegen Abgeordnete Toleranz an. Aber, so der Politiker, Toleranz sei keine Einbahnstraße.

Bodo Ramelow erinnerte an 25 Jahre Mauerfall und den Ruf »Keine Gewalt«, der auch heute Vorbild sein solle. Er prangerte wie Carius persönliche Anfeindungen von Politikern aller Fraktionen, Morddrohungen und Sachbeschädigungen in den vergangenen Wochen an. Die Aufarbeitung der SED-Diktatur habe er sich auf die Fahnen geschrieben, betonte der Ministerpräsident. Das sei »kein Lippenbekenntnis« und er wisse, dass man nicht einfach vergeben könne. Der Prozess, dem er sich stellen will, brauche Räume. Er hoffe hier auf die Unterstützung der Kirchen.

Landesbischöfin Ilse Junkermann

Landesbischöfin Ilse Junkermann

Eindrücklich nahm Landesbischöfin Ilse Junkermann in ihrer Rede die aktuellen Spannungen auf. Es gebe »starke Gründe dafür zu nennen, dass Gott den Glauben an uns auch verlieren könnte«, sagte sie und verwies auf die Greuel, die unter Berufung auf ihn geschehen: Mitmenschen werden gequält, vergewaltigt, gefoltert, getötet, verlieren ihre Heimat. Dabei gab sie zu bedenken, wie fragil militärische Lösungen seien. Es mache ihr Sorge, »dass die Logik und furchtbare Eigendynamik militärischer Gewalt unterschätzt und von manchen verharmlost wird«.
Die Überzeugung »Nie wieder Krieg in Europa« würde schwächer. Das sei bedrückend und nicht zuletzt in unserer Fantasielosigkeit begründet. Sie erinnerte ebenso an die friedliche Revolution, in der wir erfahren hätten, dass einst erbitterte Gegner ein Bild vom »gemeinsamen Haus Europa« entwickelten. Das zeige, dass Veränderung »durch Sanftmut und Friedlichkeit, Nächstenliebe und Schuldeingeständnis« möglich sei. »Für diese Veränderungsmöglichkeit hat der allmächtige Gott das Bild vorgezeichnet.« Dabei redete Junkermann keinem naiven Pazifismus das Wort, doch es dürften Brücken nicht abgebaut werden. Im anderen den Bruder, die Schwester zu sehen, sei geboten. »Bevor geschossen und getötet wird, wird immer zuvor das Menschsein der anderen irgendwie in Abrede gestellt.«
Um dem zu entgehen, sei der Blick auf das Kind in der Krippe wegweisend: der Mächtige, der sich verletzlich macht, um den anderen auf Augenhöhe zu begegnen; einer, der sich in die anderen hineinversetzt, »in sie hineinverwandelt«, um eine Brücke der Verständigung zu schlagen, so die Botschaft der Landesbischöfin.

Dietlind Steinhöfel

Freude in diesen Zeiten des Krieges?

19. Dezember 2014 von redaktionguh  
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Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!

Philipper 4, Vers 4

Freude angesichts der Kriege von Syrien bis zur Ukraine? Ganz im Gegenteil. Angst und Sorgen bedrücken uns und führen zu heftigen Debatten über den richtigen Umgang mit Russland, über die Aufnahme von Flüchtlingen und über die Verantwortung Deutschlands in der Welt. Da werde ich den Eindruck einer zunehmenden Aufrüstung – vorerst noch in der Sprache – nicht los. Umso erfreulicher eine Anordnung des Kultusministeriums Sachsen-Anhalt, die jüngst erschienen ist. Sie regelt, dass neben der Bundeswehr gleichberechtigt Friedensgruppen in der Schule zu Wort kommen sollen. So kann die gesellschaftliche Diskussion zu friedenspolitischen Fragen in ihrer ganzer Breite geführt werden. Gerade einer demokratischen Parlamentsarmee steht solch eine Debatte gut zu Gesicht, nicht im schlichten Pro und Kontra, sondern im Abwägen der Argumente. Der Vorrang ziviler Konfliktbearbeitung, wie sie die Kirchen immer wieder einfordern, wird hier in der Bildung konkret diskutierbar.

