Der Preis fürs Nichtschweigen

9. Dezember 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Ausgezeichnet: Die Jenaer JG-Stadtmitte erhielt für ihren Kampf gegen Rechts den Demokratiepreis Ostthüringen

Von wegen der Jugend von heute sei Politik und die Gesellschaft egal. Eine junge Gemeinde in Jena zeigt seit Jahren das Gegenteil.

Jugendliche aus der Jenaer Jungen Gemeinde (JG) Stadtmitte sind im vergangenen Jahr nach München gefahren. Dort wird seit dem 6. Mai 2013 verhandelt, inwieweit Beate Zschäpe und andere Jenaer verantwortlich sind für eine Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Die Jugendlichen sprachen mit Opferanwälten und wurden von NSU-Watch, einer antifaschistischen Gruppe, auf den Prozess vorbereitet, den sie drei Tage lang beobachteten. Für diese Fahrt mit dem Projektnamen »Das Schweigen der Anderen« hat die JG-Stadtmitte jetzt den regionalen Demokratiepreis Ostthüringen bekommen. Aber es ist viel mehr als diese Aktion, für die sie sich ausgezeichnet fühlen.

Schilder für eine Unterstützung-Demo in Dresden: JG-Mitarbeiter Oliver Preus, Georg, der Informatikstudent Michael Böcking, BWL-Student Max Hoppe und die Sportstudentin Marlen Westermeier (v. l.) sehen den Kampf gegen Rechts als permanenten Prozess. Foto: Antje Hellmann

Schilder für eine Unterstützung-Demo in Dresden: JG-Mitarbeiter Oliver Preus, Georg, der Informatikstudent Michael Böcking, BWL-Student Max Hoppe und die Sportstudentin Marlen Westermeier (v. l.) sehen den Kampf gegen Rechts als permanenten Prozess. Foto: Antje Hellmann

Jenseits der schicken Fassaden in der Johannisstraße, kommt man, nachdem man einen Torbogen und einen langen Gang durchschritten hat, in das Reich der JG. Der unsanierte Hinterhof beherbergt ein Café mit charmanten Frühstückspreisen, Büro- und Veranstaltungsräumen. In der ersten Etage haben sich einige Leute zusammengefunden und schneiden mit einem Cutter Wellpappe zurecht. Auf dem Tisch stehen Farben und Pinsel. Es werden Schilder gebastelt für eine Demo.

»Was wir mit den 1 000 Euro Preisgeld machen, müssen wir noch gemeinsam entscheiden«, sagt Oliver Preuss und mit »gemeinsam« meint er nicht nur die Gruppe, die nach München gereist ist. »Die Auszeichnung beinhaltet für uns alle Teilprojekte der letzten zwei Jahre zum Thema NSU und Rechtsradikalismus«, erklärt Preuss, der derzeit Sozialpädagogik an der Berufsakademie Gera studiert und gleichzeitig in der JG arbeitet, die sein Praxispartner im dualen Studiengang ist. »Sie kamen von hier« heißt das Videoprojekt, das er geleitet hat. »Wir wollten wissen, wie das Leben in den 90er Jahren in Jena war und haben Leute aus der Stadt, aus Kirche und Zivilgesellschaft interviewt«, sagt der 25-Jährige. Das war 2012, und in Jena fragte man sich zu jener Zeit, ob etwas schiefgelaufen war im Umgang mit der Neonaziszene. Der Film der JG diente als Einstieg zu einer Konferenz und ist im Internet abrufbar (http://vimeo.com/51588890).

»Nichts gehört, nichts gesehen, nichts gewusst« war der Titel einer Ausstellung, die 2013 in der Johannisstraße unter anderem eine Chronik zu den Übergriffen der Rechten bereithielt. »Wir haben das Pressearchiv der JG dazu durchforstet«, sagt Marlen Westermeier. Die 25-jährige Sportwissenschaftsstudentin ist vor zwei Jahren nach Jena gezogen. Zuerst war sie nur zum Frühstücken in der JG. Über die Konferenz fand sie den Einstieg in die Projekte: »Hier wird mit den Jugendlichen etwas gestaltet, was aus ihnen selbst herauskommt«, sagt sie und lobt gleichzeitig die Unterstützung durch Katharina und Lothar König. Die Landtagsabgeordnete Katharina König (Linke) habe die JG mit weiterem Quellenmaterial versorgt.

Lothar König ist seit der Wende Jugendpfarrer in Jena. Er hat in den 90ern erlebt, wie die Neonazis mehrfach die JG überfallen haben. Doch statt Unterstützung zu bekommen, habe die JG sich anhören müssen, sie mache die Jugendsozialarbeit kaputt: »Uns wurde Politisierung vorgeworfen. Es hieß, wir würden neonazistische Tendenzen zum Problem machen. Die Jugendlichen hätten aber ein soziales Problem«, erinnert er sich und kritisiert seinerseits, dass die Jugendsozialarbeit damals zu wenig Grenzen gesetzt habe und darüber bis heute nur ungenügend reflektiert worden sei. Überhaupt seien die Städte bei der ganzen NSU-Affäre eher besorgt um einen Imageschaden, sagt Oliver Preuss. »Sie haben sich darum gestritten, ob es nun ›Jenaer Zelle‹ oder ›Zwickauer Zelle‹ heißen muss.«

»Verzweifelt, wenn da nur Unrecht ist und keine Empörung« – steht auf der Internetseite der JG. Ein passender Slogan. »Kommt nach vorne«, haben die Jugendlichen auf eins der gebastelten Schilder geschrieben und darüber ein Megafon gemalt. Das soll Tim H. auf einer Antinazi-Demo in Dresden gerufen haben, wegen der auch Lothar König schon vor Gericht stand. Gegen König wurde der Prozess eingestellt. Tim H. bekam eine Verurteilung wegen schweren Landfriedensbruch. Jetzt ist sein Berufungsverfahren und auch dazu wird die JG nicht schweigen.

Antje Hellmann

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