Arme – mitten unter uns?

16. Dezember 2014 von redaktionguh  
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Kirche und Armut: In einer immer tiefer gespaltenen Gesellschaft bedarf es mehr Sensibilität und anderer Strukturen – auch in den Kirchen

Jeder kennt die bettelnde Frau in der Innenstadt, den Mann, der die Mülleimer durchwühlt. Doch es gibt auch eine Armut, die kaum jemand wahrnimmt und die einsam macht. Wie Friedrich W. es erlebt hat.

Für Jesus war es klar – am Ende zählt nur eins: »Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan« (Matthäus 25,40). Deshalb zieht sich das Engagement für Arme durch die Geschichte des Christentums, durch die Geschichte der Kirchen. Sicher in manchen Zeiten stärker, in anderen schwächer ausgeprägt. Bis heute gilt: Man tut etwas »für« die Armen.

Doch genau hier liegt schon der erste Knackpunkt. »Feiern bei Ihnen in der Gemeinde die Alkoholkranken und Obdachlosen mit Ihnen das Abendmahl? Sitzen im Gottesdienst regelmäßig auch nicht so gut riechende Menschen mit abgetragener, schmutziger Kleidung neben Ihnen?«, fragt Friedrich W.* Das sei doch das Problem, dass wir zwar gern etwas »für« die Armen tun, sie aber eigentlich in den Kirchengemeinden nicht wirklich vorkommen. Sie tauchen höchstens in den Beratungsstellen der Diakonie auf, in den Wärmestuben der Stadtmission, vor der Essensausgabe der Tafel. Und dort sind die Fronten klar. Hier die Starken, Helfenden, da die Schwachen, Armen.

Friedrich W. weiß, wovon er redet. Der einst selbstständige Computerspezialist aus einer mitteldeutschen Großstadt hat es im eigenen Leben erfahren, was es bedeutet, wenn Armut von einer statistischen Größe zu einer persönlichen Erfahrung wird. Damals, als er plötzlich ohne Frau, aber mit sechs Kindern allein dastand. Als ein großer Auftraggeber abgewickelt wurde und er die offenen Rechnungen für monatelange Arbeit in den Wind schreiben konnte. Als in der Wohnung nur noch Möbel vom Sperrmüll standen und im Schrank abgetragene Kleidung hing. Als die demütigenden Wege zu und die »Bevormundung« durch die Sozialbehörden begannen.

»Da habe ich begriffen, wie tief gespalten unser Land ist«, sagt W. Damals kaufte er sich mit Unterstützung des Sozialamtes einen guten Anzug. Damit er als Freiberufler bei den Kunden ordentlich auftreten konnte. Denn auch das lernte W.: »Maskenball – das Äußere zählt!« Mitspielen ist angesagt im Kampf gegen den totalen Abstieg.

Den Anzug hat er wirklich nur bei Kundenbesuchen angezogen. Nicht einmal zum Gottesdienst. In den ging W. sowieso immer seltener. »Es gab Zeiten, da hatte jeder in der siebenköpfigen Familie 40 Pfennige pro Tag zur Verfügung. Wenn dann am Sonntag der Kollektenteller kam, dann war es mir einfach nur peinlich.«

Erich Fromm, deutsch-amerikanischer Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe, beschrieb in seinem Buch »Die Kunst des Liebens« genau diesen Aspekt: »In der Sphäre der materiellen Dinge ist Geben Reichtum. Nicht der, der hat, ist reich, sondern der, der viel gibt.« »Armut«, fährt er fort, sei nicht nur wegen des unmittelbaren Leides so erniedrigend, sondern weil sie »den Armen der Freude des Gebens beraubt«.

Mittelstand unter sich: Wo finden sich die Armen in der Kirche, wo ist man sensibel für die versteckte, verschämte Armut? Foto: epd-bild

Mittelstand unter sich: Wo finden sich die Armen in der Kirche, wo ist man sensibel für die versteckte, verschämte Armut? Foto: epd-bild

Es ist frustrierend, in der Vorweihnachtszeit beim Bummel mit Kollegen über den Weihnachtmarkt nicht auch mal eine Runde Glühwein ausgeben zu können. Deshalb geht man lieber gar nicht mehr mit. Es schmerzt, wenn andere nach dem Gottesdienst vom Urlaub erzählen, den man sich selbst schon seit Jahren nicht mehr leisten konnte. Deshalb hält man sich lieber von den Gesprächen fern. Es ist demütigend für Kinder, die Einladung zum gemeinsamen Kinobesuch ausschlagen zu müssen, weil einfach kein Geld dafür vorhanden ist. Ja, Armut schmerzt. Und macht einsam.

Friedrich W. erinnert sich noch wie heute an ein Gemeindefest. Früher, vor der Wende, waren Kaffee und Kuchen hier immer kostenlos. Doch plötzlich wurde dafür kassiert. Leise schob er den Teller mit dem Kuchen und die Tasse mit dem Kaffee wieder zurück … Armut macht einsam. Und das Schlimmste sei, dass es in der Kirche kaum Strukturen gebe, die dem entgegenwirken, sagt er.

Da führen Konfirmandenfreizeiten in andere Länder. Doch was macht die alleinerziehende Mutter, deren Lohn nur durch Aufstockung vom Amt überhaupt zum Leben reicht? Natürlich kann jederzeit ein Antrag auf Beihilfe oder Kostenübernahme gestellt werden. Doch wer bedenkt, was es für Betroffene bedeutet, sich als »arm« und »bedürftig« zu outen?

Friedrich W. hat es geschafft. Durch Glück und Fleiß. Irgendwann Ende der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts machte er eine kleine Erbschaft. Irgendwann kamen wieder Aufträge. Bis zum Ruhestand konnte er noch einmal »richtig gut Geld verdienen«. »Jetzt gehöre ich wieder zur anderen Seite«, sagt W. Doch damit will er sich nicht abfinden. Es muss sich etwas ändern. Im Staat, in der Gesellschaft, in der Kirche.

Eine Sache hat er bereits geändert. In seiner Kirchengemeinde wird bei Festen kein Kaffee und Kuchen mehr verkauft. Nur eine Spendenbüchse steht auf dem Tisch. Mit dem Ergebnis, dass am Ende jedes Mal mehr Geld in der Kasse ist als beim früheren Verkauf. »Es rechnet sich sogar«, freut sich Friedrich W.

Harald Krille

* Name geändert

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