Friedrich Kramer, Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt

Friedrich Kramer, Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt

Wie kann Freude in diesen Zeiten des Krieges und Streites aufkommen? Gerade im Dunkel unserer Ängste und Sorgen ruft der Wochenspruch zur Freude – einer Freude des Evangeliums vom Friedensstifter. Er kommt nicht mit Gewalt und Waffen, sondern als Kind in Liebe und Hingabe, das zur Feindesliebe auffordert und diese lebt. Unsere Welt braucht diese Liebe mehr denn je. Eine Liebe, die den Taliban und Putin leben lässt und ebenso für Soldaten wie Pazifisten gilt. Eine Liebe, die sich nicht auf eine Seite des Streites schlägt, sondern das Leid ansieht und versöhnt. Dass dies kreuzgefährlich ist, hat Jesus gezeigt.

Sich über diesen Friedensstifter und seinen Weg des Friedens zu freuen, ja allewege zu freuen, ist eine Zumutung. Deshalb wohl auch die zweifache Aufforderung: »und abermals sage ich: Freuet euch!«. Griesgrämig, moralinsauer und frustriert werden wir die Friedensbotschaft »und Friede auf Erden« nicht glaubhaft weitersagen und leben können. Deshalb also abermals: »Freuet euch!«

Friedrich Kramer, Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt

Arme – mitten unter uns?

16. Dezember 2014 von redaktionguh  
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Kirche und Armut: In einer immer tiefer gespaltenen Gesellschaft bedarf es mehr Sensibilität und anderer Strukturen – auch in den Kirchen

Jeder kennt die bettelnde Frau in der Innenstadt, den Mann, der die Mülleimer durchwühlt. Doch es gibt auch eine Armut, die kaum jemand wahrnimmt und die einsam macht. Wie Friedrich W. es erlebt hat.

Für Jesus war es klar – am Ende zählt nur eins: »Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan« (Matthäus 25,40). Deshalb zieht sich das Engagement für Arme durch die Geschichte des Christentums, durch die Geschichte der Kirchen. Sicher in manchen Zeiten stärker, in anderen schwächer ausgeprägt. Bis heute gilt: Man tut etwas »für« die Armen.

Doch genau hier liegt schon der erste Knackpunkt. »Feiern bei Ihnen in der Gemeinde die Alkoholkranken und Obdachlosen mit Ihnen das Abendmahl? Sitzen im Gottesdienst regelmäßig auch nicht so gut riechende Menschen mit abgetragener, schmutziger Kleidung neben Ihnen?«, fragt Friedrich W.* Das sei doch das Problem, dass wir zwar gern etwas »für« die Armen tun, sie aber eigentlich in den Kirchengemeinden nicht wirklich vorkommen. Sie tauchen höchstens in den Beratungsstellen der Diakonie auf, in den Wärmestuben der Stadtmission, vor der Essensausgabe der Tafel. Und dort sind die Fronten klar. Hier die Starken, Helfenden, da die Schwachen, Armen.

Friedrich W. weiß, wovon er redet. Der einst selbstständige Computerspezialist aus einer mitteldeutschen Großstadt hat es im eigenen Leben erfahren, was es bedeutet, wenn Armut von einer statistischen Größe zu einer persönlichen Erfahrung wird. Damals, als er plötzlich ohne Frau, aber mit sechs Kindern allein dastand. Als ein großer Auftraggeber abgewickelt wurde und er die offenen Rechnungen für monatelange Arbeit in den Wind schreiben konnte. Als in der Wohnung nur noch Möbel vom Sperrmüll standen und im Schrank abgetragene Kleidung hing. Als die demütigenden Wege zu und die »Bevormundung« durch die Sozialbehörden begannen.

»Da habe ich begriffen, wie tief gespalten unser Land ist«, sagt W. Damals kaufte er sich mit Unterstützung des Sozialamtes einen guten Anzug. Damit er als Freiberufler bei den Kunden ordentlich auftreten konnte. Denn auch das lernte W.: »Maskenball – das Äußere zählt!« Mitspielen ist angesagt im Kampf gegen den totalen Abstieg.

