Armes reiches Land

15. Dezember 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Gesellschaft: Arme Menschen brauchen keine Almosen, sondern strukturelle Änderungen

Armut ist eines der brennendsten Themen. Denn sie hat viele Gesichter, sie trifft Jung und Alt. Ein Überblick aus Sicht der Diakonie.

In den vergangenen Jahren haben wir in der Diakonie ein besonderes Augenmerk auf Kinder- und Altersarmut gelegt. Fast drei Millionen Kinder in Deutschland sind von Armut bedroht. Wir wissen, dass Kinderarmut schwerwiegende Folgen hat: Arme Kinder haben weniger Chancen auf gute Bildung und einen qualifizierten Berufsabschluss. Sie sind oftmals in ihrer körperlichen und gesundheitlichen Entwicklung eingeschränkt und von der sozio-kulturellen Teilhabe teilweise oder gänzlich ausgeschlossen. Aber das kann sich keine Gesellschaft leisten, zumal eine, die ein demografisches Problem hat! Vielmehr muss uns jedes einzelne Kind wichtig sein und unterstützt werden, damit es beim Heranwachsen seinen Platz im Leben findet. Einen kleinen, aber segensreichen Beitrag mit dieser Grundbotschaft leisten wir gemeinsam mit vielen Spendern mit der Aktion »Kindern Urlaub schenken«. Aber im größeren Rahmen ist eine nachhaltige Familienpolitik, insbesondere für Familien in schwierigen Lebensphasen oder in sozial belasteten Situationen, wichtig. Vor allem muss es um Vermeidung von Armut gehen. Alleinerziehende, kinderreiche Familien sowie Familien mit Migrationshintergrund sind seit Jahren überdurchschnittlich von Armut bedroht oder betroffen. Das muss sich endlich ändern! Ein wichtiges Thema ist dabei die Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit Blick auf bedarfsgerechte und verlässliche Betreuungsstrukturen. Nötig sind auch eine familienfreundliche Wohnungspolitik und ein Umdenken in der Gesellschaft. Der Lärm spielender Kinder in der Nachbarschaft ist nicht störend, sondern ein Hoffnungszeichen für die Zukunft!

Foto: Halfpoint – Fotolia.com

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Dazu ist in den letzten Jahren das Thema Altersarmut gekommen. Seit Beginn der 1990er Jahre hat sich in Mitteldeutschland die Zahl der Erwerbstätigen halbiert. An die Stelle der alten Großbetriebe sind keine neuen getreten. Manche Regionen sind bis heute strukturschwach geblieben. Einerseits sind in dieser Zeit viele junge Familien abgewandert. Andererseits haben vor allem damalige Mittvierziger keine neuen Festanstellungen gefunden und sind von einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme in die nächste gerutscht. Diese Altersgruppe kommt jetzt in das Rentenalter und erlebt, dass sie mit den erworbenen Rentenanwartschaften von Armut bedroht ist.

Was jetzt noch dazukommt: Menschen werden arm, obwohl sie erwerbstätig sind! In Deutschland wächst der Niedriglohnsektor stärker als in jedem anderen europäischen Land. Über vier Millionen Menschen verdienen weniger als 7 Euro die Stunde, etwa 1,4 Mil­lionen Menschen gar unter 5 Euro. Etwa 350 000 Vollzeitbeschäftigte verdienen so wenig, dass sie noch Hartz-IV-Leistungen benötigen, um ihr Existenzminimum zu sichern.

Es braucht wenig Fantasie um zu begreifen, was dies für ein Nährboden für Armut ist, die sich dann im Alter noch dramatischer auswirken wird. Um hier grundsätzlich etwas zu ändern, sind staatliches Handeln und Solidarität nötig. Deutschland ist ein reiches Land. Aber der gesellschaftliche Reichtum ist ungleich verteilt. Die Schere zwischen arm und reich hat sich in den letzten Jahren stetig vergrößert. Immer mehr Menschen sind in den Jahren in prekäre Lebensverhältnisse geraten, und wenige Menschen verfügen über immer mehr finanziellen Reichtum, der sich auch in der Krise noch vermehrte.

Ich denke, die Bereitschaft zur Solidarität auch gerade derer, die in finanziellem Wohlstand leben, wird politisch unterschätzt. Einen gesellschaftlichen Ausgleich kann und muss der Staat aktiv gestalten und auch über mehr Einnahmen durch Steuererhöhungen nachdenken. Aber wir brauchen auch den Ausbau von Bildungs-, Beschäftigungs- und Beratungsangeboten. Für die Diakonie Mitteldeutschland gehört ebenfalls der Ausbau eines öffentlich geförderten Arbeitsmarktes für langzeitarbeitslose Menschen zur Prävention gegen Altersarmut.

Artur Schopenhauer sagte: »Armut im Alter ist ein großes Unglück. Ist diese gebannt und die Gesundheit geblieben, so kann das Alter ein sehr erträglicher Teil des Lebens sein.«

Eberhard Grüneberg

Der Autor ist Vorstandsvorsitzender der Diakonie Mitteldeutschland.

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