Den Anzug hat er wirklich nur bei Kundenbesuchen angezogen. Nicht einmal zum Gottesdienst. In den ging W. sowieso immer seltener. »Es gab Zeiten, da hatte jeder in der siebenköpfigen Familie 40 Pfennige pro Tag zur Verfügung. Wenn dann am Sonntag der Kollektenteller kam, dann war es mir einfach nur peinlich.«

Erich Fromm, deutsch-amerikanischer Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe, beschrieb in seinem Buch »Die Kunst des Liebens« genau diesen Aspekt: »In der Sphäre der materiellen Dinge ist Geben Reichtum. Nicht der, der hat, ist reich, sondern der, der viel gibt.« »Armut«, fährt er fort, sei nicht nur wegen des unmittelbaren Leides so erniedrigend, sondern weil sie »den Armen der Freude des Gebens beraubt«.

Mittelstand unter sich: Wo finden sich die Armen in der Kirche, wo ist man sensibel für die versteckte, verschämte Armut? Foto: epd-bild

Mittelstand unter sich: Wo finden sich die Armen in der Kirche, wo ist man sensibel für die versteckte, verschämte Armut? Foto: epd-bild

Es ist frustrierend, in der Vorweihnachtszeit beim Bummel mit Kollegen über den Weihnachtmarkt nicht auch mal eine Runde Glühwein ausgeben zu können. Deshalb geht man lieber gar nicht mehr mit. Es schmerzt, wenn andere nach dem Gottesdienst vom Urlaub erzählen, den man sich selbst schon seit Jahren nicht mehr leisten konnte. Deshalb hält man sich lieber von den Gesprächen fern. Es ist demütigend für Kinder, die Einladung zum gemeinsamen Kinobesuch ausschlagen zu müssen, weil einfach kein Geld dafür vorhanden ist. Ja, Armut schmerzt. Und macht einsam.

Friedrich W. erinnert sich noch wie heute an ein Gemeindefest. Früher, vor der Wende, waren Kaffee und Kuchen hier immer kostenlos. Doch plötzlich wurde dafür kassiert. Leise schob er den Teller mit dem Kuchen und die Tasse mit dem Kaffee wieder zurück … Armut macht einsam. Und das Schlimmste sei, dass es in der Kirche kaum Strukturen gebe, die dem entgegenwirken, sagt er.

Da führen Konfirmandenfreizeiten in andere Länder. Doch was macht die alleinerziehende Mutter, deren Lohn nur durch Aufstockung vom Amt überhaupt zum Leben reicht? Natürlich kann jederzeit ein Antrag auf Beihilfe oder Kostenübernahme gestellt werden. Doch wer bedenkt, was es für Betroffene bedeutet, sich als »arm« und »bedürftig« zu outen?

Friedrich W. hat es geschafft. Durch Glück und Fleiß. Irgendwann Ende der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts machte er eine kleine Erbschaft. Irgendwann kamen wieder Aufträge. Bis zum Ruhestand konnte er noch einmal »richtig gut Geld verdienen«. »Jetzt gehöre ich wieder zur anderen Seite«, sagt W. Doch damit will er sich nicht abfinden. Es muss sich etwas ändern. Im Staat, in der Gesellschaft, in der Kirche.

Eine Sache hat er bereits geändert. In seiner Kirchengemeinde wird bei Festen kein Kaffee und Kuchen mehr verkauft. Nur eine Spendenbüchse steht auf dem Tisch. Mit dem Ergebnis, dass am Ende jedes Mal mehr Geld in der Kasse ist als beim früheren Verkauf. »Es rechnet sich sogar«, freut sich Friedrich W.

Harald Krille

* Name geändert

Mit Herz und Teamgeist

16. Dezember 2014 von redaktionguh  
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Petra Hegt managt die Evangelische Stadtmission Erfurt

Alle Jahre wieder am Nikolaustag öffnet in der Erfurter Allerheiligenstraße das »Restaurant des Herzens«. Es hält für Menschen bis Mitte Januar täglich kostenlos ein warmes Mittagessen, Kaffee und Kuchen bereit. An den Wochenenden wird den Gästen – Bedürftigen und Einsamen – zudem Kulturelles geboten. Dass die umfangreiche Arbeit der Evangelischen Stadtmission Erfurt, die in der Advents- und Weihnachtszeit das »Restaurant des Herzens« betreibt, auf festem Grund steht, ist auch Geschäftsführerin Petra Hegt zu verdanken. Sie übernahm vor zehn Jahren die Verantwortung. 2004 habe der Kirchenkreis einen Mitgesellschafter für die Stadtmission gesucht, sagt die zierliche Frau. Denn das Sozialunternehmen sei permanent von Insolvenz bedroht gewesen.

Die diakonische Einrichtung Marienstift Arnstadt konnte gewonnen werden. Und Petra Hegt, die beim Marienstift als Kaufmännischer Vorstand tätig ist, wurde nun auch die Geschäftsführung in Erfurt übertragen. Einen Tag pro Woche ist sie in ihrem schlichten Büro in der Allerheiligenstraße. Seit Kurzem hat sie einen neuen Mann vor Ort, der sie als zweiter Geschäftsführer unterstützt: Christoph Knoll, Pfarrer an der Thomasgemeinde. Im Herbst war sein Vorgänger Andreas Lindner in den Ruhestand verabschiedet worden.

Die erste Zeit sei nicht leicht gewesen, bekennt die 53-Jährige. Doch die Kolleginnen und Kollegen hätten alle an einem Strang gezogen. »Das hat uns in kurzer Zeit zusammengeschweißt«, sagt sie. Die Netzwerkerin versteht es, Sponsoren anzusprechen, Menschen zu sensibilisieren, weil sie selbst mit ihrer Person hinter der sozialen Arbeit steht. 200 000 Euro Bargeldspenden brauchen sie jedes Jahr, um schwarze Zahlen zu schreiben. Da ist ihr Talent für Netzwerkarbeit und ihre offene und gewinnende Ausstrahlung ein großes Plus. »Wir wollen die Arbeit mit Herz machen, denn es geht ja um Menschen. Da können wir nicht technokratisch und bürokratisch handeln«, betont sie. Die Evangelische Stadtmission betreibt unter anderem das Obdachlosenheim »Haus Zuflucht«, das »Café des Herzens«, ein Suchthilfezentrum, das Frauenhaus, offene Sozialarbeit und anderes. Dass diese wichtige Arbeit weitergehen kann, dafür setzt Petra Hegt gern Kraft, Zeit und Talent ein.

Petra Hegt. Foto: Dietlind Steinhöfel

Petra Hegt. Foto: Dietlind Steinhöfel

Als »Managerin mit Herz« wurde sie deshalb im Herbst mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Doch sie winkt ab. Natürlich habe sie sich gefreut, aber sie sei ja nicht allein. »Ich habe kluge und engagierte Kolleginnen und Kollegen, die ihre Arbeit vorbildlich leisten.« Rund 60 Festangestellte und zahlreiche Ehrenamtliche stehen ihr zur Seite. Die Arbeit mache viel Freude, sagt Mitarbeiterin Doris Winkler, die für die Spendenerfassung zuständig ist. »Bei so einer tollen Chefin!«

Das Team ist Petra Hegt wichtig – ebenso wie die Vertragspartner: die Stadt Erfurt, der Freistaat, Vereine, Organisationen, auch Einzelpersonen spenden regelmäßig. Sie lobt das soziale Engagement der Thüringer Landeshauptstadt, in der die Unterstützung überparteilich funktioniert. Dass die Bankkauffrau und studierte Ökonomin strukturiert arbeiten muss, versteht sich. Ihre Arbeitswoche hat mindestens 60 Stunden. Wie sie dann neben dem Beruf auch noch in Aufsichtsräten, im Gemeindekirchenrat und der Kreissynode tätig sein kann, scheint ein Rätsel. Die Arbeit mache ihr Spaß. Das ist wohl das Geheimnis. »Meine Kraft hole ich bei meiner Familie«, sagt Petra Hegt. Dazu gehören ihr Mann, zwei Kinder und ein Enkel. Zudem treibe sie viel Sport, liest auf dem Ergometer Bücher und hört Musik beim Autofahren. Und Kuchen backt sie auch gern.

Priorität habe jedoch bei ihr immer, »wenn einer vor der Tür steht und ein Problem hat«.

Dietlind Steinhöfel

Unterkante Stammtisch

15. Dezember 2014 von redaktionguh  
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Auch wenn die CSU mittlerweile zurückrudert und die Formulierungen abschwächt: Die Katze ist aus dem Sack, der Schaden angerichtet. Der bayrische Vorschlag lautet: Deutschpflicht für Ausländer. Und zwar auch in den eigenen vier Wänden. Es wäre eigentlich nur ein müdes Lächeln wert, was da aus dem wohlgefüllten Ressentiment-Portfolio der Christ-Sozialen in die Gegend posaunt wird. Aber es ist alles andere als lustig, sondern gefährlich. Denn wie die ausländerfeindlichen Demonstrationen in Dresden (PEGIDA) zeigen: In der Mitte der Gesellschaft liegt ein Zunderhaufen aus Angst und Hass bereit, der noch unentzündet daliegt. Doch statt sich konstruktiv in die Integra­tionsdebatte einzubringen und einer Spaltung der Gesellschaft in »Wir« und »Die« entgegenzuwirken, legen die vermeintlichen Wertewächter aus Bayern noch nach. Mit der Präzision eines Uhrwerks stichelt die CSU gegen Ausländer (»Wer betrügt, der fliegt«). Applaus von Rechtsaußen garantiert.

Niemand wird bestreiten, dass zur Integration Kenntnisse der Sprache notwendig sind und Zweisprachigkeit ein hohes Gut ist. Die CSU-Forderung hingegen ist absurd und gefährlich. Absurd, weil privat privat ist und kein Staat in das Private hineinregieren sollte. Und es ist gefährlich, weil es, verpackt in einer scheinbar gut gemeinten Forderung, einseitig Migranten diskriminiert. Nach dem Motto: »Die wollen gar nicht Deutsch lernen, also müssen wir sie dazu zwingen.« Rechtspopulismus wie aus dem Lehrbuch. Gut möglich, dass das Fischen am rechten Rand Kalkül ist, um AfD- oder NPD-Wähler anzulocken. Das macht aber dumpfe populistische Gedanken salonfähig.

Islamfeindlichkeit und Ausländerhass sind Phänomene der Mitte der Gesellschaft geworden. Auch Dank der Ressentiments der CSU. Das ist weder christlich noch sozial, sondern gefährlich. Nächstenliebe aber wäre das Gebot der Stunde.

Stefan Körner

Armes reiches Land

15. Dezember 2014 von redaktionguh  
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Gesellschaft: Arme Menschen brauchen keine Almosen, sondern strukturelle Änderungen

Armut ist eines der brennendsten Themen. Denn sie hat viele Gesichter, sie trifft Jung und Alt. Ein Überblick aus Sicht der Diakonie.

In den vergangenen Jahren haben wir in der Diakonie ein besonderes Augenmerk auf Kinder- und Altersarmut gelegt. Fast drei Millionen Kinder in Deutschland sind von Armut bedroht. Wir wissen, dass Kinderarmut schwerwiegende Folgen hat: Arme Kinder haben weniger Chancen auf gute Bildung und einen qualifizierten Berufsabschluss. Sie sind oftmals in ihrer körperlichen und gesundheitlichen Entwicklung eingeschränkt und von der sozio-kulturellen Teilhabe teilweise oder gänzlich ausgeschlossen. Aber das kann sich keine Gesellschaft leisten, zumal eine, die ein demografisches Problem hat! Vielmehr muss uns jedes einzelne Kind wichtig sein und unterstützt werden, damit es beim Heranwachsen seinen Platz im Leben findet. Einen kleinen, aber segensreichen Beitrag mit dieser Grundbotschaft leisten wir gemeinsam mit vielen Spendern mit der Aktion »Kindern Urlaub schenken«. Aber im größeren Rahmen ist eine nachhaltige Familienpolitik, insbesondere für Familien in schwierigen Lebensphasen oder in sozial belasteten Situationen, wichtig. Vor allem muss es um Vermeidung von Armut gehen. Alleinerziehende, kinderreiche Familien sowie Familien mit Migrationshintergrund sind seit Jahren überdurchschnittlich von Armut bedroht oder betroffen. Das muss sich endlich ändern! Ein wichtiges Thema ist dabei die Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit Blick auf bedarfsgerechte und verlässliche Betreuungsstrukturen. Nötig sind auch eine familienfreundliche Wohnungspolitik und ein Umdenken in der Gesellschaft. Der Lärm spielender Kinder in der Nachbarschaft ist nicht störend, sondern ein Hoffnungszeichen für die Zukunft!

Foto: Halfpoint – Fotolia.com

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Dazu ist in den letzten Jahren das Thema Altersarmut gekommen. Seit Beginn der 1990er Jahre hat sich in Mitteldeutschland die Zahl der Erwerbstätigen halbiert. An die Stelle der alten Großbetriebe sind keine neuen getreten. Manche Regionen sind bis heute strukturschwach geblieben. Einerseits sind in dieser Zeit viele junge Familien abgewandert. Andererseits haben vor allem damalige Mittvierziger keine neuen Festanstellungen gefunden und sind von einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme in die nächste gerutscht. Diese Altersgruppe kommt jetzt in das Rentenalter und erlebt, dass sie mit den erworbenen Rentenanwartschaften von Armut bedroht ist.

Was jetzt noch dazukommt: Menschen werden arm, obwohl sie erwerbstätig sind! In Deutschland wächst der Niedriglohnsektor stärker als in jedem anderen europäischen Land. Über vier Millionen Menschen verdienen weniger als 7 Euro die Stunde, etwa 1,4 Mil­lionen Menschen gar unter 5 Euro. Etwa 350 000 Vollzeitbeschäftigte verdienen so wenig, dass sie noch Hartz-IV-Leistungen benötigen, um ihr Existenzminimum zu sichern.

Es braucht wenig Fantasie um zu begreifen, was dies für ein Nährboden für Armut ist, die sich dann im Alter noch dramatischer auswirken wird. Um hier grundsätzlich etwas zu ändern, sind staatliches Handeln und Solidarität nötig. Deutschland ist ein reiches Land. Aber der gesellschaftliche Reichtum ist ungleich verteilt. Die Schere zwischen arm und reich hat sich in den letzten Jahren stetig vergrößert. Immer mehr Menschen sind in den Jahren in prekäre Lebensverhältnisse geraten, und wenige Menschen verfügen über immer mehr finanziellen Reichtum, der sich auch in der Krise noch vermehrte.

Ich denke, die Bereitschaft zur Solidarität auch gerade derer, die in finanziellem Wohlstand leben, wird politisch unterschätzt. Einen gesellschaftlichen Ausgleich kann und muss der Staat aktiv gestalten und auch über mehr Einnahmen durch Steuererhöhungen nachdenken. Aber wir brauchen auch den Ausbau von Bildungs-, Beschäftigungs- und Beratungsangeboten. Für die Diakonie Mitteldeutschland gehört ebenfalls der Ausbau eines öffentlich geförderten Arbeitsmarktes für langzeitarbeitslose Menschen zur Prävention gegen Altersarmut.

Artur Schopenhauer sagte: »Armut im Alter ist ein großes Unglück. Ist diese gebannt und die Gesundheit geblieben, so kann das Alter ein sehr erträglicher Teil des Lebens sein.«

Eberhard Grüneberg

Der Autor ist Vorstandsvorsitzender der Diakonie Mitteldeutschland.

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